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Die Humanität erreichte mehr, wenn sie zum Respekt vor der Vielfalt riete.

Titel nach einem Zitat des Schriftstellers Hans Kaspar, 1916 – 1990

Eine Gesellschaft ist nun einmal pluralistisch. Natürlich kann eine Regierung eine bestimmte Meinung standardisieren und andere Meinungen verbieten, aber das heisst ja nicht, dass es die anderen Meinungen dann nicht mehr gibt. Wenn ich glaube, die Erde sei eine Scheibe, dann glaube ich das eben, auch wenn die wissenschaftliche Schulmeinung etwas anderes behauptet. Ich werde wohl erst dann zögerlich bereit sein, meine Meinung zu überdenken, wenn sie mit meinen persönlichen Beobachtungen kollidiert. Gerade bei etwas so globalem, wie die Form der Erde, sind direkte Beobachtungen jedoch eher schwierig zu erlangen.

Wissenschaftlich vorprogrammierte Interessenskonflikte im Projektmanagement

Auf wirtschaftlicher Ebene sind Anschauungsdifferenzen unter der Bezeichnung „ökonomisches Prinzip“ gleich „wissenschaftlich“ programmiert. Es geht darum, das Ergebnis eines Unterfangens zu maximieren unter der Nebenbedingung, den Aufwand minimal zu halten. Dieses Prinzip wird oft in zwei Teilprinzipien formuliert, die die Differenzen besiegeln: das Minimalprinzip fordert, dass bei gegebenem Ergebnis der Aufwand minimiert werden soll, das Maximalprinzip hält den Aufwand fest und maximiert das Ergebnis. So macht denn Wikipedia das folgende Beispiel:

  • Ziel: Mit 50 Liter Benzin (Aufwand) eine möglichst große Strecke (Ergebnis) zurücklegen
  • Alternative A: 500 km Fahrstrecke
  • Alternative B: 550 km Fahrstrecke
  • Ergebnis: Alternative B ist der Alternative A vorzuziehen

In Projekten zeigen sich die beiden Teilprinzipien jeweils von ihrer besten Seite: Während der Auftraggeber stets versucht, dem Projektführer möglichst viele Leistungen abzuringen, ohne über den Pauschalpreis zu diskutieren, ist letzterer bestrebt, lediglich Normleistungen auszuliefern und fordert für jede Sonderleistung einen Change Request mit Kostenfolgen. Das führt jeweils zu stundenlangen Diskussionen, Eskalationen und unschönen Konsequenzen. Es kommt auch schon mal zu persönlichen Beleidigungen. Als Lösung wird dann die „Requirements Analysis“, bzw. Anforderungsanalyse nach IEEE, CMMI oder IIBA angeboten, mit dem Ziel eines Lastenheftes oder eines Product Backlogs vorgeschlagen, ohne dass sich die Situation dadurch entschärfen liesse. Geld ist überaus „denknormierend“. Wenn zwei gleiche Angebote vorliegen, wird sich eine Konsumentin stets für dasjenige entscheiden, das weniger kostet. Dabei sind zwei Angebote niemals gleich. Eine Kostendifferenz hat immer eine Ursache. Die Projektmanagement-Unkonferenz „PMCamp“ in Berlin, die vom 7. bis am 9. September 2017 an der Humboldt-Universität stattfindet, hat das Motto „Vielfalt“ (und andere V-Wörter). Zu diesem Thema passt der vorliegende Blogbeitrag.

Demokratische Meinungsbildung

Wenn es um die systemische Entwicklung einer Gesellschaft geht, die Millionen von Individuen umfasst, meint jede Person a priori zu wissen, was für die Gesellschaft am besten ist. Beispiel: Migration. Hier fokussieren die Meinungen vor allem auf die Frage, was mit der ansässigen Gesellschaft unter einem massiven Zufluss von Menschen aus anderen Gesellschaften passiert. Eine häufig gehörte Meinung ist, dass der Migrationsstrom in der ansässigen Gesellschaft Auflösungserscheinungen verursache. Ein gegenteilige Meinung könnte sein, dass Einwanderer die ansässige Gesellschaft bereichern und vorwärts bringen. Niemand weiss es, aber alle sind von ihrer Meinung überzeugt. Das führt dann zu unseligen Meinungskriegen, die sogar ab und zu in gefährliche Scharmützel ausarten. Es ist niemals möglich, dass sich die Parteien auf „abwarten und zusehen, was kommt“ einigen. Lieber, man streitet auf Vorrat, als dass man sich durch eine ungünstige Entwicklung überraschen lässt. Schlimm ist, wenn einer dem anderen den Schädel einschlägt, um dann feststellen zu müssen, dass der andere doch recht gehabt hätte.

