Archiv der Kategorie: System Dynamics

Komplexität, auf das Individuum bezogen

Der meistgelesene Artikel meines Blogs ist Komplexitätbegriff auf das Individuum bezogen. Das deutet darauf hin, dass es vielen Menschen ein Bedürfnis ist, mit Komplexität umgehen zu können. Dabei versteht zwar jeder etwas anderes unter Komplexität, aber allen dämmert es wohl, dass wir uns in einer ernsthaften Bedrouille befinden. Musik

Nichtlineare Zusammenhänge bezüglich der sozialen Wohlfahrt, die hier als Summe der Wohlfahrtsfunktion pro Periode dargestellt ist. Die Beeinflussung der Wohlfahrt geschieht im Modell nach dem Muster "Climbing Hill". Der Parameter W* ist das Produkt von drei Grössen und beeinflusst das Einkommen nichtlinear. Dazu kommen diverse Verzögerungen, die hier nicht eingezeichnet sind. Z.B. reagiert der Wohlfahrtsbestand verzögert gegenüber der Einführung der hohen Steuerprogression.
Nichtlineare Zusammenhänge bezüglich der sozialen Wohlfahrt, die hier als Summe der Wohlfahrtsfunktion pro Periode dargestellt ist. Die Beeinflussung der Wohlfahrt geschieht im Modell nach dem Muster "Climbing Hill". Der Parameter W* ist das Produkt von drei Grössen und beeinflusst das Einkommen nichtlinear. Dazu kommen diverse Verzögerungen, die hier nicht eingezeichnet sind. Z.B. reagiert der Wohlfahrtsbestand verzögert gegenüber der Einführung der hohen Steuerprogression.

Projekte sind heute global und können Auswirkungen haben, die sich auch lange nach Projektende noch manifestieren. Wenn z.B. ein europäisches Land Projekte lanciert, welche eine stärkere Besteuerung der hohen Einkünfte und die Senkung des Pensionierungsalters vorsehen, dann hat das Auswirkungen auf das sonst schon instabile europäische Wirtschaftssystem und kann lange nach dem Amtsende des Präsidenten, der die Projekte in Auftrag gab, zu unvorhergesehenen Entwicklungen führen, die meistens katastrophal und selten positiv sind. Die Abwanderung der hohen Einkommen, der Abfluss der Geldmittel in die ärmeren Regionen und die Altersarmut können sich gegenseitig nach nichtlinearen Gesetzmässigkeiten beeinflussen. Mnsik.

Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, Wolf Singer, sagt:

Wir sind unfähig, nichtlineare Phänomene zu erfassen. Das klingt zwar abstrakt, erklärt sich aber aus der Evolution: Im Kleinen, und nur darauf ist unser Gehirn eingestellt und nur daran ist es angepasst, verhält sich die Welt linear. Diese Unfähigkeit ist auch kein Wunder, denn nichtlineare Vorgänge sind nicht vorhersagbar, das Hirn als prädiktives System wäre also überfordert1

Das ist also der Grund unseres Missbehagens, wenn uns die Komplexität eines Projekts persönlich plagt. Unser Gehirn ist gar nicht fähig, globale Projekte mit langfristigen Auswirkungen richtig zu planen und durchzuführen. Es gibt jedoch Hilfsmittel und „Krücken“, die uns helfen, nichtlineare Phänomene zu erfassen. In den meisten Fällen handelt es sich um Simulationstools. Der Einsatz solcher Tools geht aber nicht gerade mit kognitiver Leichtigkeit einher, d.h. sie erfordern eine verstandesbezogene Anstrengung. Wir sind wahre Meister, wenn es darum geht, diese zu verhindern. Unsere Intuition schaukelt uns immer vor, dass die von ihr gefundenen Lösungen genügen. Zusätzlich gibt es heute mehr Experten denn je, die uns glauben machen wollen, dass es nichts besseres gebe als die Intuition, um mit Komplexität umzugehen. Msink.

Hier ein kleines Laborexperiment: eine Flasche Wein kostet 10.50 Euro. In diesem Preis ist natürlich alles inbegriffen, Wein und Flaschenglas. Man weiss, dass der Wein 10 Euro mehr kostet als das Glas. Beantworten Sie schnell und intuitiv die Frage, wieviel das Glas kostet.

Die meisten Menschen, die die Frage nicht kennen, beantworten sie intuitiv falsch. Das wäre auch kein Problem, aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, ihr Resultat kurz zu überprüfen, indem sie zurück rechnen. Die Intuition führt mühelos zu einer Lösung. Zurück zu rechnen wäre aber ein kognitiver Aufwand, den die unbewusste „Denkmaschine mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Misnk.

Der bekannt Psychologe Daniel Kahneman präsentiert in seinem neuen Buch „Schnelles Denken – Langsames Denken“ ein paar verblüffende Muster kognitiver Leichtigkeit2. Wann haben Sie zuletzt gegessen? Was kommt Ihnen beim Wortfragment „uppe“ in den Sinn. Da ich Sie danach gefragt habe, wann Sie zuletzt gegessen haben, werden Sie jetzt vermehrt ans Essen denken und „uppe“ zu „Suppe‘ ergänzen. Hätte ich Sie jedoch zuerst gefragt, ob Sie auch schon Mal auf einen Hügel mit Rundgipfel gestiegen seien, hätten Sie „uppe“ eher durch „Kuppe“ ersetzt. Das finden Sie selbstverständlich? Ist es Ihnen z.B. in einem Projekt immer bewusst, warum Sie die und die Aussage machen, Anweisung geben, Task oder Methode wählen, etc.? Sie glauben, dass das auch nicht nötig ist? Ein Projekt kann ganz verschiedene Verläufe nehmen, je nachdem, was die beeinflussenden Kräfte denken und daraufhin entscheiden.

