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Hass im Netz – kritische Gedanken zu Ingrid Brodnigs Buch

Ingrid Brodnig hat mit Hass im Netz ein interessantes Buch geschrieben, das zeigt, wie Menschen auf erhöhte Komplexität, die sie frustriert, reagieren können (1). Nach der Lektüre der Buches wird mir vieles klar, z.B. der Überdruss, den einige meiner Freunde Facebook entgegenbringen oder warum das Thema «Echokammer» einen derartigen Boom erlebt. Allen, die in Social Media unterwegs sind, ist das Buch wärmstens empfohlen.

Mir gefällt Ingrid Brodnigs Schreibstil. Sie versteht es, den Stoff und ihr Anliegen verständlich zu präsentieren, weil sie ihre Erklärungen so anordnet, dass man stets weiss, worauf sie hinauswill.

Im Folgenden notiere ich einige kritische Gedanken, die ich mir bei der Lektüre von Brodnigs Buch gemacht habe. Das ist also keine Rezension.

Echokammern existieren

Ich habe hier schon öfters Filterblasen und Echokammern thematisiert, z.B. im Oktober 2016 in Ist Poppers Traum wirklich in Gefahr?  oder 2013 in Unsere Filterblasen sind schlecht durchlüftet  und den Standpunkt vertreten, dass Echokammern nicht neu sind. Wer z.B. in den 30er Jahren seine fremdenfeindliche Einstellung mit anderen teilen wollte, besuchte einfach die einschlägigen Versammlungen und abonnierte entsprechende Zeitungen. Das genügte, um eine Mehrheit zu gewinnen.

In Hinblick auf Facebook habe ich Brodnig den Hinweis auf Seiten zu verdanken. Facebook-Seiten spielen für mich eine untergeordnete Rolle und daher habe ich sie in meinen Überlegungen zu Echokammern nicht speziell berücksichtigt. Brodnig erzählt von Seiten, die entweder voller Hasskommentare sind, oder die eben als Echokammern dienen, indem dort alle einander bestätigen. Offenbar gibt es Menschen, die mit Absicht solche Seiten suchen und frequentieren. So gesehen sind die Seiten wie Reusen, mit denen die Weltmeere ausgelegt werden. Klar, dass dann nach kurzer Zeit fast alle Fische in einer Reuse gefangen sind. Da hat Brodnig durchaus recht, wenn sie glaubt, dass solche Seiten und – noch effizienter – Facebook-Gruppen Gesellschaften fragmentieren können.

Warum fühlen sich Menschen von zwielichtigen Gemeinschaften angezogen?

Narzissmus und Echo von Placido Costanzi. (2)

Interessant ist die Motivation, die Menschen umtreibt, ihresgleichen in solchen Seiten und Gruppen zu suchen. Facebook-Seiten sind immer Verkaufsinstrumente. Meistens werden sie von Unternehmen betrieben, die dort für ihre Produkte werben. Auch eine Seite, die eine bestimmte politische oder gesellschaftliche Überzeugung vertritt, wirbt dafür und will möglichst viele Besucher für ihre Überzeugung gewinnen. Im Moment halte ich mich in Südostasien auf – Bangkok, Kuala Lumpur, Ho-Chi-Minh-Stadt, George Town. Beim Durchlaufen dieser Städte werde ich laufend von Strassenhändlern und Marktschreiern mit irgendwelchen Angeboten angegangen. Dieses Werben ist viel direkter und lauter als das Werben der Seiten in Facebook. Trotzdem widerstehen die Touristen den Angeboten. Man kann ja nicht an jeder Ecke eine Fussmassage machen lassen. Die passive Werbung der Facebook-Seiten hingegen scheint zuweilen eine enorme Anziehung zu haben. Warum?

Brodnig bedient sich zur Erklärung des Confirmation Bias, über den ich hier schon verschiedentlich geschrieben habe. Menschen haben die Tendenz, nur nach Hinweisen zu suchen, die ihre Meinung bestätigen. Das kann dann mitunter zu Wahrnehmungsverzerrungen und Entscheidungsfehlern führen, wenn die eine Überzeugung schon fest etabliert ist. Wird sie z.B. in einer Echokammer bestätigt, führt dies zu einem positiven Gefühl und Gefühle sind bekanntlich ein starker Motivator.

Zum Bild von Constazi: Die Bestätigung, die Menschen in Echokammern suchen, hat auch etwas mit Narzissmus zu tun. Der Körper und die Gestalt der Echo ist vergänglich, einzig und allein ihre Stimme und ihre Echorufe bleiben auf ewig. Bei Narzissus löst sich seine Gestalt, ähnlich wie bei Echo, auf. Seine Schönheit verschwindet und bleib nur in der Blume der Narzisse erhalten.

Komplexitätsreduktion mit horizontaler Flucht und Zentralhypothese

Die Ablehnung oder gar das Übersehen von Fakten, die gegen meine Überzeugung sprechen, ist eine Konsequenz des Confirmation Bias. Brodnig belegt sie mit der separaten Bezeichnung «Disconfirmation Bias». Ein alltägliches Beispiel dafür habe ich 2011 in einem Artikel beschrieben, der mit Was ist an der Welt falsch, wenn sie sich nicht gemäss meiner Hypothese verhält? überschrieben ist. Wer sich eine Zentralhypothese zurechtlegt, ändert diese auch dann nicht gern, wenn die Fakten eindeutig dagegen sprechen. Dietrich Dörner spricht in diesem Zusammenhang von «horizontaler Flucht», wenn wir uns in ein überschaubares Detail zurückziehen (3).

Komplexe und nicht vollständig durchschaubare Systeme erzeugen ein unbehagliches Gefühl von Inkompetenz. Eine (festgefahrene, weil anscheinend oft bestätigte) Überzeugung ist in diesem Fall etwas Feines. Sie reduziert mit einem Schlag die Komplexität und damit mein schlechtes Gefühl. Alle, die meine tausendmal bestätigte Überzeugung zu widerlegen versuchen, müssen mundtot gemacht werden, sonst kommt nur wieder Unsicherheit und Unordnung in mein komplexitätsreduziertes Leben. Das ist eine Erklärung für Hasskommentare und Fakenews.

Ernsthafte Themen gehören nicht auf Facebook

Eine andere Frage, die sich mir durch die Lektüre von Brodnigs Buch erschlossen hat, ist die zunehmende Abneigung gegen Facebook. Einige meiner Freunde haben sich bereits von Facebook verabschiedet, was ich nicht verstehen konnte, da ich Facebook vornehmlich als «yellow press» verstehe, also als relativ niveauloses Medium, dessen Hauptzweck darin besteht, den Freunden mitzuteilen, was man die ganze Zeit so macht und wie es einem geht. Früher erhielt ich Ende Jahr von zahlreichen Freunden sogenannte «Weihnachtsbriefe» in denen sie auf mehreren Seiten das Jahr zusammenfassten und erzählten, wo sie in den Ferien waren und welches Kind eingeschult wurde. Wenn ich von zehn Freunden einen je 20seitigen Brief erhielt, war die Adventslektüre gesetzt. Heute lässt es sich mit Facebook auf das Jahr verteilen und erst noch mit grösster Aktualität versehen.

Leider stellen viele meiner Freunde kontroverse Themen in Facebook zur Diskussion, obwohl es dazu eigentlich denkbar ungeeignet ist. Immer wieder wollen sich Menschen mit mir vernetzen, die mich nicht persönlich kennen und sich wahrscheinlich über meine Reisedokumentationen und privaten Fotos eher langweilen. Dafür erhalte ich von ihnen interessante Links, Gedanken  und Hinweise geteilt, die ich aber eigentlich lieber auf Twitter sähe. Solche Meldungen fordern auf Facebook Hasskommentare geradezu heraus, weil die Kommentarfunktion von Facebook dazu geeignet ist. Auf einen Tweet kann natürlich auch gehässig reagiert werden, da aber Antworttweets nicht in einem Thread zusammengefasst sind, fallen sie viel weniger auf.

Der böse Facebook-Algorithmus, der keiner ist

Brodnig räumt dem intransparenten Facebook-Algorithmus relativ viel Raum ein. Leider kann auch sie ihn nicht zufriedenstellend erklären. Offenbar werden Beiträge favorisiert, die viele Likes und viele Kommentare haben. Wenn also in meiner Timeline auf einen Artikel verwiesen wird – sagen wir «Mondbeobachtungen führen zu Autismus» – dann erhält dieser Eintrag Hasskommentare von Mondsüchtigen und Likes von denjenigen, die schon immer wussten, dass die Mondgaffer unser Leben bedrohen. Je mehr User verschiedener Meinungen sich zum Artikel äussern, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Artikel in meiner Timeline auftaucht. Solange ein Beitrag nicht auf einer Seite oder in einer Gruppe/Community gemacht wird, die als Echokammer oder gar als Echobunker genutzt wird, besteht meines Erachtens weniger Gefahr einer Isolierung.

Vom Namen des orthodoxen Muslim Al-Chwarizmi (hier auf einer russischen Briefmarke aus den 80er Jahren) leitet sich die Bezeichnung «Algorithmus» ab.