Bei gesellschaftsübergreifenden Meinungsverschiedenheiten, werden persönliche Meinungen auch in Demokratien nicht einmal berücksichtigt. Ich denke da beispielsweise an die Meinungsbildung zu den ökologischen Konsequenzen menschlichen Handelns. Hier findet ein politischer Diskurs fast nur auf multinationalen Konferenzen der führenden Regierungen statt. Sie vertreten meist ihre eigenen Meinungen ohne sich an einer Meinungsbildung im eigenen Land zu oreintieren. Es macht eben auch keinen Sinn, national über „global warming“ zu diskutieren, wenn die CO2-Fahnen aus den Nachbarländern herein wehen. Neben diesen multinationalen Anstrengungen gibt es „Nebenkriegsschauplätze“, wie z.B. die Wissenschaft oder private Vereinigungen und Initiativen, die sich meist auf individueller Ebene bewegen, nach dem Motto: „Wenn wir die Mehrheit der Menschen davon überzeugen, nachhaltig zu leben, dann ist eine ökologische Katastrophe gebannt“.

Solche Szenarien sind in Demokratien an der Tagesordnung. Aber nicht einmal in Diktaturen gibt es eine homogene politische Meinung. Widerstand gegen die diktierte Standardmeinung ist dort zwar gefährlich, aber stets präsent. Je strikter ihr Verbot, desto mehr werden abweichende Meinungen gestärkt.

Angriffe gegen die individuelle Identität

Die Duchsetzung und Verbreitung der eigenen Meinung ist ein sehr starkes Motiv, vermutlich stärker als die Verbreitung und Schutz der eigenen Gene. Die eigene Meinung, Weltsicht oder der eigene Lebensentwurf ist uns so nah, wie die eigene Haut. Wir nehmen sie nicht bewusst wahr, solange sie nicht verletzt ist. Die eigene Meinung ist mir derart selbstverständlich, dass es mir unmöglich erscheint, wenn andere Menschen nicht dieselbe Meinung haben können, als ich. Und wenn sie dann doch eine andere Meinung äussern, dann halte ich sie für verrückt.

Jonas Kaplan von der University of Southern California in Los Angeles hat neuronale Grundlagen von Abwehrreaktionen untersucht, wenn andere Meinungen versuchen, die eigene Meinung infrage zu stellen. Einer der Befunde war, dass die Versuchspersonen umso weniger ihre Meinung änderten, je stärker beim Hören der Gegenargumente ihre Amygdala aktiv war. Das ist eine Hirnregion, die für die gefühlsmässige Bewertung einer Situation zuständig ist. Für das Gehirn macht es zu einem gewissen Grad demnach keinen Unterschied, ob wir körperlich bedroht sind oder ob unsere Identität bedroht ist. Je heftiger unsere emotionale Reaktion auf diese Bedrohung ausfällt, desto eher halten wir an unseren Überzeugungen fest.

Jemanden zu widersprechen, ist also wie ihm körperlich zu drohen. Das bedeutet für mich, dass ich einer fremden Meinung nur dann widerspreche, wenn es erwünscht ist. Ansonsten laufe ich Gefahr, dass sie sich noch mehr festigt.

Oft erlebte ich die Überzeugung, die eigene Weltsicht sei Norm, wenn ich Freunden bei der Computerpflege half. Dabei habe ich beobachtet, wie jede Person seinen ganz eigenen Umgang mit dem Computer hat. Das äussert sich im Programm- und App-Portfolio, in der Dateistruktur seiner persönlichen Daten und in individuellen Abläufen. Einer hat z.B. die Berichte, die er in einer Textverarbeitung erstellte, stets in dieselbe Datei geschrieben und verwechselte „Datei“ mit „Ordner“. Schliesslich war seine Berichtsdatei mehrere hundert Megabyte gross und das Programm reagierte fast nicht mehr. Ich konnte ihn bloss dazu bewegen, mal eine neue Datei zu eröffnen, was er als Mangel der Textverarbeitung betrachtete und nicht etwa seine Sicht hinterfragte. Er war felsenfest überzeugt, dass seine Vorgehensweise Standard sei und es alle so machen.

