Fehler machen – gewusst wie!

borgertDieser Beitrag ist etwas ganz Besonderes. Es ist nämlich ein Gastbeitrag von niemand geringerem als Stephanie Borgert, die bekannte Erfolgsautorin mehrere Bestseller zum Themenkreis „Komplexität“.  Ihr neustes Buch „Die Irrtümer der Komplexität“ habe ich hier rezensiert.

komplexitaetIm folgenden Artikel sinniert Stephanie Borgert über neuguineanische Schweine in den Gärten der Nachbarn und was das mit dem Anspruch zu tun hat, dass alles fehlerfrei und definitiv sein muss.

Vielen Dank, Stephanie!


Das „Agieren in nicht vorhersagbaren Kontexten“ ist die Herausforderung für Manager. Täglich erscheinen Artikel mit den Schlagwörtern „experimentieren“, „Fehlermachen“, „scheitern“ und sie proklamieren deren Bedeutung. So weit, so gut. In einem komplexen Umfeld treffen Manager Entscheidungen auf der Basis von Experimentieren (Ausprobieren) und Muster erkennen. Dabei werden Fehler (also nicht erwünschte Ergebnisse) entstehen und das führt möglicherweise zum Scheitern.

Wird das Thema aufgegriffen, werden meistens Beispiele von Insolvenzen, „totalem“ Scheitern und einem dramatischen Untergang bemüht. Das ist zwar anschaulich und eindrücklich, aber auch irreführend. Denn meistens bewegen wir uns als Individuen genauso wie jede Organisation auf der vielfältigen Achse zwischen „makellos erfolgreich“ und „total in die Hose gegangen“. Gleichzeitig gehen die Artikel nie in die Tiefe. Da es konzeptionell große Unterschiede im Fehlermachen beziehungsweise -vermeiden gibt, ist das aber dringend notwendig.

Fail-safe oder Safe-fail

Ganz offensichtlich ist es von Vorteil, wenn in einem Kernkraftwerk durch mehrere Stromkreise sichergestellt ist, dass bei einem Stromausfall die Energieversorgung weiter gewährleistet ist. Umfangreiche technische Konstrukte arbeiten berechtigterweise mit diesem Fail-safe-Prinzip, bei dem Redundanzen auf der Basis errechneter Wahrscheinlichkeiten geschaffen werden. Leider wird dieses Prinzip oft eins zu eins auf Organisationen übertragen. Egal ob Produktionsprozess oder Projektmanagement, die Systeme werden robust, narren- und ausfallsicher aufgesetzt. Mit dem Ziel, der (möglichst) vollständigen Fehlervermeidung wird alles Erdenkliche unternommen, um deren Wahrscheinlichkeit zu reduzieren. Das führt zu dem Ergebnis, dass die Menschen sich so verhalten, als läge die Wahrscheinlichkeit bei null Prozent. Welch ein Denkfehler in komplexen Kontexten!

failsafeDadurch beschränkt sich auch das Experimentieren auf die Trial-and-Error-Methode. Bei einem neuen Produkt heißt das beispielsweise, es wird erst gelauncht, wenn es fertig ist und alle sicher sind, dass es erfolgreich sein wird. Diese Sicherheit ist aber ein Irrglaube, denn eine Garantie gibt es am Markt nie. Bleibt der Erfolg aus, wird das nächste Produkt platziert. Eins nach dem anderen, Trial-and-Error eben. Der Preis für diese Art des Managements ist hoch, die Währung Flexibilität, Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit.

Von Gärten und Schweinen

Ein alternativer Ansatz zur Schadensvermeidung ist die Schadensbegrenzung. Das Safe-fail-Prinzip unterstellt, dass Fehler passieren und nicht zu vermeiden sind. Experimentieren heißt in dem Fall, tatsächlich Fehler zu machen und zu scheitern. Ohne das lassen sich die Grenzen des Machbaren nicht ausloten. Systemisch bedeutet, „an Grenzen zu stoßen“, das System zu regulieren. Der kanadische Ökologe Buzz Holling erläuterte das Prinzip an dem Ritual einer Bevölkerungsgruppe Neuguineas: Die Menschen dort bauen einen Großteil ihrer Nahrung selbst an und zwar in ihren eigenen Gärten. Schweinefleisch ist dort ebenfalls ein wichtiges Lebensmittel, wird jedoch nur zu einem bestimmten zeremoniellen Anlass gegessen. Diese Zeremonie findet immer statt, wenn die „Betriebstemperatur“ hoch ist und Konflikte aufkeimen. Dann werden die Schweine verzehrt und die Götter um Versöhnung gebeten. Der wesentliche Grund für die Konflikte ist die hohe Schweinepopulation. Sie beginnen die Gärten zu verwüsten und das provoziert Streit unter den Nachbarn. Nach der Zeremonie ist der Streit ausgeräumt. Dabei dient das Ritual weniger dazu, die Schweinepopulation zu kontrollieren, sondern die Bevölkerung vor unkontrollierter Instabilität durch Konflikte zu bewahren.