Zum Bild aus wikimedia: Al-Chwarizmis Hauptwerk Algoritmi de numero Indorum führte um 800 n. Chr. die Null aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein, das in Europa erst ab 1500 Verwendung fand. Die Zeit des Übergangs von den römischen zu den arabischen Zahlen war durch Hasskommentare und Fake News geprägt.

In ihrem Buch zitiert Brodnig den Schöpfer des Begriffs „Filterblase“, Eli Pariser (himself). Der gemässigte Linke hatte auf Facebook angeblich sowohl gleichgesinnte als auch Freunde mit eher konservativer Meinung, weil er gerne ab und zu abweichende Meinungen liest. Allerdings habe er naturgemäss die linken Meinungen öfters gelikt, worauf die Beiträge seiner konservativen Freunde nach und nach aus seiner Timeline verschwunden seien.

Der Freundeskreis ist zu heterogen, um sterilisiert werden zu können

Auch auf Facebook ist ein Freundeskreis niemals derart homogen, wie es Pariser hier voraussetzt. Ein «organisch gewachsener» Freundeskreis ist sehr heterogen. Er besteht aus Arbeitskollegen, Verwandten, Zufallsbekanntschaften, Gleichgesinnten, etc. Und diese «Gleichgesinnten», ach Gott! Am meisten (streitige) Diskussionen habe ich ja beinahe mit ihnen. Expertenstreit, nennt sich das.

Solange der Facebook-Algorithmus nicht wirklich verstanden ist, tue ich mich schwer, irgendwelche Konsequenzen zu diskutieren. Ich bin der Meinung, dass es sich nicht eigentlich um einen Algorithmus handelt, denn ein Algorithmus ist ein festgeschriebenes Rezept, das mit Sicherheit zu einem gewünschten Resultat führt. Der sog. Facebook-Algorithmus ist weder fest noch gibt es ein definiertes gewünschtes Resultat. Facebook schraubt sowohl an Algorithmus als auch an seinen Wunschvorstellungen herum. Sie ändern vielleicht wöchentlich.

Facebook wird vor allem vorgeworfen, dass der User keine Möglichkeit hat, den Algorithmus auf seine Bedürfnisse anzupassen (dazu müsste ja zuerst ein feststehender existieren). Manchmal gibt es Ansätze, mit denen Facebook versucht, den User vermehrt einzubinden. So will Facebook Massnahmen gegen Fake News einführen (4). Nutzer sollen in ihrer Timeline unter anderem deutliche Warnhinweise angezeigt bekommen, wenn sie auf Falschmeldungen stossen. Diese Warnhinweise basieren auf Meldungen der User selber. Das wirft dann z.B. die Frage auf, ob «seriöse Beiträge» darunter leiden könnten, dass Nutzer sie melden, weil sie nicht in ihr Weltbild passen. Schliesslich wird die Mehrheit der Beiträge als «Fake News» gekennzeichnet sein.

Was kann man tun?

Brodnig schlägt verschiedene Taktiken gegen Trolls, Glaubenskrieger und Fake News vor, von Ignorieren bis hin zu gerichtlichem Vorgehen.

Quelle: pixabay

In Eingestürtze Brücken und verdampftes Wasser habe ich 2009 ein soziales System, in welchem Meinungen und Überzeugungen aufeinanderprallen, mit kochendem Wasser verglichen. Der Zusammenhang der Flüssigkeit geht verloren, sie wandelt sich in Dampf, den man auffangen und damit eine Turbine betreiben kann. Eine hasserfüllte Gesellschaft kocht. Ihr Zusammenhang geht verloren und sie erfährt einen Phasenübergang.

Social Media entsprechen in der Metapher der Kochplatte und der Pfanne, nicht aber der Energie, die es braucht, um das Wasser zum Kochen zu bringen. Der gefährliche Trend, in Politik und Gesellschaft, Komplexität durch reduktive Hypothesenbildung und Ablehnung widersprüchlicher Fakten zu reduzieren, hat nichts mit SoMe, Web oder gar dem Internet zu tun (viele Autoren vermischen oft die drei Begriffe in unzulässiger Weise; das Web und das Internet sind zwei verschiedene Dinge!).

Geschlossene Behälter mit kochendem Wasser können explodieren, wenn der Dampf nicht abgeleitet wird. In Gesellschaften mit erhöhter Bestätigungs- und Fragmentierungsdynamik steigt das Risiko kriegerischer Konflikte. Es wäre der erste Komplexitätskrieg. Ob es möglich ist, die überschüssige Energie, die in diesem Gesellschaftszustand steckt, abzuleiten und positiv zu nutzen? Ich könnte mir ein neues gesellschaftliches Engagement vorstellen mit dem Ziel, die Energie von Hass und Fundamentalismus aufzufangen und zu nutzen. Das wäre echte Friedensarbeit! Könnte es sein, dass Initiativen, wie u.a. www.euforia.org und http://www.impacthub.net/ in diese Richtung gehen?

 

(1) Ingrid Brodnig. Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Brandstätter Verlag 2016.
ISBN 978-3-7106-0035-7

(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Placido_Costanzi

(3) Dietrich Dörner, Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Ro ro ro 2003.
ISBN:  978-3-499-61578-8

(4) Facebook markiert Fake News jetzt auch in Deutschlandtagesschau.de vom 15.1.2017

Ist Poppers Traum wirklich in Gefahr?

Im Zeit-Artikel «Poppers Traum ist in Gefahr» weisen Faigle/Venohr auf die Untersuchung von Gerret von Nordheim hin, der 80.000 Tweets nach dem Münchener Amoklauf ausgewertet hat (1). Er schreibt: «Die Öffentlichkeit spaltet sich immer mehr in isolierte Sphären» und spricht damit den Begriff der Filterblase von Eli Pariser an (2).

Zerrspiegel der Wirklichkeit

Pariser meinte damit den individualisierenden Effekt der Algorithmen von Google. Auch Facebook verwendet solche Algorithmen, um uns Beiträge zu zeigen, von denen Facebook annimmt, dass sie uns interessieren können. Das ist auch eine mächtige Selektion, die soziale Medien zu einem Zerrspiegel der Wirklichkeit werden lassen kann

eli_pariser_filter_bubbleMit «Zerrspiegel der Wirklichkeit» meinen Faigle/Venohr zweifellos die Tatsache, dass wir uns in den Sozialen Medien tendenziell mit Gleichgesinnten verbinden und dadurch einen immer eingeschränkteren Blickwinkel von der Welt bekommen, weil uns die Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen fehlt.

Das ist allerdings so nicht haltbar. Selbstverständlich nimmt der Anteil derjenigen Personen, die sich für dasselbe interessieren wie ich, in meiner Community zu, aber die neuen Follower und Freunde sind nicht nur von dieser Art. Ich bin mit vielen früheren Freunden aus dem realen Leben, mit vielen ehemaligen Arbeitskollegen und viele Verwandten und Bekannten verbunden, die ich nicht auswählen konnte, d.h. die meine Interessen und Ansichten mit mir nicht gezwungenermassen teilen. Natürlich würde ich mich nicht mit jemandem verbinden, mit dem ich zerstritten bin, aber um eine solche Person mache ich auch im realen Leben einen Bogen.

Expertenstreit ist heftig

Anfangs der 30er Jahren trafen sich die Nazis in geschlossen Vereinsversammlungen und frönten so ihren Filterblasen. Heute sind die Echokammern und Filterblasen auf den Social Media mindestens öffentlich und können von Andersdenkenden gestört werden.

Dazu kommt ein Phänomen, das man gemeinhin übersieht: Expertenstreit ist oft heftiger als der Streit zwischen zwei weit auseinanderliegenden Positionen. Ein Physiker und ein Psychologe können sich über die Frage streiten, was für Menschen wichtiger sei, ob Physik oder Psychologie. Schliesslich werden sie sich sagen, dass der jeweils andere zu wenig Kenntnis des eigenen Sachgebiets hat und deshalb die Frage gar nicht wirklich vertreten kann. Zwei Physiker hingegen können sich gewaltig in die Haare kriegen, wenn es z.B. um die Interpretation der Quantentheorie geht, denn jeder kann davon ausgehen, dass der andere genau weiss, was er hier behauptet. Damit will ich sagen, dass der Streit in meiner Filterblase heftiger sein kann, als wenn ein Linker eine Filterblase von Populisten stört.

Google ist böse! Warum nur immer Google?

Wer behauptet, es liege allein in unserer Hand, wie wir in sozialen Medien agieren, spricht Unternehmen wie Facebook die Verantwortung für ihr Handeln ab. Die Politik sollte sich in meinen Augen auch nicht scheuen, Firmen wie Facebook stärker zu regulieren.

