Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Nachlese re:publica oder wie Technologie die Gesellschaft bestimmt

An der re:publica 2016 #rpTEN machte sich eine gewisse Ernüchterung darüber bemerkbar, wie sich das Web im Speziellen (und wohl auch das Internet im Allgemeinen) entwickelt hat. Es war – zumindest für die Gründer und Nachfolger der re:publika – nicht vorgesehen, dass

  • Geheimdienste das Web zur Informationsbeschaffung missbrauchen
  • Terroristen und andere kriminelle Organisationen im Netz ihre verbrecherischen Machenschaften planen
  • undemokratische und extrem-nationalistische politische Parteien den anfänglich offenen Dialog der Social Media untergraben und
  • multinationale Unternehmen Apps und Blogs mit teilweise primitiver Werbung zuspamen.

Offenheit ist oberste Devise

Mir scheint, dass dies alles nicht das Problem des Internets ist.  War denn nicht das offene und für alle zugängliche Netz die Vision? Konnte denn jemand glauben, dass sich in einer offenen Stadt der Vernunft und der Menschlichkeit nur Humanisten niederlassen? Sie ziehen unweigerlich Bettler an, weil sich diese bei Humanisten Hilfe versprechen. Das schürt den Neid und Egoismus, auch unter Humanisten und führt zu Polarisierung. Muss nicht sein, ist aber so.

Was für alle offen ist, ist eben für ALLE offen, ob Verbrecher, Agent und Terrorist oder Gutmensch, Philosoph und Heiliger. Eigentlich ist das Web, wie es sich heute präsentiert, genau das, was sich alle vorgestellt haben, nämlich eine für alle zugängliche Ressource. Das Problem liegt nicht im Netz, sondern eher in den Menschen und ihrer Gemeinschaft, die sich immer viel zu wichtig nehmen und meinen, dass sie wissen, was Gut und Böse ist und alles daransetzen, dass es nach ihrer Vorstellung geht. Bis sie denn am Ende ihres quirligen und rührigen Lebens tot umfallen, was die Welt noch nie in eine Katastrophe gestürzt hat.

Zwei unterschiedliche Interessen

Wahrscheinlich wissen nur noch wenige, mit welcher Bedeutung das Internet eigentlich in die Welt gekommen war. Das scheint mir eine gute Gelegenheit, die Geschichte von OSI und TCP/IP zu erzählen, die ein Grossteil meines Lebens beanspruchte.

Am Anfang war die Welt in mehrere Computerhersteller eingeteilt. Unter ihren Kunden befanden sich solche, die gleich mehrere der monströsen Möbel zu einem völlig blödsinnig prohibitiven Preis kauften und forderten, dass Daten vom einen zum anderen Computer übertragen werden konnten. Die Hersteller hatten also zunächst einmal das Problem, ihre eigenen Computer miteinander zu verbinden. Das führte zu sogenannten Kommunikationsarchitekturen – SNA von IBM, DECnet von DEC, etc.

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Parallel dazu wurde an Universitäten – allen voran den Studenten, wie ich mal vermute – mit vernetzten Terminals eines Grossrechners experimentiert. Ziel war es, sich gegenseitig Nachrichten zukommen zu lassen, z.B. um beim Lernen einander zu helfen oder auch nur, um sich zum Lunch zu verabreden. Das führte zu einer Art verschwörerischer Gemeinschaft als eine Subkultur. Privat hatten dieselben Leute (verbotenerweise) mit dem Telefonnetz experimentiert. Ich nahm noch an zwei Versammlungen von Wau Hollands Chaos Computerclubs (CCC). Das war wie eine re:publika im Kleinen.blog-ccc

Während also die Hersteller eine technische Aufgabe zu lösen hatten, wollten die Studenten ihr Kommunikationsbedürfnis befriedigen, nachdem sie begriffen, dass das durch die vernetzten Terminals grundsätzlich möglich sein sollte. Während die einen von der Technik her kamen (bottom up), waren die anderen an der Kommunikation interessiert (top down). Das war sozusagen der Sündenfall.

Zwei Kommunikationsarchitekturen

Nachdem die Hersteller hochentwickelte Kommunikationsarchitekturen anboten, wollten ihre Kunden nun auch Computer verschiedener Hersteller untereinander verbinden. Man benötigte also so etwas wie Kommunikationsstandards. Keine Geringere als die Internationale Standardisierungsorganisation (ISO) und die International Telecommunication Union (ITU) nahmen sich der Sache an und entwickelten den sehr umfangreichen Standard «Open Systems Interconnection» (OSI).

blog-SchichtenVor allem die demokratische Meinungsbildung dauerte jedoch und in der Zwischenzeit haben die Studenten an den Universitäten auch nicht auf der faulen Haut gelegen. Auch sie entwickelten eine Kommunikationsarchitektur. Die Profs fanden daran sogar insofern gefallen, als dass sich Spezifizierung und Programmierung von Kommunikations-Snippets, wie wir sie heute nennen würden, zu Semester- und Diplomaufgaben eigneten. So entstand mit der Zeit ein zwar zusammengewürfeltes, aber nichtsdestotrotz einigermassen funktions- und multivendorfähiges Kommunikationssystem, das nach ihren Herzstücken «TCP/IP» genannt wurde. Im universitären Umfeld, das immer knapp an Geldmitteln ist, wurden die Computer gerne mit dem freien, quelloffenen und experimentieraffinen TCP/IP bestückt und international verbunden. Das Internet war geboren und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis um 1990 herum Tim Berners-Lee mit dem Web einen vorläufigen Deckel auf das Internet stülpte.

TCP/IP setzt sich durch

Es war nicht die Tatsache, dass OSI kostenpflichtig war, die dieser Kommunikationsarchitektur den Todestoss versetzte, sondern die Zeit die sie für den multilateralen Konsens brauchte. OSI kam einfach zu spät. Zwar unternahmen wir enorme Anstrengungen, um OSI voranzubringen und zu promoten (ich war ein paar Jahre Präsident von EurOSInet), aber das agile und offene TCP/IP setzte sich durch. Zwar war das keineswegs im Sinn der grimmigen und ernsthaften Organisationen, wie Banken und andere globale Konzerne, Geheimdienste und Regierungen. Aber auch sie waren letztendlich froh, alles gratis zu bekommen. Non olet!

So setzte sich die Fluktuation – oder wie man heute sagt: Disruption – TCP/IP gegen OSI durch und «versklavte» die digitale Welt, um einen nicht wertenden Ausdruck der Selbstorganisationstheorie zu gebrauchen. So entsteht Ordnung und damit Komplexität. Sie bestimmt heute einen Grossteil der Welt, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Ganz sicher sähe die Welt heute anders aus, wenn sich OSI durchgesetzt hätte. Beispielsweise wären Mails nicht gratis! Um ein Mail zu verschicken, müsste man einen kleinen Betrag bezahlen, vielleicht 1-2 Cent. Was glauben Sie, wie sich das auf das Spamproblem auswirken würde? X.400 war ein grandioser Wurf!

Wie sähe die Welt wohl aus, wenn sich OSI durchgesetzt hätte?

Das ist natürlich bloss ein eher unwichtiges Detail. Vielmehr wären die grossen Businessnetze ziemlich abgeschottet. Es gäbe ein (geheimes) Militärnetz, eines der Banken- und der Betreiber von Supply Chains. Natürlich müssten die einzelnen Netze Brücken haben. Diese wären aber sehr restriktiv und vielleicht sogar während der meisten Zeit galvanisch getrennt. Der Netzbetrieb wäre so teuer, dass sich das Wachstum sehr in Grenzen hielte. Parallel dazu hätte sich wohl ein Taschengeld-angepasstes Netz entwickelt, vielleicht eher auf der Basis von mobilen Telefonen als auf Kupfer- und Glasleitungen, die den Profis und OSI vorbehalten blieben. Zur Planung von grösseren kriminellen Operationen wäre das «Taschengeldnetz» wahrscheinlich zu wenig leistungsfähig, so dass sich Überwachungsinstitutionen eher in den professionellen Netzen umsähen.

In der Tat käme das Taschengeldnetz den ursprünglichen Erwartungen der re:publika Gründer nahe: es wäre ein Refugium, in welchem sich Freunde ungezwungen austauschen. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Zustand sehr stabil wäre. Sehr bald würden beide Netze ineinander verfliessen. Die Hersteller würden lernen, die teuren Kommunikationsstrukturen günstiger zu produzieren, so dass sie auch für Private erschwinglich würden. Dann würde quasi dasselbe passieren, wie in der Flugbranche. Die ursprünglich teuren Flüge, die nur dem Business vorbehalten waren, wurden so billig, dass nun Krethi und Plethi fliegen können. Und die Kriminellen und ihre Häscher hätten uns wieder.

