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Neue Riten braucht das Land

Ein neulicher Kommentar zu einem meiner schon älteren Blogbeiträge lautet kurz und bündig:

Die Welt ist nichts, Gott ist nichts. Ich bin auch nichts. Das macht aber nichts

Der Kommentator legt dieses Zitat Max Stirner in den Mund, was ich nicht bestätigen kann. Das macht aber nichts.

Das Universum verfliesst, es gibt keinen Halt mehr

Hingegen macht es durchaus etwas, dass Gott und die Welt nichts sind. Vor drei- bis vierhundert Jahren verbannte die Naturwissenschaft den Mensch aus dem Zentrum des Universums und löste dieses gleichzeitig auf, worauf Nietzsche feststellte, dass Gott tot sei. Die Physik des jungen 20. Jahrhunderts bewies, dass die Welt materiell eher nichts als etwas und jedenfalls sehr relativ ist.

Das führte mit dem Konstruktivismus zur Abkehr von der Idee einer absoluten Wahrheit und empirischen Objektivität, was aber dem seit mindestens 3000 Jahre gewachsenen Gefühl, wonach eine Aussage – neuerdings spricht man von «Fakt» – entweder wahr oder falsch sein muss, widerspricht.

Wir schlichen uns aus dem Zentrum des Universums davon (Flammarions Holzstich, by Wikipedia)

In der Folge versuchte man, diese zweiwertige Logik zu ergänzen, obwohl die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse weniger für eine dreiwertige Logik sprachen als vielmehr für eine sowohl-als-auch-Logik. Versuche in dieser Richtung bilden die dialogische Logik oder die polykontexturale Logik von Gotthart Günther. «Sowohl-als-auch» bedeutet, dass die Nicht-Wahrheit einer Aussage ihre Wahrheit überlagert. Eine Aussage ist also immer wahr und gleichzeitig falsch. Insbesondere gibt es keine Dichotomien, da beide Pole immer gleichzeitig Gültigkeit haben. Aber damit sind trotzdem nicht beliebige Aussagen möglich, denn in einem bestimmten Kontext macht die Wahrheit oder die Nichtwahrheit der Dichotomie Sinn.

Hier zeigt es sich erneut, dass die Natur(wissenschaft) und die Gesellschaft nicht komplementär sind, sondern sich vielmehr gegenseitig konstruieren.

Der Leuchtfeuer-Online-Event als eine Art Burning Man Event im Web

Die Relativität des Universums und der Standpunkte hat nach Gott nun grundsätzlich alle Autoritäten abgeschafft. Die Menschen haben plötzlich «unendliche» Freiheit erlangt, weil niemand mehr sagt – sagen kann, was wahr und was falsch ist.  Schon möglich, dass die meisten Menschen so viel Freiheit gar nicht aushalten. Caveat Magister schreibt (1):

Human beings are not suited for a universe without a center

Das erinnert mich ein wenig an Bertolt Brecht:

Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug

Ceveat Magister arbeitet für das Burning Man’s education department an einer Studie über die  “Burning Man culture”.

Als Einführung in den MOOC – Massive Open Online Course – über neue Arbeitsräume, der am 19. April startet, schreibt Anja C. Wagner zum Titel des MOOC, «Leuchtfeuer 4.0» (2):

Schon mal vom Burning Man gehört? Eines der faszinierendsten Festivals der westlichen Welt – und Pulsgeber für das Web 2.0, die DIY-Kultur, das Weltverbesserungsdingens im Silicon Valley und all die Folgen, die wir derzeit spüren

Der MOOC sei jeder Person empfohlen, die sich für neue Arbeits-, Lern- und Lebensformen interessiert und neue Wege gehen möchte. Für den MOOC kann man sich hier anmelden:

Leuchtfeuer 4.0: Arbeit 4.0 trifft Bildung 4.0.

Leuchtfeuer 4.0 (by Nina Oberländer)

Ein MOOC ist ein Anlass, der vollständig im Web stattfindet. Man muss also nicht einmal aus dem Haus gehen. Es gibt aber keine Teilnehmer. Alle sind Teilgeber, d.h. alle leisten einen Beitrag. So funktioniert auch das Burning Man Festival.

Die Haut wird zum Kleid, das wir nach Belieben ablegen können

Magister glaubt, dass die unendliche Freiheit, die wir erlangt haben, uns mehr ängstigt als der Tod. Deshalb suchen wir verzweifelt nach Führung und Anleitung für unser Handeln.

