Bangkok

An einem Ort leben, nicht reisen

Wie gesagt, wir wollten die Winter nicht länger in Europa verbringen, zu kalt und trocken ist es hier. Schon früher hatten wir die Idee, in 12 Städten je einen Monat zu leben. Wohl verstanden: zu wohnen und leben! Es ging uns nicht in erster Linie um Reisen, sondern darum, in fremden Umgebungen und Gesellschaften zu leben. Die allgemeine Richtung war klar. Es sollte Asien sein. So trugen uns unsere Pläne im Oktober 2016 zunächst nach Bangkok, die erste Stadt, in welcher wir einen Monat wohnen wollten. „Wohnen“ heisst, auch mal einfach zuhause auf dem Sofa herum lümmeln, im 7/11 um die Ecke einzukaufen, zuhause kochen und essen, etc. Jedenfalls wollten wir nicht jeden Tag Touristenattraktionen nachrennen, sondern lieber mit den Einheimischen durch die Strassen ziehen. In Städten laufen wir immer viel. Dabei kommen wir locker auf die empfohlenen 10’000 Schritte pro Tag.

Strassenleben und Verkehr

Bangkok ist eine faszinierende Stadt, sehr geschäftig, sehr lebendig und sehr hybrid. Westliche und östliche Kulturelemente vermischen sich, Tradition und Moderne geben sich die Hand. Es gibt schöne grosse Shopping Malls, also Einkaufszentren, fast an jeder Ecke. Alle grossen Modegeschäfte sind vertreten, dieselben wie auch in Zürich, New York oder Tokyo. Auf den Strassen sind viele Menschen, die Waren herumschleppen oder buddhistische Mönche, die in ihren orange-roten Kutten im Gedränge auffallen.

Eine wichtige Tätigkeit in Bangkok ist auch, in eine Massage zu gehen. Vor allem nach einem längeren Fussmarsch durch die Stadt, ist eine Fussmassage die reinste Wohltat.

Auf der Strasse hat es viele Autos, Busse, Motorfahrräder und auch Tuktuks, also Motor-Rischkas. Das sind meist Piaggio-Nutzfahrzeuge, wie man sie auch häufig in Italien sieht. Nur haben die sogenannten Ape eine Ladefläche, während diejenigen in Bangkok hinten zwei Mitfahrersitze haben. Die Tuktuks dienen hier als Taxi. Daneben gibt es natürlich auch die Sharing Economy Taxis, im asiatischen Raum hauptsächlich „Grab“. Uber ist schon lange nicht mehr verbreitet. Am 27.3.2018 schrieb RP Online:

Der Fahrdienst-Vermittler Uber überlässt sein Geschäft in dem riesigen südostasiatischen Markt dem dortigen Konkurrenten Grab. Die beiden bisherigen Rivalen vereinbarten die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens, an dem Uber lediglich einen Anteil von 27,5 Prozent halten wird. Die Mehrheit gehört dann Grab.

Die Strassen sind sehr verkehsreich. Manchmal gibt es Verkehrspolizisten, die mit weitausholenden Gesten die Autos zur Eile antreiben.

Will man eine Strasse überqueren, wo keine Ampel ist, dann muss man ein wenig aufpassen, denn die Autos reklamieren den Vortritt für sich. Niemals würde einem Thailänder einfallen, bei einem Fussgängerstreifen den Passanten Vortritt zu gewähren.
Bezüglich „Transport“ müssen auch die modernen U-Bahn-Linien erwähnt werden. Zum Teil sind es Hochbahnen, die auf Brücken über den grossen Strassenzügen fahren, zum Teil fahren sie unterirdisch, wie es sich für U-Bahnen gehört. Ich bin immer beeindruckt, wie toll diese U-Bahnen in Asien funktionieren. Teilweise sind sie schon fahrerlos. Die Ansagen sind stets sehr deutlich und meist sowohl in Englisch als auch in der einheimischen Sprache. Diese Ansagen liebe ich und könnte sie immer wieder hören. Vor allem die Haltestellen „Nana“ und „Lumphini“ haben es mir angetan. Das klingt für schweizerdeutsche Ohren sehr lustig.

Wohnen

Wir wohnten im zentralen Silom-Quartier, in einer AirBnB-Wohnung eines Apartmenthauses an der Soi Naradhiwas Rajanagarindra. Von der Strasse her passiert man zuerst ein Tor, an dem ein Wachhäuschen ist, vor dem ein uniformierter Sicherheitsmann steht und salutiert, wenn man das Hausgelände betritt. In Asien gibt es fast für jedes Mehrfamilien- und Geschäftshaus Sicherheitsleute. Oft haben sie nichts zu tun und ich frage mich, wozu sie gut sind. Man muss sich nicht ausweisen und sie fragen nicht danach, wohin man will.

In den Apartmenthäusern gibt es in einem mittleren Stockwerk meist einen Swimming Pool. Dieser steht den Hausbewohnern zu freien Verfügung. Wir gingen meist in der Früh ein paar Längen schwimmen. Rund um den Pool standen die Wohnungstürme des Apartmentkomplexes. Der Pool war eingefasst von tropischen Pflanzen. Die Duschen waren unter Bananenbäumen installiert. Die Anlage wurde fast rund um die Uhr von ein paar Frauen unterhalten. Eine hatte einen Vogel im wahrsten Sinne des Wortes. Er sass ihr meist auf der Schulter und liess sich von ihren Bewegungen nicht beirren.

Fresh Markets

Uns interessieren vor allem die Märkte und die Streetfood Angebote. Einmal lief ich Richtung Hafen. Die Häfen der Grossstädte sind für mich wie Magnete. Ich finde sie wesentlich attraktiver als irgendwelche Tempelanlagen. Während ich einen Zugang zum Hafen suchte, fand ich mich plötzlich auf einem riesigen Freshmarket wieder. Es muss als Umschlagplatz zwischen Hafen und den kleineren Märkten dienen, die überall in der Stadt verteilt sind. Auf diesem Markt – wahrscheinlich war es der Khlong Toei Markt – gab es einfach alles: farbenprächtige Blumen, Früchte und Gemüse, Fleisch von jedem Körperteil…. bekannte und unbekannte Fische und anderes Meeresgetier sowie Insekten aller Art.

Ich erinnere mich, wie die Verkäuferin mir irgendwelche gebratenen Kakerlaken angeboten hat, mit einem Grinsen, wohl wissend, dass ich mich davor ekle. Die meisten Angebote liegen auf einem Tuch am Boden. Die Verkäuferinnen – es sind meist Frauen – sitzen im Schneidersitz oder knieen hinter ihrer Ware. Klar, bei diesem warm-feuchten Klima ist Arthrose entsprechend selten! Interessant ist auch, wie sauber die Auslagen sind, trotz Hitze und herumliegendem Unrat. Vor allem Fleisch und Fisch sind sehr appetitlich ausgestellt. Fliegen hat es wenige und werden weg gescheucht, manchmal mit einer Feder, die an einem kleinen Elektromotor befestigt ist.

Restaurants und Bars

In der Strasse, wo wir wohnten, befindet sich ein sogenannter Food Court. Das ist ein Sammelsurium von Ständen, die fertige Essen anbieten. Die Stände sind rund um einen Tischpool angeordnet. Diese Tische, manchmal lange Holztische, wie wir sie von Dorffesten her kennen, gehören zu allen Essständen. Man kann sich hinsetzen, wo man will. Manchmal gibt es noch einen separaten Getränkeanbieter, der dann die Tische bedient.
Gleich gegenüber unseres Apartmentkomplexes befindet sich auch ein 7/11 (für 7 Tage pro Woche je 11 Stunden geöffnet). Dort kauften wir Trinkwasser in 10 Litergefässen und Bier ein. Attraktiv finden wir auch stets Rooftop-Bars. Von unserem Balkon aus konnten wir die AkaAza Bar im 25. Stock sehen. 

In der Mitte des Bildes ist unser Apartment-Komplex zu sehen: Vier kleine Wohnhäuser, die zu einem Rechteck angeordnet sind. Darin, hier nicht sichtbar, der Pool.

Einmal, als gerade ein Blutmond angesagt war, besuchten wir sie. Der Ausblick war natürlich hammermässig! Wir konnten unsere Wohnung sehen. Der Mond enttäuschte mich allerdings, obwohl wir ja viel näher daran waren, als auf der Strasse unten. Ich hatte ihn mir aus den vorhereilenden Beschreibungen grösser vorgestellt.
Bekannt sind in Bangkok die Rooftop Bars auf dem Banyan Tree Gebäude und die Vertigo Bar (sind die beiden identisch?).

