Kategorie-Archiv: Komplexität

Fehler machen – gewusst wie!

borgertDieser Beitrag ist etwas ganz Besonderes. Es ist nämlich ein Gastbeitrag von niemand geringerem als Stephanie Borgert, die bekannte Erfolgsautorin mehrere Bestseller zum Themenkreis „Komplexität“.  Ihr neustes Buch „Die Irrtümer der Komplexität“ habe ich hier rezensiert.

komplexitaetIm folgenden Artikel sinniert Stephanie Borgert über neuguineanische Schweine in den Gärten der Nachbarn und was das mit dem Anspruch zu tun hat, dass alles fehlerfrei und definitiv sein muss.

Vielen Dank, Stephanie!


Das „Agieren in nicht vorhersagbaren Kontexten“ ist die Herausforderung für Manager. Täglich erscheinen Artikel mit den Schlagwörtern „experimentieren“, „Fehlermachen“, „scheitern“ und sie proklamieren deren Bedeutung. So weit, so gut. In einem komplexen Umfeld treffen Manager Entscheidungen auf der Basis von Experimentieren (Ausprobieren) und Muster erkennen. Dabei werden Fehler (also nicht erwünschte Ergebnisse) entstehen und das führt möglicherweise zum Scheitern.

Wird das Thema aufgegriffen, werden meistens Beispiele von Insolvenzen, „totalem“ Scheitern und einem dramatischen Untergang bemüht. Das ist zwar anschaulich und eindrücklich, aber auch irreführend. Denn meistens bewegen wir uns als Individuen genauso wie jede Organisation auf der vielfältigen Achse zwischen „makellos erfolgreich“ und „total in die Hose gegangen“. Gleichzeitig gehen die Artikel nie in die Tiefe. Da es konzeptionell große Unterschiede im Fehlermachen beziehungsweise -vermeiden gibt, ist das aber dringend notwendig.

Fail-safe oder Safe-fail

Ganz offensichtlich ist es von Vorteil, wenn in einem Kernkraftwerk durch mehrere Stromkreise sichergestellt ist, dass bei einem Stromausfall die Energieversorgung weiter gewährleistet ist. Umfangreiche technische Konstrukte arbeiten berechtigterweise mit diesem Fail-safe-Prinzip, bei dem Redundanzen auf der Basis errechneter Wahrscheinlichkeiten geschaffen werden. Leider wird dieses Prinzip oft eins zu eins auf Organisationen übertragen. Egal ob Produktionsprozess oder Projektmanagement, die Systeme werden robust, narren- und ausfallsicher aufgesetzt. Mit dem Ziel, der (möglichst) vollständigen Fehlervermeidung wird alles Erdenkliche unternommen, um deren Wahrscheinlichkeit zu reduzieren. Das führt zu dem Ergebnis, dass die Menschen sich so verhalten, als läge die Wahrscheinlichkeit bei null Prozent. Welch ein Denkfehler in komplexen Kontexten!

failsafeDadurch beschränkt sich auch das Experimentieren auf die Trial-and-Error-Methode. Bei einem neuen Produkt heißt das beispielsweise, es wird erst gelauncht, wenn es fertig ist und alle sicher sind, dass es erfolgreich sein wird. Diese Sicherheit ist aber ein Irrglaube, denn eine Garantie gibt es am Markt nie. Bleibt der Erfolg aus, wird das nächste Produkt platziert. Eins nach dem anderen, Trial-and-Error eben. Der Preis für diese Art des Managements ist hoch, die Währung Flexibilität, Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit.

Von Gärten und Schweinen

Ein alternativer Ansatz zur Schadensvermeidung ist die Schadensbegrenzung. Das Safe-fail-Prinzip unterstellt, dass Fehler passieren und nicht zu vermeiden sind. Experimentieren heißt in dem Fall, tatsächlich Fehler zu machen und zu scheitern. Ohne das lassen sich die Grenzen des Machbaren nicht ausloten. Systemisch bedeutet, „an Grenzen zu stoßen“, das System zu regulieren. Der kanadische Ökologe Buzz Holling erläuterte das Prinzip an dem Ritual einer Bevölkerungsgruppe Neuguineas: Die Menschen dort bauen einen Großteil ihrer Nahrung selbst an und zwar in ihren eigenen Gärten. Schweinefleisch ist dort ebenfalls ein wichtiges Lebensmittel, wird jedoch nur zu einem bestimmten zeremoniellen Anlass gegessen. Diese Zeremonie findet immer statt, wenn die „Betriebstemperatur“ hoch ist und Konflikte aufkeimen. Dann werden die Schweine verzehrt und die Götter um Versöhnung gebeten. Der wesentliche Grund für die Konflikte ist die hohe Schweinepopulation. Sie beginnen die Gärten zu verwüsten und das provoziert Streit unter den Nachbarn. Nach der Zeremonie ist der Streit ausgeräumt. Dabei dient das Ritual weniger dazu, die Schweinepopulation zu kontrollieren, sondern die Bevölkerung vor unkontrollierter Instabilität durch Konflikte zu bewahren.

schweinWäre das Zusammenleben dieser Menschengruppe in Neuguinea durch Prozesse, Verfahren und Richtlinien aus unseren Organisationen geregelt, so wäre sicher zuerst die Anzahl an Schweinen pro Familie definiert und festgelegt. Die Schweinepopulation könnte also insgesamt einen gewissen Schwellwert nicht überschreiten. Wenn gleichzeitig durch den Bau von Zäunen und der Regel die Einhaltung von „Schweine dürfen keine fremden Gärten betreten“ der Bewegungsradius geklärt ist, kann nichts mehr schiefgehen. Zur Feier der entstandenen Schadensvermeidung gäbe es halbjährlich eventuell eine Zeremonie, auch wenn dafür gar kein Anlass mehr existiert. Es wäre der übliche Versuch, ein komplexes System zu steuern und Fehler zu vermeiden.

Der kontrollierte Ausfall

In Neuguinea hat die Gruppe dagegen eine Methode gefunden, kontrollierte Ausfälle zu generieren. Die anschwellenden Konflikte unter den Nachbarn sind das sichere Signal, dass das System eine Korrektur benötigt. Die Zeremonie dient genau dieser Korrektur. Das System ist also nicht überreguliert (wie die meisten Organisationen), sondern selbstorganisiert. Einige, wenige Restriktionen regeln „wie diese Bevölkerungsgruppe tickt“. Die Menschen dort lassen also das System bis an seine Grenzen laufen, Fehler entstehen. Die sind der Anlass für eine Korrektur, finales Scheitern wird so verhindert. Die Flexibilität der Gesellschaft bleibt erhalten.

Was bedeutet das nun für Organisationen? Für die Antwort möchte ich ein Beispiel vorstellen, denn ein generelles Rezept existiert nicht. Komplexität ist immer Kontext, aber es existieren einige Inspirationen, von denen sich lernen lässt.

googleGoogle ist hier, wie so oft, eines der guten Beispiele. Als ein Meister der Safe-fail-Experimente bringt das Unternehmen laufend zahllose Produkte und Dienstleistungen auf den Markt. Angefangen von Dodgeball über Jaiku, Wave, Google Catalogs oder Mashup Editor. Die meisten dieser und vieler anderer Produkte sind unbekannt. Sie sind fehlgeschlagene Experimente. Es ist eine wesentliche Eigenschaft von Google, dass es die Fähigkeit zum Fehlermachen und aus ihnen zu lernen besitzt. Projekte werden beendet, sobald sie als Misserfolg bewertet werden. Scheitern ist ein wichtiger Teil des Erfolgskonzeptes. Fehler machen – gewusst wie:

  • Probiere viele Dinge aus.
  • Gehe davon aus, dass einige fehlschlagen.
  • Begrenze die Kosten des möglichen Fehlschlages.
  • Gestehe Fehler und ein Scheitern frühzeitig ein.

Hinter diesen vier Punkten steckt mehr als „sich einfach mal ein Experiment ausdenken“. Es geht um Haltungen und Sichtweisen im Management einer Organisation. Für das Meistern von Komplexität ist der „richtige“ Umgang mit Experimenten, Fehlern und Scheitern essentiell.

