Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Pull-Lernen: nicht in den Kopf hinein hämmern, sondern aufsaugen

In den Social Media Kanälen wird momentan auf das Interview mit dem dm-Gründer Götz Werner verwiesen, der darin sagte (1):

Im Leben braucht man keinen Druck, sondern Sog. Wer fliegen möchte, braucht Thermik. Flugzeuge fliegen, weil Sog aufgebaut wird. Ich selbst bin Vater von sieben Kindern – die reagierten alle nur auf Sog. Kunden, die bei uns kaufen, kommen, weil sie Sog verspüren, nicht weil ihnen jemand in den Hintern tritt.

Dass Menschen etwas aus sich heraus tun und nicht, weil sie unter Druck stehen, ist absolut richtig, auch wenn das Beispiel mit dem Fliegen schlecht gewählt ist. Ob die Kunden von seiner Drogeriekette angesaugt oder hineingeblasen werden, sei mal dahingestellt. Sicher ist, dass seine Drogerien von den Kunden gezogen werden und nicht von den Lieferanten gestossen.

Pull- und Push-Strategien

In der Betriebswirtschaft ist das logistische Pullprinzip längst angekommen. In den 70er Jahren galt noch das Push-Prinzip: Die Unternehmen produzierten „auf Halde“ und füllten die Endprodukteläger. Der Verkauf musste die Produkte dann so schnell als möglich verkaufen, indem er sie den Kunden auf die Nase drückte. „Bedürfnisse schaffen“ nannte man das damals.

by Grochim and Wikipedia

In den 80ern kippte das Push-Paradigma und machte einem neuen Verständis Platz, wonach die Kunden zu sagen pflegen, was sie wollen. Das bedeutete, dass der Verkauf vorwiegend zuhörte, was der Kunde wünscht – sog. „screening“ – und ihm dann diesen Wunsch realisiert. Damit „zieht“ der Kunde das Produkt durch die Produktion hindurch, es wird nicht mehr durchgestossen, wie in den 70ern. Spätenstens seit den 90er Jahren funktionieren alle Unternehmen nach dem Push-Prinzip. Das bedeutet, dass in der Produktion stets ein „Sog“ herrscht, wie es Herr Götz Werner in seinem Interview anschaulich ausdrückte, auch wenn es sich nicht um die betriebswirtschaftlich korrekte Bezeichnung handelt.

Zwar ist die Unterscheidung zwischen Pull- und Push-Strategie (2) nicht ganz so einfach, wie hier dargestellt. Auch heute kann in gewissen Fällen eine Push-Strategie immer noch Sinn machen. Bei der Pull-Strategie besteht das Problem, dass der Kunde meist nicht gewillt ist, so lange auf das Produkt zu warten, bis es produziert ist. Daher werden meist Mischformen angewandt.

Pull-Lernen

Weners Zitat wird auch deshalb verbreitet, weil es eine Aussage für modernes Lernen machen kann. Gelernt wird, was interessiert. Wenn mich etwas interessiert, dann gehe ich dem nach. Meine Motivation saugt das Wissen auf. Wenn aber ein Lehrer, die Eltern, der Arbeitgeber oder sonst eine Institution versucht, mir Wissen „beizubringen“, das mich nicht interessiert, dann ist das so, als würde er es mir in den Kopf hinein „drücken“ wollen und das funktioniert nicht. Das meinte Werner, wenn er sagt, dass seine Kinder nur auf Sog reagieren. Sie machen, was sie wollen, was sie interessiert, wofür sie motiviert sind.

Auf das Lernen übertragen bedeutet dies, dass nur der Lernende weiss, was er benötigt und was ihn interessiert. Das herkömmliche Schulsystem geht aber davon aus, dass der Lehrer im Vornherein weiss, was der Schüler braucht. Der Lehrer erzählt den Stoff einer Gruppe von Schülern in einem frontalen Vortrag. Die Schüler müssen dann das, was der Lehrer erzählt hat, nur noch auswendig lernen. Genau dieser Schritt geht nur unter Druck. Das, was der Lehrer erzählt hat, muss in die Köpfe hinein „gedrückt“ werden. Nach Götz Werner funktioniert dies nicht.

Neuere Lern-Ansätze drehen den Spiess denn auch etwa um. Anstatt, dass die Lehrer Wissen „auf Halde“ produzieren, in der Hoffnung, dieses Wissen den Schülern „verkaufen“ zu können, sollen die Schüler dasjenige Wissen, das sie interessiert, be-ziehen. Die Schüler ziehen das Wissen aus dem Bildungsapparat heraus, ganz wie die Kunden ihre Produkte aus den Produktionsstätten herausziehen. Ich nannte dieses neue Lernparadigma deshalb Pull-Lernen.

Lehrer nach Bedarf

Pull-Lernen stelle ich mir so vor, dass sich ein Mensch in seiner aktuellen Lebenssituation für gewisse Dinge interessiert und diesen aus sich heraus nachgeht. Er liest zunächst einmal einschlägige Artikel und Lehrbücher. Vielleicht stellt er fest, dass er noch nicht über die nötigen Voraussetzungen verfügt, um den Stoff zu verstehen. Dann wird er sich für die Preliminarien interessieren. Versteht er etwas nicht, von dem, was er gelesen hat, dann wendet er sich an Experten. Das können z.B. Lehrer sein, die ihm genau dieses eine Wissenselement erklären, das unser Protagonist nicht verstanden hat. Dazu müssen die Lehrer nicht in einer Schule sitzen und vor Klassen reden. Sie können z.B. im Web angesprochen werden und dort ihre Erklärungen abgeben. In weitergehenden Fällen können Online-Besprechungen oder gar persönliche Treffen durchgeführt werden. Schulen und erst recht Schulhäuser werden also beim Pull-Lernen überflüssig.

Ebenso werden Zeugnisse, Prüfungen und Zertifikate obsolet. Wenn sich unser Mensch für etwas interessiert, dann sagt er, wann er genug weiss und kann. Er prüft sich ständig selbst. Nur er weiss, wann das „Lern-Produkt“ die nötige Qualität hat, die er sich vorgestellt hat, als er anfing, sich für diese Sache zu interessieren.

Lernen just-in-time

Wer im herkömmlichen „Lernjahre – Wanderjahre – Meisterjahre“ denkt, kann mit diesem neuen Lernparadigma so gar nichts anfangen. Wie, wird er fragen, kann ein Mensch, der z.B. Maurer werden will, wissen, was er heute lernen muss, um dereinst gut mauern zu können. Da er ja das Maurern erst erlernen will, kann er zum Voraus noch nicht wissen, für was er sich heute im Detail interessieren soll. Das ist richtig.

Mit zunehmender Komplexität der Arbeitswelt werden jedoch die Blöcke Lernjahre, Wanderjahre, Meisterjahre zunehmend kleiner und fragmentierter. Es wird nicht mehr möglich sein, einen Beruf für’s Leben zu erlernen. Gemäss dem eindrücklichen Video „Did you know“ haben 2004 die Jobs noch gar nicht existiert, die 2010 zu den gefragtesten gehörten (3). Diese Tendenz nimmt exponentiell zu. Heute gibt es gefragte Jobs, die vor 3 bis 4 Jahre noch gar nicht existierten. Es ist also schon sinnlos geworden, auf eine Lehrabschlussprüfung zu lernen, die in 3 bis 4 Jahren stattfindet.

Das US Departement of Labour schätzt, dass ein Mensch 14 verschiedene Jobs haben wird, bevor er 40jährig ist. Das bedeutet, dass Menschen immer schneller ihre Jobs wechseln (müssen). Man ist immer seltener Maurer, Mathematiker, Pilot oder Lehrer. Man mag dieses Jahr Lehrer sein und nächstes Jahr vielleicht Augenoptiker. Und meistens hat man sowieso mehrere Jobs parallel. Um diese schnelle Abfolge von verschiedenen Tätigkeiten zu meistern, muss man sich laufend neue Fähigkeiten aneignen. Mit reiner Wissensaufnahme ist es nicht getan. Wir müssen immer öfters eine Fähigkeit genau in diesem Moment erlernen, in welchem wir diese Fähigkeit benötigen.

Im herkömmlichen Bildungsverständnis lernt ein Mensch „für’s Leben“. Er lernt Dinge, von denen er nicht weiss, ob er sie jemals benötigen wird. Das war bisher auch richtig so. Doch wenn wir dieses Verständnis nicht aufgeben, dann bilden wir bald Studenten für Jobs aus, die noch gar nicht exsistieren, um Technologien zu nutzen, die noch gar nicht eingeführt sind und um Probleme lösen zu können, die noch gar nicht als Problem erkannt sind, wie wir im Video „Did you know“ erfahren. Eine Lösung für die zukünftige Arbeitswelt kann auch wieder aus der betriebswirtschaftlichen Logistik entlehnt werden: Learning by just in time. Wir absolvieren nicht mehr länger teure und jahrelang andauernde Lehrgänge, in welchen wir uns Fähigkeiten aneignen müssen, die bereits bei der Abschlussprüfung nicht mehr gefragt sein werden, sondern lernen das, was im aktuellen Job oder Lebenssituation gerade angesagt ist.

Volksschulen

Wie ist die spezielle Lernsituation von Kindern in diesem Kontext zu interpretieren? Selbstverständlich gibt es einen Kanon von Kulturtechniken, die vermutlich in den nächsten paar Jahrzehnten Beständigkeit haben werden. Welche das sind, ist gerade Thema einer breitangelegten Diskussion.

Ich kann mir vorstellen, dass bald niemand mehr selber schreiben muss, da bereits heute gängige Softwarepakete existieren, die alles, was man ihnen diktiert sofort in ein Dokument schreiben. Dass wir solche Software so wenig brauchen, liegt noch an der Benutzerfreundlichkeit. Wir wollen ja nicht immer eine Software starten und vielleicht sogar noch ein Headset anlegen, bevor wir etwas schreiben können. Wahrscheinlich wird bald einmal das Smartphone einfach alles, was wir sagen, in ein Dokument schreiben. Daraus können wir dann entnehmen, was wir schriftlich weiterverarbeiten wollen.

Auch rechnen brauchen wir nicht mehr selber. Es gibt seit Jahrzehnten handliche Rechenmaschinchen oder entsprechende Apps für das Smartphone. Allerdings gilt in diesem Fall dasselbe wie für das Schreiben. Es ist oft zu mühsam, die Rechnerapp zu starten und die Rechenaufgabe einzutippen. Eine Anzeige in der Brille muss automatisch reagieren, wenn wir eine Rechnung sagen.

Übersetzungssoftwarepakete werden bald so gut sein, dass sich niemand mehr der Mühe aussetzt, eine fremde Sprache zu erlernen. Man kann also tatsächlich rätseln, welche Kulturtechniken denn übrigbleiben, die unsere Kinder „für’s Leben“ lernen könnten.

Eine Fähigkeit, die bestimmt in den nächsten hundert Jahren benötigt wird, ist die, Neues zu Lernen. Wenn ich morgen bei Arbeitsbeginn vernehme, dass ich jetzt einen neuen Job habe, der so gar nichts mit allem dem zu tun hat, was ich bisher gemacht habe, dann muss ich schnell und effektiv das lernen, was der neue Job von mir fordert. Damit ich das kann, muss ich gewisse Lern-Fähigkeiten haben. Da niemand solche Fähigkeiten einem anderen beibringen kann, muss sie sich jeder selber aneignen. Das gilt auch und vor allem für Kinder. Gewiss, man kann sie unterstützen, indem man z.B. Spiele erfindet, welche in schneller Abfolge verschiedene Fähigkeiten fordern, die sich die Mitspieler zuerst aneignen müssen, bevor sie weiterspielen können.

Spielerisch lernen statt büffeln

Angesichts der Zunahme von Informationen und Daten spielt kritisches Verständnis eines Textes eine grosse Rolle. Auch das kann geübt werden, genauso wie Kreativität, die für zukünftige Jobs eine zunehmend wichtige Voraussetzung sein wird. Solche Fähigkeiten können spielerisch geübt und angeeignet werden. Die Zeiten des Drills und Büffelns werden bald vorbei sein, weil genau dasjenige Wissen, das nur durch büffeln einigermassen haften bleibt, obsolet wird. Zwar müssen auch die Kulturtechniken, die in Zukunft Bestand haben, immer wieder geübt werden, bis sich ein bestimmtes Verhalten eingeprägt hat. Aber dieses Üben geschieht nicht drillmässig, sondern spielerisch. Daher werden Schulen für Kinder bis ca. 15jährig vermutlich offener und spielerischer werden.

Die einzige bisherige Kulturtechnik, die vielleicht noch weiterhin geübt wird, könnte Lesen sein. Zwar kann ich mir einen Text von einer Software vorlesen lassen. Ich persönlich verstehe aber einen etwas komplizierteren Sachverhalt besser, wenn ich ihn lese, als wenn ihn mir jemand vorliest oder vorträgt. Das mag u.a. daran liegen, dass ich beim Lesen innehalten und mir das bisher Gelesene überlegen kann. Zwar könnte ich auch eine Vorlese-Software anhalten. Das ist aber bedeutend umständlicher, auch wenn ich bloss „stop“ rufen müsste.

Leuchtfeuer 4.0

Am 19. April startet online eine kollaborative Veranstaltung, die u.a. diese Themen aufarbeitet. Der Anlass ist kostenlos. Jedermensch kann teilnehmen und mitmachen. Während zwei Wochen kann man sich mit anderen austauschen und seine Meinung einbringen. Die Veranstalter schreiben (4):

Mit dem MOOC möchten wir zunächst, gemeinsam mit euch, unser aller „Neuland“ im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ neu kartographieren. Wie können wir uns darauf besser vorbereiten? Das ist die zentrale Frage.

Schauen Sie rein! Es lohnt sich auf jeden Fall.

Nachtrag (09.04.2017): Das berührende Video „alike“ zeigt, was hier gemeint ist. Der Schüler interessiert sich jetzt für Musik, wird aber gepusht, sich mit Buchstaben zu beschäftigen, bis ihm die Farbe abhanden kommt.

„Alike“ is an animated short film directed by Daniel Martínez Lara & Rafa Cano

(1) http://derstandard.at/2000051252761/Goetz-Werner-Alte-s-stellt-eine-ganze-Gesellschaft-vom-Kopf
http://www.webcitation.org/6pLWCnzPR

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Push-Pull-Strategie

(3) Did you know? https://www.youtube.com/watch?v=U9NZqtG2Ncg

(4) https://mooin.oncampus.de/feuer40

Neue Riten braucht das Land

Ein neulicher Kommentar zu einem meiner schon älteren Blogbeiträge lautet kurz und bündig:

Die Welt ist nichts, Gott ist nichts. Ich bin auch nichts. Das macht aber nichts

Der Kommentator legt dieses Zitat Max Stirner in den Mund, was ich nicht bestätigen kann. Das macht aber nichts.