Wie sehr jede Person ihre Überzeugung als „normal“ ansieht und alle anderen als „verquer“, zeigt die Lektüre von Kommentaren eines kontroversen Beitrags in sozialen Medien, wie z.B. der des World Economic Forums auf Facebook vom 17. August 2017 zum Thema This is when Robots will overtake humans. Der Beitrag kommt zum Schluss, dass

There is a 50% Chance AI will outperform humans in all task in 45 years time. And the chance of all jobs bing automated in 120 years is also 50%

Es gibt momentan 470 Kommentare. Einige bestätigen die Aussage, andere machen sich darüber lustig, wieder andere regen sich auf und das Wort „Idiot“ fällt sehr schnell. Es ist anscheinend nicht möglich, die Aussage einfach so im Raum stehen zu lassen und allenfalls seine eigene Meinung völlig emotionslos daneben zu stellen.

Joachim Retzbach beschreibt dieses Verhalten in Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“:

Der Mensch als solcher ist keineswegs offen für Argumente. Im Gegenteil, wir halten an lieb gewonnenen Überzeugungen fest – oft gegen jede Vernunft. Wenn Menschen sich einmal eine Meinung zu etwas gebildet haben, versuchen sie, diese zu behalten. Unsere Einstellungen sind ein Teil unserer Identität

Mentale Modelle und Verschwörungstheorien

Dabei ist es gar nicht erstrebenswert, einen Mitmenschen von meiner Meinung zu überzeugen. Seine Meinung ist so gut (oder so schlecht), wie meine, obwohl mir diese Einsicht widerstrebt.

Natürlich sind Meinungen nicht absolut starr und können in Diskussionen und Dialogen nachjustiert werden. Aber die grundsätzlichen mentalen Modelle eines Menschen scheinen (zumindest über lange Zeitperioden) unerschütterlich zu sein. Mit „mentalem Modell“ bezeichne ich das Konglomerat von Meinungen, Ideen, Überzeugungen, der Weltsicht und dem Lebensentwurf eines Menschen. Das mentale Modell – eine von Peter Senges fünf Disziplinen – ist eine Selbstorganisationsstruktur, die einen Attraktor bildet. Ein Attraktor kann man sich als einen wabbelnden Wirbel vorstellen. „Wabbeln“ bedeutet, dass ein Punkt im Wirbel nach einer Umdrehung nicht wieder zu selben Ort zurückkehrt, sondern nur in seine Nähe kommt. Manchmal treffe ich auf Menschen, die das Bild eines „Überzeugungswirbels“ geradezu verkörpern. Alles dreht sich bei solchen Menschen um die eine Sache und zwar so rasant, dass sie nicht mehr daraus heraus kommen und für andere Ideen nicht zugänglich sind. Das gilt vor allem für Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben oder einer pseudoreligiösen Sekte angehören. Eine Verschwörungstheorie ist ein enger Attraktor, dessen Wirbel kaum wabbelt und eher einem Kreis gleicht. Die Gedanken sind in diesem Groove gefangen. Je komplexer die Welt, desto grösser das Publikum, das sich dankbar auf eine Verschwörungstheorie setzt, denn die wissenschaftlichen Erklärungen sind unverständlich, die komplexe Situation ungewiss und uneindeutig und die Beschäftigung mit fremden Gedanken aufwändig. Philippe Hummel schreibt in 8 Fakten zu Verschwörungstheorien der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“ über die Forschungen der beiden Verschwörugstheorieexperten Michael Butter und Sebastian Bartoschek .