Welche sibirische Stadt hat mehr Einwohner? Novokusnezk oder Minsk? Novokusnezk hat ungefähr eine halbe Million, während Minsk nur etwas mehr als 300’000 hat, aber Minsk liegt nicht in Sibirien und nicht einmal in Russland. Wenn Sie auf Minsk getippt haben, dann aus zwei Gründen: erstens ist der erste Name schwerer auszusprechen und verlangt von Ihnen eine kognitive Anstrengung und zweitens haben Sie im Verlauf dieses Artikels einige Male Wörter gelesen, die sich wie „Minsk“ buchstabieren. Kahneman erklärt, dass mehrmalige Wiederholung die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöht, damit das intuitive Denksystem dem verstandesmässigen System unwahre Aussagen als wahr unterjubeln kann.

Es geht also nicht darum, alternative Projektmethoden zu finden, wie z.B. Agiles Projektmanagement. Auch agile Methoden verhindern nicht, dass wir und damit das Projekt Opfer unseres automatischen und unbewussten Denksystems werden. Es geht vielmehr darum, unseren Verstand einzusetzen, um die intuitiven Wahrnehmungen zu überprüfen und um Werkzeuge zu gebrauchen, die z.B. nichtlineare Phänomene erfassen können. In Projekten und anderen Managementsituationen ist genügend Zeit dafür vorhanden.

Es gibt „tausend“ Mechanismen, die verhindern, dass wir unseren Verstandesapparat einsetzen. Er ist langsam und teuer im Betrieb. Aber ohne unseren Verstand unterscheiden wir uns nicht von andern höheren Säugetiere. Auch eine Kuh hat Intuition und eine automatische schnelle Wahrnehmung. Brauchen wir also unseren Verstand!

1Reinhard Breuer. Hirnleistungen sind „begrenzt und eklektisch“ – Wolf Singer in Heidelberg. SciLogs 26. März 2010

2Daniel Kahneman. Schnelles Denken – Langsames Denken. Siedler ebooks. 2012

Wenn wir einen Archetypen in unserem Leben finden, treibt er uns in Weisheit und Liebe an*

Im letzten Beitrag habe ich gezeigt, wie man mit einem Wirkungsnetzwerk einzelne Problemkreise in ein „big Picture“ integrieren kann. Das entstandene Wirkungsnetzwerk hat suggeriert, dass man mit Anreizsystemen die Motivation und Bereitschaft der Teilnehmer (Mitarbeiter und Partner) erhöhen kann.

Betrachten wir das Diagramm etwas genauer und fragen uns, welche Systemarchetypen1 darin enthalten sind, so können wir unschwer den Archetypus „Grenzen des Wachstums“ identifizieren. Dieser Archetypus besteht aus einer verstärkenden und einer bremsenden Schleife. Verstärkende Schleifen habe wir gleich mehrere. Das sind die Schleifen mit Boni und Investitionen in die Entwicklung. Je mehr wir investieren, desto mehr wächst der Markt für unsere Produkte. Der bremsende Zyklus ist im Diagramm etwas versteckt. Der Markt hat eine Obergrenze. Je mehr der Gesamtmarkt ausgeschöpft ist, desto langsamer ist das Wachstum. Das Diagramm lässt sich vereinfacht auch so darstellen, wie in der folgenden Abbildung:

Ich habe den marktgenerierende oberen Teil des ursprünglichen Diagramms weggelassen, von den verstärkenden Schleifen stellvertretend nur eine übernommen und die bremsende Schleife auf der rechten Seite explizit gezeichnet. Aus der Theorie des Systemdenkens wissen wir, dass es ein sträflicher Fehler ist, die verstärkende Schleife anzutreiben. Das bedeutet, dass der Hebel überhaupt nicht darin zu suchen ist, mit Boni und Zusatzinvestitionen zu versuchen, indirekt die Nachfrage zu erhöhen.

Vielmehr liegt der Hebel beim Archetypen „Grenzen des Wachstums“ darin, die bremsende Schleife abzuschwächen, oder die bremsende Bedingung zu beeinflussen. Ich habe im folgenden Diagramm versucht, die bremsende Bedingung abzuschwächen, also die Gesamtmarktgrösse zu erhöhen, indem ich zusätzliche Leads und Opportunities generiere. Das geht nur indem man das natürliche Wachstum der Anzahl Marktteilnehmer mit Hilfe geeigneter IT-Unterstützung ausnutzt.

In der Tat bieten in der Zwischenzeit ERP-Hersteller geeignete Werkzeuge an, so z.B: SAP, die sich speziell dem Design Win Markt angenommen hat:

Design Win allows technical sales reps, field application engineers, technical marketing and manufacturing share opportunities and collaboratively work to win sockets for next generation OEM products. Design win helps allows participants to assign activities and tasks, work on their assessment of probability and value, and discuss tactics and issues. Design Win allows provides all involved parties a 360-degree view into a design win sales opportunity by providing complete visibility into an opportunity’s history, milestones, progress. Analytics provide win/loss analysis and that can help win more designs in the future.2

Das ursprüngliche Vorgehen von Loch und Solt hat auf halbem Weg Halt gemacht. Den Markt und die Kunden als diejenigen Susysteme zu bezeichnen, die mit Unkunks (unvorhergesehene Ungewissheiten) aufwarten, ist trivial und hat keinen Erklärungswert. Gerade so gut hätte Elaine Bailey das Wetter als ein unkunk-geschwängertes Subsystem bezeichnen können. Ebenso falsch ist es zu vermuten, die Subsysteme des eigenen Unternehmens hätte man bis auf übliche Risiken im Griff.