 

Die Komplexität der Arbeitswelt nimmt zu

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Ich wollte, ich könnte das so gut, wie @dieHauteCulture, die jeden MOOC-Tag mit genialen Illustrationen versah!

Gestern ging der MOOC über Arbeit 4.0 zu Ende.  Er dauerte bloss eine Woche. Jeden Tag gab es mindestens ein Frühstücksvideo, ein Video zum Mittagssnack, eines zum Nachmittagstee und eines mit ausführlichen Interviews. Alles in allem konnte man sich täglich mit den Videos 90 – 120 Minuten beschäftigen. Ich muss schon fast sagen: «leider» waren diese Videos derart interessant, dass es mir schwerfiel, eine Auswahl zu treffen. Am spannendsten waren aber die Mittags- und Frühstücksvideos, die von Anja C. Wagner, alias FrolleinFlow, sympathisch und professionell moderiert und präsentiert wurden.

Arbeit 2.0 oder 4.0?

Was ist mit «Arbeit 4.0» gemeint? Heute wird alles, was ein wenig innovativ daherkommen möchte, mit einer Versionsbezeichnung versehen. Das lehnt sich an die Bezeichnung «Web 2.0» an, die in den frühen 2000er Jahren geprägt wurde und eine Reihe partizipativer und interaktiver Elemente des Web meinte. Seither wurden alle Lebensbereiche, die das Web 2.0 nutzten mit der Versionsnummer «2.0» versehen – Management 2.0, Finance 2.0, Lernen 2.0, sogar Werkbank 2.0, etc. Das war irgendwann einem nicht genug. Er erfand kurzerhand und unter Umgehung der Version 3.0 die Versionsnummer «4.0», vielleicht um zu zeigen, dass er noch viel innovativer ist als die 2.0-Gemeinde.

Im Wandel zur Arbeit 2.0 entsteht eine komplexe Ordnung

Item, Arbeit 4.0 – ich nenne sie nach wie vor «Arbeit 2.0» – bezeichnet eine neue Arbeitskultur, die sich einerseits aus der Tendenz zu vermehrter Wissensarbeit und andererseits aus der intensiven Digitalisierung und Globalisierung entfalten wird. Arbeit 2.0 ist eine Emergenz im Rahmen zunehmender Komplexität. Die Transformation ist in vollem Gange und es ist noch nicht abzusehen, wohin sie uns treibt. Im MOOC wurden eine Anzahl Unternehmen, vorwiegend aus dem Silicon Valley, vorgestellt, die alle disruptive Experimente mit innovativen Arbeitsformen durchführen.

Ist Homeoffice in einer Sackgasse?

Dazu gehören z.B. mobiles Arbeiten und Homeoffice. Eindruck machte mir Automattic. Wer dort arbeitet, kann seinen Arbeitsort selber wählen. Die Mitarbeiter treffen sich innerhalb eines Jahren lediglich während einer Woche zentral und persönlich. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die ihre Mitarbeiter täglich mit Bussen, die mit WLAN ausgestattet sind, in die Industriezentren ausserhalb der Stadt fahren. Nix von Homeoffice. Walter Simon fragt sich sogar, ob Homeoffice eine Sackgasse sei.

Die Tomaten-Kooperation

Interessant ist auch das Beispiel von Morning Star, einem Unternehmen, das Tomaten verarbeitet. Morning Star ist eine Kooperation vieler selbstständiger Kleinstunternehmen: Tomatenbauern, LKW-Fahrern, Tomatenverarbeiter, etc. Die Idee heisst «Selbstmanagement» und war derart erfolgreich, dass Morning Star sogar ein Institut dafür gegründet hat, das andere Unternehmen beim Change zum Selbstmanagement unterstützt. http://www.self-managementinstitute.org/ «Selbstmanagement bedeutet die Rückkehr zur Arbeitsethik, denn gut gemachte Arbeit macht zufrieden und Spass», wie Anja ausführte.

Die Dictyostelium-Unternehmung

Damit kommt Morning Star nahe an meine Idee der Dictyostelium-Unternehmung, die ich bereits 1996 beschrieben habe (1) (offenbar sollte ich den deutschen Namen vermeiden, da er bei mangelndem Abstraktionsvermögen eklige Assoziationen schürt).

Einzelne Mikroorganismen aggregieren sich zu einem grossen Organismus, indem sie sich funktional separieren: einige übernehmen die statischen Funktionen eines Stengels, andere die sporenbildenden Funktionen eines Fruchtkörpers, wieder andere die nahrungsversorgenden Funktionen von Transportbahnen im Organismus. Es ist faszinierend, wie sich Tausende von selbstständigen Mikroorganismen höchst speditiv zu einem Makroorganismus formieren und jedes Mitglied eine Aufgabe übernimmt und sie zuverlässig erfüllt.

Arbeit 2.0 weiterdenken

Flexible Arbeitsformen wie Homeoffice und Selbstmanagement sind nur ein Aspekt von Arbeit 2.0. Der MOOC erwähnte noch zahlreiche weitere. Als nächstes gälte es nun, aus den vielen Einzelexperimenten grossflächige Trends abzuleiten. Eine andere wichtige Frage, die im MOOC am Rande thematisiert wurde, ist die Frage nach den sozialen Auswirkungen von Arbeit 2.0. Werden reiche Länder die gut ausgebildeten Wissensarbeiter stellen und die stupide Arbeit den armen Ländern überlassen? Wird Arbeit 2.0 zu einer grösseren Polarisierung von Arm und Reich führen? Wird die Digitalisierung grundsätzlich Arbeitslosigkeit fördern oder im Gegenteil mehr (Wissens-)Arbeit generieren?

(Bedingungsloser)
Basislohn gehört auch zu Arbeit 2.0

Es ist seltsam: seit wir «mit Pein den Acker bebauen» müssen, «von dem wir genommen sind», bemühen wir uns, vor allem stupide Arbeit zu automatisieren und mit viel Technologie unsere Mühsal zu lindern. Eine gleichmässige Aufteilung der restlichen Arbeitslast scheint aber im Rahmen des gültigen Wirtschaftsmodells nicht möglich zu sein. Dieser Zusammenhang tangiert das aktuell heiss diskutierte Thema eines bedingungslosen Grundeinkommens, über das in der Schweiz nächstens abgestimmt wird.

Dank

Arbeit 2.0 ist ein gesellschaftlich zentrales Thema, das von vielen anderen Themen abhängt und viele andere Themen beeinflusst. Umso grösser ist Anja C. Wagners Verdienst, diesen MOOC durchgeführt zu haben und uns an ihrer Reise ins Silicon Valley und dem Besuch der Tim O’Reilly Konferenz teilhaben zu lassen. Der MOOC trägt zum besseren Verständnis des aktuell stattfindenden Wandels bei. Vielen Dank, Anja!

(1) Addor, P. Die Schleimpilz-Unternehmung. gdi-impuls 3/1996, S. 38-47

Kompetenzen sind verschachtelt

Wir stehen kurz vor einer Kompetenzkatastrophe, wenn wir John Erpenbeck und Werner Sauter Glauben schenken wollen, die in Ihrem Buch «Stoppt die Kompetenzkatastrophe» behaupten, dass «das Wissensweitergabe- und Wissensbeurteilungssystem unerschütterlich zu sein scheint» (1).

Erpenbeck und Sauter möchten mehr Kompetenzen vermitteln, ein Anliegen, das in Anbetracht erhöhter Komplexität überaus berechtigt ist. U.a. nennen sie auch die Kompetenz systemischen Denkens und Handelns, was ich durchaus begrüsse. Das Buch ist ein Muss für alle diejenigen, die sich an der Bildungsdiskussion beteiligen, auch wenn es zuweilen etwas nötigend geschrieben ist. Ich denke, mit mehr Sachlichkeit hätten die beiden Autoren ihr Anliegen produktiver vertreten können. Erpenbeck und Sauter nennen ihr Buch denn auch «Streitschrift».

Vier Kompetenzkategorien

Natürlich ist die Problematik vielschichtig und mehrdimensional. Ich möchte hier jedoch einen Aspekt beleuchten, der mir zu denken gibt: heisst die Alternative zu «Wissen» tatsächlich ausschliesslich «Kompetenz»? Erpenbeck und Sauter räumen ein, dass die beiden Begriffe komplementär seien und es ohne Wissen keine Kompetenz gebe, dass Wissen allein aber zu «Wissensblödigkeit» führe. Das ist richtig, aber aus meiner Sicht noch nicht alles. Ich möchte noch die Begriffe «Verstehen» und «Routine» in die Diskussion werfen.