Street Food

Ganz in unserer Nähe befanden sich zwei Street Food Places, die wir liebten und oft frequentierten. Das eine ist an der Silom Road vor einer Bank, ev. die Government Saving Bank oder die Kasikorn Thai Bank. Es gibt dort gleich vier oder fünf Banken nebeneinander. Die Tische wurden nach Bankenschliessung vor deren Eingang gestellt. Sogar vor dem ATM stand ein Tischchen. Die Gäste musste dann halt aufstehen, wenn jemand an den ATM wollte. Die „Küche“ bestand aus einem Wagen, der mit allem, was es brauchte, eingerichtet war. Die Frau (mit hängender Unterlippe) hat vermutlich während des ganzen Tages Gewürze und Gemüse klein geschnitten und alles fein säuberlich in flache Gefässe gefüllt, die sie in einem Regal im Wagen verstaute. Sie wusste genau, wo was ist. Wenn sie beim Kochen etwas brauchte, griff sie blind zum richtigen Gefäss. Das Essen – meist gibt es in Bangkok thailandische Curries – war dort ausgezeichnet. Oft genehmigte ich mir zum Dessert noch ein Glas Rotwein, wahrscheinlich ein australischer Cabernet Sauvignon, für den ich etwa 3 Euro pro Glas bezahlte.

Das andere Lokal ist das Mama Mia, das wir liebten, wegen der unterhaltsamen Szenen, die sich uns da boten. Die Mama war eine etwas feste thailändische Lady, die oft auf einem Hochsitz sass und alles überwachte. Wenn etwas nicht nach ihrer Vorstellung verlief, rief sie lauthals Instruktionen über die Strasse, auf deren beider Seiten sie ihre Tische hingestellt hatte, wie es der Zulauf der Kunden eben gerade erforderte. Unter ihren Angestellten war auch ihr Sohn Mike. Das nasal ausgesprochene „Mike!“ klingt uns noch immer in den Ohren und wir äffen sie gerne nach, wo immer wir uns befinden. Eines Tages war sie nicht da und wir wir machten uns schon etwas Sorgen um sie. Was dann geschah, war filmreif: Plötzlich bog eine weisse Limousine mit getönten Fenstern langsam von der Hauptstrasse in das Gässchen ein, in welchem sich ihre Küche bafand und hielt davor an. Wir dachten schon, dass sich ein Mitglied des thailändischen Könighauses persönlich die Ehre gab. Die Türe öffnete sich langsam, zuerst berührte ein Damenfuss die Strasse, dann kam der andere nach. Schliesslich pellte sich Mama höchstpersönlich aus dem Wagen, schrie als erstes nach „Mike!“ und begann, die Einkäufe zu entladen, die sie mit der Limousine auf dem Fresh Market erstanden hatte.

Nach einem Monat verliessen wir Bangkok schweren Herzens Richtung Malaysia, aber nicht, ohne uns fest vorgenommen zu haben, wiederzukommen!

Ab in den Süden!

Nachdem ich meinen Blog auf Steemit verlagert und dort einige Artikel über systemische Modellierung publiziert habe, lies ich das Bloggen ein paar Monate ruhen. Nun möchte ich das Schreiben wieder aufnehmen, allerdings nicht mehr über Komplexität in Wirtschaft und Gesellschaft, sondern über meinen Alltag. Es soll also so etwas, wie ein Tagebuch werden, in dem aber durchaus Themen wie Komplexität, Technologie, Gesellschaften, Fotografie, etc. nach wie vor Platz haben werden.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Es ist jetzt fast auf den Tag genau schon drei Jahre her, dass ich keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen muss und ein bedingungsloses Grundeinkommen – sprich: Rente – erhalte. Zwar weist man mich darauf hin, dass eine Rente nicht bedingungslos sei, denn ich hätte ja vorher jahrzehntelang einzahlen müssen. Gewiss, jedes Grundeinkommen muss irgendwie finanziert werden. Der Zusatz „bedingungslos“ adressiert denn auch nicht den Ursprung der Rente, sondern die Tatsache, dass ich niemandem Rechenschaft darüber ablegen muss, was ich treibe. Ich brauche keine Leistung nachzuweisen, sondern erhalte das Geld völlig bedingungslos.

Italien, wir kommen!

Im Juni 2016 lösten wir unsere Wohnung in der Schweiz auf. Ich musste mich schweren Herzens von meinen fast 2000 geliebten Büchern trennen. Den Rest, vor allem Möbel, verstauten wir in einem gemieteten Lagerraum. Am 10. Juli 2016 fuhren wir dann Richtung Süden. In Bern machten wir den ersten Zwischenhalt, um am Mattenfest teilzunehmen, an dem sich über 6000 Menschen vergnügten und das meine Tochter Fabienne organisiert hatte. Anderntags ging’s dann weiter in’s ligurische Diano Marina, wo wir inmitten von Oliven ein kleines Häusschen haben. Die ligurischen Tacciasca-Oliven sind weltbekannt. Das hiesige Olivenöl erhalte ich sogar im Foodcity in Sri Lanka.

Ein Haus gibt immer viel zu tun. Ich könnte von früh bis spät irgend etwas bauen, basteln, reparieren, gärtnern, etc. Aber es gibt ja noch viel anderes zu tun! Insbesondere freute ich mich darauf, allen den Fragen nachgehen zu können, die sich mir in den 35 Jahren meiner Berufsausübung gestellt haben, aber die ich nie beantworten konnte, weil ja der Kunde rief. Das fing schon im Studium an. Da gab es viele Dinge, die ich nur der Spur nach verstand. Jetzt könnte ich dann diese Verständnislücken auffüllen, so stellte ich es mir vor. Jedenfalls brauchte ich nicht zu fürchten, dass es mir langweilig werden wird. Und falls doch: ich müsste ja gelegentlich noch Italienisch lernen. Was für eine Horrorvorstellung! Ich quälte mich schon immer mit Sprachen ab. Eine der oben erwähnten Fragen, die zu beantworten ich nie Zeit gefunden habe, ist: wie schafft man es, die Bedeutung von ein paar Tausend fremdsprachiger Wörter auswendig zu lernen? Ich benötige für jedes Wort eine Eselsbrücke. Um Italienisch von Grund auf zu lernen, muss ich jetzt also ein paar Tausend Eselsbrücken bauen. Schon nur die Vorstellung macht mich unsäglich müde!

Alles wird mediterran gestrichen!

Italien ist das Asien Europas

Zunächst ist Italien eine kollektivistische Gesellschaft, wie die asiatischen, auch wenn es Hofstede nicht wahrhaben will. Er sollte mal an einem Sonntag Mittag in ein typisch italienisches Restaurant gehen! Da kommen so ab 13 Uhr ganze Familiensippen mit Onkeln und Tanten und bleiben bis fast um 18 Uhr beim „Mittagessen“ sitzen. Kollektivismus bedeutet Soziales Kapital und spart Soziale Kosten, wie Robert Putnam am Beispiel der norditalienischen Gesellschaft gezeigt hat. Aber Kollektivismus fördert auch mauscheln, also das nicht ganz transparente Aushandeln von Vorteilen und begünstigende Vereinbarungen treffen. Hier in Italien läuft vieles ähnlich ab wie in Asien. Für uns ist es immer unterhaltend, diese Parallelen zu beobachten.

Oggi no!

Mit einem Haus hat man viel mit Handwerkern und Dienstleistern zu tun. Viele nehmen das Honorar gleich in bar. Häufig machen sie die Arbeit ausgezeichnet, bis kurz vor der Vollendung. Die letzten paar Prozent lassen sie dann einfach liegen. Z.B. kann es sein, dass Sie ein Haus bauen und am Schluss stolz die Schlüssel entgegennehmen. Alles ist perfetto, aber die Abdeckhauben der Steckdosen fehlen. Da können Sie dann bitten, betteln, lachen oder verhandeln, Sie bringen keinen Handwerker mehr dazu, diesen letzten kleinen Rest zu vollenden. Oder es greift die „oggi no“ Mentalität: Ein Handwerker versichert Ihnen, noch heute vorbei zu kommen und sich die Sache anzuschauen. Natürlich kommt er erst morgen und lässt sich dann wochenlang nicht mehr sehen. Wenn Sie ihn anrufen, dann sagt er Ihnen, dass er sich gar nicht mehr so genau erinnere und daher vorbei kommen werde, um sich die Sache anzusehen. Wenn er dann da ist, erinnert er sich wieder, versichert Ihnen, in den nächsten Tagen zu kommen und ist nach paar Minuten wieder weg. Das kann dann gut und gerne drei- oder viermal so gehen.

