Trilogie: Komplexe Systeme – Menschen – Informationen

A. Komplexe Systeme

Peter Kruse beschrieb sehr nachdrücklich die zunehmende Komplexität und Dynamik unserer Wirtschaft, in der die blosse Optimierung von Bestehendem nicht mehr ausreicht. Dabei übertrug Kruse Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der Theorie dynamischer Systeme auf Unternehmensprozesse. Die Theorie dynamischer Systeme will erklären, wie sich komplexe Systeme entwickeln und verändern. Dabei postuliert die Theorie, dass komplexe Systeme stets offen sind und nie in ein statisches Gleichgewicht gelangen. Was bedeutet das?

Offenheit und Gleichgewicht

„Offen“ bedeutet, dass das System mit seiner Umwelt laufend Ressourcen in Form von Stoffen, Energie und Information austauschen kann. Präziser heisst dies jedoch, dass dieser Austausch insofern gerichtet ist, als dass das System jederzeit regelrecht mit den Ressourcen durchströmt ist. Diese Ströme oder Flüsse erklären denn auch den Begriff „dynamisches Ungleichgewicht“. Zunächst muss das System die Stoffe, Energien und Informationen aus der Umwelt aufnehmen, durch den Systemorganismus hindurch transportieren und wieder an die Umwelt abgeben. Dabei verbraucht das System diese Ressourcen in unterschiedlicher Weise, um sich selbst am Leben zu erhalten. Man spricht von Dissipation. Sie verhindert, dass das System je zur Ruhe und in ein statisches Gleichgewicht kommt. Erst wenn die Ströme zur Ruhe kommen, erreicht das System sein Gleichgewicht und hört auf, ein dynamisches System zu sein. Gleichgewicht bedeutet Stillstand und Tod.

In seinem Buch „Unbestimmte Welt“ beschreibt Dirk Proske diese Grundfunktion komplexer Systeme in leicht verständlicher Form. Das Buch kann hier vollständig heruntergeladen werden.

Das langfristige dynamische Verhalten einer Gesellschaft wird durch Information und Wissen geprägt (wie erhält man Materie und Energie), das kurzfristige Verhalten durch Materie und Energie (was macht man mit der Materie und Energie). In komplexen Systemen, wie Menschen, menschlichen Gesellschaften, Lebewesen, werden Energie und Materie ständig der Umwelt entnommen und an die Umwelt abgegeben. Sie werden benötigt, um die Ordnung innerhalb der Systeme aufrecht zu erhalten. Man spricht hier auch vom EntropieExport, weil die Systeme Unordnung abgeben, um eigene Ordnungen zu erhalten. Je höher, also komplexer die Ordnungen sind, umso mehr Unordnung muss an die Umwelt abgegeben werden

Der menschliche Körper ist ein typisches Beispiel eines dynamischen Systems. Er nimmt laufend Nahrung, Wärme und Informationen auf, nutzt diese und scheidet sie in verbrauchter Form wieder aus. Nur so kann er lebensfähig bleiben und sich reproduzieren.

Die Struktur der Stadt Bern

Ein anderes Beispiel ist eine Stadt. Durch eine Stadt strömen in jeder Minute riesige Mengen von Waren, Energien und Informationen. Die Stadt wird dadurch strukturiert. Das ist ein weiteres Merkmal komplexer Systeme: um die Ressourcenflüsse möglichst effizient zu gewährleisten, nimmt das System eine passende Strömungsstruktur an. Im Beispiel der Stadt führt das zu Quartieren mit verschiedenen Kulturen (in Deutschland auch schon mal Kietze genannt), zu Industrie-, Gewerbe-, Büro- oder Verwaltungsvierteln.

Grundsätze komplexer Systeme

Überschlagen Sie einmal die Mächtigkeit der Warenströme einer Stadt mit 1 Mio Einwohnern, wenn jeder Einwohner pro Tag z.B. 1 Kg Festnahrung, 2 Liter Wasser, 1 Kg Verpackungsmaterial, ein paar Kilo Möbel, Haushaltgeräte, Spielsachen und sonstiger Unterhaltungsgüter bezieht. Das ist ein massiver Warenstrom, ohne den die Stadt nicht lebensfähig wäre! Überschlagen Sie dann aufgrund dieses Inputs, welche Abfallströme die Stadt täglich, ja stündlich wieder verlassen müssen. Auch hier gilt: würde die Entsorgung nicht funktionieren, würde die Stadt in ihrem Abfall ersticken und wäre ebenso wenig lebensfähig, wie wenn nichts hineinfliessen würde.

Wir haben anhand dieser Beispiele ein paar Grundsätze komplexer Systeme gelernt: Ein System nimmt aus der Umgebung qualitativ hochwertige Ressourcen in Form von Stoffen, Energien und Informationen auf, dissipiert sie zur Aufrechterhaltung der eigenen Lebensfähigkeit und exportiert den Material-, Energie- und Informationsabfall wieder in die Umgebung. Was das für die Nahrung bedeutet, können wir am eigenen Leib erfahren. Etwas komplizierter ist es, den Vorgang für die Energie zu verstehen. Die Energie, die wir aus der Umgebung aufnehmen, z.B. qualitativ hochstehende Wärme, mit der wir uns wärmen können, strahlen wir als verbrauchte Wärme wieder ab. Sie kann nicht mehr verwendet werden. Noch abstrakter wird es mit der Information. Zwar können wir uns noch vorstellen, was neue Information ist, mit der wir uns am Leben erhalten können, z.B. Informationen über Feinde, vor denen wir fliehen sollten. Was ist aber verbrauchte Information, die wir wieder in die Umgebung exportieren müssen? Ernst Ulrich von Weizsäcker (geb. 1939) sprach von erstmaliger und bestätigter Information. Erstmalige Information benötigen wir, um lebenswichtige Handlungen auszuführen. Ist sie bestätigt, nützt sie uns nichts mehr. Wir vergessen sie, was der Vernichtung oder dem Export gleichkommt.

Woher kommen die Ressourecn?

Für mich ist also die Komplexität eines Systems gleichbedeutend mit seiner funktionalen Struktur zur Dissipation der Stoff-, Energie- und Informationsströme, relativ zu der Anzahl bereits erfahrener Strukturwechsel („Changes“) und unter der Bedingung, dass die aktuelle Struktur ständig durch Fluktuationen getestet und infrage gestellt wird.

Physikalischen Systemen wird von aussen Materie und/oder Energie zugeführt und durch das System gepumpt, das eine passende Struktur annimmt, die es ihm erlaubt, die Flüsse so reibungslos wie möglich zu realisieren. Bei sozialen Systemen ist nicht mehr klar, ob die Ressourcen von aussen in das System hineingepumpt werden oder ob das System selber sie hineinzieht oder gar selbst herstellt. Das können wir am Beispiel des Flugverkehrs studieren. Zunächst war Fliegen teuer, so dass nur wenige Passagiere zu befördern waren. Verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen führten zu einer exponentiellen Zunahme der Flugpassagiere. Die wichtigsten dieser Entwicklungen waren Globalisierung und Prosperität. Die Airlines mussten darauf reagieren und sich neu organisieren. Einige Airlines verschwanden, einige fusionierten, andere wurden neu gegründet, vor allem Billigairlines. Die Preise mussten gesenkt werden, was die Reisetätigkeit noch einmal ankurbelte. Crosskatalytische Wirkung heisst das in der Theorie dynamischer Systeme und kann beim Aufbau von Komplexität immer beobachtet werden. Die Nachfrage nach neuen Flugzeugen war immens.

aus radar24.com

Der erhöhte Materialbedarf wurde bewusst forciert und in das System hineingesogen. Aber ohne Computer waren die Menschenströme am Boden und die Flugzeugströme in der Luft nicht realisierbar. Die Entwicklung der Flugzeugindustrie wirkte sich also auch auf die Entwicklung der Computerindustrie aus und umgekehrt. Dieser Aufschwung hatte natürlich auch etwas zu tun mit der exponentiellen Zunahme der Bevölkerungszahlen. Auch hier kann man wohl kaum behaupten, der Zuwachs an Menschen würde von aussen in das System hineingepumpt. Er ist eher systemimmanent verursacht.

 

 

 

 

B. Menschen

Je intensiver die Flüsse, desto höher die Komplexität des Systems. Diese Ordnungsstrukturen tauchen emergent auf, allein durch Selbstorganisation. Selbstorganisation ist nicht zu verwechseln mit Selbstbestimmung oder Selbstverwaltung. Ein Team, das sich selbst organisieren soll, macht dies durch Selbstbestimmung.

Wettbewerb ist eine Form der Kooperation

Selbstorganisation ist stets zufallsbedingt und nicht bewusst. In einem System werden verschiedene neue Möglichkeiten meist in konkurrenzierender Weise ausprobiert. Nur eine dieser Möglichkeiten setzt sich schliesslich durch und generiert ein neues Paradigma oder gar eine neue Kultur. Das Gehirn arbeitet auf diese Weise. Z.B. bestimmen wir nicht bewusst, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten wollen. Vielmehr konkurrenzieren verschiedene Aufmerksamkeitsobjekte miteinander, bis sich eines durchsetzt. Das „fühlt“ sich dann so an, wie wenn etwas plötzlich unsere Aufmerksamkeit erregt hat. Dass es aber schon seit mehreren Sekunden in unsere Wahrnehmung war und auch ganz etwas anderes hätte in den Fokus treten können, ist uns nicht bewusst.

In diesem Zusammenhang sollten wir beachten, dass Wettbewerb eine normale Operation innerhalb dynamischer Systeme ist. Die einzelnen Gehirnregionen kooperieren eben gerade durch Wettbewerb miteinander. Wettbewerb ist nicht das Gegenteil von Kooperation. Das Gegenteil von Kooperation ist Defektion. Das ist nicht dasselbe wie Wettbewerb, bzw. Konkurrenz.

Die herrschende Ordnung wird laufend infrage gestellt

Nimmt die Intensität der Systemdurchflüsse zu, wird das System instabil und versucht, von den herrschenden Strukturen lokal abzuweichen und neue Wege zu finden, um die erhöhten Flüsse unbeschadet transportieren zu können. Solche Störungen oder Disruptionen werden in der Theorie dynamischer Systeme Fluktuationen genannt. Sie werden in der Regel anfänglich unterdrückt, bis eine besonders starke Fluktuation das ganze System erfasst und eine neue, komplexere Ordnungsstruktur verursacht. Man denke an Demonstrationen unzufriedener Bürger. Solche Manifestationen werden zunächst durch Polizeigewalt unterdrückt. Ist das Anliegen den Bürger wichtig genug, werden sie immer und immer wieder ihren Willen demonstrieren. Die Bewegung erhält immer mehr Zulauf, bis eine Mehrheit entschlossen ist, die konservativen Kräfte wegzufegen und eine neue Ordnung einzuführen. Die aktuelle Systemorganisation muss ständig infrage gestellt werden

Es scheint, dass die verschiedenen Mitspieler aktiv an den Entwicklungen beteiligt wären. Aber ob eine Bewegung immer mehr Zulauf hat, ob sie sich durchsetzen kann, ob die Emergenz der neuen Ordnung blutig oder unblutig abläuft etc., ist immer zufallsbedingt und kann von niemandem vorhergesehen und schon gar nicht gesteuert werden. Ein lebendes System hat eine Menge von Dimensionen, die niemand alle kennen und überblicken kann. Man kann sich vorstellen, dass das System durch einen sehr vieldimensionalen Raum hindurchbewegt und nie an denselben Punkt gelangt, an dem es schon einmal war. Auch wenn es manchmal scheint, dass sich die Welt in einer ähnlichen Situation befindet, wie auch schon, ist es sicher, dass sich die Geschichte nicht wiederholen wird. Sie ist stets das Resultat vieler Millionen Meinungen und Handlungen.

Die Welt ist pluralistisch!

Je mehr Menschen das System konstituieren, desto dynamischer ist es und desto mehr konkurrenzierende Meinungen versuchen, sich durchzusetzen. Auch in einem aktuell stabilen System gibt es immer Fluktuationen, die als Abweichung der Systemordnung diese testen, sei es durch zufällige Fehler oder sei es durch bewusste Alternativbewegungen. Change Management heisst, solche alternative Ideen zu nutzen und ihnen Schwung zu verleihen.

Ein System, in welchem die Fluktuationen fehlen, in welchem also die aktuelle Systemstruktur nicht immer wieder getestet und infrage gestellt wird, ist nicht mehr zur Weiterentwicklung fähig und hat ein Gleichgewicht und damit einen maschinenähnlichen Zustand erreicht. Ein solches System ist nur noch kompliziert, um auf die mittlerweile überstrapazierte und meines Erachtens nicht sonderlich originelle Dichotomie „kompliziert/komplex“ anzuspielen. In einem dynamischen System liegt die Komplexität nicht nur in der Systemstruktur begründet, sondern vor allem in der Möglichkeit, diese Struktur zu überwinden und eine neue, komplexere zu etablieren, die die Systemfunktion, die Ströme zu dissipieren, noch besser unterstützt. Wird eine Systemstruktur fixiert, indem künstlich versucht wird, Fluktuationen, Störungen und Pluralismus zu eliminieren, wird dadurch die Komplexität reduziert und das System wird auf eine Erhöhung der Flüsse nicht mehr reagieren können. Die Konsequenz davon ist, dass das System kollabiert und verschwindet. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der Sowjetunion oder verschiedener Grosskonzerne in den 2000er Jahren.

Reduktive und magische Hypothesenbildung zur Komplexitätsabwehr

Die Weltbevölkerung wächst rasant, mit der Prosperität nimmt weltweit der Konsum und die Nachfrage nach allem Möglichen zu. Das führt zu gewaltigen Waren-, Energie- und Informationsströmen in nie dagewesenem Umfang. Die dabei erzeugte Komplexität wächst ebenfalls exponentiell und hat die Steigung 1 vermutlich gerade überschritten. Viele Menschen reagieren darauf mit einem eigentümlichen Verhalten. Sie behaupten, dass es eine einheitliche „Volksmeinung“ gibt, die sie selber vertreten, weshalb sie auch für die Masse reden können. Damit reduzieren sie Pluralismus und erzeugen Gemeinschaft, in der so gut wie keine Fluktuationen vorkommen. Eine wichtige rhetorische Figur ist dabei, Komplexität zu leugnen, indem Tatsachen wenig präzis bis offensichtlich falsch beschrieben werden, um damit Probleme auf ein Niveau zu bringen, auf welchen sie lösbar werden.

Dabei kommt ihnen die Tatsache entgegen, dass kritisches Hinterfragen der Fakten nicht nur gelernt sein will, sondern auch aufwändig ist. Das heisst, dass sogar kritische Geister sich gerne vom Überprüfen falscher Behauptungen ablenken lassen. Wer dennoch auf Präzisierung der Fakten beharrt und sich gar erdreisst, Alternativen vorzuschlagen, gehört zu einer Elite, die von der Einheitsgemeinschaft aus verständlichen Gründen nicht gern gesehen ist.

Ist der Mensch überhaupt zu mehr Komplexität fähig?

Ich sage, wie die Welt zu sein hat

Dieses Verhalten ist wahrscheinlich eine zutiefst menschliche Komplexitätsabwehr und wer glaubt, sie sei nur eine perfide Wahltaktik von Politikern, sollte einmal genau in sich hinein hören! Ich beobachte das z.B. bei Studenxs in der Mathematik. Diese ist zwar alles andere als komplex, kommt aber für Anfänger oft als „komplex maskiert“ daher. Nachdem sie eine Aufgabe gelesen haben, können sie irgendeine Lösungsmethode oder Formel erfinden, die zwar völlig falsch ist, aber eine schnelle Lösung verspricht. Sie scheuen es, ihre Methode kritisch zu hinterfragen, denn dadurch würde ja unter Umständen herauskommen, dass sie falsch ist. Tatsachenverzerrung und Unterdrücken von Kritik scheint in komplexem Kontext eine weit verbreitete menschliche Heuristik zu sein. Dietrich Dörner nennt das wahlweise Zentralreduktion, Bildung magischer Hypothesen, Reduktive Hypothesenbildung oder Immunisierende Marginalkonditionierung.

Während die magischen Hypothesen in Richtung Verschwörungstheorien gehen, schreibt Dörner über die reduktive Hypothesenbildung:

Eine solche ‚reduktive Hypothese‘, die alles Geschehen auf eine Variable reduziert, ist natürlich in gewisser Weise – und das ist wünschenswert – holistisch. Sie umfaßt das ganze System“ und spart kognitive Energie

und zu der immunisierenden Marginalkonditionierung:

Eine weitere Möglichkeit, sich selber vorzugaukeln, das eigene (falsche) Modell wäre brauchbar, bietet das folgende Verhalten: ‚Das Modell ist richtig. In der Realität passiert zwar etwas ganz anderes als geplant oder vorhergesagt, doch liegt dieses an den ganz spezifischen Bedingungen der Realität, die nur in diesem einen Fall auftreten konnten und meine Prognose nicht eintreten ließen‘

Diese Strategien zielen alle darauf hinaus, Komplexität zu leugnen und zurückzuschrauben. Dadurch wird eine Weiterentwicklung erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Sollten menschliche Gesellschaften hier an eine psychologische Grenze der Komplexitätsaufnahme gelangt sein? Sollte Weiterentwicklung beim aktuellen Stand der menschlichen Psyche gar nicht möglich sein? Wenn das so wäre und gleichzeitig die Ressourcenflüsse zunehmen, käme es zum Kollaps der Gesellschaften. Die Überlebenden müssten dann auf einer niedrigeren Stufe von Komplexität neu beginnen.

 

 

 

 

C. Informationen

Die durch die Digitalisierung exponentiell zunehmende Informationsmenge setzt die Gesellschaften mächtig unter Druck. Während man eine Ware in den Händen hält oder nicht, sind Informationen sehr viel abstrakter und interpretationsanfälliger.