So verstehe ich den globalen Erfolg rechtsnationaler Parteien, die die Welt mit simplen Dichotomien erklären und darauf aufbauend einfache Handlungsanweisungen versprechen. Während es vor 700 Jahren hiess: «Hie Ghuelf, hie Ghibellinen» (3), erklären die Populisten heute noch die Welt mit «Hier sind wir und dort die Anderen, die wir hier nicht dulden». Als ob in einer relativen Welt ohne absolute Wahrheiten eine solche Dichotomie noch irgendwelchen Sinn ergäbe!

Jumping out of your skin in the new year (by Farrukh, flickr)

Unsere ethnische Zugehörigkeit, unser Beruf, unsere Religion, ja sogar der Boden, auf dem wir stehen, gehörten bis vor Kurzem so sehr zu uns, wie unsere Haut. Auch wenn es viele noch nicht verstehen, Sie lernen gemeinsam, sie fühlen aber, dass das alles nun austauschbar geworden ist wie ein Kostüm, meint Magister, als könnten wir neuerdings aus der Haut steigen und eine andere anziehen.

Beispielsweise bedeutet lebenslanges Lernen, dass wir nicht mehr zuerst eine Ausbildung machen und dann endgültig das sind, wofür wir ausgebildet wurden. Vielmehr müssen wir uns heute den schnellen Veränderungen anpassen und unseren Beruf ständig wechseln, je nachdem, was verlangt wird.

Auch Heimat wird relativ. Immer mehr Menschen leben nomadisch und sind überall zuhause. Das Web erlaubt uns, viele Arbeiten ortsunabhängig und dennoch kollaborativ zu erledigen. Dabei kommen wir mit verschiedenen Kulturen und Religionen in Kontakt und müssen uns vorübergehend anpassen, so dass wir schliesslich auch multikulturell leben, denken und fühlen.

Das Normalarbeitsverhältnis – eine Ausnahmeerscheinung

Wenn lebenslanges Lernen und nomadisches Leben heute grad noch freie Entscheidungen sind, werden die Menschen bald keine Wahl mehr haben. Brigitta Bernet von der Universität Basel sieht im Normalarbeitsverhältnis – 40 Jahre Lohnarbeit auf der Basis einer vorgängigen Ausbildung – sowieso ein Ausnahmephänomen (4). Es ist erst in der Aufklärung entstanden und hat sich für die männlichen Familienernährer vor allem im Fordismus und seiner Produktionsform etablieren können. Das Normalarbeitsverhältnis setzt einen national verankerten, von der internationalen Konkurrenz weitgehend abgeschotteten Produktionsbetrieb voraus. Dieser verliert mit fortschreitender Globalisierung und Tertiarisierung an Bedeutung, so dass dem Normalarbeitsverhältnis der Boden entzogen wird. Auch hier identifiziere ich im momentanen Erfolg rechtsnationaler Kräfte ein letztes Aufbäumen gegen das allmähliche Abgleiten des Normalarbeitsverhältnisses, das mit dem Schliessen der Grenzen ihrer Meinung nach geschützt werden kann.

Auf der anderen Seite entstehen überall Initiativen für innovative Arbeitsmodelle auf Augenhöhe, selbstbestimmtes Arbeiten und Lernen, lebenslanges Lernen und alternative Unternehmensformen, die der neu gewonnenen «unendlichen» Freiheit des Menschen Rechnung tragen. Diesen Initiativen folgen vielleicht nur Menschen mit einem Urvertrauen in die Welt und die Menschheit. Es braucht viel Zuversicht und Offenheit, um das Zentrum des Universums und absolute Wahrheiten loszulassen. Die meisten haben wahrscheinlich Mühe damit. Es macht ihnen Angst und sie suchen nach Autoritäten und Fixpunkten, sogar wenn es ihnen bewusst ist, dass es sich um falsche Autoritäten handelt, die falsche Versprechungen machen.

The Healing Power Of Doing Good

Ein Ritus ist ein Tun (by merdeka)

Magister glaubt, dass wir wieder Riten brauchen. Aber wo nehmen wir in einer säkularisierten Welt ohne Orientierungshilfen Riten her? In den Schoss Gottes können wir nicht mehr zurück, nachdem wir uns aus dem Mittelpunkt des Universums hinauskatapultiert haben. Wir haben Technologie als prophetischen Kult. Bald seien Computer so intelligent, dass sie uns sagen, was wir tun und lassen sollen. Sie glauben, dass das ein angsteinflössendes Szenarium ist? Nicht für alle, denn wenn Computer und Big Data Algorithmen Handlungsanweisungen geben und Verantwortung abnehmen, dann kommt das vielen Menschen gerade recht. Endlich wieder eine Autorität, die Stütze ist!