Zunächst begreifen Erpenbeck und Sauter «Kompetenz» über vier Grundkategorien:

  • personale Kompetenzen
  • Aktivitäts- und Handlungskompetenzen
  • Fach- und Methodenkompetenzen
  • sozial-kommunikative Kompetenzen

Verstehen ist wichtiger als Wissen

Diese vier Kategorien haben sich in der Literatur offenbar weitgehend durchgesetzt, greifen m.E. aber etwas zu kurz. Ich möchte das an meinem Fach der Mathematik erläutern. In der Schulmathematik braucht es kaum Wissen. Wissen beschränkt sich auf Definitionen und Algorithmen.

Eine nächste Stufe ist jedoch das Verstehen. Wer eine Formel auswendig lernt, vergisst sie sofort wieder. Wer die Formel aber versteht, braucht sie nicht zu wissen, denn er kann sie jederzeit herleiten. Das Herleiten ist eine Kompetenz. Sie basiert nicht auf Wissen, sondern auf Verstehen. Ein Beispiel: Es musste der Ausdruck a \cdot b durch 3 geteilt werden. Ich schreibe \frac{a}{3} \cdot b, worauf ein 35jähriger Lernender fragt, warum ich nur a durch 3 geteilt habe und nicht den ganzen Ausdruck. Hier ist ganz primitives Arithmetikverstehen auf der Strecke geblieben. Es hat nichts mit Wissen zu tun.

Routine als „Kompetenzkleister“

Die Anwendung der (hergeleiteten) Formel ist solange «holprig», wie keine Routine darin besteht. Routine ist ein wichtiges Element in der Schulmathematik. Wir kennen das auch beim Beherrschen eines Musikinstruments. Die Kompetenz heisst hier wohl «ein Musikstück interpretieren und spielen können». Diese Kompetenz basiert weniger auf Verstehen, als vielmehr auf Routine.

Jede Kompetenz erfordert Routine, auch jede mathematische Kompetenz. Routine gibt es nur durch tägliches Üben. Ganz ohne Drill geht es nicht, aber es ist dasselbe wie beim Wissen: Wenn Routine ohne Anwendungskompetenz besteht, führt dies zu einer Routineblödheit.

Kompetenzen lassen sich nicht vermitteln

Neben den vier, durch Metakompetenzen (Pfeile) verbundenen Grundkompetenzen gibt es Parakompetenzen, die wie ein Kleister wirken (Wissen, Verstehen, Routine). Einzig Wissen lässt sich vermitteln. Alles andere muss sich die Person selber aneignen.
Neben den vier, durch Metakompetenzen (Pfeile) verbundenen Grundkompetenzen gibt es Parakompetenzen, die wie ein Kleister wirken (Wissen, Verstehen, Routine). Einzig Wissen lässt sich vermitteln. Alles andere muss sich die Person selber aneignen.

Routine und Verstehen sind neben Wissen zwei sehr wichtige Parakompetenzen, ohne die nichts geht. Allerdings lassen sich gerade diese beiden Parakompetenzen nicht wie Wissen vermitteln. Nur die Lernenden selbst sind in der Lage, sich durch Übung Routine anzueignen und durch Nachdenken Verständnis zu schaffen. Das alleine sind bereits Kompetenzen. Wir benötigen also (personale) Kompetenzen, um Parakompetenzen aufzubauen, die Voraussetzung sind zum Erwerb vor allem von Fach- und Methodenkompetenzen sowie Handlunskompetenz. Insofern sind die vier Kompetenzkategorien nicht so flach, wie sie Erpenbeck und Sauter vorstellen. Vielmehr hängen die Grundkompetenzen, die von den Parakompetenzen zusammengehalten werden, via Metakompetenzen voneinander ab, wie z.B. Denken, Üben, Anwenden, Modellieren, etc.

Modellierungskompetenz und Verstehen als Voraussetzung von Fachkompetenz

Wer dann endlich mal routiniert verstandene Formeln herleiten kann, ist bereit, Mathematik anzuwenden. Das ist eine weitere Kompetenz. Schüler nennen das «Textaufgaben» und scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. In erster Linie geht es wieder darum, eine alltägliche Situation zu verstehen und dann zu entscheiden, welche Instrumente wir für die Lösung des Problems anwenden können. Diese Entscheidung bedingt auch wieder Routine im Gebrauch der zur Verfügung stehenden Instrumente.

Auch wenn «hard core Mathematik» im Alltag kaum Anwendung findet, kann beim Lösen angewandter Aufgaben eine im Alltag brauchbare Metakompetenz erworben werden: eine Situation zu verstehen, sie zu modellieren und zu entscheiden, welche Werkzeuge und Instrumente zur Lösung eingesetzt werden können.

Teamkompetenz kann immer geübt werden

Das geschieht vorzugsweise im Gespräch und der Zusammenarbeit mit den anderen Menschen, die sich in der Situation befinden. Auch die Sozial- und Kommunikationskompetenz könnte beim Lösen angewandter Aufgaben erworben werden. Aber auch das müssen die Lernenden selber tun. Wenn ich sie ermuntere, die Übungen zusammen zu diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze auszudenken, dann folgen nur wenige diesem Rat, vielleicht aus Angst, sich im Gespräch mit den anderen eine Blösse zu geben. Es ist eben auch eine Kompetenz, hinstehen zu können und zu sagen: «Ich habe keine Ahnung. Lass es uns gemeinsam lösen».

(1) John Erpenbeck, Werner Sauter: Stoppt die Kompetenzkatastrophe! Wege in eine neue Bildungswelt.
ISBN 978-3-662-48502-6
ISBN 978-3-662-48503-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-48503-3
Springer Spektrum © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

 

Mit medialer Zusammenarbeit in das 21. Jahrhundert

Im zehnten und letzten Kapitel von Werner Hartmanns und Alois Hundertpfunds Buch über Digital Kompetenz geht es um Virtuelle Zusammenarbeit und die Fähigkeit, ortsunabhängig in einem Team zusammenzuarbeiten (1).

„Virtuell“ oder „medial“?

Statt «virtuell» möchte ich die Zusammenarbeit lieber «medial» nennen, denn das, was Hartmann und Hundertpfund meinen, ist keineswegs virtuell, sondern sehr real. Aber ohne Zweifel handelt es sich um eine wichtige Kompetenz von Menschen, die in komplexen Systemen handeln und agieren. Alles was Hartmann und Hundertpfund ausführen, wird zumindest innerhalb der «Educational Communities» des Webs längst gefordert und es gibt unzählige Um- und Durchsetzungsideen. Lobenswert sind die Vorschläge für die Schule, die Hartmann/Hundert in diesem Kapitel machen.

Das herkömmliche Schulmodell als Norm

Es gibt jedoch mächtige kognitive und affektive Kräfte, die sich zusammentun und sowohl die Studierenden als auch die Lehrenden glauben zu machen, dass es keine triftigen Gründe gebe, vom Status quo abzuweichen, wie ihn Jeremias Gotthelf in seinem Roman «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» 1838 geschildert hat: Die Schule ist ein Ort der Wissensvermittlung, die dadurch stattfindet, dass ein erfahrener Lehrer seinen zahlreichen Schülern erklärt, wie die Welt funktioniert. Diese saugen das Wissen des Älteren dankbar in sich hinein, indem sie still zuhören und eventuell Notizen machen, die sie später zuhause aufarbeiten wollen.

Die Verbreitung des herkömmlichen Lehrens. Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century - LESSONS FROM AROUND THE WORLD»
Die Verbreitung des herkömmlichen Lehrens. Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD»

Mir scheint, dass alles daraufabzielt, Strategien zu finden, um zusätzlichen Aufwand zu vermeiden. Solange es keinen Grund für eine aufwändige Intervention gibt, wird sie auf alle Fälle unterlassen. Dabei hilft das Festhalten am herkömmlichen Schulmodell.

Eine spieltheoretische Pattsituation

Ich identifiziere vier Parteien in diesem Spiel: die Studierenden, die Lehrenden, die Schuladministrationen und -behörden sowie die eigentlichen «Kunden», nämlich die Gesellschaft, die Unternehmen, die eingangs erwähnten «educational communities» und eventuell die Eltern (wobei diese in der Hochschullehre eine untergeordnete Rolle spielen).

Es scheint, als hätten Studierende, Lehrende und Schulen ein Stillhalteabkommen verabredet, denn der Einsatz von informationstechnischen Mitteln hätte für alle drei Parteien einen Mehraufwand zur Folge, der keinem Gegenwert entspricht. Vielleicht meinen sie, «Gegenwert» habe etwas mit «gegenwärtig» zu tun, denn ein künftiger Gegenwert wird strikt ausgeblendet. Warum sollte ich mich anstrengen, wenn der Gegenwert allenfalls von der nächsten oder gar erst übernächsten Generation geerntet werden kann?