Unser Vorgehen war wie folgt:

  1. Zerlegen in Problemkreise, wie es Loch und Solt gemacht haben
  2. Integrieren der einzelnen Problemkreise in ein Gesamtbild unter Zuhilfenahme eines Wirkungsdiagramms
  3. Identifizieren der archetypischen Muster
  4. Redesign des Wirkungsdiagramms, um die indetifizierten Archetypen herauszuarbeiten
  5. Anwenden bekannter Lösungshilfen, die diesen Archetypen zugeordnet sind, als strategische Ideen


*Titel aus Die Erleuchtungsreise

1Peter M. Senge. Die fünfte Disziplin: Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Schaeffer-Poeschel Verlag. Stuttgart 2011.
ISBN 978-3-7910299-6-2
oder
Peter Addor. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. Frauenfeld 2010.
ISBN 978-3-9523545-6-8 oder
William Braun. The System Archetypes. 2002.
(oder: http://www.anchor.ch/archetypen.pdf)

2SAP: Design Win Business Scenario. (Zugriff 18. Februar 2012). Für das Design Win Geschäft werden fünf Business Processes vorgestellt:
Opportunity Processing with Channel Partners
Lead Processing with Channel Partners
Product Proposals
Collaborative Design Opportunity Management
Account Processing with Channel Partners

Die Hebel drücken, die man drücken kann!*

In meinem Beitrag „Teile und Herrsche“ oder „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“? habe ich eine Diagnosemethode für „unknown unknowns“ (unkunks), also für Unerwartetes, kritisiert und in der Folge einen Verbesserungsvorschlag gemacht, indem ich die Einzelteile mit einem Diagramm wieder in das Gesamtsystem integriert habe.

Betrachten wir das Diagramm einmal etwas näher! Der obere Teil des Diagramms beschreibt die externe Situation, nämlich den Markt für design win Lösungen.  Einerseits muss überhaupt verstanden werden, dass ein neuartiger Geschäftszweig existiert („allgemeines Verständnis für das design win Geschäft“) und andererseits muss das Bedürfnis dafür aufgebaut werden („Kommunikations- und Koordinationsbedarf“). Das sind aber gerade die beiden Problemkreise – „Customer Neeed“ und „Industrial Readyness“ – die Elaine Bailey als „High potential for unk unks“ bezeichnet hat1.

Inwieweit diese unkunks „zuschlagen“, hängt aber wenig von Escend ab, sondern geschieht per Selbstorganisation im Markt. Es ist die Frage, ob sich eine entsprechende Mode durchsetzen kann oder nicht. Escend kann das höchstens durch geeignete Marketingmassnahmen unterstützen.
Im unteren Teil gibt es ein paar Kreise, die die Nachfrage nach den Escend Lösungen verstärken und damit ihren Marktanteil. Die verstärkenden Massnahmen führen vor allem über die Motivation der Management- und Sales Teams einerseits und des Entwicklungsteams andererseits. Es sind dies diejenige Problemkreise, die Elaine Bailey als „Foreseeable“ bezeichnet hat und meinte, dass von dort wenig Unvorhergesehenes zu erwarten ist.

Wie das Diagramm aber zeigt, wird Escends Erfolg sowohl vom (unsicheren) Umfeld, als auch von den (höchstens risikobehafteten) internen Entscheidungen geprägt. Beachten Sie, wie der Markt, der durch den oberen Teil des Diagramms beschrieben wird, das Unternehmen, das durch den unteren Teil des Diagramms dargestellt ist, in wahrstem Sinne des Wortes in die Zange nimmt: Ein Pfeil geht vom „Kommunikations- und Koordinationsbedarf“ zu der „Nachfrage für das Escend Produkt“, während ein zweiter Pfeil vom „allgemeinen Verständis für das design win Geschäft“ auf „Escends Verständnis der Kundenbedürfnisse“ Einfluss nimmt.

Es wäre ein Trugschluss zu glauben, „foreseeable“ Problemkreise im Griff zu haben und sich nur auf die „high potentials for unk unks“ zu fokussieren. Die Hebel liegen eben nur intern, in den Problemkreisen, die man als „foreseeable“ bezeichnet. Nur dort können wir wirklich Einfluss nehmen. Ob dann Boni und höhere Investitionen in die Entwicklung das Alleinseligmachende sind, wie im Diagramm vorgeschlagen, ist nicht die Frage. Vielleicht denken sich krative Manager geeignetere Bedienungen der Hebel aus (die hoffentlich ohne allzu schädliche Neben- und Fernwirkungen bleiben). Wichtig ist zu verstehen, dass man nur intern Hebel hat, die jedoch durch Markteinflüsse jederzeit überschrieben werden könnten.

Selbstverständlich beleuchtet das Diagramm nur einen Teil der Situation. Z.B. ist ein möglicher Einfluss von Escend auf die Marktsituation durch geeignete Marketingmassnahmen nicht abgebildet. Das Diagramm muss von der Geschäftsleitung kontinuierlich ausgebaut und ergänzt werden. Ich habe aber gerade gezeigt, wie bereits aus einem ersten rudimentären Wurf eines CLD eine ganze Menge über die Bewertung der Unternehmenssituation und der daraus resultierenden Strategie heraus gelesen werden kann.

*frei nach einem geflügelten Wort von Andy Müller-Maguhn, Mitglied des Chaos Computer Club (CCC)

1 Christoph H. Loch, Michael E. Solt und Elaine M. Bailey . Diagnosing Unforeseeable Uncertainty in a New Venture. Journal of Product Innovation Management, Volume 25, Issue 1, pages 28–46, January 2008

Kein einzelner Teil konnte entstehen als in diesem Ganzen, und dieses Ganze selbst besteht nur in der Wechselwirkung der Teile. *

In meinem Artikel „Im Buchstaben ganz versunken schwindet alles heitre Licht, und der Schüler, wie betrunken, sieht den Wald vor Bäumen nicht“ habe ich ein Diagramm vorgestellt, das vereinzelte Fragen oder die „Baustellen“ eines Unternehmens in einen Gesamtzusammenhang setzen soll. Ich habe das Vorgehen von Loch, Solt und Bailey, den Gesamtzusammenhang aufzulösen und in Sub-Systeme zu zerlegen in Frage gestellt, weil es zu reduktionistisch ist1.