Kundenorientierung

Hier in Italien, wie auch im asiatischen Raum, nicht gross geschrieben. Z.B. gibt es hier im Dorf einen Fotografen, der auch mit Drohnen handelt. Zumindest hat er etwa 10 verschiedene Modelle ausgestellt. Ich wollte schon lange eine Drohne kaufen und hätte gerne diesen lokalen Händler berücksichtigt. Aber erstens ist er ganz selten im Geschäft und seine Frau, die den Laden hütet, ist nicht in der Lage, auch nur eine Preisauskunft zu erteilen. Sie bietet auch nicht an, ihren Mann danach zu fragen und die Auskunft am nächsten Tag bereitzuhalten. Als ich den Mann im Laden einmal antraf und nach dem Preis für ein DJI-Modell fragte, öffnete er umständlich die DJI-Webpage und nannte mir die „unverbindliche Preisempfehlung“ des Herstellers.

Ein andermal wollten wir in einer Apotheke 500 Gramm Zitronensäure kaufen. Der Apotheker sagte, er hätte bloss 150 Gramm Portionen. Also verlangten wir 3 Packungen. Er verschwand hinter den Regalen und kam nach einer gefühlten Viertelstunde mit drei offenen Papiertütchen hervor, die er zuvor aus einem grossen Behälter abgefüllt hat. Die drei Tütchen verklebte er dann gemächlich und umständlich mit gewöhnlichem Klebband. Dafür brauchte er bestimmt noch einmal paar Minuten, zwei oder gar drei pro Tütchen bestimmt. Natürlich lässt sich Zitronensäure im maritimen Klima nicht in Papiertüten lagern, zumal die Substanz hygroskopisch ist. Also füllten wir sie wieder in ein festes und gut verschliessbares Behältnis.

Jede Menge Aprikosen zum Einkochen (mit Zitronensäure)

Nur mit der Ruhe!

Das Gemächliche zieht sich durch alle Geschäftsbereiche. Gehen Sie einmal auf die Post und geben einen eingeschriebenen Brief auf. Wenn Sie z.B. „registrata“ auf dem Umschlag schreiben, fragt er, was das sei. Sie erklären es und fragen, wie das korrekte Wort laute. Er bestätigt, dass es „registrata“ heisse und sucht umständlich nach einem Block mit Etiketten. Darauf schreibt er ganz gemütlich die Empfänger- und Absenderadressen, derweil er mit der Schalterkollegin von nebenan wichtige Dinge bespricht. Zumindest muss ich das aus seiner Mimik schliessen.

Bürokratie, eine italienische Erfindung?

Interessant ist auch das Gesundheitswesen. Kürzlich war ich in einer blitzblanken top modernen Dantalklinik mit einem jungen Team an Zahnärzten. Ich wollte eine ausgewaschene Füllung reparieren lassen. Dasselbe machte ich letztes Jahr in Singapore, wo es in einer Shopping Mall eine Zahnarztpraxis gab. Das ganze dauerte eine Viertelstunde, inklusive Administration. Hier in Italien ging das so: zunächst müsse ich einen Termin haben, damit ein Zahnarzt das Problem begutachte und einen Kostenvoranschlag machen könne. Dann erhalte ich einen neuen Termin, an dem das Loch wieder aufgefüllt werden kann. Ich erklärte, das sei eine so kleine Sache, dass bestimmt beides gleichzeitig gehe. Das hat die gesamte Praxis zunächst einmal leicht erschüttert. Plötzlich konnte ich gleich zu einem Zahnarzt gehen, der sich die Sache anschaute und mich gleich zu Giuseppe begleitete. Giuseppe ist der Direttore der Praxis und füllte ein paar Papiere aus, unterbrochen von einem ca. 10 minütigen Telefon. Schliesslich musste ich zwei Unterschriften leisten und 110 Euro bezahlen. Dann konnte ich wieder zum Zahnarzt gehen, der das Loch begutachtet hat. Ich konnte mich wieder hinlegen und er legte mir, wie üblich, eine Papierserviette auf die Brust. In dieser Stellung liess er mich noch einmal ein Papier unterschreiben. Erst dann machte er sich an die Arbeit. Dabei füllte er nicht nur die herausgefallene Füllung nach, sondern nahm noch gleich ein paar kosmetische Änderungen am Zahn vor. Als er fertig war, musste ich beim Empfang nochmals etwas unterschreiben und zwei Euro Stempelgebühren bezahlen. Allerdings konnten sie mir meinen 10 Euroschein nicht wechseln. Also musste ich nebenan in ein Café gehen und einen Cappuccino trinken, um aus dem Geldschein Kleingeld zu machen.

Ein typisches Hinterlandrestaurant

Bella Italia

Aber Italien ist nach wie vor „Bella Italia“ mit blauem Meer, rustikalen Dörfern und leckerem Essen. Viele Lokale im Hinterland sind – auch typisch italienisch – schrecklich kitschig eingerichtet, mit blanken Neonröhren an der Diele und unvorteilhafter Tischordnung. Aber das Essen kann dennoch kulinarische Höhepunkte erreichen. Oftmals werden Sie beim Betreten des Lokals bloss mit einem knappen „rosso o bianco?“ begrüsst. Damit werden Sie nicht gefragt, ob Sie Katchup oder Mayo wollen, sondern ob sie Rot- oder Weisswein bevorzugen. Alles andere können Sie nicht beeinflussen. Manchmal kommen 10 oder 20 Gänge mit kleinen leckeren Antipasti, wie z.B. eingebackene gefüllte Zucchiniblüten.

Eine Osteria in Imperia

Eines war uns in diesem Sommer 2016 aber klargeworden: wir wollten auf keinen Fall wieder Winter in Europa erleben. Für alte Knochen ist die schreckliche Kälte, die gewöhnlich im winterlichen Europa herrscht, Gift!

Die zehn Systemarchetypen

In den letzten drei Monaten habe ich auf Steemit in zehn Artikeln die zehn Systemarchetypen beschrieben und erklärt. Hier die Links zu den Artikeln:

Verzögerungen sind systemisch!

Aus einem CLD simulationsfähige Stock-Flow Modelle entwickeln

In drei Artikeln habe ich die Entwicklung eines simulierbaren Stock-Flow-Modells aus einem einfachen Causal Loop Diagram beschrieben. Das Diagramm behauptet einen aufschaukelnden Zusammenhang zwischen Hühner und Eiern.

Wie kann man aus Wirkungsnetzwerken simulationsfaehige stock-flow Modelle bauen?

Verbessertes System Dynamics Modell einer Hühnerfarm

Im letzten Schritt habe ich noch ökonomische Parameter hizugefügt. „Endgültig“ heisst jedoch nicht, dass dies der Weisheit letzter Schluss wäre, sondern dass ich denke, der Leser sei nun in der Lage, um selber weiter zu entwickeln.

Endgültiges Hühnerfarm Modell in als Beispiel für System Dynamics

 

Wegen aktueller Digitalisierungsentwicklungen: Fortsetzung dieses Blogs auf anderem Medium

In den letzten zehn Jahren, seit ich meinen Blog begonnen habe, hat sich im Web viel getan. Selbstlernende Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Blockchains, semantische Netzwerke, etc., alles in der Praxis zwar noch Neuland, aber heftig an die Türe pochend und Einlass begehrend. Man kann von diesen Neuerungen halten, was man will, es ist aber klar, dass die eine oder andere Fluktuation, wie ich solche disruptiven Techniken hier genannt habe, durchdringen und dem Netz eine völlig neue Struktur aufzwingen wird. Das wird auch spürbare Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft haben, so wie bereits das Web 1.0 und das Web 2.0 ihre Auswirkungen zeigten.

Was kommt?

Niemand kann die Auswirkungen dieser Veränderungen im Voraus beurteilen. Ich denke, dass sie auch nicht mit „gut“ oder „schlecht“ qualifiziert werden können. Gerne vergleiche ich die Digitalisierung mit der Mobilisierung, die ca. 100 Jahre voraus ist, d.h. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Entwicklung der Eisenbahn und des Automobils begann. Damals gab es Leute, die vor der Entwicklung warnten, während sich andere unbeirrt für die Einführung der neuen Technologien engagierten. Im Rückblick können wir nicht sagen, ob es gut oder schlecht war. Je nach Blickwinkel gibt es segensreiche Aspekte, aber auch problembehaftete. Das (gesellschaftliche und wirtschaftliche) Leben ohne die modernen Verkehrsmittel wäre jedoch nicht mehr denkbar.

Ich stelle mir vor, dass es auch mit der Digitalisierung so sein wird. Selbstlernende Roboter mit künstlicher Intelligenz – was immer man sich darunter vorstellen muss – und ein „alleswissendes“ peer-to-peer-Netz sind als Emergenzen in der nächsten Zukunft möglich. Wenn sie passieren, dann werden sie so selbstverständlich, wie heute der Strassenverkehr mit seinen Staus. Emergenzen können nicht verhindert werden. Wie auch? Es reicht nicht, dass sich ein paar Leute, z.B. die führenden Politiker der „führenden“ Nationen, die Köpfe zusammenstecken und etwas beschliessen. Die Entwicklung, die sie zu verhindern versuchen, findet dennoch statt, wenn sie emergent ist.