Aber Magister versteht unter Riten Tätigkeiten. Er sagt, dass Intellektualismus und Theorien nicht genügen, sondern ein Tun gefordert ist. Riten sind Prozesse, die man durchlaufen muss, um sich mit der Autorität zu versöhnen. Religionen sind weniger gemeinsamer Glaube als vielmehr gemeinsame Aktivitäten, z.B. gemeinsames Gebet oder gemeinsames Empfangen von Sakramenten.

Magister fordert in einer säkularisierten Welt Aktivitäten, mit denen sich jeder Mensch im Rahmen seiner Talente und Fähigkeiten engagieren kann. Im 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden gerade zu diesem Zweck Serviceclubs und Logen. Ihr Credo ist der gemeinsame Einsatz im Dienste der Allgemeinheit. Damit ihr Tun einen rituellen Charakter erhalten, geben sich diese Organisationen in gewisser Weise sakral und wählen ihre Mitglieder sorgfältig aus. Leider haben Serviceclubs in der Öffentlichkeit das Ansehen einer Lobby korrupter Entscheidungsträger. Das kann ich aber aus meiner Erfahrung nicht bestätigen.

Rituelles Lernen als Voraussetzung zum Glücklichsein

Magister fragt, welche Organisationsformen moderne Riten bilden und tragen können und wie sie ihre Mitglieder für Freiwilligenarbeit motivieren können, die sowohl für die Mitglieder als auch für die Gemeinden einen Wert generieren. Im diesjährigen Burning Man Event wollen 70’000 «Burners» diesen Fragen nachgehen.

Ich denke, einzelne Organisationen, Tribes oder Communities können nicht mehr als Vorbilder sein. Eine Community von 70’000 Menschen ist ansehlich. Serviceclubs bringen es auf mehrere Millionen Teilgeber, die ihre Activities sogar überall rund um den Globus durchführen. Um jedoch den Menschen in ihrer «unendlichen» Freiheit wieder eine Stütze zu geben, reichen Organisationen und Communities nicht aus. Es muss vielmehr ein gesellschaftsweiter gemeinsamer Wille wachsen, der mit rituellem Tun verbunden ist. Dieses Tun muss einem Grundbedürfnis der Menschen entsprechen und ihnen Halt und Anleitung  geben.

by Topgold (from karegivers and  Google)

Lernen könnte ein solches Tun sein. Lernen ist eine überlebenswichtige Tätigkeit des Menschen und deshalb ein guter Anwärter auf einen Ersatz von Riten. Wir müssen täglich lernen. Lernen durchzieht unser Leben, von Geburt bis zum Tod.  In konnektivistischen massiven offenen online Kursen (cMOOC), wie dem Leuchtfeuer 4.0,  könnte sich so etwas wie Riten entwickeln. Ein cMOOC dauert im Allgemeinen mehrere Wochen, hat einen Anfang und ein Ende und das Ziel, einem bestimmten Thema auf den Grund zu gehen. Leider ist der Begriff «Kurs» falsch gesetzt, denn ein Kurs suggeriert, dass ein Lehrer in herkömmlichem Sinn Wissen an Schüler weitergibt. Aber ein cMOOC ist kein Kurs, sondern besteht aus selbstbestimmtem Lernen. Jede Woche werden einige Materialien zu einem Unterthema vorgelegt, das alsbald von den Personen, die sich im cMOOC eingeschrieben haben, diskutiert und von allen Seiten beleuchtet werden. Das Lernen geschieht in Kollaboration und im gemeinsamen Tun aller Teilgeber. Das sind diejenigen, die sich eingeschrieben haben. Das sind nicht Teilnehmer, denn das wäre zu passiv. Alle beteiligen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Im gemeinsamen Tun lernen („Andrew and Jerome juggle“ by salomon888)

Das kann sein, indem sie in einer Facebookdiskussion ihre Meinung zu einem Sachverhalt kundtun, gemeinsam an einem Dokument schreiben, einen Blogbeitrag verfassen, bisherige Kommentare zusammenfassen, die Ansicht eines Teilgebers in einer Zeichnung widergeben, einen Experten zum Thema interviewen und davon ein Video erstellen oder einen einschlägigen Artikel verlinken und kommentieren. Bei diesem Tun muss man ständig Begriffe googeln oder in Wikipedia nachschlagen, diese neu interpretieren,  Literaturrecherchen durchführen, Quellen nachweisen und verlinken und anderen Forschungstätigkeiten nachgehen. Wer sich auf diese Weise mehrere Wochen mit dem Thema auseinandergesetzt hat, hat viel gelernt. Darüber hinaus macht das kollaborative Lernen auf Augenhöhe zufrieden und glücklich.