Ein sogenanntes „Causal Link Diagram“ (CLD) kann den Zusammenhang wieder herstellen. Natürlich liegt es nicht am Diagramm, sondern an der Anstrengung, die einzelnen Sub-Systeme und ihre gegenseitige Abhängigkeit zu identifizieren und darüber nachzudenken. Dieser Akt ist das eigentlich Verbindende. Am Besten macht man das in einer Gruppe, z.B. mit dem gesamten Geschäftsleitungteam. Ein Moderator, der Erfahrung in Modellierung hat, kann die Gruppe motivieren und ihr allzu Technisches abnehmen.

Es ist nicht so einfach, ein solches Diagramm anzufertigen, auch wenn es auf den ersten Blick trivial erscheint. Allein dieses einfache CLD beanspruchte mich über zwei Stunden. Man muss den Blick für das Wesentliche haben, um das Diagramm nicht zu überladen. Man muss einige Grundmuster kennen, wie z.B. Verzögerungen, Aging Chains, Climbing Hill, Flowting Goals2 oder die Senge Archetypen3. Stermans Buch hat fast 1000 Seiten, ist 4 cm dick und hat beinahe A4-Format. Wer modellieren will, muss seinen Inhalt vorzugsweise präsent halten….

Die Grössen „allgemeines Verständnis für das design win Geschäft“ und „Marktanteil für das Escend Produkt“ sogenannte Bestände. Sie nehmen zu, haben aber eine obere Schranke. Irgendeinmal kann das Verständnis nicht mehr weiter wachsen. Der Martanteil kann allenfalls den gesamten Markt einnehmen, aber nicht darüber hinaus wachsen. Solche Grössen können z.B. mit dem Senge Archetypus „Grenzen des Wachstums“ modelliert werden.

Stellen Sie sich ein „stilles“ Kapital vor, das zu einem bestimmten Satz verzinst wird. Der Zuwachs des Kapitals hängt also sowohl vom Zinssatz als auch vom aktuellen Betrag des Kapitals ab. Das sieht dann etwa so aus:

Alle Pfeile sind direkt proportional, d.h. Je grösser die Quelle, desto grösser das Ziel des Pfeils. Daher würde das Kapital ins Unendliche wachsen. Das kann aber nicht sein, denn das Geld auf dieser Erde ist beschränkt. Natürlich erreicht ein Kapital nie einen solchen Betrag, dass es alles Geld der Erde absaugen würde. Dafür müsste es mehere Tausend Jahre lange liegen bleiben, was nicht der Sinn des Geldes ist.

Aber für unsere Zwecke gehen wir nun mal davon aus, dass dieses Kapital nun tatsächlich beginnt, riesige Summen zu verschlingen. Dann würde die Bank Ihnen einen netten Brief schreiben und ankünden, dass sie den Zinssatz senken müssen. D.h. der Zinssatz hängt nun plötzlich vom Betrag des Kapitals ab und zwar umgekegrt proportional. Das lässt sich dann so darstellen:

Das „O“ beim Pfeil vom Kapital zum Zinssatz besagt, dass der Zinssatz sinkt, wenn das Kapital zunimmt (auch wenn dies nur dann der Fall ist, wenn das Kapital einen riesigen Betrag erreicht hat). Durch den unteren Kreis Kapital –> Wachstum –> Kapital wächst das Kapital zunächst an. Später – die zwei parallelen Striche im Pfeil zum Zinssatz weisen auf eine verzögerte Wirkung hin – bremst der obere Kreis das weitere Wachstum aus, so dass ein sogennanntes „logistisches Wachstum“ resultiert (s. z.B: Wikipeda)

Dasselbe geschieht mit dem Verständis und dem Marktanteil im ursprünglichen Diagramm. Natürlich ist ihr Wachstum in der Praxis nicht so glatt, wie es die Kurve in obiger Abbildung suggerieren will. Aber der Trend kann durch diese Kurve durchaus gemittelt werden.
Das war eine elementare Lektion in Modellierung (mit System Dynamics). Es mag eine Zeiterscheinung sein, dass gerade Entscheidungsträger glauben, sie hätten keine Zeit für etwas umfangreichere Methoden. Aber eine Methode, die etwas hergeben soll, hat nun mal einen gewissen Inhalt.

* Titel aus Friedrich Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur, In: Bubner, Rüdiger (Hrsg.): Geschichte der Philosophie, Deutscher Idealismus, Schelling
1 Christoph H. Loch hat mit Michael E. Solt und Elaine M. Bailey . Diagnosing Unforeseeable Uncertainty in a New Venture. Journal of Product Innovation Management, Volume 25, Issue 1, pages 28–46, January 2008

2
Sterman, J. D. Business Dynamics – Systems Thinking and Modeling for a Complex World. McGraw-Hill, 2000
3
Addor, P. Dynamische Archetypen. anchor.ch, letzter Aufruf Januar 2012.

Im Buchstaben ganz versunken schwindet alles heitre Licht, und der Schüler, wie betrunken, sieht den Wald vor Bäumen nicht1

In “Teile und Herrsche” oder “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile”?  habe ich einen Ansatz zur Diagnose von unvorhersehbaren Ungewissheiten – Amerikaner nennen sie unknown unknowns, abgekürzt: unkunks – vorgestellt2 und dabei kritisiert, dass mich die Zerlegung eines Systems in seine Sub-Systeme an reduktionistische Vorgehensweisen erinnert. Vielmehr plädiere ich für eine ganzheitliche Betrachtung eines Systems. Unsere Intuition ist nur deshalb so effizient in der Betrachtung komplexer Situationen, weil sie sie ganzheitlich wahrnimmt.