Welche «Verantwortung» denn? Im noch vorherrschenden Wirtschaftsverständnis besteht die Verantwortung eines Unternehmens darin, Gewinn zu machen, am Leben zu bleiben und den Angestellten den Job zu sichern. Genau das machen Google & Co. Google ist nicht verantwortungsloser als Toyota oder Walmart, um zwei der zehn grössten Unternehmen zu nennen. Kritik an Weltkonzernen gibt es immer, eben gerade, weil sie den Auftrag haben, zu wachsen und Gewinn zu machen. Dass aber die Kritik derart einseitig verteilt ist, dass sie sich vor allem auf grosse Web- und IT-Unternehmen konzentriert, halte ich für eine Auswirkung einer Filterblase, in der sich die Kritisierenden befinden.

google_boeseEs geht also nicht so sehr um Regulierung der «bösen» Konzernen, als vielmehr um das Finden und Implementieren einer neuen Ökonomie, in der nicht Gewinn und Wachstum an erster Stelle stehen, aber so, dass dennoch ein Anreiz zur Selbsterhaltung (Autopoesis) besteht. Wer spontan eine realisierbare Idee hat: vortreten!

Komplexität manifestiert sich in höheren Strukturen

Was Gerret von Nordheim (und viele andere) hier herausgefunden habt, ist die strukturbildende Eigenschaft von Komplexität. Eine nachhaltige Disruption führt in einem System immer zum Aufbau einer neuen Systemstruktur, die ihrerseits dem System einen neuen «Groove» aufzwingt. Dadurch hat das System eine höhere Komplexitätsstufe erreicht.

Die Struktur kommt dadurch zustande, dass die Disruption einen Zwang auf das System ausübt, dem das System auszuweichen versucht und sich neu arrangiert. Wie ich in Strukturen dienen der Funktionalität komplexer Systeme erklärt habe, kann das System nur dank dieser komplexen Struktur überhaupt funktionieren.

Auf unser Problem bezogen bedeutet dies, dass die Socal Media Gesellschaft nur mit der Fragmentierung funktionieren kann, die Gerret von Nordheim et al. herausgefunden haben. Was soll man nun davon halten? Die einen werden die Algorithmen verteufeln und raten, keine SoMe zu verwenden und statt Google z.B. auf Duckduckgo auszuweichen. Andere werden in noch fundamentalistischerer Weise ganz auf das Web verzichten wollen. Beides ist kurzsichtig, unhaltbar und nutzlos, es sei denn, die gesamte Menschheit verzichtet ab sofort auf die Nutzung von Webdiensten. Denn solange die meisten meiner Mitmenschen SoMe benutzen und deshalb in einer Filterblase leben, werden sie mich dahingehend beeinflussen, dass ich ebenfalls in dieser Filterblase bin.

(Nebenbei gesagt, kenne ich den Google-Algorithmus recht gut und habe ihn als Beispiel im Modul «Lineare Algebra» mit den Studenten studiert. Von Duckduckgo weiss ich nichts.)

Heute läuft einfach alles über das Web

Würde die gesamte Menschheit (z.B. durch Regulierungen?) gänzlich auf das Web verzichten, gäbe es keine Bankomaten, keine Bananen und keine Zeitungen mehr, um nur einige Beispiele zu nennen. Fast die gesamte Wirtschaft und das gesamte Leben käme zum Erliegen. Wie kürzlich jemand geschrieben hat, würden wir nicht in die Vorwebzeit zurückgehen – also in das Jahr1990, sondern in das Jahr 1930! Ich bin sogar der Meinung, dass wir in das 19. Jahrhundert zurückgeschleudert würden. Mittlerweile laufen auch diejenigen Prozesse zumindest teilweise über das Web ab, die 1990 noch über andere Kanäle liefen. Z.B. gab es damals sogenannte Standleitungen, über die zwei Computer direkt verbunden wurden. Da es solche Infrastrukturen nicht mehr gibt, müsste man sie wieder aufbauen. Und bis dahin wäre es ziemlich dunkel (auch der Betrieb von Elektrizitätswerken läuft über das Web).

Die digitale Technologie hat sich durchgesetzt und wird sich vollends etablieren. Sie bringt viel Nutzen, aber auch Schäden. Es ist wie mit der Verkehrs- und insbesondere der Autotechnologie: niemand will auf den Nutzen eines Autos verzichten, trotz der vielen Unannehmlichkeiten, die der Verkehr mit sich bringt.

Konsequenz: Kritisches Denken

fragmentierte_welt_2Das bedeutet nicht, dass wir die Hände in den Schoss legen sollen. Es gibt angesichts dieser Tatsachen, die ich hier aufgezeigt habe, einen starken Imperativ: kritisches Denken! Kürzlich geisterte die Meldung durch die SoMe, dass ein Flüchtling mit vier Frauen und 23 Kindern monatlich um die 30’000 Euro Unterstützungsgeld erhalte. Das gab natürlich ein Aufruhr in den flüchtlingsfeindlichen Filterblasen! Es wurde zwar nach der Quelle gefragt und diese auch ordentlich herumgereicht, aber niemand überlegte sich, ob das auch stimmen kann und dass das Unterstützungsgeld einer Gruppe proportional zur Grösse der Gruppe steht.

Kritisches Denken und verantwortungsbewusste Skepsis ist eine Fähigkeit, die parallel mit dem Web aufgebaut werden muss. Es muss bereits beim Kleinkind beginnen, also zuhause in der Familie. In den Schulen muss kritisches Denken immer wieder thematisiert und geübt werden. Es braucht neue Curriculae und Kurse, die kritisches Denken trainieren. Wir müssen in Echokammern- und Filterblasen-Diskussionen immer wieder nachfragen, ob das auch wirklich stimmt, wie es aus einem anderen Gesichtspunkt aussehen würde, was dafür und dagegenspricht und ob die sich gerade etablierende Meinung nicht vielleicht übertrieben sei. Je mehr unsere Meinung bestätigt wird, desto skeptischer müssten wir sein. Jemand hat auf Twitter geschrieben, dass der Zeit-Artikel über Gerret von Nordheims Untersuchungen in jeden Unterricht zum Thema «Social Media» gehöre. Alle, die diesen Unterricht genossen haben, hätten dann Parisers Überzeugung. Damit wäre gleich noch eine Filterblase mehr eingerichtet. Es sei denn, der Zeit-Artikel wird kritisch diskutiert.

305260451_1280x768Wir müssen nicht das Web ändern, sondern unsere Denkweise! Dann ist nämlich auch Poppers Traum nicht in Gefahr. Wir halten an einer Meinung auch dann zwanghaft fest, wenn die Fakten dagegensprechen. Man beschäftigt sich lieber mit einem idealisierten Abbild der Realität, als das eigene Weltbild aufzugeben. Wir haben eine derartige Angst vor Kontrollverlust, dass wir rigide an unserem Weltbild festhalten. Dietrich Dörner nennt das harmlos «vertikale Flucht». Es ist ein Spezialfall des Hangs zur Bestätigung. Wenn etwas gegen unsere Weltsicht spricht, dann schlüpfen wir freiwillig in jede Filterblase, die sich anbietet, ob mit oder ohne Social Media! Das ist die Wirklichkeitsverzerrung, an der wir leiden, nicht die Filterblasen!

(1) Faigle, Philip; Venohr, Sascha: Poppers Traum ist in Gefahr in ZEIT Online vom 9. September 2016

Zitiert mit http://www.webcitation.org/6kVeaditC

 

(2) Filterblase von Eli Pariser

Eine kleine Zwischenbemerkung über das Unterdrücken unangenehmer Tatsachen

Im Zusammenhang mit einer längeren Rechnung fragte ich kürzlich einen meiner Studenten, was die Wurzel aus 2(b+c)^2 sei. Er antwortete „b+c “. Als ich fragte, wo die 2 geblieben sei, hat er lange versucht, mich mit ausweichenden Antworten zufrieden zu stellen. Er übersah partout die Wurzel aus 2. Nach einigem Ringen hatte er es verstanden und ging in sich, um herauszufinden, warum er es nicht gleich richtig gemacht hat. Er kam dann mit der Erklärung, dass er sich gegen die Wurzel gewehrt hatte, weil er sie nicht in seiner Rechnung haben wollte.

Am besten, man übersieht unangenehme Kleinigkeiten generös

Das scheint mir ein verbreitetes Verhalten zu sein. In der Mathematik (oder Programmierung) lassen sich solche unangenehmen Kleinigkeiten nicht einfach unter den Teppich kehren. Das fällt auf, die Rechnung stimmt nicht oder das Programm läuft nicht.

In Politik und Wirtschaft hingegen sind die Sachlagen noch komplizierter als mathematische Aufgaben und vor allem diffuser. Unangenehme Kleinigkeiten lassen sich unter diesen Voraussetzung vorzüglich ausblenden und verleugnen, was aber fatale (Langzeit-) Folgen haben kann. Dabei ist es den Entscheidern oft nicht einmal bewusst, dass sie wichtige Tatsachen ausblenden. Warum erwarten wir, dass vor allem in Krisenzeiten die Regierung sofort präsent ist, eine starke Hand zeigt und dezidierte Lösungen anbietet? Besser wäre vielleicht, wenn die Entscheider sich zunächst zurück ziehen und fragen, was eigentlich los ist, um auszuschliessen, dass keine Tatsachen verdrängt werden, die für die Entscheidungen massgebend sein können.

Ein gutes Weltbild ist etwas praktisches

Karlheinz, zieh den Vorhang ein wenig! Es blendet.
Karlheinz, zieh den Vorhang ein wenig! Es blendet.