Am besten, Sie probieren es ab dem 19. April gleich selber aus, indem Sie in den Leuchtfeuer-MOOC herein schauen oder Sie fahren einen anderen MOOC ab, den Sie auf Onlinecampus finden. Es gibt dort Angebote über Arbeitspsychologie, Neue Perspektiven, Klima, bürgerliches Engagement, Volleyball, Windenergie und viele andere Themen.

Wenn die Gesellschaft einmal akzeptiert hat, dass Lernen Grundvoraussetzung nicht nur für das Überleben des einzelnen Individuums ist, sondern auch für die Community und alle Menschen neben ihrem 4-6 Stundenjob – was mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung künftig normal sein wird – sich pro Jahr mindestens in einem cMOOC engagieren, dann könnte solches Lernen rituellen Charakter annehmen und in der zukünftigen Arbeits- und Lebenswelt sinnstiftend sein.

 

(1) Caveat Magister. Why Ritual is Relevant. The Burning Man Journal. 6. Februar 2017

http://www.webcitation.org/6oGTSUPQz

(2) Burning Man & das Web 2.0

(3) Wikipedia. Ghibellinen und Guelfen

Franz W. Scherer. Hie Guelf- Hie Ghibellin. Ein Roman aus der Hohenstaufenzeit. 1925

(4) Brigitta Bernet. Die Zukunft der #Arbeit muss neu gedacht werden. Beiträge zur öffentlichen Debatte. 15. Februar 2017

 

Das Smartwork Camp 2016 – anregend und spannend

swcg2Das Smartwork Camp 2016 in Graz wurde ausgeschrieben als «ein[en] Ort, an dem Menschen offen, kreativ und gestalterisch über aktuelle Herausforderungen und zukünftige Möglichkeiten neuer Arbeit nachdenken» können. Weil ich mich seit langem mit dem komplexitätssteigernden Einfluss der Digitalisierung auf Arbeit und Bildung beschäftige, fühlte ich mich von der Ausschreibung angesprochen und entschloss, an der Veranstaltung teilzunehmen. Das gab mir auch die Gelegenheit, einige Freunde zu besuchen, die in Graz wohnen.

Aktuelle Herausforderungen wurden aufgegriffen

Das Camp war nicht als ein reines Barcamp aufgezogen, sondern folgte einer wohlüberlegten Entwicklungslinie, die die Teilnehmer abholt und langsam zu Teilgebern werden lässt. Ich fand diese Mischung aus Impulsvorträgen, «Think Tanks» (Diskussionsrunden) und «Future Labs» (Barcamp Sessions) ausserordentlich gelungen.

Die Impulsvorträge waren allesamt spannend und regten zum Nachdenken an, auch wenn die meisten nicht explizit die Zukunft der Arbeit im Fokus hatten. Es ging um Selbstbestimmung und -verwirklichung, Sinnsuche und Wertewandel in der Vergangenheit. Das sind grundsätzlich alles zeitlose Kategorien. Zwar wurde ab und zu anstehende Veränderungen erwähnt, ohne jedoch deren Auslöser zu nennen.

Aus meiner Sicht betrafen vor allem die Vorträge von Johannes Lindner über Enterpreneurship Education und von Andreas Zeuch über Unternehmensdemokratie zukünftige Arbeitsorganisationen. Die aktuellen Diskussionen gehen alle in der Richtung, dass künftig hochgradig selbstbestimmt und in hierarchiefreien, vernetzen und holokratischen Organisationen gearbeitet wird, die nur noch schemenhaft geografisch lokalisierbar sein werden.

Andreas hat eine informative Zusammenfassung vom ersten Camptag geschrieben, den ich hier nicht auch nochmals beschreiben will.

Soziale Konsequenzen der Digitalisierung?

Die Think Tanks hatten wohl die Aufgabe, Nachdenken über die Zukunft der Arbeit zu stimulieren und die Teilnehmer an Partizipation und Kollaboration zu gewöhnen, so dass sie sich fit fühlten, am zweiten Tag eigene Barcamp Sessions anzubieten.

Die sechs Think Tanks schienen mir drei Themen zu adressieren:

1) Technik als Auslöser des aktuellen Umbruchs:

  • Automatisierung & Industrie 4.0
  • Digitale Transformation

2) Soziale und gesellschaftliche Implikationen der neuen Technik:

  • Menschen & Werte
  • Kreative Wissensgesellschaft

3) Auswirkungen auf die Arbeitswelt:

  • Kreativität & Innovation
  • Start-Ups & Unternehmertum

swcg1Interessanterweise wurde in den Technikgruppen vor allem über Technik und in den anderen Gruppen eher über Softfactors diskutiert, die aber die heutige Arbeitswelt betreffen. Die Statements wurden auf Post-its geschrieben und an Pinwänden geklebt.