schweinWäre das Zusammenleben dieser Menschengruppe in Neuguinea durch Prozesse, Verfahren und Richtlinien aus unseren Organisationen geregelt, so wäre sicher zuerst die Anzahl an Schweinen pro Familie definiert und festgelegt. Die Schweinepopulation könnte also insgesamt einen gewissen Schwellwert nicht überschreiten. Wenn gleichzeitig durch den Bau von Zäunen und der Regel die Einhaltung von „Schweine dürfen keine fremden Gärten betreten“ der Bewegungsradius geklärt ist, kann nichts mehr schiefgehen. Zur Feier der entstandenen Schadensvermeidung gäbe es halbjährlich eventuell eine Zeremonie, auch wenn dafür gar kein Anlass mehr existiert. Es wäre der übliche Versuch, ein komplexes System zu steuern und Fehler zu vermeiden.

Der kontrollierte Ausfall

In Neuguinea hat die Gruppe dagegen eine Methode gefunden, kontrollierte Ausfälle zu generieren. Die anschwellenden Konflikte unter den Nachbarn sind das sichere Signal, dass das System eine Korrektur benötigt. Die Zeremonie dient genau dieser Korrektur. Das System ist also nicht überreguliert (wie die meisten Organisationen), sondern selbstorganisiert. Einige, wenige Restriktionen regeln „wie diese Bevölkerungsgruppe tickt“. Die Menschen dort lassen also das System bis an seine Grenzen laufen, Fehler entstehen. Die sind der Anlass für eine Korrektur, finales Scheitern wird so verhindert. Die Flexibilität der Gesellschaft bleibt erhalten.

Was bedeutet das nun für Organisationen? Für die Antwort möchte ich ein Beispiel vorstellen, denn ein generelles Rezept existiert nicht. Komplexität ist immer Kontext, aber es existieren einige Inspirationen, von denen sich lernen lässt.

googleGoogle ist hier, wie so oft, eines der guten Beispiele. Als ein Meister der Safe-fail-Experimente bringt das Unternehmen laufend zahllose Produkte und Dienstleistungen auf den Markt. Angefangen von Dodgeball über Jaiku, Wave, Google Catalogs oder Mashup Editor. Die meisten dieser und vieler anderer Produkte sind unbekannt. Sie sind fehlgeschlagene Experimente. Es ist eine wesentliche Eigenschaft von Google, dass es die Fähigkeit zum Fehlermachen und aus ihnen zu lernen besitzt. Projekte werden beendet, sobald sie als Misserfolg bewertet werden. Scheitern ist ein wichtiger Teil des Erfolgskonzeptes. Fehler machen – gewusst wie:

  • Probiere viele Dinge aus.
  • Gehe davon aus, dass einige fehlschlagen.
  • Begrenze die Kosten des möglichen Fehlschlages.
  • Gestehe Fehler und ein Scheitern frühzeitig ein.

Hinter diesen vier Punkten steckt mehr als „sich einfach mal ein Experiment ausdenken“. Es geht um Haltungen und Sichtweisen im Management einer Organisation. Für das Meistern von Komplexität ist der „richtige“ Umgang mit Experimenten, Fehlern und Scheitern essentiell.