Aber auch religiöse Motive können zu extremen mentalen Modellen führen, wie sie in der Geschichte des Christentum mehrmals auftauchten. Natürlich waren die Glaubenskriege, Hexenverbrennungen und andere Pogrome meist politisch motiviert, aber in den Köpfen der Akteure spielten religiöse Motive eine zentrale Rolle. Zu ähnlichen „Überzeugungswirbeln“ können Ernährungs- und andere Gesundheitstheorien führen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Begriff der Verschwörungstheorien nicht sauber abgegrenzt werden kann. Je nach Auslegung der Kriterien von Michael Butter – es gibt ein Kollektiv von Verschwörern, die im Geheimen einen teuflischen Plan verfolgen, um damit anderen Menschen Schaden zuzufügen – kann die Gruppe der Verschwörer mal die Gläubigen einer anderen Religion, die Pharmaindustrie, die Angehörigen einer fremden Gesellschaft, ja sogar die eigene Regierung sein. Schliesslich scheint mir jedes mentale Modell in einem weiten Sinn eine Verschwörungstheorie zu sein, was sich darin äussert, dass eben jedes mentale Modell ein Attraktor ist, der die Vorstellungen und Überzeugungen kreisen lässt. Menschen haben alle ein oder mehrere Wirbel im Kopf, die ihre Meinungen bestimmen und das ist gut so. Je grösser der Pluralismus und die Meinungsvielfalt, desto grösser ist die Chance für Innovationen und neue Gedankenkombinationen. Ich muss mich immer wieder neu zu dieser Erkenntnis durchringen, wenn ich mit anderen Menschen kommuniziere.

Man schlägt den Sack und meint den Esel

Auch wenn es vielleicht manchmal nicht offensichtlich ist, aber bei all meinen Beiträgen geht es mir um den Praxisbezug. Es gibt zwar nichts Praktischeres, als eine gute Theorie, aber wenn daraus nicht hervor geht, was ein Manager machen muss, um bessere Ergebnisse zu erzielen, dann ist die Theorie noch unausgereift.

Obwohl ich hier schon einmal auf den Artikel When Bad Things Happen to Good Projects1 aufmerksam gemacht habe (Was ist billiger? Ein Mitarbeiter oder eine Zertifizierung? in diesem Blog, 29. September 2009), möchte ich nochmals mit Nachdruck darauf hinweisen. Die Lessons Learned, die man aus diesem Artikel ziehen kann, weisen eindeutig in die richtige Richtung.

Ein typisches Migrationsprojekt

Es handelt sich um eine Fallstudie eines typischen Migrationsprojekts. Nachdem HP einige Unternehmen inklusive ihren Prozessen und IT-Systemen akquiriert hat – z.B. Compaq – sah sie sich vor das Problem gestellt, die verschiedenen IT-Systeme, die dieselbe Funktionen haben, zusammen zu führen. Beispielsweise hat jede Unternehmung ein sog. Order Entry System, also eine IT-Einrichtung, die Bestellungen entgegen nimmt und in Produktions- und Speditionsanweisungen umwandelt. Die Bestellungen geben die Kunden über das Internet (bzw. das Web) direkt in das Order Entry System ein. Kleinere Kunden können ev. auch einen Support Mitarbeiter anrufen und die Bestellung mündlich durchgeben.

Bei HP ist das Order Entry System ein Teilsystem ihres SAP. Einige Unternehmen, die HP akquiriert hat, haben allerdings kein SAP eingesetzt. HP wollte nun alle Order Entry Systeme in ihrem Unternehmen auf SAP konsolidieren.

Umleiten des Outputs des einen Systems in das andere System

Das machte sie in mehreren Etappen und stets auf dieselbe Weise: Der Output eines Order Entry Systems R wurde in das SAP-System umgeleitet. Für das SAP-System waren dann die Bestellungen, die via R herein gekommen sind, gleichbedeutend, wie Bestellungen, die von einem externen Kunden kamen. Haben die Kunden, die via R bestellten, einmal begriffen, dass sie jetzt via das SAP-System bei HP bestellen müssen, kann R abgeschaltet werden.

Dazu müssen die Produktions- und Speditionsanweisungen, die das System R verlassen, in Bestellungen für das SAP-System übersetzt werden. Es braucht also zwischen dem R-System und dem SAP-System ein kleines Stück Software, das diese Übersetzung macht. HP hat diese Übersetzungssoftware für das Order Entry System einer jedem akquirierten Unternehmung geschrieben. Jedes Mal ging das gut und jedes Mal erhöhte sich die Erfahrung von HP für dieses Vorgehen bei der Übernahme einer neuen Unternehmung….bis sie die fremden Order Entry Systeme für das Servergeschäft migrieren wollten. Das Servergeschäft ist der grösste Geschäftszweig von HP.

Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht

Die letzte und umfangreichste Migration ging schief! Die Übersetzungssoftware enthielt kleine Fehler, die dazu führten, dass viele Bestellungen im SAP-System stecken blieben und gar nie in die Produktion kamen, bzw. die bestellte Ware gar nie spediert wurde. Kunden beschwerten sich oder – noch schlimmer – wanderten ohne Kommentar ab. Der Schaden betrug 160 Millionen US-Dollar!

HP hat die Übersetzungssoftware auf Herz und Nieren getestet. Dennoch enthielt sie Fehler, denn man konnte nicht alle möglichen Bestellformate voraussehen, die die Kunden anliefern. Es gab Bestellungen, die enthielten unvorhergesehene Elemente oder Zeichen, die die Übersetzungssoftware nicht richtig interpretieren konnte. Das kann man mit den umfangreichsten und sorgfältigsten Tests nicht verhindern.

Lehren

Es gibt viele Lehren, die wir daraus ziehen können, und ich möchte in einem oder zwei Folgebeiträgen auf ein paar Lehren hinweisen, die der Autor des Artikels nicht erwähnt hat. Er betont vor allem, dass das Risikomanagement vom Business wahrgenommen werden muss und nicht auf die IT abgeschoben werden darf. Oft wird nämlich die IT „geschlagen“, obwohl man das Business meint.

Die IT versucht, durch Zertifizierung die Projektmanagement-Fähigkeiten zu erhöhen, was zwar machbar ist, aber offensichtlichs nichts taugt. Gegen die Unvorhersehbarkeit der Bestellformate hilft eben z.B. ein Gantt-Diagramm oder eine Earned Value Analysis nichts. Risikomanagement auf der Businessebene ist hingegen viel schwieriger und unangenehmer, weshalb es gerne auf die IT abgewälzt wird. Das ist der Systemarchetypus der Problemverschiebung, auf den ich im nächsten Beitrag zu sprechen komme.
Schliesslich forderte der Autor bereits 2004, dass man im Projektmanagement endlich vom Kost-Termin-Denken wegkommen sollte. Was nützt einem ein Projekt, dass kosten- und terminmässig erfolgreich abgeschlossen wurde, nachträglich dem Business aber 160 Mio Dollar Verlust bringt? Sagen Sie nicht, dass das Projekt in dem Fall nicht erfolgreich war! Es wurde vom Auftraggeber zufriedenstellend abgenommen, nachdem er sogenannte Akzeptanztests gemacht hatte, denn auch er hatte sich nicht abschliessend vorstellen können, was für Bestellungen eintreffen werden.

1Koch, Christopher. When Bad Things Happen to Good Projects, in CIO.com, 2. April 2007

Was ist billiger? Ein Mitarbeiter oder eine Zertifizierung?

Gestern stiess ich auf einen wunderbaren Artikel, dessen Lektüre zu vielen Aha-Einsichten führt. Der Artikel trägt den Allerweltstitel: When bad things happen to good projects1 und ist offenbar im Web längst verbreitet, ohne dass ich ein Umdenken im Projektmanagement hätte feststellen könnte.

Er erzählt von einem ERP-Migrationsprojekt bei HP. Es ist schon das sechste dieser Art. Die ersten fünf sind vom immer gleichen Projektteam mit viel Erfolg durchgeführt worden. Diesmal betrifft es die grösste HP-Abteilung, die ISS (Industry Standard Servers). Für alle Fälle hat HP einen Vorrat an Servern angelegt, der dem üblichen Verkaufsvolumen von drei Wochen entspricht. Zusätzlich hat HP eine leere Fabrikhalle so ausgerüstet, dass sie imstande wäre, einen Überlauf an Bestellungen von kundenspezifisch konfigurierter Servern zu produzieren.