Das Universum verfliesst, es gibt keinen Halt mehr

Hingegen macht es durchaus etwas, dass Gott und die Welt nichts sind. Vor drei- bis vierhundert Jahren verbannte die Naturwissenschaft den Mensch aus dem Zentrum des Universums und löste dieses gleichzeitig auf, worauf Nietzsche feststellte, dass Gott tot sei. Die Physik des jungen 20. Jahrhunderts bewies, dass die Welt materiell eher nichts als etwas und jedenfalls sehr relativ ist.

Das führte mit dem Konstruktivismus zur Abkehr von der Idee einer absoluten Wahrheit und empirischen Objektivität, was aber dem seit mindestens 3000 Jahre gewachsenen Gefühl, wonach eine Aussage – neuerdings spricht man von «Fakt» – entweder wahr oder falsch sein muss, widerspricht.

Wir schlichen uns aus dem Zentrum des Universums davon (Flammarions Holzstich, by Wikipedia)

In der Folge versuchte man, diese zweiwertige Logik zu ergänzen, obwohl die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse weniger für eine dreiwertige Logik sprachen als vielmehr für eine sowohl-als-auch-Logik. Versuche in dieser Richtung bilden die dialogische Logik oder die polykontexturale Logik von Gotthart Günther. «Sowohl-als-auch» bedeutet, dass die Nicht-Wahrheit einer Aussage ihre Wahrheit überlagert. Eine Aussage ist also immer wahr und gleichzeitig falsch. Insbesondere gibt es keine Dichotomien, da beide Pole immer gleichzeitig Gültigkeit haben. Aber damit sind trotzdem nicht beliebige Aussagen möglich, denn in einem bestimmten Kontext macht die Wahrheit oder die Nichtwahrheit der Dichotomie Sinn.

Hier zeigt es sich erneut, dass die Natur(wissenschaft) und die Gesellschaft nicht komplementär sind, sondern sich vielmehr gegenseitig konstruieren.

Der Leuchtfeuer-Online-Event als eine Art Burning Man Event im Web

Die Relativität des Universums und der Standpunkte hat nach Gott nun grundsätzlich alle Autoritäten abgeschafft. Die Menschen haben plötzlich «unendliche» Freiheit erlangt, weil niemand mehr sagt – sagen kann, was wahr und was falsch ist.  Schon möglich, dass die meisten Menschen so viel Freiheit gar nicht aushalten. Caveat Magister schreibt (1):

Human beings are not suited for a universe without a center

Das erinnert mich ein wenig an Bertolt Brecht:

Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug

Ceveat Magister arbeitet für das Burning Man’s education department an einer Studie über die  “Burning Man culture”.

Als Einführung in den MOOC – Massive Open Online Course – über neue Arbeitsräume, der am 19. April startet, schreibt Anja C. Wagner zum Titel des MOOC, «Leuchtfeuer 4.0» (2):

Schon mal vom Burning Man gehört? Eines der faszinierendsten Festivals der westlichen Welt – und Pulsgeber für das Web 2.0, die DIY-Kultur, das Weltverbesserungsdingens im Silicon Valley und all die Folgen, die wir derzeit spüren

Der MOOC sei jeder Person empfohlen, die sich für neue Arbeits-, Lern- und Lebensformen interessiert und neue Wege gehen möchte. Für den MOOC kann man sich hier anmelden:

Leuchtfeuer 4.0: Arbeit 4.0 trifft Bildung 4.0.

Leuchtfeuer 4.0 (by Nina Oberländer)

Ein MOOC ist ein Anlass, der vollständig im Web stattfindet. Man muss also nicht einmal aus dem Haus gehen. Es gibt aber keine Teilnehmer. Alle sind Teilgeber, d.h. alle leisten einen Beitrag. So funktioniert auch das Burning Man Festival.

Die Haut wird zum Kleid, das wir nach Belieben ablegen können

Magister glaubt, dass die unendliche Freiheit, die wir erlangt haben, uns mehr ängstigt als der Tod. Deshalb suchen wir verzweifelt nach Führung und Anleitung für unser Handeln.

So verstehe ich den globalen Erfolg rechtsnationaler Parteien, die die Welt mit simplen Dichotomien erklären und darauf aufbauend einfache Handlungsanweisungen versprechen. Während es vor 700 Jahren hiess: «Hie Ghuelf, hie Ghibellinen» (3), erklären die Populisten heute noch die Welt mit «Hier sind wir und dort die Anderen, die wir hier nicht dulden». Als ob in einer relativen Welt ohne absolute Wahrheiten eine solche Dichotomie noch irgendwelchen Sinn ergäbe!

Jumping out of your skin in the new year (by Farrukh, flickr)

Unsere ethnische Zugehörigkeit, unser Beruf, unsere Religion, ja sogar der Boden, auf dem wir stehen, gehörten bis vor Kurzem so sehr zu uns, wie unsere Haut. Auch wenn es viele noch nicht verstehen, Sie lernen gemeinsam, sie fühlen aber, dass das alles nun austauschbar geworden ist wie ein Kostüm, meint Magister, als könnten wir neuerdings aus der Haut steigen und eine andere anziehen.

Beispielsweise bedeutet lebenslanges Lernen, dass wir nicht mehr zuerst eine Ausbildung machen und dann endgültig das sind, wofür wir ausgebildet wurden. Vielmehr müssen wir uns heute den schnellen Veränderungen anpassen und unseren Beruf ständig wechseln, je nachdem, was verlangt wird.

Auch Heimat wird relativ. Immer mehr Menschen leben nomadisch und sind überall zuhause. Das Web erlaubt uns, viele Arbeiten ortsunabhängig und dennoch kollaborativ zu erledigen. Dabei kommen wir mit verschiedenen Kulturen und Religionen in Kontakt und müssen uns vorübergehend anpassen, so dass wir schliesslich auch multikulturell leben, denken und fühlen.

Das Normalarbeitsverhältnis – eine Ausnahmeerscheinung

Wenn lebenslanges Lernen und nomadisches Leben heute grad noch freie Entscheidungen sind, werden die Menschen bald keine Wahl mehr haben. Brigitta Bernet von der Universität Basel sieht im Normalarbeitsverhältnis – 40 Jahre Lohnarbeit auf der Basis einer vorgängigen Ausbildung – sowieso ein Ausnahmephänomen (4). Es ist erst in der Aufklärung entstanden und hat sich für die männlichen Familienernährer vor allem im Fordismus und seiner Produktionsform etablieren können. Das Normalarbeitsverhältnis setzt einen national verankerten, von der internationalen Konkurrenz weitgehend abgeschotteten Produktionsbetrieb voraus. Dieser verliert mit fortschreitender Globalisierung und Tertiarisierung an Bedeutung, so dass dem Normalarbeitsverhältnis der Boden entzogen wird. Auch hier identifiziere ich im momentanen Erfolg rechtsnationaler Kräfte ein letztes Aufbäumen gegen das allmähliche Abgleiten des Normalarbeitsverhältnisses, das mit dem Schliessen der Grenzen ihrer Meinung nach geschützt werden kann.

Auf der anderen Seite entstehen überall Initiativen für innovative Arbeitsmodelle auf Augenhöhe, selbstbestimmtes Arbeiten und Lernen, lebenslanges Lernen und alternative Unternehmensformen, die der neu gewonnenen «unendlichen» Freiheit des Menschen Rechnung tragen. Diesen Initiativen folgen vielleicht nur Menschen mit einem Urvertrauen in die Welt und die Menschheit. Es braucht viel Zuversicht und Offenheit, um das Zentrum des Universums und absolute Wahrheiten loszulassen. Die meisten haben wahrscheinlich Mühe damit. Es macht ihnen Angst und sie suchen nach Autoritäten und Fixpunkten, sogar wenn es ihnen bewusst ist, dass es sich um falsche Autoritäten handelt, die falsche Versprechungen machen.

The Healing Power Of Doing Good

Ein Ritus ist ein Tun (by merdeka)

Magister glaubt, dass wir wieder Riten brauchen. Aber wo nehmen wir in einer säkularisierten Welt ohne Orientierungshilfen Riten her? In den Schoss Gottes können wir nicht mehr zurück, nachdem wir uns aus dem Mittelpunkt des Universums hinauskatapultiert haben. Wir haben Technologie als prophetischen Kult. Bald seien Computer so intelligent, dass sie uns sagen, was wir tun und lassen sollen. Sie glauben, dass das ein angsteinflössendes Szenarium ist? Nicht für alle, denn wenn Computer und Big Data Algorithmen Handlungsanweisungen geben und Verantwortung abnehmen, dann kommt das vielen Menschen gerade recht. Endlich wieder eine Autorität, die Stütze ist!

Aber Magister versteht unter Riten Tätigkeiten. Er sagt, dass Intellektualismus und Theorien nicht genügen, sondern ein Tun gefordert ist. Riten sind Prozesse, die man durchlaufen muss, um sich mit der Autorität zu versöhnen. Religionen sind weniger gemeinsamer Glaube als vielmehr gemeinsame Aktivitäten, z.B. gemeinsames Gebet oder gemeinsames Empfangen von Sakramenten.

Magister fordert in einer säkularisierten Welt Aktivitäten, mit denen sich jeder Mensch im Rahmen seiner Talente und Fähigkeiten engagieren kann. Im 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden gerade zu diesem Zweck Serviceclubs und Logen. Ihr Credo ist der gemeinsame Einsatz im Dienste der Allgemeinheit. Damit ihr Tun einen rituellen Charakter erhalten, geben sich diese Organisationen in gewisser Weise sakral und wählen ihre Mitglieder sorgfältig aus. Leider haben Serviceclubs in der Öffentlichkeit das Ansehen einer Lobby korrupter Entscheidungsträger. Das kann ich aber aus meiner Erfahrung nicht bestätigen.

Rituelles Lernen als Voraussetzung zum Glücklichsein

Magister fragt, welche Organisationsformen moderne Riten bilden und tragen können und wie sie ihre Mitglieder für Freiwilligenarbeit motivieren können, die sowohl für die Mitglieder als auch für die Gemeinden einen Wert generieren. Im diesjährigen Burning Man Event wollen 70’000 «Burners» diesen Fragen nachgehen.

Ich denke, einzelne Organisationen, Tribes oder Communities können nicht mehr als Vorbilder sein. Eine Community von 70’000 Menschen ist ansehlich. Serviceclubs bringen es auf mehrere Millionen Teilgeber, die ihre Activities sogar überall rund um den Globus durchführen. Um jedoch den Menschen in ihrer «unendlichen» Freiheit wieder eine Stütze zu geben, reichen Organisationen und Communities nicht aus. Es muss vielmehr ein gesellschaftsweiter gemeinsamer Wille wachsen, der mit rituellem Tun verbunden ist. Dieses Tun muss einem Grundbedürfnis der Menschen entsprechen und ihnen Halt und Anleitung  geben.

by Topgold (from karegivers and  Google)

Lernen könnte ein solches Tun sein. Lernen ist eine überlebenswichtige Tätigkeit des Menschen und deshalb ein guter Anwärter auf einen Ersatz von Riten. Wir müssen täglich lernen. Lernen durchzieht unser Leben, von Geburt bis zum Tod.  In konnektivistischen massiven offenen online Kursen (cMOOC), wie dem Leuchtfeuer 4.0,  könnte sich so etwas wie Riten entwickeln. Ein cMOOC dauert im Allgemeinen mehrere Wochen, hat einen Anfang und ein Ende und das Ziel, einem bestimmten Thema auf den Grund zu gehen. Leider ist der Begriff «Kurs» falsch gesetzt, denn ein Kurs suggeriert, dass ein Lehrer in herkömmlichem Sinn Wissen an Schüler weitergibt. Aber ein cMOOC ist kein Kurs, sondern besteht aus selbstbestimmtem Lernen. Jede Woche werden einige Materialien zu einem Unterthema vorgelegt, das alsbald von den Personen, die sich im cMOOC eingeschrieben haben, diskutiert und von allen Seiten beleuchtet werden. Das Lernen geschieht in Kollaboration und im gemeinsamen Tun aller Teilgeber. Das sind diejenigen, die sich eingeschrieben haben. Das sind nicht Teilnehmer, denn das wäre zu passiv. Alle beteiligen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Im gemeinsamen Tun lernen („Andrew and Jerome juggle“ by salomon888)

Das kann sein, indem sie in einer Facebookdiskussion ihre Meinung zu einem Sachverhalt kundtun, gemeinsam an einem Dokument schreiben, einen Blogbeitrag verfassen, bisherige Kommentare zusammenfassen, die Ansicht eines Teilgebers in einer Zeichnung widergeben, einen Experten zum Thema interviewen und davon ein Video erstellen oder einen einschlägigen Artikel verlinken und kommentieren. Bei diesem Tun muss man ständig Begriffe googeln oder in Wikipedia nachschlagen, diese neu interpretieren,  Literaturrecherchen durchführen, Quellen nachweisen und verlinken und anderen Forschungstätigkeiten nachgehen. Wer sich auf diese Weise mehrere Wochen mit dem Thema auseinandergesetzt hat, hat viel gelernt. Darüber hinaus macht das kollaborative Lernen auf Augenhöhe zufrieden und glücklich.

Am besten, Sie probieren es ab dem 19. April gleich selber aus, indem Sie in den Leuchtfeuer-MOOC herein schauen oder Sie fahren einen anderen MOOC ab, den Sie auf Onlinecampus finden. Es gibt dort Angebote über Arbeitspsychologie, Neue Perspektiven, Klima, bürgerliches Engagement, Volleyball, Windenergie und viele andere Themen.

Wenn die Gesellschaft einmal akzeptiert hat, dass Lernen Grundvoraussetzung nicht nur für das Überleben des einzelnen Individuums ist, sondern auch für die Community und alle Menschen neben ihrem 4-6 Stundenjob – was mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung künftig normal sein wird – sich pro Jahr mindestens in einem cMOOC engagieren, dann könnte solches Lernen rituellen Charakter annehmen und in der zukünftigen Arbeits- und Lebenswelt sinnstiftend sein.

 

(1) Caveat Magister. Why Ritual is Relevant. The Burning Man Journal. 6. Februar 2017

http://www.webcitation.org/6oGTSUPQz

(2) Burning Man & das Web 2.0

(3) Wikipedia. Ghibellinen und Guelfen

Franz W. Scherer. Hie Guelf- Hie Ghibellin. Ein Roman aus der Hohenstaufenzeit. 1925

(4) Brigitta Bernet. Die Zukunft der #Arbeit muss neu gedacht werden. Beiträge zur öffentlichen Debatte. 15. Februar 2017

 

Hass im Netz – kritische Gedanken zu Ingrid Brodnigs Buch

Ingrid Brodnig hat mit Hass im Netz ein interessantes Buch geschrieben, das zeigt, wie Menschen auf erhöhte Komplexität, die sie frustriert, reagieren können (1). Nach der Lektüre der Buches wird mir vieles klar, z.B. der Überdruss, den einige meiner Freunde Facebook entgegenbringen oder warum das Thema «Echokammer» einen derartigen Boom erlebt. Allen, die in Social Media unterwegs sind, ist das Buch wärmstens empfohlen.

