Digitalisierung ermöglicht Anpassung an die VUCA-Welt

Das PMCamp Berlin, das vom 29. September bis am 1. Oktober stattfindet, steht unter dem Zeichen der Digitalisierung und hat zu einer Blogparade über dieses Thema aufgerufen.

In der Digitalisierung sehe ich einen wesentlichen Komplexitätstreiber, so dass das Thema gut in diesen Blog passt. Mit der Digitalisierung wächst auch VUCA: Volatility (oder Vulnerability), Uncertainity, Complexity, Ambiguity. Damit zurecht zu kommen ist eine Schlüsselkompetenz der kommenden Jahrzehnte. Ausgerechnet Digitalisierung könnte uns dabei unterstützen.

Parallelen zwischen Digitalisierung und Mobilisierung

Doch was versteht man unter Digitalisierung? Die Frage ist kaum abschliessend zu beantworten, denn fast jede Person hat da andere Vorstellungen. Für mich persönlich hat Digitalisierung wenig mit Technologie zu tun, ähnlich wie die vorangegangene grosse Gesellschaftsveränderung der Mobilisierung.

Überhaupt sehe ich viele Parallelen zwischen der Mobilisierung und der Digitalisierung. Beide verändern die Gesellschaft global und tiefgreifend. Die Veränderung ist immer noch im Gang. Beide ermöglichen uns immense Neuerungen, die nie zuvor möglich gewesen waren. Beide verändern das Denken, das Zusammenleben, die Lebensweise und die Kultur der Menschen. Beide beeinträchtigen uns ganz beträchtlich in unserer Freiheit. Beide be-inhalten grosse Chancen und grosse Risiken. Beide sind nicht aufzuhalten und erzeugen tiefe Pfadabhängigkeiten.

Digitalisierung_Shutterstock
Wie die Digitalisierung die PKW-Hersteller erfasst. In ZDNet vom 25.1.2016

Unter der Mobilisierung verstehe ich vor allem den regionalen Individualverkehr, den internationalen Personenflugverkehr und den globalen Frachtverkehr. Die reine Technologie war zu Beginn der Entwicklung dominant. Damals war die Skepsis und die Sinnfrage ebenso aktuell, wie sie heute für die Digitalisierung diskutiert werden. In der Zwischenzeit kann man sich die Welt nicht mehr ohne Verkehr vorstellen und hat sich längst damit abgefunden, dass die Mobilität jährlich Hundertausende von Toten fordert. Heute geht es neben technologischen Weiterentwicklungen – z.B. das selbstfahrende Automobil – um ganz andere Dinge, wie gesetzliche Regelungen, Netzausbau, Zollfragen, Kapazitätsprobleme, Finanzfragen, Risikomanagement, Energiepolitik, etc.

Digitalisierung ist noch Neuland

Mit der Digitalisierung machen wir nun eine ähnliche Entwicklung durch. Mir scheint, dass wir ungefähr so weit sind, wie um 1920 mit der Mobilisierung. Die Technologie ist vorhanden und soweit ausgereift, dass man sie produktiv einsetzen kann. Die Netze sind ebenfalls halbwegs brauchbar ausgebaut. Was an Strassen- und Schienennetzen fehlte, haben die Militärs in Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs noch bereitgestellt. Die Autos und Lastwagen waren aber noch ziemlich primitiv. Es gab noch keine Servolenkung, keine automatischen Fenster und keine Frostschutzmittel, von ABS, Bordcomputern und Navigationshilfen ganz zu schweigen.

Ein kleiner Unterschied scheint mir zu bestehen. Während die Mobilisierung von den meisten Menschen als Chance gefördert wurde, scheinen sich heute die Menschen fast ein wenig zu wundern, was da auf sie zukommt. Beide Veränderungen führen z.B. zu rigorosen Einbussen der Freiheit. Im Verkehr wird das hingenommen, in der Digitalisierung wird darüber lamentiert. Junge wuchsen mit der zunehmenden Mobilisierung auf und bewegten sich im Strassenverkehr wie selbstverständlich. Es kam aber niemandem in den Sinn, von «technology natives» zu sprechen. Und wer jetzt meint, Digitalisierung sei halt bedeutend komplizierter als Mobilisierung, der verfällt der «Überbewertung des aktuellen Motivs», wie Dietrich Dörner dies in der „Logik des Misslingen“ nannte.