Neue Medien als Blogträger

In diesem Sinne werde ich meine Blogartikel vermehrt auf ein blockchainbasiertes Medium stellen. Im Moment experimentiere ich mit der Steem-Blockchain. Sie basiert auf dem Delegated Proof of Stake, das nicht so energieaufwändig ist, wie die Bitcoin-Blockchain. Auf der Steem-Blockchain setzen verschiedene Frontends auf, allen voran die Steemit-Oberfläche. Dort gibt es schon über eine halbe Million User (darunter eine starke deutschsprachige Community). Sie wählen sogenannte „Witnesses“, die dann die Blöcke bereitstellen.

Im Moment experimentiere ich mit meinem steemit.com Account, den Sie auch von ausserhalb einsehen können. Das Steemit-Medium ist recht verzweig und bietet viele Möglichkeiten. Es ist ein wenig mit Reddit vergleichbar, das jedem User einen Blog bereitsstellt. In meinem Steemit-Blog werde ich also die Fortsetzung dieses Blogs schreiben, ev. frühere Blog-Artikel dorthin übertragen, aber auch immer wieder Fotos und Beschreibungen meiner Reisen posten. Dadurch wird mein Blog sehr vielseitig. Ich überlegte mir, ob ich zwei verschiedene Steemit-User konfigurieren soll, einen für die „gescheiten“ Artikel über Komplexität, ein anderer für die Reiseberichte und Bilder. Aber beides gehört gleichwertig zu meinem Leben, und ich habe mich entschlossen, nur einen Blog zu führen, der dann halt „100 Gramm Gemischtes“ aufweisen wird. Aber auch diese Entwicklung ist „under construction“ und kann sich noch ändern.

Der Fortsetzungsartikel zu diesem Komplexitätsblog System Dynamics – das Werkzeug der Systemdenker ist eine step-by-step-Anleitung zum Bau eines System Dynamics Modells. Er kann auf Steemit gefunden werden. Folgen Sie einfach dem Link. Wer sich sich bei Steemit probehalber anmeldet, möge den Artikel doch „upvoten“, wie man für „liken“ dort sagt.

 

Wie nützlich sind Wirkungsnetzwerke im systemischen Kontext?

In der System Dynamics Community wird schon lange die Nützlichkeit von Causal Loop Diagrams (CLD) – zu Deutsch etwa „Wirkungsnetzwerke“ – diskutiert. Hier fragt Tom Fiddaman Are causal loop diagrams useful?  Dabei geht es nicht darum, die Methode der Causal Loop Diagrams anzuzweifeln, sondern darum, gleich einen Schritt weiterzugehen und von Anfang an Stock-Flow-Modelle zu bauen. Dagegen spricht jedoch, dass Stock-Flow-Modelle ungleich schwieriger und aufwändiger sind als CLD. Diese sind dafür handlich und schnell entwickelt.

Pfeile sind Funktionen!

Gerade das ist der Kritikpunkt. Weil CLD sofort einleuchten – Parameter, die sich beeinflussen, sind mit einem Pfeil verbunden – meint schnell einer, er könne drauflos zeichnen. Das führt dann dazu, dass in der Literatur wirre CLD auftauchen, die die Kritik geradezu herausfordern.

Auf der anderen Seite betrachten auch die Kritker CLD nicht als das, was sie wirklich sind: verkettete reellwertige monotone Funktionen. Den Kritikern – das sind meist die ganz grossen der Szene, wie eben Tom Fiddaman, Kim Warren, George P. Richardson – ist dann jedes Argument recht, wenn es gilt, CLD zu umgehen, um gleich von Anfang an Stock-Flow-Modelle zu entwickeln. Nur: das ist nicht praxisgerecht! Gerade KMU haben kein Budget zur Entwicklung aufwändiger Stock-Flow-Diagramme.

Fiddaman bezieht sich in seinem Artikel auf Problems in Causal Loop Diagrams Revisited von George P. Richardson. Richardson macht dort das Beispiel eines Epidemiemodells, in dem ein Pfeil positiver Polarität „Infection rate –> sick population“ vorkommt. Dazu schreibt er:

[This arrow is false]. The link from the Infection rate to the Sick population has a similar problem:
when the infection rate decreases, the sick population does not decrease (move in the same direction) as the “S” label suggests — it would continue to increase. We know very well the reason for these behaviors: the infection rate always subtracts from the susceptible population and adds to the sick population. The populations are stocks, and the infection rate drains one stock and pours into the other

Richardson ist als Professor of Public Administration and Policy vermutlich kein Mathematiker. Er beachtet deshalb nicht, dass hier der funktionale Zusammenhang nicht von der Zeit abhängt. Zwar nimmt zeitlich die Grösse der infizierten Bevölkerung auf jeden Fall zu, auch wenn die Infektionsrate sinkt, da hat er recht. Aber das ist hier nicht die Frage. Es geht hier nicht um einen funktionalen Zusammenhang mit der Zeit, sondern mit der Infektionsrate. Wenn die Infektionsrate sinkt, sinkt selbstverständlich auch die Grösse der infzierten Bevölkerung.

Ein Pfeil ist meist keine Funktion der Zeit

Um das einzusehen, schauen wir die Welt zunächst durch Richardsons Augen an. Er hat recht, dass die infizierte Bevölkerung ein Bestand ist und die Infektionsrate angibt, wie viel Prozent der „ansteckbaren“ Bevölkerung krank werden. Das hat ungefähr dieselbe Dynamik, wie ein Zinsmodell. Sind i1 < i2 < i3 drei verschiedene Infektionsraten, dann sieht die Dynamik der infizierten Bevölkerung so aus:

In der Tat nimmt jede dieser Funktionen zu, auch wenn die Infektionrate sinkt, z.B. i2 nach i1: die infizierte Bevölkerung wächst auch bei i1. Aber das ist hier gar nicht die Frage!
Der Pfeil „Infection rate –> sick population“ ist eine monoton steigende Funktion der Infektionsrate, die einem Wert der Infektionsrate eine Anzahl infizierte Menschen zuordnet.

Wir müssen also in der obigen Grafik einen bestimmten Zeitpunkt t0 festhalten und schauen, wie sich die infizierte Bevölkerung in Abhängigkeit der Infektionsrate verhält.

 

Wir sehen, dass das eine monoton steigende Funktion ist, d.h. wenn die Infektionsrate von i2 auf i1 sinkt, dann sinkt auch die dazu gehörende Anzahl infizierter Menschen.

CLD können weitgehende Einsichten vermitteln. Voraussetzung ist, dass sie sauber und präzise eingesetzt werden. Auch ein CLD ist bereits ein Modell! Es hilft bei der Kommunikation eines Sachverhalts und bei der Einschätzung von Fern- und Nebenwirkungen.

Loops machen die Essenz eines CLD aus!

Im Allgemeinen sind CLD zu umfangreich und die Bezeichnungen der Parameter sind suggestiv. Anfänger würden den Pfeil „Infection rate –> sick population“ in Richardsons CLD vielleicht so bezeichnen:

aggressive Infection –> epidemic increasing sick population

in der Meinung, plakative Bezeichnungen würden die Verantwortlichen eher zum Handeln bringen. Aber die Infektionsrate könnte auch niedrig und die Zunahme der infizierten Bevölkerung moderat sein. Deshalb sind neutrale Bezeichnung Voraussetzung brauchbarer CLD.

Wichtig sind die Loops in den CLD. Diese müssten deutlich sichtbar gemacht werden, denn nur sie tragen zur Dynamik bei. Im eingangs erwähnten Artikel stellt Tom Fiddaman ein CLD zur Verfügung, das er zusammen mit Ron Suiter über CO2-Emmissionen entwickelte.

Da die beiden Profis sind, ist das CLD bereits auf einem hohen Niveau. Ich versuchte, ein wirklich wirres CLD zu finden, scheiterte aber an Copyrights. Das Vorgehen, um das es mir hier geht, kann auch am Fiddaman-CLD gezeigt werden. Nicht alle Loops sind direkt ersichtlich (und wenn, dann nehmen wir an, dass nicht). Ich habe das CLD zuerst in insightmaker.com möglichst so übernommen, wie es im Artikel steht. Die drei terminalen Grössen „Out-of-state Cobenefits“, „Out-of-cap California Cobenefits“ und „In-cap California Cobenefits“ habe ich weggelassen, denn sie tragen nichts zum System bei und sind bloss Ablesegrössen, wie ein Stromzähler. Wie üblich, haben blaue Pfeile positive Polarität und rote negative. Wenn Sie auf das Bild klicken, gelangen Sie gleich in den insightmaker.