Die Heuristik des Verleugnens unangenehmer Tatsachen lässt sich auch ganz gut für jede Art von Polemik missbrauchen. In diffusen und komplizierten Situationen können Details, die aber nichtsdestotrotz wichtige Konsequenzen zur Folge haben, unbemerkt weggelassen werden. Das fällt weder den Entscheidern, noch den Betroffenen auf. Beispielsweise können radikale Bewegungen und Organisationen unter dem Vorwand, sich um das Gesamtwohl zu kümmern, Argumente anführen, die auf den ersten Blick stechen, aber eben Details verleugnen, die das fundamentalistische Weltbild möglicherweise einstürzen lassen würden.

Dietrich Dörner nannte dies reduktive Hypothesenbildung (1). Er schreibt:

Die Tatsache, dass solche reduktiven Hypothesen Welterklärungen aus einem Guss bieten, erklärt vielleicht nicht nur ihre Beliebtheit, sondern auch ihre Stabilität. Wenn man einmal weiss, was die Welt im Innersten zusammenhält, so gibt man ein solches Wissen ungern auf …. Mittel, um einmal aufgestellte Hypothesen gegen Falsifikationen zu verteidigen und gegen jede Erfahrung aufrechtzuerhalten, gibt es viele.

Ich hüten mich vor allzu glatten Argumenten und Weltanschauungen. Mir sind Suchende lieber, als solche, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben wollen.

(1) Dietrich Dörner. Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt Taschebuch, Reinbek b. Hamburg 1992

 

Projekte sind soziotechnische Systeme und erfordern Rationalität

Das diesjährige PMCamp Berlin, das vom 10. bis am 12. September stattfindet, steht unter dem Thema „Komplexität“. Für mich ist Komplexität eine Voraussetzung eines Systems, damit es seine Funktion erfüllen kann. So benötigt ein Projektsystem eine gewisse Komplexität, um das Projektziel zu erreichen. Würde man die Komplexität des Projekts reduzieren, könnte es das Ziel nicht mehr erreichen.

Aspekte soziotechnischer Systeme

Turbulent kann ein Projekt sein, weil seine Gegebenheiten ständig ändern (Dynamik) oder weil es sich anders entwickelt, als wir erwartet haben (Ungewissheit). Menschen, die in solchen Systemen entscheiden müssen, neigen dabei zu folgendem Verhalten:

  • Denken in linearen Ursache-Wirkungsketten
  • Nichtbeachtung von verzögertem Feedback
  • Hypothesenbildung aufgrund vermeintlicher Korrelation
  • Fehleinschätzung exponentieller Entwicklungen und von Wahrscheinlichkeiten

Ursache-Wirkungsketten

Passiert etwas Unvorhergesehenes, fragen wir sofort, wie das passieren konnte. Wir wollen die Ursache wissen, in der Meinung, man müsse bloss diese Ursache entfernen, damit die ungewünschte Wirkung nicht wieder auftritt. Das ist eine irrige Vorstellung. Bekannt ist das Ehepaar von Paul Watzlawick: Er geht ins Wirtshaus, weil er vor seiner nörgelnden Frau flüchtet, während sie ihm Vorwürfe macht, weil er ständig im Wirtshaus ist.

Den linearen Ursache-Wirkungsketten stehen die System-Archetypen gegenüber, die viele Projektsituationen als Ursache-Wirkungszyklen modellieren.

Verzögerter Feedback

Fast jede Handlung bewirkt nicht nur, was sie beabsichtigt, sondern hat darüber hinaus (unbeabsichtigte) Neben- und Fernwirkungen. Speziell Projekte werden oft von Entscheidungen eingeholt, die eigentlich schon lange erledigt waren.

Haben Sie gewusst, dass es verzögerter Feedback erster, zweiter und höherer Ordnung gibt? Kennen Sie den Unterschied? Sollten Sie, wenn Sie durch turbulente Projekte navigieren wollen.

Nichtlineare Entwicklungen und Wahrscheinlichkeiten

Hier sehen Sie eine Grafik der Weltbevölkerung zwischen 1000 v. Chr. und 1800 n. Chr., ohne Angabe der Grössenordnung.  So etwas kommt in Projekten oft vor, z.B. im Zusammenhang mit der Anzahl Change Requests oder Test Failures. Setzen Sie die Kurve bis ins Jahr 2000 fort! Die meisten Personen bleiben mit ihren Schätzungen bis zum Faktor 3 hinter dem tatsächlichen Betrag zurück.

Weltbevoelkerung_blind

David Kahneman hat verschiedentlich darauf hingewiesen, wie schlecht wir im Einschätzen von Wahrscheinlichkeiten abschneiden. Welches Spiel würden Sie lieber spielen, wenn Sie es wiederholt spielen könnten?

Sie erhalten acht Franken mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/3

Sie erhalten drei Franken mit einer Wahrscheinlichkeit von 5/6

Die meisten Versuchspersonen entscheiden sich für das zweite Spiel, weil es anscheinend einen sichereren Gewinn verspricht. Aber im ersten Spiel haben Sie auf die Dauer mehr gewonnen.

Vermeintliche Korrelation

Nehmen wir an, in einem Projekt verhalten sich zwei Grössen auffällig ähnlich, z.B. so:

korrelation_blind

Der Korrelationskoeffizient beträgt 0.9926. Wir neigen in diesem Fall schnell dazu zu vermuten, dass die beiden Grössen etwas miteinander zu tun haben. Diese Hypothese über das Funktionieren des Projekts dient uns dann als Grundlage für unsere Entscheidungen.

Das obige Beispiel stammt aus dem neuen Buch „Spurious Correlations“ von Tyler Vigen. Die beiden Kurven geben übrigens die Entwicklung der pro Kopf Konsumation von Margarine einerseits und der Scheidungsrate im amerikanischen Maine andererseits zwischen 2002 und 2009 wieder.

Wir neigen in der Tat dazu, Zusammenhänge zu vermuten, wo gar keine sind.

Systemische Darstellungsmittel müssen nicht zwingend „komplex“ sein

Beschränkungen menschlicher Kognition manifestieren sich gerade bei ganzheitlichen Wahrnehmungsautomatismen. In komplexen Projektsystemen ist jedoch genügend Zeit, darüber bewusst zu reflektieren. Dabei kann die Ganzheitlichkeit auf der Strecke bleiben. Rationale Reflektion findet in geeigneten Modellen statt und bedarf systemischer Darstellungsmittel, um den Zusammenhang zur Ganzheitlichkeit nicht zu verlieren. Erkenntnisse aus dem Reflektionsprozess müssen nachträglich durch Achtsamkeitsübungen wieder in die Gesamtsicht eingepflegt werden.

In „Projektdynamik – Modelle für komplexe Umgebungen“ stelle ich die geeignetsten Darstellungsmittel vor. Das Buch kann frei heruntergeladen werden.

Auf Seiten 184ff erkläre ich den Umgang mit der Zeit und was es mit verzögertem Feedback auf sich hat. Ab Seite 202 folgt ein Tutorial zu nichtlinearen Entwicklungen und Wahrscheinlichkeiten. Auf den Seiten 219 bis 234 führe ich in die Verwendung von Causal Loop und Stock-and-Flow-Diagrams ein. Und auf Seiten 235ff zeige ich die kognitive Kraft von Modellen.

Der Verstand kann Defekte der unbewussten Kognition ausgleichen

In „Gestaltungsansätze für Soziotechnische Systeme“ (2005) stellen die Autoren eine Methodenhierarchie auf. Die mathematischen Ansätze des Operations Research werden auf „naturwissenschaftliches Denken“ reduziert, das soziotechnische Systeme nicht voll erfassen könne. Auch mit der nächst höheren Stufe, der Systemanalyse, sei

die Analyse komplexer Systeme … nur begrenzt möglich

Die Autoren schreiben:

Zur effizienten Bewältigung der Analyse und Gestaltung von soziotechnischen Systemen sind darüber hinaus Methoden und Werkzeuge erforderlich

und stellen dann Systeme, wie ERP, Datenmanagementsysteme, Managementinformationssysteme, Systeme des Wissensmanagement, Workflowsysteme, etc. vor, ohne sich Rechenschaft abzugeben, dass diese Systeme gerade auf den eingangs erwähnten Konzepten des Operations Research basieren.

Gewiss, der Artikel ist zehnjährig. Er drückt aber eine Haltung aus, die leider nach wie vor dominiert: da zum Verständnis quantitativer Methoden beträchtliche Denkleistungen erforderlich sind, werden sie als zweitrangig und ungenügend abgetan. Damit hat man eine Entschuldigung, sich nicht damit befassen zu müssen und weiterhin rein intuitiv vorgehen zu können. Aber damit kommt man in komplexen soziotechnischen Systemen nicht weit.

Was ist der Unterschied zwischen Algorithmen und Orakeln?

Insbesondere die Digitalisierung hat die Komplexität unserer Welt anschwellen lassen und sie hilft uns auch, mit ihr umzugehen. Ich habe hier schon oft digitale Tools vorgestellt, allen voran System Dynamics Tools, die wir aktiv einsetzen, wie eine Denkkrücke. Um bei der Metapher aus dem physiologisch-medizinischen Gebiet zu bleiben, gibt es aber auch Herzschrittmacher, die uns automatisch und ohne unsere aktive Beteiligung zu Diensten sind. Ich denke an sogenannte Algorithmen.