Die Studierenden

Studierende müssten, um medial zusammen zu arbeiten, sich zusätzlich mit dem Medium und seiner Technik auseinandersetzen. Sie sehen nicht ein, wozu das gut sein soll, wenn es doch auch ohne mediale Zusammenarbeit geht. Kommt dazu, dass das Engagement, bzw. Trittbrettfahrens der individuellen Mitarbeiter transparent wird, was einen unnötigen sozialen Druck verursacht.

Vermeidungsargumente der Studierenden:

  • «In einer Hochschule erklärt der Dozent den Studierenden die Fakten seines Gebiets, in dem er Experte ist». Lehrende, die von dieser Rolle abweichen und sich als Lernbegleiter statt als Dozent verstehen, erhalten eine schlechte Evaluation. Solange der Dozent doziert, können die Studierenden konsumieren.
  • «Jeder hat seine eigene Lernmethode und sein eigenes Lerntempo». Mit diesem Argument entschuldigt er sich für die Nichtteilnahme an der medialen Zusammenarbeit.
  • «Es ist heute bekannt, dass alle Cloudservices von den Diensten ausspioniert werden. Insbesondere mit Google Docs will ich aus personenschutzbezogenen Gründen nichts zu tun haben».

Die Lehrenden

Lehrende müssten sich gleichfalls mit neuen Medien und in diesem Zusammenhang auch mit neuen Lehrmethoden auseinandersetzen. Sie wissen, dass ein Kurs oder gar ein Zusatzstudium – Gott bewahre! – wenig nützt, denn der erfolgreiche Einsatz neuer Medien und Konzepte setzt Routine voraus, die auch in den besten Ausbildungsstrings nicht erworben werden. Routine wird aber nur dann aufgebaut, wenn die zu erlernende Fähigkeit auch täglich geübt und angewendet wird. Das heisst, dass die Lehrenden zu Beginn unsicher sind und vor aller Augen Fehler machen, was ihre Kompetenz und Autorität untergraben könnte.

Nützlicher als alle formalen Ausbildungen und Kurse sind Teilnahme in den eingangs erwähnten «Educational Communities». Das bedeutet, sich an diversen medialen Veranstaltungen einzubringen, wie z.B. der «EdChatDE», der jeden Dienstag von 20 – 21 Uhr auf Twitter stattfindet oder verschiedene cMOOC, die jeweils über mehrere Wochen dauern. Beispielsweise startet am 23. Mai 2016 der COER16, ein Kurs über «Open Educational Resources».

cMOOC sind keine herkömmlichen Kurse. Vielmehr erarbeiten alle Teilnehmer neues Wissen, indem sie sich in einem laufenden ortsunabhängigen Dialog befinden. Das ist problemorientierte mediale Zusammenarbeit pur! Dabei lernen die Teilnehmenden immer neue Personen kennen, die sie an jährlich einem oder zwei onsite-Events, wie z.B. den EduCamps https://educamps.org/ auch persönlich kennen lernen.

Vermeidungsargumente der Lehrenden:

  • «Wer bezahlt mir diesen immensen Zusatzaufwand? Ich mache das ja nicht zum Vergnügen!» (sollten Sie aber, denn es macht toll Spass!).
  • «Die Schule ist ein Ort der Wissensvermittlung, daher muss ich den Studierenden erklären, wie sie ein Sachproblem lösen können». Jeder Dozent kann ohne Vorbereitung locker 2-3 Stunden über sein Gebiet reden. Dabei wird er nur selten von Studierenden unterbrochen. Diese Art von Unterricht ist für beide Parteien die bequemste. Es gibt keinen Grund, davon abzuweichen.
  • «Wir haben einen vorgegebenen Lehr- oder Modulplan. Da können wir nicht noch mediale Kompetenzen vermitteln».
OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century - LESSONS FROM AROUND THE WORLD»
Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD»

Die Schulen

Schuladministrationen und -behörden sind in ähnlicher Lage wie die Lehrenden. Der Einsatz von modernen Medien verursacht insbesondere finanziellen, aber auch zeitlichen Zusatzaufwand und Unsicherheiten. Der damit einhergehende Komplexitätszuwachs wird meist noch negativ gewertet, obwohl Komplexität auf alle Fälle eine Art Reichtum bedeutet.

Vermeidungsargumente der Schulen:

  • «Handies gehören im Unterricht abgeschaltet und sind verboten».
  • «Damit die Schüler nicht in Versuchung kommen, während des Unterrichts ins Facebook zu schauen, installieren wir kein WLAN».
  • «Es fehlt an allen Ecken und Enden an finanziellen Mitteln für die Informatik».

Der Umbruch muss bei den Studierenden beginnen

Unter den vielen Schulen, Lehrenden und Studierenden gibt es jedoch immer einzelne, die verstehen, dass sie sich keinen Dienst erweisen, wenn sie Vermeidungsstrategien fahren. Der OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD» gibt viele positive Beispiele. Sie alleine reichen jedoch nicht. Die vierte Partei, allen voran die Unternehmen, picken sich diejenigen Bewerber heraus, die unter anderem auch über gute mediale Kollaborationsfähigkeiten verfügen. Die Studierenden bilden denn auch die hoffnungsvollste Partei, denn sie würden am ehesten von einer neuen Schulsicht profitieren.  Dann müssten vielleicht auch die Lehrenden nachziehen.

Der erwähnte OECD Bericht drückt es so aus:

Teachers need to be able to work in highly collaborative ways, working with other teachers, professionals and para-professionals within the same organization, or with individuals in other organizations, networks of professional communities and different partnership arrangements, which may include mentoring teachers. Last but not least, teachers need to acquire strong skills in technology and the use of technology as an effective teaching tool, to both optimize the use of digital resources in their teaching and use information-management systems to track student learning.

 

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund
Digitale Kompetenz
Was die Schule dazu beitragen kann

ISBN Print: 978-3-0355-0311-1
ISBN E-Book: 978-3-0355-0372-2

  1. Auflage 2015
    Alle Rechte vorbehalten
    © 2015 hep verlag ag, Bern

 

Das Komplexitätspotential des Internets

Das 7. Kapitel des Buches von Werner Hartmann und Alois Hundertpfund über Digitale Kompetenz ist den digitalen Rollenbildern gewidmet(1). Insbesondere geht es um die Art und Weise, wie «man» – allen voran Teenager – sich im Netz präsentiert.

Das Thema diskutierten wir ausführlich im IchMOOC, den nachträglich durchzublättern ich in diesem Zusammenhang sehr empfehlen kann.

Die Komplexität des globalen Handels

Hingegen machen solche individuellen Anwendungen des Internets nur den kleinsten Teil aus (2). Vielen Leuten ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie omnipräsent das Internet in ihrem Leben ist, auch wenn sie meinen, nichts damit zu tun zu haben. Wer eine Hose kauft oder ein Paket nach Übersee aufgibt, benutzt implizit das Internet sehr intensiv. Vor allem weltweite Logistikdienste könnten den heute permanent strömenden Warenfluss ohne Internet gar nicht bewältigen.

Beispielsweise müssen Transportmittel möglichst ständig unterwegs sein, Umladezeiten müssen minimiert und Füllgrade maximiert werden. Um diese Optimierungsaufgaben lösen zu können, müssen Transportkapazitäten laufend transparent getrackt und sofort ausgenutzt werden können. Das geht nur mit breitbandigen Kommunikations- und Rechenleistungen.

Supply Chains sind weltumspannend und nachfrageorientiert. Eine Nachfrage hier in Europa zieht eine ganze Reihe von Konsequenzen rund um den Globus nach sich. Damit die Nachfrage befriedigt werden kann – und jede Fehlmenge bedeutet ein Verlust – muss die gesamte Supply Chain über viele Stufen transparent sein, wie das Schienennetz eines grossen Rangierbahnhofs. Allerdings besteht eine Supply Chain aus hunderten und tausenden selbstständigen Unternehmen, die sich womöglich nicht gerne in die Karten gucken lassen.

Wie eine transparente Supply Chain funktioniert, erklärt dieses knapp drei Minuten lange Video recht eindrücklich.

Komplexität kommt durch Flüsse zustande

Verkehr und digitale Vernetzung sind die Komplexitätstreiber der Globalisierung. Unsere Wirtschaft erfährt durch die beiden Technologien in den letzten 25 Jahren einen Phasenübergang und ist heute in einem Zustand, der völlig unvergleichbar ist mit dem Zustand der Wirtschaft vor 1980. Der Unterschied ist nicht bloss graduell, wie z.B. bei der Einführung der Dampfmaschine.

Interessant ist die Statistik der Zunahme der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten, hier stellvertretend vom Flughafen Frankfurt a.M. Man sieht, wie die rote Kurve der Flugbewegungen bis 1970 ansteigt und dann 15 Jahre lang stagniert.