(https://insightmaker.com/insight/97633/emissions-original)

Dann habe ich mit Hilfe der Funktion „Identify loops“ die Kreise ausgemacht und sie in den Fokus des Diagramms geholt:

(https://insightmaker.com/insight/97711/emissions-kreise)

Erst in dieser Darstellung kommt die Nützlichkeit eines CLD zum Ausdruck: man sieht sogleich, dass der Kreis oben rechts vom übrigen System völlig isoliert ist. Wenn man sich nicht gerade für die drei Grössen, die diesen Kreis bilden – „Reductions Elsewhere“, „Real Emissions Reductions“ und „Control Elsewhere“ – interessiert, könnte man den Kreis sowie alle Pfeile, die zum Kreis hin führen, weglassen. Die Grössen, auf dem Weg zum Kreis, wie z.B. „Real Additional Verifiable Enforceable“ und „Real Offset-driven Reductions“ sind ebenfalls unnütz und reine Massumwandler.

Das CLD reduziert sich auf das System der sechs Kreise in der Mitte des Diagramms. Es sind vier reinforcing Loops und zwei balanced Loops. Meine Erfahrung zeigte, dass sich Kreise ähnlich wie Pfeile verhalten, wenn man die Zuordnung

reinforcing loop –> postivie Polarität
balanced loop –> negative Polarität

macht. Ein Kreis, in welchem eine gerade Anzahl Pfeile negativer Polarität vorkommt, ist reinforcing. Ein Kreissystem in welchem es eine gerade Anzahl balanced Kreise gibt, wäre demnach vermutlich im Gesamten reinforcing. Stimmt diese Vermutung, dann wird sich das Fiddaman-CLD gesamthaft aufschaukeln (oder kollabieren). Um diese Vermutung zu festigen, ist weitere Forschungsarbeit nötig.

Die Analyse der Kreisstruktur eines CLD macht dieses zu einem sehr nützlichen Werkzeug, aller Unkenrufe der Community zum Trotz.

Die Kunst, Wirkungsnetzwerke zu zeichnen

Im letzten Beitrag befasste ich mich mit sogenannten „Causal Loop Diagrams“ (CLD) – Deutsch etwa mit „Wirkungsnetzwerke“ übersetzt – als systemische Darstellungsmittel. Ich habe den Eindruck, dass es im systemischen Umfeld wohl kaum ein zweites, derart missverstandenes und missbrächlich eingesetztes Hilfsmittel gibt, als CLD. Das kommt vielleicht daher, dass es sehr einfach aussieht und daher jeder Berater unreflektiert darauf zurückgreift.

Wirkungen wirken auf die Ursachen zurück

Ein lineares Ursache-Wirkungsdiagramm (oft auch als Fischgrät-Diagramm bezeichnet)  listet die Ursachen für ein Problem auf. Ein CLD integriert das Problem und seine Lösung in ein Gesamtsystem und fragt nach Problemursachen, die sich aus der Lösung ergeben.

Ein CLD ist ein bewerteter Digraph und eine dazugehörende Story. Die Werte der Kanten stammen aus der Menge {-1,0,1}. Ein Pfeil mit dem Wert +1 hat positive Polarität, ein Pfeil mit dem Wert -1 hat negative Polarität. Dann gibt es auch Pfeile, denen keine Polarität zugeordnet werden kann.

Soweit kann es zwei CLD mit derselben Struktur geben, wie Kim Warren in The Ambiguity of Causal Loop Diagrams and Archetypes festgestellt hat.  Deshalb gehört zu einem CLD stets eine Story, die die spezielle Bedeutung des CLD erzählt. Da CLD rein qualitativ sind, lassen sich quantitative Unterschiede nicht darstellen, wie etwa Nichtlinearität gegenüber linearen Verhältnissen. Solche Unterscheidungen übernimmt die Story. Die online-Software insightmaker.com unterstützt Storytelling bei CLD.

Das CLD heisst deshalb „Causal Loop Diagram“, weil ein guter CLD-Entwickler darauf achtet, die Pfeile stets in einem Kreis anzuordnen, z.B. so:

Ein CLD soll aufzeigen, dass Wirkungen oftmals zu Ursachen der Ursachen werden können. Zwar ist ein hoher Marktanteil die Ursache für eine hohe Nachfrage, aber die Nachfrage wird via Verkäufe und Investitionen zu der Ursache für den hohen Marktanteil. Die Einsicht in solche Rückkopplungsschleifen ist gerade das Systemische am CLD. Die kollaborative Modellierungssoftware insightmaker.com hat deswegen ihren Namen.

Der folgende Ausschnitt eines CLD ist ein Ausschnitt aus einem abschreckenden Beispiel. Es werden Grössen beliebig miteinander verbunden, ohne dass die entstandenen Loops klar dargestellt werden.

Es gibt durchaus Loops, z.B.

job structure flexibility –> social & economical security –> citizen wealth –> citizen social & economical well-being –> freedom of action –> job structure flexibility

Vielleicht wäre das CLD aussagekräftiger, wenn es diesen Loop in das Zentrum stellen und sich darauf konzentrieren würde. CLD, die viele Grössen mit vielen Pfeilen wild verbinden, sind nicht nur schweirig zu lesen, sondern auch unnütz.

Warum sind Pfeilpolaritäten wichtig?

In System Dynamics hat es sich eingebürgert, dass man sagt, ein Pfeil A –> B habe eine positive Polarität, wenn gilt:

Je mehr/grösser/besser/höher A, desto mehr/grösser/besser/höher B

und

Je weniger/kleiner/schlechter/niedriger A, desto weniger/kleiner/ schlechter/niedriger B

Das ist aber einfach eine saloppe Sprechweise für eine monoton steigende Funktion. Der Pfeil A –> B ist eine Funktion, die jedem Wert von A einen Wert von B zuordnet.

Ein Pfeil A –> B hat eine negative Polarität, wenn gilt:

Je mehr/grösser/besser/höher A, desto weniger/kleiner/ schlechter/niedriger B

und

Je weniger/kleiner/schlechter/niedriger A, desto mehr/grösser/ besser/höher B

Ein Loop, der aus lauter Pfeilen mit positiver Polarität besteht, schaukelt sich auf, bzw. kollabiert. Man nennt solche Loops auf English reinforcing. Ein Loop, in dem eine ungerade Anzahl Pfeile negativer Polarität vorkommt, pendelt sich auf einem bestimmten Niveau ein. Solche Loops werden auf Englisch balancing – in Deutsch auch zielsuchend – genannt.

Das sind zwei verschiedene Verhaltensdynamiken. Die Hauptaufgabe eines CLD ist es, Aussagen über das dynamische Verhalten eines Systems zu machen, die aus dem Zusammenwirken seiner reinforcing und balancing loops abgelesen werden kann.

Polaritäten sind Funktionsmonotonien

Da ein CLD ein Graph ist, kann es nicht zwischen Fluss- und Bestandesgrössen unterscheiden. Betrachte das CLD

Der Pfeil Kapital –> Zinsbetrag hat eindeutig eine positive Polarität, d.h. je höher das Kapital, desto höher der Zinsbetrag und je kleiner das Kapital, desto kleiner der daraus resultierende Zinsbetrag.

Auch der Pfeil Zinsbetrag –> Kapital ist monoton steigend. Wenn z1 < z2 zwei Zinsbeträge sind und K das Anfangskapital, dann ist natürlich K+z1 < K+z2. Das heisst: je höher der Zinsbetrag, desto höher das resultierende Kapital und je niedriger der Zinsbetrag, desto kleiner das daraus resultierende Kapital. Der Loop Zinsbetrag <–> Kapital ist klar aufschaukelnd.

Hier zeigt es sich, wie salopp die Sprechweise je kleiner der Zins, desto kleiner das Kapital ist. Selbstverständlich sinkt das Kapital nie unter seinen Anfangsbetrag. Wird kein Zins ausgeschüttet, bleibt das Kapital einfach konstant.

Dasselbe gilt für Abflüsse. Z.B. können Sie eine Investition abschreiben und erhalten ein duales CLD

Der Pfeil Investitionswert –> Abschreibungsbetrag hat positive Polarität. Die Funktion Abschreibung –> Investitionswert ist monoton fallend, der Loop Investitionswert <–> Abschreibung ist daher zielsuchend: der Investitionswert nähert sich dem Wert 0.

Alle diese Diagramme sind mit insightmaker gezeichnet worden, ein freies online Tool, mit dem Sie kollaborativ System Dynamics Modelle entwickeln können.

