Archiv der Kategorie: Lernen

Pull-Lernen: nicht in den Kopf hinein hämmern, sondern aufsaugen

In den Social Media Kanälen wird momentan auf das Interview mit dem dm-Gründer Götz Werner verwiesen, der darin sagte (1):

Im Leben braucht man keinen Druck, sondern Sog. Wer fliegen möchte, braucht Thermik. Flugzeuge fliegen, weil Sog aufgebaut wird. Ich selbst bin Vater von sieben Kindern – die reagierten alle nur auf Sog. Kunden, die bei uns kaufen, kommen, weil sie Sog verspüren, nicht weil ihnen jemand in den Hintern tritt.

Dass Menschen etwas aus sich heraus tun und nicht, weil sie unter Druck stehen, ist absolut richtig, auch wenn das Beispiel mit dem Fliegen schlecht gewählt ist. Ob die Kunden von seiner Drogeriekette angesaugt oder hineingeblasen werden, sei mal dahingestellt. Sicher ist, dass seine Drogerien von den Kunden gezogen werden und nicht von den Lieferanten gestossen.

Pull- und Push-Strategien

In der Betriebswirtschaft ist das logistische Pullprinzip längst angekommen. In den 70er Jahren galt noch das Push-Prinzip: Die Unternehmen produzierten „auf Halde“ und füllten die Endprodukteläger. Der Verkauf musste die Produkte dann so schnell als möglich verkaufen, indem er sie den Kunden auf die Nase drückte. „Bedürfnisse schaffen“ nannte man das damals.

by Grochim and Wikipedia

In den 80ern kippte das Push-Paradigma und machte einem neuen Verständis Platz, wonach die Kunden zu sagen pflegen, was sie wollen. Das bedeutete, dass der Verkauf vorwiegend zuhörte, was der Kunde wünscht – sog. „screening“ – und ihm dann diesen Wunsch realisiert. Damit „zieht“ der Kunde das Produkt durch die Produktion hindurch, es wird nicht mehr durchgestossen, wie in den 70ern. Spätenstens seit den 90er Jahren funktionieren alle Unternehmen nach dem Push-Prinzip. Das bedeutet, dass in der Produktion stets ein „Sog“ herrscht, wie es Herr Götz Werner in seinem Interview anschaulich ausdrückte, auch wenn es sich nicht um die betriebswirtschaftlich korrekte Bezeichnung handelt.

Zwar ist die Unterscheidung zwischen Pull- und Push-Strategie (2) nicht ganz so einfach, wie hier dargestellt. Auch heute kann in gewissen Fällen eine Push-Strategie immer noch Sinn machen. Bei der Pull-Strategie besteht das Problem, dass der Kunde meist nicht gewillt ist, so lange auf das Produkt zu warten, bis es produziert ist. Daher werden meist Mischformen angewandt.

Pull-Lernen

Weners Zitat wird auch deshalb verbreitet, weil es eine Aussage für modernes Lernen machen kann. Gelernt wird, was interessiert. Wenn mich etwas interessiert, dann gehe ich dem nach. Meine Motivation saugt das Wissen auf. Wenn aber ein Lehrer, die Eltern, der Arbeitgeber oder sonst eine Institution versucht, mir Wissen „beizubringen“, das mich nicht interessiert, dann ist das so, als würde er es mir in den Kopf hinein „drücken“ wollen und das funktioniert nicht. Das meinte Werner, wenn er sagt, dass seine Kinder nur auf Sog reagieren. Sie machen, was sie wollen, was sie interessiert, wofür sie motiviert sind.

Auf das Lernen übertragen bedeutet dies, dass nur der Lernende weiss, was er benötigt und was ihn interessiert. Das herkömmliche Schulsystem geht aber davon aus, dass der Lehrer im Vornherein weiss, was der Schüler braucht. Der Lehrer erzählt den Stoff einer Gruppe von Schülern in einem frontalen Vortrag. Die Schüler müssen dann das, was der Lehrer erzählt hat, nur noch auswendig lernen. Genau dieser Schritt geht nur unter Druck. Das, was der Lehrer erzählt hat, muss in die Köpfe hinein „gedrückt“ werden. Nach Götz Werner funktioniert dies nicht.

Neuere Lern-Ansätze drehen den Spiess denn auch etwa um. Anstatt, dass die Lehrer Wissen „auf Halde“ produzieren, in der Hoffnung, dieses Wissen den Schülern „verkaufen“ zu können, sollen die Schüler dasjenige Wissen, das sie interessiert, be-ziehen. Die Schüler ziehen das Wissen aus dem Bildungsapparat heraus, ganz wie die Kunden ihre Produkte aus den Produktionsstätten herausziehen. Ich nannte dieses neue Lernparadigma deshalb Pull-Lernen.

Lehrer nach Bedarf

Pull-Lernen stelle ich mir so vor, dass sich ein Mensch in seiner aktuellen Lebenssituation für gewisse Dinge interessiert und diesen aus sich heraus nachgeht. Er liest zunächst einmal einschlägige Artikel und Lehrbücher. Vielleicht stellt er fest, dass er noch nicht über die nötigen Voraussetzungen verfügt, um den Stoff zu verstehen. Dann wird er sich für die Preliminarien interessieren. Versteht er etwas nicht, von dem, was er gelesen hat, dann wendet er sich an Experten. Das können z.B. Lehrer sein, die ihm genau dieses eine Wissenselement erklären, das unser Protagonist nicht verstanden hat. Dazu müssen die Lehrer nicht in einer Schule sitzen und vor Klassen reden. Sie können z.B. im Web angesprochen werden und dort ihre Erklärungen abgeben. In weitergehenden Fällen können Online-Besprechungen oder gar persönliche Treffen durchgeführt werden. Schulen und erst recht Schulhäuser werden also beim Pull-Lernen überflüssig.

Ebenso werden Zeugnisse, Prüfungen und Zertifikate obsolet. Wenn sich unser Mensch für etwas interessiert, dann sagt er, wann er genug weiss und kann. Er prüft sich ständig selbst. Nur er weiss, wann das „Lern-Produkt“ die nötige Qualität hat, die er sich vorgestellt hat, als er anfing, sich für diese Sache zu interessieren.

Lernen just-in-time

Wer im herkömmlichen „Lernjahre – Wanderjahre – Meisterjahre“ denkt, kann mit diesem neuen Lernparadigma so gar nichts anfangen. Wie, wird er fragen, kann ein Mensch, der z.B. Maurer werden will, wissen, was er heute lernen muss, um dereinst gut mauern zu können. Da er ja das Maurern erst erlernen will, kann er zum Voraus noch nicht wissen, für was er sich heute im Detail interessieren soll. Das ist richtig.

Mit zunehmender Komplexität der Arbeitswelt werden jedoch die Blöcke Lernjahre, Wanderjahre, Meisterjahre zunehmend kleiner und fragmentierter. Es wird nicht mehr möglich sein, einen Beruf für’s Leben zu erlernen. Gemäss dem eindrücklichen Video „Did you know“ haben 2004 die Jobs noch gar nicht existiert, die 2010 zu den gefragtesten gehörten (3). Diese Tendenz nimmt exponentiell zu. Heute gibt es gefragte Jobs, die vor 3 bis 4 Jahre noch gar nicht existierten. Es ist also schon sinnlos geworden, auf eine Lehrabschlussprüfung zu lernen, die in 3 bis 4 Jahren stattfindet.

Das US Departement of Labour schätzt, dass ein Mensch 14 verschiedene Jobs haben wird, bevor er 40jährig ist. Das bedeutet, dass Menschen immer schneller ihre Jobs wechseln (müssen). Man ist immer seltener Maurer, Mathematiker, Pilot oder Lehrer. Man mag dieses Jahr Lehrer sein und nächstes Jahr vielleicht Augenoptiker. Und meistens hat man sowieso mehrere Jobs parallel. Um diese schnelle Abfolge von verschiedenen Tätigkeiten zu meistern, muss man sich laufend neue Fähigkeiten aneignen. Mit reiner Wissensaufnahme ist es nicht getan. Wir müssen immer öfters eine Fähigkeit genau in diesem Moment erlernen, in welchem wir diese Fähigkeit benötigen.

Im herkömmlichen Bildungsverständnis lernt ein Mensch „für’s Leben“. Er lernt Dinge, von denen er nicht weiss, ob er sie jemals benötigen wird. Das war bisher auch richtig so. Doch wenn wir dieses Verständnis nicht aufgeben, dann bilden wir bald Studenten für Jobs aus, die noch gar nicht exsistieren, um Technologien zu nutzen, die noch gar nicht eingeführt sind und um Probleme lösen zu können, die noch gar nicht als Problem erkannt sind, wie wir im Video „Did you know“ erfahren. Eine Lösung für die zukünftige Arbeitswelt kann auch wieder aus der betriebswirtschaftlichen Logistik entlehnt werden: Learning by just in time. Wir absolvieren nicht mehr länger teure und jahrelang andauernde Lehrgänge, in welchen wir uns Fähigkeiten aneignen müssen, die bereits bei der Abschlussprüfung nicht mehr gefragt sein werden, sondern lernen das, was im aktuellen Job oder Lebenssituation gerade angesagt ist.

