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Die Konzentration auf Ereignisse kann Ihre Gesundheit (und die Ihres Unternehmens) gefährden

Letzte Woche habe ich gleich bei zwei Organisationen das Bierspiel gespielt. Häufig wird gefragt, was eine Supply Chain mit der Situation der Spieler zu tun habe. Die Botschaft, dass Bedrohungen nicht von plötzlichen Ereignissen ausgehen, sondern von sich langsam entwickelnden, schleichenden Prozessen, wird kaum verstanden. Dabei betrifft das alle Menschen[1].


News geben zu reden und veranlassen zu handeln

In Organisationen ist die Konzentration auf Ereignisse allgegenwärtig. Gerade veröffentlichte Verkaufszahlen, ein gerade auf den Markt gebrachtes Produkt, die Entlassung des CEO oder der letzte Aktienkurs des Unternehmens – das sind Ereignisse, die zu reden geben und auf die das Management ihr Handeln abstürzt.

Vor allem die Presse lebt von der Konzentration auf Ereignisse, und sie bereitet uns darauf vor, wenn wir auf dem Arbeitsweg die Zeitung lesen. Psychologen sprechen von Priming, wenn wir bei Arbeitsbeginn sensibilisiert auf Einzelereignisse sind.

„Was? Wir haben auf unsere Offerte eine Absage erhalten? Das ist ja ganz schlimm! Da müssen wir etwas unternehmen“. Nein, wir müssen gar nichts unternehmen, solange es sich nicht um einen Trend handelt. Es ist wichtiger die dynamische Entwicklung der Organisation zu analysieren, als sich in Einzelereignisse zu verbeissen. Aber das ist etwas, was uns so gar nicht liegt.

Höhlenmenschen waren eher Journalisten als Philosophen?

Vor 30’000 Jahren, als unser modernes Denken entstand, war die Konzentration auf das Ereignis, dass jetzt gerade ein Bär beabsichtigt, unsere Höhle zu betreten, überlebensnotwendig. Philosophen waren damals vielleicht nur bedingt erfolgreich und ihrer Zeit weit voraus.

Heute ist es jedoch umgekehrt. In einem Projekt mussten wir bei einem Kunden ein System ausrollen. Es wurde gleichzeitig weltweit bei verschiedenen anderen Kunden ausgerollt. Die diversen Projekte waren zeitlich nicht ganz synchron, so dass wir oft Nachrichten aus anderen Projekten erhielten, die weiter waren als unseres. Einmal erreichte uns die Hiobsbotschaft, dass das System bei Auftreten einer gewissen Situation abstürzt. Das war ein Ereignis, das uns lange beschäftigte und das Projekt verzögerte.

Dass das Projekt in eine Krise fuhr, hatte aber gar nichts mit diesem einen Ereignis zu tun, sondern damit, dass wir vor lauter Fixierung auf einzelne Projektereignisse die Dynamik des Projekts aus den Augen verloren. Manchmal wäre es gut, wenn jemand das Projekt aus einer gewissen Distanz und ohne Kenntnis einzelner Ereignisse betrachtet.

In einer Unternehmung, die auf kurzfristige Ereignisse fixiert ist, ist schöpferisches Lernen nicht möglich!

Wie können wir lernen, uns von einzelnen Ereignissen zu lösen und uns dafür auf Entwicklungen und Trends zu konzentrieren?

[1] Die schädliche Fixierung auf Ereignisse wurde von Peter Senge in Kapitel 2, Abschnitt 4 des Buches „Die fünfte Disziplin“ beschrieben.
ISBN-10:3-7910-2996-7
EAN:9783791029962
Erscheinungstermin:11.03.2011
Verlag: Schäffer-Poeschel Verlag

Was verstehen Sie unter Verschwendung?