Loch, Solt und Bailey stellen in ihrem Artikel eine Fallstudie der Unternehmung Escend Technologies vor. Escends Angebot ist eine Drehscheibendienstleistung in einem Markt, der komplexe elektronische Produkte vertreibt, die aus Teilen vieler Hersteller zusammen gesetzt sind. Dadurch entstehen eine unübersichtliche Anzahl von Rollen und Schnittstellen.

Die Investoren von Escend Technologies setzten Elaine Bailey ein. Sie sollte feststellen, ob sich weitere Investitionen in die Firma lohnen. Sie setzte die Diagnosemethode von Loch und Solt ein, die auf der Zerlegung in Sub-Systeme beruht. In der Tat handelt es sich eher um eine Liste der anstehenden Problemen, als eine reduktionistische Zerlegung in Sub-Systemen (S. 19). Jedes Problem wurde dann auf mögliche Ungewissheiten hin bewertet. Wie das geschehen ist, bleibt unklar. Es ist ziemlich trivial, dass Kunden- und Marktaspekte am meisten Ungewissheiten beinhalten. Teamaspekte wurden jedoch als reine Risiken bewertet, die vorhersehbar seien.

Der Zusammenhang der Sub-Systeme (klicken Sie zum Vergrössern auf das Diagramm)
Der Zusammenhang der Sub-Systeme (klicken Sie zum Vergrössern auf das Diagramm)

Die Liste der anstehenden Probleme und „Baustellen“ ist ein guter Anfang. Danach müssten sie jedoch eher in ein big picture integriert, als weiter in Details zerlegt werden. Ich habe versucht, mit den meisten der in der Liste von Loch, Solt und Bailey aufgeführten Probleme ein mögliches big picture zu entwerfen.

Das Diagramm ist eine mögliche Art, wie Einzelprobleme in ein Ganzes integriert werden können. Es erhebt nicht den Anspruch der Absolutheit. Es hat lediglich die Aufgabe, dem Entscheider zu helfen, die gegenseitige Abhängigkeit der Probleme wahrzunehmen. Wenn in einem Bereich ein Unkunk eintritt, dann hat das Auswirkungen auf alle anderen Bereiche. Man kann nicht davon ausgehen, dass der Problemkreis des Kundenverständnisses Unkunkpotential enthalte, die Dynamik des selbstgefälligen Managementteam jedoch vorhersehbar sei. Sogar wenn vom Managementteam keine Unkunk-Gefahr ausgeht, kann es durch eine (vorhersehbare) Ungeschicklichkeit einen Unkunk im Kundensystem auslösen.

Das Diagramm kann aber auch helfen, sogenannte Hebel zu identifizieren, die der Entscheider zur Verfügung hat. Doch davon in einem späteren Beitrag.

1Titel von Brentano

2Christoph H. Loch, Michael E. Solt und Elaine M. Bailey . Diagnosing Unforeseeable Uncertainty in a New Venture. Journal of Product Innovation Management, Volume 25, Issue 1, pages 28–46, January 2008

Können Modelle die Zukunft vorhersagen?

Marcus Jenals Blog Systemic Approaches for Development ist eine wahre Fundgrube zum Thema Komplexitätsmanagement. Ich lese seine Beiträge immer wieder gerne. How to plan in uncertainty beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit (System Dynamics) Modelle von komplexen Systemen hilfreich seien. Schliesslich sind Modelle doch nicht in der Lage vorherzusagen, wie sich das System entwickelt.

… yeah, we have to avoid falling back into the ‘we can predict the future’ trap, trying to build a prefect model of a system. Complex systems remain inherently unpredictable and our actions need to be tuned to the reactions of the system to any intervention.

Das ist wohl exakt der springende Punkt: Die Funktionsweise unsers Gehirns basiert auf Vorhersagen der Zukunft. Das ist aber in komplexen Systemen nicht mehr möglich. Dieses Dilemma bringt uns zunehmend in Schwierigkeiten.

Pawlows Experimente mit dem speichelproduzierenden Hunde bestätigen die Tatsache, dass unser Gehirn ständig versucht, die Zukunft vorherzusagen. Schliesslich muss es ja entscheiden, ob Flucht oder Kampf angesagt ist. Diese Entscheidung kann nur gefällt werden, nachdem die zukünftige Reaktion des Gegenübers vorausgesagt ist. Unser Gehirn stellt Vermutungen über die Welt an, indem es vorhersagt, was als Nächstes passieren wird, während wir auf die Welt einwirken. Vorhersagefehler ermöglichen uns, unsere Vermutungen zu verbesseren, bis wir über ein gutes Modell der Aussenwelt verfügen.
Chris Frith schreibt in seinem Buch Wie unser Gehirn die Welt erschafft (2010) auf Seite 175:

Mein Gehirn entdeckt die Aussenwelt, indem es Modelle dieser Welt entwickelt. Diese Modelle sind darauf abgestimmt, meine sensorischen Empfindungen beim Einwirken auf die Welt bestmöglich vorherzusagen.

Und auf S. 166:

Was passiert, wenn ein Fehler bei der Vorhersage festgestellt wird? Diese Fehler sind sehr wichtig, weil das Gehirn sie dazu benutzen kann, seine Auffassung [sein Model] von der Welt auf den neusten Stand zu bringen. …Sobald diese Aktualisierung stattgefunden hat, … wird der Vorhersagefehler kleiner.

Wer nun aus lauter „Demut“ den Versuch verurteilt, mittels Modelle die Zukunft vorherzusagen, der meint, es besser zu wissen als die Schöpfung, die unser Gehirn hervorgebracht hat. Unser Gehirn (und sicher dasjenige aller anderen Tiere auch) kann die Wirklichkeit ausschliesslich über Modelle wahrnehmen, die es laufend aus Vorhersagen der Zukunft gewinnt. Wir sollten nicht versuchen, dagegen anzukämpfen, sonder diese wunderbare Fähigkeit bewusst zu übernehmen und in unsere (Lebens-)techniken einzubauen.