Mir gefällt Ingrid Brodnigs Schreibstil. Sie versteht es, den Stoff und ihr Anliegen verständlich zu präsentieren, weil sie ihre Erklärungen so anordnet, dass man stets weiss, worauf sie hinauswill.

Im Folgenden notiere ich einige kritische Gedanken, die ich mir bei der Lektüre von Brodnigs Buch gemacht habe. Das ist also keine Rezension.

Echokammern existieren

Ich habe hier schon öfters Filterblasen und Echokammern thematisiert, z.B. im Oktober 2016 in Ist Poppers Traum wirklich in Gefahr?  oder 2013 in Unsere Filterblasen sind schlecht durchlüftet  und den Standpunkt vertreten, dass Echokammern nicht neu sind. Wer z.B. in den 30er Jahren seine fremdenfeindliche Einstellung mit anderen teilen wollte, besuchte einfach die einschlägigen Versammlungen und abonnierte entsprechende Zeitungen. Das genügte, um eine Mehrheit zu gewinnen.

In Hinblick auf Facebook habe ich Brodnig den Hinweis auf Seiten zu verdanken. Facebook-Seiten spielen für mich eine untergeordnete Rolle und daher habe ich sie in meinen Überlegungen zu Echokammern nicht speziell berücksichtigt. Brodnig erzählt von Seiten, die entweder voller Hasskommentare sind, oder die eben als Echokammern dienen, indem dort alle einander bestätigen. Offenbar gibt es Menschen, die mit Absicht solche Seiten suchen und frequentieren. So gesehen sind die Seiten wie Reusen, mit denen die Weltmeere ausgelegt werden. Klar, dass dann nach kurzer Zeit fast alle Fische in einer Reuse gefangen sind. Da hat Brodnig durchaus recht, wenn sie glaubt, dass solche Seiten und – noch effizienter – Facebook-Gruppen Gesellschaften fragmentieren können.

Warum fühlen sich Menschen von zwielichtigen Gemeinschaften angezogen?

Narzissmus und Echo von Placido Costanzi. (2)

Interessant ist die Motivation, die Menschen umtreibt, ihresgleichen in solchen Seiten und Gruppen zu suchen. Facebook-Seiten sind immer Verkaufsinstrumente. Meistens werden sie von Unternehmen betrieben, die dort für ihre Produkte werben. Auch eine Seite, die eine bestimmte politische oder gesellschaftliche Überzeugung vertritt, wirbt dafür und will möglichst viele Besucher für ihre Überzeugung gewinnen. Im Moment halte ich mich in Südostasien auf – Bangkok, Kuala Lumpur, Ho-Chi-Minh-Stadt, George Town. Beim Durchlaufen dieser Städte werde ich laufend von Strassenhändlern und Marktschreiern mit irgendwelchen Angeboten angegangen. Dieses Werben ist viel direkter und lauter als das Werben der Seiten in Facebook. Trotzdem widerstehen die Touristen den Angeboten. Man kann ja nicht an jeder Ecke eine Fussmassage machen lassen. Die passive Werbung der Facebook-Seiten hingegen scheint zuweilen eine enorme Anziehung zu haben. Warum?

Brodnig bedient sich zur Erklärung des Confirmation Bias, über den ich hier schon verschiedentlich geschrieben habe. Menschen haben die Tendenz, nur nach Hinweisen zu suchen, die ihre Meinung bestätigen. Das kann dann mitunter zu Wahrnehmungsverzerrungen und Entscheidungsfehlern führen, wenn die eine Überzeugung schon fest etabliert ist. Wird sie z.B. in einer Echokammer bestätigt, führt dies zu einem positiven Gefühl und Gefühle sind bekanntlich ein starker Motivator.

Zum Bild von Constazi: Die Bestätigung, die Menschen in Echokammern suchen, hat auch etwas mit Narzissmus zu tun. Der Körper und die Gestalt der Echo ist vergänglich, einzig und allein ihre Stimme und ihre Echorufe bleiben auf ewig. Bei Narzissus löst sich seine Gestalt, ähnlich wie bei Echo, auf. Seine Schönheit verschwindet und bleib nur in der Blume der Narzisse erhalten.

Komplexitätsreduktion mit horizontaler Flucht und Zentralhypothese

Die Ablehnung oder gar das Übersehen von Fakten, die gegen meine Überzeugung sprechen, ist eine Konsequenz des Confirmation Bias. Brodnig belegt sie mit der separaten Bezeichnung «Disconfirmation Bias». Ein alltägliches Beispiel dafür habe ich 2011 in einem Artikel beschrieben, der mit Was ist an der Welt falsch, wenn sie sich nicht gemäss meiner Hypothese verhält? überschrieben ist. Wer sich eine Zentralhypothese zurechtlegt, ändert diese auch dann nicht gern, wenn die Fakten eindeutig dagegen sprechen. Dietrich Dörner spricht in diesem Zusammenhang von «horizontaler Flucht», wenn wir uns in ein überschaubares Detail zurückziehen (3).

Komplexe und nicht vollständig durchschaubare Systeme erzeugen ein unbehagliches Gefühl von Inkompetenz. Eine (festgefahrene, weil anscheinend oft bestätigte) Überzeugung ist in diesem Fall etwas Feines. Sie reduziert mit einem Schlag die Komplexität und damit mein schlechtes Gefühl. Alle, die meine tausendmal bestätigte Überzeugung zu widerlegen versuchen, müssen mundtot gemacht werden, sonst kommt nur wieder Unsicherheit und Unordnung in mein komplexitätsreduziertes Leben. Das ist eine Erklärung für Hasskommentare und Fakenews.

Ernsthafte Themen gehören nicht auf Facebook

Eine andere Frage, die sich mir durch die Lektüre von Brodnigs Buch erschlossen hat, ist die zunehmende Abneigung gegen Facebook. Einige meiner Freunde haben sich bereits von Facebook verabschiedet, was ich nicht verstehen konnte, da ich Facebook vornehmlich als «yellow press» verstehe, also als relativ niveauloses Medium, dessen Hauptzweck darin besteht, den Freunden mitzuteilen, was man die ganze Zeit so macht und wie es einem geht. Früher erhielt ich Ende Jahr von zahlreichen Freunden sogenannte «Weihnachtsbriefe» in denen sie auf mehreren Seiten das Jahr zusammenfassten und erzählten, wo sie in den Ferien waren und welches Kind eingeschult wurde. Wenn ich von zehn Freunden einen je 20seitigen Brief erhielt, war die Adventslektüre gesetzt. Heute lässt es sich mit Facebook auf das Jahr verteilen und erst noch mit grösster Aktualität versehen.

Leider stellen viele meiner Freunde kontroverse Themen in Facebook zur Diskussion, obwohl es dazu eigentlich denkbar ungeeignet ist. Immer wieder wollen sich Menschen mit mir vernetzen, die mich nicht persönlich kennen und sich wahrscheinlich über meine Reisedokumentationen und privaten Fotos eher langweilen. Dafür erhalte ich von ihnen interessante Links, Gedanken  und Hinweise geteilt, die ich aber eigentlich lieber auf Twitter sähe. Solche Meldungen fordern auf Facebook Hasskommentare geradezu heraus, weil die Kommentarfunktion von Facebook dazu geeignet ist. Auf einen Tweet kann natürlich auch gehässig reagiert werden, da aber Antworttweets nicht in einem Thread zusammengefasst sind, fallen sie viel weniger auf.

Der böse Facebook-Algorithmus, der keiner ist

Brodnig räumt dem intransparenten Facebook-Algorithmus relativ viel Raum ein. Leider kann auch sie ihn nicht zufriedenstellend erklären. Offenbar werden Beiträge favorisiert, die viele Likes und viele Kommentare haben. Wenn also in meiner Timeline auf einen Artikel verwiesen wird – sagen wir «Mondbeobachtungen führen zu Autismus» – dann erhält dieser Eintrag Hasskommentare von Mondsüchtigen und Likes von denjenigen, die schon immer wussten, dass die Mondgaffer unser Leben bedrohen. Je mehr User verschiedener Meinungen sich zum Artikel äussern, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Artikel in meiner Timeline auftaucht. Solange ein Beitrag nicht auf einer Seite oder in einer Gruppe/Community gemacht wird, die als Echokammer oder gar als Echobunker genutzt wird, besteht meines Erachtens weniger Gefahr einer Isolierung.

Vom Namen des orthodoxen Muslim Al-Chwarizmi (hier auf einer russischen Briefmarke aus den 80er Jahren) leitet sich die Bezeichnung «Algorithmus» ab.

Zum Bild aus wikimedia: Al-Chwarizmis Hauptwerk Algoritmi de numero Indorum führte um 800 n. Chr. die Null aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein, das in Europa erst ab 1500 Verwendung fand. Die Zeit des Übergangs von den römischen zu den arabischen Zahlen war durch Hasskommentare und Fake News geprägt.

In ihrem Buch zitiert Brodnig den Schöpfer des Begriffs „Filterblase“, Eli Pariser (himself). Der gemässigte Linke hatte auf Facebook angeblich sowohl gleichgesinnte als auch Freunde mit eher konservativer Meinung, weil er gerne ab und zu abweichende Meinungen liest. Allerdings habe er naturgemäss die linken Meinungen öfters gelikt, worauf die Beiträge seiner konservativen Freunde nach und nach aus seiner Timeline verschwunden seien.

Der Freundeskreis ist zu heterogen, um sterilisiert werden zu können

Auch auf Facebook ist ein Freundeskreis niemals derart homogen, wie es Pariser hier voraussetzt. Ein «organisch gewachsener» Freundeskreis ist sehr heterogen. Er besteht aus Arbeitskollegen, Verwandten, Zufallsbekanntschaften, Gleichgesinnten, etc. Und diese «Gleichgesinnten», ach Gott! Am meisten (streitige) Diskussionen habe ich ja beinahe mit ihnen. Expertenstreit, nennt sich das.

Solange der Facebook-Algorithmus nicht wirklich verstanden ist, tue ich mich schwer, irgendwelche Konsequenzen zu diskutieren. Ich bin der Meinung, dass es sich nicht eigentlich um einen Algorithmus handelt, denn ein Algorithmus ist ein festgeschriebenes Rezept, das mit Sicherheit zu einem gewünschten Resultat führt. Der sog. Facebook-Algorithmus ist weder fest noch gibt es ein definiertes gewünschtes Resultat. Facebook schraubt sowohl an Algorithmus als auch an seinen Wunschvorstellungen herum. Sie ändern vielleicht wöchentlich.

Facebook wird vor allem vorgeworfen, dass der User keine Möglichkeit hat, den Algorithmus auf seine Bedürfnisse anzupassen (dazu müsste ja zuerst ein feststehender existieren). Manchmal gibt es Ansätze, mit denen Facebook versucht, den User vermehrt einzubinden. So will Facebook Massnahmen gegen Fake News einführen (4). Nutzer sollen in ihrer Timeline unter anderem deutliche Warnhinweise angezeigt bekommen, wenn sie auf Falschmeldungen stossen. Diese Warnhinweise basieren auf Meldungen der User selber. Das wirft dann z.B. die Frage auf, ob «seriöse Beiträge» darunter leiden könnten, dass Nutzer sie melden, weil sie nicht in ihr Weltbild passen. Schliesslich wird die Mehrheit der Beiträge als «Fake News» gekennzeichnet sein.

Was kann man tun?

Brodnig schlägt verschiedene Taktiken gegen Trolls, Glaubenskrieger und Fake News vor, von Ignorieren bis hin zu gerichtlichem Vorgehen.

Quelle: pixabay

In Eingestürtze Brücken und verdampftes Wasser habe ich 2009 ein soziales System, in welchem Meinungen und Überzeugungen aufeinanderprallen, mit kochendem Wasser verglichen. Der Zusammenhang der Flüssigkeit geht verloren, sie wandelt sich in Dampf, den man auffangen und damit eine Turbine betreiben kann. Eine hasserfüllte Gesellschaft kocht. Ihr Zusammenhang geht verloren und sie erfährt einen Phasenübergang.

Social Media entsprechen in der Metapher der Kochplatte und der Pfanne, nicht aber der Energie, die es braucht, um das Wasser zum Kochen zu bringen. Der gefährliche Trend, in Politik und Gesellschaft, Komplexität durch reduktive Hypothesenbildung und Ablehnung widersprüchlicher Fakten zu reduzieren, hat nichts mit SoMe, Web oder gar dem Internet zu tun (viele Autoren vermischen oft die drei Begriffe in unzulässiger Weise; das Web und das Internet sind zwei verschiedene Dinge!).

Geschlossene Behälter mit kochendem Wasser können explodieren, wenn der Dampf nicht abgeleitet wird. In Gesellschaften mit erhöhter Bestätigungs- und Fragmentierungsdynamik steigt das Risiko kriegerischer Konflikte. Es wäre der erste Komplexitätskrieg. Ob es möglich ist, die überschüssige Energie, die in diesem Gesellschaftszustand steckt, abzuleiten und positiv zu nutzen? Ich könnte mir ein neues gesellschaftliches Engagement vorstellen mit dem Ziel, die Energie von Hass und Fundamentalismus aufzufangen und zu nutzen. Das wäre echte Friedensarbeit! Könnte es sein, dass Initiativen, wie u.a. www.euforia.org und http://www.impacthub.net/ in diese Richtung gehen?

 

(1) Ingrid Brodnig. Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Brandstätter Verlag 2016.
ISBN 978-3-7106-0035-7

(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Placido_Costanzi

(3) Dietrich Dörner, Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Ro ro ro 2003.
ISBN:  978-3-499-61578-8

(4) Facebook markiert Fake News jetzt auch in Deutschlandtagesschau.de vom 15.1.2017

Die Lebendigkeit des Formalen oder «Wer hat Angst vor Dapertutto?»

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über die Natur-Kultur-Dichotomie nachgedacht und sie im Lichte Bruno Latours Ideen beleuchtet. Seine Schlussfolgerung, dass eine strikte Trennung von Natur und Gesellschaft zu hybriden Monsterwesen führt, ist zwar eigensinnig, reiht sich aber in ein zunehmendes Unbehagen gegenüber gewissen Denkdoktrinen ein. Es scheint, dass Grundsätze der klassischen abendländischen Tradition in Frage gestellt werden, weil sie immer öfter Beobachtungen zu widersprechen scheinen.

Während Latour feststellte, dass es zu Problemen kommt, wenn immer Gegensätze konstruiert und getrennt werden, stolperte z.B. Gotthard Günther über selbstreferentielle Aussagen, die sich zwar umgangssprachlich formulieren lassen, sich bei näherem Hinsehen aber als Zirkelschlüsse erweisen (z.B. wenn ein Kreter behauptet, dass alle Kreter Lügner seien). Beide Unbehagen – das gegenüber Dichotomien, wie das gegenüber Zirkelschlüssen – sind verwandt und lassen sich nur auflösen, wenn gewisse Paradigmen in Frage gestellt werden. Günthers Morphogrammatik will der phänomenologisch beobachteten Aufspaltung der individuellen Realität in Subjekt und Objekt (oder Gesellschaft und Natur) vorangehen.