Volksschulen

Wie ist die spezielle Lernsituation von Kindern in diesem Kontext zu interpretieren? Selbstverständlich gibt es einen Kanon von Kulturtechniken, die vermutlich in den nächsten paar Jahrzehnten Beständigkeit haben werden. Welche das sind, ist gerade Thema einer breitangelegten Diskussion.

Ich kann mir vorstellen, dass bald niemand mehr selber schreiben muss, da bereits heute gängige Softwarepakete existieren, die alles, was man ihnen diktiert sofort in ein Dokument schreiben. Dass wir solche Software so wenig brauchen, liegt noch an der Benutzerfreundlichkeit. Wir wollen ja nicht immer eine Software starten und vielleicht sogar noch ein Headset anlegen, bevor wir etwas schreiben können. Wahrscheinlich wird bald einmal das Smartphone einfach alles, was wir sagen, in ein Dokument schreiben. Daraus können wir dann entnehmen, was wir schriftlich weiterverarbeiten wollen.

Auch rechnen brauchen wir nicht mehr selber. Es gibt seit Jahrzehnten handliche Rechenmaschinchen oder entsprechende Apps für das Smartphone. Allerdings gilt in diesem Fall dasselbe wie für das Schreiben. Es ist oft zu mühsam, die Rechnerapp zu starten und die Rechenaufgabe einzutippen. Eine Anzeige in der Brille muss automatisch reagieren, wenn wir eine Rechnung sagen.

Übersetzungssoftwarepakete werden bald so gut sein, dass sich niemand mehr der Mühe aussetzt, eine fremde Sprache zu erlernen. Man kann also tatsächlich rätseln, welche Kulturtechniken denn übrigbleiben, die unsere Kinder „für’s Leben“ lernen könnten.

Eine Fähigkeit, die bestimmt in den nächsten hundert Jahren benötigt wird, ist die, Neues zu Lernen. Wenn ich morgen bei Arbeitsbeginn vernehme, dass ich jetzt einen neuen Job habe, der so gar nichts mit allem dem zu tun hat, was ich bisher gemacht habe, dann muss ich schnell und effektiv das lernen, was der neue Job von mir fordert. Damit ich das kann, muss ich gewisse Lern-Fähigkeiten haben. Da niemand solche Fähigkeiten einem anderen beibringen kann, muss sie sich jeder selber aneignen. Das gilt auch und vor allem für Kinder. Gewiss, man kann sie unterstützen, indem man z.B. Spiele erfindet, welche in schneller Abfolge verschiedene Fähigkeiten fordern, die sich die Mitspieler zuerst aneignen müssen, bevor sie weiterspielen können.

Spielerisch lernen statt büffeln

Angesichts der Zunahme von Informationen und Daten spielt kritisches Verständnis eines Textes eine grosse Rolle. Auch das kann geübt werden, genauso wie Kreativität, die für zukünftige Jobs eine zunehmend wichtige Voraussetzung sein wird. Solche Fähigkeiten können spielerisch geübt und angeeignet werden. Die Zeiten des Drills und Büffelns werden bald vorbei sein, weil genau dasjenige Wissen, das nur durch büffeln einigermassen haften bleibt, obsolet wird. Zwar müssen auch die Kulturtechniken, die in Zukunft Bestand haben, immer wieder geübt werden, bis sich ein bestimmtes Verhalten eingeprägt hat. Aber dieses Üben geschieht nicht drillmässig, sondern spielerisch. Daher werden Schulen für Kinder bis ca. 15jährig vermutlich offener und spielerischer werden.

Die einzige bisherige Kulturtechnik, die vielleicht noch weiterhin geübt wird, könnte Lesen sein. Zwar kann ich mir einen Text von einer Software vorlesen lassen. Ich persönlich verstehe aber einen etwas komplizierteren Sachverhalt besser, wenn ich ihn lese, als wenn ihn mir jemand vorliest oder vorträgt. Das mag u.a. daran liegen, dass ich beim Lesen innehalten und mir das bisher Gelesene überlegen kann. Zwar könnte ich auch eine Vorlese-Software anhalten. Das ist aber bedeutend umständlicher, auch wenn ich bloss „stop“ rufen müsste.

Leuchtfeuer 4.0

Am 19. April startet online eine kollaborative Veranstaltung, die u.a. diese Themen aufarbeitet. Der Anlass ist kostenlos. Jedermensch kann teilnehmen und mitmachen. Während zwei Wochen kann man sich mit anderen austauschen und seine Meinung einbringen. Die Veranstalter schreiben (4):

Mit dem MOOC möchten wir zunächst, gemeinsam mit euch, unser aller „Neuland“ im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ neu kartographieren. Wie können wir uns darauf besser vorbereiten? Das ist die zentrale Frage.

Schauen Sie rein! Es lohnt sich auf jeden Fall.

Nachtrag (09.04.2017): Das berührende Video „alike“ zeigt, was hier gemeint ist. Der Schüler interessiert sich jetzt für Musik, wird aber gepusht, sich mit Buchstaben zu beschäftigen, bis ihm die Farbe abhanden kommt.

„Alike“ is an animated short film directed by Daniel Martínez Lara & Rafa Cano

(1) http://derstandard.at/2000051252761/Goetz-Werner-Alte-s-stellt-eine-ganze-Gesellschaft-vom-Kopf
http://www.webcitation.org/6pLWCnzPR

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Push-Pull-Strategie

(3) Did you know? https://www.youtube.com/watch?v=U9NZqtG2Ncg

(4) https://mooin.oncampus.de/feuer40

Neue Riten braucht das Land

Ein neulicher Kommentar zu einem meiner schon älteren Blogbeiträge lautet kurz und bündig:

Die Welt ist nichts, Gott ist nichts. Ich bin auch nichts. Das macht aber nichts

Der Kommentator legt dieses Zitat Max Stirner in den Mund, was ich nicht bestätigen kann. Das macht aber nichts.

Das Universum verfliesst, es gibt keinen Halt mehr

Hingegen macht es durchaus etwas, dass Gott und die Welt nichts sind. Vor drei- bis vierhundert Jahren verbannte die Naturwissenschaft den Mensch aus dem Zentrum des Universums und löste dieses gleichzeitig auf, worauf Nietzsche feststellte, dass Gott tot sei. Die Physik des jungen 20. Jahrhunderts bewies, dass die Welt materiell eher nichts als etwas und jedenfalls sehr relativ ist.

Das führte mit dem Konstruktivismus zur Abkehr von der Idee einer absoluten Wahrheit und empirischen Objektivität, was aber dem seit mindestens 3000 Jahre gewachsenen Gefühl, wonach eine Aussage – neuerdings spricht man von «Fakt» – entweder wahr oder falsch sein muss, widerspricht.

Wir schlichen uns aus dem Zentrum des Universums davon (Flammarions Holzstich, by Wikipedia)

In der Folge versuchte man, diese zweiwertige Logik zu ergänzen, obwohl die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse weniger für eine dreiwertige Logik sprachen als vielmehr für eine sowohl-als-auch-Logik. Versuche in dieser Richtung bilden die dialogische Logik oder die polykontexturale Logik von Gotthart Günther. «Sowohl-als-auch» bedeutet, dass die Nicht-Wahrheit einer Aussage ihre Wahrheit überlagert. Eine Aussage ist also immer wahr und gleichzeitig falsch. Insbesondere gibt es keine Dichotomien, da beide Pole immer gleichzeitig Gültigkeit haben. Aber damit sind trotzdem nicht beliebige Aussagen möglich, denn in einem bestimmten Kontext macht die Wahrheit oder die Nichtwahrheit der Dichotomie Sinn.

Hier zeigt es sich erneut, dass die Natur(wissenschaft) und die Gesellschaft nicht komplementär sind, sondern sich vielmehr gegenseitig konstruieren.

Der Leuchtfeuer-Online-Event als eine Art Burning Man Event im Web

Die Relativität des Universums und der Standpunkte hat nach Gott nun grundsätzlich alle Autoritäten abgeschafft. Die Menschen haben plötzlich «unendliche» Freiheit erlangt, weil niemand mehr sagt – sagen kann, was wahr und was falsch ist.  Schon möglich, dass die meisten Menschen so viel Freiheit gar nicht aushalten. Caveat Magister schreibt (1):

Human beings are not suited for a universe without a center

Das erinnert mich ein wenig an Bertolt Brecht:

Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug

Ceveat Magister arbeitet für das Burning Man’s education department an einer Studie über die  “Burning Man culture”.