Kompetenzen sind verschachtelt

Wir stehen kurz vor einer Kompetenzkatastrophe, wenn wir John Erpenbeck und Werner Sauter Glauben schenken wollen, die in Ihrem Buch «Stoppt die Kompetenzkatastrophe» behaupten, dass «das Wissensweitergabe- und Wissensbeurteilungssystem unerschütterlich zu sein scheint» (1).

Erpenbeck und Sauter möchten mehr Kompetenzen vermitteln, ein Anliegen, das in Anbetracht erhöhter Komplexität überaus berechtigt ist. U.a. nennen sie auch die Kompetenz systemischen Denkens und Handelns, was ich durchaus begrüsse. Das Buch ist ein Muss für alle diejenigen, die sich an der Bildungsdiskussion beteiligen, auch wenn es zuweilen etwas nötigend geschrieben ist. Ich denke, mit mehr Sachlichkeit hätten die beiden Autoren ihr Anliegen produktiver vertreten können. Erpenbeck und Sauter nennen ihr Buch denn auch «Streitschrift».

Vier Kompetenzkategorien

Natürlich ist die Problematik vielschichtig und mehrdimensional. Ich möchte hier jedoch einen Aspekt beleuchten, der mir zu denken gibt: heisst die Alternative zu «Wissen» tatsächlich ausschliesslich «Kompetenz»? Erpenbeck und Sauter räumen ein, dass die beiden Begriffe komplementär seien und es ohne Wissen keine Kompetenz gebe, dass Wissen allein aber zu «Wissensblödigkeit» führe. Das ist richtig, aber aus meiner Sicht noch nicht alles. Ich möchte noch die Begriffe «Verstehen» und «Routine» in die Diskussion werfen.

Zunächst begreifen Erpenbeck und Sauter «Kompetenz» über vier Grundkategorien:

  • personale Kompetenzen
  • Aktivitäts- und Handlungskompetenzen
  • Fach- und Methodenkompetenzen
  • sozial-kommunikative Kompetenzen

Verstehen ist wichtiger als Wissen

Diese vier Kategorien haben sich in der Literatur offenbar weitgehend durchgesetzt, greifen m.E. aber etwas zu kurz. Ich möchte das an meinem Fach der Mathematik erläutern. In der Schulmathematik braucht es kaum Wissen. Wissen beschränkt sich auf Definitionen und Algorithmen.

Eine nächste Stufe ist jedoch das Verstehen. Wer eine Formel auswendig lernt, vergisst sie sofort wieder. Wer die Formel aber versteht, braucht sie nicht zu wissen, denn er kann sie jederzeit herleiten. Das Herleiten ist eine Kompetenz. Sie basiert nicht auf Wissen, sondern auf Verstehen. Ein Beispiel: Es musste der Ausdruck a \cdot b durch 3 geteilt werden. Ich schreibe \frac{a}{3} \cdot b, worauf ein 35jähriger Lernender fragt, warum ich nur a durch 3 geteilt habe und nicht den ganzen Ausdruck. Hier ist ganz primitives Arithmetikverstehen auf der Strecke geblieben. Es hat nichts mit Wissen zu tun.

Routine als „Kompetenzkleister“

Die Anwendung der (hergeleiteten) Formel ist solange «holprig», wie keine Routine darin besteht. Routine ist ein wichtiges Element in der Schulmathematik. Wir kennen das auch beim Beherrschen eines Musikinstruments. Die Kompetenz heisst hier wohl «ein Musikstück interpretieren und spielen können». Diese Kompetenz basiert weniger auf Verstehen, als vielmehr auf Routine.

Jede Kompetenz erfordert Routine, auch jede mathematische Kompetenz. Routine gibt es nur durch tägliches Üben. Ganz ohne Drill geht es nicht, aber es ist dasselbe wie beim Wissen: Wenn Routine ohne Anwendungskompetenz besteht, führt dies zu einer Routineblödheit.

Kompetenzen lassen sich nicht vermitteln

Neben den vier, durch Metakompetenzen (Pfeile) verbundenen Grundkompetenzen gibt es Parakompetenzen, die wie ein Kleister wirken (Wissen, Verstehen, Routine). Einzig Wissen lässt sich vermitteln. Alles andere muss sich die Person selber aneignen.
Neben den vier, durch Metakompetenzen (Pfeile) verbundenen Grundkompetenzen gibt es Parakompetenzen, die wie ein Kleister wirken (Wissen, Verstehen, Routine). Einzig Wissen lässt sich vermitteln. Alles andere muss sich die Person selber aneignen.

Routine und Verstehen sind neben Wissen zwei sehr wichtige Parakompetenzen, ohne die nichts geht. Allerdings lassen sich gerade diese beiden Parakompetenzen nicht wie Wissen vermitteln. Nur die Lernenden selbst sind in der Lage, sich durch Übung Routine anzueignen und durch Nachdenken Verständnis zu schaffen. Das alleine sind bereits Kompetenzen. Wir benötigen also (personale) Kompetenzen, um Parakompetenzen aufzubauen, die Voraussetzung sind zum Erwerb vor allem von Fach- und Methodenkompetenzen sowie Handlunskompetenz. Insofern sind die vier Kompetenzkategorien nicht so flach, wie sie Erpenbeck und Sauter vorstellen. Vielmehr hängen die Grundkompetenzen, die von den Parakompetenzen zusammengehalten werden, via Metakompetenzen voneinander ab, wie z.B. Denken, Üben, Anwenden, Modellieren, etc.

Modellierungskompetenz und Verstehen als Voraussetzung von Fachkompetenz

Wer dann endlich mal routiniert verstandene Formeln herleiten kann, ist bereit, Mathematik anzuwenden. Das ist eine weitere Kompetenz. Schüler nennen das «Textaufgaben» und scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. In erster Linie geht es wieder darum, eine alltägliche Situation zu verstehen und dann zu entscheiden, welche Instrumente wir für die Lösung des Problems anwenden können. Diese Entscheidung bedingt auch wieder Routine im Gebrauch der zur Verfügung stehenden Instrumente.

Auch wenn «hard core Mathematik» im Alltag kaum Anwendung findet, kann beim Lösen angewandter Aufgaben eine im Alltag brauchbare Metakompetenz erworben werden: eine Situation zu verstehen, sie zu modellieren und zu entscheiden, welche Werkzeuge und Instrumente zur Lösung eingesetzt werden können.

Teamkompetenz kann immer geübt werden

Das geschieht vorzugsweise im Gespräch und der Zusammenarbeit mit den anderen Menschen, die sich in der Situation befinden. Auch die Sozial- und Kommunikationskompetenz könnte beim Lösen angewandter Aufgaben erworben werden. Aber auch das müssen die Lernenden selber tun. Wenn ich sie ermuntere, die Übungen zusammen zu diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze auszudenken, dann folgen nur wenige diesem Rat, vielleicht aus Angst, sich im Gespräch mit den anderen eine Blösse zu geben. Es ist eben auch eine Kompetenz, hinstehen zu können und zu sagen: «Ich habe keine Ahnung. Lass es uns gemeinsam lösen».

(1) John Erpenbeck, Werner Sauter: Stoppt die Kompetenzkatastrophe! Wege in eine neue Bildungswelt.
ISBN 978-3-662-48502-6
ISBN 978-3-662-48503-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-48503-3
Springer Spektrum © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

 

Informelles Lernen ist heute nicht mehr ausreichend

Im neunten Kapitel Ihres Buches über Digitale Kompetenz gehen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund  auf den Unterschied zwischen informellem, formellem und selbstbestimmtem Lernen ein. Sie stellen fest, dass «jede Situation, in der wir uns befinden, … letztendlich eine Lernsituation sein [kann]», weil das Leben an sich eine Lernsituation sei. Als wäre diese Feststellung nicht genug, behaupten sie, dass sich die Forderung nach lebenslangem Lernen selbst entkräfte, weil es im Leben kaum Momente gebe, in denen nicht gelernt werde.