Es gelang für mein Dafürhalten nicht zufriedenstellend genug, die technischen Disruption in einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang fortzusetzen und daraus die Rahmenbedingungen für die zukünftige Arbeitswelt abzuleiten. Das beobachte ich nicht nur an der Smartwork, sondern überall, wo über Arbeit 4.0 nachgedacht wird. Ich glaube, menschliches Denken ist immer mehr oder weniger in der Gegenwart verhaftet. Dietrich Dörner nannte das «die Überbewertung des aktuellen Motivs».

Das Auto war früher, was der Computer heute

Ich vergleiche die aktuelle technologische Disruption gerne mit der Einführung und Verbreitung der Transportmittel. Leider wird dieser Disruption viel zu wenig Beachtung geschenkt. Erst das Aufkommen effizienter Transportmittel ermöglichte regionale und globale Märkte, was bewirkte, dass nun jeder Produzent grossflächig anbieten konnte. Um aber den benötigten Output bewerkstelligen zu können, musste maschinell und normiert produziert werden, was der eigentliche Auslöser der Industrialisierung war.

Eine schöne Outline dazu bietet der Blogartikel Ein offener Brief an alle, die in ihrem Leben etwas mit Arbeit zu tun hat von Guido Bosbach, der die Auswirkungen auf die Arbeitswelt anschaulich beschreibt.

Als Ende des 19. Jahrhunderts das Auto als persönliches Transportmittel eingeführt wurde, war das ziemlich vergleichbar mit der Einführung des PC ziemlich genau 100 Jahre später. Insofern wären wir mit der Digitalisierung heute da, wo die Einführung des Autos 1916 war. Man diskutierte viel über Sinn und Unsinn des Autos, ob man noch atmen kann, wenn man schneller als 20 km/h fährt und ob das Auto nicht grundsätzlich verboten werden sollte. Nur über tausende von Verkehrsopfer diskutierte man meines Wissens kaum, weil sich niemand vorstellen konnte, wie viele Autos es dereinst geben wird.

Sobald sich die Autos bei einigen Pionieren etablieren konnte, musste zuerst ein internationales Strassennetz gebaut werden. Auch das gab Anlass zu technischen Diskussionen, ob die Strassen breit genug seien und welcher Belag man benötige (Strassenbeläge waren bis dahin ja ziemliches Neuland; es gab Kieswege und Kopfsteinpflaster, das für die ersten Autos aber nicht sehr günstig war).

Nachdem sich das Auto endgültig durchsetzte – auch gefördert durch die Kriege – war alles festgelegt. Unternehmen, die noch immer mit Pferdewagen auslieferten, kamen buchstäblich unter die Räder. Die negativen Seiten des Strassenverkehrs, an den wir heute gewohnt sind, wurden stillschweigend in Kauf genommen. Spätestens in den 1970er Jahren hatte jeder ein Auto – fast. Die Entwicklung geht weiter, obwohl es sich um eine über 100jährige Technologie handelt. Heutige Autos sind mit digitaler Technologie ausgestattet und übermitteln alle Fahrdaten an die Hersteller, derweil darüber diskutiert wird, was Webunternehmen mit «unseren» Daten machen. Im Zusammenhang mit der Automobiltechnologie wird alles akzeptiert, weil es heute nicht mehr ohne Auto geht. In ein paar Jahren wird auch alles akzeptiert, was mit der Computertechnologie zusammenhängt.

Erst die Digitaltechnologie ermöglicht neue (Management-)Konzepte

 

Die Computertechnologie ermöglicht viele neue Kulturen. Das wichtigste, was ich vom Smartwork Camp mitgenommen habe, ist die Erkenntnis aus einem zu kurzen Gespräch mit Andreas Zeuch. Ich fragte ihn, warum gerade jetzt viele Konzepte in der Diskussion auftauchen, die eigentlich gar nichts mit digitaler Technik zu tun haben: Augenhöhe, Holokratie, agiles (Projekt-)Management, Design Thinking, Flipped Classroom oder eben Unternehmensdemokratie. Andreas meinte, dass Demokratie ja eher einen netzwerkartigen Charakter habe und daher in der vernetzten Digitaltechnologie abgebildet und durch sie gefördert werde. Nur mit der Digitaltechnologie gelingt es, kollaborativ und mobil und damit demokratisch zu arbeiten.

