Das Komplexitätspotential des Internets

Das 7. Kapitel des Buches von Werner Hartmann und Alois Hundertpfund über Digitale Kompetenz ist den digitalen Rollenbildern gewidmet(1). Insbesondere geht es um die Art und Weise, wie «man» – allen voran Teenager – sich im Netz präsentiert.

Das Thema diskutierten wir ausführlich im IchMOOC, den nachträglich durchzublättern ich in diesem Zusammenhang sehr empfehlen kann.

Die Komplexität des globalen Handels

Hingegen machen solche individuellen Anwendungen des Internets nur den kleinsten Teil aus (2). Vielen Leuten ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie omnipräsent das Internet in ihrem Leben ist, auch wenn sie meinen, nichts damit zu tun zu haben. Wer eine Hose kauft oder ein Paket nach Übersee aufgibt, benutzt implizit das Internet sehr intensiv. Vor allem weltweite Logistikdienste könnten den heute permanent strömenden Warenfluss ohne Internet gar nicht bewältigen.

Beispielsweise müssen Transportmittel möglichst ständig unterwegs sein, Umladezeiten müssen minimiert und Füllgrade maximiert werden. Um diese Optimierungsaufgaben lösen zu können, müssen Transportkapazitäten laufend transparent getrackt und sofort ausgenutzt werden können. Das geht nur mit breitbandigen Kommunikations- und Rechenleistungen.

Supply Chains sind weltumspannend und nachfrageorientiert. Eine Nachfrage hier in Europa zieht eine ganze Reihe von Konsequenzen rund um den Globus nach sich. Damit die Nachfrage befriedigt werden kann – und jede Fehlmenge bedeutet ein Verlust – muss die gesamte Supply Chain über viele Stufen transparent sein, wie das Schienennetz eines grossen Rangierbahnhofs. Allerdings besteht eine Supply Chain aus hunderten und tausenden selbstständigen Unternehmen, die sich womöglich nicht gerne in die Karten gucken lassen.

Wie eine transparente Supply Chain funktioniert, erklärt dieses knapp drei Minuten lange Video recht eindrücklich.

Komplexität kommt durch Flüsse zustande

Verkehr und digitale Vernetzung sind die Komplexitätstreiber der Globalisierung. Unsere Wirtschaft erfährt durch die beiden Technologien in den letzten 25 Jahren einen Phasenübergang und ist heute in einem Zustand, der völlig unvergleichbar ist mit dem Zustand der Wirtschaft vor 1980. Der Unterschied ist nicht bloss graduell, wie z.B. bei der Einführung der Dampfmaschine.

Interessant ist die Statistik der Zunahme der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten, hier stellvertretend vom Flughafen Frankfurt a.M. Man sieht, wie die rote Kurve der Flugbewegungen bis 1970 ansteigt und dann 15 Jahre lang stagniert.

Flugbewegungen

Erst 1985, mit der Vernetzung von Computern, konnte die Zahl der Flugbewegungen gesteigert werden.

Aber nicht nur der Verkehr liefert Flüsse. Auch der Geldfluss hat heute ein Volumen angenommen, das ohne vernetzte Computer nicht entstehen könnte. Allein von und zu Schweizer Banken fliessen in jeder Sekunde 2,5 Millionen Schweizer Franken über digitale Computernetze. Steht dieses Interbank-Clearingsystem z.B. 5 Minuten lang still, so liegen 750 Millionen Franken unproduktiv herum.

Was ist anders?

Globalen Handel hat es schon zu Marco Polos Zeiten gegeben und wurde in Kolumbus’ Zeit endgültig etabliert. Aber seit der Verfügbarkeit des Internets ist das Handelsvolumen explodiert, wie folgende Grafik der Statista zeigt.

Handelsvolumen

Vor 1990 war das Volumen im Gegensatz zu heute so gering, dass es gar nicht dargestellt werden kann. Dank Digitalisierung können heute ein Vielfaches an Geschäften abgewickelt werden,  die entsprechend viele Menschen beschäftigen. Grössere Maschinen sind ständig mit dem Hersteller vernetzt und liefern Laufdaten, die der Hersteller zu Wartungszwecken verwendet. Ein Traktor von John Deer kann schon gar nicht mehr gekauft werden; vielmehr wird die darin enthaltene Software lizenziert. Die Mechanik ist quasi gratis.