Information verflüssigen

Die entsprechenden Dissipationsprozesse – Verarbeitung der Information mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit des Systems – sind zum Teil weitgehend unsichtbar. Martin Lindner formuliert das in einem Interview über den Digitalen Klimawandel mit Jöran Muuss-Meerholz so:

Es sind unsichtbare Prozesse, die ausgehen von den digitalen Medien und von den Zeichenprozessen; in einer unglaublichen Geschwindigkeit wird eine unglaubliche Menge von kodiertem Wissen – von Symbolen, von Text, von Bildern und von Sprache – umgewälzt. Früher ist es viel zäher geflossen, in viel kompakteren Blöcken. Jetzt haben wir den Prozess der schnellen Umwälzung. Die Temperatur und der Puls steigt. … Das bewirkt, dass kompakte Landschaften auseinanderfallen, z.B. Universitäten, da werden in den nächsten Jahren grössere Stücke davon abbrechen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, auch wenn’s ungemütlich ist…. Der digitale Klimawandel betrifft Zeichen, Symbole, Schrift, Text und audiovisuelle Medien, die immer texthafter werden, also in immer kleinere Stücke gebrochen werden und abrufbar und adressierbar sind, also nicht mehr so wie Fernsehen früher lief. Jetzt haben wir also eine völlig neue Welt von Text und diese Texte sind nicht mehr gespeichert wie früher in Bibliotheken, also relativ konstant, sondern das geht jetzt unfassbar wie schneller und es ist unfassbar viel mehr

 

Die Bildung und das Netz – Lernen im digitalen Klimawandel from pb21 on Vimeo.

Der Oberlauf ist turbulenter

Mit anderen Worten: Die Viskosität der Informationen hat mit der Digitalisierung abgenommen, so dass Informationen viel dynamischer und turbulenter fliessen als früher, wo sie in grossen Blöcken eher gemächlich daherkamen und archiviert werden konnten. Während wir früher auf Unterlauf eines grossen Stroms sassen, der kaum merklich floss und sich alles immer wieder bestätigte, befinden wir uns jetzt am Oberlauf, näher an der Quelle, wo es sprudelt und wirbelt. Wir müssen uns treiben lassen und können kaum mehr aktiv steuern. Wir sind froh, wenn wir mit den Padeln die schlimmsten Kollisionen mit den Felsblöcken vermeiden können. Wir wissen nicht, wo es uns im nächsten Moment hinzieht. Die Erstmaligkeit, Ungewissheit und Dynamik ist sehr gross.

Auch der Herausgeber der Trendstudie des Zukunftsinstituts zur Digitalisierung, Christian Schuldt, spricht im Interview mit Wilfried Kretschmer von fluidem Wissen und beruft sich auf Dirk Baecker, wenn er sagt:

Unsere Einstellung zu Wissen ist immer noch vom industriellen Zeitalter geprägt. Die neue Wissenskomplexität, die durch digitale Verbreitungs- und Speichermöglichkeiten entsteht, verändert dies nun komplett. Doch wie sieht ein zeitgemäßer Umgang mit diesem Wissen aus? Und wie navigieren wir durch ein Meer fluiden und ubiquitären Wissens? Das Wissen, wie wir es kennen, hat ausgedient. Wir brauchen ein neues „Wissens-Wissen“, um mit dieser neuen Situation umgehen zu können

Aus: Überschießender Sinn: Digitalisierung, Komplexität und Kontrollüberschuss von Sinn

Schuldt sagt, dass dadurch, dass jeder sich verstärkt selbst an gesellschaftlicher Kommunikation beteiligen kann – Stichwort „soziale Netzwerke“ -, die Quellen des Wissens immer weniger klar sind und dadurch das „traditionelle“ Konzept der Wissensgesellschaft nicht mehr greift. Aber wir versuchen immer noch, unserem Leben einen Sinn, eine Richtung zu geben. Doch diese Konzepte gelangen heute an ein Ende, weil dies in einer vernetzten Welt so nicht mehr gelingt. Für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft insgesamt sowie für Unternehmen besteht nun die große Herausforderung darin, mit dieser neuen Komplexität klarzukommen.

Schuldt:

Es entsteht eine neue Gesellschaftsform, eine neue Wirtschaftsform, und zwar durch das Internet in sehr hoher Geschwindigkeit. Die Strukturform der Gesellschaft ändert sich. Wir leben nicht mehr in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Die klare Aufteilung in Subsysteme, die zwar miteinander interagieren, aber doch relativ klar abgegrenzt sind, löst sich auf. Wir haben es mit einem neuen Gesellschaftstypus zu tun, der Netzwerkgesellschaft

Das erinnert an die McLuhan-Galaxis. Der eingangs erwähnte Peter Kruse hat in seiner Rede vor dem Bundestag die Netzwerkgesellschaft ebenfalls angesprochen.  Wenn er sagt, dass sich die Macht vom Anbieter zum Nachfrager verschiebe, dann meint er nicht nur, dass der Kunde König sei, worauf schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hingewiesen wurde. Er spricht von Macht und meint mit Nachfrager die Gesellschaftsmitglieder schlechthin. Die Digitalisierung führt unweigerlich zu vernetzten Gesellschaftsstrukturen, mit der die Entmachtung der Zentren einhergeht. Das fordert starke Gegenkräfte heraus, die auch vor Kriegen nicht zurückschrecken werden.

Um eine Grundthese kurz in den Raum zu stellen: ich glaube nämlich, dass das Internet die Gesellschaft ganz gravierend verändert und zwar gibt es eine grundlegende Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager. Ich glaube, dass da etwas real passiert in allen Bereichen der Gesellschaft und das hat etwas mit der Systemarchitektur zu tun. Wenn man sich anschaut, was wir in den letzten Jahren gemacht haben, dann sieht man, dass wir hingegangen sind und die Vernetzungsdichte in der Welt gravierend erhöht haben. Es hat noch nie eine solche Explosion [der Vernetzungsdichte] vorher gegeben. Dann kam das Web 2.0 dazu, d.h. neben der Tatsache, dass wir die Vernetzungsdichte hochgejagt haben, haben wir die Spontanaktivität in den Netzen hochgejagt. Und das dritte, was dann noch dazu kam – über Retweetaktion z.B. in Twitter – das sind kreisende Erregungen im Netzwerk. Wenn die drei Dinge zusammenkommen – hohe Vernetzungsdichte, hohe Spontanaktivität und kreisende Erregung – dann kann ich Ihnen sagen, was passiert: die Systeme haben eine Tendenz zur Selbstaufschaukelung, d.h. Sie werden erleben, dass diese Systeme plötzlich mächtig werden und zwar ohne, dass man vorhersagen kann, wo das ganz genau passiert

 

Kruse nennt das, was wir oben mit „Systemstruktur“ bezeichnet haben, hier „Systemarchitektur“. Seine These ist, dass drei Grundvoraussetzungen gegeben sind:

  • Vernetzungsdichte = Zwischen den einzelnen Individuen bestehen viele Verbindungen, über die sie ununterbrochen kommunizieren,
  • Spontanaktivität = Die einzelnen Individuen entscheiden sich zuweilen ganz spontan, eine Beobachtung oder etwas, das sie beschäftigt, zu publizieren und zur Diskussion zu stellen,
  • kreisende Erregungen = die Publikationen der einzelnen Individuen regen andere an, sich zum Thema zu äussern und den ursprünglichen Beitrag weiterzutragen, so dass er immer grössere Kreise wirft. Das hat etwas mit Bewertung zu tun. Was immer wir erleben oder beobachten, reflektieren wir in Rahmen unseres eigenen Wertesystems. Wenn wir es so gefärbt zur Diskussion stellen, kommt es zu Resonanzen, die die verschiedenen Meinungen aufschaukeln.

Hier orientiert sich Kruse am menschlichen Gehirn, bei dem genau diese drei Grundvoraussetzungen erfüllt sind.

Wir leben in einer systemisch instabilen Phase

Das ist alles zwar nicht neu, soll aber der Illustration der Theorie dynamischer Systeme dienen. Die Digitalisierung hat neben anderen High-Tech-Branchen und sehr wesentlich zur Erhöhung des Informationsflusses beigetragen. Die Gesellschaften verbrauchen diese zusätzliche Informationsressource zur Erhaltung ihrer eigenen Lebensfähigkeit auf höherer Komplexitätsebene, was zur Folge haben wird, dass sich neue Dissipationsmuster ergeben werden, die sich in alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen manifestieren werden. Noch ist der Sprung auf die nächst höhere Komplexitätsebene nicht geschafft. Das zeigt sich dadurch, dass sich die grossen Probleme der heutigen Zeit – global warming, Bevölkerungswachstum, Terrorismus, Migration, Nationalismus und Chauvinismus, etc. – immer mehr verschärfen und die Gesellschaften in einen instabilen Zustand versetzen, in dem Vorschläge und Gegenvorschläge konkurrenzieren. Überall kommen Fluktuationen hoch, die neue Wege gehen und neue Formen des Zusammenlebens vorschlagen. Noch werden diese neuen Ideen gedämpft und gebremst. Die alten Institutionen wollen ihre Strukturen bewahren, während die Komplexitätsgegner die Probleme entweder leugnen oder sich einkapseln, in der Hoffnung, vom drohenden Einsturz nichts mitzubekommen. Zur Lösung der Probleme braucht es eine neue Gesellschaftsstruktur, die durch Dissipation des  neuen Informationsflusses getragen werden kann.

Es hängt alles davon ab, wie schnell die Menschen lernen, mit den neuen Situationen umzugehen und von ihrer Kritikfähigkeit, ihrer Kreativität und der Fähigkeit zur Agilität und zum systemischen Denken.

Bleiben Sie mir bloss mit den dünnen VUCA-Brettchen fern!

Über Komplexität kann man nicht reden, aber nicht, weil man sie dadurch entweihen würde, sondern weil jede Person unter dem Begriff etwas Anderes versteht. Meistens wird eine Situation als „komplex“ bezeichnet, wenn gleichzeitig viele Ereignisse passieren und viele z.T. widersprüchliche Informationen vorliegen, so dass der Protagonist die Übersicht verliert und ihm Entscheidungen schwerfallen. Aber das ist reine Überforderung und hat nichts mit Komplexität zu tun.

Die Funktion der Komplexität

Andere sehen in der Komplexität etwas Hehres oder gar Sakrales, das durch die blosse Beschreibung seinen filigranen Zusammenhang verliert. Für mich manifestiert sich Komplexität in emergenten Systemstrukturen. Dabei evolviert das System von einer Struktur zu der nächsten Struktur, die eine entsprechend höhere Komplexität aufweist. Die Strukturen versetzen das System in die Lage, gewisse Umgebungsanforderungen erfüllen zu können. Im speziellen Fall von Unternehmenssystemen können mittlerweile etwa drei oder vier solche Strukturen identifiziert werden, durch die Unternehmen evolvierten: Patriarchalische, hierarchische, leistungsorientierte und pluralistische Organisationen. Eine neue steht möglicherweise unmittelbar bevor, weil die pluralistische Struktur durch die Digitalisierung bereits wieder an ihre Grenzen kommt.

Für die Mehrheit der Menschen bestehen komplexe Systeme aus vielen Subsystemen, die sich in intransparenter Weise und schneller Abfolge gegenseitig beeinflussen. Daher wird aus volkstümlicher Sicht „Komplexität“ mit „Ungewissheit“, „Uneindeutigkeit“ und „Volatilität“ gleichgesetzt, was das US Army War College angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den 90er Jahren das Akronym „VUCA“ erfinden liess

Zufällige Buchstabenkette

Über den Begriff „VUCA“ habe ich hier schon einmal geschrieben.  Es scheint, als hätte das US Militär ein paar Begriffe zusammengewürfelt, die zweifellos etwas miteinander zu tun haben, aber weder vollständig sind, noch in einem einheitlichen Verhältnis zueinanderstehen. Volatilität, Ungewissheit und Ambiguität sind Auswirkungen von Komplexität. Insofern passt hier der Buchstabe „C“ nicht rein, denn er ist die Ursache der drei anderen. Aber Komplexität hat noch mehr Wirkungen, als nur die drei, die mit V, U und A gemeint sind. Es hätten also gerade so gut auch anderen Begriffe sein können, die in das Akronym eingeflossen sind. Z.B. ist Emergenz eine viel wichtigere Auswirkung von Komplexität, als Volatibilität, Ungewissheit und Ambiguität zusammen. Zusätzlich gehören Ein- und Erstmaligkeit zu den Begleiterscheinungen von Komplexität.

Das Akronym „VUCA“ scheint also völlig zufällig entstanden zu sein, ohne dass irgendwann irgendwer Rechenschaft darüber abgelegt hätte, ob es denn auch einen Sinn macht. Die Vermittlung der Kompetenz kritischen Denkens bleibt vorläufig ein gutgemeinter Vorsatz.

Haarsträubende Geschichten

Mittlerweile verwenden auch ernstzunehmende Berater und Referenten das Akronym, oft in völlig falschem Zusammenhang. Einer behauptet z.B.: „Umgangssprachlich meint VUCA, das nicht Erfassbare erfassbar zu machen“. Nein, das meint VUCA bestimmt nicht!

Ein anderer verbreitet auf seiner Website den Schwachsinn, dass VUCA die Welt erkläre. In einer Umfrage soll der Leser anklicken, welche der vier Einzelbegriffe er am „höchsten bewertet“. Missbräuchlicher könnte mit dem Akronym nicht umgegangen werden!

Wo vier Einzelbegriffe vorliegen, tauchen auch sofort Vierfeldermatrizen auf, die das Akronym scheinbar auf die Ebene eines Konzepts oder gar einer Theorie heben.

Mit Vierfeldermatrix ein Konzept vortäuschen

VUCA wird mittlerweile mit den beiden Dimensionen „Voraussagemöglichkeit“ und „Kenntnis des Zustandes“ in so einer Vierfeldermatrix dargestellt und alle schreiben sie einander ab. Nur einer konnte nicht einmal richtig abschreiben und hat die Dimensionen vertauscht, ohne die Positionen der vier Elemente anzupassen. Das würde zu einer völlig anderen Interpretation des Begriffs führen.

Die Dimensionen einer Vierfeldermatrix sind unabhängige Variablen, also Grössen, die vorgegeben sind und nach denen sich das System richtet. Voraussagemöglichkeit und Zustandskenntnis ergeben sich aber als Konsequenzen der Komplexität, die dem System eigen ist. Insofern ist eher der Grad von Komplexität eine der Dimensionen der Vierfeldermatrix. Mit anderen Worten: die Komplexität hängt nicht von der Vorhersagemöglichkeit ab, sondern umgekehrt! Aber darüber muss man schon ein wenig nachdenken, was in einer Zeit, in der es vornehmlich um Effekthascherei geht, nicht der kollektiven Bedürfnislage entspricht.

VUCA-Abwehr

In einem Forbes-Artikel ist sogar schon von „VUCA 2.0“ die Rede – Vision, Understanding, Courage, Adaptility – meint aber damit offenbar eher eine Antwort auf VUCA (1.0).

Wenn mit VUCA die Zunahme von Komplexität gemeint ist, was Planungs- und Prognosehorizonte verkürzt, dann haben Führungskräfte, die das mentale Modell von hierarchischen Strukturen verinnerlichen und an Kontrolle gewohnt sind, ein Problem. Gerne bieten Berater Lösungen an (obwohl es keine gibt). Der eine empfiehlt eben die Kompetenzen „Vision, Understanding, Courage, Adaptility“, einfach weil sie auch das Akronym VUCA ergeben. VUCA gegen VUCA. Vielleicht bietet er gleich noch Ausbildungen zur Erlangung dieser Kompetenzen an.

Ein anderer möchte auch VUCA gegen VUCA machen und rät auf Folie 41/57 einer Präsentation zu „Vison, Understanding, Clarity, Agility“. Solche sinnentleerten Beispiele gäbe es noch viele.

Ebenso als eine „Antwort“ auf VUCA versteht sich das VOPA+ Modell: Vernetzung, Offenheit, Partizipation, Agilität und das + bedeutet „Vertrauen“. Auch VOPA wird gemeinhin in einer Vierfeldermatrix dargestellt, aber meistens ohne Dimensionen, was es in dieser Darstellung völlig bedeutungslos macht. Es würde genügen, die fünf Begriffe einfach aufzulisten.

Was häufig erwähnt wird, wird häufiger erwähnt

In einer Dokumentation, die ZDFneo am 18. Mai 2017 ausstrahlte, hat Sascha Lobo ein paar Experimente vorgeführt, die zeigen sollen, wie leicht es ist, Menschen zu manipulieren (1).
Obwohl seine Findings wohlbekannt waren, sind seine einfachen und anschaulichen Experimente doch eindrücklich. Im ersten Experiment hat er acht Probanden eine Reihe Bilder gezeigt, die facebook-ähnlich daherkamen, also u.a. mit einer Angabe der Anzahl Likes, die das Bild erhalten hat. Eine Bilderserie bestand aus 3-4 fast völlig identische, ansonsten nichtssagende Bilder und die Probanden mussten sagen, welches Bild der Serie ihnen am besten gefällt. Natürlich wählten die Probanden meist dasjenige Bild mit den meisten Likes. Ein ähnliches Experiment basierte auf schwierigen Wissensfragen mit einer Auswahl an Antworten mit der Angabe, wie viele Leute diese Antwort bei einem früheren Quiz gegeben hatten. Man kann auf diese Weise jede Antwort provozieren.

Das ist der berühmte Matthäus-Effekt: wer viel hat, erntet viel, wer wenig hat, geht leer aus. Jedes Mal, wenn der Begriff „VUCA“ verwendet wird, trägt das dazu bei, dass er noch attraktiver wird.