Offenbar sind alle die schönen vielversprechenden Konzepte deshalb gerade jetzt in aller Leuten Munde, weil sie erst durch die Digitaltechnologie ermöglicht werden. Genau das sollte aber meines Erachtens transparent gemacht werden. Flipped Classroom hätte man grundsätzlich schon vor 50 Jahren einführen können. Aber so richtig Sinn macht es eben erst, wenn in der Vorbereitung Videos von der Vorlesung des Dozenten bereitgestellt werden kann und in der Nachbereitung die Studenten das Gelernte in einem Google Dokument kollaborativ konsolidieren können.

Man müsste jetzt erklären, inwiefern die Digitaltechnologie agiles Management oder Design Thinking fördert. Ohne, dass diese Konzepte in der Digitalisierung verankert sind, haben sie wohl kaum eine Überlebenschance.

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Nichtsdestotrotz war das Smartwork Camp in Graz «ein Ort, an dem Menschen offen, kreativ und gestalterisch über aktuelle Herausforderungen und zukünftige Möglichkeiten neuer Arbeit» nachgedacht haben. Dieses Versprechen hat die Veranstaltung vollkommen eingelöst.

Die Komplexität der Arbeitswelt nimmt zu

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Ich wollte, ich könnte das so gut, wie @dieHauteCulture, die jeden MOOC-Tag mit genialen Illustrationen versah!

Gestern ging der MOOC über Arbeit 4.0 zu Ende.  Er dauerte bloss eine Woche. Jeden Tag gab es mindestens ein Frühstücksvideo, ein Video zum Mittagssnack, eines zum Nachmittagstee und eines mit ausführlichen Interviews. Alles in allem konnte man sich täglich mit den Videos 90 – 120 Minuten beschäftigen. Ich muss schon fast sagen: «leider» waren diese Videos derart interessant, dass es mir schwerfiel, eine Auswahl zu treffen. Am spannendsten waren aber die Mittags- und Frühstücksvideos, die von Anja C. Wagner, alias FrolleinFlow, sympathisch und professionell moderiert und präsentiert wurden.

Arbeit 2.0 oder 4.0?

Was ist mit «Arbeit 4.0» gemeint? Heute wird alles, was ein wenig innovativ daherkommen möchte, mit einer Versionsbezeichnung versehen. Das lehnt sich an die Bezeichnung «Web 2.0» an, die in den frühen 2000er Jahren geprägt wurde und eine Reihe partizipativer und interaktiver Elemente des Web meinte. Seither wurden alle Lebensbereiche, die das Web 2.0 nutzten mit der Versionsnummer «2.0» versehen – Management 2.0, Finance 2.0, Lernen 2.0, sogar Werkbank 2.0, etc. Das war irgendwann einem nicht genug. Er erfand kurzerhand und unter Umgehung der Version 3.0 die Versionsnummer «4.0», vielleicht um zu zeigen, dass er noch viel innovativer ist als die 2.0-Gemeinde.

Im Wandel zur Arbeit 2.0 entsteht eine komplexe Ordnung

Item, Arbeit 4.0 – ich nenne sie nach wie vor «Arbeit 2.0» – bezeichnet eine neue Arbeitskultur, die sich einerseits aus der Tendenz zu vermehrter Wissensarbeit und andererseits aus der intensiven Digitalisierung und Globalisierung entfalten wird. Arbeit 2.0 ist eine Emergenz im Rahmen zunehmender Komplexität. Die Transformation ist in vollem Gange und es ist noch nicht abzusehen, wohin sie uns treibt. Im MOOC wurden eine Anzahl Unternehmen, vorwiegend aus dem Silicon Valley, vorgestellt, die alle disruptive Experimente mit innovativen Arbeitsformen durchführen.

Ist Homeoffice in einer Sackgasse?

Dazu gehören z.B. mobiles Arbeiten und Homeoffice. Eindruck machte mir Automattic. Wer dort arbeitet, kann seinen Arbeitsort selber wählen. Die Mitarbeiter treffen sich innerhalb eines Jahren lediglich während einer Woche zentral und persönlich. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die ihre Mitarbeiter täglich mit Bussen, die mit WLAN ausgestattet sind, in die Industriezentren ausserhalb der Stadt fahren. Nix von Homeoffice. Walter Simon fragt sich sogar, ob Homeoffice eine Sackgasse sei.