Routinearbeiten werden immer mehr durch Maschinen übernommen. Dafür werden immer mehr Geistesarbeiter benötigt, Softwareentwickler, Ingenieure, Operationsmanager.  Ein Ausfall der Computernetze hätte verheerende Auswirkungen.

Die Verwundbarkeit des Netzes

Würde das Netz über einen längeren Zeitraum ausfallen, würde dadurch die Wirtschaft kollabieren. Dauert der Ausfall länger – Tage, Wochen, Monate – so wäre die Wirtschaft nicht einfach auf dem Stand von 1970. Wir wären gar nicht mehr in der Lage, so zu wirtschaften, wie vor dem Internet, weil viele Rezepte, Maschinen und Prozesse nicht mehr vorhanden sind. Ein Wechsel zu einer 1970er Wirtschaft würde Jahre und Jahrzehnte dauern. Netzwerke sind gefährdete Organismen.

Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull hat 2010 einen kleinen Vorgeschmack davon gegeben, wie verletzlich unsere hochkomplexe Technik geworden ist. Der Verlust der Fluggesellschaften wird auf ca. 2 Milliarden Euro geschätzt. Die isländische Wirtschaft alleine hat einen Schaden von weiteren 3 Milliarden Euro eingefahren. Unbekannt ist die Höhe des Schadens, der dadurch entstand, dass 10 Millionen Fluggäste von Flugausfällen betroffen waren. Dabei war dieser Ausbruch ja verhältnismässig geringen Ausmasses. Nicht auszudenken, was passiert, wenn z.B. der Yellowstone, der Toba oder die Phlegräischen Felder ausbrächen. In letzteren sind aktuell verstärkte unterirdische Aktivitäten gemessen worden, so dass der Zivilschutz seit 2012 die Warnstufe erhöht hat. Die Liste der vulkanischen Hotspots ist lang. Dabei sind längst nicht alle verzeichnet. Neben Vulkanen gibt es eine Reihe weiterer Bedrohungen ähnlicher Art.

Ein grösserer Ausbruch, der weltweit nur paar (Sommer)Monate verdunkelt, würde nicht nur dazu führen, dass das Internet und damit die Wirtschaft zusammenbräche, sondern auch unsere Lebensmittelversorgung. Zum Glück fühlen wir uns in unserem Alltag sicher und verbannen solche apokalyptischen Szenarien in die Kinos, wo wir uns davon unterhalten lassen.

 

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Hier ist der Begriff “Internet” passender anstatt “Web», denn es kommen auch andere Protokolle als nur HTTP zum Tragen.

 

Werden wir in Zukunft mehr Zeit zum Lernen haben?

In Kapitel 6 der «Digitalen Kompetenz» befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit digitalen Tools und weisen auf das Dilemma hin, entweder sich im Tool-Dschungel oder den Anschluss an das digitale Zeitalter zu verlieren (1).

Das didaktische Hauptproblem

FreundeDie Lösung der didaktischen Hauptproblematik liegt jedoch nicht in der Computerisierung begründet und hat nichts mit digitaler Kompetenz zu tun. Lernen heisst

  • Fragen stellen und sie mit anderen diskutieren
  • Ideen ausprobieren, verwerfen, weiterentwickeln und sie mit anderen teilen
  • Mit ausdauernder Hartnäckigkeit forschen und experimentieren
  • Dem Scheitern zum Trotz kreativ neue Wege ersinnen
  • Vorhandenes Wissen zu neuem verknüpfen

Lernen ist also Engagement! Lernen ist eine natürliche Fähigkeit von Kleinkindern. Sobald sie in die Welt der «Produktionsprozesse» eintreten, verlernen sie es. Die Schule verlangt eine andere Fähigkeit, nämlich an den Prüfungen ein Resultat mit einer bestimmten Qualitätsanforderung zu produzieren.

Wer nur auf ein Diplom oder Zertifikat aus ist, wird das nötige Engagement, das zum Lernen vorausgesetzt ist, nicht erbringen wollen. Wie kann man Studierende in einer Welt voller Produktionsprozesse dennoch zum Lernen motivieren? Das ist das didaktische Hauptproblem.