Die Polya-Verteilung

Der Mathematiker Georges Polya hat folgendes Experiment vorgeschlagen: Zu Beginn enthält eine Urne zwei Kugeln, eine schwarze und eine weiss. Es wird eine Kugel zufällig gezogen und wieder zurückgelegt. War sie schwarz, wird eine weitere schwarze Kugel in die Urne gelegt. War sie weiss, wird eine weisse Kugel in die Urne gegeben. Nun sind es drei Kugeln. Wieder wir eine Kugel zufällig gezogen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieselbe Farbe hat, wie beim ersten Zug, ist jetzt grösser. Wieder wird die gezogene Kugel zurück gelegt und zusätzlich eine mit derselben Farbe, wie die der gezogenen, dazugegeben. Nun enthält die Urne vier Kugeln. Bei jedem Zug kommt eine Kugel dazu.
Sie können sich ohne Mühe überlegen, dass zu Beginn beide Farben dieselben Chancen hatten, dann aber eine Farbe überhandnimmt und die andere immer mehr unterdrückt.
Genau das passiert mit solchen Begriffen wie „VUCA“. Jedes Mal, wenn sie erwähnt werden, steigt ihre Akzeptanz. Das ist eine einfache statistische Ursache.

Populismus und Kritisches Denken

Dazu kommt jetzt noch eine inhaltliche: Je komplexer die Welt, desto grösser die Akzeptanz vereinfachender Begriffe und Stories. Das machen sich neuerdings politische Kreise zu Nutzen, die die Welt mit plakativen Dichotomien oder paar Schubladen erklären, gerne vier Schubladen, zwei rechts und zwei links. Solche Vierbuchstabenkürzel oder Vierfeldermatrizen sind ja auch nichts anderes als etwas ausgedehnte Dichotomien. Damit kann die Gesellschaft gespalten werden, und wenn man sich jetzt nioch elitefeindlich gibt, hat man schnell die Mehrheit hinter sich.

Dass unsere digitalen Fussabdrücke, die wir im Web hinterlassen, wenn immer wir online sind, gespeichert, analysiert und zu Marketingzwecken verwendet werden, empfinde ich persönlich noch nicht sehr beunruhigend. Beunruhigend ist, wenn die Menschen aufgrund ihrer Daten zu kollektiven Reaktionen verleitet werden, die sie gar nicht wollten. Das wird von Intriganten und Demagogen zwar seit hunderten von Jahren gemacht, aber mit Sozialen Medien gelingt der Trick umso besser. Da wird mit verfälschen Kontexten und gefälschten Likes eine Crowd vorgegaukelt, auf die immer mehr Menschen reinfallen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, es hilft lediglich kritisches Denken.

Angesichts solcher düsteren Aussichten ist die Verbreitung des dümmlichen VUCA-Begriffs geradezu eine Bagatelle, könnte man meinen. Ihre einlullende Wirkung erodiert aber gerade das kritische Denken, das gegenüber populistischen Machenschaften dringend gebraucht würde, wenn es denn überhaupt vorhanden war.

Das I-Space-Modell gegen das Cynefin

In einer Slideshow über Lernen und Management 2.0 als neue Rolle der Führungskräfte stellt Folie 18/44 diese VUCA-Vierfeldermatrix neben das Cynefin-Modell, das ja auch aus einer Vierfeldermatrix besteht und eines der Felder – Komplexität – mit einem der Felder des VUCA-Modells übereinstimmt.

Aus Tom Graves, More on chaos and Cynefin (2)

In Können kleine Systeme komplex sein?  habe ich die Geschichte des Cynefin-Modells nachvollzogen, das aus dem I-Space-Modell von Max Boisot hervor ging. Das I-Space-Modell findet in einem Würfel statt, dessen drei Dimensionen noch klare Grössen hatten, während das Cynefin-Modell, das alles andere als ein Modell ist, meist ohne Dimensionen präsentiert wird. Wenn Sie mal in Google eine Bildersuche nach „Cynefin“ vornehmen, dann stellen Sie fest, wie schwierig es ist, Darstellungen mit Dimensionen zu finden. Eine stellt die vier Felder in die Dimensionen „Offenheit der Ziele“ und „Anzahl Spielregeln“, während ein anderer die Dimensionen „Ordnung“ und „Reaktionszeit“. Seine Erklärung, dass das Gegensatzpaar „kompliziert“ und „komplex“ erst dann auftreten kann, wenn genügend Zeit zur Analyse besteht – so habe ich die diffuse Erklärung verstanden -, ist aber einigermassen an den Haaren herbeigezogen.

Max Boisot ging es im I-Space Modell um Wissensstrukturen. Er unterscheidet zwischen

  • öffentlichem Wissen, das aufbereitet und verbreitet ist
  • geheimem Wissen, das aufbereitet und nicht verbreitet ist
  • persönlichem Wissen, das weder aufbereitet noch verbreitet ist
  • Allgemeinwissen, das zwar nicht aufbereitet, aber weit verbreitet ist
John W. Lamp und Simon K. Milton. The social life of categories: An empirical study of term categorization
Article (3)

Komplexität kann aufgrund des verfügbaren Wissens auch bloss ein (subjektiver) Eindruck sein. Das I-Space Modell siedelt Komplexität zwischen Chaos und Ordnung an, wie es sich gehört. Aber Ordnung ist nicht einfach mit Kompliziertheit gleichzusetzen. Das Gehirn hat als komplexes System eine Ordnung. Auch die dem Gehirn entsprungenen Gedanken meines (komplexen) Bewusstseins haben eine gewisse Struktur.

Die Cynefin-Darstellung hat das I-Space-Modell bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht, nach dem open source Spruch „fucked until byond any recognition“. Das ist sehr schade, denn das I-Space-Modell hatte Hand und Fuss und regte zumindest zum Nachdenken an. Als ich bei einer Gelegenheit vorschlug, Cynefin wieder durch das I-Space-Modell zu ersetzen, schlug mir eine Welle der Entrüstung entgegen. Das sei viel zu kompliziert. Aber so ist das nun mal mit der Dünnbrettbohrerei. Menschen wollen einfache, überschaubare, genehme und anschauliche Erklärungen dieser komplexen Welt, die schon nur bei gedankenloser Betrachtung Kopfschmerzen verursacht.

(1) https://www.zdf.de/sender/zdfneo/manipuliert-100.html

(2) Tom Graves, More on chaos and Cynefin. 2010

(3) John W. Lamp und Simon K. Milton. The social life of categories: An empirical study of term categorization
Jan 2012 · Applied ontology

Pull-Lernen: nicht in den Kopf hinein hämmern, sondern aufsaugen

In den Social Media Kanälen wird momentan auf das Interview mit dem dm-Gründer Götz Werner verwiesen, der darin sagte (1):

Im Leben braucht man keinen Druck, sondern Sog. Wer fliegen möchte, braucht Thermik. Flugzeuge fliegen, weil Sog aufgebaut wird. Ich selbst bin Vater von sieben Kindern – die reagierten alle nur auf Sog. Kunden, die bei uns kaufen, kommen, weil sie Sog verspüren, nicht weil ihnen jemand in den Hintern tritt.

Dass Menschen etwas aus sich heraus tun und nicht, weil sie unter Druck stehen, ist absolut richtig, auch wenn das Beispiel mit dem Fliegen schlecht gewählt ist. Ob die Kunden von seiner Drogeriekette angesaugt oder hineingeblasen werden, sei mal dahingestellt. Sicher ist, dass seine Drogerien von den Kunden gezogen werden und nicht von den Lieferanten gestossen.

Pull- und Push-Strategien

In der Betriebswirtschaft ist das logistische Pullprinzip längst angekommen. In den 70er Jahren galt noch das Push-Prinzip: Die Unternehmen produzierten „auf Halde“ und füllten die Endprodukteläger. Der Verkauf musste die Produkte dann so schnell als möglich verkaufen, indem er sie den Kunden auf die Nase drückte. „Bedürfnisse schaffen“ nannte man das damals.

by Grochim and Wikipedia

In den 80ern kippte das Push-Paradigma und machte einem neuen Verständis Platz, wonach die Kunden zu sagen pflegen, was sie wollen. Das bedeutete, dass der Verkauf vorwiegend zuhörte, was der Kunde wünscht – sog. „screening“ – und ihm dann diesen Wunsch realisiert. Damit „zieht“ der Kunde das Produkt durch die Produktion hindurch, es wird nicht mehr durchgestossen, wie in den 70ern. Spätenstens seit den 90er Jahren funktionieren alle Unternehmen nach dem Push-Prinzip. Das bedeutet, dass in der Produktion stets ein „Sog“ herrscht, wie es Herr Götz Werner in seinem Interview anschaulich ausdrückte, auch wenn es sich nicht um die betriebswirtschaftlich korrekte Bezeichnung handelt.

Zwar ist die Unterscheidung zwischen Pull- und Push-Strategie (2) nicht ganz so einfach, wie hier dargestellt. Auch heute kann in gewissen Fällen eine Push-Strategie immer noch Sinn machen. Bei der Pull-Strategie besteht das Problem, dass der Kunde meist nicht gewillt ist, so lange auf das Produkt zu warten, bis es produziert ist. Daher werden meist Mischformen angewandt.

Pull-Lernen

Weners Zitat wird auch deshalb verbreitet, weil es eine Aussage für modernes Lernen machen kann. Gelernt wird, was interessiert. Wenn mich etwas interessiert, dann gehe ich dem nach. Meine Motivation saugt das Wissen auf. Wenn aber ein Lehrer, die Eltern, der Arbeitgeber oder sonst eine Institution versucht, mir Wissen „beizubringen“, das mich nicht interessiert, dann ist das so, als würde er es mir in den Kopf hinein „drücken“ wollen und das funktioniert nicht. Das meinte Werner, wenn er sagt, dass seine Kinder nur auf Sog reagieren. Sie machen, was sie wollen, was sie interessiert, wofür sie motiviert sind.

Auf das Lernen übertragen bedeutet dies, dass nur der Lernende weiss, was er benötigt und was ihn interessiert. Das herkömmliche Schulsystem geht aber davon aus, dass der Lehrer im Vornherein weiss, was der Schüler braucht. Der Lehrer erzählt den Stoff einer Gruppe von Schülern in einem frontalen Vortrag. Die Schüler müssen dann das, was der Lehrer erzählt hat, nur noch auswendig lernen. Genau dieser Schritt geht nur unter Druck. Das, was der Lehrer erzählt hat, muss in die Köpfe hinein „gedrückt“ werden. Nach Götz Werner funktioniert dies nicht.

Neuere Lern-Ansätze drehen den Spiess denn auch etwa um. Anstatt, dass die Lehrer Wissen „auf Halde“ produzieren, in der Hoffnung, dieses Wissen den Schülern „verkaufen“ zu können, sollen die Schüler dasjenige Wissen, das sie interessiert, be-ziehen. Die Schüler ziehen das Wissen aus dem Bildungsapparat heraus, ganz wie die Kunden ihre Produkte aus den Produktionsstätten herausziehen. Ich nannte dieses neue Lernparadigma deshalb Pull-Lernen.

Lehrer nach Bedarf

Pull-Lernen stelle ich mir so vor, dass sich ein Mensch in seiner aktuellen Lebenssituation für gewisse Dinge interessiert und diesen aus sich heraus nachgeht. Er liest zunächst einmal einschlägige Artikel und Lehrbücher. Vielleicht stellt er fest, dass er noch nicht über die nötigen Voraussetzungen verfügt, um den Stoff zu verstehen. Dann wird er sich für die Preliminarien interessieren. Versteht er etwas nicht, von dem, was er gelesen hat, dann wendet er sich an Experten. Das können z.B. Lehrer sein, die ihm genau dieses eine Wissenselement erklären, das unser Protagonist nicht verstanden hat. Dazu müssen die Lehrer nicht in einer Schule sitzen und vor Klassen reden. Sie können z.B. im Web angesprochen werden und dort ihre Erklärungen abgeben. In weitergehenden Fällen können Online-Besprechungen oder gar persönliche Treffen durchgeführt werden. Schulen und erst recht Schulhäuser werden also beim Pull-Lernen überflüssig.

Ebenso werden Zeugnisse, Prüfungen und Zertifikate obsolet. Wenn sich unser Mensch für etwas interessiert, dann sagt er, wann er genug weiss und kann. Er prüft sich ständig selbst. Nur er weiss, wann das „Lern-Produkt“ die nötige Qualität hat, die er sich vorgestellt hat, als er anfing, sich für diese Sache zu interessieren.

Lernen just-in-time

Wer im herkömmlichen „Lernjahre – Wanderjahre – Meisterjahre“ denkt, kann mit diesem neuen Lernparadigma so gar nichts anfangen. Wie, wird er fragen, kann ein Mensch, der z.B. Maurer werden will, wissen, was er heute lernen muss, um dereinst gut mauern zu können. Da er ja das Maurern erst erlernen will, kann er zum Voraus noch nicht wissen, für was er sich heute im Detail interessieren soll. Das ist richtig.

Mit zunehmender Komplexität der Arbeitswelt werden jedoch die Blöcke Lernjahre, Wanderjahre, Meisterjahre zunehmend kleiner und fragmentierter. Es wird nicht mehr möglich sein, einen Beruf für’s Leben zu erlernen. Gemäss dem eindrücklichen Video „Did you know“ haben 2004 die Jobs noch gar nicht existiert, die 2010 zu den gefragtesten gehörten (3). Diese Tendenz nimmt exponentiell zu. Heute gibt es gefragte Jobs, die vor 3 bis 4 Jahre noch gar nicht existierten. Es ist also schon sinnlos geworden, auf eine Lehrabschlussprüfung zu lernen, die in 3 bis 4 Jahren stattfindet.

Das US Departement of Labour schätzt, dass ein Mensch 14 verschiedene Jobs haben wird, bevor er 40jährig ist. Das bedeutet, dass Menschen immer schneller ihre Jobs wechseln (müssen). Man ist immer seltener Maurer, Mathematiker, Pilot oder Lehrer. Man mag dieses Jahr Lehrer sein und nächstes Jahr vielleicht Augenoptiker. Und meistens hat man sowieso mehrere Jobs parallel. Um diese schnelle Abfolge von verschiedenen Tätigkeiten zu meistern, muss man sich laufend neue Fähigkeiten aneignen. Mit reiner Wissensaufnahme ist es nicht getan. Wir müssen immer öfters eine Fähigkeit genau in diesem Moment erlernen, in welchem wir diese Fähigkeit benötigen.

Im herkömmlichen Bildungsverständnis lernt ein Mensch „für’s Leben“. Er lernt Dinge, von denen er nicht weiss, ob er sie jemals benötigen wird. Das war bisher auch richtig so. Doch wenn wir dieses Verständnis nicht aufgeben, dann bilden wir bald Studenten für Jobs aus, die noch gar nicht exsistieren, um Technologien zu nutzen, die noch gar nicht eingeführt sind und um Probleme lösen zu können, die noch gar nicht als Problem erkannt sind, wie wir im Video „Did you know“ erfahren. Eine Lösung für die zukünftige Arbeitswelt kann auch wieder aus der betriebswirtschaftlichen Logistik entlehnt werden: Learning by just in time. Wir absolvieren nicht mehr länger teure und jahrelang andauernde Lehrgänge, in welchen wir uns Fähigkeiten aneignen müssen, die bereits bei der Abschlussprüfung nicht mehr gefragt sein werden, sondern lernen das, was im aktuellen Job oder Lebenssituation gerade angesagt ist.

Volksschulen

Wie ist die spezielle Lernsituation von Kindern in diesem Kontext zu interpretieren? Selbstverständlich gibt es einen Kanon von Kulturtechniken, die vermutlich in den nächsten paar Jahrzehnten Beständigkeit haben werden. Welche das sind, ist gerade Thema einer breitangelegten Diskussion.

Ich kann mir vorstellen, dass bald niemand mehr selber schreiben muss, da bereits heute gängige Softwarepakete existieren, die alles, was man ihnen diktiert sofort in ein Dokument schreiben. Dass wir solche Software so wenig brauchen, liegt noch an der Benutzerfreundlichkeit. Wir wollen ja nicht immer eine Software starten und vielleicht sogar noch ein Headset anlegen, bevor wir etwas schreiben können. Wahrscheinlich wird bald einmal das Smartphone einfach alles, was wir sagen, in ein Dokument schreiben. Daraus können wir dann entnehmen, was wir schriftlich weiterverarbeiten wollen.

Auch rechnen brauchen wir nicht mehr selber. Es gibt seit Jahrzehnten handliche Rechenmaschinchen oder entsprechende Apps für das Smartphone. Allerdings gilt in diesem Fall dasselbe wie für das Schreiben. Es ist oft zu mühsam, die Rechnerapp zu starten und die Rechenaufgabe einzutippen. Eine Anzeige in der Brille muss automatisch reagieren, wenn wir eine Rechnung sagen.

Übersetzungssoftwarepakete werden bald so gut sein, dass sich niemand mehr der Mühe aussetzt, eine fremde Sprache zu erlernen. Man kann also tatsächlich rätseln, welche Kulturtechniken denn übrigbleiben, die unsere Kinder „für’s Leben“ lernen könnten.

Eine Fähigkeit, die bestimmt in den nächsten hundert Jahren benötigt wird, ist die, Neues zu Lernen. Wenn ich morgen bei Arbeitsbeginn vernehme, dass ich jetzt einen neuen Job habe, der so gar nichts mit allem dem zu tun hat, was ich bisher gemacht habe, dann muss ich schnell und effektiv das lernen, was der neue Job von mir fordert. Damit ich das kann, muss ich gewisse Lern-Fähigkeiten haben. Da niemand solche Fähigkeiten einem anderen beibringen kann, muss sie sich jeder selber aneignen. Das gilt auch und vor allem für Kinder. Gewiss, man kann sie unterstützen, indem man z.B. Spiele erfindet, welche in schneller Abfolge verschiedene Fähigkeiten fordern, die sich die Mitspieler zuerst aneignen müssen, bevor sie weiterspielen können.