Conny Dethloff hat in seinem Beitrag Drei Stolperfallen der qualitativen Modellierung gefordert, dass schon in einem CLD zwischen Fluss- und Bestandesgrössen unterschieden werden muss und dies in einer Reihe von Kommentaren begründet. Auch George P. Richardson bemängelt dasselbe wie Dethloff in A problem with causal-loop diagrams (System Dynamics Review, Juni 1986). Dabei wird klar, dass er gedanklich kaum zwischen CLD und Bestand-Fluss-Modell unterscheidet. Er denkt schon beim Erstellen eines CLD so, als wäre ein Bestand-Fluss-Modell das Ziel. Das ist selber eine Denkfalle. Ein CLD ist bloss ein bewerteter Graph, in welchem es nur eine einzige Art von Knoten gibt. Es gibt keine Unterscheidung von Fluss- und Bestandesgrössen, keine versteckten Pfeile oder gar versteckte Feedbackschleifen. Das sind alles Dinge, die erst im Bestand-Fluss-Modell zu Tage treten.

Dethloff meint, dass sich Fehler einschleichen können, wenn der Modellierer nicht aufpasst. Das ist zwar richtig, aber Fehler können sich aber auch in einem Bestand-Fluss-Modell einschleichen. Systemische Modelle entdecken nichts Neues. Wenn der Modellierer falsch denkt, ist auch sein noch so exaktes Modell falsch.

Stolperfalle in suggestiven Bezeichnungen

Es kann sogar Pfeile geben, denen überhaupt keine Polarität zugeordnet werden kann. Das Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt die Leistungsfähigkeit eines Menschen in Abhängigkeit von allgemeinen nervösen Erregungsniveaus und besagt, dass zwischen Erregung und Leistung ein Zusammenhang besteht. Solange eine Aufgabe freiwillig ist, werden Sie sich per Gelegenheit darum kümmern. Besteht ein gewisser Druck und betrifft die Aufgabe Ihre aktuelle Haupttätigkeit, dann werden Sie sie als wichtig und dringend einstufen und sich sorgfältig ihrer annehmen. Steht ein Berg offener Arbeiten an und tadelt man Sie wegen Schlamperei, dann werden Sie lustlos resignieren. Das heisst, die Leistung nimmt bei zunehmender Erregung zunächst ebenfalls zu, fällt dann aber bei Übererregung wieder ab. Dem Pfeil

Erregungsniveau –> Leistungsfähigkeit

kann keine Polarität zugeordnet werden. Dennoch kann er in einem CLD vorkommen.

Ich sehe die Stolperfallen nicht so sehr in der Kategorisierung der Grössen und Pfeile, sondern vielmehr in suggestiven Bezeichnungen der Grössen. Ein typischer Anfängerfehler! Da die meisten Berater, die CLD einsetzen, keine Gedanken über die Methode verlieren, kommen sie nie über dieses Niveau hinaus und präsentieren ihren Kunden unnütze CLD.

Ein CLD soll die Dynamik einer Situation beschreiben. Der Pfeil

Gute Qualität –> Zufriedene Kunden

ist statisch. Die Qualität ist auf dem Niveau „gut“ fixiert und kann keine Dynamik zwischen grottenschlecht und hervorragend gut erfahren. Dadurch sind auch die Kunden einfach immer nur zufrieden, was nicht der Beobachtung entspricht. Der CLD-Entwickler wollte damit zeigen, dass gute Qualität zu zufriedenen Kunden führt. Solche plakativen Behauptungen sind aber nicht Aufgabe eines CLD. Soll ein CLD die beobachtete Dynamik abbilden, müsste der Pfeil so dargestellt sein:

Qualitätniveau –> Kundenzufriedenheit

Ist das Qualitätsniveu hoch, ist auch die Kundenzufriedenheit hoch. Ist die Qualität niedrig, ist die Kundenzufriedenheit niedrig. Der Pfeil hat eindeutig positive Polarität. Hier leitet sich die Behauptung, dass hohe Qualität zu guter Kundenzufriedenheit führt, von selber ab. Gleichzeitig erhält der Leser des CLD auch die Einsicht, dass niedrige Qualität die Kunden vertreibt.

Genauso falsch wäre es, das Yerkes-Dodson-Gesetz so zu formulieren:

Hohe Erregung –> Gute Leistung,

nur um zu zeigen, wie wichtig ein gewisses Erregungsniveau zur Motivation von Menschen ist.  Hier sieht man besonders gut, wohin solche Bezeichnungen führen. Es ist eben nicht so, dass je höher die Erregung, desto höher die Leistung, da die Funktion nicht monoton ist.

Causal Loop Diagrams sind linearen Ursache-Wirkungsdiagrammen, wie z.B. Fischgrätdiagrammen, in jedem Fall überlegen. Der erfolgreiche Einsatz von CLD setzt allerdings einige Kenntnisse und Fähigkeiten voraus, die der Einsatz von linearen Ursache-Wirkungsdiagramme nicht benötigt. Das dürfte der Grund sein, weshalb sich nichtsystemische Fischgrät-Diagrammen grösserer Beliebtheit erfreuen.

Systemisches Denken mit Wirkungsnetzwerken

In einem meiner letzen Blogartikel forderte ich dazu auf, ein System Thinker zu werden. Ich denke, dass Sie mittlerweile genug Zeit hatten, sich mit System Thinking zu beschäftigen, so dass Sie folgendes Stück „System Thinking“ nachvollziehen können oder es dazu nutzen, um Ihre System Thinking Skills zu verbessern.

System Thinking kommt wohl ohne Causal Loop Diagrams (CLD) kaum aus. Ich möchte mich heute der Frage widmen, inwiefern ein Causal Loop Diagram als systemisches Darstellungsmittel genügt. Inspiriert dazu hat mich der Artikel The Ambiguity of Causal Loop Diagrams and Archetypes von Kim Warren.

Wer und was

Ich mag Kim Warren sehr. Er war 2013 Präsident der System Dynamics Society und ich habe ihn ein paar Mal auf einer SD Conference getroffen. Zudem nahm ich vor ein paar Jahren an einer seiner hochspannenden SD-Trainings teil.

Über Causal Loop Diagrams (CLD) – auf Deutsch vielleicht mit Wirkungsnetzwerk übersetzt – und Systemarchetypen habe ich hier schon oft geschrieben, z.B. in Kein einzelner Teil… und in Archetypendiagramme

Zwei Archetypen

Der Archetypus „Eroding Goal“ besagt, dass wir zu Beginn unsere Ziele zu hoch setzen, und wenn wir sie nicht erreichen können, schnell bereit sind, sie auf niedrigerem Niveau neu zu formulieren. Umgekehrt strengen wir uns immer mehr an, das Ziel zu erreichen. Ich habe diese Situation in Fallen gelassene Vorsätze von Dozenten, Studenten und Projektleitern beschrieben

Der Archetypus „Eroding Goal“ als CLD. Blaue Pfeile haben positive, rote negative Polarität.

Der Archetypus „Escalation“ skizziert die gegenseitige Konkurrenz zweier Parteien in ein und derselben Sache. Z.B. streben zwei Personen in einer Disziplin die Weltmeisterschaft an. Immer, wenn die eine einen Erfolg verbucht, fühlt sich die andere bedroht und gibt noch mehr, um das nächste mal die andere zu überbieten.

Der Archetypus „Escalation“ als CLD.

Die Diagramme sind mit insightmaker gezeichnet worden, ein freies Entwicklungstool, das Sie online und kollaborativ einsetzen können.

Gleiche Strukturen

Im erwähnten Artikel stellt Warren fest, dass beide Archetypen – „Eroding Goals“ und „Escalation“ – aus zwei zielsuchenden Loops bestehen und sieht sich deshalb ausserstande, den Unterschied der beiden Situationen mit einem CLD beschreiben zu können. Er folgert daraus, dass CLD uneindeutig und in gewissem Grad für eine präzise Beschreibung spezifischer (Unternehmens-)Situationen ungeeignet seien. Er räumt allerdings ein, dass der Einsatz von CLD dem „Laundry List“-Vorgehen von Nicht-System-Thinkers immer noch überlegen sei.

Warrens Definition, wonach ein Archetypus ein generisches CLD, zusammen mit einer speziellen Verhaltensstory sei, finde ich bestechend handlich. Gerade an ihrer Verhaltensstory können die beiden Archetypen – „Eroding Goal“ und „Escalation“ – sehr eindeutig voneinander unterschieden werden. Das fängt schon nur bei der Tatsache an, dass in „Eroding Goal“ bloss eine Partei in gewissem Sinne gegen sich selbst handelt, während es in „Eskalation“ zwei Parteien gibt, deren Handlungen sich an denjenigen des Gegners orientieren.