Als Einführung in den MOOC – Massive Open Online Course – über neue Arbeitsräume, der am 19. April startet, schreibt Anja C. Wagner zum Titel des MOOC, «Leuchtfeuer 4.0» (2):

Schon mal vom Burning Man gehört? Eines der faszinierendsten Festivals der westlichen Welt – und Pulsgeber für das Web 2.0, die DIY-Kultur, das Weltverbesserungsdingens im Silicon Valley und all die Folgen, die wir derzeit spüren

Der MOOC sei jeder Person empfohlen, die sich für neue Arbeits-, Lern- und Lebensformen interessiert und neue Wege gehen möchte. Für den MOOC kann man sich hier anmelden:

Leuchtfeuer 4.0: Arbeit 4.0 trifft Bildung 4.0.

Leuchtfeuer 4.0 (by Nina Oberländer)

Ein MOOC ist ein Anlass, der vollständig im Web stattfindet. Man muss also nicht einmal aus dem Haus gehen. Es gibt aber keine Teilnehmer. Alle sind Teilgeber, d.h. alle leisten einen Beitrag. So funktioniert auch das Burning Man Festival.

Die Haut wird zum Kleid, das wir nach Belieben ablegen können

Magister glaubt, dass die unendliche Freiheit, die wir erlangt haben, uns mehr ängstigt als der Tod. Deshalb suchen wir verzweifelt nach Führung und Anleitung für unser Handeln.

So verstehe ich den globalen Erfolg rechtsnationaler Parteien, die die Welt mit simplen Dichotomien erklären und darauf aufbauend einfache Handlungsanweisungen versprechen. Während es vor 700 Jahren hiess: «Hie Ghuelf, hie Ghibellinen» (3), erklären die Populisten heute noch die Welt mit «Hier sind wir und dort die Anderen, die wir hier nicht dulden». Als ob in einer relativen Welt ohne absolute Wahrheiten eine solche Dichotomie noch irgendwelchen Sinn ergäbe!

Jumping out of your skin in the new year (by Farrukh, flickr)

Unsere ethnische Zugehörigkeit, unser Beruf, unsere Religion, ja sogar der Boden, auf dem wir stehen, gehörten bis vor Kurzem so sehr zu uns, wie unsere Haut. Auch wenn es viele noch nicht verstehen, Sie lernen gemeinsam, sie fühlen aber, dass das alles nun austauschbar geworden ist wie ein Kostüm, meint Magister, als könnten wir neuerdings aus der Haut steigen und eine andere anziehen.

Beispielsweise bedeutet lebenslanges Lernen, dass wir nicht mehr zuerst eine Ausbildung machen und dann endgültig das sind, wofür wir ausgebildet wurden. Vielmehr müssen wir uns heute den schnellen Veränderungen anpassen und unseren Beruf ständig wechseln, je nachdem, was verlangt wird.

Auch Heimat wird relativ. Immer mehr Menschen leben nomadisch und sind überall zuhause. Das Web erlaubt uns, viele Arbeiten ortsunabhängig und dennoch kollaborativ zu erledigen. Dabei kommen wir mit verschiedenen Kulturen und Religionen in Kontakt und müssen uns vorübergehend anpassen, so dass wir schliesslich auch multikulturell leben, denken und fühlen.

Das Normalarbeitsverhältnis – eine Ausnahmeerscheinung

Wenn lebenslanges Lernen und nomadisches Leben heute grad noch freie Entscheidungen sind, werden die Menschen bald keine Wahl mehr haben. Brigitta Bernet von der Universität Basel sieht im Normalarbeitsverhältnis – 40 Jahre Lohnarbeit auf der Basis einer vorgängigen Ausbildung – sowieso ein Ausnahmephänomen (4). Es ist erst in der Aufklärung entstanden und hat sich für die männlichen Familienernährer vor allem im Fordismus und seiner Produktionsform etablieren können. Das Normalarbeitsverhältnis setzt einen national verankerten, von der internationalen Konkurrenz weitgehend abgeschotteten Produktionsbetrieb voraus. Dieser verliert mit fortschreitender Globalisierung und Tertiarisierung an Bedeutung, so dass dem Normalarbeitsverhältnis der Boden entzogen wird. Auch hier identifiziere ich im momentanen Erfolg rechtsnationaler Kräfte ein letztes Aufbäumen gegen das allmähliche Abgleiten des Normalarbeitsverhältnisses, das mit dem Schliessen der Grenzen ihrer Meinung nach geschützt werden kann.

Auf der anderen Seite entstehen überall Initiativen für innovative Arbeitsmodelle auf Augenhöhe, selbstbestimmtes Arbeiten und Lernen, lebenslanges Lernen und alternative Unternehmensformen, die der neu gewonnenen «unendlichen» Freiheit des Menschen Rechnung tragen. Diesen Initiativen folgen vielleicht nur Menschen mit einem Urvertrauen in die Welt und die Menschheit. Es braucht viel Zuversicht und Offenheit, um das Zentrum des Universums und absolute Wahrheiten loszulassen. Die meisten haben wahrscheinlich Mühe damit. Es macht ihnen Angst und sie suchen nach Autoritäten und Fixpunkten, sogar wenn es ihnen bewusst ist, dass es sich um falsche Autoritäten handelt, die falsche Versprechungen machen.

The Healing Power Of Doing Good

Ein Ritus ist ein Tun (by merdeka)

Magister glaubt, dass wir wieder Riten brauchen. Aber wo nehmen wir in einer säkularisierten Welt ohne Orientierungshilfen Riten her? In den Schoss Gottes können wir nicht mehr zurück, nachdem wir uns aus dem Mittelpunkt des Universums hinauskatapultiert haben. Wir haben Technologie als prophetischen Kult. Bald seien Computer so intelligent, dass sie uns sagen, was wir tun und lassen sollen. Sie glauben, dass das ein angsteinflössendes Szenarium ist? Nicht für alle, denn wenn Computer und Big Data Algorithmen Handlungsanweisungen geben und Verantwortung abnehmen, dann kommt das vielen Menschen gerade recht. Endlich wieder eine Autorität, die Stütze ist!

Aber Magister versteht unter Riten Tätigkeiten. Er sagt, dass Intellektualismus und Theorien nicht genügen, sondern ein Tun gefordert ist. Riten sind Prozesse, die man durchlaufen muss, um sich mit der Autorität zu versöhnen. Religionen sind weniger gemeinsamer Glaube als vielmehr gemeinsame Aktivitäten, z.B. gemeinsames Gebet oder gemeinsames Empfangen von Sakramenten.

Magister fordert in einer säkularisierten Welt Aktivitäten, mit denen sich jeder Mensch im Rahmen seiner Talente und Fähigkeiten engagieren kann. Im 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden gerade zu diesem Zweck Serviceclubs und Logen. Ihr Credo ist der gemeinsame Einsatz im Dienste der Allgemeinheit. Damit ihr Tun einen rituellen Charakter erhalten, geben sich diese Organisationen in gewisser Weise sakral und wählen ihre Mitglieder sorgfältig aus. Leider haben Serviceclubs in der Öffentlichkeit das Ansehen einer Lobby korrupter Entscheidungsträger. Das kann ich aber aus meiner Erfahrung nicht bestätigen.

Rituelles Lernen als Voraussetzung zum Glücklichsein

Magister fragt, welche Organisationsformen moderne Riten bilden und tragen können und wie sie ihre Mitglieder für Freiwilligenarbeit motivieren können, die sowohl für die Mitglieder als auch für die Gemeinden einen Wert generieren. Im diesjährigen Burning Man Event wollen 70’000 «Burners» diesen Fragen nachgehen.