Spielerisch lernen statt büffeln

Angesichts der Zunahme von Informationen und Daten spielt kritisches Verständnis eines Textes eine grosse Rolle. Auch das kann geübt werden, genauso wie Kreativität, die für zukünftige Jobs eine zunehmend wichtige Voraussetzung sein wird. Solche Fähigkeiten können spielerisch geübt und angeeignet werden. Die Zeiten des Drills und Büffelns werden bald vorbei sein, weil genau dasjenige Wissen, das nur durch büffeln einigermassen haften bleibt, obsolet wird. Zwar müssen auch die Kulturtechniken, die in Zukunft Bestand haben, immer wieder geübt werden, bis sich ein bestimmtes Verhalten eingeprägt hat. Aber dieses Üben geschieht nicht drillmässig, sondern spielerisch. Daher werden Schulen für Kinder bis ca. 15jährig vermutlich offener und spielerischer werden.

Die einzige bisherige Kulturtechnik, die vielleicht noch weiterhin geübt wird, könnte Lesen sein. Zwar kann ich mir einen Text von einer Software vorlesen lassen. Ich persönlich verstehe aber einen etwas komplizierteren Sachverhalt besser, wenn ich ihn lese, als wenn ihn mir jemand vorliest oder vorträgt. Das mag u.a. daran liegen, dass ich beim Lesen innehalten und mir das bisher Gelesene überlegen kann. Zwar könnte ich auch eine Vorlese-Software anhalten. Das ist aber bedeutend umständlicher, auch wenn ich bloss „stop“ rufen müsste.

Leuchtfeuer 4.0

Am 19. April startet online eine kollaborative Veranstaltung, die u.a. diese Themen aufarbeitet. Der Anlass ist kostenlos. Jedermensch kann teilnehmen und mitmachen. Während zwei Wochen kann man sich mit anderen austauschen und seine Meinung einbringen. Die Veranstalter schreiben (4):

Mit dem MOOC möchten wir zunächst, gemeinsam mit euch, unser aller „Neuland“ im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ neu kartographieren. Wie können wir uns darauf besser vorbereiten? Das ist die zentrale Frage.

Schauen Sie rein! Es lohnt sich auf jeden Fall.

Nachtrag (09.04.2017): Das berührende Video „alike“ zeigt, was hier gemeint ist. Der Schüler interessiert sich jetzt für Musik, wird aber gepusht, sich mit Buchstaben zu beschäftigen, bis ihm die Farbe abhanden kommt.

„Alike“ is an animated short film directed by Daniel Martínez Lara & Rafa Cano

(1) http://derstandard.at/2000051252761/Goetz-Werner-Alte-s-stellt-eine-ganze-Gesellschaft-vom-Kopf
http://www.webcitation.org/6pLWCnzPR

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Push-Pull-Strategie

(3) Did you know? https://www.youtube.com/watch?v=U9NZqtG2Ncg

(4) https://mooin.oncampus.de/feuer40

Neue Riten braucht das Land

Ein neulicher Kommentar zu einem meiner schon älteren Blogbeiträge lautet kurz und bündig:

Die Welt ist nichts, Gott ist nichts. Ich bin auch nichts. Das macht aber nichts

Der Kommentator legt dieses Zitat Max Stirner in den Mund, was ich nicht bestätigen kann. Das macht aber nichts.

Das Universum verfliesst, es gibt keinen Halt mehr

Hingegen macht es durchaus etwas, dass Gott und die Welt nichts sind. Vor drei- bis vierhundert Jahren verbannte die Naturwissenschaft den Mensch aus dem Zentrum des Universums und löste dieses gleichzeitig auf, worauf Nietzsche feststellte, dass Gott tot sei. Die Physik des jungen 20. Jahrhunderts bewies, dass die Welt materiell eher nichts als etwas und jedenfalls sehr relativ ist.

Das führte mit dem Konstruktivismus zur Abkehr von der Idee einer absoluten Wahrheit und empirischen Objektivität, was aber dem seit mindestens 3000 Jahre gewachsenen Gefühl, wonach eine Aussage – neuerdings spricht man von «Fakt» – entweder wahr oder falsch sein muss, widerspricht.

Wir schlichen uns aus dem Zentrum des Universums davon (Flammarions Holzstich, by Wikipedia)

In der Folge versuchte man, diese zweiwertige Logik zu ergänzen, obwohl die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse weniger für eine dreiwertige Logik sprachen als vielmehr für eine sowohl-als-auch-Logik. Versuche in dieser Richtung bilden die dialogische Logik oder die polykontexturale Logik von Gotthart Günther. «Sowohl-als-auch» bedeutet, dass die Nicht-Wahrheit einer Aussage ihre Wahrheit überlagert. Eine Aussage ist also immer wahr und gleichzeitig falsch. Insbesondere gibt es keine Dichotomien, da beide Pole immer gleichzeitig Gültigkeit haben. Aber damit sind trotzdem nicht beliebige Aussagen möglich, denn in einem bestimmten Kontext macht die Wahrheit oder die Nichtwahrheit der Dichotomie Sinn.

Hier zeigt es sich erneut, dass die Natur(wissenschaft) und die Gesellschaft nicht komplementär sind, sondern sich vielmehr gegenseitig konstruieren.

Der Leuchtfeuer-Online-Event als eine Art Burning Man Event im Web

Die Relativität des Universums und der Standpunkte hat nach Gott nun grundsätzlich alle Autoritäten abgeschafft. Die Menschen haben plötzlich «unendliche» Freiheit erlangt, weil niemand mehr sagt – sagen kann, was wahr und was falsch ist.  Schon möglich, dass die meisten Menschen so viel Freiheit gar nicht aushalten. Caveat Magister schreibt (1):

Human beings are not suited for a universe without a center

Das erinnert mich ein wenig an Bertolt Brecht:

Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug

Ceveat Magister arbeitet für das Burning Man’s education department an einer Studie über die  “Burning Man culture”.

Als Einführung in den MOOC – Massive Open Online Course – über neue Arbeitsräume, der am 19. April startet, schreibt Anja C. Wagner zum Titel des MOOC, «Leuchtfeuer 4.0» (2):

Schon mal vom Burning Man gehört? Eines der faszinierendsten Festivals der westlichen Welt – und Pulsgeber für das Web 2.0, die DIY-Kultur, das Weltverbesserungsdingens im Silicon Valley und all die Folgen, die wir derzeit spüren

Der MOOC sei jeder Person empfohlen, die sich für neue Arbeits-, Lern- und Lebensformen interessiert und neue Wege gehen möchte. Für den MOOC kann man sich hier anmelden:

Leuchtfeuer 4.0: Arbeit 4.0 trifft Bildung 4.0.

Leuchtfeuer 4.0 (by Nina Oberländer)

Ein MOOC ist ein Anlass, der vollständig im Web stattfindet. Man muss also nicht einmal aus dem Haus gehen. Es gibt aber keine Teilnehmer. Alle sind Teilgeber, d.h. alle leisten einen Beitrag. So funktioniert auch das Burning Man Festival.

Die Haut wird zum Kleid, das wir nach Belieben ablegen können

Magister glaubt, dass die unendliche Freiheit, die wir erlangt haben, uns mehr ängstigt als der Tod. Deshalb suchen wir verzweifelt nach Führung und Anleitung für unser Handeln.

So verstehe ich den globalen Erfolg rechtsnationaler Parteien, die die Welt mit simplen Dichotomien erklären und darauf aufbauend einfache Handlungsanweisungen versprechen. Während es vor 700 Jahren hiess: «Hie Ghuelf, hie Ghibellinen» (3), erklären die Populisten heute noch die Welt mit «Hier sind wir und dort die Anderen, die wir hier nicht dulden». Als ob in einer relativen Welt ohne absolute Wahrheiten eine solche Dichotomie noch irgendwelchen Sinn ergäbe!

Jumping out of your skin in the new year (by Farrukh, flickr)

Unsere ethnische Zugehörigkeit, unser Beruf, unsere Religion, ja sogar der Boden, auf dem wir stehen, gehörten bis vor Kurzem so sehr zu uns, wie unsere Haut. Auch wenn es viele noch nicht verstehen, Sie lernen gemeinsam, sie fühlen aber, dass das alles nun austauschbar geworden ist wie ein Kostüm, meint Magister, als könnten wir neuerdings aus der Haut steigen und eine andere anziehen.

Beispielsweise bedeutet lebenslanges Lernen, dass wir nicht mehr zuerst eine Ausbildung machen und dann endgültig das sind, wofür wir ausgebildet wurden. Vielmehr müssen wir uns heute den schnellen Veränderungen anpassen und unseren Beruf ständig wechseln, je nachdem, was verlangt wird.

Auch Heimat wird relativ. Immer mehr Menschen leben nomadisch und sind überall zuhause. Das Web erlaubt uns, viele Arbeiten ortsunabhängig und dennoch kollaborativ zu erledigen. Dabei kommen wir mit verschiedenen Kulturen und Religionen in Kontakt und müssen uns vorübergehend anpassen, so dass wir schliesslich auch multikulturell leben, denken und fühlen.

Das Normalarbeitsverhältnis – eine Ausnahmeerscheinung

Wenn lebenslanges Lernen und nomadisches Leben heute grad noch freie Entscheidungen sind, werden die Menschen bald keine Wahl mehr haben. Brigitta Bernet von der Universität Basel sieht im Normalarbeitsverhältnis – 40 Jahre Lohnarbeit auf der Basis einer vorgängigen Ausbildung – sowieso ein Ausnahmephänomen (4). Es ist erst in der Aufklärung entstanden und hat sich für die männlichen Familienernährer vor allem im Fordismus und seiner Produktionsform etablieren können. Das Normalarbeitsverhältnis setzt einen national verankerten, von der internationalen Konkurrenz weitgehend abgeschotteten Produktionsbetrieb voraus. Dieser verliert mit fortschreitender Globalisierung und Tertiarisierung an Bedeutung, so dass dem Normalarbeitsverhältnis der Boden entzogen wird. Auch hier identifiziere ich im momentanen Erfolg rechtsnationaler Kräfte ein letztes Aufbäumen gegen das allmähliche Abgleiten des Normalarbeitsverhältnisses, das mit dem Schliessen der Grenzen ihrer Meinung nach geschützt werden kann.

Auf der anderen Seite entstehen überall Initiativen für innovative Arbeitsmodelle auf Augenhöhe, selbstbestimmtes Arbeiten und Lernen, lebenslanges Lernen und alternative Unternehmensformen, die der neu gewonnenen «unendlichen» Freiheit des Menschen Rechnung tragen. Diesen Initiativen folgen vielleicht nur Menschen mit einem Urvertrauen in die Welt und die Menschheit. Es braucht viel Zuversicht und Offenheit, um das Zentrum des Universums und absolute Wahrheiten loszulassen. Die meisten haben wahrscheinlich Mühe damit. Es macht ihnen Angst und sie suchen nach Autoritäten und Fixpunkten, sogar wenn es ihnen bewusst ist, dass es sich um falsche Autoritäten handelt, die falsche Versprechungen machen.

The Healing Power Of Doing Good

Ein Ritus ist ein Tun (by merdeka)

Magister glaubt, dass wir wieder Riten brauchen. Aber wo nehmen wir in einer säkularisierten Welt ohne Orientierungshilfen Riten her? In den Schoss Gottes können wir nicht mehr zurück, nachdem wir uns aus dem Mittelpunkt des Universums hinauskatapultiert haben. Wir haben Technologie als prophetischen Kult. Bald seien Computer so intelligent, dass sie uns sagen, was wir tun und lassen sollen. Sie glauben, dass das ein angsteinflössendes Szenarium ist? Nicht für alle, denn wenn Computer und Big Data Algorithmen Handlungsanweisungen geben und Verantwortung abnehmen, dann kommt das vielen Menschen gerade recht. Endlich wieder eine Autorität, die Stütze ist!

Aber Magister versteht unter Riten Tätigkeiten. Er sagt, dass Intellektualismus und Theorien nicht genügen, sondern ein Tun gefordert ist. Riten sind Prozesse, die man durchlaufen muss, um sich mit der Autorität zu versöhnen. Religionen sind weniger gemeinsamer Glaube als vielmehr gemeinsame Aktivitäten, z.B. gemeinsames Gebet oder gemeinsames Empfangen von Sakramenten.

Magister fordert in einer säkularisierten Welt Aktivitäten, mit denen sich jeder Mensch im Rahmen seiner Talente und Fähigkeiten engagieren kann. Im 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden gerade zu diesem Zweck Serviceclubs und Logen. Ihr Credo ist der gemeinsame Einsatz im Dienste der Allgemeinheit. Damit ihr Tun einen rituellen Charakter erhalten, geben sich diese Organisationen in gewisser Weise sakral und wählen ihre Mitglieder sorgfältig aus. Leider haben Serviceclubs in der Öffentlichkeit das Ansehen einer Lobby korrupter Entscheidungsträger. Das kann ich aber aus meiner Erfahrung nicht bestätigen.

Rituelles Lernen als Voraussetzung zum Glücklichsein

Magister fragt, welche Organisationsformen moderne Riten bilden und tragen können und wie sie ihre Mitglieder für Freiwilligenarbeit motivieren können, die sowohl für die Mitglieder als auch für die Gemeinden einen Wert generieren. Im diesjährigen Burning Man Event wollen 70’000 «Burners» diesen Fragen nachgehen.

Ich denke, einzelne Organisationen, Tribes oder Communities können nicht mehr als Vorbilder sein. Eine Community von 70’000 Menschen ist ansehlich. Serviceclubs bringen es auf mehrere Millionen Teilgeber, die ihre Activities sogar überall rund um den Globus durchführen. Um jedoch den Menschen in ihrer «unendlichen» Freiheit wieder eine Stütze zu geben, reichen Organisationen und Communities nicht aus. Es muss vielmehr ein gesellschaftsweiter gemeinsamer Wille wachsen, der mit rituellem Tun verbunden ist. Dieses Tun muss einem Grundbedürfnis der Menschen entsprechen und ihnen Halt und Anleitung  geben.

by Topgold (from karegivers and  Google)

Lernen könnte ein solches Tun sein. Lernen ist eine überlebenswichtige Tätigkeit des Menschen und deshalb ein guter Anwärter auf einen Ersatz von Riten. Wir müssen täglich lernen. Lernen durchzieht unser Leben, von Geburt bis zum Tod.  In konnektivistischen massiven offenen online Kursen (cMOOC), wie dem Leuchtfeuer 4.0,  könnte sich so etwas wie Riten entwickeln. Ein cMOOC dauert im Allgemeinen mehrere Wochen, hat einen Anfang und ein Ende und das Ziel, einem bestimmten Thema auf den Grund zu gehen. Leider ist der Begriff «Kurs» falsch gesetzt, denn ein Kurs suggeriert, dass ein Lehrer in herkömmlichem Sinn Wissen an Schüler weitergibt. Aber ein cMOOC ist kein Kurs, sondern besteht aus selbstbestimmtem Lernen. Jede Woche werden einige Materialien zu einem Unterthema vorgelegt, das alsbald von den Personen, die sich im cMOOC eingeschrieben haben, diskutiert und von allen Seiten beleuchtet werden. Das Lernen geschieht in Kollaboration und im gemeinsamen Tun aller Teilgeber. Das sind diejenigen, die sich eingeschrieben haben. Das sind nicht Teilnehmer, denn das wäre zu passiv. Alle beteiligen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Im gemeinsamen Tun lernen („Andrew and Jerome juggle“ by salomon888)

Das kann sein, indem sie in einer Facebookdiskussion ihre Meinung zu einem Sachverhalt kundtun, gemeinsam an einem Dokument schreiben, einen Blogbeitrag verfassen, bisherige Kommentare zusammenfassen, die Ansicht eines Teilgebers in einer Zeichnung widergeben, einen Experten zum Thema interviewen und davon ein Video erstellen oder einen einschlägigen Artikel verlinken und kommentieren. Bei diesem Tun muss man ständig Begriffe googeln oder in Wikipedia nachschlagen, diese neu interpretieren,  Literaturrecherchen durchführen, Quellen nachweisen und verlinken und anderen Forschungstätigkeiten nachgehen. Wer sich auf diese Weise mehrere Wochen mit dem Thema auseinandergesetzt hat, hat viel gelernt. Darüber hinaus macht das kollaborative Lernen auf Augenhöhe zufrieden und glücklich.

Am besten, Sie probieren es ab dem 19. April gleich selber aus, indem Sie in den Leuchtfeuer-MOOC herein schauen oder Sie fahren einen anderen MOOC ab, den Sie auf Onlinecampus finden. Es gibt dort Angebote über Arbeitspsychologie, Neue Perspektiven, Klima, bürgerliches Engagement, Volleyball, Windenergie und viele andere Themen.

Wenn die Gesellschaft einmal akzeptiert hat, dass Lernen Grundvoraussetzung nicht nur für das Überleben des einzelnen Individuums ist, sondern auch für die Community und alle Menschen neben ihrem 4-6 Stundenjob – was mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung künftig normal sein wird – sich pro Jahr mindestens in einem cMOOC engagieren, dann könnte solches Lernen rituellen Charakter annehmen und in der zukünftigen Arbeits- und Lebenswelt sinnstiftend sein.

 

(1) Caveat Magister. Why Ritual is Relevant. The Burning Man Journal. 6. Februar 2017

http://www.webcitation.org/6oGTSUPQz

(2) Burning Man & das Web 2.0

(3) Wikipedia. Ghibellinen und Guelfen

Franz W. Scherer. Hie Guelf- Hie Ghibellin. Ein Roman aus der Hohenstaufenzeit. 1925

(4) Brigitta Bernet. Die Zukunft der #Arbeit muss neu gedacht werden. Beiträge zur öffentlichen Debatte. 15. Februar 2017

 

Hass im Netz – kritische Gedanken zu Ingrid Brodnigs Buch

Ingrid Brodnig hat mit Hass im Netz ein interessantes Buch geschrieben, das zeigt, wie Menschen auf erhöhte Komplexität, die sie frustriert, reagieren können (1). Nach der Lektüre der Buches wird mir vieles klar, z.B. der Überdruss, den einige meiner Freunde Facebook entgegenbringen oder warum das Thema «Echokammer» einen derartigen Boom erlebt. Allen, die in Social Media unterwegs sind, ist das Buch wärmstens empfohlen.

