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Neue Riten braucht das Land

Ein neulicher Kommentar zu einem meiner schon älteren Blogbeiträge lautet kurz und bündig:

Die Welt ist nichts, Gott ist nichts. Ich bin auch nichts. Das macht aber nichts

Der Kommentator legt dieses Zitat Max Stirner in den Mund, was ich nicht bestätigen kann. Das macht aber nichts.

Das Universum verfliesst, es gibt keinen Halt mehr

Hingegen macht es durchaus etwas, dass Gott und die Welt nichts sind. Vor drei- bis vierhundert Jahren verbannte die Naturwissenschaft den Mensch aus dem Zentrum des Universums und löste dieses gleichzeitig auf, worauf Nietzsche feststellte, dass Gott tot sei. Die Physik des jungen 20. Jahrhunderts bewies, dass die Welt materiell eher nichts als etwas und jedenfalls sehr relativ ist.

Das führte mit dem Konstruktivismus zur Abkehr von der Idee einer absoluten Wahrheit und empirischen Objektivität, was aber dem seit mindestens 3000 Jahre gewachsenen Gefühl, wonach eine Aussage – neuerdings spricht man von «Fakt» – entweder wahr oder falsch sein muss, widerspricht.

Wir schlichen uns aus dem Zentrum des Universums davon (Flammarions Holzstich, by Wikipedia)

In der Folge versuchte man, diese zweiwertige Logik zu ergänzen, obwohl die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse weniger für eine dreiwertige Logik sprachen als vielmehr für eine sowohl-als-auch-Logik. Versuche in dieser Richtung bilden die dialogische Logik oder die polykontexturale Logik von Gotthart Günther. «Sowohl-als-auch» bedeutet, dass die Nicht-Wahrheit einer Aussage ihre Wahrheit überlagert. Eine Aussage ist also immer wahr und gleichzeitig falsch. Insbesondere gibt es keine Dichotomien, da beide Pole immer gleichzeitig Gültigkeit haben. Aber damit sind trotzdem nicht beliebige Aussagen möglich, denn in einem bestimmten Kontext macht die Wahrheit oder die Nichtwahrheit der Dichotomie Sinn.

Hier zeigt es sich erneut, dass die Natur(wissenschaft) und die Gesellschaft nicht komplementär sind, sondern sich vielmehr gegenseitig konstruieren.

Der Leuchtfeuer-Online-Event als eine Art Burning Man Event im Web

Die Relativität des Universums und der Standpunkte hat nach Gott nun grundsätzlich alle Autoritäten abgeschafft. Die Menschen haben plötzlich «unendliche» Freiheit erlangt, weil niemand mehr sagt – sagen kann, was wahr und was falsch ist.  Schon möglich, dass die meisten Menschen so viel Freiheit gar nicht aushalten. Caveat Magister schreibt (1):

Human beings are not suited for a universe without a center

Das erinnert mich ein wenig an Bertolt Brecht:

Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug

Ceveat Magister arbeitet für das Burning Man’s education department an einer Studie über die  “Burning Man culture”.

Als Einführung in den MOOC – Massive Open Online Course – über neue Arbeitsräume, der am 19. April startet, schreibt Anja C. Wagner zum Titel des MOOC, «Leuchtfeuer 4.0» (2):

Schon mal vom Burning Man gehört? Eines der faszinierendsten Festivals der westlichen Welt – und Pulsgeber für das Web 2.0, die DIY-Kultur, das Weltverbesserungsdingens im Silicon Valley und all die Folgen, die wir derzeit spüren

Der MOOC sei jeder Person empfohlen, die sich für neue Arbeits-, Lern- und Lebensformen interessiert und neue Wege gehen möchte. Für den MOOC kann man sich hier anmelden:

Leuchtfeuer 4.0: Arbeit 4.0 trifft Bildung 4.0.

Leuchtfeuer 4.0 (by Nina Oberländer)

Ein MOOC ist ein Anlass, der vollständig im Web stattfindet. Man muss also nicht einmal aus dem Haus gehen. Es gibt aber keine Teilnehmer. Alle sind Teilgeber, d.h. alle leisten einen Beitrag. So funktioniert auch das Burning Man Festival.

Die Haut wird zum Kleid, das wir nach Belieben ablegen können

Magister glaubt, dass die unendliche Freiheit, die wir erlangt haben, uns mehr ängstigt als der Tod. Deshalb suchen wir verzweifelt nach Führung und Anleitung für unser Handeln.

So verstehe ich den globalen Erfolg rechtsnationaler Parteien, die die Welt mit simplen Dichotomien erklären und darauf aufbauend einfache Handlungsanweisungen versprechen. Während es vor 700 Jahren hiess: «Hie Ghuelf, hie Ghibellinen» (3), erklären die Populisten heute noch die Welt mit «Hier sind wir und dort die Anderen, die wir hier nicht dulden». Als ob in einer relativen Welt ohne absolute Wahrheiten eine solche Dichotomie noch irgendwelchen Sinn ergäbe!

Jumping out of your skin in the new year (by Farrukh, flickr)

Unsere ethnische Zugehörigkeit, unser Beruf, unsere Religion, ja sogar der Boden, auf dem wir stehen, gehörten bis vor Kurzem so sehr zu uns, wie unsere Haut. Auch wenn es viele noch nicht verstehen, Sie lernen gemeinsam, sie fühlen aber, dass das alles nun austauschbar geworden ist wie ein Kostüm, meint Magister, als könnten wir neuerdings aus der Haut steigen und eine andere anziehen.