Flugbewegungen

Erst 1985, mit der Vernetzung von Computern, konnte die Zahl der Flugbewegungen gesteigert werden.

Aber nicht nur der Verkehr liefert Flüsse. Auch der Geldfluss hat heute ein Volumen angenommen, das ohne vernetzte Computer nicht entstehen könnte. Allein von und zu Schweizer Banken fliessen in jeder Sekunde 2,5 Millionen Schweizer Franken über digitale Computernetze. Steht dieses Interbank-Clearingsystem z.B. 5 Minuten lang still, so liegen 750 Millionen Franken unproduktiv herum.

Was ist anders?

Globalen Handel hat es schon zu Marco Polos Zeiten gegeben und wurde in Kolumbus’ Zeit endgültig etabliert. Aber seit der Verfügbarkeit des Internets ist das Handelsvolumen explodiert, wie folgende Grafik der Statista zeigt.

Handelsvolumen

Vor 1990 war das Volumen im Gegensatz zu heute so gering, dass es gar nicht dargestellt werden kann. Dank Digitalisierung können heute ein Vielfaches an Geschäften abgewickelt werden,  die entsprechend viele Menschen beschäftigen. Grössere Maschinen sind ständig mit dem Hersteller vernetzt und liefern Laufdaten, die der Hersteller zu Wartungszwecken verwendet. Ein Traktor von John Deer kann schon gar nicht mehr gekauft werden; vielmehr wird die darin enthaltene Software lizenziert. Die Mechanik ist quasi gratis.

Routinearbeiten werden immer mehr durch Maschinen übernommen. Dafür werden immer mehr Geistesarbeiter benötigt, Softwareentwickler, Ingenieure, Operationsmanager.  Ein Ausfall der Computernetze hätte verheerende Auswirkungen.

Die Verwundbarkeit des Netzes

Würde das Netz über einen längeren Zeitraum ausfallen, würde dadurch die Wirtschaft kollabieren. Dauert der Ausfall länger – Tage, Wochen, Monate – so wäre die Wirtschaft nicht einfach auf dem Stand von 1970. Wir wären gar nicht mehr in der Lage, so zu wirtschaften, wie vor dem Internet, weil viele Rezepte, Maschinen und Prozesse nicht mehr vorhanden sind. Ein Wechsel zu einer 1970er Wirtschaft würde Jahre und Jahrzehnte dauern. Netzwerke sind gefährdete Organismen.

Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull hat 2010 einen kleinen Vorgeschmack davon gegeben, wie verletzlich unsere hochkomplexe Technik geworden ist. Der Verlust der Fluggesellschaften wird auf ca. 2 Milliarden Euro geschätzt. Die isländische Wirtschaft alleine hat einen Schaden von weiteren 3 Milliarden Euro eingefahren. Unbekannt ist die Höhe des Schadens, der dadurch entstand, dass 10 Millionen Fluggäste von Flugausfällen betroffen waren. Dabei war dieser Ausbruch ja verhältnismässig geringen Ausmasses. Nicht auszudenken, was passiert, wenn z.B. der Yellowstone, der Toba oder die Phlegräischen Felder ausbrächen. In letzteren sind aktuell verstärkte unterirdische Aktivitäten gemessen worden, so dass der Zivilschutz seit 2012 die Warnstufe erhöht hat. Die Liste der vulkanischen Hotspots ist lang. Dabei sind längst nicht alle verzeichnet. Neben Vulkanen gibt es eine Reihe weiterer Bedrohungen ähnlicher Art.

Ein grösserer Ausbruch, der weltweit nur paar (Sommer)Monate verdunkelt, würde nicht nur dazu führen, dass das Internet und damit die Wirtschaft zusammenbräche, sondern auch unsere Lebensmittelversorgung. Zum Glück fühlen wir uns in unserem Alltag sicher und verbannen solche apokalyptischen Szenarien in die Kinos, wo wir uns davon unterhalten lassen.

 

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Hier ist der Begriff “Internet” passender anstatt “Web», denn es kommen auch andere Protokolle als nur HTTP zum Tragen.

 

Werden wir in Zukunft mehr Zeit zum Lernen haben?

In Kapitel 6 der «Digitalen Kompetenz» befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit digitalen Tools und weisen auf das Dilemma hin, entweder sich im Tool-Dschungel oder den Anschluss an das digitale Zeitalter zu verlieren (1).

Das didaktische Hauptproblem

FreundeDie Lösung der didaktischen Hauptproblematik liegt jedoch nicht in der Computerisierung begründet und hat nichts mit digitaler Kompetenz zu tun. Lernen heisst

  • Fragen stellen und sie mit anderen diskutieren
  • Ideen ausprobieren, verwerfen, weiterentwickeln und sie mit anderen teilen
  • Mit ausdauernder Hartnäckigkeit forschen und experimentieren
  • Dem Scheitern zum Trotz kreativ neue Wege ersinnen
  • Vorhandenes Wissen zu neuem verknüpfen

Lernen ist also Engagement! Lernen ist eine natürliche Fähigkeit von Kleinkindern. Sobald sie in die Welt der «Produktionsprozesse» eintreten, verlernen sie es. Die Schule verlangt eine andere Fähigkeit, nämlich an den Prüfungen ein Resultat mit einer bestimmten Qualitätsanforderung zu produzieren.

Wer nur auf ein Diplom oder Zertifikat aus ist, wird das nötige Engagement, das zum Lernen vorausgesetzt ist, nicht erbringen wollen. Wie kann man Studierende in einer Welt voller Produktionsprozesse dennoch zum Lernen motivieren? Das ist das didaktische Hauptproblem.

Computerisierung der Bildungsprozesse könnte die Lösung des didaktischen Hauptproblems unterstützen, aber sie ist selber nicht die Lösung. Alle Bildungsprozesse sind auch ohne Computer machbar. Beispielsweise war mobiles Lernen schon immer möglich. Im Buch «So lernt man lernen» stellte Sebastian Leitner bereits in den frühen 1970er Jahren eine Zettel-Methode vor, mit der man unterwegs sehr effektiv lernen kann, auch ohne Smartphone oder anderen digitalen Hilfsmittel (2).

Ist der Wille zum Lernen nicht vorhanden, kann auch der beste Didaktiker mit den besten Tools nichts erreichen. Es wird wohl erst dann wieder gelernt, wenn wir endlich von der Produktionswut ablassen und uns mit weniger zufriedengeben. Dafür hätten wir mehr (Frei-)Zeit und könnten kontemplativer durch’s Leben gehen; eine gute Voraussetzung zum Lernen.

Weniger produzieren = mehr Zeit (zum Lernen)?

Mit der Computerisierung vor allem der Produktion (und weniger der Bildung) hätten wir die besten Voraussetzungen geschaffen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Vermutlich wird mit dem Computer viel Arbeit wegrationalisiert, so dass die Arbeitslosenquote in den nächsten Jahrzehnten beträchtlich ansteigen wird. Das finde ich eine sehr gute Nachricht, denn es war doch schon immer der Wunsch, möglichst wenig arbeiten zu müssen und dafür viel Musse zu haben. In der Steinzeit mussten die Leute vielleicht sechs Stunden am Tag arbeiten, um die Grundbedürfnisse zu erfüllen (Nahrung, Unterkunft, Sicherheit).

Die übrigen Stunden dienten den sozialen Kontakten oder es konnte geschlafen oder gedöst werden. Natürlich gehörte zu den sozialen Kontakten das Spielen mit den Kindern oder das Zusammensein mit den Alten. Beides ordnen wir heute den Produktionsprozessen zu und nennen es «Kindererziehung» und «Altenpflege».

alteHandGerade die Altenpflege ist ein Beispiel einer Arbeit, die wohl kaum computerunterstützt gemacht werden kann. Zwar ist der Einsatz von Robotern denkbar, aber letztendlich wird immer eine zuhörende und freundliche Person gefragt sein, die den Alten bei der Hand nimmt.

Niemand weiss, wie sich der Arbeitsmarkt angesichts der Computerisierung verhalten wird. Einige rechnen mit einem sich aufschaukelnden Wirkungskreislauf. Im Zuge erhöhter Produktivität werden die Preise sinken und die Löhne steigen (sic!), wodurch sich die Nachfrage nach Gütern erhöht, was wiederum neue Arbeitsplätze schafft. Andere prognostizieren eine Massenarbeitslosigkeit, hervorgerufen durch den rasanten Fortschritt digitaler Technologien, was die Einkommensunterschiede erhöht(3).

Um die Vorteile von weniger Arbeit zu geniessen, müsste aber eine Umorganisation der Gesellschaft stattfinden. Es dürfen nicht wenige für guten Lohn arbeiten und viele für wenig Almosen herumliegen. Die wenige Arbeit müsste gleichmässig auf alle verteilt sein, wobei es nach wie vor qualifiziertere und weniger qualifiziertere Arbeit gäbe, wie immer das definiert sein mag.