Mir gefällt Ingrid Brodnigs Schreibstil. Sie versteht es, den Stoff und ihr Anliegen verständlich zu präsentieren, weil sie ihre Erklärungen so anordnet, dass man stets weiss, worauf sie hinauswill.

Im Folgenden notiere ich einige kritische Gedanken, die ich mir bei der Lektüre von Brodnigs Buch gemacht habe. Das ist also keine Rezension.

Echokammern existieren

Ich habe hier schon öfters Filterblasen und Echokammern thematisiert, z.B. im Oktober 2016 in Ist Poppers Traum wirklich in Gefahr?  oder 2013 in Unsere Filterblasen sind schlecht durchlüftet  und den Standpunkt vertreten, dass Echokammern nicht neu sind. Wer z.B. in den 30er Jahren seine fremdenfeindliche Einstellung mit anderen teilen wollte, besuchte einfach die einschlägigen Versammlungen und abonnierte entsprechende Zeitungen. Das genügte, um eine Mehrheit zu gewinnen.

In Hinblick auf Facebook habe ich Brodnig den Hinweis auf Seiten zu verdanken. Facebook-Seiten spielen für mich eine untergeordnete Rolle und daher habe ich sie in meinen Überlegungen zu Echokammern nicht speziell berücksichtigt. Brodnig erzählt von Seiten, die entweder voller Hasskommentare sind, oder die eben als Echokammern dienen, indem dort alle einander bestätigen. Offenbar gibt es Menschen, die mit Absicht solche Seiten suchen und frequentieren. So gesehen sind die Seiten wie Reusen, mit denen die Weltmeere ausgelegt werden. Klar, dass dann nach kurzer Zeit fast alle Fische in einer Reuse gefangen sind. Da hat Brodnig durchaus recht, wenn sie glaubt, dass solche Seiten und – noch effizienter – Facebook-Gruppen Gesellschaften fragmentieren können.

Warum fühlen sich Menschen von zwielichtigen Gemeinschaften angezogen?

Narzissmus und Echo von Placido Costanzi. (2)

Interessant ist die Motivation, die Menschen umtreibt, ihresgleichen in solchen Seiten und Gruppen zu suchen. Facebook-Seiten sind immer Verkaufsinstrumente. Meistens werden sie von Unternehmen betrieben, die dort für ihre Produkte werben. Auch eine Seite, die eine bestimmte politische oder gesellschaftliche Überzeugung vertritt, wirbt dafür und will möglichst viele Besucher für ihre Überzeugung gewinnen. Im Moment halte ich mich in Südostasien auf – Bangkok, Kuala Lumpur, Ho-Chi-Minh-Stadt, George Town. Beim Durchlaufen dieser Städte werde ich laufend von Strassenhändlern und Marktschreiern mit irgendwelchen Angeboten angegangen. Dieses Werben ist viel direkter und lauter als das Werben der Seiten in Facebook. Trotzdem widerstehen die Touristen den Angeboten. Man kann ja nicht an jeder Ecke eine Fussmassage machen lassen. Die passive Werbung der Facebook-Seiten hingegen scheint zuweilen eine enorme Anziehung zu haben. Warum?

Brodnig bedient sich zur Erklärung des Confirmation Bias, über den ich hier schon verschiedentlich geschrieben habe. Menschen haben die Tendenz, nur nach Hinweisen zu suchen, die ihre Meinung bestätigen. Das kann dann mitunter zu Wahrnehmungsverzerrungen und Entscheidungsfehlern führen, wenn die eine Überzeugung schon fest etabliert ist. Wird sie z.B. in einer Echokammer bestätigt, führt dies zu einem positiven Gefühl und Gefühle sind bekanntlich ein starker Motivator.

Zum Bild von Constazi: Die Bestätigung, die Menschen in Echokammern suchen, hat auch etwas mit Narzissmus zu tun. Der Körper und die Gestalt der Echo ist vergänglich, einzig und allein ihre Stimme und ihre Echorufe bleiben auf ewig. Bei Narzissus löst sich seine Gestalt, ähnlich wie bei Echo, auf. Seine Schönheit verschwindet und bleib nur in der Blume der Narzisse erhalten.

Komplexitätsreduktion mit horizontaler Flucht und Zentralhypothese

Die Ablehnung oder gar das Übersehen von Fakten, die gegen meine Überzeugung sprechen, ist eine Konsequenz des Confirmation Bias. Brodnig belegt sie mit der separaten Bezeichnung «Disconfirmation Bias». Ein alltägliches Beispiel dafür habe ich 2011 in einem Artikel beschrieben, der mit Was ist an der Welt falsch, wenn sie sich nicht gemäss meiner Hypothese verhält? überschrieben ist. Wer sich eine Zentralhypothese zurechtlegt, ändert diese auch dann nicht gern, wenn die Fakten eindeutig dagegen sprechen. Dietrich Dörner spricht in diesem Zusammenhang von «horizontaler Flucht», wenn wir uns in ein überschaubares Detail zurückziehen (3).

Komplexe und nicht vollständig durchschaubare Systeme erzeugen ein unbehagliches Gefühl von Inkompetenz. Eine (festgefahrene, weil anscheinend oft bestätigte) Überzeugung ist in diesem Fall etwas Feines. Sie reduziert mit einem Schlag die Komplexität und damit mein schlechtes Gefühl. Alle, die meine tausendmal bestätigte Überzeugung zu widerlegen versuchen, müssen mundtot gemacht werden, sonst kommt nur wieder Unsicherheit und Unordnung in mein komplexitätsreduziertes Leben. Das ist eine Erklärung für Hasskommentare und Fakenews.

Ernsthafte Themen gehören nicht auf Facebook

Eine andere Frage, die sich mir durch die Lektüre von Brodnigs Buch erschlossen hat, ist die zunehmende Abneigung gegen Facebook. Einige meiner Freunde haben sich bereits von Facebook verabschiedet, was ich nicht verstehen konnte, da ich Facebook vornehmlich als «yellow press» verstehe, also als relativ niveauloses Medium, dessen Hauptzweck darin besteht, den Freunden mitzuteilen, was man die ganze Zeit so macht und wie es einem geht. Früher erhielt ich Ende Jahr von zahlreichen Freunden sogenannte «Weihnachtsbriefe» in denen sie auf mehreren Seiten das Jahr zusammenfassten und erzählten, wo sie in den Ferien waren und welches Kind eingeschult wurde. Wenn ich von zehn Freunden einen je 20seitigen Brief erhielt, war die Adventslektüre gesetzt. Heute lässt es sich mit Facebook auf das Jahr verteilen und erst noch mit grösster Aktualität versehen.

Leider stellen viele meiner Freunde kontroverse Themen in Facebook zur Diskussion, obwohl es dazu eigentlich denkbar ungeeignet ist. Immer wieder wollen sich Menschen mit mir vernetzen, die mich nicht persönlich kennen und sich wahrscheinlich über meine Reisedokumentationen und privaten Fotos eher langweilen. Dafür erhalte ich von ihnen interessante Links, Gedanken  und Hinweise geteilt, die ich aber eigentlich lieber auf Twitter sähe. Solche Meldungen fordern auf Facebook Hasskommentare geradezu heraus, weil die Kommentarfunktion von Facebook dazu geeignet ist. Auf einen Tweet kann natürlich auch gehässig reagiert werden, da aber Antworttweets nicht in einem Thread zusammengefasst sind, fallen sie viel weniger auf.

Der böse Facebook-Algorithmus, der keiner ist

Brodnig räumt dem intransparenten Facebook-Algorithmus relativ viel Raum ein. Leider kann auch sie ihn nicht zufriedenstellend erklären. Offenbar werden Beiträge favorisiert, die viele Likes und viele Kommentare haben. Wenn also in meiner Timeline auf einen Artikel verwiesen wird – sagen wir «Mondbeobachtungen führen zu Autismus» – dann erhält dieser Eintrag Hasskommentare von Mondsüchtigen und Likes von denjenigen, die schon immer wussten, dass die Mondgaffer unser Leben bedrohen. Je mehr User verschiedener Meinungen sich zum Artikel äussern, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Artikel in meiner Timeline auftaucht. Solange ein Beitrag nicht auf einer Seite oder in einer Gruppe/Community gemacht wird, die als Echokammer oder gar als Echobunker genutzt wird, besteht meines Erachtens weniger Gefahr einer Isolierung.

Vom Namen des orthodoxen Muslim Al-Chwarizmi (hier auf einer russischen Briefmarke aus den 80er Jahren) leitet sich die Bezeichnung «Algorithmus» ab.

Zum Bild aus wikimedia: Al-Chwarizmis Hauptwerk Algoritmi de numero Indorum führte um 800 n. Chr. die Null aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein, das in Europa erst ab 1500 Verwendung fand. Die Zeit des Übergangs von den römischen zu den arabischen Zahlen war durch Hasskommentare und Fake News geprägt.

In ihrem Buch zitiert Brodnig den Schöpfer des Begriffs „Filterblase“, Eli Pariser (himself). Der gemässigte Linke hatte auf Facebook angeblich sowohl gleichgesinnte als auch Freunde mit eher konservativer Meinung, weil er gerne ab und zu abweichende Meinungen liest. Allerdings habe er naturgemäss die linken Meinungen öfters gelikt, worauf die Beiträge seiner konservativen Freunde nach und nach aus seiner Timeline verschwunden seien.

Der Freundeskreis ist zu heterogen, um sterilisiert werden zu können

Auch auf Facebook ist ein Freundeskreis niemals derart homogen, wie es Pariser hier voraussetzt. Ein «organisch gewachsener» Freundeskreis ist sehr heterogen. Er besteht aus Arbeitskollegen, Verwandten, Zufallsbekanntschaften, Gleichgesinnten, etc. Und diese «Gleichgesinnten», ach Gott! Am meisten (streitige) Diskussionen habe ich ja beinahe mit ihnen. Expertenstreit, nennt sich das.

Solange der Facebook-Algorithmus nicht wirklich verstanden ist, tue ich mich schwer, irgendwelche Konsequenzen zu diskutieren. Ich bin der Meinung, dass es sich nicht eigentlich um einen Algorithmus handelt, denn ein Algorithmus ist ein festgeschriebenes Rezept, das mit Sicherheit zu einem gewünschten Resultat führt. Der sog. Facebook-Algorithmus ist weder fest noch gibt es ein definiertes gewünschtes Resultat. Facebook schraubt sowohl an Algorithmus als auch an seinen Wunschvorstellungen herum. Sie ändern vielleicht wöchentlich.

Facebook wird vor allem vorgeworfen, dass der User keine Möglichkeit hat, den Algorithmus auf seine Bedürfnisse anzupassen (dazu müsste ja zuerst ein feststehender existieren). Manchmal gibt es Ansätze, mit denen Facebook versucht, den User vermehrt einzubinden. So will Facebook Massnahmen gegen Fake News einführen (4). Nutzer sollen in ihrer Timeline unter anderem deutliche Warnhinweise angezeigt bekommen, wenn sie auf Falschmeldungen stossen. Diese Warnhinweise basieren auf Meldungen der User selber. Das wirft dann z.B. die Frage auf, ob «seriöse Beiträge» darunter leiden könnten, dass Nutzer sie melden, weil sie nicht in ihr Weltbild passen. Schliesslich wird die Mehrheit der Beiträge als «Fake News» gekennzeichnet sein.

Was kann man tun?

Brodnig schlägt verschiedene Taktiken gegen Trolls, Glaubenskrieger und Fake News vor, von Ignorieren bis hin zu gerichtlichem Vorgehen.

Quelle: pixabay

In Eingestürtze Brücken und verdampftes Wasser habe ich 2009 ein soziales System, in welchem Meinungen und Überzeugungen aufeinanderprallen, mit kochendem Wasser verglichen. Der Zusammenhang der Flüssigkeit geht verloren, sie wandelt sich in Dampf, den man auffangen und damit eine Turbine betreiben kann. Eine hasserfüllte Gesellschaft kocht. Ihr Zusammenhang geht verloren und sie erfährt einen Phasenübergang.

Social Media entsprechen in der Metapher der Kochplatte und der Pfanne, nicht aber der Energie, die es braucht, um das Wasser zum Kochen zu bringen. Der gefährliche Trend, in Politik und Gesellschaft, Komplexität durch reduktive Hypothesenbildung und Ablehnung widersprüchlicher Fakten zu reduzieren, hat nichts mit SoMe, Web oder gar dem Internet zu tun (viele Autoren vermischen oft die drei Begriffe in unzulässiger Weise; das Web und das Internet sind zwei verschiedene Dinge!).

Geschlossene Behälter mit kochendem Wasser können explodieren, wenn der Dampf nicht abgeleitet wird. In Gesellschaften mit erhöhter Bestätigungs- und Fragmentierungsdynamik steigt das Risiko kriegerischer Konflikte. Es wäre der erste Komplexitätskrieg. Ob es möglich ist, die überschüssige Energie, die in diesem Gesellschaftszustand steckt, abzuleiten und positiv zu nutzen? Ich könnte mir ein neues gesellschaftliches Engagement vorstellen mit dem Ziel, die Energie von Hass und Fundamentalismus aufzufangen und zu nutzen. Das wäre echte Friedensarbeit! Könnte es sein, dass Initiativen, wie u.a. www.euforia.org und http://www.impacthub.net/ in diese Richtung gehen?

 

(1) Ingrid Brodnig. Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Brandstätter Verlag 2016.
ISBN 978-3-7106-0035-7

(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Placido_Costanzi

(3) Dietrich Dörner, Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Ro ro ro 2003.
ISBN:  978-3-499-61578-8

(4) Facebook markiert Fake News jetzt auch in Deutschlandtagesschau.de vom 15.1.2017

Die Lebendigkeit des Formalen oder «Wer hat Angst vor Dapertutto?»

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über die Natur-Kultur-Dichotomie nachgedacht und sie im Lichte Bruno Latours Ideen beleuchtet. Seine Schlussfolgerung, dass eine strikte Trennung von Natur und Gesellschaft zu hybriden Monsterwesen führt, ist zwar eigensinnig, reiht sich aber in ein zunehmendes Unbehagen gegenüber gewissen Denkdoktrinen ein. Es scheint, dass Grundsätze der klassischen abendländischen Tradition in Frage gestellt werden, weil sie immer öfter Beobachtungen zu widersprechen scheinen.

Während Latour feststellte, dass es zu Problemen kommt, wenn immer Gegensätze konstruiert und getrennt werden, stolperte z.B. Gotthard Günther über selbstreferentielle Aussagen, die sich zwar umgangssprachlich formulieren lassen, sich bei näherem Hinsehen aber als Zirkelschlüsse erweisen (z.B. wenn ein Kreter behauptet, dass alle Kreter Lügner seien). Beide Unbehagen – das gegenüber Dichotomien, wie das gegenüber Zirkelschlüssen – sind verwandt und lassen sich nur auflösen, wenn gewisse Paradigmen in Frage gestellt werden. Günthers Morphogrammatik will der phänomenologisch beobachteten Aufspaltung der individuellen Realität in Subjekt und Objekt (oder Gesellschaft und Natur) vorangehen.

Dichotomien in indoeuropäischen Sprachen

Es ist zwar richtig, dass Menschen vorwiegend intuitiv-gefühlsmässig urteilen  und nicht denkbasierend. Was ich oben mit „Denkdoktrinen“ meinte sind Denkformen, die sich in die Gefühlswelt fortsetzen und auch die Intuition beeinflussen. Wir haben das Gefühl, dass etwas ist oder nicht ist und kein Zwischenweg existieren kann. Und wenn ich etwas „im Gefühl habe“, dann glaube ich, dass es richtig ist. Denkdoktrinen oder Denkformen kommen vor allem über die Sprache in unsere Gefühls- und Glaubenswelt.

Anders als etwa in Mandarin oder in Fahrsi trennen die indoeuropäischen Sprachen Subjekt und Prädikat.

Aristoteles hat daraus ein Gesetz der Vernunft gemacht und seine Logik darauf aufgebaut. Descartes schied die Welt in eine res extensa und eine res cogitans.

Die westliche Kultur war dank der aristotelischen Logik und der kartesischen Physik zunächst enorm erfolgreich, gerät aber mit den Dichotomien Subjekt und Prädikat, Täter und Tätigkeit, Quantität und Qualität, Natur und Geist nach und nach in eine Krise. Der Grund dafür ist u.a. die Digitalisierung, wie ich weiter unten noch darlegen werde.

Thomas Mahler schreibt in seiner Morphogrammatik (1):

Diese Substantiv:Verb Unterscheidung innerhalb der Grammatik kann …. nicht als Beleg für eine tatsächliche Aufspaltung der ‘Realität’ in aquivalente dichotome Strukturen gewertet werden, da Sprachen existieren, in denen solche Unterscheidungen unbekannt sind, die den Menschen des jeweiligen Kulturkreises dennoch eine adäquate Kommunikation über die Welt ermöglichen.
Die dichotome Struktur der Grammatiken indoeuropäischer Sprachen, deckt sich … mit der dualistischen Form der klassischen Logik, die die grammatikalische Dichotomie auf ihre knappste Gestalt, die Spaltung von Subjekt und Objekt, verkürzt und sie zur Grundlage der abendländischen Rationalität erhebt

Berliner Schnauze – Berliner Heimat

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagte Ludwig Wittgenstein. Wenn unsre Sprache Subjekt und Objekt dermassen strikt trennt, so bin ich kaum in der Lage, über den Schatten dieser Dichotomie zu springen. Sie definiert meine Welt und meine Gefühle. Aber ich bin unter Umständen fähig, sie mit formalen Mitteln zu überwinden.