Dichotomien in indoeuropäischen Sprachen

Es ist zwar richtig, dass Menschen vorwiegend intuitiv-gefühlsmässig urteilen  und nicht denkbasierend. Was ich oben mit „Denkdoktrinen“ meinte sind Denkformen, die sich in die Gefühlswelt fortsetzen und auch die Intuition beeinflussen. Wir haben das Gefühl, dass etwas ist oder nicht ist und kein Zwischenweg existieren kann. Und wenn ich etwas „im Gefühl habe“, dann glaube ich, dass es richtig ist. Denkdoktrinen oder Denkformen kommen vor allem über die Sprache in unsere Gefühls- und Glaubenswelt.

Anders als etwa in Mandarin oder in Fahrsi trennen die indoeuropäischen Sprachen Subjekt und Prädikat.

Aristoteles hat daraus ein Gesetz der Vernunft gemacht und seine Logik darauf aufgebaut. Descartes schied die Welt in eine res extensa und eine res cogitans.

Die westliche Kultur war dank der aristotelischen Logik und der kartesischen Physik zunächst enorm erfolgreich, gerät aber mit den Dichotomien Subjekt und Prädikat, Täter und Tätigkeit, Quantität und Qualität, Natur und Geist nach und nach in eine Krise. Der Grund dafür ist u.a. die Digitalisierung, wie ich weiter unten noch darlegen werde.

Thomas Mahler schreibt in seiner Morphogrammatik (1):

Diese Substantiv:Verb Unterscheidung innerhalb der Grammatik kann …. nicht als Beleg für eine tatsächliche Aufspaltung der ‘Realität’ in aquivalente dichotome Strukturen gewertet werden, da Sprachen existieren, in denen solche Unterscheidungen unbekannt sind, die den Menschen des jeweiligen Kulturkreises dennoch eine adäquate Kommunikation über die Welt ermöglichen.
Die dichotome Struktur der Grammatiken indoeuropäischer Sprachen, deckt sich … mit der dualistischen Form der klassischen Logik, die die grammatikalische Dichotomie auf ihre knappste Gestalt, die Spaltung von Subjekt und Objekt, verkürzt und sie zur Grundlage der abendländischen Rationalität erhebt

Berliner Schnauze – Berliner Heimat

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagte Ludwig Wittgenstein. Wenn unsre Sprache Subjekt und Objekt dermassen strikt trennt, so bin ich kaum in der Lage, über den Schatten dieser Dichotomie zu springen. Sie definiert meine Welt und meine Gefühle. Aber ich bin unter Umständen fähig, sie mit formalen Mitteln zu überwinden.

Die Natur ist konstruiert

Immer ausgeklügeltere Theorien und immer feinere und empfindlichere Instrumente machen klar, dass wir nicht die Natur beschreiben, sondern uns ein Bild von der Natur konstruieren, das von unseren Instrumenten und Theorien abhängig ist.

Carl Friederich von Weizsäcker schreibt(2):

Ein Kernstück von Sein und Zeit ist die Kritik der Cartesischen Ontologie. Dort wird gezeigt, daß Descartes nach dem Sein selbst nicht fragt. Deshalb ist es möglich, daß für ihn spezielle Bestimmungen [des Seins] zu definierenden Merkmalen seiner zwei ‘Substanzen’ werden. Die substantielle Trennung von res cogitans und res extensa nun ist die methodische Voraussetzung der gesamten klassischen Naturwissenschaft. Der sogenannte ‘naturwissenschaftliche’ Begriff methodischer Sauberkeit verlangt das absolute Vermeiden von ‘Grenzüberschreitungen’ zwischen diesen beiden Bereichen (erinnert an Latours Reinigungsarbeit; PA). Es scheint mir charakteristisch für die positive Wissenschaft unserer Zeit, daß die innere Logik ihrer eigenen Probleme sie zur Sprengung dieses Dammes zwingt. Dies wird evident in allen psychophysischen Problemen, wie etwa der Erforschung der Wahrnehmung, der Bewegung organischer Körper, des Ausdrucks. Es zeigt sich aber ebenso in der Problematik des ‘Beobachters’ in der Atomphysik

Wer immer die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise kritisiert und ihr irgend eine Relevanz für das Leben abspricht, muss also die Trennung von Objekt und Subjekt und von Natur und Kultur aufgeben und Natur im Sozialen zulassen (das ist selbstreferentiell). Wer Natur und Gesellschaft strikt trennen will, fällt dem kartesischen Irrtum anhin.

Ironie der Digitalisierung: 0 und 1 sind nicht genug!

Mit zunehmender Digitalisierung gerät die aristotelische Logik in Zugszwang. Die zweiwertige Logik, die auf dem Tertium non Datur beruht – eine Aussage ist entweder wahr oder sie ist unwahr, etwas Drittes gibt es nicht –ist für Computer nur auf der Elementarebene nützlich. Auf der Anwendungsebene kann ein Computer Objekte nur konstruieren. Ein indirektes Argument für die Existenz eines Objekts nützt einem Computer nichts, da er das Objekt ohne weitere Angaben nicht konstruieren kann. Die Ironie ist, dass der Computer selbst auf der Zweiwertigkeit basiert. Die strikte Unterscheidung «ein Leiter führt Strom oder er führt keinen Strom, etwas Drittes gibt es nicht», ist ja genau das, was das Tertium non Datur fordert. Und genau diese Unterscheidung führt nun zu Problemen, wenn ein Computer ein Objekt konstruieren soll.

Nur etwas, das vorstellbar ist, kann konstruiert werden

Selbst Zahlen sind davon betroffen, denn ein Computer kann nicht mit «unendlichen Zahlen» umgehen. Unendlichkeit ist nicht konstruierbar. Ausgerechnet die Bruchzahlen, die auf dem Dezimalsystem beruhen, also z.B. 0.1 oder 0.01, sind für einen Computer überhaupt nicht fassbar, denn sie können im Binärsystem nur als unendlichen Bruch geschrieben werden. Ein Computer schneidet aber nach ein paar Stellen ab, so dass ein Zehntel nicht genau als einen Zehntel gespeichert ist. Natürlich gibt es dazu Lösungen und alternative Darstellungsmöglichkeiten, aber das würde hier zu weit führen.

Wie bei allen Beispielen kann man auch hier über Relevanz und Präzision diskutieren. Beispielsweise bieten die Entwicklung von Wissensrepräsentationen oder von künstlicher Intelligenz viele weitere Bedürfnisse nach einem konstruktiven Formalismus, der vom Tertium non Datur absieht. Ich will damit zeigen, wie die Trennung eines dualen Begriffspaares anderswo zu Schwierigkeiten führen kann und gerade die Informatik an den Grundfesten der klassischen Logik rüttelt.

Kritik des Formalen

Immer häufiger treffe ich in meinem Wahrnehmungsbereich formalisierungs- und mathematikkritische Meinungen an, wie z.B. dass das Formale sich nur auf den «toten» (ich würde besser von «unbelebt» oder «physikalisch» sprechen) Teil der Welt anwenden lasse und das Lebendige nicht erfassen könne. Konkret wird z.B. behauptet:

  • Mathematische Objekte sind nicht Teil der Wirklichkeit.
  • Die Mathematik liefert unveränderliche ideale Formen.
  • Formale Logik ist aus logischer Sicht nicht logisch.
  • Formale Logik systematisiert das Denken.

Der Behauptung, Mathematik liefere unveränderliche ideale Formen und sei nicht Teil der Wirklichkeit, mangelt es womöglich an tieferen Kenntnissen der Mathematikgeschichte, der Philosophie der Mathematik sowie des Universalienproblems.

Aus solchen Behauptungen wird dann schnell geschlossen, dass Mathematik formalisierte Sprache sei, die zu Totalitarismus führe. Jemand hat geschrieben, dass die Menschen durch Belohnung und Bestrafung darauf konditioniert werden, auf ideale Formen der Sprache zu achten und dadurch ihr Mitgefühl und ihre Denkfähigkeit verkümmere und nur noch Gier, Neid und Hass übrigbleibe. Die Behauptung scheint mir aus den Fingern gesogen und die Schlussfolgerung willkürlich zu sein.

Andere behaupten etwas weniger spezifisch, Mathematik erzeuge Angst. Da wundere ich mich, wovor Menschen Angst haben können. Ich habe Angst vor Gespenstern, Monstern, Krieg oder Krankheiten, die mein Leben bedrohen, aber eine Wissenschaft kann mir nicht Angst machen, sondern mich allenfalls nicht interessieren.

Digitalität erhöht den formalen Anteil unseres Lebens

Während es bis vor paar Jahrzehnten noch möglich war, Mathematik einfach zu ignorieren, droht nun die Digitalisierung mit der Unausweichlichkeit, sich mit dem Formalen zu versöhnen.

Ohne Formalismus geht nichts mehr. Die Formatierung eines Textes, formelmässiges Auswerten von Daten in einer Tabellenkalkulation, Programmierung als obligatorisches Schulfach, Entwicklung von Blockchaintechniken, etc. erfordert ein weitergehendes Verständnis des Formalen. Der Vorwurf, die Welt bestünde nicht nur aus Zahlen, greift nicht mehr, weil Computer nicht in erster Linie zum Rechnen dienen, sondern zur Symbolmanipulation, wie Bildbearbeitung, Abspielen von Musik, Erfassen von Stimmungen, checken des Gesundheitszustandes, etc. Symbolmanipulation ist aber reine Mathematik.

Die Abneigung gegen alles Formale  kann von der Abwertung der Relevanz von MINT-Fächern bis hin zur Leugnung der Digitalität oder gleich von allem Faktischen führen. Wer immer sich dann anbietet, die intellektuellen Klugscheisser mundtot zu machen, hat schnell die Sympathie aller Formalisierungsgegner gewonnen. Hier erscheint Mangel an Akzeptanz des Formalen als Mangel kritischen Denkens, denn dass «des Retters» Argumentarium sich nicht an logische Grundsätze hält und voll Zirkelschlüsse und falschen Schlussfolgerungen ist, können die Formalisierungsgegner dementsprechend gar nicht feststellen, weil sie ja keine Möglichkeit zur Analyse haben.

Das Formale ist nicht starr und hat nichts mit dem Tod zu tun!

Das Leben ist voller Formalismen, Formen und Farben

Zurück zum Dichotomien-Problem stellen wir fest, dass die Trennung von nichtformal-lebendig und formal-unbelebt selbst eine Dichotomie und damit problembehaftet ist. Dichotomien gibt es nicht, es ist bloss eine Medaille mit zwei Seiten. Wie ein Baum aus einem Samenkorn hervorgeht, um dann selber wieder Samenkörner zu produzieren, so bedingen die beiden Pole einer Dichotomie einander gegenseitig.

Das Formale wäre ohne das Lebendige undenkbar und das Lebendige baut auf dem Formalen auf (z.B. die Kombinatorik der DNS-Basenpaare). Formalismus kommt von Form. Und wer möchte behaupten, das Leben sei formlos? Form und Formalismus kann vom Leben nicht getrennt werden! Wer das eine vom anderen trennt, gerät immer tiefer in die Bedrouille.

Addendum: Hoffmanns Erzählungen oder was es mit Dapertutto auf sich hat

Ich erinnere mich an Jacques Offenbachs Oper «Hoffmanns Erzählungen», die sehr lebendig und (be-)rauschend in einem studentischen Weinlokal beginnt («wer zu wenig verträgt, fällt unter’n Tische»). Hoffmann singt das Lied vom Zwerg Kleinzack und erzählt auf Drängen seiner Kommilitonen seine drei Liebesgeschichten. Darin ist sein Gegner der personifizierte Formalismus, ein Physiker, der mit allerlei formalen Tricks versucht, Hoffmann zu zerstören.

In der ersten Geschichte heisst er Spalanzani und baut einen Roboter, der äusserlich wie eine anmutige Frau aussieht, in die sich Hoffmann verliebt. Damit dieser den Fake nicht wahrnimmt, schenkt Spalanzani ihm eine Spezialbrille (als Physiker versteht er etwas von Optik), durch die alles idealisiert wird.

In der zweiten Geschichte tritt der Formalismus als Dr. Mirakel auf und entpuppt sich als Teufel, der die musikbegeisterte Geliebte Hoffmanns zu ausdauerndem Singen verleitet, bis sie, ausser Atem, tot umfällt. Das gelingt Mirakel durch Kenntnisse des formalen Aspekts der Musik, indem er vielleicht Rhythmus und Frequenz entsprechend steigert.

In der dritten Geschichte heisst der Formalismus Dapertutto und besitzt einen funkelnden Diamanten, der Hoffmann sein Spiegelbild raubt. Der tetraedrische Aufbau von Diamant ist der Inbegriff des Formalen schlechthin, während die Wahl des Spiegelbildmotivs eine erneute Anspielung auf die Optik als Teilgebiet der Physik ist.

Die Schlussszene spielt wieder im Weinlokal. Hoffmann und seine Kommilitonen sind vor lauter Formalismus betrunken. Geschwunden ist die anfängliche Lebendigkeit. Es gibt nur Formalismus oder Lebendigkeit. Das ist die Dichotomie. Aber ohne Spalanzani/Mirakel/Dapertutto wären die Liebesgeschichten nicht lebendig gewesen. Es hätte schlicht nichts zu erzählen gegeben. Und ohne die Lebendigkeit Hoffmanns hätte es Spalanzani/Mirakel/Dapertutto nicht gebraucht.

Wie löst Offenbach die Dichotomie auf? Statt alles zusammenbrechen und Hoffmann der Hoffnungslosigkeit anheimfallen zu lassen, wird er in einer Apotheose in den Götterhimmel und selbst zum Gott befördert. Damit entlässt Offenbach die Zuschauer mit gutem Gefühl nach Hause. Für mich bedeutet das jedoch, dass wer in Dichotomien denkt, nicht von dieser Welt ist.

(1) Thomas Mahler: Morphogrammatik – Eine Einführung in die Theorie der logischen Form

(2) Von Weizsäcker, C.F.: Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie. München, C. Hanser Verlag, 1977. S.244 f.

Manchmal kommt mir die Natur und manchmal ist es Gesellschaftszwang

Es gibt Menschen, die tun sich mit einer angeblichen Natur-Gesellschaft-Dichotomie schwer. Dann gibt es solche, die leugnen die Relevanz einer der beiden Kategorien und beschimpfen diejenigen, die ihre Argumente aus der geleugneten Kategorie schöpfen.

Ist die Gesellschaft konstruiert oder transzendent?