Offenbar sah das Konzept der Migration vor, dass das neue System parallel zum alten läuft, zumindest für eine gewisse Übergangsperiode. In dieser Zeit kommen die Bestellungen im alten System an und werden an das neue System übermittelt, das dann die darauf folgenden üblichen ERP-Funktionen ausführt, wie Bedarfsermittlung und Produktionsplanung. Bei der Übermittlung muss das Datenformat konvertiert werden, und da war offenbar ein klitzekleiner Fehler im Datenmapping. Dieser Fehler hat sich in den Tests kaum manifestiert. Erst, als die Sache produktiv geschaltet wurde, blieben einige Bestellungen stecken und wurden vom neuen System nicht weiter verarbeitet. Bei dem Volumen an Servern, die HP in jeder Zeitperiode produzieren muss, sind „einige“ sehr viel. Erboste Kunden riefen bei der Helpline an oder – noch schlimmer – gingen zu Dell oder IBM. HP verlor wegen dieses kleinen IT-Fehlers 160 Millionen Dollars. Ich habe mir folgende Gedanken gemacht:

1. So, wie der Kontext des Projekts – also das Business und die Unternehmenskultur – einen beträchtlichen Einfluss auf das Projekt hat, übt auch ein Projekt Einfluss auf das Business aus, wie bei Eschers zeichnenden Hände2. Offenbar hängt der Einfluss sensitiv von den Anfangsbedingungen ab, denn ein kleiner Fehler im IT-Projekt kann riesengrosse Auswirkungen auf das Business haben.

2. Koch schreibt, dass das Desaster hätte vermieden werden können,

…not by trying to eliminate every possibility for error in a major IT sysetm migration, which is virtually impossible, but by taking a much broader view of the impact that these projects can have on a company’s supply chain

In wie vielen IT-Migrations- und Integrationsprojekten wird der Fokus noch immer ausschliesslich auf technische, terminliche und finanzielle Risiken beschränkt? Natürlich kann man von einem Projektleiter nicht verlangen, dass er sich sowohl um technische Detailfragen als auch um strategische Belange des Gesamtunternehmens kümmert. Im Gegenteil: Einem Projektleiter wird kaum zugestanden, dass er sich in den Projektkontext einmischt. Dafür ist doch das Top Management zuständig. Aber wo bleibt es denn, wenn es gilt, den „broader view of the project’s impact“ zu beurteilen?

3. Das Top Management meint, wenn es seine Projektmanager PMP-zertifiziere, dann habe es seine Hände in Unschuld gewaschen, denn Koch schreibt:

That’s why IT project management has become high art while business contigency planning remains in the Dark Ages

Die Manager mögen ganz einfach ihre Hausaufgaben nicht machen, denn contingency plannig ist eindeutig ihr Bier. Je bedeutender das Projekt ist und je näher am Kunden es ist, desto mehr Engagement ist vom Top Management zu erwarten. Die übliche Abwesenheit des Top Managements in wichtigen Projekten rechtfertigt jedenfalls keine fetten Managerlöhne!

4. Es ist wahrscheinlich auf die Dauer billiger, zusätzliche Ressourcen anzustellen, die das Geschäft von Hand machen, wenn etwas schief geht, als die methodischen Fähigkeiten der Projektmanager bis zum Geht-nicht-mehr zu perfektionieren. Koch schreibt dazu:

In the end, it is riskier for companies to try to protect themselves from glitches in enterprise software projects through ever better IT project management techniques than it is to plan for manual workarounds to get products to customers in case of failures

Immerhin wurde der Rückstau der Bestellungen einige Zeit nicht entdeckt. Dazu schreibt Bill Swanton von der AMR Research (die, die das SCOR-Modell mit entwickelt haben):

It’s (about) having people who are watching what’s happening, able to detect if there’s a problem and working out some simple manual way around it until you are ready to work with the system

5. Schliesslich liegt es an uns Endverbrauchern zu akzeptieren, dass der seriöse Umgang mit Komplexität – d.h. das Verhindern von GAUs – Geld kostet und wir Geiz nicht weiterhin geil finden sollten.

1Koch Christopher. When bad things happen to good projects. 2004.
(http://www.cio.de/801687 und eine pdf-Version bei http://www.webcitation.org/5k978Ejcd)

2http://www.123-zwischenraum.de/escher.html