Die Natur ist konstruiert

Immer ausgeklügeltere Theorien und immer feinere und empfindlichere Instrumente machen klar, dass wir nicht die Natur beschreiben, sondern uns ein Bild von der Natur konstruieren, das von unseren Instrumenten und Theorien abhängig ist.

Carl Friederich von Weizsäcker schreibt(2):

Ein Kernstück von Sein und Zeit ist die Kritik der Cartesischen Ontologie. Dort wird gezeigt, daß Descartes nach dem Sein selbst nicht fragt. Deshalb ist es möglich, daß für ihn spezielle Bestimmungen [des Seins] zu definierenden Merkmalen seiner zwei ‘Substanzen’ werden. Die substantielle Trennung von res cogitans und res extensa nun ist die methodische Voraussetzung der gesamten klassischen Naturwissenschaft. Der sogenannte ‘naturwissenschaftliche’ Begriff methodischer Sauberkeit verlangt das absolute Vermeiden von ‘Grenzüberschreitungen’ zwischen diesen beiden Bereichen (erinnert an Latours Reinigungsarbeit; PA). Es scheint mir charakteristisch für die positive Wissenschaft unserer Zeit, daß die innere Logik ihrer eigenen Probleme sie zur Sprengung dieses Dammes zwingt. Dies wird evident in allen psychophysischen Problemen, wie etwa der Erforschung der Wahrnehmung, der Bewegung organischer Körper, des Ausdrucks. Es zeigt sich aber ebenso in der Problematik des ‘Beobachters’ in der Atomphysik

Wer immer die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise kritisiert und ihr irgend eine Relevanz für das Leben abspricht, muss also die Trennung von Objekt und Subjekt und von Natur und Kultur aufgeben und Natur im Sozialen zulassen (das ist selbstreferentiell). Wer Natur und Gesellschaft strikt trennen will, fällt dem kartesischen Irrtum anhin.

Ironie der Digitalisierung: 0 und 1 sind nicht genug!

Mit zunehmender Digitalisierung gerät die aristotelische Logik in Zugszwang. Die zweiwertige Logik, die auf dem Tertium non Datur beruht – eine Aussage ist entweder wahr oder sie ist unwahr, etwas Drittes gibt es nicht –ist für Computer nur auf der Elementarebene nützlich. Auf der Anwendungsebene kann ein Computer Objekte nur konstruieren. Ein indirektes Argument für die Existenz eines Objekts nützt einem Computer nichts, da er das Objekt ohne weitere Angaben nicht konstruieren kann. Die Ironie ist, dass der Computer selbst auf der Zweiwertigkeit basiert. Die strikte Unterscheidung «ein Leiter führt Strom oder er führt keinen Strom, etwas Drittes gibt es nicht», ist ja genau das, was das Tertium non Datur fordert. Und genau diese Unterscheidung führt nun zu Problemen, wenn ein Computer ein Objekt konstruieren soll.

Nur etwas, das vorstellbar ist, kann konstruiert werden

Selbst Zahlen sind davon betroffen, denn ein Computer kann nicht mit «unendlichen Zahlen» umgehen. Unendlichkeit ist nicht konstruierbar. Ausgerechnet die Bruchzahlen, die auf dem Dezimalsystem beruhen, also z.B. 0.1 oder 0.01, sind für einen Computer überhaupt nicht fassbar, denn sie können im Binärsystem nur als unendlichen Bruch geschrieben werden. Ein Computer schneidet aber nach ein paar Stellen ab, so dass ein Zehntel nicht genau als einen Zehntel gespeichert ist. Natürlich gibt es dazu Lösungen und alternative Darstellungsmöglichkeiten, aber das würde hier zu weit führen.

Wie bei allen Beispielen kann man auch hier über Relevanz und Präzision diskutieren. Beispielsweise bieten die Entwicklung von Wissensrepräsentationen oder von künstlicher Intelligenz viele weitere Bedürfnisse nach einem konstruktiven Formalismus, der vom Tertium non Datur absieht. Ich will damit zeigen, wie die Trennung eines dualen Begriffspaares anderswo zu Schwierigkeiten führen kann und gerade die Informatik an den Grundfesten der klassischen Logik rüttelt.

Kritik des Formalen

Immer häufiger treffe ich in meinem Wahrnehmungsbereich formalisierungs- und mathematikkritische Meinungen an, wie z.B. dass das Formale sich nur auf den «toten» (ich würde besser von «unbelebt» oder «physikalisch» sprechen) Teil der Welt anwenden lasse und das Lebendige nicht erfassen könne. Konkret wird z.B. behauptet:

  • Mathematische Objekte sind nicht Teil der Wirklichkeit.
  • Die Mathematik liefert unveränderliche ideale Formen.
  • Formale Logik ist aus logischer Sicht nicht logisch.
  • Formale Logik systematisiert das Denken.

Der Behauptung, Mathematik liefere unveränderliche ideale Formen und sei nicht Teil der Wirklichkeit, mangelt es womöglich an tieferen Kenntnissen der Mathematikgeschichte, der Philosophie der Mathematik sowie des Universalienproblems.

Aus solchen Behauptungen wird dann schnell geschlossen, dass Mathematik formalisierte Sprache sei, die zu Totalitarismus führe. Jemand hat geschrieben, dass die Menschen durch Belohnung und Bestrafung darauf konditioniert werden, auf ideale Formen der Sprache zu achten und dadurch ihr Mitgefühl und ihre Denkfähigkeit verkümmere und nur noch Gier, Neid und Hass übrigbleibe. Die Behauptung scheint mir aus den Fingern gesogen und die Schlussfolgerung willkürlich zu sein.

Andere behaupten etwas weniger spezifisch, Mathematik erzeuge Angst. Da wundere ich mich, wovor Menschen Angst haben können. Ich habe Angst vor Gespenstern, Monstern, Krieg oder Krankheiten, die mein Leben bedrohen, aber eine Wissenschaft kann mir nicht Angst machen, sondern mich allenfalls nicht interessieren.

Digitalität erhöht den formalen Anteil unseres Lebens

Während es bis vor paar Jahrzehnten noch möglich war, Mathematik einfach zu ignorieren, droht nun die Digitalisierung mit der Unausweichlichkeit, sich mit dem Formalen zu versöhnen.

Ohne Formalismus geht nichts mehr. Die Formatierung eines Textes, formelmässiges Auswerten von Daten in einer Tabellenkalkulation, Programmierung als obligatorisches Schulfach, Entwicklung von Blockchaintechniken, etc. erfordert ein weitergehendes Verständnis des Formalen. Der Vorwurf, die Welt bestünde nicht nur aus Zahlen, greift nicht mehr, weil Computer nicht in erster Linie zum Rechnen dienen, sondern zur Symbolmanipulation, wie Bildbearbeitung, Abspielen von Musik, Erfassen von Stimmungen, checken des Gesundheitszustandes, etc. Symbolmanipulation ist aber reine Mathematik.

Die Abneigung gegen alles Formale  kann von der Abwertung der Relevanz von MINT-Fächern bis hin zur Leugnung der Digitalität oder gleich von allem Faktischen führen. Wer immer sich dann anbietet, die intellektuellen Klugscheisser mundtot zu machen, hat schnell die Sympathie aller Formalisierungsgegner gewonnen. Hier erscheint Mangel an Akzeptanz des Formalen als Mangel kritischen Denkens, denn dass «des Retters» Argumentarium sich nicht an logische Grundsätze hält und voll Zirkelschlüsse und falschen Schlussfolgerungen ist, können die Formalisierungsgegner dementsprechend gar nicht feststellen, weil sie ja keine Möglichkeit zur Analyse haben.

Das Formale ist nicht starr und hat nichts mit dem Tod zu tun!

Das Leben ist voller Formalismen, Formen und Farben

Zurück zum Dichotomien-Problem stellen wir fest, dass die Trennung von nichtformal-lebendig und formal-unbelebt selbst eine Dichotomie und damit problembehaftet ist. Dichotomien gibt es nicht, es ist bloss eine Medaille mit zwei Seiten. Wie ein Baum aus einem Samenkorn hervorgeht, um dann selber wieder Samenkörner zu produzieren, so bedingen die beiden Pole einer Dichotomie einander gegenseitig.

Das Formale wäre ohne das Lebendige undenkbar und das Lebendige baut auf dem Formalen auf (z.B. die Kombinatorik der DNS-Basenpaare). Formalismus kommt von Form. Und wer möchte behaupten, das Leben sei formlos? Form und Formalismus kann vom Leben nicht getrennt werden! Wer das eine vom anderen trennt, gerät immer tiefer in die Bedrouille.

Addendum: Hoffmanns Erzählungen oder was es mit Dapertutto auf sich hat

Ich erinnere mich an Jacques Offenbachs Oper «Hoffmanns Erzählungen», die sehr lebendig und (be-)rauschend in einem studentischen Weinlokal beginnt («wer zu wenig verträgt, fällt unter’n Tische»). Hoffmann singt das Lied vom Zwerg Kleinzack und erzählt auf Drängen seiner Kommilitonen seine drei Liebesgeschichten. Darin ist sein Gegner der personifizierte Formalismus, ein Physiker, der mit allerlei formalen Tricks versucht, Hoffmann zu zerstören.

In der ersten Geschichte heisst er Spalanzani und baut einen Roboter, der äusserlich wie eine anmutige Frau aussieht, in die sich Hoffmann verliebt. Damit dieser den Fake nicht wahrnimmt, schenkt Spalanzani ihm eine Spezialbrille (als Physiker versteht er etwas von Optik), durch die alles idealisiert wird.

In der zweiten Geschichte tritt der Formalismus als Dr. Mirakel auf und entpuppt sich als Teufel, der die musikbegeisterte Geliebte Hoffmanns zu ausdauerndem Singen verleitet, bis sie, ausser Atem, tot umfällt. Das gelingt Mirakel durch Kenntnisse des formalen Aspekts der Musik, indem er vielleicht Rhythmus und Frequenz entsprechend steigert.

In der dritten Geschichte heisst der Formalismus Dapertutto und besitzt einen funkelnden Diamanten, der Hoffmann sein Spiegelbild raubt. Der tetraedrische Aufbau von Diamant ist der Inbegriff des Formalen schlechthin, während die Wahl des Spiegelbildmotivs eine erneute Anspielung auf die Optik als Teilgebiet der Physik ist.

Die Schlussszene spielt wieder im Weinlokal. Hoffmann und seine Kommilitonen sind vor lauter Formalismus betrunken. Geschwunden ist die anfängliche Lebendigkeit. Es gibt nur Formalismus oder Lebendigkeit. Das ist die Dichotomie. Aber ohne Spalanzani/Mirakel/Dapertutto wären die Liebesgeschichten nicht lebendig gewesen. Es hätte schlicht nichts zu erzählen gegeben. Und ohne die Lebendigkeit Hoffmanns hätte es Spalanzani/Mirakel/Dapertutto nicht gebraucht.

Wie löst Offenbach die Dichotomie auf? Statt alles zusammenbrechen und Hoffmann der Hoffnungslosigkeit anheimfallen zu lassen, wird er in einer Apotheose in den Götterhimmel und selbst zum Gott befördert. Damit entlässt Offenbach die Zuschauer mit gutem Gefühl nach Hause. Für mich bedeutet das jedoch, dass wer in Dichotomien denkt, nicht von dieser Welt ist.

(1) Thomas Mahler: Morphogrammatik – Eine Einführung in die Theorie der logischen Form

(2) Von Weizsäcker, C.F.: Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie. München, C. Hanser Verlag, 1977. S.244 f.

Systemdenken in Theorie und Praxis – Teil 2

Dies ist der zweite Teil eines grösseren Artikels, den mir Margret Richter und Marco Willnecker von der SOLIDIA Managementberatung (solidia.de) in Hamburg zur Publikation in diesem Blog vorgelegt haben. Wer den ersten Teil über Systeme lesen will, klickt links unter „Letzte Beiträge“ auf „Systemdenken in Theorie und Praxis – Teil 1“.

Praktische Umsetzung des Systemdenkens

Im ersten Teil des Beitrages haben wir uns mit den Grundlagen des Systemdenkens auseinandergesetzt. Wir haben gezeigt, wie Systeme funktionieren und durch positive bzw. negative Rückkopplungen beschrieben werden können. Dieses Vorgehen hilft, auch komplexere Sachverhalte erfassen, analysieren und beschreiben zu können.

Lineare Planungsansätze haben kurze Beine

Dies ist insofern notwendig, da die aktuell weit verbreiteten linearen Planungsansätze (z. B. isolierte Betrachtung unterschiedlicher Einflussfaktoren auf ein Geschäftsfeld) nicht oder nur begrenzt in der Lage sind, komplexe Situationen zu erfassen und zu beschreiben. Komplexe Situationen zeichnen sich nicht nur durch die im letzten Beitrag beschriebenen Rückkopplungen, sondern durch eine Reihe weiterer Merkmale aus. Dies sind zum Beispiel nicht erwünschte Nebenwirkungen, wenn an einer bestimmten Stelle des Systems eingegriffen wird.

Lineare Planungsansätze basieren meist auf der Grundüberlegung, ein großes Problem in Teilprobleme zu zerlegen, für diese Teilprobleme Lösungen zu finden und im letzten Schritt die gefundenen Ergebnisse zusammenzuführen. Aufgrund der Vernetzung von Einflussfaktoren führen diese Ansätze aber nicht zum Erfolg. Gefordert ist vielmehr ein Vorgehen, das die wechselseitige Beeinflussung von Ursache und Wirkung in geeigneter Art und Weise abzubilden in der Lage ist.

Wir wollen demonstrieren, wie ein Kunde das Systemdenken erfolgreich für seine komplexen Herausforderungen einsetzen kann. Wir nehmen dabei Bezug auf unser Beispiel aus dem 1. Teil des Beitrages.

Dazu gehen wir in einem ersten Schritt von einer Entscheidungssituation aus, der sich aktuell sehr viele Unternehmen gegenübersehen, nämlich differenzierter werdenden Kundenanforderungen. Diese haben bereits in sehr vielen Branchen zu Herausforderungen geführt, da inzwischen eine Vielzahl an Modellen und Varianten angeboten werden muss, um den Bedürfnissen der Kunden gerecht zu werden. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Automobilindustrie, wo sich die Anzahl der Modelle und Varianten innerhalb der letzten Jahre vervielfacht hat. So bietet z. B. alleine das Unternehmen BMW aktuell rund 22 Modelle und 1295 Modellvarianten an. Die Entscheidungssituation bezieht sich also auf folgende Frage:

Welche Auswirkungen hat eine gestiegene Modell- und Variantenanzahl auf das Unternehmen XY und wie soll mit den Auswirkungen umgegangen werden?

Ferner ist eine Abgrenzung des betrachteten Systems vorzunehmen, d. h. es ist festzulegen, welcher Ausschnitt aus der Realität betrachtet werden soll. Wir betrachten in unserem fiktiven Beispiel die Ebene des Gesamtunternehmens.

In einem zweiten Schritt gilt es diejenigen Beteiligten zu identifizieren, deren Interessen, aber auch Einstellungen und Ressourcen berücksichtigt werden müssen. Im vorliegenden Beispiel sind dies insbesondere die Kunden, die Produktion oder das Management. An dieser Stelle haben wir bewusst eine Begrenzung vorgenommen, um unser Beispiel nicht zu „komplex“ werden zu lassen.

Abbildung 3

Sind die Beteiligten festgelegt, gilt es, deren Interessen und Ziele zu definieren. So können für den Kunden individuelle Anforderungen an das Produkt festgestellt werden, die u. a. eine höhere Anzahl an Produktvarianten erforderlich macht. Zu berücksichtigen sind auch die Ziele des Managements, in unserem Beispiel wird ausschließlich die ökonomische Dimension der Ziele betrachtet. Für die Produktion lassen sich z. B. Qualitätsziele oder die Forderung nach geringen Ausfallzeiten feststellen.

Abbildung drei zeigt den nächsten Schritt: Hier wurden erfolgskritische Faktoren abgeleitet, Beziehungen definiert und in einem Wirkungsgefüge miteinander verbunden. Dazu wurde der Ansatz von Probst und Gomez gewählt, der einen initialen Kreislauf im Sinne eines Motors identifiziert und daran weitere erfolgskritische Faktoren ankoppelt. Der „Motor“ in diesem Beispiel ist der Zusammenhang zwischen Anzahl der Produktvarianten, der Kundenzufriedenheit, dem Absatz und Umsatz.

Das Ergebnis in unserem Beispiel ist eine sehr rudimentäre Darstellung, da wir bewusst nur wenige Beteiligte des Systems betrachtet haben: Denn: Je mehr Beteiligte ich habe, desto mehr Interessen und desto umfangreicher ist das Wirkungsgefüge.

Über eine statische Analyse mittels geeigneter Software lassen sich in einem weiteren Schritt wirksame Hebel im Wirkungsgefüge identifizieren. Dies sind in unserem Beispiel insbesondere die Faktoren „Fehler“, „Komplexität in der Produktion“ und auch die „Anzahl der realisierbaren Varianten“

Anpassungsfähigkeit des Unternehmens

Letztendlich resultiert hieraus die Fragestellung für das Management, wie eine möglichst hohe Variantenanzahl bei einem handhabbaren Maß an Komplexität und möglichst geringen Fehlern realisiert werden kann. Ein Lösungsansatz für unser Beispiel ist es, die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens zu erhöhen, um es dadurch in die Lage zu versetzen, langfristig mit einer steigenden Variantenzahl oder sich im Zeitablauf ändernden Varianten umgehen zu können.