Eine lernende Maschine aus Streichholzschachteln

Natürlich ist das grundsätzlich richtig, und solch informelles Lernen ist wohl die Urform jeglichen Lernens. Es ist das Lernen der Evolution. Es ist auch das Lernen der Maschinen.

StreichholzschachtelIch erinnere mich, wie ich als Jugendlicher, als Personal Computer noch in weiter Ferne lagen, irgendwo eine Bauanleitung für eine «lernende Maschine aus Streichholzschachteln» gefunden hatte und diese baute. Ich war fasziniert, wie dieses System lernte und immer besser wurde.

haxapawnEs handelt sich um eine Maschine, die eine sehr einfache Variante von Schach spielt. Das Spiel findet auf einem 3×3-Schachbrett statt. Jeder Spieler hat bloss drei Bauern, die gleich ziehen, wie im richtigen Schach. Das Ziel des Spiels ist es, mit einem Bauern die andere Seite zu erreichen oder den letzten Zug machen zu können.

Der eine Spieler ist ein Mensch, der Gegenspieler ist die Streichholzschachtelmaschine. Jedes Mal, wenn sie verliert, lernt sie, diesen Zug nicht wieder zu spielen. Schliesslich ist sie unschlagbar.

Das System ist derart einfach, dass man genau beobachten kann, wie informelles Lernen durch Trial and Error funktioniert. Wer sich ebenfalls eine lernende Streichholzschachtelmaschine bauen will, findet die Anleitung unter dem Namen Hexapawn.

Informelles Lernen genügt heute nicht mehr

Ich spreche lieber von modellfreiem versus modellbasiertem, als von informellen versus formellen Lernen.

Informelles oder maschinelles Lernen ist modellfrei. Man lernt, erfolgloses Verhalten zu vermeiden und erfolgreiches zu perpetuieren. Man hat aber kein Modell und weiss nicht, warum das eine funktioniert und das andere nicht.

Beim modellbasierten Lernen geht es darum, ein Modell des in Betracht stehenden Systems zu entwickeln. Zugegeben, in einer hochkomplexen Welt kann es sich kein Mensch mehr leisten, rein modellfrei zu lernen. Wir machen uns immer eine Vorstellung, wie etwas funktioniert. Meistens ist es uns jedoch nicht bewusst, wie wir zu unseren Vorstellungen gekommen sind und wie wir sie verändern und korrigieren.

Und genau da kommt meine Kritik von Hartmanns und Hundertpfunds Behauptung in’s Spiel, dass jede Situation, in der wir uns befinden, letztendlich eine Lernsituation sei. Das ist nämlich die Standardausrede von Entscheidungsträgern, um keine aktiven Lernphasen einlegen zu müssen.

mentales_Modell
Nach Stefanie Elsholz und Vanessa Schomakers in http://beyond-joy-of-use.com/01_mentale_modelle.html

Was Hartmann und Hundertpfund unter informellem Lernen verstehen, mag vor 10’000 Jahren genügt haben. In einer sehr komplexen Welt genügt es aber nicht mehr. Je mehr Verantwortung eine Person hat, desto häufiger sollte sie aktive Lernphasen einschalten, in denen sie z.B. ihre mentalen Modelle bewusst macht, sie studiert und lernt, wie sie entstehen, wovon sie abhängen, welche Konsequenzen sie haben und was sie mit der Realität zu tun haben (oder eben nicht). Diese Lernphasen sind selbstverständlich selbstbestimmt und können nicht in formellen Kursen absolviert werden.

Einer Topmanagerin oder einem Spitzenpolitiker, die behaupten, täglich on the job zu lernen, kann ich nicht vertrauen. Es reicht einfach nicht mehr!

Kreativität ist schweisstreibend

Im achten Kapitel Ihres Buches «Digitale Kompetenz» brechen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund eine Lanze für die Kreativität, ohne eigentlich zu sagen, was genau sie darunter verstehen.

Was ist denn Kreativität?

Kreativität ist in der Definition nach Csikszentmihalyi und Wolfe (2000) eine Idee oder ein Produkt, das originell ist, wertgeschätzt und implementiert wurde (1). Danach wäre Kreativität stets kontexabhängig. Während in (2) Kreativität im Erwachsenenalter gewöhnlich erst durch langjährigen Erwerb von Expertise möglich wird, sehen sie einige als Bestandteil der Intelligenz (3).

Für mich und gerade in der Mathematik ist Kreativität die Fähigkeit, eine Problemstellung in einen neuen Kontext zu stellen und sie damit aus einer unerwarteten Richtung anzugehen. Das ist oft nur nach langer, intensiver Betrachtung möglich. Eine kreative Idee fällt einem nicht vom Himmel in den Schoss, sondern muss erarbeitet werden. Sie wird unter Zwang geboren. Das hat etwas mit Forschen zu tun. Robert Fritz schreibt:

Der wahrhaft kreative Mensch weiss, dass man nur dann etwas Kreatives schaffen kann, wenn man mit Zwängen arbeitet. Ohne Zwänge gibt es keine Kreativität»

Wenn Hartmann und Hundertpfund auch nicht glauben, dass Kreativität erlern- oder verlernbar ist, meine ich, dass der Prozess des ausdauernden, hartnäckigen und zuweilen qualvollen Dranbleibens an der Fragestellung durchaus vermittelbar ist. Studierende meinen, dass sie eine Aufgabe nicht lösen können, wenn sie den Lösungsweg nicht gleich sehen. Das entspricht aber keineswegs der Praxiserfahrung, wo oft lange gerungen werden muss, um für ein Problem eine machbare Lösung zu finden.
Kreativitaet

Selbstorganisation erzeugt Komplexität

Hartmann und Hundertpfund schreiben:

Die digitale Welt zeichnet sich durch ein hohes Mass an Komplexität aus

Das ist zwar richtig, aber nicht in dem Sinne, wie es Hartmann und Hundertpfund verstehen, wenn sie ein paar Sätze weiter unten schreiben:

Die beteiligten Entwicklerteams konzentrieren sich auf ihre Aufgabenbereiche und werfen keinen Blick über den berühmten Gartenzaun. Anstatt eine Komplexitätsreduktion anzustreben und bestehende Komponenten zu hinterfragen, macht man Informatiksysteme tendenziell unüberschaubarer»

Hier haben wir sie wieder, diese unsägliche «Komplexitätsreduktion»: KOMPLEXITÄT KANN MAN NICHT REDUZIEREN! Andernfalls wäre es nicht mehr dasselbe System, das ursprünglich komplexe System wäre zerstört.

Hartmann und Hunderpfund verwechseln da Kompliziertheit mit Komplexität. Zwar kann ein System sowohl komplex als auch kompliziert sein, während das für meine Begriffe zu sehr vereinfachende Cynefin-Modell suggeriert, dass diese beiden Begriffe disjunkt seien. Umgekehrt kann etwas Einfaches, wie Googles Suchmaschine, durchaus komplex sein oder komplexitätsstiftend.

Die Komplexität eines Theaterpublikums

Komplexität ist eine Systemeigenschaft, die sich in einer Strukturierung des Systems manifestiert. Die Struktur kann räumlich sein, kommt aber in dem Fall durch Selbstorganisation zustande. Den Begriff der Selbstorganisation unterscheide ich vom Begriff der Selbststeuerung oder Selbstverwaltung. Selbstorganisation kann nicht absichtlich herbeigeführt werden.

Kürzlich haben zwei Theaterschauspieler über Publikumsreaktionen gesprochen, die jeden Abend anders seien. Manchmal sei das Publikum gespannt, manchmal gelangweilt. Das spüren die Schauspieler unbewusst, sicher am Applaus, aber darüber hinaus an einer undefinierten Spannung, die das Publikum ausstrahlt (oder eben auch nicht ausstrahlt). Die Stimmung des Publikums überträgt sich auf die Schauspieler, die das Stück engagierter oder flacher spielen. Ein gelangweiltes Publikum bekommt daher auch ein flaches Stück dargeboten, das langweilt, während ein interessiertes Publikum engagierte Schauspieler erlebt.