Algorithmen sind Tausende von Jahre alt

Algorithmen haben in komplexen Umgebungen die Aufgabe, grosse Datenmengen zu sammeln und auszuwerten. Am besten, sie veranlassen dann gleich die notwendigen Handlungen, ohne zuerst „den Benutzer“ zu konsultieren, denn der wäre schnell überfordert, wie die Flugzeugkollision von 2002 in Überlingen gezeigt hat. Die Automatik hätte richtig reagiert, doch Menschen haben sie übersteuert, was zur Katastrophe führte.

EuklidEigentlich sind Algorithmen so etwas wie Rezepte: Nimm von dem so viel und von dem so viel, mache das und das damit und am Ende kommt ein wunderbares Essen heraus. Ein Algorithmus liefert ein eindeutiges Resultat nach endlicher Zeit, die hoffentlich kurz ist, aber auch Äonen umfassen kann. Bekannt ist der Euklidische Algorithmus, der aus zwei gegebenen Zahlen ihren grössten gemeinsamen Teiler errechnet. Es ist der älteste nicht-triviale Algorithmus.

Algorithmen geben nach endlicher Zeit ein eindeutiges Resultat

Ein anderer bekannter Algorithmus ist der von Djikstra (sprich: „Daikstra“). Er gibt in einem Netzwerk den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten an. Sicher spielt er in GPS-Anwendungen eine Rolle, doch geht er natürlich davon aus, dass die Distanzen zwischen den Punkten sich nicht dauernd verändern. Zwar ist die Distanz zwischen Berlin und Zürich in der Tat über viele Jahrtausende konstant, was genügen würde, um mit Djikstra die kürzeste Strassenverbindung zwischen den beiden Städten zu errechnen. Aber eigentlich interessiert uns ja eher die schnellste Verbindung. Das wäre kein Problem, wenn wir die Abstände zwischen den Strassenecken statt in Km in Fahrminuten angeben. Diese „Abstände“ sind nun aber hochgradig dynamisch. Die wichtigste Einflussgrösse ist wohl das Verkehrsaufkommen. Um das zu messen, braucht es viele Sensoren, vielleicht in Form von Kameras, was aber sofort die Datenschützer auf den Plan ruft.

Dijkstra_jpgDas Programm könnte auch das individuelle Fahrverhalten des Benutzers statistisch auswerten, was die Genauigkeit der Fahrzeitzuordnung erhöht. Nun wird zunächst ein Algorithmus benötigt, der aus der enormen Datenmenge, die aus Verkehrsdatenauswertung und Fahrverhalten zusammen gekommen ist, die wahrscheinlichen Fahrzeiten errechnet. Erst danach kann Djikstra angewendet werden.

Unscharfe Resultate

Doch das Ergebnis beruht auf statistischen Daten und ist somit nicht mehr scharf. Zudem kann sich die Situation bereits wieder verändert haben, wenn der Benutzer endlich auf das Display schaut.

EM_Clustering_of_Old_Faithful_dataEin weiterer wohlbekannter Algorithmus ist der, der Ihnen die Spam-Mails direkt in den Spam-Ordner verschieben soll. Auch dieser Algorithmus ist selbstlernend. Jedes Mal, wenn Sie ein Mail als „Spam“ deklarieren, trägt der Algorithmus die darin vorkommenden Stichwörter in eine Liste ein. Kommt ein neues Mail, vergleicht der Algorithmus sein Inhalt mit der gespeicherten Liste und errechnet eine Punktzahl. Ist sie hoch genug, wird das Mail gleich in den Spamordner verschoben.

Der Algorithmus basiert auf der Methode der Bayes’schen Netze, die stochastisch sind, d.h. auf Wahrscheinlichkeiten aufbauen. Stochastische Algorithmen können nur noch Vorschläge machen. Hängen Menschenleben davon ab, sind sie wohl nur bedingt geeignet, um ohne menschliche Intervention zu agieren.

Geheime Rezepturen

tf-idfJede Person kann sich Algorithmen ausdenken. Im betrieblichen Umfeld sind „Abläufe“ so etwas, wie Algorithmen. Aber einige Algorithmen sind ein wenig aus den Fingern gesogen und nicht so ohne weiteres brauchbar.

Ein solcher Algorithmus ist der TF-IDF Algorithmus. Er wird z.B. von Google verwendet, um Suchergebnisse zu präsentieren. Wenn wir nach einem Begriff suchen, erhalten wir normalerweise eine Liste mit mehreren Tausend Einträgen, von denen wir aber meist bloss die ersten paar ansehen. Daher sollten die relevanten Dokumente zuoberst stehen. Dazu wird ein Wörterbuch {b_1, b_2, ..., b_M} mit einer Anzahl M von Begriffen definiert. Jedem Dokument wird dann ein M-dimensionaler Vektor zugeordnet, der an der i-ten Stelle eine 1 hat, wenn das Wort b_i im Dokument vorkommt und eine 0, wenn das Wort nicht vorkommt. Um die Nützlichkeit des Vektors zu erhöhen, steht anstelle einer 1 ein Gewicht, das angibt, wie wichtig das Wort im Dokument ist.

Es stellt sich nun die Frage, welche Begriffe b_1, b_2, ..., b_M im Wörterbuch vertreten sein sollen. Je grösser M, desto rechenintensiver wird die Sache. Umgekehrt wird das Resultat bei einem kleinen M unbrauchbar. Es ist Google Geheimnis, welche Schlüsselwörter sie ihrem Wörterbuch einverleiben.  Aber gewiss hat ein solcher Algorithmus diese Bezeichnung nicht mehr verdient. Er ist mehr ein Orakel, denn ein Algorithmus.

Orakel und Horoskope

Ganz auf der Seite der Orakel sind Versuche, mit haarsträubenden Rechenvorschriften Persönlichkeitsprofile von Benutzern erstellen zu wollen. Sie können unter do not track: Ich like, also bin ich an einem solchen Versuch teilnehmen. Keine Angst, es ist bloss eine Demo für die Konsumenten der Videoserie „Do not track“. Die Ergebnisse werden nicht weiter verwendet. Z.B. steht da:

Als nächstes werden die Daten, die Sie auf Facebook gespeichert haben, mit Hilfe eines Algorithmus analysiert und auf diese Weise Ihre Charaktereigenschaften ausgewertet. Psychologen gehen davon aus, dass sich der Charakter eines jeden Menschen gemäß dem Fünf-Faktoren-Modell (den sog. Big Five) auf den Skalen Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Neurotizismus einordnen lässt. Wenn eine Person einen hohen Wert in der Kategorie Extraversion hat, ist sie beispielsweise meist sehr gesellig, freundlich und aktiv. Menschen, die einen hohen Wert in der Kategorie Gewissenhaftigkeit haben, sind in der Regel gut organisiert, vernünftig und strebsam.

Entsprechend fällt denn auch das Resultat aus: hanebüchen! Eine Rechnung, die Menschen in fünf Schubladen einordnet und diese erst noch von unbegründeten Behauptungen, wie z.B. „gewissenhafte Menschen sind strebsam“ ausgeht, kann nun wirklich nicht mehr sein, als ein Orakel oder gar ein Horoskop.

In der fünften Episode der sehr gut gemachten, aber düsteren Videoserie, geht es um „Big Data: Die Welt der Algorithmen“. Obwohl hier nicht mehr von Algorithmen die Rede sein kann, wird gefragt

Was ist, wenn die Algorithmen sich irren und Menschen aufgrund von Algorithmen-Resultaten diskriminiert werden?

Das ist in der Tat ein Risiko, zuweilen sogar ein existentielles (z.B. wenn der Algorithmus die Medikamenten-Dosierung von Patienten errechnet und bei „armen“ Patienten spart; natürlich gibt es das nicht, aber es ist denkbar) . Wie wir gesehen haben, sind es nicht die (mathematischen) Algorithmen, die im Allgemeinen bekannt und transparent sind(1). Es sind die zugrunde liegenden Glaubenssätze, Geschichten und Spinnereien von paar bedauernswerten Individuen, die keine andere Werte kennen, als „Geld machen“. Und dann gibt es noch solche, die zu wissen glauben, was Richtig und Gut ist und es allen anderen aufoktroyieren wollen. Wir können aber ihretwegen nicht auf Algorithmen verzichten (auf Orakel schon!), denn zu gross ist die Komplexität geworden, die wir ohne Algorithmen nicht mehr alleine bewältigen könnten.