Die Tomaten-Kooperation

Interessant ist auch das Beispiel von Morning Star, einem Unternehmen, das Tomaten verarbeitet. Morning Star ist eine Kooperation vieler selbstständiger Kleinstunternehmen: Tomatenbauern, LKW-Fahrern, Tomatenverarbeiter, etc. Die Idee heisst «Selbstmanagement» und war derart erfolgreich, dass Morning Star sogar ein Institut dafür gegründet hat, das andere Unternehmen beim Change zum Selbstmanagement unterstützt. http://www.self-managementinstitute.org/ «Selbstmanagement bedeutet die Rückkehr zur Arbeitsethik, denn gut gemachte Arbeit macht zufrieden und Spass», wie Anja ausführte.

Die Dictyostelium-Unternehmung

Damit kommt Morning Star nahe an meine Idee der Dictyostelium-Unternehmung, die ich bereits 1996 beschrieben habe (1) (offenbar sollte ich den deutschen Namen vermeiden, da er bei mangelndem Abstraktionsvermögen eklige Assoziationen schürt).

Einzelne Mikroorganismen aggregieren sich zu einem grossen Organismus, indem sie sich funktional separieren: einige übernehmen die statischen Funktionen eines Stengels, andere die sporenbildenden Funktionen eines Fruchtkörpers, wieder andere die nahrungsversorgenden Funktionen von Transportbahnen im Organismus. Es ist faszinierend, wie sich Tausende von selbstständigen Mikroorganismen höchst speditiv zu einem Makroorganismus formieren und jedes Mitglied eine Aufgabe übernimmt und sie zuverlässig erfüllt.

Arbeit 2.0 weiterdenken

Flexible Arbeitsformen wie Homeoffice und Selbstmanagement sind nur ein Aspekt von Arbeit 2.0. Der MOOC erwähnte noch zahlreiche weitere. Als nächstes gälte es nun, aus den vielen Einzelexperimenten grossflächige Trends abzuleiten. Eine andere wichtige Frage, die im MOOC am Rande thematisiert wurde, ist die Frage nach den sozialen Auswirkungen von Arbeit 2.0. Werden reiche Länder die gut ausgebildeten Wissensarbeiter stellen und die stupide Arbeit den armen Ländern überlassen? Wird Arbeit 2.0 zu einer grösseren Polarisierung von Arm und Reich führen? Wird die Digitalisierung grundsätzlich Arbeitslosigkeit fördern oder im Gegenteil mehr (Wissens-)Arbeit generieren?

(Bedingungsloser)
Basislohn gehört auch zu Arbeit 2.0

Es ist seltsam: seit wir «mit Pein den Acker bebauen» müssen, «von dem wir genommen sind», bemühen wir uns, vor allem stupide Arbeit zu automatisieren und mit viel Technologie unsere Mühsal zu lindern. Eine gleichmässige Aufteilung der restlichen Arbeitslast scheint aber im Rahmen des gültigen Wirtschaftsmodells nicht möglich zu sein. Dieser Zusammenhang tangiert das aktuell heiss diskutierte Thema eines bedingungslosen Grundeinkommens, über das in der Schweiz nächstens abgestimmt wird.

Dank

Arbeit 2.0 ist ein gesellschaftlich zentrales Thema, das von vielen anderen Themen abhängt und viele andere Themen beeinflusst. Umso grösser ist Anja C. Wagners Verdienst, diesen MOOC durchgeführt zu haben und uns an ihrer Reise ins Silicon Valley und dem Besuch der Tim O’Reilly Konferenz teilhaben zu lassen. Der MOOC trägt zum besseren Verständnis des aktuell stattfindenden Wandels bei. Vielen Dank, Anja!

(1) Addor, P. Die Schleimpilz-Unternehmung. gdi-impuls 3/1996, S. 38-47

Werden wir in Zukunft mehr Zeit zum Lernen haben?

In Kapitel 6 der «Digitalen Kompetenz» befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit digitalen Tools und weisen auf das Dilemma hin, entweder sich im Tool-Dschungel oder den Anschluss an das digitale Zeitalter zu verlieren (1).

Das didaktische Hauptproblem

FreundeDie Lösung der didaktischen Hauptproblematik liegt jedoch nicht in der Computerisierung begründet und hat nichts mit digitaler Kompetenz zu tun. Lernen heisst

  • Fragen stellen und sie mit anderen diskutieren
  • Ideen ausprobieren, verwerfen, weiterentwickeln und sie mit anderen teilen
  • Mit ausdauernder Hartnäckigkeit forschen und experimentieren
  • Dem Scheitern zum Trotz kreativ neue Wege ersinnen
  • Vorhandenes Wissen zu neuem verknüpfen

Lernen ist also Engagement! Lernen ist eine natürliche Fähigkeit von Kleinkindern. Sobald sie in die Welt der «Produktionsprozesse» eintreten, verlernen sie es. Die Schule verlangt eine andere Fähigkeit, nämlich an den Prüfungen ein Resultat mit einer bestimmten Qualitätsanforderung zu produzieren.