Dynamische Struktur

Warren plädiert dafür, nicht beim CLD stehen zu bleiben, sondern gleich den Schritt zum System Dynamics Modell zu machen, das erst die nötige Klarheit geben könne. Ich kann ihm in dieser Hinsicht nicht folgen. Ich glaube, seine Befürchtungen, dass ein CLD die nötige Eindeutigkeit fehle, sind zumindest dann übertrieben, wenn das CLD nach allen Regeln der Kunst erstellt wurde. Meine Kritik richtet sich vielmehr gegen die vielen Berater, die CLD ohne irgendwelche Grundkenntnisse und ohne grossen Zeitaufwand ihren Kunden teuer verkaufen.

Wenn Warren z.B. schreibt: „The loop structure is mathematically identical“, dann stimmt das nicht. In dem Archetypus „Eroding Goal“ werden Soll-Zustand (Ziel) und Ist-Zustand als Differenz verglichen („Lücke“). Das führt zu einer linearen Struktur. Im Archetypus „Escalation“ hingegen werden die Resultate beider Parteien zueinander in Relation gesetzt, was nicht-linear ist.

Dass die Loopstruktur dennoch gleich ist, liegt daran, dass die Stories sehr verwandt sind. In beiden Stories versuchen die Parteien, durch Anstrengung ein Ziel zu erreichen. Während jedoch in „Escalation“ das Ziel durch die andere Partei immer höher gesetzt wird, wird es in „Eroding Goal“ durch den „inneren Schweinehund“ immer mehr gesenkt.

Fluktuationen

Eine andere Aussage Warrens fordert mich zu einer Präzisierung heraus. Er schreibt: „For example, if A and B start with the same results, there is no escalation“. Das ist rein rechnerisch zwar richtig, verkennt aber die Funktionsweise lebender Systeme. In einem System, das weit vom Gleichgewicht entfernt ist, wird die Dynamik stets von sogenannten Fluktuationen geprüft. Fluktuationen sind in Stärke und Ort zufällig vorkommende Störungen, die gegen die herrschende Struktur verstossen.

In „Escalation“ versuchen die beiden Parteien ständig, sich selbst zu verbessern, ganz ungeachtet vom Resultat der Konkurrenz. Das führt auf alle Fälle zu Differenzen in den jeweiligen Resultaten, sogar, wenn beide Parteien mit exakt denselben starten würden.

Warrens Behauptung gilt bloss für Systeme, die sich in völligem Gleichgewicht befinden. Solche Systeme sind aber tot. In ihnen bewegt sich gar nichts mehr. In der Tat gäbe es auch keine Eskalation mehr.

Jedem CLD seine Story!

Für Warren ist erst ein System Dynamics Modell ein Modell. Für mich ist ein fachgerecht erstelltes CLD jedoch bereits ein (qualitatives) Modell. Allerdings steckt für mich bedeutend mehr hinter einem CLD, als bloss ein paar Parameter, die mit Pfeilen wirr verbunden sind.

Wenn also die generischen CLD der beiden Archetypen „Eroding Goal“ und „Escalation“ fast nicht unterschieden werden können, anhand ihrer Stories und weiteren Analysen lassen sie sich jedoch wohl unterscheiden. Das bedeutet für mich: zu jedem CLD gehört eine Story! Das erreichen Sie am besten, indem Sie sich zu Beginn fragen: „Welche Archetypen stecken in der zu untersuchenden Situation“ und die Modellierung auf diesen Archetypen aufbauen. Dann tragen Sie auch stets die Story mit. Zu einem einfach mal so hingeworfenen CLD eine passende Story zu finden, dürfte ungleich schwieriger sein.

Die Sache mit dem kritischen Denken oder Glaube ist nicht kritisch

Die Kompetenz „Kritisches Denken“ im 4K-Modell des Lernens 4.0 – alternativ auch „Augenhöhe-Lernen“ genannt, einige sprechen fälschlicherweise von „Augenhöhe-Schulen“, was ja ein Widerspruch in sich selbst ist – die Kompetenz „Kritisches Denken“ ist die Fähigkeit zum selbstständigen Denken. Es geht dabei darum, Fakten, Meinungen und wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen.

Aufmerksamkeitshascherei

Kritisch hinterfragen wird jedoch gerne mit unterschiedlichem Glauben verwechselt. Wer nie die Gelegenheit hatte, selbstständig zu denken, glaubt, er denke, wenn er glaubt. Um den Glauben zu durchbrechen, braucht es ein anderes „K“ – nämlich das kreative Denken. Kreativität ist zwar eher Talent, denn Kompetenz. Aber beim kreativen Denken geht es lediglich darum, auch mal querzudenken. Kreatives Denken ist, das zu denken, was dem eigenen Glauben widerstrebt und zu sehen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Der Glaube der Alten, dass die Erde eine Scheibe sei, war keine wissenschaftliche Erkenntnis, weil ihr keine Argumente zugrunde lagen. Es war eben nichts anderes als ein Glaube. Das ist der Unterschied zwischen Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis.

Mittlerweile sind unsere Erkenntnisse auf einem Niveau angelangt, dessen Argumente fast nur noch von Experten nachvollzogen werden können. Auch das ist eine Facette der Komplexität der modernen Welt. Das macht es so schwer, das Wissen unserer Zeit zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.

Etwas Unverstandenes wird zunächst abgelehnt. Wenn sich ein Komiker über das Unverstandene lustig macht, dann ist es für die Menschen wie eine Befreiung zu erfahren, dass sie in ihrem Unverständnis nicht alleine sind. Anstatt zu versuchen, das Unverstandene gemeinsam verständlich zu machen, also kollaborativ zu lernen, lehnen sie es gemeinsam ab, was natürlich ökonomischer ist. Kollaboratives Lernen wäre auch eine K-Kompetenz.

Wer unverstandene wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage stellt, wird von den Menschen, die auch nicht verstehen, Applaus und ungeteilte Aufmerksamkeit ernten, was der Selbstoptimierung zugute kommt.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider sagt zu Selbstoptimierung:

Es gibt heute tatsächlich eine Art von Selbstoptimierung, die viel Stress verursacht und die die Abhängigkeit vom anderen auf eine seltsame Art verkennt. Man optimiert sich ja primär für die Anerkennung von anderen. Sei es mit Make-up, mit Sport und Diäten, mit Coachings oder sogar Therapien

oder mit markig-kernigen Ansichten auf den Sozialen Medien.

Unkritisches Geschnatter auf den Sozialen Medien

Aufmerksamkeitsgenerierung ist die Essenz der Sozialen Medien. Sie sind genau dafür designed. Sie arbeiten mit denselben Tricks, wie ein Zauberer, der die Aufmerksamkeit des Publikums lenkt (s. dazu „Wie Technologie unseren Geist manipuliert“ von Bob Blume). Ich finde das nicht weiter verwerflich. Auch das Automobil hat seinen manipulativen Einfluss auf den Geist.

Blogartikel von Stephanie Frasco auf https://www.convertwithcontent.com/3-ways-to-make-your-social-media-posts-attract-the-right-attention/

Social Media sind vor allem Marketing-instrumente: die Aufmerksamkeit auf ein Produkt oder Angebot zu lenken. Diese Funktion sozialer Medien nutzen denn auch (nicht-kommerzielle) Individuen, um ihre Meinungen und Glaubenssätze zu plazieren.

In letzter Zeit wundere ich mich sehr, was in den Social Media alles so gewusst und behauptet wird. Vor allem in Facebook, dessen Timeline für mich die Boulvardpresse unter den Social Media ist, tauchen vermehrt ernsthafte Themen mit hohem moralischen Anspruch auf. Da lese ich, was man darf und soll und was auf keinen Fall, was gut und was schlecht ist und dass sich die Menschheit sowieso auf dem Weg in den Abgrund befindet, wenn jetzt nicht sofort etwas getan wird. Nicht selten werden Glaubenssätze diskutiert, die weder überprüfbar noch sonstwie haltbar sind. Vieles kratzt hart an der Grenze zu Verschwörungstheorien oder Esoterik.

Es scheint mir, dass viele versuchen, auf Teufel komm raus originell zu sein. Ein einfaches Rezept für Originalität ist, bestehende Vorstellungen und Erkenntnisse mit möglichst schrägen Behauptungen scheinbar zu widerlegen. Wenn beispielsweise empfohlen würde, eine Aufgabe immer auf den letzten Moment zu verschieben, entgegen der Untugend der Prokrastination, mit der Begründung, dass jederzeit die Welt untergehen könnte und in diesem Fall dann viele Anstrengungen vergebnes gewesen wären, wäre das originell und könnte dazu beitragen, Aufmerksamkeit zu erregen. Aufmerksamkeitserregung ist womöglich eine Antriebsfeder für alle diese pfiffigen Beiträge und Kommentare, die sich in letzter Zeit in meiner Facebook-Timeline häufen.

