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Wie ändert man Weltanschauungen?

Kürzlich kam die Frage auf, ob Konzentration auf Fehler überhaupt sinnvoll sei. Schliesslich funktionieren keine Handlungsanweisungen der Art „Tu das nicht!“. Wenn es um Handlungsanweisungen geht, dann ist das richtig.

Unser Gehirn lernt durch Fehler

Dennoch lernt unser Gehirn durch Fehler. Wenn eine Handlung zu einem erwünschten Resultat führt und kein Fehler entsteht, dann wissen wir nicht, ob die Handlung tatsächlich Ursache des erwünschten Resultats war oder ob das Resultat rein zufällig zustande kam. Nur wenn das erwünschte Resultat trotz unserer Handlung nicht zustande kam, können wir daraus schliessen, dass an unseren Vorstellungen und inneren Bildern etwas nicht stimmt. Wer innere Bilder und mentale Modelle verändern will, muss also nach unerwarteten Wahrnehmungs- und Entscheidungsfehlern suchen. Nicht, um zu sagen: „Tu das beim nächsten Mal nicht wieder“, sondern um die mentalen Modelle anzupassen.

Kommen die Früchte aus der Futterröhre, weil der Affe am Seil zieht? Solange er keinen Fehler in seinem Modell entdeckt, wird er immer wieder am Seil ziehen, wenn er Futter will

 

Chris Frith schreibt in seinem Buch Wie unser Gehirn die Welt erschafft1:

Mein Gehirn entdeckt die Aussenwelt, indem es Modelle dieser Welt entwickelt…Was ich wahrnehme, sind nicht die …Reize, die von der Aussenwelt.. [ein]treffen. Ich nehme etwas viel Reichhaltigeres wahr – ein Bild, das diese kruden Signale mit einer Fülle vergangener Erfahrungen kombiniert. Meine Wahrnehmung ist eine Vorhersage dessen, was in der Aussenwelt sein sollte. Und diese Voraussage wird ständig durch Handeln getestet.

Modellbasiertes vs. modellfreies Lernen

Bei einem Misserfolg gibt es eine Fehlermeldung, und das Gehirn kann das Modell anpassen. Neurowissenschaftler um Jan Gläscher vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben in der diesjährigen  Frühjahresausgabe der Zeitschrift Neuron berichtet, dass neben diesem modellbasierten Lernen auch modellfreies Lernen Anwendung findet, nämlich durch Versuch und Irrtum2. Dabei werden blind Entscheidungen gefällt, die in der Vergangenheit oft Vorteile brachten. Dörner nannte das in Anlehnung an James Reason Frequency Gambling3. Klar, dass Innovation und Kreativität dem Frequency Gambler Fremdworte sind. Diese einfachere Entscheidungsfindung kommt denn auch eher bei einfacheren Alltagshandlungen zur Anwendung, die allerdings in der Mehrzahl sind. Bei den selteneren, nicht automatisch ablaufenden Alltagshandlungen, wie Planen und Problemlösen, mobilisiert der Mensch sein modellbasiertes System, das dem Gehirn aber eine größere Verarbeitungsleistung abfordert.

Pikanterweise werden also positive Erfahrungen bei Versuch und Irrtum angewendet, während in komplexen Situationen eher auf Modellfehler fokussiert wird.

1Chris Frith: Wie unser Gehirn die Welt erschafft. Spektrum akademischer Verlag. Heidelberg 2010, S. 175

2Jan Gläscher et al.: States versus Rewards: Dissociable Neural Prediction Error Signals Underlying Model-Based and Model-Free Reinforcement Learning; Neuron, 2010, 66(4) pp. 585 – 595

3Dörner, D. Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. rororo Taschenbücher, Rowohlt. Reinbek b. Hamburg, 2003, S.240

Integration ist Lernen

Kürzlich kaufte ich mir ein Garmin etrex GPS zum Inline Skaten. Die Vision war, dass ich eingeben kann, ich möchte von A nach B und das Gerät würde mich über asphaltierte Fahrrad- und Fussgängerwege lenken. Natürlich wusste ich, dass es so etwas (noch) nicht gibt (warum eigentlich? Technisch wäre das ja einfach realisierbar). Ein Unternehmen muss laufend innovative Angebote auf den Markt bringen. Es kann auch dann zu einem Wettbewerbsvorteil kommen, wenn das Angebot noch nicht ganz den Visionen entspricht oder sogar noch wenig ausgereift ist. Das Unternehmen, das mit einer Idee zuerst auf dem Markt ist, hat meistens die Nase vorn. Aus demselben Grund kaufte ich das GPS trotz meines Wissens, dass es meine Anforderungen nicht erfüllt. Ich war aber neugierig, was sich damit machen lässt. Nun bin ich Inline-GPS-Besitzer und als das lebt es sich anders. Natürlich ist es keine tiefgreifende Veränderung meines Lebens. Aber dennoch muss ich das Gerät in mein Leben einbauen. Es ist ein typisches Intergrationsprojekt. Genauso ergeht es einem Unternehmen, das eine neue Technologie integriert, um ein innovatives Angebot machen zu können oder seine Prozesse innovativ zu verändern.
Am Anfang war zwar eine konkrete Vision oder ein konkreter Wunsch, was das System können sollte. Daraus lässt sich ein vollständiger Anforderungskatalog erstellen und eine sehr genaue Spezifikation schreiben. Alles für die Katz‘. Nachdem ich das Gerät hatte, begann ich zu lernen, was es überhaupt kann, bzw. was es alles nicht kann.
Beispiel 1: Beim Kauf zeigte mir der Verkäufer das beiliegende Kartenmaterial. Da heisst es „Topografische Karte; Grundmassstäbe 1:50 000 und zum Teil 1:25 000“. Das ist doch ‚was. Sofort stellte ich mir die Topologische Karte der Schweiz vor und machte ziemlich grosse Augen, als ich sah, dass 6 Meter breite und asphaltierte Strassen auf der Garmin-Karte bloss als Strich eingezeichnet ist, als wäre es ein Feldweg. Dass sich die modernen Kartenangebote nicht auf Garmin Geräte übertragen lassen, wusste ich auch nicht, denn ich dachte, dass ein bisher erfolgreiches Unternehmen kaum den Fehler begeht, sich mit einem proprietären Standard zu verschliessen.
Beispiel 2: Wenn Sie es im Modus „Fussgänger – der Strasse folgen – Mautstrassen vermeiden“ betreiben, werden Sie laufend auf die Autobahn gewiesen. Sogar dann, wenn Sie zwei Wegepunkte eingegeben haben, die z.B. 20 Meter auseinander liegen. Das Gerät schickt Sie nach Passieren des ersten Wegepunktes über alle erdenklichen Autobahnen und Überlandstrassen zum Wegepunkt 2, nur nicht direkt. Ich lernte, dass ich das Gerät im Modus „Fussgänger – Luftlinie – Mautstrassen vermeiden“ betreiben und die Wegepunkte auf meiner Route derart wählen muss, dass jeweils der nächste per Luftlinie erreichbar ist. Wofür die Einstellungen „Fussgänger“ und „Mautstrassen vermeiden“ gut sind, habe ich noch nicht gelernt.
In einem Integrationsprojekt geht es also darum, das neue System immer besser kennen zu lernen und zu lernen, es möglichst gewinnbringend einzusetzen. Ein Intergrationsprojekt ist somit ein Lernprojekt. Ein Modell eines Intergationsprojekts ist weitgehend ein Modell des Lernens.

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