Doch was ist ein «interessiertes Publikum»? Wenn ich hoch motiviert und interessiert in einem sonst gelangweilten Publikum sitze, werde ich es als Einzelner wohl kaum mitreissen können. Im Gegenteil: ich werde bald mein Interesse verlieren. Ich denke, dass die Stimmung eines beliebig zusammengewürfelten Publikums zunächst zufällig gut oder gelangweilt ist. Es hängt vielleicht von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Wetter, den Tagesnews über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage, etc. Sind mehr als die Hälfte der Zuschauer motiviert, spielen die Schauspieler gut und beeinflussen die eher schlecht gelaunten Zuschauer positiv, bis das ganze Publikum interessiert und gespannt ist, worauf die Schauspieler wiederum zur Hochform auflaufen. Der Einzelne hat wenig Gestaltungsraum.

(1) Hartmann, Werner & Hundertpfund, Alois. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Csikszentmihalyi, M., & Wolfe, R. (2000). New Conceptions and Research approach to Creativity. In K. A. Heller, F. J. Monk, R. J. Sternberg & R. F. Subotnik (Eds.), Implications of a Systems Perspective for Creativity in Education. International Handbook of Giftedness and Talent. (pp. 81–94). New York: Elsevier.

(3) http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/downloads/OnlinematerialienPVU/Entwicklungspsychologie/Definitionen.pdf

(4) Beratungsstelle besondere Begabungen. Besondere Begabungen entdecken und fördern – Impulse für die Schule. 2011. http://www.webcitation.org/6f7Pgu9go

(5) Fritz, Robert. The Path of Least Resistance. New York 1989.

Das Komplexitätspotential des Internets

Das 7. Kapitel des Buches von Werner Hartmann und Alois Hundertpfund über Digitale Kompetenz ist den digitalen Rollenbildern gewidmet(1). Insbesondere geht es um die Art und Weise, wie «man» – allen voran Teenager – sich im Netz präsentiert.

Das Thema diskutierten wir ausführlich im IchMOOC, den nachträglich durchzublättern ich in diesem Zusammenhang sehr empfehlen kann.

Die Komplexität des globalen Handels

Hingegen machen solche individuellen Anwendungen des Internets nur den kleinsten Teil aus (2). Vielen Leuten ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie omnipräsent das Internet in ihrem Leben ist, auch wenn sie meinen, nichts damit zu tun zu haben. Wer eine Hose kauft oder ein Paket nach Übersee aufgibt, benutzt implizit das Internet sehr intensiv. Vor allem weltweite Logistikdienste könnten den heute permanent strömenden Warenfluss ohne Internet gar nicht bewältigen.

Beispielsweise müssen Transportmittel möglichst ständig unterwegs sein, Umladezeiten müssen minimiert und Füllgrade maximiert werden. Um diese Optimierungsaufgaben lösen zu können, müssen Transportkapazitäten laufend transparent getrackt und sofort ausgenutzt werden können. Das geht nur mit breitbandigen Kommunikations- und Rechenleistungen.

Supply Chains sind weltumspannend und nachfrageorientiert. Eine Nachfrage hier in Europa zieht eine ganze Reihe von Konsequenzen rund um den Globus nach sich. Damit die Nachfrage befriedigt werden kann – und jede Fehlmenge bedeutet ein Verlust – muss die gesamte Supply Chain über viele Stufen transparent sein, wie das Schienennetz eines grossen Rangierbahnhofs. Allerdings besteht eine Supply Chain aus hunderten und tausenden selbstständigen Unternehmen, die sich womöglich nicht gerne in die Karten gucken lassen.

Wie eine transparente Supply Chain funktioniert, erklärt dieses knapp drei Minuten lange Video recht eindrücklich.

Komplexität kommt durch Flüsse zustande

Verkehr und digitale Vernetzung sind die Komplexitätstreiber der Globalisierung. Unsere Wirtschaft erfährt durch die beiden Technologien in den letzten 25 Jahren einen Phasenübergang und ist heute in einem Zustand, der völlig unvergleichbar ist mit dem Zustand der Wirtschaft vor 1980. Der Unterschied ist nicht bloss graduell, wie z.B. bei der Einführung der Dampfmaschine.

Interessant ist die Statistik der Zunahme der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten, hier stellvertretend vom Flughafen Frankfurt a.M. Man sieht, wie die rote Kurve der Flugbewegungen bis 1970 ansteigt und dann 15 Jahre lang stagniert.

Flugbewegungen

Erst 1985, mit der Vernetzung von Computern, konnte die Zahl der Flugbewegungen gesteigert werden.

Aber nicht nur der Verkehr liefert Flüsse. Auch der Geldfluss hat heute ein Volumen angenommen, das ohne vernetzte Computer nicht entstehen könnte. Allein von und zu Schweizer Banken fliessen in jeder Sekunde 2,5 Millionen Schweizer Franken über digitale Computernetze. Steht dieses Interbank-Clearingsystem z.B. 5 Minuten lang still, so liegen 750 Millionen Franken unproduktiv herum.

Was ist anders?

Globalen Handel hat es schon zu Marco Polos Zeiten gegeben und wurde in Kolumbus’ Zeit endgültig etabliert. Aber seit der Verfügbarkeit des Internets ist das Handelsvolumen explodiert, wie folgende Grafik der Statista zeigt.

Handelsvolumen

Vor 1990 war das Volumen im Gegensatz zu heute so gering, dass es gar nicht dargestellt werden kann. Dank Digitalisierung können heute ein Vielfaches an Geschäften abgewickelt werden,  die entsprechend viele Menschen beschäftigen. Grössere Maschinen sind ständig mit dem Hersteller vernetzt und liefern Laufdaten, die der Hersteller zu Wartungszwecken verwendet. Ein Traktor von John Deer kann schon gar nicht mehr gekauft werden; vielmehr wird die darin enthaltene Software lizenziert. Die Mechanik ist quasi gratis.

Routinearbeiten werden immer mehr durch Maschinen übernommen. Dafür werden immer mehr Geistesarbeiter benötigt, Softwareentwickler, Ingenieure, Operationsmanager.  Ein Ausfall der Computernetze hätte verheerende Auswirkungen.

Die Verwundbarkeit des Netzes

Würde das Netz über einen längeren Zeitraum ausfallen, würde dadurch die Wirtschaft kollabieren. Dauert der Ausfall länger – Tage, Wochen, Monate – so wäre die Wirtschaft nicht einfach auf dem Stand von 1970. Wir wären gar nicht mehr in der Lage, so zu wirtschaften, wie vor dem Internet, weil viele Rezepte, Maschinen und Prozesse nicht mehr vorhanden sind. Ein Wechsel zu einer 1970er Wirtschaft würde Jahre und Jahrzehnte dauern. Netzwerke sind gefährdete Organismen.

Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull hat 2010 einen kleinen Vorgeschmack davon gegeben, wie verletzlich unsere hochkomplexe Technik geworden ist. Der Verlust der Fluggesellschaften wird auf ca. 2 Milliarden Euro geschätzt. Die isländische Wirtschaft alleine hat einen Schaden von weiteren 3 Milliarden Euro eingefahren. Unbekannt ist die Höhe des Schadens, der dadurch entstand, dass 10 Millionen Fluggäste von Flugausfällen betroffen waren. Dabei war dieser Ausbruch ja verhältnismässig geringen Ausmasses. Nicht auszudenken, was passiert, wenn z.B. der Yellowstone, der Toba oder die Phlegräischen Felder ausbrächen. In letzteren sind aktuell verstärkte unterirdische Aktivitäten gemessen worden, so dass der Zivilschutz seit 2012 die Warnstufe erhöht hat. Die Liste der vulkanischen Hotspots ist lang. Dabei sind längst nicht alle verzeichnet. Neben Vulkanen gibt es eine Reihe weiterer Bedrohungen ähnlicher Art.