Karl Heinz Däppler fragt, welche Rolle bei der projektübergreifenden Lessons Learned Wissenskultur die Thematik „Lean Managment“ spiele. Komplexitätsmanagement fordert ein Management, das der (in den letzten Jahren in schwindelerregende Höhe gewachsenen) Komplexität angepasst ist und sich Strategien bedient, die es erlauben, die Entropie eines komplexen Systems in die Umgebung auszulagern. Die Entropie ist das Mass für die Unsicherheit, die komplexen Systemen inhärent ist. Projektübergreifendes Lessons Learned Wissensmanagement ist eine solche Strategie. Wenn Lean Management ebenfalls zum Entropieexport beitragen kann, dann könnte es eine wichtige Rolle spielen.

Der Begriff „Lean“ könnte jedoch falsch verstanden werden. Ich habe hier immer wieder darauf hingewiesen, dass die Aufrechterhaltung der von uns geschaffenen Komplexität etwas kostet. Leider habe ich in keinem Budget je den Posten „Komplexitätskosten“ gesehen. Ich denke daher, dass dieser Posten bei Lean Management erst recht unter den Tisch fällt. Da sich „Lean“ die Vermeidung von Verschwendung auf die Fahne geschrieben hat, befürchte ich, dass dabei lokal optimiert wird. Wir haben aber sowohl beim Bierspiel als auch in der Theory of Constraints gesehen, dass lokales Optimieren dem System als Ganzens schadet. Am einfachsten ist das an einer Produktionslinie von z.B. drei Fertigungseinheiten zu verstehen. Um ein Erzeugnis herzustellen, benötige die erste fünf, die zweite 11 und die dritte sieben Zeiteinheiten. Die Produktionslinie stellt also alle 11 Zeiteinheiten ein Stück her, das verkauft werden kann. Es hat keinen Sinn, wenn die erste Fertigungseinheit mehr als ein Stück pro 11 Minuten herstellt, denn das würde zu teuren Beständen zwischen der ersten und der zweiten Fertigungseinheit führen. Wenn nun ein Lean Management Berater findet, es sei Verschwendung, wenn die erste Fertigungseinheit nur zu 5/11 oder 45% ausgelastet sei, dann ist Lean sicher nicht der richtige Weg. Wenn jedoch Lean Management bedeutet, dass die erste Fertigungseinheit genau ein Halbfabrikat bereit stellen soll, wenn die zweite Einheit bereit ist, eines zu verarbeiten, weil jede weitere Aktivität der ersten Einheit Verschwendung wäre, dann kann Lean Management ein interessanter Ansatz sein.

Der Begriff „Verschwendung“ ist eben nicht eindeutig, und ich habe in den Artikeln über Lean Management eben sowenig eine exakte Definition gefunden, wie eine dezidierte Distanzierung von jeglichem lokalem Optimieren. Solange ich keinen derartigen Hinweis finde, muss ich jedoch befürchten, dass unter „lean“ nichts anderes als „lokales Optimieren“ gemeint ist.

Sind Sie auch stolz auf Ihre Intuition wie Gerd Gigerenzer?

Im der Novemberausgabe des Swiss Leader Magazin 2009 kommt Gerd Gigerenzer zu Wort – „der meistzitierte Psychologe im deutschsprachigen Raum“ 1. Er macht auf die Macht der Intuition aufmerksam. Er bezeichnet die Intuition als „Intelligenz des Unbewussten“, die komplexen Umwelten nur wenige Informationen entnimmt und daraus entscheidet, welchen Regeln wir in unseren Entscheidungen folgen. Gigerenzer lobt diese verblüffende Fähigkeit unseres Gehirns als den raffiniertesten Denk- und Computerstrategien überlegen, räumt am Schluss jedoch ein, dass sie uns fehlleiten kann.

