Ein agiler Bastard zwischen einem Karnickel und einer Rummelfliege

Alle sprechen von agilem Projektmanagement. Das geht so weit, dass man sogar noch das “Projektmanagement” weg lässt. Plötzlich ist einfach alles agil. Als ich im vergangenen Sommer einen glühenden Anhänger von Agilität gefragt hatte, was er denn nun eigentlich unter “agil” verstehe, war seine Antwort:

Meine Definition von Agil? Jetzt hast du mich aber… ;-) Da muss ich mal über eine Formulierung nachdenken.

So auf die Schnelle würde ich sagen, agile Entwicklung ist:

  • Inkrementell: es wird in Durchstichen gedacht, Nutzenorientierung
  • Lernend: daher auch die iterative Entwicklung oder die Retrospektive in Scrum
  • Haldenreduziert: es wird versucht, kein B*UF herzustellen (Big {Design, Documentation, …} Up Front)
  • Unmittelbar: Kommunikation soll direkt stattfinden (Kunde:Entwickler, Code:Entwickler usw.); also nicht lange rumspezifizieren und Papierberge produzieren, nicht lange rumdokumentieren, sondern den Code sprechen lassen

Interessant ist, dass er zunächst selber überfragt war. Dann kam eine Definition für “agile Entwicklung”. Das ist immerhin konsequent, denn agiles Projektmanagement war in der Tat für IT-Entwicklungsprojekte angedacht. Kent Beck et al. stellten 2001 ihr agiles Manifest vor, in welchem nebst agilen Prinzipien auch die vier agilen Werte stehen1:

Wir zeigen bessere Wege auf, Software zu entwickeln, indem wir es selber tun und anderen dabei helfen, es zu tun. Durch unsere Arbeit sind wir zu folgender Erkenntnis gekommen:

  1. Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge.
  2. Funktionierende Software ist wichtiger als umfassende Dokumentation.
  3. Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen.
  4. Eingehen auf Veränderungen ist wichtiger als Festhalten an einem Plan

Es ist deutlich von Software entwickeln sowie funktionierender Software die Rede. Das ist das Entscheidende. Agiles Projektmanagement ist eine Philosophie für Entwickler. Nur: hier in Mittelwuropa sind IT-Projekte vowiegend Integrations- und Migrationsprojekte, in deren Verlauf manchmal tatsächlich auch Skripte entwickelt oder Schnittstellen angepasst werden müssen, z.B. mit in einem SAP-Projekt mit der Programmiersprache ABAP. Aber solche Entwicklungen stehen in Migrationsprojekten nicht an vorderster Stelle und können in einem mit agilen Methoden durchgeführeten Teilprojekt gekapselt werden. Für das übergeordnete Migrationsprojekt jedoch, sind die agilen Werte, so wie sie im Agilen Manifest stehen, nichtssagend oder selbstverständlich.

Die nicht direkt entwicklungsbezognene Werte Interaktionen vor Prozessen und Zusammenarbeit mit dem Kunden sind in Logistik- und Migrationsprojekten schon immer selbstverständlich gewesen. Ich habe schon in den Achzigern – lange vor Kent Beck – in Referaten auf der Notwendigkeit von kollaborativem Vorgehen mit den Handelspartnern – Kunden und Lieferanten – insistiert. Meine Zusammenarbeit mit den Kunden in Migrationsprojekten geht zuweilen so weit, dass meine Mandanten murren. In Projekten will der Lieferant eine möglichst gute Marge und der Kunde eine möglichst gute Qualität. Ich achte immer zugunsten des Kunden auf Qualität, was manchmal an der Marge meiner Mandanten zehrt.

In einem Integrations- oder Migrationsprojekt wird ein Softwareprodukt installiert, dessen Entwicklung abgeschlossen ist. Dokumentation ist ausserordentlich wichtig. Der Kunde wil nicht ständig vom wohlwollenden Support und den teuren Trainings des Lieferanten abhängig sein, sondern erwartet eine möglichst gute Dokumentation des Produkts. Er will keine grünen Bananen, die bei ihm reifen sollen, sondern funktionierende Software und umfassende Dokumentation. Hier unterscheiden sich Migrationsprojekte grundsätzlich von Entwicklungsprojekten.

Die Forderung Veränderung vor Plan zieht sich wie ein roter Faden als eines der Hauptthemen durch meinen Blog. Es geht mir seit jeher um vigilantes und flexibles Vorgehen. Den längst zerredeten Begriff “agil” vermeide ich tunlichst, weil er in den Bereich von Entwicklungsprojekten gehört.

Es ist äusserst gefährlich, zunächst recht präzise Begriffe einfach auszuweiten und über alles und jedes zu stülpen. Die Begriffe erfahren dabei eine Inflation und verlieren ihren Inhalt.

Uwe Friedrichsen schreibt in seinem interessanten Überblicksartikel Agilität heute und morgen: eine Bestandesaufnahme und ein Blick in die Zukunft2

Nachhaltig geändert hat sich die Situation für mich vor circa zweieinhalb Jahren. Mein damals neuer Arbeitgeber setzte nicht nur in der Projektdurchführung, sondern in allen Bereichen auf Agilität.

Ich bedauere, dass man angesichts erhöhter Komplexität nicht auch erhöhten Wert auf präzise Sprache legt. Nicht nur, dass man den Begriff “agil” missbräuchlich verwendet, wo man einfach nur “flexibel” oder vielleicht “vigilant” meint. Die Vertreter der Agilität-auf-Teufel-komm-raus benutzen auch Begriffe wie “Kanban” oder “inkrementell”, ohne sich jedoch im Klaren darüber zu sein, was sie wirklich bedeuten. Kanban ist eine Just-in-Time-Methode in der Fertigung und hat gar nichts mit agiler Projektmanagement zu tun. Kanban ist im agilen Projektmanagement allenfalls eine Metapher. Inkrementell ist ein Vorgehen, bei dem periodisch ein festes Inkrement dazu kommt3. Agiles Projektmanagement meint aber rekursives Vorgehen, wo der nächste Schrit auf dem bisher Erreichten aufsetzt. Mein Freund, den ich eingangs erwähnte, meinte dazu:

ich denke, die begrifflichkeit ist hier geschmackssacke. “rekursiv” ist aus meiner sicht weniger anschlussfähig

Das ist genau, was ich meine: Die Bedeutung von Begriffen erklärt man ebenso zur Geschmacksache, wie die Gross- und Kleinschreibung. Dann kann jeder machen, wie er will. Das ist schon gut. Nur darf man sich nicht wundern, wenn sich die Menschen nicht mehr verstehen. Während der eine über agiles Projektmanagement spricht, meine ich, es gehe um Softwareentwicklung, das ziemlich ausserhalb meiner Erfahrungen liegt. Ich spreche von vigilantem oder systemisch-evolutionärem Projektmanagement, und obwohl er weitgehend dasselbe meint, reden wir die längste Zeit aneinder vorbei. Schade eigentlich!

1Z.B. Wikipedia, Agile Softwareentwicklung

2Friedrichsen, Uwe. Agilität heute und morgen: eine Bestandesaufnahme und ein Blick in die Zukunft, OBJEKTspektrum, Ausgabe Februar 2011

3z.B. Wikipedia, Inkrement und Dekrement

Titel frei nach Fletcher's satirisches Fußballdiktionär