Der Booster: Kombination von Verkehrs- und Informationstechnologien

Erst die Kombination von Verkehr und IT hat nun zu gewaltigen Disruptionen geführt. Beispielsweise wurde es erst in den Neunzigern möglich, die Flut der reisewilligen Privatpersonen, die zu jeder Jahreszeit in die entlegendsten Winkeln der Erde fliegen wollen, zu bewältigen und die benötigte Anzahl Flugzeuge gleichzeitig und einigermassen sicher in der Luft zu halten. Ebenso können die für eine globalisierte Wirtschaft benötigten vernetzten Supply Chains nur dank leistungsfähigen ERP-, Routen- und Kapazitätsplanungs- oder Verkehrsleitsystemen gemanaged werden. Auch das Projektmanagement hat sich durch diese Entwicklungen gewandelt. Ohne Verkehrs- und Informationstechnologien wären internationale Projekte gar nicht möglich. Umgekehrt werden Projekte auch nur deshalb global, weil einige Leute meinen, unter Ausnutzung eines internationalen Honorargefälles Marginalkosten optimieren zu können. Das sind dann an PMCamps auch vermehrt beliebte Themen.

Wir sind noch nie modern gewesen

Neben Technologien geht auch viel Ingenieurswissen ein und immer mehr «hard core» Wissenschaft sinkt in die Anwendungen hinunter. Was innerhalb einer Wissenschaft noch vor wenigen Jahren als «Geheimwissen» einiger Spezialisten galt, beschäftigt heute Ingenieure auf allen Niveaus. Ich denke z.B. an die mathematische Kategorientheorie, die plötzlich für Informatikingenieure «brauchbar» wird.

Wissenschaft und Ingenieurswissen sind aber nicht mit Technologie gleichzusetzen. Aus meiner Sicht kann Technologie und menschliche Belange nicht in materie- und geistspezifisch getrennt werden. Die Menschen haben in der Welt keinen Sonderstatus, auch wenn es uns (in übersteigertem Selbstvertrauen) manchmal so vorkommt. Wer meint, dass z.B. Kommunikation ein grundlegendes menschliches Bedürfnis sei und nichts mit Technologie zu tun habe, der irrt sich. Die Art, wie und ob wir kommunizieren, hängt ganz wesentlich von der Technologie ab, die wir dazu einsetzen. Kommunikationstechnologien gab es schon vor tausenden von Jahren: Schrift, Kuriere, visuelle und auditive Signale, etc. Technologien und Humanfaktoren sind immer vernetzt und bedingen einander.

Chancen der Digitalisierung überwiegen. In der funkschau vom 25.11.2014
Chancen der Digitalisierung überwiegen. In der funkschau vom 25.11.2014

Digitalisierung vereint Mensch und Natur

Digitalisierung – was immer man darunter verstehen will – verändert unser Leben ganz beträchtlich vor allem in den «nicht-technologischen» Dimensionen unseres Daseins. Arbeiten, Lernen, Kommunizieren, Kooperieren, Wohnen, Essen und Schlafen erhalten ganz neue Bedeutungen. Beispielsweise wäre die hochdiversifizierte Ernährung ohne computerisierte Landwirtschaft und Logistik gar nicht möglich. Es ist immer eine gegenseitige Beeinflussung: weil es eben möglich geworden ist, beschäftigen sich immer mehr Menschen mit Ernährungsfragen. Weil sich immer mehr Menschen mit Ernährungsfragen beschäftigen, wird dafür immer mehr Technologie aufgewendet.

„Digitalisierung“ – eine Revolution die alle und jeden trifft – Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft: von Intercai, 15.11.2015
„Digitalisierung“ – eine Revolution die alle und jeden trifft – Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft: von Intercai, 15.11.2015

Grosse Umbrüche sind im Arbeitsbereich zu erwarten. Die Mobilität ermöglicht es beispielsweise, dass zwischen Arbeits- und Wohnort grosse Distanzen zurückgelegt werden. Früher wohnten die Arbeiter in eigens für sie gebauten Arbeitersiedlungen direkt neben der Fabrik. Heute haben die Mitarbeiter ihre eigenen Häuschen auf dem Land, weit weg von den Industriezentren. Die Digitalisierung wird es fortsetzungsgemäss ermöglichen, dass man zum Arbeiten überhaupt nicht mehr an einen bestimmten Ort fahren muss.

Das PMCamp Berlin hat dazu das treffende Wort von Nico Lumma publiziert:

Vernetztes Arbeiten ist mehr als nur ein Computer am Arbeitsplatz – es erfordert einen anderen Führungsstil und mehr Vertrauen in die Mitarbeiter

Da haben wir wieder diese Untrennbarkeit zwischen Technologie und menschlichen Belangen. Digitalisierung hat etwas mit Computern zu tun, die zu vernetztem Arbeiten genutzt werden können, was aber Vertrauen erfordert. Ohne das Vertrauen kein vernetztes Arbeiten und die Technologie würde nicht benötigt. Der Computer würde vergessen und verstauben.