Quantitative Modelle sind Mikroskope

Am 28. Juni hat Oliver M in seinem Kommentar zu meinem Blogbeitrag Schulleiter brüten Dorfbürgermeister aus gemeint, dass eine Simulation nicht besser werden könne, als wenn sich ihr Autor selber zu einem Gedanken durchgerungen hätte. Dazu ist zu bemerken, dass es gerade das Ziel der Simulation ist, diesen Gedanke zu provozieren. Es ging in meinem Beitrag bestimmt nicht um Simulationen per se. Ich gebe Oliver M recht, dass in einem quantitativen Modell nicht mehr steckt, als die Gedanken der Autoren. Es ging ja vielmehr um systemisches Denken, das unseren Entscheidungsträgern allzu oft fremd ist und sich grundsätzlich vom klassischen linearen und alles-ist-machbar-Denken unterscheidet, an das wir sonst so gewohnt sind.

Beispielsweise sind die wenigsten Menschen fähig, auch nur zwischen Beständen und Raten zu unterscheiden und machen ein heilloses Durcheinander, wenn sie darüber reden müssen. Günther Ossimitz hat einmal 154 BWL-Studenten die Anzahl Eintritte und Austritte eines Hotels an 10 aufeinanderfolgenden Tagen vorgelegt und gefragt, wann am meisten Gäste im Hotel waren. Weniger als die Hälfte der Studenten konnten die Frage beantworten. Die Studenten hätten besser eine Münze geworfen, als nachgedacht….1 Überlegen Sie sich einmal, wie sich der Inhalt einer Badewanne verhält, wenn durch den Hahn eine bestimmte Menge Wasser pro Minute hinein und aus dem Abfluss eine andere Menge hinaus fliessen2.

Ein quantitatives Modell ist die Übersetzung der mentalen Modelle seiner Autoren. Damit wird es möglich, über die Welt zu sprechen. Solange man nur diskutiert, redet jeder am anderen vorbei, weil alle andere Modelle im Kopf haben. Offenbar sieht Oliver M die Welt ganz anders als ich. Würden wir beide ein formales Modell bauen, dann könnte das dazu beitragen, dass wir uns besser verstehen.

Ein quantitatives Modell hat auch die Funktion eines Mikroskops, mit dem wir die dynamische Entwicklung eines Systems studieren. Meistens weiss man im voraus, was man im Mikroskop sehen wird, aber man will ein bestimmtes Detail genauer beobachten3.

Quantitative simulationsfähige Modelle leisten einen mächtigen Beitrag zum Verständnis sozialer Systeme und zum Entdecken von Neben- und Fernwirkungen.

1Ossimitz, G. Staatsschulden vs. Nettodefizit – Bestände vs. Flüsse – für die Schule oder für alle? Nach 2000.  Zitiert mit http://www.webcitation.org/5ebLZMC7G

2Booth Sweeney, L. und Sterman, J. D. Bathtub Dynamics: Initial Results of a Systems Thinking Inventory. In: System Dynamics Review 2000, S. 275. Zitiert mit http://www.webcitation.org/5ec9YWtKf

3Addor, P. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. S. 305. Reinhold Liebig Verlag. Frauenfeld 2010. ISBN 978-3-9523545-6-8

Wieviel muss ein (Projekt-)Manager wissen?

Monika Setzwein führt den bemerkenswerten Blog Open Loops mit knappen aber immer interessanten Beiträgen. Am 15. März schrieb sie über eine wichtige Fähigkeit von Projektleiter und Projektleiterinnen: Politisch zu denken und systemisch zu handeln1. Frau Setzwein schreibt, dass sich politisches Denken voraussetzt zu wissen

  • welche Anspruchsgruppen es gibt und ihre Interessen zu kennen
  • wie sich die Dynamik der Machtmittel der jeweiligen Gruppen auf den Projekterfolg auswirkt
  • welche Abhangigkeits- und Wechselwirkungsverhältnisse bestehen
  • welche formalen und technischen Rahmenbedingungen gelten

Zusätzlich sollte eine Projektleiterin oder ein Projektleiter wissen, wie sich Konflikte entwickeln, wie sie bewältigt werden können und wie soziale Regeln zu gestalten sind. Alles in allem ein umfangreicher Katalog, wenn man bedenkt, dass es sich nur um eine, wenn auch wichtige Fähigkeit von Projektleitern handelt. Aber ich stimme mit Frau Setzwein völlig überein, auch wenn mir scheint, dass ich kaum einen Politiker oder Konzern-CEO kenne, der Anstrengungen macht, über ein solches Fähigkeitenpaket zu verfügen (allein lässt es sich kaum aneignen), und die bedürfen es ja eigentlich noch dringender als jede Projektleiterin oder Projektleiter.
In der Tat hat systemisches und politisches Denken viel Gemeinsames. Was heisst eigentlich „systemisch“? Systemisches Denken bedeutet, systemgerecht zu denken, also die Auswirkungen und vernetzten Wirkungen von Interventionen auf das Gesamtsystem (Projekt) zu kennen oder zumindest in Betracht zu ziehen. Ungefähr so formuliert es auch Frau Setzwein. Sie schlägt vor, mit Systemdiagrammen zu arbeiten, wie ich es in einigen meiner Blogbeiträge machte und in meinem Buch fortsetze2. Politisches denken und systemisches Handeln setz aber m.E. viele Jahre Training und ein breites Wissen voraus. Schon nur das Aufsetzen eines simplem Systemdiagramms will geübt werden. Zusätzlich muss man Kenntnisse