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Alle Bilder aus Wikipedia

(1) Jeder Benutzer kann verstehen, was die Algorithmen machen, wenn er sich nur ein wenig mit Mathematik auseinandersetzen würde. Wer einen mathematischen Sachverhalt verstehen will, muss bei seinen Denkanstrengungen jedoch konsequent sein. In allen anderen Wissenschaften können interpretative Ergebnisse erzielt werden. Eine mathematische Reise kann nicht in der Hälfte abgebrochen und durch eigene Interpretationen ergänzt werden. Das schreckt viele ab, sich die herumliegenden Algorithmen anzusehen. Lieber wettern sie schon mal auf Vorrat dagegen

Menschen verhalten sich wie spezifische Mustererkenner

Beim Mittagessen erklärte ich, was man in Operations Research unter einem „Transportproblem“ versteht. Die Zuhörer wunderten sich ein wenig über die Fragestellung und fanden sie „zu theoretisch“. Damit haben sie selbst eine grundlegende Frage aufgeworfen, die mich auch immer wieder umtreibt: Inwieweit soll man eine praktische Aufgabe analytisch oder doch bloss intuitiv angehen?

Die Art der Präsentation einer Aufgabe

Zunächst nehme ich einmal an, dass meine Zuhörer nicht „theoretisch“, sondern eher „analytisch“ meinten. Es gibt ja nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Wie sonst will man wissen, was in der Praxis zu tun ist. Die Theorie oder zumindest das Modell gibt uns quasi das Rezept zum Handeln.

Hingegen verstehe ich, wenn meine Zuhörer meinten, man könnte doch so ein Transport auch einfach intuitiv abfertigen. Einer sagte: „Ich lade den LKW einfach bis er voll ist“.  Nun ja, vielleicht hätte ich ihm doch eine Transporttabelle aufzeichnen sollen. Wer nicht in der Logistik tätig ist, kann sich vielleicht zu wenig vorstellen, welche Optimierungsnotwendigkeiten sich dort stellen.

Drei Verhaltensebenen

Muss ich im Alltag eine praktische Aufgabe lösen, dann versuche ich es leider zunächst auch rein intuitiv. Nachdenken im Sinne von analytischem Durchdringen ist aufwändig und energieintensiv. Daher greift man in den meisten Fällen auf regelbasiertes Wissen und Handeln zurück. James Reason hat ein dreischichtiges Verhaltensmodell vorgestellt (1).

reasonDie unterste „fähigkeitsbasierte Ebene“ enthält quasi die Automatismen der Routine.

Auf der „regelbasierten Ebene“ sucht man vertraute Muster und wendet gespeicherte Regeln an. Das ist die Ebene der Experten und des intuitiven Managements.

Erst auf der obersten „wissensbasierten Ebene“ werden abstrakte Beziehungen zwischen Struktur und Funktion analysiert, diagnostiziert und optimiert.

Ein Handlungsplan ist eine Theorie von der Welt

Jeder Mensch geht eine Aufgabe zuerst rein intuitiv auf der regelbasierten Ebene an. Die Entscheidung, ob die Aufgabe nun gelöst sei, findet zunächst auf der Basis dürftiger Daten statt, denn Langzeitauswirkungen liegen noch keine vor. So werden z.B. internationale Konflikte gelöst, einheitliche Währungsräume geschaffen oder komplizierte Handelsabkommen konstruiert. Manifestieren sich später Instabilitäten und Probleme, wird wider besseren Wissens an der ursprünglichen Lösung festgehalten. So sind wir halt!

Wer bei der Frage, ob das ursprüngliche Problem gelöst sei, bewusste Zweifel hat, dem werden sie schnell wieder ausgetrieben, denn in der regelbasierten Ebene gibt es „mächtige kognitive … Kräfte, die sich zusammentun, um den Problemlöser glauben zu machen, der solle unangemessene oder unvollständige Lösungen an dieser Stelle als zufriedenstellend akzeptieren“, schreibt Reason.

Intuitiven Lösungen komplexer Probleme misstrauen

Eine interessante Erfahrung habe ich mit meinen Studierenden gemacht. Frage ich „out of the blue“, wie teuer das Flaschenglas sei, wenn die Flasche Wein Fr. 10.50 koste und der Wein 10 Franken teurer sei, als das Glas, dann antworten die meisten Leute intuitiv und falsch. Taucht die Frage aber in einem Aufgabensatz über Gleichungen auf, dann stellen die Studierenden wie selbstverständlich die Gleichung auf, lösen sie und gelangen zum richtigen Resultat.

Wir sind einfach (noch) nicht bereit, die Merkmale unserer immer komplexer werdenden Aufgabenstellungen im Rahmen eines integrierten mentalen Modells zu interpretieren. Ich selbst ertappe mich immer wieder, dass ich eine Aufgabe „praktisch“ angegangen bin, obwohl ich das theoretische Rüstzeug gehabt hätte, sie auch auf wissensbasierter Ebene zu lösen. Wie nur kann ich mein Gehirn dazu bringen, intuitiven Lösungsansätzen zu misstrauen?

(1) Reason, James. Menschliches Versagen – Psychologische Rsiskofaktoren und moderne Technologien. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1994. S.93ff.

Lernen, um Komplexität zu verstehen

Problemlösen in komplexen Systemen erfordert systemisches Denken, Verständnis für dynamische Systeme und hohes Systemwissen. Um dieses Wissen und Verständnis aufzubringen, muss laufend gelernt werden. Lernen ist eine zentrale Komplexitätsbewältigungsstrategie. Dabei ist aber nicht in erster Linie das passive Lernen „on the job“ gemeint, sondern das aktive, bewusste Lernen, das die ganze Aufmerksamkeit erfordert.

In einem Fernstudenten-Blog habe ich folgendes gelesen:

Zu meinem Leidwesen rückt die Klausur immer näher und ich bin natürlich mal wieder hinten dran. Ich habe es zwar in Summe auf 100 Lernkarten gebracht, welche ich versuche noch in den Kopf zu kriegen….
Mein Körper signalisiert [mir] etwas sorgsamer mit ihm und den mit 43 doch langsam abnehmenden Ressourcen umzugehen…..
Es sieht dann so aus , das ich mich die nächsten Tage versuche mich mit Kausaldiagramm, Netzplan und Co ein wenig zu befassen. Dieses werde ich vertieft auch anhand der Kontrollaufgaben üben. zusätzlich werde ich versuchen einen möglich großen Teil der Karten in den Kopf zu kriegen.

Wie Lernen funktioniert

Obwohl der Text grammatikalisch und stilistisch verstümmelt und daher nur schwer verständlich ist, verstehe ich ihn so, dass hier ein 43jähriger den Inhalt eines Moduls über Planungsmethoden auf 100 Lernkarten zusammengefasst hat und diese nun auswendig lernen will.

Lernen_schwitzen
So funktioniert Lernen NICHT!

Genau so funktioniert Lernen in den wenigsten Fällen. Leider wird es unserem Freund möglicherweise gelingen, an der Prüfung mit einigen Fakten, die er auswendig gelernt hat, eine genügende Note zu leisten, aber gelernt hat er trotzdem nichts. Lernen ist insbesondere nicht Auswendiglernen. Lernen funktioniert nur, durch eigenes Forschen, Hinterfragen, Ausprobieren, Experimentieren, Rückschläge erleiden, kreativen Ideen nachgehen, etc.

In unserem Beispiel würde unser Freund nach der Lektüre des Abschnitts über Netzpläne vorzugsweise einmal einen Netzplan von einem kleinen Projekt seiner Arbeitsumgebung selbstständig erstellen und z.B. mit der Detailtiefe spielen. Er würde den Plan mit der Realität vergleichen und sich fragen, in welchen Bereichen er funktioniert, bzw. wo nicht und was man verbessern könnte. Er würde vielleicht auf die Idee kommen, dass es besser ist, Vorgänge als Knoten statt als Pfeile darzustellen (oder umgekehrt) und hätte dabei gleich ein wichtiges Fakt gelernt, das er sonst bloss abgelesen, auf eine Lernkarte geschrieben, auswendig gelernt und wieder vergessen hätte.

Eine Lernmetapher

Das Web ist eine grossartige Lernhilfe. Man findet zu fast allen Gebieten viele Aufgaben, die man lösen kann. Allerdings verleitet das Web, zu jeder Aufgabe, zu jeder Frage und zu jedem Problem schnell und effizient nach einer Lösung zu suchen. So lernt man aber nichts! Lernen funktioniert so, wie das Erkennen des Objekts auf diesem Bild:

Fexierbild

Einige sehen den Gegenstand sofort. Das ist vergleichbar mit denen, die das Wesen und die Funktion eines Netzplans sofort begreifen und verstehen, um beim Beispiel zu bleiben. Die Meisten sehen jedoch auf dem Bild nur weisse und schwarze Flecken. Nun geht es darum, das Gehirn dazu zu bringen, das Bildobjekt zu erkennen. Dazu habe ich eine Woche lang Kopien des Bildes in allen Räumen meiner Wohnung aufgehängt und sie laufend angeschaut. Ich habe Lernen_Ahamir Mühe gegeben, die bisher zentralen Flecken und Muster in den Hintergrund zu drängen und meinen Blick zu ändern. Immer und immer wieder. Nachdem man tage- und vielleicht wochenlang mit dem zu lösenden Problem gekämpft hat, macht es „klick“ und die Lösung springt einem an. Erst dann hat man gelernt.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Lernen hat nichts mit dem Alter zu tun. Zwar ist Lernen mühsam und manchmal fast schmerzhaft, aber es geht nicht an die Substanz. Wenn unser Freund meint, dass er neben dem Studium noch andere Dinge zu tun hat – mit 43 hat er vielleicht Familie, einen anspruchsvollen Job, etc. – dann muss er sich seiner Prioritäten bewusst werden. Lernen ist immer zeitaufwändig und geht nicht nebenbei. Aber Lernen ist vielleicht die wichtigste Tätigkeit im Leben. Wer die zunehmende Komplexität der Welt verstehen will, kommt nicht um echtes Lernen herum.

