Alle reden von Komplexität und wenige können genau sagen, was sie damit eigentlich meinen. Es gibt unzählige Definitionen des Komplexitätsbegriffs, einige exakt, die meisten diffus. Musterbeispiele von komplexen Systemen bietet der Mensch selbst, angefangen bei einer einzelnen Zelle, über einzelne Organe, insbesondere dem Gehirn, bis hin zu der Ganzheit seiner Körperlichkeit und seinem Geist. Alle diese Systeme sind hochkomplex, aber nicht im Geringsten unvorhersehbar, unberechenbar oder turbulent. Sicher kann ein Mensch unberechenbar reagieren. Aber er gehorcht dabei bestimmten Konditionierungen und Abfolgen, auch wenn diese unbewusst und vielleicht tief in seiner Kindheit, ja vielleicht sogar pränatal verwurzelt sind. Komplexe Systeme beruhen im Allgemeinen nicht auf zufälligen und unvorhergesehenen Ereignissen, sondern auf filigranen und weit verzweigten Abhängigkeiten.
Ein bekanntes, einfaches, aber nichtsdestotrotz lehrreiches komplexes System ist eine Flüssigkeitsschicht, die einen gewissen Energiestrom verarbeiten muss. Zu Beginn soll die Flüssigkeit langsam von unten erwärmt werden. Vorher ist die Flüssigkeit auf einem niederen Komplexitätslevel. Es gibt einzelne lokale Strömungen, verursacht durch Temperaturschwankungen oder - wer mag - kann auch die Abhängigkeit mit der Erdrotation einbeziehen. Ein schwacher Energiestrom kann die Flüssigkeit noch verkraften. Wärmestrahlung erwärmt irgendwo innerhalb des Systems einzelne Flüssigkeitspakete, die lokalen zufälligen Strömungen nehmen zu, das System wird leicht chaotisch. Durch lokale Wärmeunterschiede der Heizplatte beginnen dann einzelne Flüssigkeitspakete Richtung Oberfläche aufzusteigen.
Sie erzeugen lokale Konvektionsströmungen, die durch Reibung und Abkühlung zunächst noch unterdrückt wird. Diese Ströme von einzelnen Flüssigkeitspaketen wird immer ungestümer in Zahl und Kraft, so dass an der unteren Begrenzung der Flüssigkeitsschicht ein regelrechtes Brodeln entsteht, das bald die ganze Flüssigkeit erfasst. Sobald eines der Flüssigkeitspakete genug Energie hat, um die Oberfläche zu erreichen, reisst es seine Umgebung mit und verdrängt an der Oberfläche kühlere Flüssigkeit, der nur noch der Abstieg an die untere Begrenzung möglich ist. Dabei reisst sie wiederum weitere Flüssigkeitspakete aus der Umgebung mit. Damit entsteht eine zirkuläre Konvektionsströmung, die sich instantan über die ganze Flüssigkeitsschicht ausweitet und diese in Konvektionszellen strukturiert. Interessanterweise nehmen die Zellen von oben gesehen eine fünf- oder sechseckige Gestallt an. Sie werden als Bénard-Zellen bezeichnet, nachdem Charles Bénard dieses Phänomen vor ca. 100 Jahren entdeckt hat. Nun hat das Flüssigkeitssystem mit seiner neuen Organisationsform einen höheren Komplexitätslevel erreicht, der es in die Lage versetzt, den erhöhten Energiedurchfluss auszuhalten.
Komplexität ist also eine geordnete, das gesamte System umfassende Strukturiertheit, die dem System Fähigkeiten verleiht, die es vor dem Organisationswechsel nicht hatte. Das ist der Ansatz von Organisationsentwicklungsmethoden, die Veränderungen in Richtung höherer Komplexität anstreben. Allerdings ist diese Strukturiertheit intern und mit der Umwelt vernetzter und kann daher anfälliger auf Störungen sein. Die Dynamik, welche immer einer erhöhten Komplexität innewohnt (bei den Bénard-Zellen äussert sie sich in einer dezidierten Konvektionsströmung), verleiht dem System aber auch Stabilität. Wir sehen also, dass es sträflich wäre, Komplexität reduzieren zu wollen!
Die Phase zwischen Beginn des Energiestroms und dem Übergang zur Bénard-Konvektion ist gekennzeichnet durch mehr oder weniger starke Turbulenzen. In dieser Phase stecken alle Projekte. Projekte sind (hoffentlich) zu kurz, um durch Organisationsentwicklung auf ein höheres komplexes Niveau zu gelangen. In Projekten pressiert's. Man ist bemüht, sich irgendwie um die Turbulenzen herum zu mogeln. Dietrich Dörner nennt das "Durchwursteln", das immer noch besser sei, als Nichtstun.
Komplexitätsmanagement heisst also in erster Linie: