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Jeden Tag gibt es Abenteuer zu bestehen, die einem ‘was lehren

Es ist eine meiner persönlichen Strategien zur Bewältigung von Komplexität, meine mentalen Modelle in Alltagssituationen zu analysieren und Lehren daraus zu ziehen. Gewisse Erlebnisse gleichen ja zuweilen einem Heldenepos! Vorgestern habe ich wieder einmal ein solches Heldenabenteuer erlebt und reiche Erfahrung gemacht.

Jemand hat mich gebeten, seinen Computer, den er nicht mehr starten kann, zu diagnostizieren und wieder zum Laufen zu bringen. Zusammenfassend zog ich aus meiner Abenteuerreise folgende Lehren.

Für diejenigen, die mehr technische Details meiner Abenteuerreise wünschen, habe ich sie hier festgehalten:

Ich arbeite mit persönlichen Computern seit es sie gibt. 1982 kaufte ich meinen ersten Computer, als Alternative zu einem Taschenrechner! Ich habe noch kurze Zeit unter CP/M und dann ein paar Jahre unter DOS gearbeitet, bevor Mitte der 90er Jahre Windows kam. In der DOS-Zeit haben wir noch gebastelt, Computer geöffnet, aufgemotzt, neu zusammengebaut.

Aufgrund dieser Expertise wandte sich eine Person mit einem Notebook an mich, den sie nicht mehr booten könne. Der Bootvorgang geht gut bis zum Zeitpunkt, wo mit Ctrl-Alt-Del die Anmeldeinformationen eingegeben werden könnten. Jedoch reagiere der Computer nicht auf die Eingaben von Ctrl-Alt-Del. Der Computer wurde nicht eben zimperlich behandelt und hatte gerade eine Reise nach Sri Lanka hinter sich, wo er in tropischem Klima am Strand und während er lief herumgetragen und umgedreht wurde. Die Anfrage kam dann auch ca. eine Woche, bevor der Computerbesitzer zurück kam, so dass ich genug Zeit hatte, mir aufgrund einer mehr als dürftigen Datenlage eine Hypothese zusammenzuschustern.

Als ich das Notebook dann endlich in der Hand hatte, bootete ich zunächst von einer CD, die ein Passworthacking-Programm enthält, in der Hoffnung, ich könnte das Passort des Benutzers entfernen, um so die Passworteingabe per Ctrl-Alt-Del zu umgehen. Das Programm fand jedoch kein C-Laufwerk, was ein weiteres Indiz für meine Hypothese war. Danach bootete ich mit einer Windows-CD und öffnete das DOS-Fenster. Dabei gelangte ich auf ein Laufwerk X: statt C:, was schon das zweite Indiz war, dass es der Festplatte C nicht gut ging.
Wir evaluierten bereits ein neues Gerät, als der Besitzer des Computer selbst im DOS-Fenster per Zufall auf das C-Laufwerk kam und dort alle seine Daten wieder fand.

Ich schlug daraufhin eine Neuinstallation des Betriebssystems vor mit anschliessender Reinstallation sämtlicher Applikationen, was mich einen Sonntag lang beschäftigte. Während dieser Arbeiten – und erst dann – stellte ich zufällig fest, dass die Cursortasten merkwürdigerweise nicht funktionierten. Der Besitzer des Computers schlug naiverweise vor, die Tastatur ersetzen zu lassen. Eine Notbooktastatur ist mehr oder weniger eine Folie mit aufgesetzten Tastaturkappen. In meiner Erfahrung weiss ich, dass Auswechseln einzelner Notebook-Teile sehr heikel ist. Ich riet davon ab. Dennoch beharrte der Besitzer auf dem versuch, zumal er auf youtube ein Video gefunden hat, das zeigte, wie einfach Tastaturen von Notebooks derselben Marke ausgetauscht werden können. Ich ging also anderntags auf die Suche nach einer geeigneten Ersatztastur. Erst weitere 12 Stunden später und nach einer gedankenreichen Schlafpause in der Nacht, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Grund, weshalb die Tastekombination Ctrl-Alt-Del keine Wirkung hatte, war die defekte Tastatur. Am Morgen inspizierte ich die Tastatur genauer. In der Tat waren nicht nur die Cursortasten defekt, sondern auch die Del-Taste!