Computerisierung der Bildungsprozesse könnte die Lösung des didaktischen Hauptproblems unterstützen, aber sie ist selber nicht die Lösung. Alle Bildungsprozesse sind auch ohne Computer machbar. Beispielsweise war mobiles Lernen schon immer möglich. Im Buch «So lernt man lernen» stellte Sebastian Leitner bereits in den frühen 1970er Jahren eine Zettel-Methode vor, mit der man unterwegs sehr effektiv lernen kann, auch ohne Smartphone oder anderen digitalen Hilfsmittel (2).

Ist der Wille zum Lernen nicht vorhanden, kann auch der beste Didaktiker mit den besten Tools nichts erreichen. Es wird wohl erst dann wieder gelernt, wenn wir endlich von der Produktionswut ablassen und uns mit weniger zufriedengeben. Dafür hätten wir mehr (Frei-)Zeit und könnten kontemplativer durch’s Leben gehen; eine gute Voraussetzung zum Lernen.

Weniger produzieren = mehr Zeit (zum Lernen)?

Mit der Computerisierung vor allem der Produktion (und weniger der Bildung) hätten wir die besten Voraussetzungen geschaffen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Vermutlich wird mit dem Computer viel Arbeit wegrationalisiert, so dass die Arbeitslosenquote in den nächsten Jahrzehnten beträchtlich ansteigen wird. Das finde ich eine sehr gute Nachricht, denn es war doch schon immer der Wunsch, möglichst wenig arbeiten zu müssen und dafür viel Musse zu haben. In der Steinzeit mussten die Leute vielleicht sechs Stunden am Tag arbeiten, um die Grundbedürfnisse zu erfüllen (Nahrung, Unterkunft, Sicherheit).

Die übrigen Stunden dienten den sozialen Kontakten oder es konnte geschlafen oder gedöst werden. Natürlich gehörte zu den sozialen Kontakten das Spielen mit den Kindern oder das Zusammensein mit den Alten. Beides ordnen wir heute den Produktionsprozessen zu und nennen es «Kindererziehung» und «Altenpflege».

alteHandGerade die Altenpflege ist ein Beispiel einer Arbeit, die wohl kaum computerunterstützt gemacht werden kann. Zwar ist der Einsatz von Robotern denkbar, aber letztendlich wird immer eine zuhörende und freundliche Person gefragt sein, die den Alten bei der Hand nimmt.

Niemand weiss, wie sich der Arbeitsmarkt angesichts der Computerisierung verhalten wird. Einige rechnen mit einem sich aufschaukelnden Wirkungskreislauf. Im Zuge erhöhter Produktivität werden die Preise sinken und die Löhne steigen (sic!), wodurch sich die Nachfrage nach Gütern erhöht, was wiederum neue Arbeitsplätze schafft. Andere prognostizieren eine Massenarbeitslosigkeit, hervorgerufen durch den rasanten Fortschritt digitaler Technologien, was die Einkommensunterschiede erhöht(3).

Um die Vorteile von weniger Arbeit zu geniessen, müsste aber eine Umorganisation der Gesellschaft stattfinden. Es dürfen nicht wenige für guten Lohn arbeiten und viele für wenig Almosen herumliegen. Die wenige Arbeit müsste gleichmässig auf alle verteilt sein, wobei es nach wie vor qualifiziertere und weniger qualifiziertere Arbeit gäbe, wie immer das definiert sein mag.

Das ist eine ziemlich klare Gefangenendilemmasituation. Das soziale Optimum ist weit weg vom Nash-Gleichgewicht und wird nur unter sehr restriktiven Bedingungen angenommen. Auf die Dauer wird sich Kooperation jedoch zweifellos durchsetzen, z.B. wenn die Situation der Werktätigen nicht mehr attraktiv genug sein wird. Welche Täler der Tränen bis dahin aber durchlaufen werden müssen, bleibt dahingestellt.

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Sebastian Leitners Lernkartei

(3) Natalie Gratwohl. Folgen der Digitalisierung: Massenarbeitslosigkeit oder viele neue Jobs? 9.12.2015