Ausgangspunkt für die Lösungsfindung können z. B. die biokybernetischen Lenkungsregeln nach Vester sein. Dies sind generische und allgemeine Handlungsempfehlungen für den Umgang mit komplexen Systemen.Dass es sich dabei nicht um realitätsferne Empfehlungen handelt, zeigt sich insbesondere daran, dass von Unternehmen aktuell angewandte Problemlösungsstrategien für eine steigende Variantenvielfalt – beabsichtigt oder nicht – die biokybernetischen Grundregeln befolgen.

So schlägt Vester z. B. vor, Produkte, Funktionen und/oder Organisationsstrukturen mehrfach zu nutzen. Genau dies setzt die Automobilindustrie mit dem Plattformgedanken um: ein- und dieselbe Plattform (=technische Basis als Grundlage für äußerlich verschiedenartige Modelle und Varianten) findet für mehrere Fahrzeugmodelle Anwendung – das System Unternehmen hat sich dadurch also an die steigenden Anforderungen der Kunden angepasst.

Eine weitere Regel von Vester ist, dass ein System funktions- und nicht produktorientiert sein soll. Auch dies sehen wir aktuell bei Automobilherstellern, die sich in immer stärkerem Maße nicht mehr als reine Hersteller, sondern als Anbieter von Mobilität mit einem dementsprechenden Angebot an Services und Dienstleistungen verstehen (z. B. Sharing-Modelle).

Zusammenfassend lassen sich an Hand dieses stark vereinfachten Beispiels als eine Grundregel für den Umgang mit komplexen Systemen erkennen: So ist es notwendig, eine Varietät an Meinungen, Erfahrung und Fachwissen in die Problemlösung einzubringen. Dadurch steigt die Komplexität des Systems (hier: die Komplexität des Systems “Unternehmen”)und ermöglicht es diesem, besser mit unterschiedlichen Umweltbedingungen umzugehen.

Praktisch umgesetzt werden kann dies z. B. über spezielle Workshop-Konzepte (z. B. die wintegration®), bei denen eine Ausgangsfrage definiert wird und in einem hocheffizienten Arbeitsprozess das Wissen aus allen Teilen der Organisation zur Lösungsfindung genutzt wird.

Literaturangaben:

Gomez, P., Probst, G. (1995): Die Praxis des ganzheitlichen Problemlösens.

Richter, M. (2015): Komplexitätsmanagement in der Produktion, Trainer Journal 2/15, Nr. 85, S. 12, online im Internet unter:http://www.solidia.de/komplexitaetsmanagement-in-der-produktion/, zuletzt abgerufen am 01.10.2016.

Richter, M. (2013): Erneuerung von Strategieplanungsprozessen – biokybernetisch überprüft, in Grösser, S., Schwaninger, M., Tilebein, M., Fischer, T., Jeschke, S. (Hrsg.): Modellbasiertes Management, Berlin 2013, ISBN 0947-2452, S. 181 – 195.

statista (2015): Anzahl der Modellreihen im deutschen Pkw-Markt in den Jahren 1995 bis 2015, online im Internet unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/224036/umfrage/pkw-modellreihen-in-deutschland/, zuletzt abgerufen am 01.10.2016.

statista (2013): Top 10 Automobilhersteller auf dem deutschen Markt nach der Anzahl der Modellvarianten (Stand: August 2013), online im Internet unter: op 10 Automobilhersteller auf dem deutschen Markt nach der Anzahl der Modellvarianten (Stand: August 2013), zuletzt abgerufen am 01.10.2016.

Vester, F. (2002): Die Kunst vernetzt zu denken. München.

Vester, F. (1990): Unsere Welt – ein vernetztes System, München.

Von Ettingshausen, O. (2016): Grundlagen des Systemdenkens: Entscheiden in komplexen Situationen. Norderstedt.

Systemdenken in Theorie und Praxis – Teil 1

Margret Richter und Marko Willnecker von der SOLIDIA Managementberatung in Hamburg haben mir einen interessanten Beitrag zur Veröffentlichung in meinem Blog vorgelegt. Das ehrt mich und meinen Blog natürlich und ich danke den beiden für diese Bereicherung.

Die Bereicherung besteht darin, dass Beiträge von anderen Autoren, das Kernthema des Blogs – Umgang mit Komplexität und Ungewissheit – aus einer Perspektive beleuchten, die sich von der meinigen unterscheiden. Dadurch hat die Leserschaft die Möglichkeit, das Thema „Komplexität“ mit unterschiedlichen Worten und Terminologien kennen zu lernen.

Ich kenne Frau Dr. Margret Richter schon seit einigen Jahren als Persönlichkeit, die sich mit Komplexität auskennt und sie in ähnlicher Weise versteht, wie ich. Siehe solidia.de.

Der Aufsatz über Systeme und ihre Komplexität gliedert sich in zwei Teilen, die ich als einzelne Blogbeiträge einstelle. Sie können unabhängig voneinander verstanden werden.

 Systemdenken: Theoretische Fundierung

Unsere Welt ist ein vernetztes System. Was ist ein System und was ist kein System? Ein Haufen Sand ist kein System. Man kann Teile davon vertauschen oder Teile davon wegnehmen oder ein paar Teile hinzufügen. Es bleibt immer ein Haufen Sand. Mit einem System ist das nicht möglich, ohne dass es seine Individualität ändert.

Was ist ein System?

Ein Mensch oder ein Unternehmen dahingegen ist ein System. Denn die wichtigste Eigenschaft eines Systems ist, dass es aus mehreren verschiedenen Teilen besteht und seine Teile zu einem bestimmten Aufbau vernetzt sind. Dadurch verhält sich ein System anders als seine einzelnen Teile. Wenn viele kleine Systeme zusammenkommen, können sie entweder ein bloßes Nebeneinander, eine Menge bilden oder auch ein größeres System. Zum Beispiel bildet ein Bienenvolk ein soziales System. Wenn etwas zum System geworden ist, verhält es sich völlig anders als vorher seine einzelnen Bestandteile. Das System als Ganzes bekommt vollständig neue Eigenschaften: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das Mehr ist die Struktur, die Organisation, sind die Wechselwirkungen. Es gibt statische und dynamische Systeme. Statische Systeme sind von Menschen erdachte Systeme wie Dokumentationssysteme, Ordnungssysteme oder mathematische Systeme. Dynamische Systeme sind eine Gesamtheit verschiedener Einheiten in Wechselwirkung. Sie sind ein Wirkungsgefüge. Sie tragen das Programm zu ihrer eigenen Veränderung in sich. Die Systeme der Wirklichkeit sind etwas höchst Lebendiges, Dynamisches. Wie alles Fließende, sind sie niemals abgeschlossene Einheiten. Sie sind mit Unter- und Obersystemen zu einem Wirkungsgefüge verflochten. Dessen intelligente Organisation ist das eigentlich Geheimnisvolle der großen Vernetzung.

Was verursacht die Dynamik?

Um in Systemen Dinge zum Laufen zu bringen, braucht es eine positive Rückkopplung. Die entsteht, wenn sich Wirkung und Rückwirkung gegenseitig verstärken. Die positive Rückkopplung muss jedoch immer einer übergeordneten Regulation gehorchen (negative Rückkopplung). Tut sie es nicht, können Teufelskreise entstehen, die nicht mehr unter Kontrolle zu bringen sind.

 

richter-1-1Abbildung 1: Beispiel positive Rückkopplung

Ein Beispiel hierfür ist in Abbildung 1 dargestellt: Ein immer wichtiger werdender Faktor für die Kundenzufriedenheit ist die Anzahl der vom Unternehmen angebotenen Varianten. So hat sich z. B. die Zahl der angebotenen Fahrzeug-Varianten auf dem deutschen Markt in den letzten 20 Jahren von 200 auf rund 400 erhöht.

Wenn ein Unternehmen aber durch mehr Varianten die Kundenbedürfnisse besser befriedigen kann, so kann es mehr Kunden gewinnen und damit auch mehr Absatz generieren. In der Folge steigt auch der Gewinn des Unternehmens. Dieser Gewinn kann dann genutzt werden, um wiederum mehr Varianten zu produzieren um die Kunden noch zufriedener zu machen und noch mehr Absatz zu generieren etc.

Das Endergebnis einer positiven Rückkopplung nach oben ist immer ein explosionsartiges Wachstum, das mit Zerstörung des betreffenden Systems einhergeht. Es sei denn, irgendetwas greift regulierend ein. Bei dem gezeigten Beispiel wäre dies z. B. eine Kannibalisierung im eigenen Portfolio, welche zu einer natürlichen Grenze für die Anzahl der angebotenen Varianten führt – da ab einem bestimmten Zeitpunkt der Aufwand für eine zusätzliche Variante den Nutzen durch Mehrverkäufe übersteigt.

Was hindert unendliches Wachstum?

Am Leben erhalten sich natürliche Systeme trotz existierender positiver Rückkopplungen durch negative Rückkopplung. Sie ist das Grundprinzip aller Regelkreise, mit dem sich Systeme in einem stabilen Gleichgewicht halten. Anders als bei der positiven Rückwirkung verstärken sich hier nicht Ursache und Wirkung gegenseitig, sondern die Wirkung hemmt wieder die Ursache.

Dargestellt ist dieser Sachverhalt in Abbildung 2. Wir gehen hier zunächst von der bereits bekannten positiven Rückkopplung aus (linker unterer Bereich). Diese positive Rückkopplung wird durch eine negative Rückkopplung „eingebremst“: Dadurch, dass mehr Varianten gefordert werden, kann die Komplexität der Unternehmensprozesse zunehmen. Dies ist z. B. dann der Fall, wenn sich durch das größere Sortiment die Anforderungen an die Produktion ändern, Planungs- und Abstimmungsprozesse aufwändiger werden, das Unternehmen mehr Spezialisten benötigt usw. Dem System Unternehmen werden also neue Elemente hinzugefügt und die Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen verändern sich in Richtung einer höheren Komplexität.

Umgang mit Komplexität

Nimmt aber nun die Komplexität der Unternehmensprozesse zu, steigen die Komplexitätskosten (zum Beispiel notwendige Investitionen, Auftreten von Fehlern oder Ausfällen), welche den Unternehmenserfolg beeinträchtigen. Als Folge wird die Anzahl der von einem Unternehmen angebotenen Varianten nicht unendlich zunehmen, sondern ein bestimmtes Maß nicht überschreiten.

richter-1-2Abbildung 2: Beispiel negative Rückkopplung

An dieser Stelle setzt nun das Komplexitätsmanagement an: Ein Management der Komplexität hilft, mit den gestiegenen Anforderungen der Kunden umzugehen. Wenn wir nun von Komplexitätsmanagement sprechen, dann meinen wir nicht, die Komplexität im Unternehmen zu reduzieren. Vielmehr müssen Handlungen darauf ausgerichtet sein, die Anpassungsfähigkeit des Systems zu erhöhen, damit das System mit den durch die gestiegene Komplexität einhergehenden Anforderungen besser umgehen kann.

Dies kann im Kontext einer zunehmenden Variantenanzahl z. B. durch eine sich in zunehmendem Umfang selbst organisierende und selbst steuernde Produktion oder durch den Einsatz von Anlagen erfolgen, die mehr als nur eine ganz spezifische Tätigkeit ausführen können. Damit bedeutet Komplexitätsmanagement für uns die Anpassung des Systems „Unternehmen“ in Richtung einer besseren Handhabbarkeit der Anforderungen. Komplexität in unserem Verständnis lässt sich demzufolge auch nicht reduzieren, es ergibt auch gar keinen Sinn, sie reduzieren zu wollen. Denn aus ihr resultiert ja gerade die Handlungsvielfalt eines Systems.

Wir möchten an dieser Stelle aber noch auf einen Umstand hinweisen, der uns sehr wichtig ist: Nicht immer führen Veränderungen wie z. B. von Seiten der Kunden automatisch auch zu einer steigenden Komplexität für das Unternehmen – so bedeutet z. B. eine steigende Variantenzahl für ein Handelsunternehmen zwar mehr Arbeit und ein größeres Sortiment – die Komplexität nimmt aber nicht zu.

Wie eine Anwendung der Methodik des Systemdenkens erfolgen kann, lesen Sie im zweiten Teil dieses Beitrages.

Manchmal kommt mir die Natur und manchmal ist es Gesellschaftszwang

Es gibt Menschen, die tun sich mit einer angeblichen Natur-Gesellschaft-Dichotomie schwer. Dann gibt es solche, die leugnen die Relevanz einer der beiden Kategorien und beschimpfen diejenigen, die ihre Argumente aus der geleugneten Kategorie schöpfen.

Ist die Gesellschaft konstruiert oder transzendent?

Ich hatte nie ein Problem mit einer angeblichen Natur-Gesellschaft-Dichotomie. Die Trennung zwischen Natur und Gesellschaft und zwischen Objekt und Subjekt ist nämlich nach Bruno Latour eine semantische Illusion. (1)

Nach Latour lautet das moderne Selbstverständnis:

Die Natur ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich. Die Gesellschaft ist unsere Konstruktion. Sie ist unserem Handeln immanent

Das ist allerdings eine merkwürdige Position. Ob Latour sie seiner Theorie gefügig gemacht hat oder ob es tatsächlich Menschen gibt, die das glauben? Tatsächlich ist die Natur, so wie wir sie wahrnehmen, unsere Konstruktion, wie ich z.B. in Es gibt keine absolute Gewissheit auch nicht in exakten Wissenschaften versuchte, darzulegen.

Die Wahrnehmung – Soziologen würden von «Beobachtung» sprechen – ist ja stets eine Konstruktion, oder wie ich sage: eine Modellbildung.

Latour stellt fest, dass wir gerade in der Modernen in die Natur eingreifen, um sie für unsere Zwecke nutzbar zu machen. Und gerade die Moderne macht auch die Erfahrung, dass gesellschaftliche Strukturen und Dynamiken nicht den Absichten gehorchen, die die involvierten Menschen mit ihnen haben, und es sogar Strukturdynamiken gibt, die völlig absichtslos hervorgerufen werden (2). Daraus schliesst Latour dann:

Die Natur ist unsere künstliche Konstruktion im Labor. Sie ist immanent. Die Gesellschaft ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich

Gesellschaft als Selbstorgansiationsphänomen

Das ist nun eine dermassen übertriebene Umkehrung der Grundannahme, dass sie auch wieder hinkt. Die Gesellschaft ist als dynamische Struktur eine natürliche Erscheinung. Wenn wir sie beobachten, dann interpretieren wir sie, wie alle natürlichen Phänomene. In diesem Sinne konstruieren wir «Gesellschaft», bzw. das, was wir von ihr beobachten, wie wir überhaupt alles konstruieren, was wir beobachten.

Bruno Latour fehlt das theoretische Repertoire der Systemtheorie (3), so dass er viele sprachliche Handstände machen muss, um seine Ideen zu beschreiben.

Gesellschaft ist ein Selbstorganisationsphänomen innerhalb des Systems «Menschheit» oder «Volk». Der Begriff der Selbstorganisation wird zuweilen unterschiedlich verwendet, je nachdem, ob man eine systemtheoretische oder eine organisationstheoretische Sicht einnimmt. Organisationstheoretiker verstehen unter Selbstorganisation gemeinhin, was ich «Selbstmanagement» oder «Selbstbestimmung» nenne. In der Theorie dynamischer Systeme kommt Selbstorganisation automatisch aus Zwängen im System zustande und führt zu einer Systemstruktur, die die Funktion des Systems so unterstützt, dass die Zwänge am besten respektiert werden können. Zwar entsteht diese Struktur aufgrund kooperativen Verhaltens der einzelnen Systemelemente. Umgekehrt unterwirft die Systemstruktur das Verhalten der einzelnen Systemelemente. Selbstorganisation ist also ein natürliches Phänomen.

Gesellschaft ist eine solche Systemstruktur. Im Allgemeinen entsteht sie innerhalb grosser Systeme, also einer Gemeinschaft, die aus vielen Menschen besteht, indem sich diese Menschen «arrangieren». (4)

Gesellschaft unterwirft die einzelnen Menschen, die ihrerseits Ursache der Gesellschaft sind. Sie sind Ursache durch ihr Handeln, sei es, indem sie das Web erfinden oder sich zum Diktator erheben. Beides an sich wäre als Tat eines Einzelnen irrelevant, wenn sie nicht die gesellschaftliche Struktur verändern würden. Das Web ist eine Technologie, die auf (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnis aufbaut. Latour spricht in diesem Zusammenhang von einem Hybrid oder Quasiobjekt, manchmal sogar von einem Monstrum. Aber das Web wird nicht zum Monstrum, weil es an sich monströs ist, sondern weil die modernen Menschen seine hybride Struktur nicht eingestehen wollen, d.h. weil sie Natur(-wissenschaft) und Gesellschaft strikt trennen. Latour sagt, dass sich die Modernen diese Trennung einbilden und sich darauf etwas einbilden. Wer von Natur-Gesellschaft-Dichotomie spricht, fühlt sich modern erhaben.

Technologien sind hybride Zwitterwesen – halb naturbezogen, halb gesellschaftlich verhängt

Latour ist wahrlich kein Konstruktivist, wenn er moderne Technologien als eigenständige Wesen sieht, die durch Delegation und Repräsentation in die Gesellschaft eingreifen. Er vergleicht sie mit Immigranten, die zwar hergebeten werden und uns Einheimischen zunächst viele wertvolle Geschenke mitbringen, ohne dass wir nennenswerte Gegengaben überreichen müssen. Irgendwelche Ansprüche auf Mitgestaltung der Verhältnisse stellen die Fremden zunächst auch nicht. Die Trennung von Einheimischen und Eingewanderten, bzw. Herren und Sklaven, scheint perfekt zu sein im Sinne einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Aber es kommen immer mehr Einwanderer und bald sind sie in der Überzahl und bestimmen die Geschicke der Gesellschaft, in der wir leben.