Das ist eine ziemlich klare Gefangenendilemmasituation. Das soziale Optimum ist weit weg vom Nash-Gleichgewicht und wird nur unter sehr restriktiven Bedingungen angenommen. Auf die Dauer wird sich Kooperation jedoch zweifellos durchsetzen, z.B. wenn die Situation der Werktätigen nicht mehr attraktiv genug sein wird. Welche Täler der Tränen bis dahin aber durchlaufen werden müssen, bleibt dahingestellt.

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Sebastian Leitners Lernkartei

(3) Natalie Gratwohl. Folgen der Digitalisierung: Massenarbeitslosigkeit oder viele neue Jobs? 9.12.2015

 

Digitalisierung ist eine wichtige Voraussetzung der Globalisierung

Das vierte Kapitel von Werner Hartmanns und Alois Hundertpfunds Buch über digitale Kompetenz handelt von Globalisierung und interkultureller Kompetenz (1).

Globalisierung sehe ich als eines der komplexitätsschöpfenden Muster in unserer Gesellschaft.

Globalisierung = VT + IT

VerkehrGlobalisierung ist nicht in erster Linie eine Folge der Digitalisierung, sondern der Transport – und Verkehrstechnologie (VT), wie sie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand. Nur mit effektiven Transportmitteln für Menschen und Waren ist es überhaupt möglich, weiträumige und weltumspannende Geschäfte zu machen, wodurch im Alltag Menschen der verschiedensten Kulturen vermehrt zusammenarbeiten müssen. Um die nötigen Massen (an Menschen und Waren) verschieben zu können, müssen die Transportmittel effizient gesteuert werden können, was nur mit digitaler Technologie möglich wurde.

Unter Transportmittel verstehe ich in erster Linie Automobile (PW und LKW), Flugzeuge und Schiffe. Automobile sind nur regional einsetzbar, sie dienen der Feinverteilung. Mitte des 20. Jahrhunderts waren Flüge noch sehr exklusiv und teuer. Sie eigneten sich nicht zur Globalisierung. Erst mit dem Aufkommen von leistungsfähigen und günstigen Computern wurde es möglich, so viele Flugzeuge und Schiffe gleichzeitig in der Luft und auf dem Wasser zu halten, dass sich der Transport von Waren und Menschen lohnt. Heute sind sogar Automobile mehr Computer als mechanische Maschinen und der dichte Strassenverkehr wäre ohne steuernde IT-Systeme nicht möglich. Verkehrstechnologie erschöpft sich denn nicht einfach im Herumkutschieren eines Fahr- oder Flugzeugs. Verkehrstechnologie ist viel komplexer!

Das Vermischen der Nationalitäten

Die Globalisierung fiel aber mit der Erfindung des Computers nicht vom Himmel. Auf den Geschmack weltweiten Handels ist man bereits einige Jahrhundert vorher gekommen. Mit dem Ausbau der Eisenbahn als Mittelstreckentransportmittel begannen sich vorerst die Völker in Europa zu mischen. In den 50er und 60er Jahren kamen grosse Massen von Italiener und Spanier auf die Alpennordseite, weil hier die Industrie boomte und Arbeitskräfte brauchte. Umgekehrt begannen die Menschen des Nordens, an der Mittelmeerküste Ferien zu machen. Das war in den 50er und 60er Jahren eine durchaus neue Entwicklung.

Natürlich standen sich diese Nationalitäten einigermassen nahe, und trotzdem begegneten sie sich vorerst skeptisch. Aber die Menschen begannen sich bald in grösseren Regionen zu durchmischen. Mit zunehmenden Transportmöglichkeiten arbeiteten immer mehr Mitteleuropäer in Ländern des mittleren Ostens und Afrika. Umgekehrt lebten Menschen aus afrikanischen und asiatischen Länder bereits in den 60er Jahren in mitteleuropäischen Städten.

Technical Natives

Damals setzten die Unternehmen auch immer mehr Computer ein. Diese waren zwar noch wenig leistungsfähig und von personal computing weit entfernt. Aber sie steuerten Transport und Produktion, die immer mehr automatisiert wurde. Das erforderte von den Mitarbeitern zunehmende (Aus-)Bildung und Fähigkeiten im Umgang mit der neuen Technologie. Zudem mussten vor allem die jungen Leute lernen, ein Automobil zu lenken und sich im Dickicht des Städteverkehrs, der Verkehrsregeln und –gesetzgebung zurecht zu finden.

Die Menschen der Generation, die zwischen 1940 und 1960 geboren wurden, waren „technical natives“. Sie entwickelten im Umgang mit allerlei technischen Geräten eine Selbstverständlichkeit, die vorher nicht benötigt wurde. Viele arbeiteten in den 60er und 70er Jahren am Arbeitsplatz mit Automaten, Computer, Transport- und Baumaschinen, etc. und benutzten privat, TV, tragbare Radios, Telefone, Fotoapparate, Walkie Talkies, Tonaufnahmegeräte, u.a. für die Speicherung von Musik, oder allerlei Haushaltgeräte. Niemand hat die Angehörigen der jungen Generation, die mit den neuen Technologien so selbstverständlich umging, deshalb speziell bewundert.

Unvorhersehbarkeit

Innerhalb der nächsten 10 Jahren kamen Personal Computer auf den Markt. Ich kaufte meinen ersten 1982 und versandte damit 1984 das erste Mail. Es war für mich eine natürliche Fortsetzung der technologischen Entwicklung der letzten paar Jahrzehnte.

Social Media und andere Web 2.0 Technologien führen zu einer zunehmenden globalen Kommunikation. Das kann beim Aufbau komplexer Muster eine verzögernde Konsequenz haben, weil lokale Fluktuationen sich schneller durch das System propagieren und verhindern, dass sich die Fluktuationen durchsetzen können. Das hätte Entspannung zur Folge. Wenn das System jedoch sehr gross – eben global – oder morphologisch stark heterogen ist, dann können sich Fluktuationen auch nur auf Teilen des Systems durchsetzen. Das manifestiert sich in den Meinungsaggregationen, von denen ich im letzten Blog gesprochen habe, gegen die auch Kritik keine Wirkung zeigt, bis hin zu politischen und weltanschaulichen Überzeugungen, die sich in gewissen Regionen der Welt stabil aufbauen. An den Grenzen der einzelnen Systemstrukturen kann es dann verstärkt zu Spannungen kommen, bei deren Auflösung sich eines der komplexen Muster durchsetzen kann.

Die Komplexität, d.h. die globalen Meinungs-, Handels- und Verhaltensmuster, ist derart hoch, dass  zukünftige Entwicklungen auch von Experten nicht mehr vorhersehbar sind.

(1)  Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann. hep Verlag, 2015, 176 Seiten. ISBN 978-3-0355-0311-1

Hilft kritisches Denken?

In Kapitel 3 ihres Buches „Digitale Kompetenz“ schreiben Werner Hartmann und Alois Hundertpfund

Auf der anderen Seite nimmt die Komplexität in unserem Umfeld aufgrund der Vernetzung und der Globalisierung zu

Das ist sehr richtig. Es ist aber unklar, was die Autoren hier unter Komplexität denn überhaupt verstehen. Es scheint, dass sie dabei an komplizierte technische Konstrukte denken, wenn sie z.B. behaupten, dass moderne Flugzeuge „äusserst komplexe Systeme“ seien.

Komplexität weist den Individuen eine Meinung zu

Benard
Einfache Strukturierung eines Systems in verschiedene Kompartimente. Komplexe Systeme haben viele solche Strukturen, die einander überlagern. Jedes Individuum gehört einem der Kompartimente an.

Meine Sicht von Komplexität ist die, dass sich eine wohldefinierte Population von Individuen unter dem Druck von Ressourcenströmen durch Selbstorganisation dynamisch strukturiert. Erst durch diese dynamische Struktur wird die Population zum System. Jedes Mal, wenn sich die Qualität der Ressourcenströme ändert, nimmt das System eine neue dynamische Struktur an, die auf der alten aufbaut. Der Wechsel zu neuen, höheren Strukturen erfolgt in immer kürzerer Zeit.

Die dynamischen Strukturen bestimmen das Verhalten und die Präferenzen der Individuen. Insofern ist es für mich ein Widerspruch, wenn Hartmann und Hundertpfund behaupten, dass die Komplexität zunehme und dadurch Kritik eine Anforderung an die Individuen sei. Sie schreiben

Neu ist, dass die Notwendigkeit, kritisch zu sein und Kritik zu üben, zunimmt, je grösser der Einheitsbrei an Informationen wird und je mehr Macht sich hinter diesem konzentriert

Mal ganz abgesehen davon, dass von einem strukturlosen „Einheitsbrei“ an Informationen im Web keine Rede sein kann, gehört es zum Wesen der Selbstorganisation von Strukturen, dass die Individuen in die eine oder andere Ecke gedrängt werden.