8 Gedanken zu „Digitalisierung ermöglicht Anpassung an die VUCA-Welt“

  1. Hallo Peter,
    die Digitalisierung ist auch für uns Systemiker ein wichtiges Thema und verändert unser Arbeiten. Komplexität und Fragilität wird stark geprägt durch die mit der Digitalisierung einhergehenden Entwicklungen und Netzqualitäten!
    Die Entwicklung im Verkehr ist für mich aber aktuell durch die Digitalisierung nicht „disruptiv“ – sie ist „more of the same“! Aber gerade in der Mobilität wäre ein Bruch in der wahnwitzigen Entwicklung elementar wichtig für uns Menschen.
    Wo hingegen sich disruptive Entwicklungen abzeichnen ist im Austausch unter uns Menschen – der Transfer und der systemischen Dezentralisierung von Macht: Blockchain! Dieses Thema solltest Du Dir gut anschauen! Ich denke hier eröffnet sich ein für uns ganz neues Feld – eine Synthese zwischen Digitalisierung und Vertrauen – the trust machine – wie es „the economist“ nannte! Hier ein interessanter Artikel dazu: http://intelligente-welt.de/blockchain-programmiertes-vertrauen/
    Mit besten Sommergrüssen vom Leo

  2. Guter Artikel!

    Aus systemtheoretischer Sicht (der Bielefelder Schule) würde es sich übrigens anbieten, zwischen der Digitalisierung als Technik und der Digitalität als neuem Leitmedium zu differenzieren. Man kann sich dann u.a. von einer technikdeterministischen Sicht verabschieden und das „Disruptive“ auf soziale Prozesse beziehen, die auf technische Perturbationen reagieren, ohne noch Durchgriffskausalitäten annehmen zu müssen. Kurzum: Technik wäre ein Perturbations“potenzial“, das soziale Reaktionen auslösen kann, ohne sie irgendwie zu determinieren…

    „Grosse Umbrüche sind im Arbeitsbereich zu erwarten. “
    Wird auf dem PMCamp eigentlich auch debattiert, inwiefern
    hier womöglich sehr viele Arbeitsplätze (aufgrund besserer KIs, neuer Robotergenerationen, etc.) auf der Strecke bleiben werden – ohne daß es dafür zwangsläufig einen adäquaten Ersatz geben mag?

    1. Vielen Dank, Peter Bormann, für diesen Vorschlag einer Trennung zwischen „Digitalisierung“ und „Digitalität“. Das würde auch für „Mobilisierung“/“Mobilität“ Sinn machen.

      Ich halte es mit Bruno Latour – daher auch der entsprechende Untertitel – und denke nicht, dass die Trennung von Technik/Natur einerseits und soziologischen Kategorien andererseits machbar ist, ohne dass sich Hybridobjekte bemerkbar machen. Daher möchte ich „Digitalisierung“ auch nicht ganz ausblenden.

      Ja, mit „grosse Umbrüche im Arbeitsbereich“ kann auch eine negative Entwicklung des Arbeitsmarktes einhergehen. Es gibt hier sowohl optimistische als auch pessimistische Prognosen. Niemand weiss, was in dieser Hinsicht auf uns zukommt. Im Moment kann ich nur feststellen, dass viele neue Berufe entstehen, von denen wir vor paar Jahren noch gar nichts wussten. Das macht auch die Lehre so schwierig: wir müssen Menschen für Berufe ausbilden, die es noch gar nicht gibt, damit sie dort Probleme lösen, von denen wir noch gar nichts wissen.

  3. Lieber Leo

    Da gebe ich Dir völlig recht. Wenn Dir die Verkehrstechnologie nicht mehr disruptiv erscheint, dann ist das bloss eine Frrge der Dauer. Für Dich muss eine Störung wohl kurz gegenüber einem Menschenleben dauern.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen im Allgemeinen zu kurzfristig denken. Sie meinen 80-100 Jahre sei eine lange Zeit. Aber die evolutionären Zyklen der Gesellschaft sind beträchtlich länger.

    Egal, Deine Forderung nach enem Bruch ist auch aus meiner Sicht gerechtfertigt. Nur kannst Du eben Pfadabhängigkeiten nicht so einfach brechen. Man spricht von „Windows of Opportunity“, was uns Systemiker vertraut ist. Es ist eine erneute Störung des Entwicklungspfades, bevor dieser auf eine höhere Komplexitätsstufe springt. Nur da kannst Du die Entwicklung beeinflussen.

    Ein solches Windows of Opportunity findet möglicherweise jetzt gerade statt, wo die Informationstechnologie auf die Verkehrstechnologie trifft. Vielleicht ist das Fenster schon wieder geschlossen, vielleicht ist es noch offen. Wenn, dann würde das heissen, dass wir durch gescheites Einsetzen der IT in der Verkehrstechnologie diese in eine gute Bahn lenken könnten.

    Ja klar, Blockchain ist mir natürlich ein Begriff. Es ist möglicherweise ein Schatten, der von Web 3.0 voraus geworfen wird. Neben Blockchain erhoffe ich mir von Web 3.0 noch andere Chancen für Arbeit 4.0 etc. Aber das wird dann ein Thema für einen weiteren Blogartikel.

    Auch Dir ein schöner Sommer!

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