Ich hatte nie ein Problem mit einer angeblichen Natur-Gesellschaft-Dichotomie. Die Trennung zwischen Natur und Gesellschaft und zwischen Objekt und Subjekt ist nämlich nach Bruno Latour eine semantische Illusion. (1)

Nach Latour lautet das moderne Selbstverständnis:

Die Natur ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich. Die Gesellschaft ist unsere Konstruktion. Sie ist unserem Handeln immanent

Das ist allerdings eine merkwürdige Position. Ob Latour sie seiner Theorie gefügig gemacht hat oder ob es tatsächlich Menschen gibt, die das glauben? Tatsächlich ist die Natur, so wie wir sie wahrnehmen, unsere Konstruktion, wie ich z.B. in Es gibt keine absolute Gewissheit auch nicht in exakten Wissenschaften versuchte, darzulegen.

Die Wahrnehmung – Soziologen würden von «Beobachtung» sprechen – ist ja stets eine Konstruktion, oder wie ich sage: eine Modellbildung.

Latour stellt fest, dass wir gerade in der Modernen in die Natur eingreifen, um sie für unsere Zwecke nutzbar zu machen. Und gerade die Moderne macht auch die Erfahrung, dass gesellschaftliche Strukturen und Dynamiken nicht den Absichten gehorchen, die die involvierten Menschen mit ihnen haben, und es sogar Strukturdynamiken gibt, die völlig absichtslos hervorgerufen werden (2). Daraus schliesst Latour dann:

Die Natur ist unsere künstliche Konstruktion im Labor. Sie ist immanent. Die Gesellschaft ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich

Gesellschaft als Selbstorgansiationsphänomen

Das ist nun eine dermassen übertriebene Umkehrung der Grundannahme, dass sie auch wieder hinkt. Die Gesellschaft ist als dynamische Struktur eine natürliche Erscheinung. Wenn wir sie beobachten, dann interpretieren wir sie, wie alle natürlichen Phänomene. In diesem Sinne konstruieren wir «Gesellschaft», bzw. das, was wir von ihr beobachten, wie wir überhaupt alles konstruieren, was wir beobachten.

Bruno Latour fehlt das theoretische Repertoire der Systemtheorie (3), so dass er viele sprachliche Handstände machen muss, um seine Ideen zu beschreiben.

Gesellschaft ist ein Selbstorganisationsphänomen innerhalb des Systems «Menschheit» oder «Volk». Der Begriff der Selbstorganisation wird zuweilen unterschiedlich verwendet, je nachdem, ob man eine systemtheoretische oder eine organisationstheoretische Sicht einnimmt. Organisationstheoretiker verstehen unter Selbstorganisation gemeinhin, was ich «Selbstmanagement» oder «Selbstbestimmung» nenne. In der Theorie dynamischer Systeme kommt Selbstorganisation automatisch aus Zwängen im System zustande und führt zu einer Systemstruktur, die die Funktion des Systems so unterstützt, dass die Zwänge am besten respektiert werden können. Zwar entsteht diese Struktur aufgrund kooperativen Verhaltens der einzelnen Systemelemente. Umgekehrt unterwirft die Systemstruktur das Verhalten der einzelnen Systemelemente. Selbstorganisation ist also ein natürliches Phänomen.

Gesellschaft ist eine solche Systemstruktur. Im Allgemeinen entsteht sie innerhalb grosser Systeme, also einer Gemeinschaft, die aus vielen Menschen besteht, indem sich diese Menschen «arrangieren». (4)

Gesellschaft unterwirft die einzelnen Menschen, die ihrerseits Ursache der Gesellschaft sind. Sie sind Ursache durch ihr Handeln, sei es, indem sie das Web erfinden oder sich zum Diktator erheben. Beides an sich wäre als Tat eines Einzelnen irrelevant, wenn sie nicht die gesellschaftliche Struktur verändern würden. Das Web ist eine Technologie, die auf (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnis aufbaut. Latour spricht in diesem Zusammenhang von einem Hybrid oder Quasiobjekt, manchmal sogar von einem Monstrum. Aber das Web wird nicht zum Monstrum, weil es an sich monströs ist, sondern weil die modernen Menschen seine hybride Struktur nicht eingestehen wollen, d.h. weil sie Natur(-wissenschaft) und Gesellschaft strikt trennen. Latour sagt, dass sich die Modernen diese Trennung einbilden und sich darauf etwas einbilden. Wer von Natur-Gesellschaft-Dichotomie spricht, fühlt sich modern erhaben.

Technologien sind hybride Zwitterwesen – halb naturbezogen, halb gesellschaftlich verhängt

Latour ist wahrlich kein Konstruktivist, wenn er moderne Technologien als eigenständige Wesen sieht, die durch Delegation und Repräsentation in die Gesellschaft eingreifen. Er vergleicht sie mit Immigranten, die zwar hergebeten werden und uns Einheimischen zunächst viele wertvolle Geschenke mitbringen, ohne dass wir nennenswerte Gegengaben überreichen müssen. Irgendwelche Ansprüche auf Mitgestaltung der Verhältnisse stellen die Fremden zunächst auch nicht. Die Trennung von Einheimischen und Eingewanderten, bzw. Herren und Sklaven, scheint perfekt zu sein im Sinne einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Aber es kommen immer mehr Einwanderer und bald sind sie in der Überzahl und bestimmen die Geschicke der Gesellschaft, in der wir leben.

In der Zwei-Klassen-Gesellschaft kann das nur passieren, weil wir Natur und Gesellschaft strikt trennen. Nach Latour halte die Moderne am modernen Selbstverständnis durch Fiktionalisierung fest:

Auch, wenn wir die Natur konstruieren ist es, als konstruierten wir sie nicht. Auch wenn wir die Gesellschaft nicht konstruieren ist es, als konstruierten wir sie. Natur und Gesellschaft müssen strikt getrennt bleiben

Latour versteht die Einführung innovativer Technologien als Vermittlung zwischen Natur und Gesellschaft. Die Moderne vermehrt diese Hybridwesen in immer schnelleren Zyklen. Um das moderne Selbstverständnis aufrecht zu erhalten, müssen die Hybride laufend «gereinigt» werden, damit ihre natürlichen und gesellschaftlichen Aspekte strikt getrennt bleiben. Die Reinigungsarbeit besteht also darin, in der Sprache die technischen Aspekte von den gesellschaftlichen, rechtlichen, politischen und oekonomischen Aspekten zu trennen. Sogar die Schule unterrichtet strikt getrennte Fächer! Oder, wie jüngst Guido Augustin in seinem Blog schreib: Er denkt bei „Digitalisierung“, „Technologie“ und „Fortschritt“ an „Hardware“ und „Software“

latour

Reinigungsarbeiter

Beispielsweise betreibt auch Helmuth Plessner (5) mit seiner exzentrischen Positionalität moderne Reinigungsarbeit im Sinne Latours und trägt damit zur strikten Trennung von Natur und Gesellschaft bei. Zunächst fragt er ganz unverfänglich nach dem Unterschied zwischen belebten und unbelebten Phänomenen und findet eine strikte Grenze durch die Tatsache, dass belebte Organismen eine Grenze zu ihrer Umwelt bilden. Vielleicht gab es Mitte des letzten Jahrhunderts einfach noch zu wenig Wissen, um die Frage zu beantworten. Die Bezeichnungen «belebt» und «unbelebt» sind jedoch bloss Wortschöpfungen, die Plessner zu unkritisch übernahm. Eine Grenze kann nicht gezogen werden!

Das Mimivirus ist eines der grössten bisher entdeckten Viren. Seine DNA verfügt über 1260 Gene, die teilweise bisher nur bei zellulären Organismen bekannt waren. Auf Grund der aussergewöhnlich komplexen genetischen Ausstattung liegt das Mimivirus zwischen unbelebter und belebter Natur.

Nachdem Plessner diese Frage (lediglich) zu seiner Zufriedenheit beantwortet hat, greift er die nächste Frage auf: Wie organisieren sich lebende Phänomene? Die Frage wäre sinnlos, hätte er verstanden, dass er «lebende Phänomene» gar nicht abgrenzen kann. Plessner unterscheidet zwischen Tier und Mensch, obwohl es auch da keine Grenze gibt. Das ist meines Erachtens der Sündenfall, der überhaupt zu der Natur-Gesellschaft-Dichotomie führt. Nach Plessner haben Pflanzen kein zentrales Organ und sind daher «offen organisiert». Tiere seien zentrisch organisiert und lebten aus einem Mittelpunkt heraus. Die Organisationsform des Menschen sei dagegen «ex-zentrisch», weil der Mensch ein reflexives Verhältnis zu seinem Leben habe, beispielsweise über sein Selbstbewusstsein.

Ein Oktopus hat beispielsweise 9 Gehirne, lebt als nicht aus einem Mittelpunkt heraus und ist trotzdem ein Tier, erst noch ein sehr cleveres Tier! Der Mensch kann von anderen Tieren nicht abgegrenzt werden, weil es keine Art gab, die zum ersten Mal Mensch war. Wie das Mimivirus gab es auch menschliche oder vormenschliche Zwischenarten, die die einen noch als Tier, die anderen als Mensch bezeichnen würden. Selbstreflexion kommt nicht aus einer zentralen Ecke unseres Gehirns, das scheint uns bloss so.

Das (Selbst-)Bewusstsein ist eine Illusion, die uns zu Abgrenzungen verführt

Die Illusion eines zentralen Ichs verführt uns Menschen daran zu glauben, wir seien irgendetwas Besonderes und die Welt hätte auf uns gewartet («Unergründlichkeit des Menschen» bei Plessner). Es ist für mich aufregend, wenn ich einen Vortrag vor auch nur wenigen Personen halte, wenn ich eine Reise antrete, wenn ich ein paar Likes erhalte oder wenn ich sterbe. Wir haben stets das Gefühl, die Welt drehe sich um uns. Die einzige Unterscheidung zu anderen Tieren ist die Intensität des Werkzeuggebrauchs, in Latours Terminologie also die Zahl der Hybride. Zwar sind auch die primitiven Werkzeuge der anderen Primaten gesellschaftsbildend, aber doch nie in dem Masse wie bei uns Menschen.

Die ichbezogene Weltsicht führt unweigerlich zur Abgrenzung gegenüber unserer Umwelt. Das ist der Anfang. Daraus erwächst unser angeblich wissenschaftliche Hang zu Taxonomien und Systematiken. Wir grenzen zu viel ab, wo es eigentlich nichts abzugrenzen gibt. Man kann wohl skalieren. Es gibt klar unbelebte und klar belebte Phänomene. Es gibt klar natürliche und klar gesellschaftliche Phänomene. Es gibt klar physische und klar psychische Phänomene. Aber es gibt keine klaren Grenzen. Irgendwo in der Mitte verschwimmen die Kategorien.

Unser Hang zur Abgrenzung ist indessen nicht nur ein sprachliches Problem. Es wirkt sich aus auf unsere Gefühle, unseren Glauben und unsere Entscheidungen und Handlungen. Abgrenzungen sind Ursache für Fremdenhass, Rassismus und Sexismus und lassen Völker aufeinanderprallen. Abgrenzung ist immer Entweder-oder und folgt dem logischen Gesetz des ausgeschlossenen Dritten, dass bei erhöhter Komplexität nicht mehr anwendbar ist. Vielmehr müssen wir lernen, in Sowohl-als-auch-Kategorien zu denken: nicht «Natur vs. Gesellschaft», sondern «gleichzeitig Natur und Gesellschaft».

(1) Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen – Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-29461-1

(2) Diese Erfahrung wird neuerdings in einem Anflug vermeintlicher Originalität als «VUCA» bezeichnet.

(3) Ich habe auch den Eindruck, dass Latour die Sprache der Mathematik fehlt. Vor allem sein letztes Werk «Existenzweisen» wäre vermutlich mit mathematischer Sprache prägnater und verständlicher darstellbar.

(4) Einzelne Versuche, etwas zu verändern, nennt man in der Systemtheorie «Fluktuationen». Das können linke Demonstrationen für eine bessere Welt oder populistisch-kapitalistische Husarenstücke oder sonst welche Propaganda sein, auch wenn sie nicht im Links-Rechts-Schema ablaufen. Fluktuationen werden vom System zunächst stets unterdrückt. Halten sie an und übersteigt ihre Wucht eine gewisse Schwelle, können sie durchdringen und das ganze System erfassen.

(5)Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie (1928)

 

Ist Poppers Traum wirklich in Gefahr?

Im Zeit-Artikel «Poppers Traum ist in Gefahr» weisen Faigle/Venohr auf die Untersuchung von Gerret von Nordheim hin, der 80.000 Tweets nach dem Münchener Amoklauf ausgewertet hat (1). Er schreibt: «Die Öffentlichkeit spaltet sich immer mehr in isolierte Sphären» und spricht damit den Begriff der Filterblase von Eli Pariser an (2).

Zerrspiegel der Wirklichkeit

Pariser meinte damit den individualisierenden Effekt der Algorithmen von Google. Auch Facebook verwendet solche Algorithmen, um uns Beiträge zu zeigen, von denen Facebook annimmt, dass sie uns interessieren können. Das ist auch eine mächtige Selektion, die soziale Medien zu einem Zerrspiegel der Wirklichkeit werden lassen kann

eli_pariser_filter_bubbleMit «Zerrspiegel der Wirklichkeit» meinen Faigle/Venohr zweifellos die Tatsache, dass wir uns in den Sozialen Medien tendenziell mit Gleichgesinnten verbinden und dadurch einen immer eingeschränkteren Blickwinkel von der Welt bekommen, weil uns die Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen fehlt.

Das ist allerdings so nicht haltbar. Selbstverständlich nimmt der Anteil derjenigen Personen, die sich für dasselbe interessieren wie ich, in meiner Community zu, aber die neuen Follower und Freunde sind nicht nur von dieser Art. Ich bin mit vielen früheren Freunden aus dem realen Leben, mit vielen ehemaligen Arbeitskollegen und viele Verwandten und Bekannten verbunden, die ich nicht auswählen konnte, d.h. die meine Interessen und Ansichten mit mir nicht gezwungenermassen teilen. Natürlich würde ich mich nicht mit jemandem verbinden, mit dem ich zerstritten bin, aber um eine solche Person mache ich auch im realen Leben einen Bogen.

Expertenstreit ist heftig

Anfangs der 30er Jahren trafen sich die Nazis in geschlossen Vereinsversammlungen und frönten so ihren Filterblasen. Heute sind die Echokammern und Filterblasen auf den Social Media mindestens öffentlich und können von Andersdenkenden gestört werden.

Dazu kommt ein Phänomen, das man gemeinhin übersieht: Expertenstreit ist oft heftiger als der Streit zwischen zwei weit auseinanderliegenden Positionen. Ein Physiker und ein Psychologe können sich über die Frage streiten, was für Menschen wichtiger sei, ob Physik oder Psychologie. Schliesslich werden sie sich sagen, dass der jeweils andere zu wenig Kenntnis des eigenen Sachgebiets hat und deshalb die Frage gar nicht wirklich vertreten kann. Zwei Physiker hingegen können sich gewaltig in die Haare kriegen, wenn es z.B. um die Interpretation der Quantentheorie geht, denn jeder kann davon ausgehen, dass der andere genau weiss, was er hier behauptet. Damit will ich sagen, dass der Streit in meiner Filterblase heftiger sein kann, als wenn ein Linker eine Filterblase von Populisten stört.

Google ist böse! Warum nur immer Google?

Wer behauptet, es liege allein in unserer Hand, wie wir in sozialen Medien agieren, spricht Unternehmen wie Facebook die Verantwortung für ihr Handeln ab. Die Politik sollte sich in meinen Augen auch nicht scheuen, Firmen wie Facebook stärker zu regulieren.

Welche «Verantwortung» denn? Im noch vorherrschenden Wirtschaftsverständnis besteht die Verantwortung eines Unternehmens darin, Gewinn zu machen, am Leben zu bleiben und den Angestellten den Job zu sichern. Genau das machen Google & Co. Google ist nicht verantwortungsloser als Toyota oder Walmart, um zwei der zehn grössten Unternehmen zu nennen. Kritik an Weltkonzernen gibt es immer, eben gerade, weil sie den Auftrag haben, zu wachsen und Gewinn zu machen. Dass aber die Kritik derart einseitig verteilt ist, dass sie sich vor allem auf grosse Web- und IT-Unternehmen konzentriert, halte ich für eine Auswirkung einer Filterblase, in der sich die Kritisierenden befinden.

google_boeseEs geht also nicht so sehr um Regulierung der «bösen» Konzernen, als vielmehr um das Finden und Implementieren einer neuen Ökonomie, in der nicht Gewinn und Wachstum an erster Stelle stehen, aber so, dass dennoch ein Anreiz zur Selbsterhaltung (Autopoesis) besteht. Wer spontan eine realisierbare Idee hat: vortreten!

Komplexität manifestiert sich in höheren Strukturen

Was Gerret von Nordheim (und viele andere) hier herausgefunden habt, ist die strukturbildende Eigenschaft von Komplexität. Eine nachhaltige Disruption führt in einem System immer zum Aufbau einer neuen Systemstruktur, die ihrerseits dem System einen neuen «Groove» aufzwingt. Dadurch hat das System eine höhere Komplexitätsstufe erreicht.

Die Struktur kommt dadurch zustande, dass die Disruption einen Zwang auf das System ausübt, dem das System auszuweichen versucht und sich neu arrangiert. Wie ich in Strukturen dienen der Funktionalität komplexer Systeme erklärt habe, kann das System nur dank dieser komplexen Struktur überhaupt funktionieren.

Auf unser Problem bezogen bedeutet dies, dass die Socal Media Gesellschaft nur mit der Fragmentierung funktionieren kann, die Gerret von Nordheim et al. herausgefunden haben. Was soll man nun davon halten? Die einen werden die Algorithmen verteufeln und raten, keine SoMe zu verwenden und statt Google z.B. auf Duckduckgo auszuweichen. Andere werden in noch fundamentalistischerer Weise ganz auf das Web verzichten wollen. Beides ist kurzsichtig, unhaltbar und nutzlos, es sei denn, die gesamte Menschheit verzichtet ab sofort auf die Nutzung von Webdiensten. Denn solange die meisten meiner Mitmenschen SoMe benutzen und deshalb in einer Filterblase leben, werden sie mich dahingehend beeinflussen, dass ich ebenfalls in dieser Filterblase bin.

(Nebenbei gesagt, kenne ich den Google-Algorithmus recht gut und habe ihn als Beispiel im Modul «Lineare Algebra» mit den Studenten studiert. Von Duckduckgo weiss ich nichts.)

Heute läuft einfach alles über das Web

Würde die gesamte Menschheit (z.B. durch Regulierungen?) gänzlich auf das Web verzichten, gäbe es keine Bankomaten, keine Bananen und keine Zeitungen mehr, um nur einige Beispiele zu nennen. Fast die gesamte Wirtschaft und das gesamte Leben käme zum Erliegen. Wie kürzlich jemand geschrieben hat, würden wir nicht in die Vorwebzeit zurückgehen – also in das Jahr1990, sondern in das Jahr 1930! Ich bin sogar der Meinung, dass wir in das 19. Jahrhundert zurückgeschleudert würden. Mittlerweile laufen auch diejenigen Prozesse zumindest teilweise über das Web ab, die 1990 noch über andere Kanäle liefen. Z.B. gab es damals sogenannte Standleitungen, über die zwei Computer direkt verbunden wurden. Da es solche Infrastrukturen nicht mehr gibt, müsste man sie wieder aufbauen. Und bis dahin wäre es ziemlich dunkel (auch der Betrieb von Elektrizitätswerken läuft über das Web).

Die digitale Technologie hat sich durchgesetzt und wird sich vollends etablieren. Sie bringt viel Nutzen, aber auch Schäden. Es ist wie mit der Verkehrs- und insbesondere der Autotechnologie: niemand will auf den Nutzen eines Autos verzichten, trotz der vielen Unannehmlichkeiten, die der Verkehr mit sich bringt.

Konsequenz: Kritisches Denken

fragmentierte_welt_2Das bedeutet nicht, dass wir die Hände in den Schoss legen sollen. Es gibt angesichts dieser Tatsachen, die ich hier aufgezeigt habe, einen starken Imperativ: kritisches Denken! Kürzlich geisterte die Meldung durch die SoMe, dass ein Flüchtling mit vier Frauen und 23 Kindern monatlich um die 30’000 Euro Unterstützungsgeld erhalte. Das gab natürlich ein Aufruhr in den flüchtlingsfeindlichen Filterblasen! Es wurde zwar nach der Quelle gefragt und diese auch ordentlich herumgereicht, aber niemand überlegte sich, ob das auch stimmen kann und dass das Unterstützungsgeld einer Gruppe proportional zur Grösse der Gruppe steht.

Kritisches Denken und verantwortungsbewusste Skepsis ist eine Fähigkeit, die parallel mit dem Web aufgebaut werden muss. Es muss bereits beim Kleinkind beginnen, also zuhause in der Familie. In den Schulen muss kritisches Denken immer wieder thematisiert und geübt werden. Es braucht neue Curriculae und Kurse, die kritisches Denken trainieren. Wir müssen in Echokammern- und Filterblasen-Diskussionen immer wieder nachfragen, ob das auch wirklich stimmt, wie es aus einem anderen Gesichtspunkt aussehen würde, was dafür und dagegenspricht und ob die sich gerade etablierende Meinung nicht vielleicht übertrieben sei. Je mehr unsere Meinung bestätigt wird, desto skeptischer müssten wir sein. Jemand hat auf Twitter geschrieben, dass der Zeit-Artikel über Gerret von Nordheims Untersuchungen in jeden Unterricht zum Thema «Social Media» gehöre. Alle, die diesen Unterricht genossen haben, hätten dann Parisers Überzeugung. Damit wäre gleich noch eine Filterblase mehr eingerichtet. Es sei denn, der Zeit-Artikel wird kritisch diskutiert.

305260451_1280x768Wir müssen nicht das Web ändern, sondern unsere Denkweise! Dann ist nämlich auch Poppers Traum nicht in Gefahr. Wir halten an einer Meinung auch dann zwanghaft fest, wenn die Fakten dagegensprechen. Man beschäftigt sich lieber mit einem idealisierten Abbild der Realität, als das eigene Weltbild aufzugeben. Wir haben eine derartige Angst vor Kontrollverlust, dass wir rigide an unserem Weltbild festhalten. Dietrich Dörner nennt das harmlos «vertikale Flucht». Es ist ein Spezialfall des Hangs zur Bestätigung. Wenn etwas gegen unsere Weltsicht spricht, dann schlüpfen wir freiwillig in jede Filterblase, die sich anbietet, ob mit oder ohne Social Media! Das ist die Wirklichkeitsverzerrung, an der wir leiden, nicht die Filterblasen!

(1) Faigle, Philip; Venohr, Sascha: Poppers Traum ist in Gefahr in ZEIT Online vom 9. September 2016

Zitiert mit http://www.webcitation.org/6kVeaditC

 

(2) Filterblase von Eli Pariser

Das Smartwork Camp 2016 – anregend und spannend

swcg2Das Smartwork Camp 2016 in Graz wurde ausgeschrieben als «ein[en] Ort, an dem Menschen offen, kreativ und gestalterisch über aktuelle Herausforderungen und zukünftige Möglichkeiten neuer Arbeit nachdenken» können. Weil ich mich seit langem mit dem komplexitätssteigernden Einfluss der Digitalisierung auf Arbeit und Bildung beschäftige, fühlte ich mich von der Ausschreibung angesprochen und entschloss, an der Veranstaltung teilzunehmen. Das gab mir auch die Gelegenheit, einige Freunde zu besuchen, die in Graz wohnen.

Aktuelle Herausforderungen wurden aufgegriffen

Das Camp war nicht als ein reines Barcamp aufgezogen, sondern folgte einer wohlüberlegten Entwicklungslinie, die die Teilnehmer abholt und langsam zu Teilgebern werden lässt. Ich fand diese Mischung aus Impulsvorträgen, «Think Tanks» (Diskussionsrunden) und «Future Labs» (Barcamp Sessions) ausserordentlich gelungen.

Die Impulsvorträge waren allesamt spannend und regten zum Nachdenken an, auch wenn die meisten nicht explizit die Zukunft der Arbeit im Fokus hatten. Es ging um Selbstbestimmung und -verwirklichung, Sinnsuche und Wertewandel in der Vergangenheit. Das sind grundsätzlich alles zeitlose Kategorien. Zwar wurde ab und zu anstehende Veränderungen erwähnt, ohne jedoch deren Auslöser zu nennen.

Aus meiner Sicht betrafen vor allem die Vorträge von Johannes Lindner über Enterpreneurship Education und von Andreas Zeuch über Unternehmensdemokratie zukünftige Arbeitsorganisationen. Die aktuellen Diskussionen gehen alle in der Richtung, dass künftig hochgradig selbstbestimmt und in hierarchiefreien, vernetzen und holokratischen Organisationen gearbeitet wird, die nur noch schemenhaft geografisch lokalisierbar sein werden.

Andreas hat eine informative Zusammenfassung vom ersten Camptag geschrieben, den ich hier nicht auch nochmals beschreiben will.

Soziale Konsequenzen der Digitalisierung?

Die Think Tanks hatten wohl die Aufgabe, Nachdenken über die Zukunft der Arbeit zu stimulieren und die Teilnehmer an Partizipation und Kollaboration zu gewöhnen, so dass sie sich fit fühlten, am zweiten Tag eigene Barcamp Sessions anzubieten.

Die sechs Think Tanks schienen mir drei Themen zu adressieren:

1) Technik als Auslöser des aktuellen Umbruchs:

  • Automatisierung & Industrie 4.0
  • Digitale Transformation

2) Soziale und gesellschaftliche Implikationen der neuen Technik:

  • Menschen & Werte
  • Kreative Wissensgesellschaft

3) Auswirkungen auf die Arbeitswelt:

  • Kreativität & Innovation
  • Start-Ups & Unternehmertum

swcg1Interessanterweise wurde in den Technikgruppen vor allem über Technik und in den anderen Gruppen eher über Softfactors diskutiert, die aber die heutige Arbeitswelt betreffen. Die Statements wurden auf Post-its geschrieben und an Pinwänden geklebt.

Es gelang für mein Dafürhalten nicht zufriedenstellend genug, die technischen Disruption in einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang fortzusetzen und daraus die Rahmenbedingungen für die zukünftige Arbeitswelt abzuleiten. Das beobachte ich nicht nur an der Smartwork, sondern überall, wo über Arbeit 4.0 nachgedacht wird. Ich glaube, menschliches Denken ist immer mehr oder weniger in der Gegenwart verhaftet. Dietrich Dörner nannte das «die Überbewertung des aktuellen Motivs».

Das Auto war früher, was der Computer heute

Ich vergleiche die aktuelle technologische Disruption gerne mit der Einführung und Verbreitung der Transportmittel. Leider wird dieser Disruption viel zu wenig Beachtung geschenkt. Erst das Aufkommen effizienter Transportmittel ermöglichte regionale und globale Märkte, was bewirkte, dass nun jeder Produzent grossflächig anbieten konnte. Um aber den benötigten Output bewerkstelligen zu können, musste maschinell und normiert produziert werden, was der eigentliche Auslöser der Industrialisierung war.

Eine schöne Outline dazu bietet der Blogartikel Ein offener Brief an alle, die in ihrem Leben etwas mit Arbeit zu tun hat von Guido Bosbach, der die Auswirkungen auf die Arbeitswelt anschaulich beschreibt.

Als Ende des 19. Jahrhunderts das Auto als persönliches Transportmittel eingeführt wurde, war das ziemlich vergleichbar mit der Einführung des PC ziemlich genau 100 Jahre später. Insofern wären wir mit der Digitalisierung heute da, wo die Einführung des Autos 1916 war. Man diskutierte viel über Sinn und Unsinn des Autos, ob man noch atmen kann, wenn man schneller als 20 km/h fährt und ob das Auto nicht grundsätzlich verboten werden sollte. Nur über tausende von Verkehrsopfer diskutierte man meines Wissens kaum, weil sich niemand vorstellen konnte, wie viele Autos es dereinst geben wird.

Sobald sich die Autos bei einigen Pionieren etablieren konnte, musste zuerst ein internationales Strassennetz gebaut werden. Auch das gab Anlass zu technischen Diskussionen, ob die Strassen breit genug seien und welcher Belag man benötige (Strassenbeläge waren bis dahin ja ziemliches Neuland; es gab Kieswege und Kopfsteinpflaster, das für die ersten Autos aber nicht sehr günstig war).

Nachdem sich das Auto endgültig durchsetzte – auch gefördert durch die Kriege – war alles festgelegt. Unternehmen, die noch immer mit Pferdewagen auslieferten, kamen buchstäblich unter die Räder. Die negativen Seiten des Strassenverkehrs, an den wir heute gewohnt sind, wurden stillschweigend in Kauf genommen. Spätestens in den 1970er Jahren hatte jeder ein Auto – fast. Die Entwicklung geht weiter, obwohl es sich um eine über 100jährige Technologie handelt. Heutige Autos sind mit digitaler Technologie ausgestattet und übermitteln alle Fahrdaten an die Hersteller, derweil darüber diskutiert wird, was Webunternehmen mit «unseren» Daten machen. Im Zusammenhang mit der Automobiltechnologie wird alles akzeptiert, weil es heute nicht mehr ohne Auto geht. In ein paar Jahren wird auch alles akzeptiert, was mit der Computertechnologie zusammenhängt.

Erst die Digitaltechnologie ermöglicht neue (Management-)Konzepte

 

Die Computertechnologie ermöglicht viele neue Kulturen. Das wichtigste, was ich vom Smartwork Camp mitgenommen habe, ist die Erkenntnis aus einem zu kurzen Gespräch mit Andreas Zeuch. Ich fragte ihn, warum gerade jetzt viele Konzepte in der Diskussion auftauchen, die eigentlich gar nichts mit digitaler Technik zu tun haben: Augenhöhe, Holokratie, agiles (Projekt-)Management, Design Thinking, Flipped Classroom oder eben Unternehmensdemokratie. Andreas meinte, dass Demokratie ja eher einen netzwerkartigen Charakter habe und daher in der vernetzten Digitaltechnologie abgebildet und durch sie gefördert werde. Nur mit der Digitaltechnologie gelingt es, kollaborativ und mobil und damit demokratisch zu arbeiten.

Offenbar sind alle die schönen vielversprechenden Konzepte deshalb gerade jetzt in aller Leuten Munde, weil sie erst durch die Digitaltechnologie ermöglicht werden. Genau das sollte aber meines Erachtens transparent gemacht werden. Flipped Classroom hätte man grundsätzlich schon vor 50 Jahren einführen können. Aber so richtig Sinn macht es eben erst, wenn in der Vorbereitung Videos von der Vorlesung des Dozenten bereitgestellt werden kann und in der Nachbereitung die Studenten das Gelernte in einem Google Dokument kollaborativ konsolidieren können.

Man müsste jetzt erklären, inwiefern die Digitaltechnologie agiles Management oder Design Thinking fördert. Ohne, dass diese Konzepte in der Digitalisierung verankert sind, haben sie wohl kaum eine Überlebenschance.

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Nichtsdestotrotz war das Smartwork Camp in Graz «ein Ort, an dem Menschen offen, kreativ und gestalterisch über aktuelle Herausforderungen und zukünftige Möglichkeiten neuer Arbeit» nachgedacht haben. Dieses Versprechen hat die Veranstaltung vollkommen eingelöst.

Von der unseligen VUCA-Abkürzung, wieder auferstandenen Helden und nicht existierenden Lösungen

Was neuerdings etwas schnoddrig mit «VUCA» (Volatility, Uncertainty, Compexity, Ambiguity) bezeichnet wird, ist ja eigentlich das Kernthema dieses Blogs, obwohl ich die Abkürzung nie verwenden würde, denn sie gleicht einem Rundumschlag, mit dem man meint, «alles erschlagen zu haben».

Vereinfachendes VUCA-Modell

Die vier Kategorien stehen zum Einen nicht nebeneinander, sondern bauen aufeinander auf und zum Anderen empfinde ich es als unzulässig, die vier Kategorien in einem Atemzug zu nennen. Jede für sich bedarf separater Betrachtung.

Aktuell scheint das Akronym VUCA vor allem ein werbewirksames Zugpferd von diversen Beratungsunternehmen zu sein. Das freut mich natürlich, denn damit kommt dem Themenkreis wachsende Bedeutung zu.

Der Begriff «VUCA-Welt» suggeriert, dass auch noch andere Welten existieren, in denen es weder Komplexität, noch Unsicherheit gibt. Das soll vielleicht beruhigend wirken, ist aber meines Erachtens eher kontraproduktiv. Es ist nicht die Welt, die Ungewiss ist, sondern die Zeit. Komplexität ist eine dynamische, also zeitabhängige Qualität.

Schon tauchen die ersten Folien auf, die die vier Attribute – Volatility, Uncertainty, Compexity, Ambiguity – in einer Vierfeldermatrix darstellen, ähnlich wie das Cynefin-Modell Komplexität und Kompliziertheit darstellt. Ich erwarte, dass über kurz oder lange auch ein «VUCA-Modell» vorgestellt wird, eine pseudowissenschaftliche Powerpointpräsentation, die den vier Kategorien den Stachel nehmen und den Autor feiern lassen soll. Bei diesen vereinfachenden Darstellungen denke ich immer «sei originell oder ich fress dich» in Abwandlung des geflügelten Wortes der Barockzeit: «Reim Dich oder ich fress dich»

Schon wieder Helden?

Eine Grafik, die Gautam Gosh kürzlich in einem Tweet veröffentlicht hat, hat mir in zweifacher Hinsicht zu denken gegeben;

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Das Kästchen «Complexity» in der simplifizierenden farbigen Grafik enthält zwei Aussagen, die meine Aufmerksamkeit angezogen hat.

Zunächst ist hier die Aufforderung train tomorrow’s heroes now. Das schmerzt fast ein wenig, nachdem schon Brecht sagte «Unglücklich das Land, das Helden nötig hat» und Dirk Baecker 1994 den Begriff des «postheroischen Managements» einführte (1). Stefan Hagen hat den Begriff 2010 in Postheroisches Management  thematisiert. 2011 habe ich in diesem Blog Brauchen wir noch Helden? publiziert.

Helden sind die unbarmherzigen Turnaround-Manager mit ihren eisernen Fäusten. Ein Held war Winkelried, der sich mit den Worten «Sorget für Weib und Kind» einen Bund Speere in die Brust rammte und eine Gasse in die Abwehrfront der Gegner öffnete. Das war überschaubar. In der heutigen «VUCA-Zeit» kann heldenhaftes Eingreifen zuweilen mehr Schaden anrichten.

Jay Forrester vermutete, dass Menschen in 98 Prozent der Zeit den falschen Eingriff machen (3)

Jay Forrester, credited as the founder of System Dynamics, spoke to our graduate class at MIT.  He said that 98% of the time people pull the wrong lever in a system when trying to fix a problem

wie Jeff Kight in Policy Resistance in our economy berichtet. Karl Weick und Kathleen Sutcliffe schreiben in ihrem Buch Das Unerwartete managen (2)

Die meisten Menschen mögen keine unerwarteten Ereignisse und keine Überraschungen, was dazu führt, dass sie die Situation mitunter verschlimmern

Es scheint also, dass heldenhaftes Eingreifen eher zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen führt, die das Ziel der Intervention verfehlen je dezidierter die Intervention angepackt wurde. Auf jeden Fall ist Heldentum im modernen Management nicht unproblematisch und kontrovers (4). Auf einer Folie, die offenbar Komplexität erklären will, hat so eine Aufforderung nichts verloren.

Es gibt nicht immer eine Lösung!

Die andere Aufforderung im Kästchen «Complexity» lautet

Stop seeking permanent solutions

Im ersten Moment habe ich es übersetzt mit «Hört auf ständig nach Lösungen zu suchen», aber er meint natürlich, dass man nicht nach permanenten Lösungen suchen soll. Das ist meines Erachtens eine leere Aufforderung, denn eine Lösung ist in jedem Fall nur temporär.

Die Aufforderung entstammt indessen einem falschen Verständnis von Komplexität. Diese ist abhängig vom aktuellen Druck auf das System oder von der aktuellen Spannung im System. Verändert sich diese, verändert sich der Grad der Komplexität. Die Lösungen von gestern können dann obsolet werden. Das nennt sich «Volatilität» und ist selber eine der vier Kategorien des unseligen VUCA-Modells. Dieses ist also jeder «permanent solution» im Wege, wodurch die Aufforderung «Stop seeking permanent solutions» überflüssig wird.

Besser wäre also die komplexitätskonforme Aufforderung

stop permanently seeking solutions

In komplexen Systemen gibt es nicht immer eine Lösung, wie man sie sich wünscht. Komplexität manifestiert sich in einer bestimmten Ordnung. Versucht man diese zu stören oder «umzubiegen», dass sie den eigenen Vorstellungen entspricht, wird sie sich kurze Zeit später wieder etabliert haben, denn komplexe Ordnungen sind sehr robust. Krystina Robertson nennt das «increasing returns». (5)

Beispielsweise gibt es bei der bestehenden Staatenordnung und Sicherheitslage möglicherweise keine Lösung für das Flüchtlingsproblem. Das Problem ist Teil dieser Ordnung. Wenn dann also in ganz Europa die Stäbe auf verschiedenen Ebenen nach «Lösungen» für das Flüchtlingsproblem suchen, ist das vergebliche Liebesmüh’. Natürlich lassen sich organisatorische Massnahmen treffen, aber das ist ja nicht, was wir uns unter einer Lösung vorstellen. Im Gegenteil werden die Migrationsströme in Zukunft vermutlich noch zunehmen.

Eine Lösung existiert möglicherweise erst, wenn es gelingt, die Komplexität des Systems zu erhöhen und damit den bestehenden Pfad, auf dem sich die Welt bewegt, zu brechen. Dafür gibt es kein Rezept. Wir kennen die unzähligen Parameter nicht, die umzubiegen wären. Im Falle des Flüchtlingsproblems dürften Kommunikation, Kollaboration und Kreativität zum Ziel führen.

In der Soziologie gibt es den Begriff der «Pfadabhängigkeit», der die Situation gut beschreibt. Ein komplexes System ist zeitweise sehr robust. Seine Ordnung lässt sich nicht ändern. Wenn die (richtigen) äusseren Parameter ändern, kann die Kraft der Ordnung anfangen zu schwächeln und schliesslich zusammenbrechen, um einer neuen Ordnung Raum zu geben. In dieser Übergangsphase, und nur dann, haben wir die Eingriffsmöglichkeiten. Diese Übergangsphasen heissen Windows of Opportunity. Wir müssen lernen, sie zu erkennen und die Gelegenheit zur Veränderung wahrzunehmen.

Leider kritisieren diejenigen Personen den Begriff der Pfadabhängigkeit, die nicht glauben können, dass es (menschengemachte) Situationen und Ordnungen gibt, denen der Mensch ausgeliefert ist. Der Glaube, dass wir Menschen jede soziale Ordnung solange und jederzeit beeinflussen können, bis zu jedem Problem eine Lösung existiert, entspringt einer Kontrollillusion, die leider kompexen Systemen nicht gerecht wird.

Wir müssen also unseren Wunsch nach sofortigen Lösungen aufgeben. «Sofort» heisst, jetzt und innert Jahresfrist. Permanente Lösungen gibt es sowieso nicht, aber oft gibt es auch keine temporären Lösungen oder Workarounds.

Es gibt Probleme, zu denen in der gegebenen Situation keine Art von Lösungen existieren, weder temporäre noch Workarounds!

Wenn wir verstehen, wie komplexe Systeme funktionieren und was ein «Window of Opportunity» ist, dann könnten wir die richtigen Entscheidungen treffen.

(1) Baecker, Dirk: Postheroisches Management. Ein Vademecum. Merve Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-88396-117-5

(2) Karl Weick und Kathleen Sutcliffe: «Das Unerwartete managen – Wie Unternehmen aus Extremsituationen lernen». Klett-Cotty, Stuttgart 2003.

(3) Der Artikel von Jeff Kight erschien 2009 in einer Zeitschrift namens «Examiner». Leider scheint es diese Zeitschrift nicht mehr zu geben. Das war der Originallink: http://www.examiner.com/x-11746-Fort-Worth-Economic-Policy-Examiner~y2009m5d24-Policy-Resistance-in-our-economy.

(4) Markus Metz und Georg Seeßlen glauben jedoch in ihrem Beitrag vom 22.10.2014 «Wenn Helden nicht mehr nötig sind», dass irgendjemand weiterhin die heldenhafte Drecksarbeit machen muss:

Könnte es am Ende nicht sein, dass ein abgehobenes postheroisches Management die heroische Drecksarbeit anderen überlässt? Wäre der Postheroismus eine tragfähige, philosophische und moralische Idee und kein politisch-ökonomisches Steuerungsmittel, dann müsste er sich an seinen Zielen messen lassen. Postheroismus wäre also nicht deswegen gut, weil die Wirtschaft dann noch besser funktioniert, sondern die Idee wäre gut, wenn sie die Welt etwas friedlicher, gerechter und ökologischer machen würde. Zweifel daran sind angebracht.
Die Utopie einer postheroischen Gesellschaft, die sich neue Werte wie Zivilcourage, Selbstbestimmung und individuelle Verantwortung zum Maßstab gemacht hätte, wäre am Ende nur zu verwirklichen, wenn sie mehr als das Denken des Einzelnen, der Gemeinschaft und der Gesellschaft erfassen würde.

(5) K. Robertson. Ereignisse in der Pfadabhängigkeit: Theorie und Empirie. Institutionelle und Evolutorische Ökonomik, Band 29. Metropolis-Verlag, Marburg 2007, S. 34

 

 

Die Zukunft des Arbeitsmarktes

Was wir aus der Spieltheorie darüber lernen

Der Spieltheoretiker A. Michael Spence ist der Meinung, dass der Sinn von Zertifikaten und Diplomen darin besteht, einem potentiellen Arbeitgeber die eigene Produktivität zu signalisieren und so einen höheren Lohn verlangen zu können (1). Ohne dieses Signal würden die produktiven Arbeitnehmer die weniger produktiven subventionieren. Wie ist das zu verstehen?

Signale zur strategischen Informationsübermittlung

Sucht ein Unternehmen eine Mitarbeiterin, weiss diese, was sie kann und kennt somit ihren Wert. Das Unternehmen hat jedoch diese Information nicht. Für das Unternehmen ist die Selektion eines neuen Mitarbeiters wie Fischen in trüben Gewässer. Daher wird das Unternehmen einen Anfangslohn festlegen, der der durchschnittlichen Produktivität entspricht. Das bedeutet aber, dass produktive Mitarbeiter schlechter honoriert werden, als weniger produktive. (2)

Die produktiveren Mitarbeiter versuchen nun, den Arbeitgebern ein Signal ihrer Produktivität zu senden, das von den weniger produktiven Menschen nicht imitiert werden kann. Dabei handelt es sich eben um eine zusätzliche Ausbildung, die mit einem Zertifikat nachgewiesen werden kann. Warum kann dies nicht imitiert werden? Weil sich der (beträchtliche) Aufwand für die Zusatzausbildung für produktive Menschen in Grenzen hält, während der Aufwand für weniger produktive Menschen den Lohngewinn, den sie mit dem mühsam erworbenen Zertifikat einhandeln, übersteigen würde. Mit anderen Worten: Der Erwerb eines Zertifikats lohnt sich für weniger produktive Menschen nicht.

Signalspiel

Das Unternehmen glaubt, dass wer ein Zertifikat hat, produktiv ist, d.h. dass \alpha=1 und wer kein Zertifikat hat, nicht produktiv ist, d.h. \beta=0.

Veränderte Bildungslandschaft

Soweit Spences Überlegungen, die ihm den Nobelpreis eingebracht haben. Er hat sie in einer Zeit angestellt, in der es noch kaum vorkam, dass 40-50jährige einen (zusätzlichen) Hochschulabschluss machten und in der der Staat noch die Oberhoheit über Hochschulen hatte. In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert.

  • Hochschulabschlüsse werden nicht mehr ausschliesslich von Universitäten ausgestellt.
  • Es ist mit dem Bachelorabschluss möglich, gegenüber früher verkürzte Studien zu absolvieren.
  • Das Angebot zertifizierter Ausbildungen ist sehr diversifiziert worden. Es gibt in der Zwischenzeit qualitativ hochstehende Zertifikate, die nicht auf Hochschulausbildungen basieren.