  • der Spieltheorie und der Theorie dynamischer Systeme haben, wenn man den Umgang mit Machtmitteln und die Dynamik der Machtprozesse verstehen will
  • in System Dynamics und Systemarchetypen beitzen, um Abhängigkeits- und Wechselwirkungsverhältnisse analysieren zu können
  • über Pfadabhängigkeit und Entscheiden unter Ungewissheit vorweisen können, um den Einfluss von Entscheidungen auf die Systementwicklung abschätzen zu können
  • von Aspiration Adaption und Kognitionspsychologie pflegen, um zu wissen, wie Stakeholdergruppen ihre Interessen verfolgen
  • von Heuristiken und Intuition sich angeeignet haben und die Ergebnisse der modernen Gehrinforschung verfolgen, um zu wissen, wie wir in komplexen Situationen entscheiden und handeln

und das alles, neben detailliertem technischen und formalem Know-How. Es würde sich für alle Projektmanagerinnen, Unternehmensmanager, Politiker und Entscheidungsträgerinnen auf die Dauer lohnen, sich mit diesen Dingen auseinander zu setzen. Im Magazin des Tagesanzeigers vom 19. März werden Schweizer Persönlichkeiten gefragt, was eine gute Elite sei3. Ulrich Bremi identifiziert ein wichtiges Merkmal einer Elite, als

ein über den eigenen Spezialbereich hinausreichnendes Interesse…[, um] den Gesamtzusammenhang zu verstehen.

Martin Suter bestätigt das, wenn er befürchtet, dass

die Spezialisierung, die Konzentration…auf ein paar wenige Dinge … und weniger Sensibilität für die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns

ein Problem darstelle. Und die Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer Wyss meint sogar, dass

die dringlichste politische Frage … doch sein [müsste]: Wie lösen wir Probleme?

Sicher meint sie nicht, Probleme so zu lösen, dass sie kurzfristig verschwinden, wie das die meisten Politiker und Manager tun (siehe z.B. Personen gesucht, die Geld haben und Gewicht auf langfristige Entwicklungen legen). Hoffentlich meint Frau Bruderer Wyss das nachhaltige Lösen von Problemen. Und das setzt je mehr Kenntnisse voraus, je mehr die Komplexität der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme zunimmt.

1Setzwein, M. Politisch denken – systemisch handeln! Open Loops, Blogkategorien Führung, Komplexität, Project Management. 15. März 2010.
2Addor, P. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. Reinhold LIebig Verlag. Frauenfeld, 2010.
3Czerwinski, R. Was ist eine gute Elite? Fünfzehn Schweizer Persönlichkeiten geben Antwort. DAS MAGAZIN, No. 10, 19. März 2010.

Pfadabhängigkeit im Projektmanagement

Jeff Kight scheint ein Student am MIT zu sein. Er berichtet er, dass Problemlösestrategien oft das Gegenteil bewirken von dem, was man erwartet. Er gibt ein paar Beispiele, z.B. das der Bau paralleler Strassen den Verkehrsfluss nicht beruhige, sondern noch mehr Staus verursache oder dass ein Markt von günstigen Generikas die Gesundheitskosten nicht senke, sondern erhöhe, etc. Das ist das typische „Verschlimmbesserungsmuster“. Kight schreibt:

Jay Forrester, credited as the founder of System Dynamics, spoke to our graduate class at MIT.  He said that 98% of the time people pull the wrong lever in a system when trying to fix a problem1.

Wahrscheinlich fasst das Forresters Worte etwas salopp zusammen. Forrester sagte eher, dass Menschen in 98% der Fälle – und nicht der Zeit –, die falschen Interventionen machen. Wenn man diese Aussage auf Projektsituationen anwendet, dann heisst das, dass 98 von 100 Entscheidungen des Projektmanagers genau das Gegenteil bewirken, von dem, was er eigentlich erreichen wollte! Das können wir kaum glauben. Aber wenn es nur 50 falsche von 100 Entscheidungen wären, dann wäre ein enormes Verbesserungspotential für das Projektmanagement vorhanden.

Es handelt sich eigentlich immer um die Archetypen „Fixes that Fail“ („Verschlimmbesserung“) und „Shifting the Burden“ („Problemverschiebung“) oder einer Kombination davon. Im ersten Fall führen unsere Interventionen kurzfristig zum erwünschten Resultat, bewirken aber langfristig genau das Gegenteil, weil wir unerwünschten Nebenwirkungen keine oder zu wenig Aufmerksam zukommen liessen. Wenn wir sehen, dass ein Nagel heraussteht, dann denken wir sofort an einen Hammer, mit dem wir den Nagel einschlagen. Wir sind dann froh, dass wir eine Lösung für das Problem „hervorstehender Nagel“ gefunden haben und denken nicht weiter über Nebenwirkungen nach.

Im Fall „Shifting the Burden“ wird eine schnelle Lösung des Problems gewählt, die das Problem nur vorübergehend lindert. Die grundlegende Lösung rückt so immer mehr in den Hintergrund. Sie würde das Problem nachhaltig aus der Welt schaffen, aber sie ist teuer und zeitintensiv. Daher wählt sie niemand und wurstelt sich lieber durch.

Die symptomatische Lösung hat Nebenwirkungen, die das Problem verstärken („Fixes that Fail“), während die grundlegende Lösung durch die symptomatische Lösung immer mehr verdrängt wird („Shifting the Burden“). Schliesslich ist man auf dem schlechten Weg gefangen. Das ist genau das Phänomen, welches in der Theorie der Pfadabhängigkeit adressiert wird. Frank Dievernich schreibt in seinem Buch „Pfadabhängigkeit im Management“: Manager oder Mitarbeiter [können] nicht andere Entscheidungen treffen, bzw. diese selbst durch die Entscheidungshistorie gefangen sind…2

1Kight, Jeff. Policy Resistance in our economy. 2009 http://www.examiner.com/x-11746-Fort-Worth-Economic-Policy-Examiner~y2009m5d24-Policy-Resistance-in-our-economy.
Zitiert mit http://www.webcitation.org/5h2APd04k

2Dievernich, Frank E. P. Pfadabhängigkeit im Management. Wie Führungsinstrumente zur Entscheidungs- und Innovationsunfähigkiet des Managements beitragen. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart 2007

Was nützt kaufmännischer Nutzen, wenn die Welt aus den Fugen ist?