Überzeugungs- und Glaubensstrukturen

Auf dem Weg in die Komplexität gehören Religionen zu den ersten grossen Strukturen. Vielleicht gäbe es heute bloss eine einzige Weltreligion, wenn es das Web bereits vor ein paar Tausend Jahren gegeben hätte. Die kurze Reichweite der damaligen Kommunikation oder die schwache Intensität der Informationsströme führte zu einer Struktur, die aus mehreren Glaubensblöcken besteht, die recht stabil sind. Je länger der Weg in die Komplexität, desto mehr solche Glaubensstrukturen gibt es – von einzelnen Glaubensrichtungen innerhalb der grossen Religionen über ökonomische Glaubensinseln, wie die des Kapitalismus bis hin zu so nebensächlichen Überzeugungen, welches Computerbetriebssystem das beste sei. Zu jeder Überzeugung gibt es auch das Komplement. All das organisiert die Menschheit in eine grosse komplexe Struktur. Jedes Individuum gehört dabei in eines der Strukturkompartimente. Der Behauptung „Kritik darf etwas ablehnen – auch wenn sie keine Alternative bereithält“ möchte ich zwar zustimmen, weise allerdings darauf hin, dass die Ablehnung per se Alternative ist.

Benardrollen
Die Kompartimente müssen in komplexen Systemen nicht notwendigerweise exakt abgegrenzt sein, sondern können in sich übergehen und sich ineinander verschlingen.

Einige kreisen für immer in einem Kompartiment, andere werden dynamisch durch mehrere Kompartimente hindurch geschleust. Ob das aufgrund ihrer Kritik so ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Es ist mehr eine Frage der Position innerhalb der globalen Struktur. Ich, der in Europa der Community über digitale Bildung angehöre, befinde mich in irgendeinem Kompartiment der durch die MOOC-Diskussion bestehenden Struktur (oder Feinstruktur). Es spielt dabei keine Rolle, ob ich xMOOC oder cMOOC oder grundsätzlich MOOC gegenüber kritisch oder skeptisch bin. Hingegen spielt möglicherweise die MOOC-Frage für Menschen, die in einer unfruchtbaren Gegend Afrikas wohnen, keine Rolle (obwohl das MOOC-Marketing behauptet, gerade diesen Menschen Bildung nahe bringen zu wollen).

Ich glaube, dass sich unsere Welt durch das Web sehr verändert hat. Das Web trägt in hohem Masse zur dynamischen Strukturierung der Menschheit bei. Einerseits fördert es die Entstehung neuer Dynamiken, indem es Meinungen rasch verbreitet und den Individuen die Möglichkeit gibt, diese zu adaptieren oder sich dagegen zu positionieren, andererseits sind die Kompartimente der neuen Strukturen dank der globalen Kommunikation im Web bedeutend gröber als sie ohne Web wären.

Toleranz statt Kritik

Förderung von kritischem und flexiblem Denken sei eine Kernaufgabe der Schule, fordern Hartmann und Hundertpfund. Und das erreiche sie durch Unterrichtsmethoden, wie projektbasiertes und entdeckendes Lernen. Gerade an der Methodenfrage gehen ja momentan die Emotionen hoch, wie bei allen oben genannten Überzeugungs- und Glaubensrichtungen. Die Strukturierung der Menschheit in verschiedene Lager oder Kompartimente sind doch Anlass für Streit und Krieg. Daher ist mir die andere Aufgabe, die Hartmann und Hundertpfund der Schule zuschreiben, nämlich „darauf hinzuweisen, dass unser subjektives Denken fehlerhaft sein kann“ viel wichtiger als die Vermittlung von Kritikfähigkeit. „Denkfehler können ein ganzes Denksystem als faszinierendes Gebäude erscheinen lassen, obwohl es auf falschen Annahmen beruht“. Wer in einer solchen Situation kritisiert, wird bestenfalls überhört oder, schlimmer, mundtot gemacht. Hier hilft nicht Kritik, sondern die Veränderung der Meinungs- und Glaubensstrukturen. Wichtiger als Kritik ist es, zu verstehen, dass etwas aus verschiedenen Blickwinkeln angesehen werden kann. Toleranz ist mir wichtiger als Kritik.

Erhöhte online Kommunikation wird zu neuen Strukturen führen

Im zweiten Kapitel ihres Buches „Digitale Kompetenz“, befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit „Sozialer Intelligenz und Verständigung“. Sie schreiben gleich zweimal:

Das Ablenkungspotential der digitalen Medien ist zugegebenermassen hoch

Es werde allgemein beklagt, dass es heute immer schwieriger sei, sich auf eine Arbeit zu konzentrieren(1). In der Pendlerzeitung „20 Minuten“ vom 13. Oktober 2015 hat denn auch ein IT-Professor einmal mehr erklärt, dass „die Jungen“ täglich bis zu drei Stunden auf dem Handy herumklicken, während der intensive Gebrauch von digitalen Medien die Produktivität herabsetze, Stress verursache und zum „digitalen Burnout“ führe.

Das ist der Grundtenor der Kritik des frühen 21. Jahrhunderts, so wie es im ausgehenden 18. Jahrhundert Kritik an der Industrialisierung gab. Ein Phasenübergang ist eine Veränderung und ruft wie jede Veränderung Ängste und Widerstand hervor.

Die neue Produktivität ist in Sozialen Medien

Mit jedem Phasenübergang nimmt die Komplexität der Gesellschaft zu, worauf neue Kompetenzen gefragt sind, um in der erhöhte Komplexität existieren zu können. Jeder Komplexitätsgrad verlangt von den Systemelementen – in diesem Fall den Individuen – ein spezifisches Verhalten. Es war die Absicht der Digitalisierung, die Wirtschaftsprozesse effizienter zu machen und den Menschen Arbeit abzunehmen.

Daher ist es heute nicht mehr notwendig, dass man täglich acht Stunden arbeitet. Das haben allerdings noch nicht alle verstanden, wodurch es zu den für Phasenübergänge typischen Turbulenzen kommt: Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeiten und Polarisierungen. Leider werfen diese Turbulenzen Schatten in Form von Pfadabhängigkeiten in die Zukunft. Daher ist es wichtig, dass wir jetzt unsere Anstrengungen nicht in die Abwehr des Neuen stecken, sondern für die digitale Transformation die richtigen Weichen stellen.

Wenn wir dank Digitalisierung nicht mehr acht Stunden arbeiten müssen, können wir die übrige Zeit in die durch die Digitalisierung ermöglichten neuen Medien und Kommunikationsmittel investieren. Der Aufbau neuer Strukturen hat immer ein erhöhter Kommunikationsbedarf. Insofern ist der intensive Gebrauch neuer Medien nicht eine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Die Beschäftigung mit dem Handy geschieht in Wartezeiten

Kommunikation kann auch konfliktabbauend sein. Der grenzübergreifende Gebrauch sozialer Medien mit ihrem unmittelbaren Informationsaustausch kann viel zur Verständigung der Völker beitragen und die usurpierte Macht von Diktatoren und Konzernbonzen aufdecken und abbauen. Insofern stört z.B. der Gebrauch des Handys nicht, sondern umgekehrt: eine achtstündige Arbeit stört beim Kommunizieren mit dem Handy.

Oder auf die Schule bezogen: Solange der Lehrer redet, stört er sowieso beim Lernen. Dann bleibt nur noch die Beschäftigung mit dem Handy. Gebt den Schülern eine anspruchsvolle Aufgabe und sie vergessen das Handy! Das ist grundsätzlich so. Es käme keinem Chirurgen in den Sinn, während einer Operation auf’s Handy zu schauen, oder einem Maurer, während er Backsteine einpasst. Wenn ich vor einer Klasse stehe oder sonst einem Publikum, mache ich mir Gedanken, was ich als nächstes sagen will und nicht, welche Tweets oder Mails ich erhalten habe. Das Handy bleibt stumm während wir einer Arbeit nachgehen. Das ist allen selbstverständlich.

Es werden ganz neue Geschäfts- und Gesellschaftsmodelle möglich

Unconventional computing: the mould robot Plasmobot: http://www.computescotland.com/unconventional-computing-the-mould-robot-plasmobot-2678.php
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Die zunehmende Vernetzung kann zu einem Superorganismus führen, ähnlich wie Myxomyceten aus vielen Einzellern bestehen. Tausende von ihnen können sich durch erhöhte Kommunikation zu einem übergeordneten Organismus verbinden, der oft aussieht, wie ein Pilzkörper. Haben sie die Aufgabe erfüllt, löst sich der Pilz wieder in die Einzeller auf, die individuell neue Lebensgrundlagen suchen (2). Solche Schleimpilze werden auch etwa „Plasmobot“ genannt, weil sie durchaus in der Lage sind, komplizierte Aufgaben zu lösen.