Aktives Lernen ist eine permanente Übung. Es ist nicht möglich, 14 Tage vor einer Prüfung noch schnell den Stoff auswendig zu lernen, u.U. durch nächtliche Gewaltsanstrengungen. Vielmehr muss täglich geübt werden, dafür nur eine halbe Stunde. Niemand bezweifelt, dass die Fähigkeit, ein Musikinstrument spielen zu können, nur durch tägliches Üben möglich wird, und wenn’s täglich nur 10 Minuten sind. Genauso ist es mit den Erlernen einer Sprache. Es nützt nichts, wöchentlich 2 Stunden in eine Sprachschule zu gehen, Lernen_Steinohne täglich ein paar Sätze zu sprechen. Mathematik und Programmieren lernt man nur, wenn man täglich je eine halbe Stunde übt und experimentiert.

Lassen Sie ein Jahr lang jede Minute einen Tropfen (=0.0625 ml) Wasser aus 10 Meter Höhe auf einen Kalkstein fallen. Dort, wo die Tropfen auf den Stein auftreffen, wird bereits Erosion sichtbar sein. Jede Minute einen Tropfen entspricht fast 33‘000 Litern Wasser. Lassen Sie diese Menge Wasser auf einmal auf den Stein fallen. Es wird dem Stein nichts ausmachen.

Dialoge unterstützen Disziplin

Zunehmend gewinnt die konnektivistische Dimension des Lernens an Bedeutung. Suchen Sie im Web nicht nach der Lösung, sondern nach gleichgesinnten Personen, die sich ebenfalls für Ihr Problem interessieren, und diskutieren Sie es mit ihnen. Erzählen Sie, welche Fragen Sie sich gestellt haben und welche Antworten Sie schon gefunden haben. Diskutieren Sie Variationen des Problems und neue Zusammenhänge zu Problemen aus anderen Gebieten.

Lernen_Web
Sehen Sie in diesem Video des deutschen Bundesinstituts für Berufsbildung, wie Sie im Web gemeinsam lernen können.

„Einsam Lernen und Arbeiten war gestern“. Heute lernt man partizipativ und kollaborativ. Bei solchen Dialogen, die gleichermassen in einem Forum oder über Social Media geführt werden können, befassen Sie sich automatisch täglich mit dem Problem, ohne zuhause alleine über einer Formel zu brüten, nicht weiter kommen und höchstens Frustrationen und Kopfschmerzen einfahren. Die schmerzliche Disziplin täglichen Lernens lagern Sie so in das Web aus. Dialoge bedeuten allerdings nicht oberflächliches Geschwätz. Ab und zu müssen Sie dennoch zum Griffel greifen und ein paar Dinge entwickeln oder nachrechnen, um den Dialog wieder mit neuen Erkenntnissen zu befruchten.

Bei einem Ohr herein und beim anderen wieder hinaus

Am gestrigen EdChatDE auf Twitter liess ich mich zu der Behauptung hinreissen, dass Hörer (Lernende, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Teilnehmerinnen und Teilnehmer, etc.) nicht lernen können, solange ein Wissender (Lehrender, Dozentin/Dozent, Lehrerin/Lehrer, Sprecherin/Sprecher, Vortragende/Vortragender, etc.) redet. Es wurde prompt reagiert. Die Tendenz lief Richtung Empörung.

Niemand kann zuhören und gleichzeitig eigenen Gedanken nachhängen

Jemand schreibt: „Ich habe andere Erfahrungen mit äußerst anregenden Rednern gemacht“. Klar, das gibt’s, und es ist ein Genuss, ihnen z.B. an einem Kongress oder an einem TED zuzuhören. Wenn der Vortrag jedoch wirklich so gehaltvoll ist, dann lohnt es sich, z.B. über jeden dritten Satz etwas länger nachzudenken. Das ist aber leider unmöglich, weil einem der Sprecher nicht lässt. Er redet weiter. Dass ich nicht nachdenken kann, liegt nicht an der Art des Vortrags, sondern daran, dass ein Satz den nächsten jagt.

Wiederholung ist Routine

Glauben Sie nicht, dass es gerade so genussreich ist, die Rede auf Youtube zu hören? Wenn die Rede so gut ist, wäre es doch eine Verschwendung, wenn sie nur einmal gehalten würde. Aber warum muss ein brillianter Redner seine Rede mehrmals wiederholen? Einmal genügt doch. Danach können sie alle, die sie verpasst haben, auf youtube anhören.

In einer Bildungsstätte ist es ähnlich. Ein Lehrer muss jedes Jahr einer neuen Klasse denselben Stoff beibringen. Oft gibt es pro Jahrgang sogar mehrere Klassen. Ich muss jeweils innerhalb einer Woche denselben Stoff in drei Klassen behandeln. Wäre es nicht vernünftiger, den Stoff einmal zu erzählen, davon ein Video zu produzieren und dieses den anderen Klassen zu verteilen?

Eine Frage der Lerneffektivität

Das hat noch einen Vorteil: Während ein Vortragender redet, können die Zuhörer nicht darüber reflektieren, wenn sie das Folgende nicht verpassen wollen. Also müssen sie das Gehörte nachträglich verarbeiten. Kommen Fragen auf, ist der Referent schon wieder weg. Besser also, die Zuhörer hören sich die Rede vorgängig an, verarbeiten, was sie gehört haben und reflektieren darüber. Beim Zusammentreffen mit dem Referenten können sie ihre Fragen stellen und mit dem Referenten eine fruchtbare Diskussion führen. Auf diese Weise lernen sie viel mehr, als wenn sie einmal zuhören und dann wieder nachhause gehen.

Sprecher-Wisser
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Dazu kommt, dass nicht alle brilliante Redner sind. Zu allem, was in üblichen Bildungsstätten erzählt wird, gibt es auf youtube bereits Videos, die den Stoff bedeutend besser präsentieren, als die betreffende Lehrperson es kann. Warum soll sie die Zeit nicht nutzen, um das, was die Lehrenden im Video nicht verstanden haben, zu erklären? Das bedingt aber, dass sie vorgängig einen Fragenkatalog erstellt haben und ihr Unverständnis in der Präsenz offenbaren. Das setzt eine gewisse Reife voraus, die erfahrungsgemäss auch Erwachsene nicht immer aufweisen.

Wer will das schon?

Auf der anderen Seite ist dieses Lernmodell auch für die Lehrperson anspruchsvoller. Es ist leicht, Reden zu halten, die man schon x Mal gehalten hat. Das Timing lässt sich so auch leicht kontrollieren. Es ist ungleich schwerer, spontan auf vorher nicht bekannte Fragen zu antworten und während Übungen Schwächen zu erkennen und unmittelbar auf diese einzugehen.

Da das herkömmliche Modell für beide Seiten einfacher ist, besteht kein Bedarf, es zu verlassen.

Die rezipive Verzerrung durch des Kaisers neue Kleider

nackter_KaiserIn Köln stehen fünf kleine Fassaden-skulpturen, die das Märchen Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen darstellen. Zwei Betrüger verkaufen dem Kaiser teure Gewänder, die angeblich nur von Personen gesehen werden, die ihres Amtes würdig und nicht dumm seien. Tatsächlich geben die Betrüger nur vor, Stoffe zu weben und Kleider zu schneidern. Aus Eitelkeit und Unsicherheit gibt der Kaiser nicht zu, dass er die Kleider auch nicht sehen kann, während die Menschen, denen er die angeblichen Kleider vorführt in Begeisterungsstürme ausbrechen ob derart nobler Bekleidung.

In unserer Zeit gibt es immer mehr Kaiser mit „neuen Kleidern“

Das Märchen endet leider etwas schwach. Ein Kind rief: „Aber der Kaiser ist doch nackt“, wodurch der Schwindel aufflog. Konsequenterweise könnten ja eben gerade Kinder die Kleider gar nicht sehen, da sie kein würdiges Amt haben und noch nicht die nötige Weisheit. Aber das Motiv ist verbreitet. Es wird auch in den Erzählungen Der Hauptmann von Köpenick und Kleider machen Leute aufgegriffen.

In sehr komplexen Umgebungen fallen die Menschen tatsächlich gerne auf Vereinfachungen und Verblendungen herein. Mir scheint, dass sich in den letzten Jahren die Fälle häuften, wo eine Marke, ein Managementkonzept oder ein Führungsstil hochgejubelt wird, auch und vor allem wenn gar nichts Geniales dahinter steckt. Und in allen Fällen finden diese „neuen Kleider“ viele Bewunderer, sogar auch in akademischen Kreisen. Es kommt zu regelrechten Fangemeinden, die sich über Social Media Kanäle nährt.