Ein grösserer Ausbruch, der weltweit nur paar (Sommer)Monate verdunkelt, würde nicht nur dazu führen, dass das Internet und damit die Wirtschaft zusammenbräche, sondern auch unsere Lebensmittelversorgung. Zum Glück fühlen wir uns in unserem Alltag sicher und verbannen solche apokalyptischen Szenarien in die Kinos, wo wir uns davon unterhalten lassen.

 

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Hier ist der Begriff “Internet” passender anstatt “Web», denn es kommen auch andere Protokolle als nur HTTP zum Tragen.

 

Mit Modellen Komplexität verstehen

Im fünften Kapitel ihres Buches über digitale Kompetenz brechen die Autoren eine Lanze für Modellbildung (1). Es stimmt, dass komplexe Systeme nicht mehr berechenbar sind und daher numerische Methoden immer wichtiger werden. Komplexe Systeme können nur noch «ausprobiert», sprich «simuliert», werden. Dazu wird zunächst ein Modell des Systems benötigt. Ein Modell ist eine vornehmlich quantitative Beschreibung des Systems. Warum immer darauf hingewiesen wird, dass Modelle Vereinfachungen seien, ist mir nicht klar. Hartmann und Hundertpfund sprechen von «Weglassen von Details», wodurch die übergeordneten Strukturen sichtbar werden sollen.

Mentale und explizite Modelle

Wir sollten nicht vergessen, dass wir die Welt ausschliesslich durch Modelle wahrnehmen können. Was wir sehen oder wahrnehmen sind höchstens Modelle der Realität. Dabei werden nicht unbedingt Details weggelassen. Manchmal ergänzt unser Wahrnehmungsapparat das Modell sogar mit «erfundenen» Details, wenn etwas sonst nicht zusammenpasst.

Alle Menschen generieren seit Geburt laufend mentale Modelle. Das allein reicht aber nicht mehr aus, um die gesteigerte Komplexität verarbeiten zu können. Wir müssen lernen, auch bewusst und explizit Modelle zu entwickeln. Nur, wie macht man das? Eine Mindmap ist noch lange kein Modell. Sie ist bloss ein Baum ohne Querverbindungen. Hartmann und Hundertpfund empfehlen nebst Concept Maps (2) z.B. die bottom-up Entwicklung von Wirtschaftskreisläufen. HilusDas hat der leider viel zu früh verstorbene Günther Ossimitz in seinem Büchlein «Entwicklung Systemischen Denkens» schon 2004 für die Schule gefordert (3). Er zeigt dort, wie bereits 14jährige in der Lage sind, explizite Modelle als Causal Loop Diagramme zu realisieren. Das Büchlein ist für Lehrer, die Modellbildung unterrichten wollen, ein hervorragender Leitfaden.

Spätestens auf Fachhochschulstufe ist ein Modellbildungsmodul notwendig, denn die grossen Herausforderungen lassen sich nicht mit Weltgipfeltreffen lösen. Vielmehr bedarf es der gemeinsamen Anstrengung der Professionals, die an der Zukunft bauen in Lehre, Entwicklung, Industrie und Verwaltung. Leider wird aber in den Curriculae nur spärlich Zeit eingeräumt für interdisziplinäre Modellbildungsstudien. Ich habe an der Schweizerischen Fernfachhochschule FFHS ein Modul entwickelt, das genau die von Hartmann und Hundertpfund geforderten Fähigkeiten vermittelt (4). Zuerst nähern wir uns eher deskriptiv einem Modell in Form von sogenannten «Causal Loop Diagrams».

WasserabflussDanach benutzen wir den Insightmaker, um kollaborativ quantitative Modelle zu entwickeln. Der Insightmaker ist ein online Tool, das sowohl Bestandes-Fluss-Modelle als auch agentenbasierte Modelle unterstützt und gratis benutzt werden kann. An der Modellentwicklung können alle von unterwegs teilnehmen und das Modell erweitern oder ergänzen. Jedoch: mit Tools alleine, haben die Modelle noch keine Seele.

Adrian Fröhlich schrieb (5):

In einer Epoche, in der alle mit Tools, Techniken und Methoden hantieren, stirbt das Denken aus. Wir leben in der Hohen Zeit der Zauberlehrlinge

Modellbildung lernen

Um ein komplexes System oder einen komplexen Zusammenhang zu verstehen, kommen wir definitiv nicht um Modellbildung herum. Explizite Modellbildung, die über den Toolgebrauch hinausgeht, will aber geübt sein. Es ist eine Fähigkeit und benötigt viel Verständnis sowohl für das zu modellierende System als auch für die Modellierungssprache schlechthin. Modellbau ist nicht einfach Kommunikation. Man muss schon genau nachdenken und zu Bleistift und Papier greifen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Modellbildung so stiefmütterlich behandelt wird. Hartmann und Hundertpfund schreiben:

Die Förderung des Abstraktionsvermögens und der Modellbildung setzt voraus, dass sich die Lehrpersonen selbst immer wieder auf eine «grosse Flughöhe» begeben, um nicht in den Details eines Themas verhaftet zu bleiben

Das sagt sich so einfach. Zunächst müssen die Lehrenden selbst eine Ahnung von Modellbildung haben. Das geschieht nicht von heute auf morgen und kann auch nicht in einem Kurs gelernt werden. Man muss sich täglich und aktiv damit beschäftigen, üben, scheitern und wieder versuchen. Das ist, was ich «lernen» nenne. Es beeinträchtigt auf jeden Fall den gewohnten Tagesablauf. Ich beschäftige mich jetzt seit gut 20 Jahren mit Modellbau à la System Dynamics und bin noch lange nicht am Ziel.

Wenn wir uns mit komplexen Systemen beschäftigen wollen, dann müssen wir die Fähigkeit der Modellbildung ab der Primarschule üben und später, in Pädagogischen und Ingenieurhochschulen quantitativ weiterentwickeln. Das ist unbequem, weshalb niemand Interesse daran hat. Also wursteln wir weiterhin in der immer komplexer werdenden Welt herum, in der Hoffnung, zufällig den richtigen Hebel gefunden zu haben.

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Ein gutes Concept Map Tool kann hier gratis herunter geladen werden:

(3) Günther Ossimitz, Entwicklung systemischen Denkens – Theoretische Konzepte und empirische Untersuchungen. Profil Verlag 2004, 978-3-89019-494-3

(4) Fernfachhochschule Schweiz, FFHS: Methoden und Modell zur Entscheidungsunterstützung 

(5) Adrian W. Fröhlich:  Mythos Projekt – Der Ausweg aus der systembedingten Sackgasse. Galileo Press, 2001. 978-3898421539

Digitalisierung ist eine wichtige Voraussetzung der Globalisierung

Das vierte Kapitel von Werner Hartmanns und Alois Hundertpfunds Buch über digitale Kompetenz handelt von Globalisierung und interkultureller Kompetenz (1).

Globalisierung sehe ich als eines der komplexitätsschöpfenden Muster in unserer Gesellschaft.

Globalisierung = VT + IT

VerkehrGlobalisierung ist nicht in erster Linie eine Folge der Digitalisierung, sondern der Transport – und Verkehrstechnologie (VT), wie sie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand. Nur mit effektiven Transportmitteln für Menschen und Waren ist es überhaupt möglich, weiträumige und weltumspannende Geschäfte zu machen, wodurch im Alltag Menschen der verschiedensten Kulturen vermehrt zusammenarbeiten müssen. Um die nötigen Massen (an Menschen und Waren) verschieben zu können, müssen die Transportmittel effizient gesteuert werden können, was nur mit digitaler Technologie möglich wurde.