Ich denke, einzelne Organisationen, Tribes oder Communities können nicht mehr als Vorbilder sein. Eine Community von 70’000 Menschen ist ansehlich. Serviceclubs bringen es auf mehrere Millionen Teilgeber, die ihre Activities sogar überall rund um den Globus durchführen. Um jedoch den Menschen in ihrer «unendlichen» Freiheit wieder eine Stütze zu geben, reichen Organisationen und Communities nicht aus. Es muss vielmehr ein gesellschaftsweiter gemeinsamer Wille wachsen, der mit rituellem Tun verbunden ist. Dieses Tun muss einem Grundbedürfnis der Menschen entsprechen und ihnen Halt und Anleitung  geben.

by Topgold (from karegivers and  Google)

Lernen könnte ein solches Tun sein. Lernen ist eine überlebenswichtige Tätigkeit des Menschen und deshalb ein guter Anwärter auf einen Ersatz von Riten. Wir müssen täglich lernen. Lernen durchzieht unser Leben, von Geburt bis zum Tod.  In konnektivistischen massiven offenen online Kursen (cMOOC), wie dem Leuchtfeuer 4.0,  könnte sich so etwas wie Riten entwickeln. Ein cMOOC dauert im Allgemeinen mehrere Wochen, hat einen Anfang und ein Ende und das Ziel, einem bestimmten Thema auf den Grund zu gehen. Leider ist der Begriff «Kurs» falsch gesetzt, denn ein Kurs suggeriert, dass ein Lehrer in herkömmlichem Sinn Wissen an Schüler weitergibt. Aber ein cMOOC ist kein Kurs, sondern besteht aus selbstbestimmtem Lernen. Jede Woche werden einige Materialien zu einem Unterthema vorgelegt, das alsbald von den Personen, die sich im cMOOC eingeschrieben haben, diskutiert und von allen Seiten beleuchtet werden. Das Lernen geschieht in Kollaboration und im gemeinsamen Tun aller Teilgeber. Das sind diejenigen, die sich eingeschrieben haben. Das sind nicht Teilnehmer, denn das wäre zu passiv. Alle beteiligen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Im gemeinsamen Tun lernen („Andrew and Jerome juggle“ by salomon888)

Das kann sein, indem sie in einer Facebookdiskussion ihre Meinung zu einem Sachverhalt kundtun, gemeinsam an einem Dokument schreiben, einen Blogbeitrag verfassen, bisherige Kommentare zusammenfassen, die Ansicht eines Teilgebers in einer Zeichnung widergeben, einen Experten zum Thema interviewen und davon ein Video erstellen oder einen einschlägigen Artikel verlinken und kommentieren. Bei diesem Tun muss man ständig Begriffe googeln oder in Wikipedia nachschlagen, diese neu interpretieren,  Literaturrecherchen durchführen, Quellen nachweisen und verlinken und anderen Forschungstätigkeiten nachgehen. Wer sich auf diese Weise mehrere Wochen mit dem Thema auseinandergesetzt hat, hat viel gelernt. Darüber hinaus macht das kollaborative Lernen auf Augenhöhe zufrieden und glücklich.

Am besten, Sie probieren es ab dem 19. April gleich selber aus, indem Sie in den Leuchtfeuer-MOOC herein schauen oder Sie fahren einen anderen MOOC ab, den Sie auf Onlinecampus finden. Es gibt dort Angebote über Arbeitspsychologie, Neue Perspektiven, Klima, bürgerliches Engagement, Volleyball, Windenergie und viele andere Themen.

Wenn die Gesellschaft einmal akzeptiert hat, dass Lernen Grundvoraussetzung nicht nur für das Überleben des einzelnen Individuums ist, sondern auch für die Community und alle Menschen neben ihrem 4-6 Stundenjob – was mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung künftig normal sein wird – sich pro Jahr mindestens in einem cMOOC engagieren, dann könnte solches Lernen rituellen Charakter annehmen und in der zukünftigen Arbeits- und Lebenswelt sinnstiftend sein.

 

(1) Caveat Magister. Why Ritual is Relevant. The Burning Man Journal. 6. Februar 2017

http://www.webcitation.org/6oGTSUPQz

(2) Burning Man & das Web 2.0

(3) Wikipedia. Ghibellinen und Guelfen

Franz W. Scherer. Hie Guelf- Hie Ghibellin. Ein Roman aus der Hohenstaufenzeit. 1925

(4) Brigitta Bernet. Die Zukunft der #Arbeit muss neu gedacht werden. Beiträge zur öffentlichen Debatte. 15. Februar 2017

 

Die Zukunft des Arbeitsmarktes

Was wir aus der Spieltheorie darüber lernen

Der Spieltheoretiker A. Michael Spence ist der Meinung, dass der Sinn von Zertifikaten und Diplomen darin besteht, einem potentiellen Arbeitgeber die eigene Produktivität zu signalisieren und so einen höheren Lohn verlangen zu können (1). Ohne dieses Signal würden die produktiven Arbeitnehmer die weniger produktiven subventionieren. Wie ist das zu verstehen?

Signale zur strategischen Informationsübermittlung

Sucht ein Unternehmen eine Mitarbeiterin, weiss diese, was sie kann und kennt somit ihren Wert. Das Unternehmen hat jedoch diese Information nicht. Für das Unternehmen ist die Selektion eines neuen Mitarbeiters wie Fischen in trüben Gewässer. Daher wird das Unternehmen einen Anfangslohn festlegen, der der durchschnittlichen Produktivität entspricht. Das bedeutet aber, dass produktive Mitarbeiter schlechter honoriert werden, als weniger produktive. (2)

Die produktiveren Mitarbeiter versuchen nun, den Arbeitgebern ein Signal ihrer Produktivität zu senden, das von den weniger produktiven Menschen nicht imitiert werden kann. Dabei handelt es sich eben um eine zusätzliche Ausbildung, die mit einem Zertifikat nachgewiesen werden kann. Warum kann dies nicht imitiert werden? Weil sich der (beträchtliche) Aufwand für die Zusatzausbildung für produktive Menschen in Grenzen hält, während der Aufwand für weniger produktive Menschen den Lohngewinn, den sie mit dem mühsam erworbenen Zertifikat einhandeln, übersteigen würde. Mit anderen Worten: Der Erwerb eines Zertifikats lohnt sich für weniger produktive Menschen nicht.

Signalspiel

Das Unternehmen glaubt, dass wer ein Zertifikat hat, produktiv ist, d.h. dass \alpha=1 und wer kein Zertifikat hat, nicht produktiv ist, d.h. \beta=0.

Veränderte Bildungslandschaft

Soweit Spences Überlegungen, die ihm den Nobelpreis eingebracht haben. Er hat sie in einer Zeit angestellt, in der es noch kaum vorkam, dass 40-50jährige einen (zusätzlichen) Hochschulabschluss machten und in der der Staat noch die Oberhoheit über Hochschulen hatte. In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert.

  • Hochschulabschlüsse werden nicht mehr ausschliesslich von Universitäten ausgestellt.
  • Es ist mit dem Bachelorabschluss möglich, gegenüber früher verkürzte Studien zu absolvieren.
  • Das Angebot zertifizierter Ausbildungen ist sehr diversifiziert worden. Es gibt in der Zwischenzeit qualitativ hochstehende Zertifikate, die nicht auf Hochschulausbildungen basieren.

Dieses «third-party cerdentialing» und «non-college learning» ist zu einem Trend in der höheren Erwachsenenbildung geworden. (Liz Reisberg, The next Revolution has Begun, The World View, 9. August 2016)

Abschlüsse taugen nicht mehr als Signal

Mittlerweile besteht eine grosse Nachfrage nach berufsbegleitenden Bachelorabschlüssen, wofür immer mehr Schulen mit verlockenden Angeboten werben, die den Eindruck erwecken, als könnte man bei ihnen den Abschluss fast ohne Aufwand erlangen. Die Zahl der Studierenden nimmt dadurch zu und mit ihnen die Anzahl der Bildungsinstitute. Unterdessen mag die Durchschnittsproduktivität aller Bachelorstudierenden beträchtlich gesunken sein, so dass ein Bachelorabschluss für die produktiveren Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr als Signal genügen dürfte, wie das M. Spence vorgesehen hatte. Daher verzichten immer mehr Arbeitnehmer auf Zeugnisse und Zertifikate. Der Personalchef von Google, Laszlo Bock, sagt zum Stellenwert von Noten und Abschlusszertifikaten, dass die Kategorisierung von Bewerbern nach solchen Kriterien sich als komplett wertlos erwiesen haben. Dies liege einerseits daran, dass die Anforderungen an die jeweiligen Fähigkeiten komplett anders gelagert sind. Außerdem habe man es nach einiger Zeit mit völlig anderen Menschen zu tun. „Man lernt und wächst an den Aufgaben, man geht anders an die Sachen heran„, führte Bock aus.

Marktverweigerung – Innovation und Entrepreneurship sind die neuen Werte

Innovation (Bild aus ICTPost 2014: Malware attack through advertisement links on web-spaces: http://ictpost.com/malware-attack-through-advertisement-links-on-web-spaces/)
Innovation
(Bild aus ICTPost 2014: Malware attack through advertisement links on web-spaces: http://ictpost.com/malware-attack-through-advertisement-links-on-web-spaces/)

Es stellt sich also die Frage, welches die neuen Signale sind, die erfolgreiche Bewerber den Unternehmen senden. Ich denke, dass Produktivität nicht mehr an erster Stelle des Wertekanons eines Mitarbeiters steht. Vielmehr dürfte Produktivität durch z.B. Innovationsfähigkeit und Entrepreneurship verdrängt worden sein. Der Besitz dieser Fähigkeiten lässt sich am besten dadurch signalisieren, dass man ihn beweist. Daher fragen diese Bewerber gar nicht erst eine Arbeitsstelle nach, sondern reissen auf eigene Initiative lokale Projekte auf oder ziehen als digitale Nomaden durch die Welt. Dieses Verhalten sieht man z.B. auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Wegen asymmetrischer Information über den Zustand eines Gebrauchtwagens, werden durchschnittliche Preise bezahlt. Daher wird jemand, der einen neuwertigen Wagen verkaufen will, diesen gar nicht erst auf dem Gebrauchtwagenmarkt anbieten. Lediglich Autos geringerer Qualität werden noch gehandelt – die guten Wagen werden aus dem Markt gedrängt.

gg66452427Ähnlich werden innovative Personen und solche, die über Entrepreneurship verfügen, ihre Arbeitskraft gar nicht erst auf dem Arbeitsmarkt anbieten, sondern am Markt vorbei als Freelancer auftreten. Unternehmen werden in Zukunft vermutlich vermehrt auf solche Freelancer setzen, die Innovation und Entrepreneurship in ihren privaten Projekten bewiesen haben.