Nachlese re:publica oder wie Technologie die Gesellschaft bestimmt

An der re:publica 2016 #rpTEN machte sich eine gewisse Ernüchterung darüber bemerkbar, wie sich das Web im Speziellen (und wohl auch das Internet im Allgemeinen) entwickelt hat. Es war – zumindest für die Gründer und Nachfolger der re:publika – nicht vorgesehen, dass

  • Geheimdienste das Web zur Informationsbeschaffung missbrauchen
  • Terroristen und andere kriminelle Organisationen im Netz ihre verbrecherischen Machenschaften planen
  • undemokratische und extrem-nationalistische politische Parteien den anfänglich offenen Dialog der Social Media untergraben und
  • multinationale Unternehmen Apps und Blogs mit teilweise primitiver Werbung zuspamen.

Offenheit ist oberste Devise

Mir scheint, dass dies alles nicht das Problem des Internets ist.  War denn nicht das offene und für alle zugängliche Netz die Vision? Konnte denn jemand glauben, dass sich in einer offenen Stadt der Vernunft und der Menschlichkeit nur Humanisten niederlassen? Sie ziehen unweigerlich Bettler an, weil sich diese bei Humanisten Hilfe versprechen. Das schürt den Neid und Egoismus, auch unter Humanisten und führt zu Polarisierung. Muss nicht sein, ist aber so.

Was für alle offen ist, ist eben für ALLE offen, ob Verbrecher, Agent und Terrorist oder Gutmensch, Philosoph und Heiliger. Eigentlich ist das Web, wie es sich heute präsentiert, genau das, was sich alle vorgestellt haben, nämlich eine für alle zugängliche Ressource. Das Problem liegt nicht im Netz, sondern eher in den Menschen und ihrer Gemeinschaft, die sich immer viel zu wichtig nehmen und meinen, dass sie wissen, was Gut und Böse ist und alles daransetzen, dass es nach ihrer Vorstellung geht. Bis sie denn am Ende ihres quirligen und rührigen Lebens tot umfallen, was die Welt noch nie in eine Katastrophe gestürzt hat.

Zwei unterschiedliche Interessen

Wahrscheinlich wissen nur noch wenige, mit welcher Bedeutung das Internet eigentlich in die Welt gekommen war. Das scheint mir eine gute Gelegenheit, die Geschichte von OSI und TCP/IP zu erzählen, die ein Grossteil meines Lebens beanspruchte.

Am Anfang war die Welt in mehrere Computerhersteller eingeteilt. Unter ihren Kunden befanden sich solche, die gleich mehrere der monströsen Möbel zu einem völlig blödsinnig prohibitiven Preis kauften und forderten, dass Daten vom einen zum anderen Computer übertragen werden konnten. Die Hersteller hatten also zunächst einmal das Problem, ihre eigenen Computer miteinander zu verbinden. Das führte zu sogenannten Kommunikationsarchitekturen – SNA von IBM, DECnet von DEC, etc.

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Parallel dazu wurde an Universitäten – allen voran den Studenten, wie ich mal vermute – mit vernetzten Terminals eines Grossrechners experimentiert. Ziel war es, sich gegenseitig Nachrichten zukommen zu lassen, z.B. um beim Lernen einander zu helfen oder auch nur, um sich zum Lunch zu verabreden. Das führte zu einer Art verschwörerischer Gemeinschaft als eine Subkultur. Privat hatten dieselben Leute (verbotenerweise) mit dem Telefonnetz experimentiert. Ich nahm noch an zwei Versammlungen von Wau Hollands Chaos Computerclubs (CCC). Das war wie eine re:publika im Kleinen.blog-ccc

Während also die Hersteller eine technische Aufgabe zu lösen hatten, wollten die Studenten ihr Kommunikationsbedürfnis befriedigen, nachdem sie begriffen, dass das durch die vernetzten Terminals grundsätzlich möglich sein sollte. Während die einen von der Technik her kamen (bottom up), waren die anderen an der Kommunikation interessiert (top down). Das war sozusagen der Sündenfall.