Ein kleiner Trost blieb mir: auch wenn die Tastatur bei diesem Markengerät relativ einfach zu ersetzen ist, ihre Lieferfrist beträgt über 60 Tage! “Ich habe ‘beinahe’ richtig gelegen” 6

1Reason, James. Menschliches Versagen – Psychologische Rsiskofaktoren und moderne Technologien. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1994. S. 122

2Kahneman, Daniel. Schnelles Denken – Langsames Denken. Siedler ebooks, 2012

3Teleb, Nassim Nicholas. Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Carl Hanser Verlag. München 2008. S. 186

4Reason, James. Menschliches Versagen – Psychologische Rsiskofaktoren und moderne Technologien. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1994. S. 28

5Teleb, Nassim Nicholas. Narren des Zufalls – Die verborgene Rolle des Glücks an den Finanzmärkte und und im Rest des Lebens. Wiley-VCH Verlag. Weinheim 2005. S.102

6Teleb, Nassim Nicholas. Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Carl Hanser Verlag. München 2008. S. 190

Am Anfang steht der Glaube

Am Anfang eines Projekts steht eine Hypothese, wie sich das Projekt ungefähr abwickeln lässt. Die Hypothese betrifft hauptsächlich den Bau des Projektgegenstandes. Aufgrund der Hypothese entwirft man einen Vorgehensplan. Hypothesen können reduktiv, ballistisch, magisch oder einfach kreuzfalsch sein1.

In den seltensten Fällen versucht man, die Hypothese zu widerlegen. Allenfalls wird man sie mit Machbarkeitsüberlegungen und Piloten zu stützen versuchen. Den meisten Menschen sind ihre Hypothesen (über das Leben und die Welt) jedoch „Wahrheiten“. Ganz wichtige Leute – und wer wichtig ist bestimmen die wichtigen Leute – können ihre Hypothesen sogar als Theorien verkaufen und damit bewirken, dass auch andere Leute die Hypothese übernehmen. Das geschah z.B. mit einer ziemlich windigen Hypothese, die sogar einen Namen hat: Capital Asset Pricing Model (CAPM). Für den US-Notenbankchef Greenspan war CAPM die Wahrheit. Er weigerte sich noch im Sommer 2008, die immer grösser werdende Spekulationsblase wahrzunehmen, weil sie gemäss CAPM gar nicht existieren konnte. 2004 behauptete Greenspan, dass eine Preisverzerrung im Häusermarkt sehr unwahrscheinlich sei2.

Trifft man während der Projektabwicklung auf Widerwärtigkeiten, wird man die Hypothese nicht gleich verwerfen, weil ja sonst alles, was bisher geleistet wurde obsolet würde und ein neuer Plan erstellt werden müsste, der Kosten und Termine in Frage stellt. Hypothesen werden wegen ihrer unsicherheitsreduzierenden Funktion ungern aufgegeben.

Also wird man versuchen, die Hypothese zu retten, indem man Ausnahmen beschreibt, unter der die Hypothese in modifizierter oder ergänzter Form immer noch zutrifft. Man erfindet z.B. eine zweite Hypothese, die die erste unterstützt. Dieser Prozess kann ad infinitum verlängert werden (sog. „verlängerte Hypothesenbildungen“). Dörner nennt das „progressive Hypothesenbildung“ 1.

Progressive Hypothesenbildung führt leicht zu Ritualisierungen und damit zu einer Pfadabhängigkeit. Aufgrund der Hypothese meint man im Voraus zu wissen, was in einer bestimmten Situation passiert. Man erfindet dann ein Ritual, mit dem man glaubt, das erwartete Verhalten durchbrechen zu können. Ein typisches Beispiel beobachtet man in der Offertphase eines Projekts. Der Projektleiter muss Aufwand und Preis berechnen. Der Verkäufer korrigiert die Zahlen des Projektleiters nach unten und bietet dem Kunden das Projekt weit unterhalb der Schätzungen des Projektleiters an. Oft feilscht der Kunde den Preis noch weiter hinunter (Unternehmen und Marktteilnehmer verhalten sich wie auf einem grossen Bazar). Dadurch ist es üblich geworden, dass Projektleiter auf den berechneten Preis einen gewissen Betrag (z.B. 10%) schlagen, von dem sie erwarten, dass ihn der Verkäufer wieder entfernt und dann beim realistischen Preis landet. Das wissen mittlerweile auch die Verkäufer und bieten das Projekt immer billiger an. Das ist ein (dynamisches) Ritual, das Unternehmen in den Ruin treiben kann.

1Dörner D. Die Logik des Misslingens. ro ro ro Taschenbuch. 2002
2Krugman P. Wie konnten die Oekonomen sich nur so irren? Tagesanzeiger-Magazin 38/2009 (Auszug aus einem Artikel in der New York Times)