Wer nur auf ein Diplom oder Zertifikat aus ist, wird das nötige Engagement, das zum Lernen vorausgesetzt ist, nicht erbringen wollen. Wie kann man Studierende in einer Welt voller Produktionsprozesse dennoch zum Lernen motivieren? Das ist das didaktische Hauptproblem.

Computerisierung der Bildungsprozesse könnte die Lösung des didaktischen Hauptproblems unterstützen, aber sie ist selber nicht die Lösung. Alle Bildungsprozesse sind auch ohne Computer machbar. Beispielsweise war mobiles Lernen schon immer möglich. Im Buch «So lernt man lernen» stellte Sebastian Leitner bereits in den frühen 1970er Jahren eine Zettel-Methode vor, mit der man unterwegs sehr effektiv lernen kann, auch ohne Smartphone oder anderen digitalen Hilfsmittel (2).

Ist der Wille zum Lernen nicht vorhanden, kann auch der beste Didaktiker mit den besten Tools nichts erreichen. Es wird wohl erst dann wieder gelernt, wenn wir endlich von der Produktionswut ablassen und uns mit weniger zufriedengeben. Dafür hätten wir mehr (Frei-)Zeit und könnten kontemplativer durch’s Leben gehen; eine gute Voraussetzung zum Lernen.

Weniger produzieren = mehr Zeit (zum Lernen)?

Mit der Computerisierung vor allem der Produktion (und weniger der Bildung) hätten wir die besten Voraussetzungen geschaffen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Vermutlich wird mit dem Computer viel Arbeit wegrationalisiert, so dass die Arbeitslosenquote in den nächsten Jahrzehnten beträchtlich ansteigen wird. Das finde ich eine sehr gute Nachricht, denn es war doch schon immer der Wunsch, möglichst wenig arbeiten zu müssen und dafür viel Musse zu haben. In der Steinzeit mussten die Leute vielleicht sechs Stunden am Tag arbeiten, um die Grundbedürfnisse zu erfüllen (Nahrung, Unterkunft, Sicherheit).

Die übrigen Stunden dienten den sozialen Kontakten oder es konnte geschlafen oder gedöst werden. Natürlich gehörte zu den sozialen Kontakten das Spielen mit den Kindern oder das Zusammensein mit den Alten. Beides ordnen wir heute den Produktionsprozessen zu und nennen es «Kindererziehung» und «Altenpflege».

alteHandGerade die Altenpflege ist ein Beispiel einer Arbeit, die wohl kaum computerunterstützt gemacht werden kann. Zwar ist der Einsatz von Robotern denkbar, aber letztendlich wird immer eine zuhörende und freundliche Person gefragt sein, die den Alten bei der Hand nimmt.

Niemand weiss, wie sich der Arbeitsmarkt angesichts der Computerisierung verhalten wird. Einige rechnen mit einem sich aufschaukelnden Wirkungskreislauf. Im Zuge erhöhter Produktivität werden die Preise sinken und die Löhne steigen (sic!), wodurch sich die Nachfrage nach Gütern erhöht, was wiederum neue Arbeitsplätze schafft. Andere prognostizieren eine Massenarbeitslosigkeit, hervorgerufen durch den rasanten Fortschritt digitaler Technologien, was die Einkommensunterschiede erhöht(3).

Um die Vorteile von weniger Arbeit zu geniessen, müsste aber eine Umorganisation der Gesellschaft stattfinden. Es dürfen nicht wenige für guten Lohn arbeiten und viele für wenig Almosen herumliegen. Die wenige Arbeit müsste gleichmässig auf alle verteilt sein, wobei es nach wie vor qualifiziertere und weniger qualifiziertere Arbeit gäbe, wie immer das definiert sein mag.

Das ist eine ziemlich klare Gefangenendilemmasituation. Das soziale Optimum ist weit weg vom Nash-Gleichgewicht und wird nur unter sehr restriktiven Bedingungen angenommen. Auf die Dauer wird sich Kooperation jedoch zweifellos durchsetzen, z.B. wenn die Situation der Werktätigen nicht mehr attraktiv genug sein wird. Welche Täler der Tränen bis dahin aber durchlaufen werden müssen, bleibt dahingestellt.

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Sebastian Leitners Lernkartei

(3) Natalie Gratwohl. Folgen der Digitalisierung: Massenarbeitslosigkeit oder viele neue Jobs? 9.12.2015