Realismus ist nur ein beschönigender Ausdruck für einen Reduktionismus

In Kritik der Systemtheorie, Systembiologie, Kybernetik, Chaostheorie, Spieltheorie1  kritisieren sehr zornige Menschen verschiedene wissenschaftliche Ansätze zur Komplexitätsbewältigung. Sie erklären sie allesamt zu Instrumenten des Establishments, mit denen es die arbeitende Bevölkerung kontrollieren und unterdrücken will. Der Duktus und die Agressivität dieser Argumente erinneren mich stark an die bemühenden Diskussionen der diversen marxistisch-leninistisch-trotzkistisch-maoistischen Splittergruppen, die im Fahrwasser der 68er Revolution zu menschenverachtenen terroristischen Bewegungen wurden.

Vorwurf des Reduktionismus

Eines hat mir aber zu denken gegeben: die Autoren behaupten, dass die angeblich systemischen Ansätze, wie Chaostheorie, Spieltheorie oder Kybernetik im Grunde genommen genauso reduktionistisch seien, wie die alten Konzepte von Adam Smith oder Isaac Newton. Es ist zwar nicht richtig, dass die neue Weltsicht auf einer Maschinenmetapher basiert, wie es die Autoren behaupten. Die Maschinenmetapher haben wir in den 1960er Jahren eben gerade abgelegt. Ende dieser Dekade kam es nicht nur in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht zu einem Umbruch, sondern auch in wissenschaftlicher. Die Newtonsche Weltsicht wurde von ihrem Sockel geworfen. Man verstand plötzlich, dass nicht alles berechenbar ist. Wenn heute noch jemand an der Maschinenmetapher für biologische und soziale Systeme festhält, dann hat er etwas falsch verstanden. Aber der Vorwurf des Reduktionismus bleibt.

Und in der Tat habe ich ab und zu dieselben zweifelnden Gedanken. Die Beschreibung einer Managementsituation mit eine System Dynamics Model ist reduktionistisch, die spieltheoretische Erklärung einer Handlungsoption ist ebenso reduktionistisch, genauso wie agiles Vorgehen in einem Projekt oder die Zerstückelung eines Problems in Teilprobleme, wie es das Systems Engineering empfiehlt. Es ist blosss ein anderer Reduktionismus als früher. Während man bis in die 1960er Jahre z. B. nichtlineare und nichtintegrable Differentialgleichungen ausblendete, obwohl sie die Mehrheit realer Gegebenheiten modellieren, kann man solche mittlerweile dank Computern sehr gut untersuchen. Damit kann man zwar komplexere Systeme beschreiben als früher, aber ihre Beschreibung ist ebenso reduktionistisch, wie früher die Beschreibung linearer Systeme durch Integrale.

Alternativen?

Nur, welche Alternativen haben wir? Die Empfehlung der Autoren, sich allem und jedem zu verweigern, die Hände in den Schoss zu legen und nichts zu tun, kann’s irgendwie auch nicht sein, vor allem nicht für einen Manager, der es seinen Kunden richtig machen will. Gesucht ist also ein Vorgehen, das zwar nicht wissenschaftlich, weil dann analytisch und somit reduktionistisch ist, aber doch methodisch, um es zu studieren und darüber zu kommunizieren. Empfehlungen, wie: “hör’ dir die Sache an und entscheide dann aus dem Bauch heraus” kann ich angesichts der mehr als zweifelhaften Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit des Menschen nicht unterstützen2. Und Ansätze, die auf irgendwelchen Kraftzentren oder geheimen Botschaften basieren, sind mir zu esoterisch und zu unpraktikabel.