Dieses «third-party cerdentialing» und «non-college learning» ist zu einem Trend in der höheren Erwachsenenbildung geworden. (Liz Reisberg, The next Revolution has Begun, The World View, 9. August 2016)

Abschlüsse taugen nicht mehr als Signal

Mittlerweile besteht eine grosse Nachfrage nach berufsbegleitenden Bachelorabschlüssen, wofür immer mehr Schulen mit verlockenden Angeboten werben, die den Eindruck erwecken, als könnte man bei ihnen den Abschluss fast ohne Aufwand erlangen. Die Zahl der Studierenden nimmt dadurch zu und mit ihnen die Anzahl der Bildungsinstitute. Unterdessen mag die Durchschnittsproduktivität aller Bachelorstudierenden beträchtlich gesunken sein, so dass ein Bachelorabschluss für die produktiveren Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr als Signal genügen dürfte, wie das M. Spence vorgesehen hatte. Daher verzichten immer mehr Arbeitnehmer auf Zeugnisse und Zertifikate. Der Personalchef von Google, Laszlo Bock, sagt zum Stellenwert von Noten und Abschlusszertifikaten, dass die Kategorisierung von Bewerbern nach solchen Kriterien sich als komplett wertlos erwiesen haben. Dies liege einerseits daran, dass die Anforderungen an die jeweiligen Fähigkeiten komplett anders gelagert sind. Außerdem habe man es nach einiger Zeit mit völlig anderen Menschen zu tun. „Man lernt und wächst an den Aufgaben, man geht anders an die Sachen heran„, führte Bock aus.

Marktverweigerung – Innovation und Entrepreneurship sind die neuen Werte

Innovation (Bild aus ICTPost 2014: Malware attack through advertisement links on web-spaces: http://ictpost.com/malware-attack-through-advertisement-links-on-web-spaces/)
Innovation
(Bild aus ICTPost 2014: Malware attack through advertisement links on web-spaces: http://ictpost.com/malware-attack-through-advertisement-links-on-web-spaces/)

Es stellt sich also die Frage, welches die neuen Signale sind, die erfolgreiche Bewerber den Unternehmen senden. Ich denke, dass Produktivität nicht mehr an erster Stelle des Wertekanons eines Mitarbeiters steht. Vielmehr dürfte Produktivität durch z.B. Innovationsfähigkeit und Entrepreneurship verdrängt worden sein. Der Besitz dieser Fähigkeiten lässt sich am besten dadurch signalisieren, dass man ihn beweist. Daher fragen diese Bewerber gar nicht erst eine Arbeitsstelle nach, sondern reissen auf eigene Initiative lokale Projekte auf oder ziehen als digitale Nomaden durch die Welt. Dieses Verhalten sieht man z.B. auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Wegen asymmetrischer Information über den Zustand eines Gebrauchtwagens, werden durchschnittliche Preise bezahlt. Daher wird jemand, der einen neuwertigen Wagen verkaufen will, diesen gar nicht erst auf dem Gebrauchtwagenmarkt anbieten. Lediglich Autos geringerer Qualität werden noch gehandelt – die guten Wagen werden aus dem Markt gedrängt.

gg66452427Ähnlich werden innovative Personen und solche, die über Entrepreneurship verfügen, ihre Arbeitskraft gar nicht erst auf dem Arbeitsmarkt anbieten, sondern am Markt vorbei als Freelancer auftreten. Unternehmen werden in Zukunft vermutlich vermehrt auf solche Freelancer setzen, die Innovation und Entrepreneurship in ihren privaten Projekten bewiesen haben.

Unternehmen trennen initiative und weniger initiative Stellensuchende

Anstatt, dass die informierte Partei Signale sendet, kann man sich auch das Umgekehrte vorstellen, nämlich dass die uninformierte Partei versucht, die Informierten zu trennen. Das nennt sich «Screening-Spiel». Die Versicherungsbranche macht dies durch die Einführung von Selbstbehalten. Versicherungsnehmer, die vorsichtig sind und wissen, dass ihnen dadurch selten etwas passiert, entscheiden sich für die günstige Police mit einem Selbstbehalt. Die Draufgänger hingegen, welche grosse Risiken eingehen, wählen die Police ohne Selbstbehalt.

Etwas Ähnliches wird auch auf dem Arbeitsmarkt passieren. Will ein Unternehmen eine innovative und selbstverantwortliche Mitarbeiterin selektieren, wird sie ihr viel Kompetenz und Verantwortung übertragen, in der Hoffnung, dass dadurch Menschen ohne Entrepreneurship abgeschreckt werden. Es ist sogar denkbar, dass für eine Stelle stets zwei Mitarbeiter ausgewählt werden mit der Absicht, denjenigen, der weniger Initiative zeigt, innerhalb der Probezeit wieder freizustellen.

Initiative und Verantwortung auf einzelne Mitarbeiter zu verteilen, liegt im Trend. Hierarchische Unternehmensorganisationen scheinen ausgedient zu haben. Heterarchie und Holokratie, gemischt mit Augenhöhe und Unternehmensdemokratie, sind die neuen Schlagwörter, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Es wird sich zeigen, was sich durchsetzt.

 

(1) M. Spence : Job Market Signalling, in: Quarterly Journal of Economics, 87 (1973), S. 355-374; und M. Spence : Market Signalling, Harvard University Press (Cambridge, MA) 1974.

(2) Man nennt diese Situation in der Spieltheorie «Signalspiel». Das Signal wird bei asymmetrischer Information zur strategischen Informationsübermittlung verwendet. Wenn ein Teil der Anbieter ein nicht imitierbares Signal sendet, kommt es zu einem sogenannten Trenngleichgewicht, in welchem die signalisierenden Anbieter bessergestellt sind, als die übrigen. Siehe dazu z.B. Winand Emons, Information, Märkte, Zitronen und Signale, in «Wirtschaft für die Praxis», 2001/XI.

Von einem guten Rat zu profitieren, erfordert mehr Weisheit, als ihn zu geben

Kaum hat die eine Blogparade über «Digitalisierung» geendet, ruft Conny Dethloff in seiner Reise des Verstehens zu der nächsten auf:

Er möchte dabei folgende Fragen diskutieren:

  • Was können externe Berater für den Wandel in Unternehmen einbringen, was von innen heraus schwer bis gar nicht möglich ist?
  • Lassen sich Unternehmen nur von innen heraus ändern (operationale Geschlossenheit)?
  • Wie wichtig ist heute noch das Referenzieren auf Best Practice? Hat sich dieser Fakt im Laufe der Zeit geändert?
  • Welche Erfahrung haben Sie mit Beratern im Kontext Wandel gemacht?
  • Können Sie Ihre Erfahrung, positiv oder negativ, begründen, sprich lassen sich die Ursachen verallgemeinern?

Veränderungswahn

Digital Equipment Corporation – kurz DEC – war so innovativ, dass sie alle paar Monate einen Change verordnete, der von externen Beratern begleitet wurde. Auf Corporate Level war Edgar Schein beteiligt, der seine Erfahrungen in dem bekannten Buch Aufstieg und Fall von Digital Equipment Corporation, (Schein, Edgar H.. – Bergisch Gladbach : EHP, 2006) zusammenfasste. Auch in der Schweizer Niederlassung waren externe Berater beteiligt. Das war in den frühen 90er Jahren, als Organisationsentwicklung als Beratergeschäft florierte und man meinte, man könne Veränderung als Projekt gestalten, mit einem Anfangs- und Endtermin und mit einem Projektplan. Ich habe dort viel über Organisationsentwicklung gelernt, zumal ich in einer internen Beratergruppe tätig war. Aber so richtig hat kein Change gegriffen.

2015 habe ich in Haben Projekte ausgedient?  geschrieben:

Auch in der Organisationsentwicklung hat man, so paradox es klingt, Projekte gemacht. Beispielsweise gibt es eine Broschüre „Veränderungsprojekte erfolgreich planen und umsetzen“ oder einen Kurs „Planung und Steuerung von Veränderungsprojekten“. Schon die Titel sind irreführend und atmen den Geist der 90er Jahre. Veränderung findet nicht in Projekten statt

Wenn in einem Unternehmen ein Veränderungsprojekt das nächste jagt, dann ist das ein sicheres Zeichen seines Untergangs, denn Veränderungen ziehen temporär Ressourcen ab. Ein System, das sich verändert, geht in eine höhere Komplexitätsebene, indem es die bestehende globale Struktur in eine neue überführt. Dieser Übergang ist von hoher Unsicherheit und Instabilität begleitet. Ein Unternehmen sollte daher solche Übergänge nicht zu oft durchleben müssen, sonst hat es keine Zeit, seine effektiven Aufgaben wahrzunehmen.

Peter Kruse erklärt, warum „Panta rhei“ („Alles fliesst“) nur auf der Elementarebene gilt (48 Sekunden):

Sind Berater obsolet?

Ich hoffe sehr, dass solche Beratertätigkeit endgültig in das letzte Jahrhundert verortet werden kann. Heutige Berater sind eher Coach, Sparring Partner (oder Hofnarr). Die letzte Verantwortung blieb schon immer beim Chef. Zwar kann dieser den Berater mit Schimpf und Schande zum Teufel jagen (oder den Hofnarr enthaupten lassen). Diese Blitzableiterfunktion gehört übrigens zur Rolle des Beraters und ist nicht zu unterschätzen. Aber in herkömmlich hierarchischen Organisationen wird letztendlich immer der oberste Chef zur Rechenschaft gezogen.

Dennoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass es meistens die selbstherrlichen, unreflektiert entscheidenden Manager sind, die von sich sagen, sie bräuchten keinen Berater, während sich die intelligenten, suchenden Manager gerne mit einem vornehmlich externen Sparringpartner unterhalten wollen. Ich kenne sogar einen Manager, der ab und zu mit einem Fischer hinausfährt und diesem seine Sorgen erzählt. Allein das ist ihm viel Wert.

Veränderung der Unternehmenskultur

Auch der gute Berater selbst, wird einen Berater haben wollen. Das nennt sich mal «Supervision im Kollegenkreis» oder einfach «Teilen der Bürde». Oft wählt ein guter Berater einen gleichgesinnten Kollegen, mit dem er sich in lockerer Folge und nach Bedarf trifft (kann heute gerne auch über digitale Medien stattfinden) und versucht, ihm die Komplexität seines Beratungsfeldes zu erklären, mit der Bitte um Reflexion. Schliesslich gibt es in komplexen Systemen keine Best Pratices. Der Wunsch danach entspringt einem Kontrollbedürfnis, das immer weniger befriedigt werden kann. Sich von ihm zu lösen und Ambigutitätstoleranz zu entwickeln, ist eine vornehmliche Manageraufgabe, die durchaus von Coaches unterstützet werden kann.

Nachhaltige Veränderungen finden immer (auch) auf der unternehmenskulturellen Ebene statt. Solange eine Veränderung nicht auch die Kultur durchdrungen hat, hat sie nicht wirklich stattgefunden. Da ist es für einen externen Berater schwer, aktiv einzugreifen. Aber es wäre falsch zu meinen, die Organisationskultur sei etwas rein internes. Eine Organisationskultur orientiert sich auch an gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Rolf Müller schreibt in Steuerung von institutionellen Transformationsprozessen öffentlicher Organisationen (2013)

Die theoretischen Ansätze der Organisationskultur bieten Grundlagen zum Verständnis von Kulturen in Organisationen. Die Organisation wird als offenes soziales System betrachtet, das von seiner Umwelt lernt (Pettigrew 1979). Die Mitglieder der Organisation erleben ihre Umwelt und lernen. Der Mensch ist Akteur und seine Wahrnehmung und Lernprozesse bilden die Grundlage zur Entstehung und Veränderung von Organisationskultur (Schein 1985/2010). Die Gestaltung von Wirklichkeit führt dann zur Gestaltung von Organisationskultur

Wie Veränderungen passieren

Vielleicht erinnern wir uns, wie in einem System Veränderungen passieren. Wirklich nachhaltige Veränderungen kommen immer per Selbstorganisation zustande. Durch äussere Zwänge entstehen Störungen in den Abläufen und Prozessen. Diese Fluktuationen werden zunächst unterdrückt und ausgeglichen. Wird die Differenz zwischen den äusseren Gegebenheiten und dem inneren Zustand zu gross, nimmt auch die Tiefe der Fluktuationen zu, so dass sie nicht mehr unterdrückt werden können. Sie setzen sich durch und führen zu einer neuen Organisationsstruktur auf einer höheren Komplexitätsebene.

In einer Unternehmensorganisation geschehen solche Veränderungen auf der kulturellen Ebene. Sie können nicht verordnet werden. Verordnete und absichtlich durchgeführte Veränderungen sind kaum nachhaltig. Wenn kein Handlungsbedarf oder Leidensdruck vorhanden ist, dann wird auch keine Veränderung stattfinden. Initiierte Veränderungen – einfach weil es wie in den 90er Jahren chic ist, sich zu verändern – verebnen schnell.

Insofern werden Veränderungen also von Aussen verursacht. Aber selbstverständlich sind die eigentlichen Veränderungsprozesse systemimmanent. Es kommt jetzt darauf an, wo man die Grenze zieht, bzw. was man alles in die Betrachtung einbezieht. Es ist ein bisschen eine Huhn-Ei-Frage, ob nun der äussere Zwang die inneren Veränderungsprozesse anstösst oder ob erst die inneren Veränderungsprozesse zu der eigentlichen Veränderung geführt hat.

In der Soziologie wird in Anlehnung an Niklas Luhmann von der operativen Geschlossenheit von Systemen gesprochen. Das gilt natürlich nicht auf der Elementarebene. Die Prozessen eines Systems beeinflussen direkt die Prozesse des Nachbarsystems. Was anderes als das Ungleichgewicht zwischen den inneren und den äusseren Prozessen würde sonst die Systemmitglieder bewegen? Für Unternehmen heisst das, dass sich die Prozesse einer Unternehmung an diejenigen seiner Kunden- und Lieferantensysteme anschliessen und anpassen. Dieser Prozess wird immer wichtiger, je besser Supply Chains ihre Teilnehmer integrieren.

In Wie Veränderungen funktionieren – die 9 Elementarveränderungen habe ich 2001 versucht, neun Veränderungsklassen nach dem Kriterium zu ordnen, inwiefern sie durch das System selbst ausgelöst,  bzw. ihm aufgezwungen sind. Je länger ich aber darüber nachdachte, desto unmöglicher schien mir diese Aufgabe. Im ersten Moment war ich zwar sehr schnell in der Lage, zu jeder Elementarveränderung anzugeben, ob sie selbstinitiiert oder fremdbestimmt ist. Dann aber verfliessen die Grenzen und und je länger man darüber nachdenkt, desto unklarer wird, ob sich nun zuerst die Welt oder das System verändert hat.

Die 9 Elementarveränderungen
Die 9 Elementarveränderungen

(Titel nach Michael Collins (1890 – 1922). Irischer Freiheitskämpfer)