Unternehmen trennen initiative und weniger initiative Stellensuchende

Anstatt, dass die informierte Partei Signale sendet, kann man sich auch das Umgekehrte vorstellen, nämlich dass die uninformierte Partei versucht, die Informierten zu trennen. Das nennt sich «Screening-Spiel». Die Versicherungsbranche macht dies durch die Einführung von Selbstbehalten. Versicherungsnehmer, die vorsichtig sind und wissen, dass ihnen dadurch selten etwas passiert, entscheiden sich für die günstige Police mit einem Selbstbehalt. Die Draufgänger hingegen, welche grosse Risiken eingehen, wählen die Police ohne Selbstbehalt.

Etwas Ähnliches wird auch auf dem Arbeitsmarkt passieren. Will ein Unternehmen eine innovative und selbstverantwortliche Mitarbeiterin selektieren, wird sie ihr viel Kompetenz und Verantwortung übertragen, in der Hoffnung, dass dadurch Menschen ohne Entrepreneurship abgeschreckt werden. Es ist sogar denkbar, dass für eine Stelle stets zwei Mitarbeiter ausgewählt werden mit der Absicht, denjenigen, der weniger Initiative zeigt, innerhalb der Probezeit wieder freizustellen.

Initiative und Verantwortung auf einzelne Mitarbeiter zu verteilen, liegt im Trend. Hierarchische Unternehmensorganisationen scheinen ausgedient zu haben. Heterarchie und Holokratie, gemischt mit Augenhöhe und Unternehmensdemokratie, sind die neuen Schlagwörter, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Es wird sich zeigen, was sich durchsetzt.

 

(1) M. Spence : Job Market Signalling, in: Quarterly Journal of Economics, 87 (1973), S. 355-374; und M. Spence : Market Signalling, Harvard University Press (Cambridge, MA) 1974.

(2) Man nennt diese Situation in der Spieltheorie «Signalspiel». Das Signal wird bei asymmetrischer Information zur strategischen Informationsübermittlung verwendet. Wenn ein Teil der Anbieter ein nicht imitierbares Signal sendet, kommt es zu einem sogenannten Trenngleichgewicht, in welchem die signalisierenden Anbieter bessergestellt sind, als die übrigen. Siehe dazu z.B. Winand Emons, Information, Märkte, Zitronen und Signale, in «Wirtschaft für die Praxis», 2001/XI.

Kompetenzen sind verschachtelt

Wir stehen kurz vor einer Kompetenzkatastrophe, wenn wir John Erpenbeck und Werner Sauter Glauben schenken wollen, die in Ihrem Buch «Stoppt die Kompetenzkatastrophe» behaupten, dass «das Wissensweitergabe- und Wissensbeurteilungssystem unerschütterlich zu sein scheint» (1).

Erpenbeck und Sauter möchten mehr Kompetenzen vermitteln, ein Anliegen, das in Anbetracht erhöhter Komplexität überaus berechtigt ist. U.a. nennen sie auch die Kompetenz systemischen Denkens und Handelns, was ich durchaus begrüsse. Das Buch ist ein Muss für alle diejenigen, die sich an der Bildungsdiskussion beteiligen, auch wenn es zuweilen etwas nötigend geschrieben ist. Ich denke, mit mehr Sachlichkeit hätten die beiden Autoren ihr Anliegen produktiver vertreten können. Erpenbeck und Sauter nennen ihr Buch denn auch «Streitschrift».

Vier Kompetenzkategorien

Natürlich ist die Problematik vielschichtig und mehrdimensional. Ich möchte hier jedoch einen Aspekt beleuchten, der mir zu denken gibt: heisst die Alternative zu «Wissen» tatsächlich ausschliesslich «Kompetenz»? Erpenbeck und Sauter räumen ein, dass die beiden Begriffe komplementär seien und es ohne Wissen keine Kompetenz gebe, dass Wissen allein aber zu «Wissensblödigkeit» führe. Das ist richtig, aber aus meiner Sicht noch nicht alles. Ich möchte noch die Begriffe «Verstehen» und «Routine» in die Diskussion werfen.

Zunächst begreifen Erpenbeck und Sauter «Kompetenz» über vier Grundkategorien:

  • personale Kompetenzen
  • Aktivitäts- und Handlungskompetenzen
  • Fach- und Methodenkompetenzen
  • sozial-kommunikative Kompetenzen

Verstehen ist wichtiger als Wissen

Diese vier Kategorien haben sich in der Literatur offenbar weitgehend durchgesetzt, greifen m.E. aber etwas zu kurz. Ich möchte das an meinem Fach der Mathematik erläutern. In der Schulmathematik braucht es kaum Wissen. Wissen beschränkt sich auf Definitionen und Algorithmen.

Eine nächste Stufe ist jedoch das Verstehen. Wer eine Formel auswendig lernt, vergisst sie sofort wieder. Wer die Formel aber versteht, braucht sie nicht zu wissen, denn er kann sie jederzeit herleiten. Das Herleiten ist eine Kompetenz. Sie basiert nicht auf Wissen, sondern auf Verstehen. Ein Beispiel: Es musste der Ausdruck a \cdot b durch 3 geteilt werden. Ich schreibe \frac{a}{3} \cdot b, worauf ein 35jähriger Lernender fragt, warum ich nur a durch 3 geteilt habe und nicht den ganzen Ausdruck. Hier ist ganz primitives Arithmetikverstehen auf der Strecke geblieben. Es hat nichts mit Wissen zu tun.

Routine als „Kompetenzkleister“

Die Anwendung der (hergeleiteten) Formel ist solange «holprig», wie keine Routine darin besteht. Routine ist ein wichtiges Element in der Schulmathematik. Wir kennen das auch beim Beherrschen eines Musikinstruments. Die Kompetenz heisst hier wohl «ein Musikstück interpretieren und spielen können». Diese Kompetenz basiert weniger auf Verstehen, als vielmehr auf Routine.

Jede Kompetenz erfordert Routine, auch jede mathematische Kompetenz. Routine gibt es nur durch tägliches Üben. Ganz ohne Drill geht es nicht, aber es ist dasselbe wie beim Wissen: Wenn Routine ohne Anwendungskompetenz besteht, führt dies zu einer Routineblödheit.

Kompetenzen lassen sich nicht vermitteln

Neben den vier, durch Metakompetenzen (Pfeile) verbundenen Grundkompetenzen gibt es Parakompetenzen, die wie ein Kleister wirken (Wissen, Verstehen, Routine). Einzig Wissen lässt sich vermitteln. Alles andere muss sich die Person selber aneignen.
Neben den vier, durch Metakompetenzen (Pfeile) verbundenen Grundkompetenzen gibt es Parakompetenzen, die wie ein Kleister wirken (Wissen, Verstehen, Routine). Einzig Wissen lässt sich vermitteln. Alles andere muss sich die Person selber aneignen.

Routine und Verstehen sind neben Wissen zwei sehr wichtige Parakompetenzen, ohne die nichts geht. Allerdings lassen sich gerade diese beiden Parakompetenzen nicht wie Wissen vermitteln. Nur die Lernenden selbst sind in der Lage, sich durch Übung Routine anzueignen und durch Nachdenken Verständnis zu schaffen. Das alleine sind bereits Kompetenzen. Wir benötigen also (personale) Kompetenzen, um Parakompetenzen aufzubauen, die Voraussetzung sind zum Erwerb vor allem von Fach- und Methodenkompetenzen sowie Handlunskompetenz. Insofern sind die vier Kompetenzkategorien nicht so flach, wie sie Erpenbeck und Sauter vorstellen. Vielmehr hängen die Grundkompetenzen, die von den Parakompetenzen zusammengehalten werden, via Metakompetenzen voneinander ab, wie z.B. Denken, Üben, Anwenden, Modellieren, etc.

Modellierungskompetenz und Verstehen als Voraussetzung von Fachkompetenz

Wer dann endlich mal routiniert verstandene Formeln herleiten kann, ist bereit, Mathematik anzuwenden. Das ist eine weitere Kompetenz. Schüler nennen das «Textaufgaben» und scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. In erster Linie geht es wieder darum, eine alltägliche Situation zu verstehen und dann zu entscheiden, welche Instrumente wir für die Lösung des Problems anwenden können. Diese Entscheidung bedingt auch wieder Routine im Gebrauch der zur Verfügung stehenden Instrumente.