Unconventional computing: the mould robot Plasmobot: http://www.computescotland.com/unconventional-computing-the-mould-robot-plasmobot-2678.php
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Genauso stelle ich mir vor, dass sich Communities über das Web zusammentun, um projektmässig ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Unternehmen und Staaten werden dabei immer mehr in den Hintergrund treten. Solche Superorganismen sind vollständig selbstorganisiert, ohne dass jemand führt oder auch nur moderiert. Einfach die schiere Menge an Klicks, Likes, Comments und Contributions macht es aus. Erste Trends in dieser Richtung können schon berichtet werden, so z.B. die Hilfsaktion „Mission 4636“ anlässlich des Erdbebens 2010 auf Haiti (3).

Wir sind erst am Anfang. Bald wird es nicht nur bei Hilfsaktionen oder der Durchsetzung von Rechten gegenüber einem Staat oder einem Unternehmen bleiben. Sobald Crowdfunding und Ideasharing in grossem Stil gepaart werden, können ganz neue Strukturen entstehen. Das bedingt aber, dass sich Millionen ständig austauschen und stundenlang social und online arbeiten. Digitale Abstinenz ist jedenfalls immer weniger hilfreich.

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann. hep Verlag, 2015, 176 Seiten. ISBN 978-3-0355-0311-1

(2) P. Addor, Die Schleimpilz-Unternehmung. 1996

(3) MunichRe, Katastrophenanalyse mit Social Media: Schwarmintelligenz soll Leben retten.  TopicsOnline, 2015

Die Kompetenz, mit Wissen relevantes Wissen zu kreïeren

Das Buch „Digitale Kompetenz“ von Werner Hartmann und Alois Hundertpfund beleuchtet zehn zentrale Fähigkeiten, die in der komplexen Welt des 21. Jahrhunderts unumgänglich sind. Ich werde jedes Kapitel des Buches zur Grundlage eines Blogartikels wählen und damit jedes Mal eine Kernkompetenz im Umgang mit Komplexität beschreiben.

Solange es noch Entscheider gibt, die unter dem Paradigma sozialisiert wurden, dass Ausbildung Wissenserwerb sei, wendet sich das Buch (noch) eher an Hochschulen und Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in selbstbestimmtem Lernen ausbilden müssen.

Tiefgreifende Veränderungen innerhalb einer Generation

Haben Sie die Meinung, dass man heute nichts mehr wissen muss, weil man alles im Internet – gemeint ist das „Worldwide Web“ – nachsehen kann? Oh, wenn es doch so einfach wäre!

Der Unterschied von heute zu der Zeit vor dem Web besteht nicht bloss darin, dass es heute viel mehr Informationen gibt, die erst noch jedem Menschen zugänglich sind. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass

  1. jede Person beliebige Informationen produzieren und verbreiten kann,
  2. sämtliche jemals produzierten Informationen dank billigem Speicherplatz bestehen bleiben,
  3. Zugriff zu Informationen über unzählige Kanäle und Informationsdienste möglich ist, deren Wirkungen auf die transportierten Informationen nicht transparent sind.

MitmachwebWas hat das für Konsequenzen? Aus der Tatsache, dass jeder seine Meinung im Web publizieren kann folgt z.B., dass es im „Mitmach-Web“ keine zentralen Autoritäten und Redaktionen mehr gibt, die Konventionen festlegen. Das bedeutet aber, dass die Web-Nutzer die Kompetenz haben müssen, Informationen zu beurteilen und zu selektieren.

Lernbegleiter kennen Plattformen und Kanäle

Informationskompetenz bedeutet in dieser Hinsicht, Informationen auf ihre Relevanz und Bedeutung einschätzen zu können, sie kritisch zu hinterfragen und im Vergleich verschiedener Quellen deren Qualität zu beurteilen. Sich skeptisch mit den gefundenen Informationen zu befassen, unabhängige Quellen und Informationsplattformen zum selben Thema zu konsultieren und zu vergleichen, beansprucht mehr Zeit, als wenn es zum Thema weniger Informationen gäbe. Vor allem beansprucht es mehr Kenntnisse und Wissen.

communication-technology-in-societyZu der Informationsflut kommt eine zunehmende Anzahl von Kanälen und Plattformen, deren Bedeutung sich rasch verändert.

Informationskompetenz als Lernziel erfordert Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit den verschiedenen Plattformen. Lernbegleiter müssen digitale Plattformen und Kanäle kennen und insbesondere Erfahrung mit den gängigsten Social Media haben.
Das Web ist zum hauptsächlichsten Lern- und Arbeitsraum der heutigen Zeit geworden. Im Web müssen wir ständig Informationen und Plattformen auswählen. Jean-Paul Sartre soll darauf hingewiesen haben, dass uns Freiheit dazu verdammt, ständig eine Wahl treffen zu müssen. Das geht aber nicht ohne Wissen.

Bildungsinstitute vermitteln Kompetenzen, Wissen muss sich jeder selbst aneignen

Es ist paradox: je mehr Wissen herum liegt, desto mehr muss man wissen, um das relevante Wissen zu finden. Wissen vermehrt sich autokatalytisch.

Breites Allgemeinwissen und tiefes Fachwissen ist heute notwendiger denn je. Bildungsinstitutionen wandeln denn auch auf einem gar schmalen Grat zwischen ausschliesslicher Vermittlung von Wissen, das meist vor Beendigung des Lehrgangs zu veralten droht, und Befähigung von Kompetenzen, wie z.B. der Informationskompetenz.

Studien_InformationsflutNatürlich verfliessen Wissen und Kompetenzen. Beispielsweise ist das Beherrschen eines Musikinstruments eine Kompetenz. Aber ohne Wissen, z.B. über den Bau des Instruments oder über Musiktheorie, lässt sich diese Kompetenz nicht sinnvoll erwerben.

Nichtsdestotrotz liegt das Aneignen von Wissen in der Verantwortung jedes Lernenden. Das ist ihnen nur noch nie gesagt worden. Heute ist die Aufgabe der Schule nicht mehr Vermitteln von Wissen, sondern die Befähigung zum selbstbestimmten Wissenserwerb.

Beim Thema „Information und Wissen“ geht es um die Kompetenzen, den Bedarf an Informationen zu erkennen, diese zu finden, zu beurteilen, zu speichern, zielgerecht zu verarbeiten, neu aufzubereiten und zugänglich zu machen. Zwar können die meisten Studierenden und Mitarbeiter die Informationen professionell layouten und mit ansprechenden Grafiken versehen, aber über eine schiere Aneinanderreihung von Fakten kommen sie nicht hinaus, weil sie nie gelernt haben, die vorhandenen Informationen zu vergleichen, sinnvoll zu verweben und zu einem neuen Ganzen zusammenzustellen.

Nicht Reduktion, sondern Synthese

Hartmann und Hundertpfund nennen das „Reduktion“, wenn sie schreiben:

War es in der Buchgesellschaft ein wichtiges Ziel, überhaupt genügend Quellen und Informationen zu erschliessen, verlangt die Informationsgesellschaft die Fähigkeit zur Filterung, zur Reduktion und zur Vertiefung.

Und:

Die Reduktion komplexer Sachverhalte mit dem Ziel, diese überschaubar und verständlich zu machen, ist eine … zentrale Aufgabe der Schule. Die Konzentration auf das Wesentliche gehört zum Handwerk des Lehrerberufs. Wichtig ist es, diese Methoden auch den Lernenden transparent zu machen.

Das klingt mir zu sehr nach „Komplexitätsreduktion“ und Vereinfachung, um nicht zu sagen „Trivialisierung“. Ich will komplexe Sachverhalte auf keinen Fall reduzieren, sondern im Gegenteil: Die zahlreichen Informationen über einen komplexen Sachverhalt sehe ich wie die chaotisch herumliegenden Farbtöpfe im Atelier eines Kunstmalers.

Maleratelier

Aufräumen, reduzieren, Ordnung schaffen, von ähnlichen Farben nur je eine zu behalten und die restlichen wegzuwerfen, etc. bringt nichts Neues hervor. Erst durch Auftragen all der Farbenvielfalt auf die Leinwand, Durchmischen und neu Anordnen des Farbendurcheinanders entsteht ein Bild.
Genauso muss man mit Informationen umgehen. Nicht die Vielfalt reduzieren, sondern kombinieren und verfliessen lassen, das führt zu neuen Inhalten.

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann. hep Verlag, 2015, 176 Seiten. ISBN 978-3-0355-0311-1