In der Zwei-Klassen-Gesellschaft kann das nur passieren, weil wir Natur und Gesellschaft strikt trennen. Nach Latour halte die Moderne am modernen Selbstverständnis durch Fiktionalisierung fest:

Auch, wenn wir die Natur konstruieren ist es, als konstruierten wir sie nicht. Auch wenn wir die Gesellschaft nicht konstruieren ist es, als konstruierten wir sie. Natur und Gesellschaft müssen strikt getrennt bleiben

Latour versteht die Einführung innovativer Technologien als Vermittlung zwischen Natur und Gesellschaft. Die Moderne vermehrt diese Hybridwesen in immer schnelleren Zyklen. Um das moderne Selbstverständnis aufrecht zu erhalten, müssen die Hybride laufend «gereinigt» werden, damit ihre natürlichen und gesellschaftlichen Aspekte strikt getrennt bleiben. Die Reinigungsarbeit besteht also darin, in der Sprache die technischen Aspekte von den gesellschaftlichen, rechtlichen, politischen und oekonomischen Aspekten zu trennen. Sogar die Schule unterrichtet strikt getrennte Fächer! Oder, wie jüngst Guido Augustin in seinem Blog schreib: Er denkt bei „Digitalisierung“, „Technologie“ und „Fortschritt“ an „Hardware“ und „Software“

latour

Reinigungsarbeiter

Beispielsweise betreibt auch Helmuth Plessner (5) mit seiner exzentrischen Positionalität moderne Reinigungsarbeit im Sinne Latours und trägt damit zur strikten Trennung von Natur und Gesellschaft bei. Zunächst fragt er ganz unverfänglich nach dem Unterschied zwischen belebten und unbelebten Phänomenen und findet eine strikte Grenze durch die Tatsache, dass belebte Organismen eine Grenze zu ihrer Umwelt bilden. Vielleicht gab es Mitte des letzten Jahrhunderts einfach noch zu wenig Wissen, um die Frage zu beantworten. Die Bezeichnungen «belebt» und «unbelebt» sind jedoch bloss Wortschöpfungen, die Plessner zu unkritisch übernahm. Eine Grenze kann nicht gezogen werden!

Das Mimivirus ist eines der grössten bisher entdeckten Viren. Seine DNA verfügt über 1260 Gene, die teilweise bisher nur bei zellulären Organismen bekannt waren. Auf Grund der aussergewöhnlich komplexen genetischen Ausstattung liegt das Mimivirus zwischen unbelebter und belebter Natur.

Nachdem Plessner diese Frage (lediglich) zu seiner Zufriedenheit beantwortet hat, greift er die nächste Frage auf: Wie organisieren sich lebende Phänomene? Die Frage wäre sinnlos, hätte er verstanden, dass er «lebende Phänomene» gar nicht abgrenzen kann. Plessner unterscheidet zwischen Tier und Mensch, obwohl es auch da keine Grenze gibt. Das ist meines Erachtens der Sündenfall, der überhaupt zu der Natur-Gesellschaft-Dichotomie führt. Nach Plessner haben Pflanzen kein zentrales Organ und sind daher «offen organisiert». Tiere seien zentrisch organisiert und lebten aus einem Mittelpunkt heraus. Die Organisationsform des Menschen sei dagegen «ex-zentrisch», weil der Mensch ein reflexives Verhältnis zu seinem Leben habe, beispielsweise über sein Selbstbewusstsein.

Ein Oktopus hat beispielsweise 9 Gehirne, lebt als nicht aus einem Mittelpunkt heraus und ist trotzdem ein Tier, erst noch ein sehr cleveres Tier! Der Mensch kann von anderen Tieren nicht abgegrenzt werden, weil es keine Art gab, die zum ersten Mal Mensch war. Wie das Mimivirus gab es auch menschliche oder vormenschliche Zwischenarten, die die einen noch als Tier, die anderen als Mensch bezeichnen würden. Selbstreflexion kommt nicht aus einer zentralen Ecke unseres Gehirns, das scheint uns bloss so.

Das (Selbst-)Bewusstsein ist eine Illusion, die uns zu Abgrenzungen verführt

Die Illusion eines zentralen Ichs verführt uns Menschen daran zu glauben, wir seien irgendetwas Besonderes und die Welt hätte auf uns gewartet («Unergründlichkeit des Menschen» bei Plessner). Es ist für mich aufregend, wenn ich einen Vortrag vor auch nur wenigen Personen halte, wenn ich eine Reise antrete, wenn ich ein paar Likes erhalte oder wenn ich sterbe. Wir haben stets das Gefühl, die Welt drehe sich um uns. Die einzige Unterscheidung zu anderen Tieren ist die Intensität des Werkzeuggebrauchs, in Latours Terminologie also die Zahl der Hybride. Zwar sind auch die primitiven Werkzeuge der anderen Primaten gesellschaftsbildend, aber doch nie in dem Masse wie bei uns Menschen.

Die ichbezogene Weltsicht führt unweigerlich zur Abgrenzung gegenüber unserer Umwelt. Das ist der Anfang. Daraus erwächst unser angeblich wissenschaftliche Hang zu Taxonomien und Systematiken. Wir grenzen zu viel ab, wo es eigentlich nichts abzugrenzen gibt. Man kann wohl skalieren. Es gibt klar unbelebte und klar belebte Phänomene. Es gibt klar natürliche und klar gesellschaftliche Phänomene. Es gibt klar physische und klar psychische Phänomene. Aber es gibt keine klaren Grenzen. Irgendwo in der Mitte verschwimmen die Kategorien.

Unser Hang zur Abgrenzung ist indessen nicht nur ein sprachliches Problem. Es wirkt sich aus auf unsere Gefühle, unseren Glauben und unsere Entscheidungen und Handlungen. Abgrenzungen sind Ursache für Fremdenhass, Rassismus und Sexismus und lassen Völker aufeinanderprallen. Abgrenzung ist immer Entweder-oder und folgt dem logischen Gesetz des ausgeschlossenen Dritten, dass bei erhöhter Komplexität nicht mehr anwendbar ist. Vielmehr müssen wir lernen, in Sowohl-als-auch-Kategorien zu denken: nicht «Natur vs. Gesellschaft», sondern «gleichzeitig Natur und Gesellschaft».

(1) Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen – Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-29461-1

(2) Diese Erfahrung wird neuerdings in einem Anflug vermeintlicher Originalität als «VUCA» bezeichnet.

(3) Ich habe auch den Eindruck, dass Latour die Sprache der Mathematik fehlt. Vor allem sein letztes Werk «Existenzweisen» wäre vermutlich mit mathematischer Sprache prägnater und verständlicher darstellbar.

(4) Einzelne Versuche, etwas zu verändern, nennt man in der Systemtheorie «Fluktuationen». Das können linke Demonstrationen für eine bessere Welt oder populistisch-kapitalistische Husarenstücke oder sonst welche Propaganda sein, auch wenn sie nicht im Links-Rechts-Schema ablaufen. Fluktuationen werden vom System zunächst stets unterdrückt. Halten sie an und übersteigt ihre Wucht eine gewisse Schwelle, können sie durchdringen und das ganze System erfassen.

(5)Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie (1928)

 

Ist Poppers Traum wirklich in Gefahr?

Im Zeit-Artikel «Poppers Traum ist in Gefahr» weisen Faigle/Venohr auf die Untersuchung von Gerret von Nordheim hin, der 80.000 Tweets nach dem Münchener Amoklauf ausgewertet hat (1). Er schreibt: «Die Öffentlichkeit spaltet sich immer mehr in isolierte Sphären» und spricht damit den Begriff der Filterblase von Eli Pariser an (2).

Zerrspiegel der Wirklichkeit

Pariser meinte damit den individualisierenden Effekt der Algorithmen von Google. Auch Facebook verwendet solche Algorithmen, um uns Beiträge zu zeigen, von denen Facebook annimmt, dass sie uns interessieren können. Das ist auch eine mächtige Selektion, die soziale Medien zu einem Zerrspiegel der Wirklichkeit werden lassen kann

eli_pariser_filter_bubbleMit «Zerrspiegel der Wirklichkeit» meinen Faigle/Venohr zweifellos die Tatsache, dass wir uns in den Sozialen Medien tendenziell mit Gleichgesinnten verbinden und dadurch einen immer eingeschränkteren Blickwinkel von der Welt bekommen, weil uns die Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen fehlt.

Das ist allerdings so nicht haltbar. Selbstverständlich nimmt der Anteil derjenigen Personen, die sich für dasselbe interessieren wie ich, in meiner Community zu, aber die neuen Follower und Freunde sind nicht nur von dieser Art. Ich bin mit vielen früheren Freunden aus dem realen Leben, mit vielen ehemaligen Arbeitskollegen und viele Verwandten und Bekannten verbunden, die ich nicht auswählen konnte, d.h. die meine Interessen und Ansichten mit mir nicht gezwungenermassen teilen. Natürlich würde ich mich nicht mit jemandem verbinden, mit dem ich zerstritten bin, aber um eine solche Person mache ich auch im realen Leben einen Bogen.

Expertenstreit ist heftig

Anfangs der 30er Jahren trafen sich die Nazis in geschlossen Vereinsversammlungen und frönten so ihren Filterblasen. Heute sind die Echokammern und Filterblasen auf den Social Media mindestens öffentlich und können von Andersdenkenden gestört werden.

Dazu kommt ein Phänomen, das man gemeinhin übersieht: Expertenstreit ist oft heftiger als der Streit zwischen zwei weit auseinanderliegenden Positionen. Ein Physiker und ein Psychologe können sich über die Frage streiten, was für Menschen wichtiger sei, ob Physik oder Psychologie. Schliesslich werden sie sich sagen, dass der jeweils andere zu wenig Kenntnis des eigenen Sachgebiets hat und deshalb die Frage gar nicht wirklich vertreten kann. Zwei Physiker hingegen können sich gewaltig in die Haare kriegen, wenn es z.B. um die Interpretation der Quantentheorie geht, denn jeder kann davon ausgehen, dass der andere genau weiss, was er hier behauptet. Damit will ich sagen, dass der Streit in meiner Filterblase heftiger sein kann, als wenn ein Linker eine Filterblase von Populisten stört.

Google ist böse! Warum nur immer Google?

Wer behauptet, es liege allein in unserer Hand, wie wir in sozialen Medien agieren, spricht Unternehmen wie Facebook die Verantwortung für ihr Handeln ab. Die Politik sollte sich in meinen Augen auch nicht scheuen, Firmen wie Facebook stärker zu regulieren.

Welche «Verantwortung» denn? Im noch vorherrschenden Wirtschaftsverständnis besteht die Verantwortung eines Unternehmens darin, Gewinn zu machen, am Leben zu bleiben und den Angestellten den Job zu sichern. Genau das machen Google & Co. Google ist nicht verantwortungsloser als Toyota oder Walmart, um zwei der zehn grössten Unternehmen zu nennen. Kritik an Weltkonzernen gibt es immer, eben gerade, weil sie den Auftrag haben, zu wachsen und Gewinn zu machen. Dass aber die Kritik derart einseitig verteilt ist, dass sie sich vor allem auf grosse Web- und IT-Unternehmen konzentriert, halte ich für eine Auswirkung einer Filterblase, in der sich die Kritisierenden befinden.

google_boeseEs geht also nicht so sehr um Regulierung der «bösen» Konzernen, als vielmehr um das Finden und Implementieren einer neuen Ökonomie, in der nicht Gewinn und Wachstum an erster Stelle stehen, aber so, dass dennoch ein Anreiz zur Selbsterhaltung (Autopoesis) besteht. Wer spontan eine realisierbare Idee hat: vortreten!

Komplexität manifestiert sich in höheren Strukturen

Was Gerret von Nordheim (und viele andere) hier herausgefunden habt, ist die strukturbildende Eigenschaft von Komplexität. Eine nachhaltige Disruption führt in einem System immer zum Aufbau einer neuen Systemstruktur, die ihrerseits dem System einen neuen «Groove» aufzwingt. Dadurch hat das System eine höhere Komplexitätsstufe erreicht.

Die Struktur kommt dadurch zustande, dass die Disruption einen Zwang auf das System ausübt, dem das System auszuweichen versucht und sich neu arrangiert. Wie ich in Strukturen dienen der Funktionalität komplexer Systeme erklärt habe, kann das System nur dank dieser komplexen Struktur überhaupt funktionieren.

Auf unser Problem bezogen bedeutet dies, dass die Socal Media Gesellschaft nur mit der Fragmentierung funktionieren kann, die Gerret von Nordheim et al. herausgefunden haben. Was soll man nun davon halten? Die einen werden die Algorithmen verteufeln und raten, keine SoMe zu verwenden und statt Google z.B. auf Duckduckgo auszuweichen. Andere werden in noch fundamentalistischerer Weise ganz auf das Web verzichten wollen. Beides ist kurzsichtig, unhaltbar und nutzlos, es sei denn, die gesamte Menschheit verzichtet ab sofort auf die Nutzung von Webdiensten. Denn solange die meisten meiner Mitmenschen SoMe benutzen und deshalb in einer Filterblase leben, werden sie mich dahingehend beeinflussen, dass ich ebenfalls in dieser Filterblase bin.

(Nebenbei gesagt, kenne ich den Google-Algorithmus recht gut und habe ihn als Beispiel im Modul «Lineare Algebra» mit den Studenten studiert. Von Duckduckgo weiss ich nichts.)

Heute läuft einfach alles über das Web

Würde die gesamte Menschheit (z.B. durch Regulierungen?) gänzlich auf das Web verzichten, gäbe es keine Bankomaten, keine Bananen und keine Zeitungen mehr, um nur einige Beispiele zu nennen. Fast die gesamte Wirtschaft und das gesamte Leben käme zum Erliegen. Wie kürzlich jemand geschrieben hat, würden wir nicht in die Vorwebzeit zurückgehen – also in das Jahr1990, sondern in das Jahr 1930! Ich bin sogar der Meinung, dass wir in das 19. Jahrhundert zurückgeschleudert würden. Mittlerweile laufen auch diejenigen Prozesse zumindest teilweise über das Web ab, die 1990 noch über andere Kanäle liefen. Z.B. gab es damals sogenannte Standleitungen, über die zwei Computer direkt verbunden wurden. Da es solche Infrastrukturen nicht mehr gibt, müsste man sie wieder aufbauen. Und bis dahin wäre es ziemlich dunkel (auch der Betrieb von Elektrizitätswerken läuft über das Web).

Die digitale Technologie hat sich durchgesetzt und wird sich vollends etablieren. Sie bringt viel Nutzen, aber auch Schäden. Es ist wie mit der Verkehrs- und insbesondere der Autotechnologie: niemand will auf den Nutzen eines Autos verzichten, trotz der vielen Unannehmlichkeiten, die der Verkehr mit sich bringt.

Konsequenz: Kritisches Denken

fragmentierte_welt_2Das bedeutet nicht, dass wir die Hände in den Schoss legen sollen. Es gibt angesichts dieser Tatsachen, die ich hier aufgezeigt habe, einen starken Imperativ: kritisches Denken! Kürzlich geisterte die Meldung durch die SoMe, dass ein Flüchtling mit vier Frauen und 23 Kindern monatlich um die 30’000 Euro Unterstützungsgeld erhalte. Das gab natürlich ein Aufruhr in den flüchtlingsfeindlichen Filterblasen! Es wurde zwar nach der Quelle gefragt und diese auch ordentlich herumgereicht, aber niemand überlegte sich, ob das auch stimmen kann und dass das Unterstützungsgeld einer Gruppe proportional zur Grösse der Gruppe steht.

Kritisches Denken und verantwortungsbewusste Skepsis ist eine Fähigkeit, die parallel mit dem Web aufgebaut werden muss. Es muss bereits beim Kleinkind beginnen, also zuhause in der Familie. In den Schulen muss kritisches Denken immer wieder thematisiert und geübt werden. Es braucht neue Curriculae und Kurse, die kritisches Denken trainieren. Wir müssen in Echokammern- und Filterblasen-Diskussionen immer wieder nachfragen, ob das auch wirklich stimmt, wie es aus einem anderen Gesichtspunkt aussehen würde, was dafür und dagegenspricht und ob die sich gerade etablierende Meinung nicht vielleicht übertrieben sei. Je mehr unsere Meinung bestätigt wird, desto skeptischer müssten wir sein. Jemand hat auf Twitter geschrieben, dass der Zeit-Artikel über Gerret von Nordheims Untersuchungen in jeden Unterricht zum Thema «Social Media» gehöre. Alle, die diesen Unterricht genossen haben, hätten dann Parisers Überzeugung. Damit wäre gleich noch eine Filterblase mehr eingerichtet. Es sei denn, der Zeit-Artikel wird kritisch diskutiert.

305260451_1280x768Wir müssen nicht das Web ändern, sondern unsere Denkweise! Dann ist nämlich auch Poppers Traum nicht in Gefahr. Wir halten an einer Meinung auch dann zwanghaft fest, wenn die Fakten dagegensprechen. Man beschäftigt sich lieber mit einem idealisierten Abbild der Realität, als das eigene Weltbild aufzugeben. Wir haben eine derartige Angst vor Kontrollverlust, dass wir rigide an unserem Weltbild festhalten. Dietrich Dörner nennt das harmlos «vertikale Flucht». Es ist ein Spezialfall des Hangs zur Bestätigung. Wenn etwas gegen unsere Weltsicht spricht, dann schlüpfen wir freiwillig in jede Filterblase, die sich anbietet, ob mit oder ohne Social Media! Das ist die Wirklichkeitsverzerrung, an der wir leiden, nicht die Filterblasen!

(1) Faigle, Philip; Venohr, Sascha: Poppers Traum ist in Gefahr in ZEIT Online vom 9. September 2016

Zitiert mit http://www.webcitation.org/6kVeaditC

 

(2) Filterblase von Eli Pariser

Komplexität verstehen