Auch wenn «hard core Mathematik» im Alltag kaum Anwendung findet, kann beim Lösen angewandter Aufgaben eine im Alltag brauchbare Metakompetenz erworben werden: eine Situation zu verstehen, sie zu modellieren und zu entscheiden, welche Werkzeuge und Instrumente zur Lösung eingesetzt werden können.

Teamkompetenz kann immer geübt werden

Das geschieht vorzugsweise im Gespräch und der Zusammenarbeit mit den anderen Menschen, die sich in der Situation befinden. Auch die Sozial- und Kommunikationskompetenz könnte beim Lösen angewandter Aufgaben erworben werden. Aber auch das müssen die Lernenden selber tun. Wenn ich sie ermuntere, die Übungen zusammen zu diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze auszudenken, dann folgen nur wenige diesem Rat, vielleicht aus Angst, sich im Gespräch mit den anderen eine Blösse zu geben. Es ist eben auch eine Kompetenz, hinstehen zu können und zu sagen: «Ich habe keine Ahnung. Lass es uns gemeinsam lösen».

(1) John Erpenbeck, Werner Sauter: Stoppt die Kompetenzkatastrophe! Wege in eine neue Bildungswelt.
ISBN 978-3-662-48502-6
ISBN 978-3-662-48503-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-48503-3
Springer Spektrum © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

 

Mit medialer Zusammenarbeit in das 21. Jahrhundert

Im zehnten und letzten Kapitel von Werner Hartmanns und Alois Hundertpfunds Buch über Digital Kompetenz geht es um Virtuelle Zusammenarbeit und die Fähigkeit, ortsunabhängig in einem Team zusammenzuarbeiten (1).

„Virtuell“ oder „medial“?

Statt «virtuell» möchte ich die Zusammenarbeit lieber «medial» nennen, denn das, was Hartmann und Hundertpfund meinen, ist keineswegs virtuell, sondern sehr real. Aber ohne Zweifel handelt es sich um eine wichtige Kompetenz von Menschen, die in komplexen Systemen handeln und agieren. Alles was Hartmann und Hundertpfund ausführen, wird zumindest innerhalb der «Educational Communities» des Webs längst gefordert und es gibt unzählige Um- und Durchsetzungsideen. Lobenswert sind die Vorschläge für die Schule, die Hartmann/Hundert in diesem Kapitel machen.

Das herkömmliche Schulmodell als Norm

Es gibt jedoch mächtige kognitive und affektive Kräfte, die sich zusammentun und sowohl die Studierenden als auch die Lehrenden glauben zu machen, dass es keine triftigen Gründe gebe, vom Status quo abzuweichen, wie ihn Jeremias Gotthelf in seinem Roman «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» 1838 geschildert hat: Die Schule ist ein Ort der Wissensvermittlung, die dadurch stattfindet, dass ein erfahrener Lehrer seinen zahlreichen Schülern erklärt, wie die Welt funktioniert. Diese saugen das Wissen des Älteren dankbar in sich hinein, indem sie still zuhören und eventuell Notizen machen, die sie später zuhause aufarbeiten wollen.

Die Verbreitung des herkömmlichen Lehrens. Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century - LESSONS FROM AROUND THE WORLD»
Die Verbreitung des herkömmlichen Lehrens. Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD»

Mir scheint, dass alles daraufabzielt, Strategien zu finden, um zusätzlichen Aufwand zu vermeiden. Solange es keinen Grund für eine aufwändige Intervention gibt, wird sie auf alle Fälle unterlassen. Dabei hilft das Festhalten am herkömmlichen Schulmodell.

Eine spieltheoretische Pattsituation

Ich identifiziere vier Parteien in diesem Spiel: die Studierenden, die Lehrenden, die Schuladministrationen und -behörden sowie die eigentlichen «Kunden», nämlich die Gesellschaft, die Unternehmen, die eingangs erwähnten «educational communities» und eventuell die Eltern (wobei diese in der Hochschullehre eine untergeordnete Rolle spielen).

Es scheint, als hätten Studierende, Lehrende und Schulen ein Stillhalteabkommen verabredet, denn der Einsatz von informationstechnischen Mitteln hätte für alle drei Parteien einen Mehraufwand zur Folge, der keinem Gegenwert entspricht. Vielleicht meinen sie, «Gegenwert» habe etwas mit «gegenwärtig» zu tun, denn ein künftiger Gegenwert wird strikt ausgeblendet. Warum sollte ich mich anstrengen, wenn der Gegenwert allenfalls von der nächsten oder gar erst übernächsten Generation geerntet werden kann?

Die Studierenden

Studierende müssten, um medial zusammen zu arbeiten, sich zusätzlich mit dem Medium und seiner Technik auseinandersetzen. Sie sehen nicht ein, wozu das gut sein soll, wenn es doch auch ohne mediale Zusammenarbeit geht. Kommt dazu, dass das Engagement, bzw. Trittbrettfahrens der individuellen Mitarbeiter transparent wird, was einen unnötigen sozialen Druck verursacht.

Vermeidungsargumente der Studierenden:

  • «In einer Hochschule erklärt der Dozent den Studierenden die Fakten seines Gebiets, in dem er Experte ist». Lehrende, die von dieser Rolle abweichen und sich als Lernbegleiter statt als Dozent verstehen, erhalten eine schlechte Evaluation. Solange der Dozent doziert, können die Studierenden konsumieren.
  • «Jeder hat seine eigene Lernmethode und sein eigenes Lerntempo». Mit diesem Argument entschuldigt er sich für die Nichtteilnahme an der medialen Zusammenarbeit.
  • «Es ist heute bekannt, dass alle Cloudservices von den Diensten ausspioniert werden. Insbesondere mit Google Docs will ich aus personenschutzbezogenen Gründen nichts zu tun haben».

Die Lehrenden

Lehrende müssten sich gleichfalls mit neuen Medien und in diesem Zusammenhang auch mit neuen Lehrmethoden auseinandersetzen. Sie wissen, dass ein Kurs oder gar ein Zusatzstudium – Gott bewahre! – wenig nützt, denn der erfolgreiche Einsatz neuer Medien und Konzepte setzt Routine voraus, die auch in den besten Ausbildungsstrings nicht erworben werden. Routine wird aber nur dann aufgebaut, wenn die zu erlernende Fähigkeit auch täglich geübt und angewendet wird. Das heisst, dass die Lehrenden zu Beginn unsicher sind und vor aller Augen Fehler machen, was ihre Kompetenz und Autorität untergraben könnte.

Nützlicher als alle formalen Ausbildungen und Kurse sind Teilnahme in den eingangs erwähnten «Educational Communities». Das bedeutet, sich an diversen medialen Veranstaltungen einzubringen, wie z.B. der «EdChatDE», der jeden Dienstag von 20 – 21 Uhr auf Twitter stattfindet oder verschiedene cMOOC, die jeweils über mehrere Wochen dauern. Beispielsweise startet am 23. Mai 2016 der COER16, ein Kurs über «Open Educational Resources».

cMOOC sind keine herkömmlichen Kurse. Vielmehr erarbeiten alle Teilnehmer neues Wissen, indem sie sich in einem laufenden ortsunabhängigen Dialog befinden. Das ist problemorientierte mediale Zusammenarbeit pur! Dabei lernen die Teilnehmenden immer neue Personen kennen, die sie an jährlich einem oder zwei onsite-Events, wie z.B. den EduCamps https://educamps.org/ auch persönlich kennen lernen.

Vermeidungsargumente der Lehrenden:

  • «Wer bezahlt mir diesen immensen Zusatzaufwand? Ich mache das ja nicht zum Vergnügen!» (sollten Sie aber, denn es macht toll Spass!).
  • «Die Schule ist ein Ort der Wissensvermittlung, daher muss ich den Studierenden erklären, wie sie ein Sachproblem lösen können». Jeder Dozent kann ohne Vorbereitung locker 2-3 Stunden über sein Gebiet reden. Dabei wird er nur selten von Studierenden unterbrochen. Diese Art von Unterricht ist für beide Parteien die bequemste. Es gibt keinen Grund, davon abzuweichen.
  • «Wir haben einen vorgegebenen Lehr- oder Modulplan. Da können wir nicht noch mediale Kompetenzen vermitteln».
OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century - LESSONS FROM AROUND THE WORLD»
Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD»

Die Schulen

Schuladministrationen und -behörden sind in ähnlicher Lage wie die Lehrenden. Der Einsatz von modernen Medien verursacht insbesondere finanziellen, aber auch zeitlichen Zusatzaufwand und Unsicherheiten. Der damit einhergehende Komplexitätszuwachs wird meist noch negativ gewertet, obwohl Komplexität auf alle Fälle eine Art Reichtum bedeutet.