Ein grosser Anteil der wunderlichen Beiträge auf Social Media sind Zukunftsvisionen. Es ist durchaus in Ordnung, wenn mögliche Zukunftsszenarien diskutiert werden. Mittlerweile geben immer mehr Beiträge vor, genau zu wissen, wie die Zukunft sein wird und in moralischen Aufrufen zu enden. Viele Beiträge wollen nicht nur genau wissen, was die Zukunft bringt, sondern gleich auch noch, was heute getan werden muss, um diese Zukunft zu verhindern. Um das zu untermauern, werden nicht selten Persönlichkeiten zitiert, die zu Ikonen auf dem Gebiet stilisiert werden.

Pseudowissenschaft am Biertisch

Auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (AI) haben beispielsweise Stephen Hawking und Elon Musk einen solchen Ikonenstatus. Der eine versteht etwas von Schwarzen Löchern, der andere von Geld und Unternehmensgründungen. Beide haben weder auf AI geforscht noch ernsthaft darüber publiziert. Egal was diese Ikonen gerade von sich gegeben haben, es wird in den Sozialen Medien sogleich zur Untermauerung von noch so abstrusen Zukunftsvisionen missbraucht (und inhaltlich vielleicht sogar etwas angepasst…wer prüft’s schon nach). Wirkliche AI-Experten, wie Jürgen Schmidhuber oder Eliezer Yudkokswy sind zwar kompetenter, haben aber nicht diesen Ikonenstatus. Sie sprechen halt von neuronalen Netzwerken oder vom Satz von Bayes, wieder so unverständliche Dinge, die erst noch nach Mathematik riechen.

Eine andere Kategorie von Beiträgen befasst sich mit allerlei ethischen Fragen, insbesondere im Managementumfeld. Meistens sind das solide und durchaus brauchbare Handlungsanweisungen aus der normativen und angewandten Ethik. Manchmal schiessen die Beiträge aber auch weit über das Ziel hinaus und ihre Autoren verbeissen sich in bizzare Gedankenkonstruktionen, die sie mit pseudowissenschaftlichem Unsinn oder mit Zitaten von wenig bekannten Wissenschaftlern schmücken, deren wirre Theorien den Durchbruch nie geschafft haben.
Alan Sokal spricht von „Elegantem Unsinn“ (Sokal/Bricmont.  Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. C. H. Beck, München, 1999. ISBN: 3406452744 / 3-406-45274-4)

Bei einigen Managementethikern habe ich dieselbe Strategie beobachten können, wie bei hartgesottenen Zukunftsvisionären: man formuliert eine populäre Befindlichkeit in knackig-originellen Parolen, um die Zustimmung des Publikums zu ergattern.

Das genaue Hinschauen, die präzise Analyse und die angemessene sprachliche Vermittlung eines Sachverhaltes entsprechen nicht unbedingt der kollektiven Bedürfnislage unserer Epoche

(Nicholas Mailänder). Also macht man sich lustig über Analyse und Präzision, um die Lacher auf die eigene Seite zu ziehen. Das klappt umso mehr, wenn man Analyse und Präzision noch in die Nähe von Mathematik rückt, die sowieso nur die wenigsten verstehen wollen.

Manchmal klingt es fast biblisch: „Die Strafe wird kommen, tut Busse und kehret um!“. Die Umkehr wäre eine gesellschaftsweite Verhaltensänderung. Der Aufruf alleine nützt aber nichts. Er dient lediglich der Aufmerksamkeit des Propheten. Wer für den Verzicht von Plastikpackungen eintritt, erhält jede Menge Zustimmung. Es ist ja tatsächlich unverschämt, was in der Umwelt für Plasticmüll herumliegt. Von mir stammt der jedenfalls nicht. Es sind die anderen, die solchen Müll liegen lassen. Biertischmässiges Poltern gegen Plasticverschwendung erzielt keine allmähliche Sensibilisierung der Massen. Man generiert höchstens Aufmerksamkeit, die sich in Likes und Zustimmung manifestiert, was aber nicht nachhaltig ist.

Wäre es nicht sinnvoller, solche Themen in Fachgruppen zu diskutieren, z.B. in einer entsprechende Facebookgruppe, anstatt sie in die Timeline herauszuposaunen?

Im Moment macht folgendes Zitat auf den SoMe die Runde

Es ist ziemlich faszinierend, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt angekommen ist, an dem es einfacher erscheint, in Skandinavien Bäume zu fällen, nach Asien zu verschiffen, unter hohem Wasserverbrauch und Energieaufwand Becher daraus zu formen, diese mit Plastik zu beschichten, welches zuerst gefördert, raffiniert und mit Chemikalen versetzt aufbereitet werden musste, alles zurück nach Europa zu schiffen, mit dem LKW quer durch’s Land zu transportieren, den Papbecher fünf Minuten zu benutzen und dann in den Müll zu werfen, anstatt die Keramiktasse zurück zu bringen, wo sie einfach gespült wird

Das ist nicht nur faszinierend, sondern erschreckend. Was hier steht, ist eine Kurzbeschreibung globaler und hochspezialisierter Produktionsprozesse, die tatsächlich noch viel komplizierter und verschachtelter sind als hier dargestellt. Dennoch weiss ich jetzt nicht, was ich mit diesem versteckten moralischen Aufruf soll. Vielleicht habe ich keine Zeit, einen Kaffee in einer Keramiktasse vor Ort zu trinken. Zum Mitnehmen gibt’s bisweilen bloss die Pappbecher. Pappbecher sind für Veranstalter eben billiger, als Keramikgeschirr auszugeben, es zu verwalten und zu reinigen. Pappbecher sind so billig, dass alle die Prozesse, die im Zitat erwähnt wurden und alle nicht-erwähnten zusammen, immer noch Gewinn abwerfen, obwohl sie fast nichts kosten.

Bevor jetzt ein Entrüstungssturm über die kapitalistischen Gewinnmaximierer losgeht: oft sind gar nicht mal Kapitalisten dahinter. Es gibt viele lockere digitale Nomaden, die z.B. Pappbecher einkaufen und auf Amazon im grossen Stil anbieten. Erfolg haben sie vielleicht dadurch, dass sie ein paar Prozent billiger anbieten, als bisherige Pappbecheranbieter und bewusst auf das grosse Geld verzichten. Sie können damit in Ho Chi Minh City oder Denpasar immer noch sehr gut leben und ihre Freiheit geniessen. Einige haben bei diesem Geschäft noch so viel Zeit, um in Social Medien oder Blogs das Abholzen skandinavischer Wälder kritisch zu hinterfragen.

Kritisches Denken ist eher still

Damit möchte ich digitales Nomadentum, Amazongeschäfte oder mobile Arbeit in keiner Weise herabwerten. Im Gegenteil: würden alle so arbeiten, hätten vielleicht alle Zeit, den Kaffee vor Ort in einer Keramiktasse zu trinken und müssten nicht mit einem Pappbecher auf die S-Bahn oder zum nächsten Termin hetzen.

Kritisches Denken ist nicht, sich über eine fehlgeleitete Entwicklung zu entrüsten. Kritisches Denken ist die Bemühung, die Zusammenhänge zu verstehen. Das benötigt bei deren Komplexität intensives Studium und viel Wissen. Vorschläge zur Verhaltensänderung, das einzelne „Denker“ in den Sozialen Medien für eine Gesellschaftsgruppe vorschlagen, lassen manchmal das nötige Verständnis für komplexe Neben- und Fernwirkungen vermissen.

Kritisches Denken allein reicht nicht. Die 4 Ks müssen durch „komplexes Denken“, also systemisches Denken, erweitert werden. Gründe, Zusammenhänge, historische, ökonomische und psychologische Tatsachen sowie Funktionen der Entwicklungen müssen sachlich diskutiert und soweit verstanden werden, wie es möglich ist. Das benötigt genaues Hinschauen, präzise Analyse und angemessene sprachliche Vermittlung (K, wie „Kommunikation“). Das Gegenteil davon wäre, seine Glaubenssätze oder was einem grad gefällt in die Social Medien hinauszuposaunen und hässig zu reagieren, wenn es auf Gegenwind stösst, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Zum Schluss nochmals der Psychoanalytiker Peter Schneider:

Im Alter, sagen wir in den letzten zehn Jahren, hat bei mir die Vorstellung abgenommen, dass jemand nur dann interessant ist, wenn er [knackig-]originelle Thesen produziert. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass die meisten starken Thesen völliger Humbug sind

Denken, fühlen, leben