Ich finde Gigerenzers Beschreibungen menschlicher Entscheidungsheuristiken jeweils sehr spannend. Aber ich finde es äusserst gefährlich, unsere Heuristiken als einer komplexen Welt angepasst zu empfehlen. Sie entwickelten sich vor vielen zehntausend oder wahrscheinlich eher hunderttausend Jahren und waren auf das Überleben in der damaligen Welt zugeschnitten. In den letzten hundert Jahren – also sozusagen innerhalb „no time“ – haben wir die globale Komplexität der Welt jedoch derart gesteigert, dass wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen und Handlungen nicht mehr unmittelbar wahrnehmen können. Die Intuition ist nur dann hilfreich, wenn wir unsere Entscheidungsregeln auf Grund von Erfolg und Misserfolg anpassen können. Das ist wegen der gesteigerten globalen Komplexität heute jedoch nicht mehr immer möglich. Intiution mag in einer materiellen Welt nützlich sein, wenn uns unmittelbar nach einer falschen Entscheidung ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. In einer Welt jedoch, die vorwiegend aus Informationen besteht, die zuerst dreimal um die Erde reisen, sich dabei gegenseitig überholen und ein Dutzend mal transformiert werden, bevor uns der Stein auf den Kopf fällt, ist Informationen ignorierende Intuition nicht mehr brauchbar.

In den vergangenen vierzehn Tage habe ich zwei Mal ein Bierspiel moderiert. Die Bestellentscheide waren immer Bauchentscheide. Kein Teilnehmer machte sich Gedanken darüber, was er wirklich braucht, wie viele Runden die Lieferfrist beträgt, wieviel Material tatsächlich in der Supply Line steckt, etc. Die Ergebnisse der Bierspiele waren denn auch entsprechend ungenügend.

Sebastian Hetzler fordert „Brain supporting environments“, um sich in unserer komplexen Welt zurecht zu finden2. Er vergleicht sie mit Kommandozentralen im Zweiten Weltkrieg. Dort waren grosse Kartentische, auf denen Hilfspersonal auf Zuruf der Kommandanten, die aus erhöhter Position auf die Karten herunter schauten, mit langen Stangen Spielzeugschiffe und -panzer verschoben.

Nein, ich bilde mir nichts ein auf meine Intuition, die zwar verblüffend schnell, aber eben nur regelbasiert funktioniert. Wir brauchen sie, weil die Alternative – das effektive Denken – zu energieaufwendig und zu langsam ist. Ich persönlich würde es begrüssen, das wissenbasierte Denken zu fördern, so dass die Evolution Wege findet, es zu beschleunigen und effizienter zu machen. Das kann allerdings dauern…..

1 Gigerenzer G. Bauchentscheidungen – die Intelligenz des Unbewussten. Swiss Leader Magazin. November 2009
2Hetzler S. „Brain supporting environment“ für Entscheide in komplexen Systemen.Rosch-Druck. Schesslitz, 2008

Bestimmt die Anzahl Moden die Komplexität?

Wer das Bierspiel spielt, fühlt sich zwar immer ein wenig unwohl, aber er würde wohl kaum sagen, die Situation sei komplex. Das ist ja auch der Sinn der Simulation: man will labormässig eine Mode isolieren, so dass die Teilnehmer ihr Verhalten, das einer einzigen Mode unterworfen ist, testen können, ohne von anderen Moden hin und her gerissen zu werden. Das Bierspiel bietet also keine komplexe Situation. Woran liegt das?

1. Ich gehe einfach davon aus, dass es nur eine Mode gibt, ohne dies zu beweisen. Z.B. hat Edward N. Lorenz für das wirklich komplexe System „Wetter“ eine komplizierte Gleichung aufgestellt, die sehr viele Moden erzeugt. Dann hat er aber bloss deren drei betrachtet, weil es einfach für mehr nicht reichte. Mit seiner Behandlung des Problems, konnte er aber schon ein brauchbares Wettermodell entwickeln. (Nebenbei gesagt: Lorenz‘ Ausgangsgleichung heisst Navier-Stokes-Gleichung und gehört zum Schwierigsten, was die Mathematik derzeit zu bieten hat. Wer sie löst, dem winken eine Million Dollar. Aber warten Sie noch ein wenig zu, bis der Dollar wieder etwas angezogen hat).

2. Das Bierspiel ist in jeder Hinsicht linear (na ja, zumindest so gut wie, abgesehen von ein paar Minimum-Funktionen). Eine mathematische Formulierung des Bierspiels ist dank seiner Einfachheit möglich. Die Gleichungen sind alle linear und lösbar. Das bedeutet, dass die Lösungen höchstens exponentielles Wachstum und trigonometrische Oszillationen aufweisen können.