Wir sagen ja nicht, dass spiel- oder chaostheoretische Modelle die Managementsituation getreu wiedergeben. Im Gegenteil: Angesichts der Tatsache, dass ein soziales System eben gerade NICHT berechenbar ist, können wir es nur noch mit groben Pinselstrichen abbilden. Aber immerhin kann unter Umständen auch in einem Gemälde, das nur mit groben Pinselstrichen gemalt ist, etwas zu sehen sein. Ashby hat nie behauptet, dass das Modell dieselbe Komplexität haben muss, wie das zu steuernde System. Ashby sagte:

Je größer die Varietät eines Systems ist, desto mehr kann es die Varietät seiner Umwelt durch Steuerung vermindern3

Und:

Jeder gute Regulator eines Systems muss ein Modell des Systems sein4

Ein System Dynamics Modell oder ein spieltheoretisches Modell will keineswegs ein soziales System berechenbar machen. In reduktionistischen Ansätzen gibt es keine Emergenz. Dass lebende Systeme zu Emergenz fähig sind, ist uns mittlerweile klar. Chaostheoretische, kybernetische oder spieltheoretische Modelle können keine Emergenzen prognostizieren und sind somit reduktionistisch. Auch reduktionistische Modelle können aber helfen, über das System nachzudenken, um dadurch für die Dynamik des Systems aufmerksamer zu werden.

1Jorg Djuren, Olaf Weiss, Uwe Wendling. Kritik der Systemtheorie, Systembiologie, Kybernetik, Chaostheorie, Spieltheorie. 2010.
2Siehe z.B. Daniel Kahneman. Schnelles Denken – Langsames Denken. 2012
3Wikipedia, Ashbys Gesetz. letzte Bearbeitung Feb 2012.
4Addor, P. Effiziente Steuerung verlangt nach Modellen. Dieser Blog, Juli 2011

Titel frei nach Frank Fehlberg, (*1981), Historiker und Religionssoziologe

4 Gedanken zu „Realismus ist nur ein beschönigender Ausdruck für einen Reduktionismus“

  1. Hallo Peter,

    das ist ein spannendes und hoch aktuelles Thema. Ich möchte gerne meine Sicht zum Reduktionismus darlegen.

    Es gibt meines Erachtens den Nichtreduktionismus nur in der Theorie. Wir Menschen müssen reduzieren, damit wir überhaupt lebensfähig sind. Wann immer wir denken und handeln reduzieren wir. Beim Beobachten von Geschehnissen in unserer Umwelt unterscheiden wir. Dadurch fokussieren wir uns auf das Beobachtete und ignorieren das Nichtbeobachtete. Wir reduzieren also. Deshalb gibt es aus meiner Sicht auch kein ganzheitliches Denken. Wir können es einfach nicht. Denn Ganzheitlichkeit bedeutet für mich eben nicht das Zerlegen eines Problems in Teilprobleme, da anschließende Lösen der Teilprobleme und dann das Zusammensetzen der Teillösungen zu einer Gesamtlösung. Das ist keine Ganzheitlichkeit. Details dazu offeriere ich in meinem Post „Vernetztes Denken ist (noch?) eine Illusion“ (http://blog-conny-dethloff.de/?p=1497).

    Jetzt stellt sich für mich die Frage, warum es den Menschen trotzdem so schwer fällt, das oben Postulierte anzuerkennen. Dazu habe ich einige Ideen.

    Zum einen gibt es immer noch den Anspruch absoluter Wahrheit und Gewissheit. Man muss nur lange genug forschen um der absoluten Wahrheit immer näher zu rücken. Hier bin ich anderer Meinung. Die absolute Wahrheit kann es niemals geben (http://blog-conny-dethloff.de/?p=1368). Würden die vielen Wissenschaftler, die sich dieses Ideal auf die Fahne geschrieben haben, das anerkennen, würden sie ihre eigene Identität automatisch negieren. Wofür sie gekämpft haben ist auf einem mal in sich zusammen gefallen. Welchen Sinn hätte dann noch ihr Leben? Man braucht schon sehr viel Mut, um sich diesem Fakt zu stellen. Eher werden Bedeutungen von Wörtern im Sinne ihrer Sache umdefiniert, so wie es die 3 Autoren in ihrem Artikel auch beschreiben.

    Zum anderen ist es wohl auch schwierig, so lange an die absolute Wahrheit und Gewissheit geglaubt wird, sich als Wissenschaftler zu offenbaren und seine Unsicherheit ganz offen zum Ausdruck zu bringen. Beobachten kann ich das ganz besonders in der Wirtschaft, wenn nach Methoden verlangt wird: „Was muss ich tun, damit das und das passiert?“ Aufgrund der emergenten Probleme, mit denen wir es in der Wirtschaft hauptsächlich zu tun haben, gibt es eben keine Rezepte zum Lösen von Problemen, ähnlich dem Kuchen backen. Aber wie soll beispielsweise ein Unternehmensberater diesen Fakt seinem Kunden für viel Geld verkaufen?