Vermeidungsargumente der Schulen:

  • «Handies gehören im Unterricht abgeschaltet und sind verboten».
  • «Damit die Schüler nicht in Versuchung kommen, während des Unterrichts ins Facebook zu schauen, installieren wir kein WLAN».
  • «Es fehlt an allen Ecken und Enden an finanziellen Mitteln für die Informatik».

Der Umbruch muss bei den Studierenden beginnen

Unter den vielen Schulen, Lehrenden und Studierenden gibt es jedoch immer einzelne, die verstehen, dass sie sich keinen Dienst erweisen, wenn sie Vermeidungsstrategien fahren. Der OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD» gibt viele positive Beispiele. Sie alleine reichen jedoch nicht. Die vierte Partei, allen voran die Unternehmen, picken sich diejenigen Bewerber heraus, die unter anderem auch über gute mediale Kollaborationsfähigkeiten verfügen. Die Studierenden bilden denn auch die hoffnungsvollste Partei, denn sie würden am ehesten von einer neuen Schulsicht profitieren.  Dann müssten vielleicht auch die Lehrenden nachziehen.

Der erwähnte OECD Bericht drückt es so aus:

Teachers need to be able to work in highly collaborative ways, working with other teachers, professionals and para-professionals within the same organization, or with individuals in other organizations, networks of professional communities and different partnership arrangements, which may include mentoring teachers. Last but not least, teachers need to acquire strong skills in technology and the use of technology as an effective teaching tool, to both optimize the use of digital resources in their teaching and use information-management systems to track student learning.

 

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund
Digitale Kompetenz
Was die Schule dazu beitragen kann

ISBN Print: 978-3-0355-0311-1
ISBN E-Book: 978-3-0355-0372-2

  1. Auflage 2015
    Alle Rechte vorbehalten
    © 2015 hep verlag ag, Bern

 

Informelles Lernen ist heute nicht mehr ausreichend

Im neunten Kapitel Ihres Buches über Digitale Kompetenz gehen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund  auf den Unterschied zwischen informellem, formellem und selbstbestimmtem Lernen ein. Sie stellen fest, dass «jede Situation, in der wir uns befinden, … letztendlich eine Lernsituation sein [kann]», weil das Leben an sich eine Lernsituation sei. Als wäre diese Feststellung nicht genug, behaupten sie, dass sich die Forderung nach lebenslangem Lernen selbst entkräfte, weil es im Leben kaum Momente gebe, in denen nicht gelernt werde.

Eine lernende Maschine aus Streichholzschachteln

Natürlich ist das grundsätzlich richtig, und solch informelles Lernen ist wohl die Urform jeglichen Lernens. Es ist das Lernen der Evolution. Es ist auch das Lernen der Maschinen.

StreichholzschachtelIch erinnere mich, wie ich als Jugendlicher, als Personal Computer noch in weiter Ferne lagen, irgendwo eine Bauanleitung für eine «lernende Maschine aus Streichholzschachteln» gefunden hatte und diese baute. Ich war fasziniert, wie dieses System lernte und immer besser wurde.

haxapawnEs handelt sich um eine Maschine, die eine sehr einfache Variante von Schach spielt. Das Spiel findet auf einem 3×3-Schachbrett statt. Jeder Spieler hat bloss drei Bauern, die gleich ziehen, wie im richtigen Schach. Das Ziel des Spiels ist es, mit einem Bauern die andere Seite zu erreichen oder den letzten Zug machen zu können.

Der eine Spieler ist ein Mensch, der Gegenspieler ist die Streichholzschachtelmaschine. Jedes Mal, wenn sie verliert, lernt sie, diesen Zug nicht wieder zu spielen. Schliesslich ist sie unschlagbar.

Das System ist derart einfach, dass man genau beobachten kann, wie informelles Lernen durch Trial and Error funktioniert. Wer sich ebenfalls eine lernende Streichholzschachtelmaschine bauen will, findet die Anleitung unter dem Namen Hexapawn.

Informelles Lernen genügt heute nicht mehr

Ich spreche lieber von modellfreiem versus modellbasiertem, als von informellen versus formellen Lernen.

Informelles oder maschinelles Lernen ist modellfrei. Man lernt, erfolgloses Verhalten zu vermeiden und erfolgreiches zu perpetuieren. Man hat aber kein Modell und weiss nicht, warum das eine funktioniert und das andere nicht.

Beim modellbasierten Lernen geht es darum, ein Modell des in Betracht stehenden Systems zu entwickeln. Zugegeben, in einer hochkomplexen Welt kann es sich kein Mensch mehr leisten, rein modellfrei zu lernen. Wir machen uns immer eine Vorstellung, wie etwas funktioniert. Meistens ist es uns jedoch nicht bewusst, wie wir zu unseren Vorstellungen gekommen sind und wie wir sie verändern und korrigieren.

Und genau da kommt meine Kritik von Hartmanns und Hundertpfunds Behauptung in’s Spiel, dass jede Situation, in der wir uns befinden, letztendlich eine Lernsituation sei. Das ist nämlich die Standardausrede von Entscheidungsträgern, um keine aktiven Lernphasen einlegen zu müssen.

mentales_Modell
Nach Stefanie Elsholz und Vanessa Schomakers in http://beyond-joy-of-use.com/01_mentale_modelle.html

Was Hartmann und Hundertpfund unter informellem Lernen verstehen, mag vor 10’000 Jahren genügt haben. In einer sehr komplexen Welt genügt es aber nicht mehr. Je mehr Verantwortung eine Person hat, desto häufiger sollte sie aktive Lernphasen einschalten, in denen sie z.B. ihre mentalen Modelle bewusst macht, sie studiert und lernt, wie sie entstehen, wovon sie abhängen, welche Konsequenzen sie haben und was sie mit der Realität zu tun haben (oder eben nicht). Diese Lernphasen sind selbstverständlich selbstbestimmt und können nicht in formellen Kursen absolviert werden.

Einer Topmanagerin oder einem Spitzenpolitiker, die behaupten, täglich on the job zu lernen, kann ich nicht vertrauen. Es reicht einfach nicht mehr!

Kreativität ist schweisstreibend

Im achten Kapitel Ihres Buches «Digitale Kompetenz» brechen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund eine Lanze für die Kreativität, ohne eigentlich zu sagen, was genau sie darunter verstehen.

Was ist denn Kreativität?

Kreativität ist in der Definition nach Csikszentmihalyi und Wolfe (2000) eine Idee oder ein Produkt, das originell ist, wertgeschätzt und implementiert wurde (1). Danach wäre Kreativität stets kontexabhängig. Während in (2) Kreativität im Erwachsenenalter gewöhnlich erst durch langjährigen Erwerb von Expertise möglich wird, sehen sie einige als Bestandteil der Intelligenz (3).

Für mich und gerade in der Mathematik ist Kreativität die Fähigkeit, eine Problemstellung in einen neuen Kontext zu stellen und sie damit aus einer unerwarteten Richtung anzugehen. Das ist oft nur nach langer, intensiver Betrachtung möglich. Eine kreative Idee fällt einem nicht vom Himmel in den Schoss, sondern muss erarbeitet werden. Sie wird unter Zwang geboren. Das hat etwas mit Forschen zu tun. Robert Fritz schreibt:

Der wahrhaft kreative Mensch weiss, dass man nur dann etwas Kreatives schaffen kann, wenn man mit Zwängen arbeitet. Ohne Zwänge gibt es keine Kreativität»

Wenn Hartmann und Hundertpfund auch nicht glauben, dass Kreativität erlern- oder verlernbar ist, meine ich, dass der Prozess des ausdauernden, hartnäckigen und zuweilen qualvollen Dranbleibens an der Fragestellung durchaus vermittelbar ist. Studierende meinen, dass sie eine Aufgabe nicht lösen können, wenn sie den Lösungsweg nicht gleich sehen. Das entspricht aber keineswegs der Praxiserfahrung, wo oft lange gerungen werden muss, um für ein Problem eine machbare Lösung zu finden.
Kreativitaet

Selbstorganisation erzeugt Komplexität

Hartmann und Hundertpfund schreiben:

Die digitale Welt zeichnet sich durch ein hohes Mass an Komplexität aus

Das ist zwar richtig, aber nicht in dem Sinne, wie es Hartmann und Hundertpfund verstehen, wenn sie ein paar Sätze weiter unten schreiben:

Die beteiligten Entwicklerteams konzentrieren sich auf ihre Aufgabenbereiche und werfen keinen Blick über den berühmten Gartenzaun. Anstatt eine Komplexitätsreduktion anzustreben und bestehende Komponenten zu hinterfragen, macht man Informatiksysteme tendenziell unüberschaubarer»

Hier haben wir sie wieder, diese unsägliche «Komplexitätsreduktion»: KOMPLEXITÄT KANN MAN NICHT REDUZIEREN! Andernfalls wäre es nicht mehr dasselbe System, das ursprünglich komplexe System wäre zerstört.