Natürlich ist die Praxis ein bisschen ausgefranster. Wie Sie in der Grafik des gestrigen Artikels sehen können, sind die Oszillationen nicht schön gleichmässig. Aber das macht den Braten nicht feiss. Es bleibt dabei: Komplexität verlangt neben mehreren Moden auch Nichtlinearität. Mein Freund Markus behauptet allerdings, Nichtlinearitäten gebe es gar nicht und wenn, täte man sowieso gut daran, sie einfach zu ignorieren.

Was ist komplex am Bierspiel?

Also, nun zum Bierspiel. Es handelt sich um eine einfache Simulation einer Supply Chain (eine Beschreibung finden Sie z.B. bei Günther Ossimitz in seiner Einleitung). Das Resultat ist, dass die Bestände immer oszillieren und zwar umso mehr, je weiter weg vom Markt man ist. Jeder Mitspieler ist versucht, die Schuld der Langsamkeit des Lieferanten oder dem idiotischen Bestellverhalten des Kunden anzulasten.

Alle meinen rational zu handeln und trotzdem kommt ein Ergebnis heraus, dass keiner wollte. Es sind nicht externe Faktoren, sondern die interne Struktur, die das Systemverhalten bestimmt. In der Praxis – in Projekten, in der Unternehmensführung und (aus aktuellem Anlass) in der Politik – versuchen wir gerne, externen Effekten die Schuld zu geben. Ich habe die ermahnenden Worte der Moderatoren lange nicht verstanden, wenn sie einem mit erhobenem Zeigefinger auf die eigene Schuld aufmerksam machten.

Das eigene Verhalten provoziert die anderen, ihrerseits ein Verhalten an den Tag zu legen, das wiederum mein Verhalten beeinflusst. Ich muss noch agressiver Entscheiden, um nicht „unter die Räder“ zu kommen, so dass die anderen erst recht Gegensteuer geben. Wie Eschers Hände. Man sagt, dass das Verhalten eines jeden Einzelnen zu einer Mode führt, die die Einzelnen „versklavt“. Das ist so eine Redewendung aus der Synergetik von Hermann Haken.

Obwohl es nur vier Teilnehmer sind, kann es im Bierspiel zu einer recht komplexen Struktur kommen, die man Bullwhip-Effekt nennt. Lesen Sie’s bei Ossimitz nach! Obwohl die Bierspiel-Komplexität bloss eine Pseudo-Komplexität ist, sind wir in einem Dilemma. Es gibt nämlich dennoch ein paar Finten. Aber davon später. Der Ausweg aus dem Dilemma heißt: Wir müssen beginnen „systemisch zu denken“.

Complexity Rising

Mit Yaneer Bar-Yams Artikel Compexitiy rising: From Human Beings to Human Civilization, A Complexity Profile habe ich so meine liebe Mühe (http://necsi.org/projects/yaneer/Civilization.html). Als erstes stolpere ich über seine Behauptung, dass alle makroskopischen Systeme „are formed out of a large number of parts“. Das ist Physikalismus pur. Es gibt kleine soziale Systeme, die durchaus komplex sein können. Zum Beispiel eine Klasse von Studenten oder Schüler. Oder man denke an das Bierspiel: vier Spieler können schon ganz schön komplexe Turbulenzen verursachen.

Was mir auch Stirnrunzeln verursacht ist die Tatsache, dass bei Bar-Yam die Komplexität vom Atom zum sozialen oder gesellschaftlichen System abnehmen soll. Intuitiv würde ich es gerade umgekehrt sehen.

Aus Yaneer Bar-Yam: Complexity Rising…

Bar-Yam kommt von dem physikalischen Komplexitätsbegriff her. Ich aber frage mich, was mich als handelndes Wesen in einer komplexen Umgebung stört. Komplexität behindert und belästigt mich. Was ist es genau, das mich stört?

Wir müssen vom Individuum ausgehen, wenn wir wissen wollen, was Komplexität ist!