    Ähnlich wie Du es auch andeutest, müssen wir jetzt aber nicht den Kopf in den Sack stecken. Denn es gibt einige Methoden, zu denen ich System Dynamics oder auch das Vernetzte Denken zähle, die uns Menschen im Umgang und Handhaben mit der Komplexität besser werden lassen. Da aber auch diese Methoden stets reduktionistisch bleiben, ja bleiben müssen, da wir sie sonst nicht anwenden könnten, können wir Komplexität niemals beherrschen, sondern bestenfalls handhaben.

    Zum Schluss muss ich noch Eines loswerden, was ich ebenfalls des Öfteren in meinem Blog dargelegt habe. Mittels unserer derzeitigen Wissenschaft, die auf der zweiwertigen aristotelischen Logik beruht, sind wir niemals in der Lage lebendige Prozesse formallogisch abzubilden. Diese formalllogische Abbildung ist aber notwendig, um lebendige Prozesse beispielsweise auf einem Computer darzustellen. Um Darlegung dieser Erkenntnisse hat sich hauptsächlich der deutsche Mathematiker und Kybernetiker Gotthard Günther berühmt gemacht. Es gibt unzählige Artikel, in dem Günther seine Gedanken und Ideen dazu darlegt. Eine komplette Bibliographie findet man hier: http://www.vordenker.de/ggphilosophy/ggphilo.htm. Ich habe am Ende meines Posts „Überholt die Maschine den Menschen“ (http://blog-conny-dethloff.de/?p=1404) nur eine Facette, nämlich die des Lernens am Beispiel einer Einparkhilfe im Auto herausgegriffen und belegt, dass wir derzeit noch unausdrückbar weit von der Umsetzung einer lernfähigen Maschine entfernt sind.

    Beste Grüße,
    Conny

    1. Es steht außer Frage dass der Mensch reduktiv funktioniert, die Frage lautet doch wohin hat uns der Reduktionismus gebracht und wie wird er sich weiter entwickeln und muss eine Richtungsänderung durch bewussten Eingriff erfolgen.

      Die Antwort ist klar, der bestehende Reduktionismus hat uns an den Rand des Abgrundes geführt und wenn nicht sehr schnell eine bewusste Änderung des wissenschaftlichen Reduktionismus bzgl. Verantwortung der Wissenschaft erfolgt sieht es sehr schlecht aus für unseren Planeten.

      Die Kombination von grenzenloser Phantasie, welche sich Richtung Urknall bewegt und dem bestehenden Kapitalistischen System wird im Urknall der Menschheit enden wenn es so weiter geht, auf der wunderbaren Reise haben wir die Atomspaltung, die Gentechnik, die Nanotechnologie, Kunststoff und noch andere wunderbare Dinge entdeckt die sich für die bestehende Biosphäre vernichtend auswirken werden, sie haben einfach nichts auf unserem Planeten verloren !

      Und wie wird es wohl weitergehen, der Turbo wurde erst nach Nils Bohr und Albert Einstein gezündet, gerade einmal 60 Jahre her, betrachtet auf die Entwicklung unserer Biosphäre lächerlich, wer nicht ganz blind ist kann erkennen das es höchste Zeit ist die Notbremse zu ziehen wenn es nicht schon zu spät ist.

  2. Musste gerade schmunzeln. Als ich den Artikel las, kam mir spontan der Gedanke: “hier könnte Conny noch was Licht ins Dunkel bringen.” Was ja dann auch kam. Ist die Welt klein!
    VG Martin
    p.s.: habe den Blog in die Blog-Role der Initiative WirtschaftsDemokratie eingebaut

  3. Vielen Dank, Martin Bartonitz!

    War denn mein Artikel so Dunkel? ;-)

    Conny und ich besuchen uns gegenseitig ab und zu mal auf unseren Blogs.

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