Ich denke z.B. an gewisse Projektmanagementmethoden, die regelrechte Schulen bilden und durch unabhängige Stellen kostenpflichtig zertifiziert werden; oder Computermarken, die zu einer Szene hochstilisiert werden und inkompatible Zusatzgeräte einen lukrativen Markt bilden. Ähnlich sind auch viele Management- und Führungskonzepte zu werten, die oft aus nicht mehr als einem Reizwort bestehen, das dann zuweilen monatelang durch die Social Media geistert, um crowdfunding Kapital zu generieren.

Nicht Eitelkeit, sondern Ausweg aus einer Kompliziertheitserstarrung

Allen Fangemeinden gemeinsam ist ein gewisser Fundamentalismus. Wer einmal auf den Zug einer virulenten Idee ausgesprungen ist, der verteidigt sie z.T. unter Verunglimpfung der „Nichtgläubigen“. Ein Beispiel ist die nicht endend wollende und oft unsachlich geführte Diskussion um das beste Betriebssystem von Computern.

Was hat dieses Phänomen zu bedeuten? Eines ist klar: Die Marken- und Konzeptidole sind nicht eines Kaisers neue Kleider. Während sowohl im Märchen, als auch beim Schneidergesellen Wenzel Strapinski oder beim Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt Eitelkeit der treibende Faktor war, ist es hier Angst vor Kompliziertheit. Ein Konzept oder eine Technik entwickelt sich immer weiter und wird dabei immer komplizierter, bis zur Erstarrung. Dann fühlen sich die Anwender unwohl, verstehen nichts mehr und suchen nach etwas Einfacherem. Sobald sich am Horizont etwas auftut, wird es sofort als Erlöser vor dem überdrüssig gewordenen  willkommen geheissen. Später auftauchende, ebenso vielversprechende Konzepte, haben kaum mehr eine Chance. Dank Social Media findet die Aggregation einer Fangemeinde rasant statt. Sie kapselt sich sofort gegen konkurrenzierende Neuerungen ab. Ein gutes Beispiel ist das Projektmanagement. Während die Menschen seit Jahrtausenden Projekte machen, wurde Projektmanagement erst im Zweiten Weltkrieg begründet. Danach wurde es so lange weiterentwickelt, bis es zu einem regelrechten Moloch wurde, mit dem immer weniger Projekte erfolgreich abgewickelt werden konnten. In der 1990er Jahre entstanden neue Ideen, von denen vor allem das agile Projektmanagement viele Bewunderer fanden, von denen viele die konkurrenzierenden Ansätze nicht kennen  oder sie schlicht leugnen.

Abkapselung als komplexitätsvermeidene Heuristik

Ebenfalls gemeinsam ist allen diesen Marken- und Konzeptidolen, dass sie von ihren Anhängern in oft unzulässiger Weise verallgemeinert und in allen möglichen und unmöglichen Situationen angewendet oder empfohlen werden. Einerseits wird jeweils kaum sachlich untersucht, was die neue Idee taugt und andererseits werden auch keine Voraussetzungen angegeben, unter denen das neue Konzept praxistauglich ist. Wozu auch? Es ist über jeden Verdacht erhaben, und wer das in Zweifel zieht, ist ein Ewiggestriger. Auf diese Weise ist schon manches hohle Konzept zur Religion erhoben worden.

Zwar ist die Motivation nicht dieselbe, wie im Märchen von Des Kaisers neue Kleider, wohl aber das Tamtam, das um solche Marken- und Konzeptidole gemacht wird. Leider gibt es keine Kinder, die sie entlarven. Kritische Erwachsene werden hingegen schnell mundtot gemacht. Der englische Arbeitspsychologe James Reason, der sich mit der Erforschung menschlicher Handlungsgewohnheiten, die oft zu Fehlern führen können, einen Namen gemacht hat, nennt Abkapselung als eine häufig angetroffene Heuristik, um Komplexität auszuweichen(1). Dietrich Dörner spricht von vertikaler Flucht(2). Das Hochjubeln von wenig durchdachten Konzepten, nur weil die traditionellen zu kompliziert geworden sind, ist eine solche vertikale Flucht. Das anschliessende Abkapseln der Community gegenüber den „Ungläubigen“ nenne ich die rezipive (Wahrnehmungs-)Verzerrung (vom Lateinischen „zurücknehmen, befreien, annehmen“). Es ist möglicherweise eine Spielart der narrativen Verzerrung, die Nassim Taleb in seinem Schwarzen Schwan beschrieben hat(3).

 

(1) James Reason. Menschliches Versagen – Psychologische Risikofaktoren und moderne Technologien. S. 97. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1994

(2) Dietrich Dörner. Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2003.

(3) Nassim Nicholas Taleb. Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Hanser Verlag. München 2008

 

Die effektivste Massnahme, um Projektverzögerungen zu minimieren

Am PM Camp in München, Ende Juli 2014, habe ich den Rework Cycle vorgestellt. Im Prinzip ist es ein Hauptschlüssel für erfolgreiches Projektmanagement. Das Rework Cycle Modell geht davon aus, dass vermeintlich erledigte Arbeiten nachgebessert oder wiederholt werden müssen, z.B. wegen Fehlern oder weil Policies geändert haben.

Der Rework Cycle

Der Bauingenieur David Ford berichtet von zwei Atomkraftwerkbauten (1). Während der Bauzeit flossen aus Erfahrungen beim Betrieb anderer AKW neue Bauvorschriften ein. Ich konnte das in meinen IT-Migrationsprojekten bestätigen. Die Systeme, die wir installierten, waren kurz vorher woanders in Betrieb genommen worden. Uns erreichten Meldungen über Laufzeitfehler, die unter Last auftraten. Das führte dazu, dass wir gewisse Tests wiederholen mussten, neue Lastverteilungsmassnahmen einbauen oder die geplanten Konfigurationen ändern mussten. Solche unvorhergesehenen Massnahmen sind die Ursache des Rework Cycle.

Die in realen Projekten gewonnen Daten stimmen so gut mit der Simulation des Modells überein, dass es heute ausser Zweifel steht, dass der Rework Cycle in jedem Projekt auftritt und es aufbläst. Wer den Rework Cycle ausser Acht lässt, wird sich regelmässig über Projekte wundern, die ihr terminliches Ziel nicht erreicht haben und die Ursache in Bereichen suchen, die gar nichts mit dem Problem zu tun haben, z.B. Kommunikation oder Management Awareness.

Wie umgeht man den Rework Cycle?

Gar nicht! Er ist Gesetz. Man kann aber die terminverzögernden Auswirkungen dämpfen, wenn man das Modell kennt. Dieses geht davon aus, dass die durchgeführten Arbeiten nicht gleich auf den Haufen „Erledigt“ kommen, sondern zuerst auf einen Haufen „zu begutachten“. Erst diejenigen Arbeiten, die sich bei der Kontrolle als gut erweisen, kommen auf den Haufen „Erledigt“. Die anderen müssen nachgebessert oder wiederholt werden. Sie kommen daher vorläufig auf den Haufen „Rework“.

ReworkCycleBasisMan sieht nun deutlich: Das Projekt wird nur dadurch fertig, indem man sich des Haufens „zu begutachten“ annimmt. Natürlich müssen die Originalarbeiten auch gemacht werden, aber „durchgewunken“ werden sie erst durch die Kontrolle. Das bedeutet, dass häufige Kontrollen das Projekt mehr voranbringen, als z.B. nur eine einzige Endkontrolle. Peter Lancy von der PA Consulting Group will das sogar genau wissen (2). Er hat gezeigt, wie sich die Laufzeit eines Projekts erhöht, wenn nur eine „grosse“ Schlusskontrolle, statt vier über das Projekt verteilte Kontrollen, gemacht wird. Aus seiner Grafik entnimmt man z.B., dass ein Projekt, in welchem die „Qualität“ (= Anteil an Arbeiten, die bei der Kontrolle auf den Haufen „Erledigt“ kommen) 0.85 beträgt dreimal länger geht als geplant, wenn nur eine Kontrolle gemacht wird und unwesentlich länger als geplant, wenn vier Kontrollen gemacht werden.

ProjektLaufzeit_Rework_LancyDer Anteil derjenigen Arbeiten, die bei der Kontrolle auf den Haufen „Erledigt“ kommen, werden in Lancys Grafik „Qualität“ genannt. In der Tat hängt es von diesem Anteil ab, ob das Projekt je fertig gestellt werden kann oder nicht. Es gibt einen „Kipp-Anteil“ (sog. tipping point), bei welchem das Projekt sozusagen an Ort tritt. Ist der Anteil höher als dieser Kippanteil, kommt das Projekt voran, andernfalls fällt es immer mehr zurück.

Damit heisst der Haupterfolgsfaktor: In einem Projekt so oft Reviews und Kontrollen machen, wie es nur geht! Das klingt einfach und selbstverständlich. Aber unterlassene Kontrollen sind der Hauptgrund für Verzögerungen in Projekten!

(1) Taylor, T./Ford, D. Tipping point failure and robustness in single development projects. Syst. Dyn. Rev. 22, 51–71, (2006)

(2) Lancy, P. Development Inefficienties – Managing the „Rework Cycle“ in Complex Projects. Australian Construction Law Newsletter ACLN, Issue #55, 1997