Hartmann und Hunderpfund verwechseln da Kompliziertheit mit Komplexität. Zwar kann ein System sowohl komplex als auch kompliziert sein, während das für meine Begriffe zu sehr vereinfachende Cynefin-Modell suggeriert, dass diese beiden Begriffe disjunkt seien. Umgekehrt kann etwas Einfaches, wie Googles Suchmaschine, durchaus komplex sein oder komplexitätsstiftend.

Die Komplexität eines Theaterpublikums

Komplexität ist eine Systemeigenschaft, die sich in einer Strukturierung des Systems manifestiert. Die Struktur kann räumlich sein, kommt aber in dem Fall durch Selbstorganisation zustande. Den Begriff der Selbstorganisation unterscheide ich vom Begriff der Selbststeuerung oder Selbstverwaltung. Selbstorganisation kann nicht absichtlich herbeigeführt werden.

Kürzlich haben zwei Theaterschauspieler über Publikumsreaktionen gesprochen, die jeden Abend anders seien. Manchmal sei das Publikum gespannt, manchmal gelangweilt. Das spüren die Schauspieler unbewusst, sicher am Applaus, aber darüber hinaus an einer undefinierten Spannung, die das Publikum ausstrahlt (oder eben auch nicht ausstrahlt). Die Stimmung des Publikums überträgt sich auf die Schauspieler, die das Stück engagierter oder flacher spielen. Ein gelangweiltes Publikum bekommt daher auch ein flaches Stück dargeboten, das langweilt, während ein interessiertes Publikum engagierte Schauspieler erlebt.

Doch was ist ein «interessiertes Publikum»? Wenn ich hoch motiviert und interessiert in einem sonst gelangweilten Publikum sitze, werde ich es als Einzelner wohl kaum mitreissen können. Im Gegenteil: ich werde bald mein Interesse verlieren. Ich denke, dass die Stimmung eines beliebig zusammengewürfelten Publikums zunächst zufällig gut oder gelangweilt ist. Es hängt vielleicht von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Wetter, den Tagesnews über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage, etc. Sind mehr als die Hälfte der Zuschauer motiviert, spielen die Schauspieler gut und beeinflussen die eher schlecht gelaunten Zuschauer positiv, bis das ganze Publikum interessiert und gespannt ist, worauf die Schauspieler wiederum zur Hochform auflaufen. Der Einzelne hat wenig Gestaltungsraum.

(1) Hartmann, Werner & Hundertpfund, Alois. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Csikszentmihalyi, M., & Wolfe, R. (2000). New Conceptions and Research approach to Creativity. In K. A. Heller, F. J. Monk, R. J. Sternberg & R. F. Subotnik (Eds.), Implications of a Systems Perspective for Creativity in Education. International Handbook of Giftedness and Talent. (pp. 81–94). New York: Elsevier.

(3) http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/downloads/OnlinematerialienPVU/Entwicklungspsychologie/Definitionen.pdf

(4) Beratungsstelle besondere Begabungen. Besondere Begabungen entdecken und fördern – Impulse für die Schule. 2011. http://www.webcitation.org/6f7Pgu9go

(5) Fritz, Robert. The Path of Least Resistance. New York 1989.

Werden wir in Zukunft mehr Zeit zum Lernen haben?

In Kapitel 6 der «Digitalen Kompetenz» befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit digitalen Tools und weisen auf das Dilemma hin, entweder sich im Tool-Dschungel oder den Anschluss an das digitale Zeitalter zu verlieren (1).

Das didaktische Hauptproblem

FreundeDie Lösung der didaktischen Hauptproblematik liegt jedoch nicht in der Computerisierung begründet und hat nichts mit digitaler Kompetenz zu tun. Lernen heisst

  • Fragen stellen und sie mit anderen diskutieren
  • Ideen ausprobieren, verwerfen, weiterentwickeln und sie mit anderen teilen
  • Mit ausdauernder Hartnäckigkeit forschen und experimentieren
  • Dem Scheitern zum Trotz kreativ neue Wege ersinnen
  • Vorhandenes Wissen zu neuem verknüpfen

Lernen ist also Engagement! Lernen ist eine natürliche Fähigkeit von Kleinkindern. Sobald sie in die Welt der «Produktionsprozesse» eintreten, verlernen sie es. Die Schule verlangt eine andere Fähigkeit, nämlich an den Prüfungen ein Resultat mit einer bestimmten Qualitätsanforderung zu produzieren.

Wer nur auf ein Diplom oder Zertifikat aus ist, wird das nötige Engagement, das zum Lernen vorausgesetzt ist, nicht erbringen wollen. Wie kann man Studierende in einer Welt voller Produktionsprozesse dennoch zum Lernen motivieren? Das ist das didaktische Hauptproblem.

Computerisierung der Bildungsprozesse könnte die Lösung des didaktischen Hauptproblems unterstützen, aber sie ist selber nicht die Lösung. Alle Bildungsprozesse sind auch ohne Computer machbar. Beispielsweise war mobiles Lernen schon immer möglich. Im Buch «So lernt man lernen» stellte Sebastian Leitner bereits in den frühen 1970er Jahren eine Zettel-Methode vor, mit der man unterwegs sehr effektiv lernen kann, auch ohne Smartphone oder anderen digitalen Hilfsmittel (2).

Ist der Wille zum Lernen nicht vorhanden, kann auch der beste Didaktiker mit den besten Tools nichts erreichen. Es wird wohl erst dann wieder gelernt, wenn wir endlich von der Produktionswut ablassen und uns mit weniger zufriedengeben. Dafür hätten wir mehr (Frei-)Zeit und könnten kontemplativer durch’s Leben gehen; eine gute Voraussetzung zum Lernen.

Weniger produzieren = mehr Zeit (zum Lernen)?

Mit der Computerisierung vor allem der Produktion (und weniger der Bildung) hätten wir die besten Voraussetzungen geschaffen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Vermutlich wird mit dem Computer viel Arbeit wegrationalisiert, so dass die Arbeitslosenquote in den nächsten Jahrzehnten beträchtlich ansteigen wird. Das finde ich eine sehr gute Nachricht, denn es war doch schon immer der Wunsch, möglichst wenig arbeiten zu müssen und dafür viel Musse zu haben. In der Steinzeit mussten die Leute vielleicht sechs Stunden am Tag arbeiten, um die Grundbedürfnisse zu erfüllen (Nahrung, Unterkunft, Sicherheit).

Die übrigen Stunden dienten den sozialen Kontakten oder es konnte geschlafen oder gedöst werden. Natürlich gehörte zu den sozialen Kontakten das Spielen mit den Kindern oder das Zusammensein mit den Alten. Beides ordnen wir heute den Produktionsprozessen zu und nennen es «Kindererziehung» und «Altenpflege».

alteHandGerade die Altenpflege ist ein Beispiel einer Arbeit, die wohl kaum computerunterstützt gemacht werden kann. Zwar ist der Einsatz von Robotern denkbar, aber letztendlich wird immer eine zuhörende und freundliche Person gefragt sein, die den Alten bei der Hand nimmt.

Niemand weiss, wie sich der Arbeitsmarkt angesichts der Computerisierung verhalten wird. Einige rechnen mit einem sich aufschaukelnden Wirkungskreislauf. Im Zuge erhöhter Produktivität werden die Preise sinken und die Löhne steigen (sic!), wodurch sich die Nachfrage nach Gütern erhöht, was wiederum neue Arbeitsplätze schafft. Andere prognostizieren eine Massenarbeitslosigkeit, hervorgerufen durch den rasanten Fortschritt digitaler Technologien, was die Einkommensunterschiede erhöht(3).

Um die Vorteile von weniger Arbeit zu geniessen, müsste aber eine Umorganisation der Gesellschaft stattfinden. Es dürfen nicht wenige für guten Lohn arbeiten und viele für wenig Almosen herumliegen. Die wenige Arbeit müsste gleichmässig auf alle verteilt sein, wobei es nach wie vor qualifiziertere und weniger qualifiziertere Arbeit gäbe, wie immer das definiert sein mag.

Das ist eine ziemlich klare Gefangenendilemmasituation. Das soziale Optimum ist weit weg vom Nash-Gleichgewicht und wird nur unter sehr restriktiven Bedingungen angenommen. Auf die Dauer wird sich Kooperation jedoch zweifellos durchsetzen, z.B. wenn die Situation der Werktätigen nicht mehr attraktiv genug sein wird. Welche Täler der Tränen bis dahin aber durchlaufen werden müssen, bleibt dahingestellt.

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Sebastian Leitners Lernkartei

(3) Natalie Gratwohl. Folgen der Digitalisierung: Massenarbeitslosigkeit oder viele neue Jobs? 9.12.2015