Unter Transportmittel verstehe ich in erster Linie Automobile (PW und LKW), Flugzeuge und Schiffe. Automobile sind nur regional einsetzbar, sie dienen der Feinverteilung. Mitte des 20. Jahrhunderts waren Flüge noch sehr exklusiv und teuer. Sie eigneten sich nicht zur Globalisierung. Erst mit dem Aufkommen von leistungsfähigen und günstigen Computern wurde es möglich, so viele Flugzeuge und Schiffe gleichzeitig in der Luft und auf dem Wasser zu halten, dass sich der Transport von Waren und Menschen lohnt. Heute sind sogar Automobile mehr Computer als mechanische Maschinen und der dichte Strassenverkehr wäre ohne steuernde IT-Systeme nicht möglich. Verkehrstechnologie erschöpft sich denn nicht einfach im Herumkutschieren eines Fahr- oder Flugzeugs. Verkehrstechnologie ist viel komplexer!

Das Vermischen der Nationalitäten

Die Globalisierung fiel aber mit der Erfindung des Computers nicht vom Himmel. Auf den Geschmack weltweiten Handels ist man bereits einige Jahrhundert vorher gekommen. Mit dem Ausbau der Eisenbahn als Mittelstreckentransportmittel begannen sich vorerst die Völker in Europa zu mischen. In den 50er und 60er Jahren kamen grosse Massen von Italiener und Spanier auf die Alpennordseite, weil hier die Industrie boomte und Arbeitskräfte brauchte. Umgekehrt begannen die Menschen des Nordens, an der Mittelmeerküste Ferien zu machen. Das war in den 50er und 60er Jahren eine durchaus neue Entwicklung.

Natürlich standen sich diese Nationalitäten einigermassen nahe, und trotzdem begegneten sie sich vorerst skeptisch. Aber die Menschen begannen sich bald in grösseren Regionen zu durchmischen. Mit zunehmenden Transportmöglichkeiten arbeiteten immer mehr Mitteleuropäer in Ländern des mittleren Ostens und Afrika. Umgekehrt lebten Menschen aus afrikanischen und asiatischen Länder bereits in den 60er Jahren in mitteleuropäischen Städten.

Technical Natives

Damals setzten die Unternehmen auch immer mehr Computer ein. Diese waren zwar noch wenig leistungsfähig und von personal computing weit entfernt. Aber sie steuerten Transport und Produktion, die immer mehr automatisiert wurde. Das erforderte von den Mitarbeitern zunehmende (Aus-)Bildung und Fähigkeiten im Umgang mit der neuen Technologie. Zudem mussten vor allem die jungen Leute lernen, ein Automobil zu lenken und sich im Dickicht des Städteverkehrs, der Verkehrsregeln und –gesetzgebung zurecht zu finden.

Die Menschen der Generation, die zwischen 1940 und 1960 geboren wurden, waren „technical natives“. Sie entwickelten im Umgang mit allerlei technischen Geräten eine Selbstverständlichkeit, die vorher nicht benötigt wurde. Viele arbeiteten in den 60er und 70er Jahren am Arbeitsplatz mit Automaten, Computer, Transport- und Baumaschinen, etc. und benutzten privat, TV, tragbare Radios, Telefone, Fotoapparate, Walkie Talkies, Tonaufnahmegeräte, u.a. für die Speicherung von Musik, oder allerlei Haushaltgeräte. Niemand hat die Angehörigen der jungen Generation, die mit den neuen Technologien so selbstverständlich umging, deshalb speziell bewundert.

Unvorhersehbarkeit

Innerhalb der nächsten 10 Jahren kamen Personal Computer auf den Markt. Ich kaufte meinen ersten 1982 und versandte damit 1984 das erste Mail. Es war für mich eine natürliche Fortsetzung der technologischen Entwicklung der letzten paar Jahrzehnte.

Social Media und andere Web 2.0 Technologien führen zu einer zunehmenden globalen Kommunikation. Das kann beim Aufbau komplexer Muster eine verzögernde Konsequenz haben, weil lokale Fluktuationen sich schneller durch das System propagieren und verhindern, dass sich die Fluktuationen durchsetzen können. Das hätte Entspannung zur Folge. Wenn das System jedoch sehr gross – eben global – oder morphologisch stark heterogen ist, dann können sich Fluktuationen auch nur auf Teilen des Systems durchsetzen. Das manifestiert sich in den Meinungsaggregationen, von denen ich im letzten Blog gesprochen habe, gegen die auch Kritik keine Wirkung zeigt, bis hin zu politischen und weltanschaulichen Überzeugungen, die sich in gewissen Regionen der Welt stabil aufbauen. An den Grenzen der einzelnen Systemstrukturen kann es dann verstärkt zu Spannungen kommen, bei deren Auflösung sich eines der komplexen Muster durchsetzen kann.

Die Komplexität, d.h. die globalen Meinungs-, Handels- und Verhaltensmuster, ist derart hoch, dass  zukünftige Entwicklungen auch von Experten nicht mehr vorhersehbar sind.

(1)  Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann. hep Verlag, 2015, 176 Seiten. ISBN 978-3-0355-0311-1

Hilft kritisches Denken?

In Kapitel 3 ihres Buches „Digitale Kompetenz“ schreiben Werner Hartmann und Alois Hundertpfund

Auf der anderen Seite nimmt die Komplexität in unserem Umfeld aufgrund der Vernetzung und der Globalisierung zu

Das ist sehr richtig. Es ist aber unklar, was die Autoren hier unter Komplexität denn überhaupt verstehen. Es scheint, dass sie dabei an komplizierte technische Konstrukte denken, wenn sie z.B. behaupten, dass moderne Flugzeuge „äusserst komplexe Systeme“ seien.

Komplexität weist den Individuen eine Meinung zu

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Einfache Strukturierung eines Systems in verschiedene Kompartimente. Komplexe Systeme haben viele solche Strukturen, die einander überlagern. Jedes Individuum gehört einem der Kompartimente an.

Meine Sicht von Komplexität ist die, dass sich eine wohldefinierte Population von Individuen unter dem Druck von Ressourcenströmen durch Selbstorganisation dynamisch strukturiert. Erst durch diese dynamische Struktur wird die Population zum System. Jedes Mal, wenn sich die Qualität der Ressourcenströme ändert, nimmt das System eine neue dynamische Struktur an, die auf der alten aufbaut. Der Wechsel zu neuen, höheren Strukturen erfolgt in immer kürzerer Zeit.

Die dynamischen Strukturen bestimmen das Verhalten und die Präferenzen der Individuen. Insofern ist es für mich ein Widerspruch, wenn Hartmann und Hundertpfund behaupten, dass die Komplexität zunehme und dadurch Kritik eine Anforderung an die Individuen sei. Sie schreiben

Neu ist, dass die Notwendigkeit, kritisch zu sein und Kritik zu üben, zunimmt, je grösser der Einheitsbrei an Informationen wird und je mehr Macht sich hinter diesem konzentriert

Mal ganz abgesehen davon, dass von einem strukturlosen „Einheitsbrei“ an Informationen im Web keine Rede sein kann, gehört es zum Wesen der Selbstorganisation von Strukturen, dass die Individuen in die eine oder andere Ecke gedrängt werden.

Überzeugungs- und Glaubensstrukturen

Auf dem Weg in die Komplexität gehören Religionen zu den ersten grossen Strukturen. Vielleicht gäbe es heute bloss eine einzige Weltreligion, wenn es das Web bereits vor ein paar Tausend Jahren gegeben hätte. Die kurze Reichweite der damaligen Kommunikation oder die schwache Intensität der Informationsströme führte zu einer Struktur, die aus mehreren Glaubensblöcken besteht, die recht stabil sind. Je länger der Weg in die Komplexität, desto mehr solche Glaubensstrukturen gibt es – von einzelnen Glaubensrichtungen innerhalb der grossen Religionen über ökonomische Glaubensinseln, wie die des Kapitalismus bis hin zu so nebensächlichen Überzeugungen, welches Computerbetriebssystem das beste sei. Zu jeder Überzeugung gibt es auch das Komplement. All das organisiert die Menschheit in eine grosse komplexe Struktur. Jedes Individuum gehört dabei in eines der Strukturkompartimente. Der Behauptung „Kritik darf etwas ablehnen – auch wenn sie keine Alternative bereithält“ möchte ich zwar zustimmen, weise allerdings darauf hin, dass die Ablehnung per se Alternative ist.

