Das Ziel wird gesucht, es steht am Anfang nicht fest

Diese Woche nahm ich an einer Konferenz über Operations Research in Bonn teil. Viele Vorträge waren über Project Task Scheduling. Wenn ein Projekt gross genug ist, viele Paralleltasks aufweist und rare Ressoucen benötigt, dann kann die Planung nicht mehr mit MS Project oder gar nur mit Excel gemacht werden. Hochkomplizierte mathematische Algorithmen übernehmen die Aufgabe. Der interessanteste Vortrag war für mich jedoch der von Nobelpreisträger und Mathematiker Reinhard Selten. Zum Glück hatte er ab und zu mit der Technik zu kämpfen, das gab einem Zeit, die Slides genau zu studieren und über seine Worte nachzudenken. Selten referierte über Aspiration Adaptation Theory. Sie basiert auf Simons Theorie der begrenzten Rationalität und sagt, dass ein menschlicher Agent am Anfang eines Vorhabens keine Präferenz hat, sondern diese Schritt für Schritt sucht. In jedem Schritt prüft er seine Möglichkeiten und wählt dann diejenige, die den grössten Zuwachs einer Zielvariablen – also seiner Aspiration – verspricht. In jeder Periode wird er seinen Aspiration Plan ändern, ohne jedoch quantitative Berechnungen anstellen zu müssen. Selten hat in dieser Hinsicht mit dem Psychologen Gerd Gigerenzer zusammen geforscht, der immer wieder darauf hinweist, dass ein menschlicher Agent bei seinen Entscheidungen und Problemlösungen niemals quantitative Berechnungen anstellt, sondern immer heuristisch, also quasi gefühlsmässig und intuitiv, vorgeht. Was heisst das für das Projektmanagement? Für mich bedeutet das, dass Projekte nicht nach einem rationalen Plan und berechnend durchgeführt werden, sondern dass jeder Stakeholder in jedem Moment den nach seinem Gusto besten Schritt macht. Wenn ich das “Durchwursteln” nenne, dann ist das in keiner Weise zynisch oder abschätzig gemeint, sondern soll lediglich die durch die herkömmliche Projektmanagementliteratur vermittelte Kontrollillusion entlarven.