Auf managerseminare.de ist ein interessanter Artikel zu Senges Die Fünfte Disziplin erschienen1. Wann der Artikel erschienen ist, kann ich leider nicht sagen, denn es steht auf der ganzen Seite kein einziges Datum. Das ist ziemlich unverzeihlich für ein Weiterbildungsportal. Der Autor, Axel Gloger, lässt kein gutes Haar an der Lernenden Organisation und glaubt, dass Senges Gedankengänge alter Wein in neuen Schläuchen sei2. Er zitiert auch das Zentrum für Unternehmensführung (ZfU), das die entsprechenden Kurse nicht mehr „Lernende Organisation“ sondern „Knowledge Management“ nennt. Die Leute hätten sich unter „Lernende Organisation“ nichts vorstellen können, sagte eine Sprecherin des ZfU. Auch die ZfU ist nur ein kaufmännisches Unternehmen. Wer den Senge nicht wenigstens durchgeblättert hat, ist meines Erachtens sowieso der falsche Ansprechpartner für einen ZfU-Kurs. Wie Herr Gloger schreibt, ist das Buch schon seit 1990 auf dem Markt. Da war genug Zeit, um mal einen Blick hinein zu werfen. Herr Gloger nennt das systemische Denken ein Konzept und hat damit das Wesen von Senges Ansatz wohl nicht so ganz verstanden.
Es ist leider so, dass sich nur wenige für die Zusammenhänge unserer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen interessieren. Man stellt sich kaum Fragen, wie Was ist eigentlich los?, Was machen wir falsch? oder Warum wird die Welt immer instabiler?. Nicholas Mailänder, Verleger und Alpinist, schrieb schon 2001: Das genaue Hinschauen, die präzise Analyse und die angemessene sprachliche Vermittlung eines Sachverhaltes entsprechen nicht unbedingt der kollektiven Bedürfnislage unserer Epoche. Was interessiert, ist lediglich der Nutzen einer Sache, und das ist vorwiegend monetär gemeint. Das hat nichts mit Gier zu tun, sondern eher mit dem Machbarkeitswahn, der uns seit Newton befallen hat. Was nicht den Geschmack des Publikums trifft, ist nicht interessant. Und der Geschmack des Publikums ist positiv, optimistisch, selbstsicher, jovial, hedonistisch. Das Publikum will Methoden und Rezepte. Wie macht man ein gutes Projekt, d.h. eines, das ohne Krisen und ohne Nebengeräusche so abläuft, dass man eine möglichst hohe Marge hat (wenn man Lieferant ist) oder das zu einem möglichst geringen Preis und ohne Wenn und Aber die eierlegende Wollmilchsau implementiert (wenn man Auftraggeber ist). Wer keine Methoden und Werkzeuge vorlegen kann, ist schon unten durch. Wer Methoden und Werkzeuge vorlegt – wie Peter Senge – , die etwas „more sophisticated“ sind, dem wird Praxisferne vorgeworfen, so praxisnah seine Methoden auch sein mögen. Wenn man denken muss, um Werkzeuge anzuwenden, verliert man bald das Interesse daran. Und wer dann sogar „nur“ Modelle und Theorie vorlegt, dem hört man schon gar nicht zu. So wird denn alles verleugnet und man wurstelt weiter wie bisher. Nur keine Lessons Learned!
Ein Beispiel ist der Film Beautiful Mind. Möglicherweise könnte ich Hunderte anderer Filme aufzählen, aber ich kenne Beautiful Mind sehr gut und auch die Geschichte von John F. Nash. Der Film behauptet, Nashs Geschichte zu erzählen. Aber das tut er überhaupt nicht. Nash war zu der Zeit, von der der Film handelt, ein schwieriger Mensch: bisexuell, Antisemitist, Frauenverächter. All das wird im Film unterdrückt, weil es beim Publikum schlecht angekommen wäre und den (monetäre) Erfolg des Films geschmälert hätte.
Das hier schon einmal erwähnte Internet-Projektmagazin hat einen meiner Artikel mit dem Hinweis zurück gewiesen, dass sie lösungsorientierte Beiträge veröffentlichen, während die Leser aus meinen Artikel keinen Nutzen ziehen können. Gemeint ist wahrscheinlich, dass ich keine Methoden und Tools bereitstelle, und die Leserschaft nicht das Gefühl habe, dass der Projekterfolg aus dem genauen Hinschauen und der präzisen Analyse gegeben sei. Aber genau das ist meine Überzeugung. Wir haben genug Methoden und Tools und brauchen keine weiteren. Was Not tut ist das Verständnis unserer beschränkten Rationalität und das Rückbesinnen auf unsere Denkfähigkeiten anstelle vom (blinden) Befolgen von Regeln und Rezepten. Das Verständnis können wir nur durch Modelle und Theorien erlangen. Es ist nicht alles machbar. Wir müssen noch ein paar Einsichten haben, um so gut zu werden, wie wir zu sein glauben. Aber das will anscheinend niemand hören. Lieber wursteln wir in unseren Projekten und Unternehmen weiter wie bisher und stecken den Kopf vor der zunehmenden Komplexität und der damit verbundenen Instabilität in den Sand.
Senge stellt in seinem Buch sehr wohl Methoden vor. Die systemischen Archetypen können (Projekt-)Manger mit grossem Nutzen direkt anwenden und praxisnahe Entscheidungsgrundlagen daraus ableiten. Wenn sie nur mögen.

1Senge, Peter. Die fünfte Disziplin – Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Schäffer-Pöschel Verlag. Stuttgart, 2008
2Gloger, Axel. Viel Lärm um nichts. http://www.managerseminare.de/managerSeminare/Archiv/Artikel?urlID=92522. Ohne Datierung. Für alle Fälle habe ich den Artikel unter http://www.webcitation.org/5f1BIIotH gespeichert.