Benardrollen
Die Kompartimente müssen in komplexen Systemen nicht notwendigerweise exakt abgegrenzt sein, sondern können in sich übergehen und sich ineinander verschlingen.

Einige kreisen für immer in einem Kompartiment, andere werden dynamisch durch mehrere Kompartimente hindurch geschleust. Ob das aufgrund ihrer Kritik so ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Es ist mehr eine Frage der Position innerhalb der globalen Struktur. Ich, der in Europa der Community über digitale Bildung angehöre, befinde mich in irgendeinem Kompartiment der durch die MOOC-Diskussion bestehenden Struktur (oder Feinstruktur). Es spielt dabei keine Rolle, ob ich xMOOC oder cMOOC oder grundsätzlich MOOC gegenüber kritisch oder skeptisch bin. Hingegen spielt möglicherweise die MOOC-Frage für Menschen, die in einer unfruchtbaren Gegend Afrikas wohnen, keine Rolle (obwohl das MOOC-Marketing behauptet, gerade diesen Menschen Bildung nahe bringen zu wollen).

Ich glaube, dass sich unsere Welt durch das Web sehr verändert hat. Das Web trägt in hohem Masse zur dynamischen Strukturierung der Menschheit bei. Einerseits fördert es die Entstehung neuer Dynamiken, indem es Meinungen rasch verbreitet und den Individuen die Möglichkeit gibt, diese zu adaptieren oder sich dagegen zu positionieren, andererseits sind die Kompartimente der neuen Strukturen dank der globalen Kommunikation im Web bedeutend gröber als sie ohne Web wären.

Toleranz statt Kritik

Förderung von kritischem und flexiblem Denken sei eine Kernaufgabe der Schule, fordern Hartmann und Hundertpfund. Und das erreiche sie durch Unterrichtsmethoden, wie projektbasiertes und entdeckendes Lernen. Gerade an der Methodenfrage gehen ja momentan die Emotionen hoch, wie bei allen oben genannten Überzeugungs- und Glaubensrichtungen. Die Strukturierung der Menschheit in verschiedene Lager oder Kompartimente sind doch Anlass für Streit und Krieg. Daher ist mir die andere Aufgabe, die Hartmann und Hundertpfund der Schule zuschreiben, nämlich „darauf hinzuweisen, dass unser subjektives Denken fehlerhaft sein kann“ viel wichtiger als die Vermittlung von Kritikfähigkeit. „Denkfehler können ein ganzes Denksystem als faszinierendes Gebäude erscheinen lassen, obwohl es auf falschen Annahmen beruht“. Wer in einer solchen Situation kritisiert, wird bestenfalls überhört oder, schlimmer, mundtot gemacht. Hier hilft nicht Kritik, sondern die Veränderung der Meinungs- und Glaubensstrukturen. Wichtiger als Kritik ist es, zu verstehen, dass etwas aus verschiedenen Blickwinkeln angesehen werden kann. Toleranz ist mir wichtiger als Kritik.

Erhöhte online Kommunikation wird zu neuen Strukturen führen

Im zweiten Kapitel ihres Buches „Digitale Kompetenz“, befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit „Sozialer Intelligenz und Verständigung“. Sie schreiben gleich zweimal:

Das Ablenkungspotential der digitalen Medien ist zugegebenermassen hoch

Es werde allgemein beklagt, dass es heute immer schwieriger sei, sich auf eine Arbeit zu konzentrieren(1). In der Pendlerzeitung „20 Minuten“ vom 13. Oktober 2015 hat denn auch ein IT-Professor einmal mehr erklärt, dass „die Jungen“ täglich bis zu drei Stunden auf dem Handy herumklicken, während der intensive Gebrauch von digitalen Medien die Produktivität herabsetze, Stress verursache und zum „digitalen Burnout“ führe.

Das ist der Grundtenor der Kritik des frühen 21. Jahrhunderts, so wie es im ausgehenden 18. Jahrhundert Kritik an der Industrialisierung gab. Ein Phasenübergang ist eine Veränderung und ruft wie jede Veränderung Ängste und Widerstand hervor.

Die neue Produktivität ist in Sozialen Medien

Mit jedem Phasenübergang nimmt die Komplexität der Gesellschaft zu, worauf neue Kompetenzen gefragt sind, um in der erhöhte Komplexität existieren zu können. Jeder Komplexitätsgrad verlangt von den Systemelementen – in diesem Fall den Individuen – ein spezifisches Verhalten. Es war die Absicht der Digitalisierung, die Wirtschaftsprozesse effizienter zu machen und den Menschen Arbeit abzunehmen.

Daher ist es heute nicht mehr notwendig, dass man täglich acht Stunden arbeitet. Das haben allerdings noch nicht alle verstanden, wodurch es zu den für Phasenübergänge typischen Turbulenzen kommt: Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeiten und Polarisierungen. Leider werfen diese Turbulenzen Schatten in Form von Pfadabhängigkeiten in die Zukunft. Daher ist es wichtig, dass wir jetzt unsere Anstrengungen nicht in die Abwehr des Neuen stecken, sondern für die digitale Transformation die richtigen Weichen stellen.

Wenn wir dank Digitalisierung nicht mehr acht Stunden arbeiten müssen, können wir die übrige Zeit in die durch die Digitalisierung ermöglichten neuen Medien und Kommunikationsmittel investieren. Der Aufbau neuer Strukturen hat immer ein erhöhter Kommunikationsbedarf. Insofern ist der intensive Gebrauch neuer Medien nicht eine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Die Beschäftigung mit dem Handy geschieht in Wartezeiten

Kommunikation kann auch konfliktabbauend sein. Der grenzübergreifende Gebrauch sozialer Medien mit ihrem unmittelbaren Informationsaustausch kann viel zur Verständigung der Völker beitragen und die usurpierte Macht von Diktatoren und Konzernbonzen aufdecken und abbauen. Insofern stört z.B. der Gebrauch des Handys nicht, sondern umgekehrt: eine achtstündige Arbeit stört beim Kommunizieren mit dem Handy.

Oder auf die Schule bezogen: Solange der Lehrer redet, stört er sowieso beim Lernen. Dann bleibt nur noch die Beschäftigung mit dem Handy. Gebt den Schülern eine anspruchsvolle Aufgabe und sie vergessen das Handy! Das ist grundsätzlich so. Es käme keinem Chirurgen in den Sinn, während einer Operation auf’s Handy zu schauen, oder einem Maurer, während er Backsteine einpasst. Wenn ich vor einer Klasse stehe oder sonst einem Publikum, mache ich mir Gedanken, was ich als nächstes sagen will und nicht, welche Tweets oder Mails ich erhalten habe. Das Handy bleibt stumm während wir einer Arbeit nachgehen. Das ist allen selbstverständlich.

Es werden ganz neue Geschäfts- und Gesellschaftsmodelle möglich

Unconventional computing: the mould robot Plasmobot: http://www.computescotland.com/unconventional-computing-the-mould-robot-plasmobot-2678.php
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Die zunehmende Vernetzung kann zu einem Superorganismus führen, ähnlich wie Myxomyceten aus vielen Einzellern bestehen. Tausende von ihnen können sich durch erhöhte Kommunikation zu einem übergeordneten Organismus verbinden, der oft aussieht, wie ein Pilzkörper. Haben sie die Aufgabe erfüllt, löst sich der Pilz wieder in die Einzeller auf, die individuell neue Lebensgrundlagen suchen (2). Solche Schleimpilze werden auch etwa „Plasmobot“ genannt, weil sie durchaus in der Lage sind, komplizierte Aufgaben zu lösen.

Unconventional computing: the mould robot Plasmobot: http://www.computescotland.com/unconventional-computing-the-mould-robot-plasmobot-2678.php
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Genauso stelle ich mir vor, dass sich Communities über das Web zusammentun, um projektmässig ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Unternehmen und Staaten werden dabei immer mehr in den Hintergrund treten. Solche Superorganismen sind vollständig selbstorganisiert, ohne dass jemand führt oder auch nur moderiert. Einfach die schiere Menge an Klicks, Likes, Comments und Contributions macht es aus. Erste Trends in dieser Richtung können schon berichtet werden, so z.B. die Hilfsaktion „Mission 4636“ anlässlich des Erdbebens 2010 auf Haiti (3).