Zwei Kommunikationsarchitekturen

Nachdem die Hersteller hochentwickelte Kommunikationsarchitekturen anboten, wollten ihre Kunden nun auch Computer verschiedener Hersteller untereinander verbinden. Man benötigte also so etwas wie Kommunikationsstandards. Keine Geringere als die Internationale Standardisierungsorganisation (ISO) und die International Telecommunication Union (ITU) nahmen sich der Sache an und entwickelten den sehr umfangreichen Standard «Open Systems Interconnection» (OSI).

blog-SchichtenVor allem die demokratische Meinungsbildung dauerte jedoch und in der Zwischenzeit haben die Studenten an den Universitäten auch nicht auf der faulen Haut gelegen. Auch sie entwickelten eine Kommunikationsarchitektur. Die Profs fanden daran sogar insofern gefallen, als dass sich Spezifizierung und Programmierung von Kommunikations-Snippets, wie wir sie heute nennen würden, zu Semester- und Diplomaufgaben eigneten. So entstand mit der Zeit ein zwar zusammengewürfeltes, aber nichtsdestotrotz einigermassen funktions- und multivendorfähiges Kommunikationssystem, das nach ihren Herzstücken «TCP/IP» genannt wurde. Im universitären Umfeld, das immer knapp an Geldmitteln ist, wurden die Computer gerne mit dem freien, quelloffenen und experimentieraffinen TCP/IP bestückt und international verbunden. Das Internet war geboren und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis um 1990 herum Tim Berners-Lee mit dem Web einen vorläufigen Deckel auf das Internet stülpte.

TCP/IP setzt sich durch

Es war nicht die Tatsache, dass OSI kostenpflichtig war, die dieser Kommunikationsarchitektur den Todestoss versetzte, sondern die Zeit die sie für den multilateralen Konsens brauchte. OSI kam einfach zu spät. Zwar unternahmen wir enorme Anstrengungen, um OSI voranzubringen und zu promoten (ich war ein paar Jahre Präsident von EurOSInet), aber das agile und offene TCP/IP setzte sich durch. Zwar war das keineswegs im Sinn der grimmigen und ernsthaften Organisationen, wie Banken und andere globale Konzerne, Geheimdienste und Regierungen. Aber auch sie waren letztendlich froh, alles gratis zu bekommen. Non olet!

So setzte sich die Fluktuation – oder wie man heute sagt: Disruption – TCP/IP gegen OSI durch und «versklavte» die digitale Welt, um einen nicht wertenden Ausdruck der Selbstorganisationstheorie zu gebrauchen. So entsteht Ordnung und damit Komplexität. Sie bestimmt heute einen Grossteil der Welt, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Ganz sicher sähe die Welt heute anders aus, wenn sich OSI durchgesetzt hätte. Beispielsweise wären Mails nicht gratis! Um ein Mail zu verschicken, müsste man einen kleinen Betrag bezahlen, vielleicht 1-2 Cent. Was glauben Sie, wie sich das auf das Spamproblem auswirken würde? X.400 war ein grandioser Wurf!

Wie sähe die Welt wohl aus, wenn sich OSI durchgesetzt hätte?

Das ist natürlich bloss ein eher unwichtiges Detail. Vielmehr wären die grossen Businessnetze ziemlich abgeschottet. Es gäbe ein (geheimes) Militärnetz, eines der Banken- und der Betreiber von Supply Chains. Natürlich müssten die einzelnen Netze Brücken haben. Diese wären aber sehr restriktiv und vielleicht sogar während der meisten Zeit galvanisch getrennt. Der Netzbetrieb wäre so teuer, dass sich das Wachstum sehr in Grenzen hielte. Parallel dazu hätte sich wohl ein Taschengeld-angepasstes Netz entwickelt, vielleicht eher auf der Basis von mobilen Telefonen als auf Kupfer- und Glasleitungen, die den Profis und OSI vorbehalten blieben. Zur Planung von grösseren kriminellen Operationen wäre das «Taschengeldnetz» wahrscheinlich zu wenig leistungsfähig, so dass sich Überwachungsinstitutionen eher in den professionellen Netzen umsähen.

In der Tat käme das Taschengeldnetz den ursprünglichen Erwartungen der re:publika Gründer nahe: es wäre ein Refugium, in welchem sich Freunde ungezwungen austauschen. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Zustand sehr stabil wäre. Sehr bald würden beide Netze ineinander verfliessen. Die Hersteller würden lernen, die teuren Kommunikationsstrukturen günstiger zu produzieren, so dass sie auch für Private erschwinglich würden. Dann würde quasi dasselbe passieren, wie in der Flugbranche. Die ursprünglich teuren Flüge, die nur dem Business vorbehalten waren, wurden so billig, dass nun Krethi und Plethi fliegen können. Und die Kriminellen und ihre Häscher hätten uns wieder.