Wir sind erst am Anfang. Bald wird es nicht nur bei Hilfsaktionen oder der Durchsetzung von Rechten gegenüber einem Staat oder einem Unternehmen bleiben. Sobald Crowdfunding und Ideasharing in grossem Stil gepaart werden, können ganz neue Strukturen entstehen. Das bedingt aber, dass sich Millionen ständig austauschen und stundenlang social und online arbeiten. Digitale Abstinenz ist jedenfalls immer weniger hilfreich.

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann. hep Verlag, 2015, 176 Seiten. ISBN 978-3-0355-0311-1

(2) P. Addor, Die Schleimpilz-Unternehmung. 1996

(3) MunichRe, Katastrophenanalyse mit Social Media: Schwarmintelligenz soll Leben retten.  TopicsOnline, 2015

Die Kompetenz, mit Wissen relevantes Wissen zu kreïeren

Das Buch „Digitale Kompetenz“ von Werner Hartmann und Alois Hundertpfund beleuchtet zehn zentrale Fähigkeiten, die in der komplexen Welt des 21. Jahrhunderts unumgänglich sind. Ich werde jedes Kapitel des Buches zur Grundlage eines Blogartikels wählen und damit jedes Mal eine Kernkompetenz im Umgang mit Komplexität beschreiben.

Solange es noch Entscheider gibt, die unter dem Paradigma sozialisiert wurden, dass Ausbildung Wissenserwerb sei, wendet sich das Buch (noch) eher an Hochschulen und Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in selbstbestimmtem Lernen ausbilden müssen.

Tiefgreifende Veränderungen innerhalb einer Generation

Haben Sie die Meinung, dass man heute nichts mehr wissen muss, weil man alles im Internet – gemeint ist das „Worldwide Web“ – nachsehen kann? Oh, wenn es doch so einfach wäre!

Der Unterschied von heute zu der Zeit vor dem Web besteht nicht bloss darin, dass es heute viel mehr Informationen gibt, die erst noch jedem Menschen zugänglich sind. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass

  1. jede Person beliebige Informationen produzieren und verbreiten kann,
  2. sämtliche jemals produzierten Informationen dank billigem Speicherplatz bestehen bleiben,
  3. Zugriff zu Informationen über unzählige Kanäle und Informationsdienste möglich ist, deren Wirkungen auf die transportierten Informationen nicht transparent sind.

MitmachwebWas hat das für Konsequenzen? Aus der Tatsache, dass jeder seine Meinung im Web publizieren kann folgt z.B., dass es im „Mitmach-Web“ keine zentralen Autoritäten und Redaktionen mehr gibt, die Konventionen festlegen. Das bedeutet aber, dass die Web-Nutzer die Kompetenz haben müssen, Informationen zu beurteilen und zu selektieren.

Lernbegleiter kennen Plattformen und Kanäle

Informationskompetenz bedeutet in dieser Hinsicht, Informationen auf ihre Relevanz und Bedeutung einschätzen zu können, sie kritisch zu hinterfragen und im Vergleich verschiedener Quellen deren Qualität zu beurteilen. Sich skeptisch mit den gefundenen Informationen zu befassen, unabhängige Quellen und Informationsplattformen zum selben Thema zu konsultieren und zu vergleichen, beansprucht mehr Zeit, als wenn es zum Thema weniger Informationen gäbe. Vor allem beansprucht es mehr Kenntnisse und Wissen.

communication-technology-in-societyZu der Informationsflut kommt eine zunehmende Anzahl von Kanälen und Plattformen, deren Bedeutung sich rasch verändert.

Informationskompetenz als Lernziel erfordert Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit den verschiedenen Plattformen. Lernbegleiter müssen digitale Plattformen und Kanäle kennen und insbesondere Erfahrung mit den gängigsten Social Media haben.
Das Web ist zum hauptsächlichsten Lern- und Arbeitsraum der heutigen Zeit geworden. Im Web müssen wir ständig Informationen und Plattformen auswählen. Jean-Paul Sartre soll darauf hingewiesen haben, dass uns Freiheit dazu verdammt, ständig eine Wahl treffen zu müssen. Das geht aber nicht ohne Wissen.

Bildungsinstitute vermitteln Kompetenzen, Wissen muss sich jeder selbst aneignen

Es ist paradox: je mehr Wissen herum liegt, desto mehr muss man wissen, um das relevante Wissen zu finden. Wissen vermehrt sich autokatalytisch.

Breites Allgemeinwissen und tiefes Fachwissen ist heute notwendiger denn je. Bildungsinstitutionen wandeln denn auch auf einem gar schmalen Grat zwischen ausschliesslicher Vermittlung von Wissen, das meist vor Beendigung des Lehrgangs zu veralten droht, und Befähigung von Kompetenzen, wie z.B. der Informationskompetenz.

Studien_InformationsflutNatürlich verfliessen Wissen und Kompetenzen. Beispielsweise ist das Beherrschen eines Musikinstruments eine Kompetenz. Aber ohne Wissen, z.B. über den Bau des Instruments oder über Musiktheorie, lässt sich diese Kompetenz nicht sinnvoll erwerben.

Nichtsdestotrotz liegt das Aneignen von Wissen in der Verantwortung jedes Lernenden. Das ist ihnen nur noch nie gesagt worden. Heute ist die Aufgabe der Schule nicht mehr Vermitteln von Wissen, sondern die Befähigung zum selbstbestimmten Wissenserwerb.

Beim Thema „Information und Wissen“ geht es um die Kompetenzen, den Bedarf an Informationen zu erkennen, diese zu finden, zu beurteilen, zu speichern, zielgerecht zu verarbeiten, neu aufzubereiten und zugänglich zu machen. Zwar können die meisten Studierenden und Mitarbeiter die Informationen professionell layouten und mit ansprechenden Grafiken versehen, aber über eine schiere Aneinanderreihung von Fakten kommen sie nicht hinaus, weil sie nie gelernt haben, die vorhandenen Informationen zu vergleichen, sinnvoll zu verweben und zu einem neuen Ganzen zusammenzustellen.

Nicht Reduktion, sondern Synthese

Hartmann und Hundertpfund nennen das „Reduktion“, wenn sie schreiben:

War es in der Buchgesellschaft ein wichtiges Ziel, überhaupt genügend Quellen und Informationen zu erschliessen, verlangt die Informationsgesellschaft die Fähigkeit zur Filterung, zur Reduktion und zur Vertiefung.

Und:

Die Reduktion komplexer Sachverhalte mit dem Ziel, diese überschaubar und verständlich zu machen, ist eine … zentrale Aufgabe der Schule. Die Konzentration auf das Wesentliche gehört zum Handwerk des Lehrerberufs. Wichtig ist es, diese Methoden auch den Lernenden transparent zu machen.

Das klingt mir zu sehr nach „Komplexitätsreduktion“ und Vereinfachung, um nicht zu sagen „Trivialisierung“. Ich will komplexe Sachverhalte auf keinen Fall reduzieren, sondern im Gegenteil: Die zahlreichen Informationen über einen komplexen Sachverhalt sehe ich wie die chaotisch herumliegenden Farbtöpfe im Atelier eines Kunstmalers.

Maleratelier

Aufräumen, reduzieren, Ordnung schaffen, von ähnlichen Farben nur je eine zu behalten und die restlichen wegzuwerfen, etc. bringt nichts Neues hervor. Erst durch Auftragen all der Farbenvielfalt auf die Leinwand, Durchmischen und neu Anordnen des Farbendurcheinanders entsteht ein Bild.
Genauso muss man mit Informationen umgehen. Nicht die Vielfalt reduzieren, sondern kombinieren und verfliessen lassen, das führt zu neuen Inhalten.

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund: Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann. hep Verlag, 2015, 176 Seiten. ISBN 978-3-0355-0311-1