Beispielsweise bedeutet lebenslanges Lernen, dass wir nicht mehr zuerst eine Ausbildung machen und dann endgültig das sind, wofür wir ausgebildet wurden. Vielmehr müssen wir uns heute den schnellen Veränderungen anpassen und unseren Beruf ständig wechseln, je nachdem, was verlangt wird.

Auch Heimat wird relativ. Immer mehr Menschen leben nomadisch und sind überall zuhause. Das Web erlaubt uns, viele Arbeiten ortsunabhängig und dennoch kollaborativ zu erledigen. Dabei kommen wir mit verschiedenen Kulturen und Religionen in Kontakt und müssen uns vorübergehend anpassen, so dass wir schliesslich auch multikulturell leben, denken und fühlen.

Das Normalarbeitsverhältnis – eine Ausnahmeerscheinung

Wenn lebenslanges Lernen und nomadisches Leben heute grad noch freie Entscheidungen sind, werden die Menschen bald keine Wahl mehr haben. Brigitta Bernet von der Universität Basel sieht im Normalarbeitsverhältnis – 40 Jahre Lohnarbeit auf der Basis einer vorgängigen Ausbildung – sowieso ein Ausnahmephänomen (4). Es ist erst in der Aufklärung entstanden und hat sich für die männlichen Familienernährer vor allem im Fordismus und seiner Produktionsform etablieren können. Das Normalarbeitsverhältnis setzt einen national verankerten, von der internationalen Konkurrenz weitgehend abgeschotteten Produktionsbetrieb voraus. Dieser verliert mit fortschreitender Globalisierung und Tertiarisierung an Bedeutung, so dass dem Normalarbeitsverhältnis der Boden entzogen wird. Auch hier identifiziere ich im momentanen Erfolg rechtsnationaler Kräfte ein letztes Aufbäumen gegen das allmähliche Abgleiten des Normalarbeitsverhältnisses, das mit dem Schliessen der Grenzen ihrer Meinung nach geschützt werden kann.

Auf der anderen Seite entstehen überall Initiativen für innovative Arbeitsmodelle auf Augenhöhe, selbstbestimmtes Arbeiten und Lernen, lebenslanges Lernen und alternative Unternehmensformen, die der neu gewonnenen «unendlichen» Freiheit des Menschen Rechnung tragen. Diesen Initiativen folgen vielleicht nur Menschen mit einem Urvertrauen in die Welt und die Menschheit. Es braucht viel Zuversicht und Offenheit, um das Zentrum des Universums und absolute Wahrheiten loszulassen. Die meisten haben wahrscheinlich Mühe damit. Es macht ihnen Angst und sie suchen nach Autoritäten und Fixpunkten, sogar wenn es ihnen bewusst ist, dass es sich um falsche Autoritäten handelt, die falsche Versprechungen machen.

The Healing Power Of Doing Good

Ein Ritus ist ein Tun (by merdeka)

Magister glaubt, dass wir wieder Riten brauchen. Aber wo nehmen wir in einer säkularisierten Welt ohne Orientierungshilfen Riten her? In den Schoss Gottes können wir nicht mehr zurück, nachdem wir uns aus dem Mittelpunkt des Universums hinauskatapultiert haben. Wir haben Technologie als prophetischen Kult. Bald seien Computer so intelligent, dass sie uns sagen, was wir tun und lassen sollen. Sie glauben, dass das ein angsteinflössendes Szenarium ist? Nicht für alle, denn wenn Computer und Big Data Algorithmen Handlungsanweisungen geben und Verantwortung abnehmen, dann kommt das vielen Menschen gerade recht. Endlich wieder eine Autorität, die Stütze ist!

Aber Magister versteht unter Riten Tätigkeiten. Er sagt, dass Intellektualismus und Theorien nicht genügen, sondern ein Tun gefordert ist. Riten sind Prozesse, die man durchlaufen muss, um sich mit der Autorität zu versöhnen. Religionen sind weniger gemeinsamer Glaube als vielmehr gemeinsame Aktivitäten, z.B. gemeinsames Gebet oder gemeinsames Empfangen von Sakramenten.

Magister fordert in einer säkularisierten Welt Aktivitäten, mit denen sich jeder Mensch im Rahmen seiner Talente und Fähigkeiten engagieren kann. Im 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden gerade zu diesem Zweck Serviceclubs und Logen. Ihr Credo ist der gemeinsame Einsatz im Dienste der Allgemeinheit. Damit ihr Tun einen rituellen Charakter erhalten, geben sich diese Organisationen in gewisser Weise sakral und wählen ihre Mitglieder sorgfältig aus. Leider haben Serviceclubs in der Öffentlichkeit das Ansehen einer Lobby korrupter Entscheidungsträger. Das kann ich aber aus meiner Erfahrung nicht bestätigen.

Rituelles Lernen als Voraussetzung zum Glücklichsein

Magister fragt, welche Organisationsformen moderne Riten bilden und tragen können und wie sie ihre Mitglieder für Freiwilligenarbeit motivieren können, die sowohl für die Mitglieder als auch für die Gemeinden einen Wert generieren. Im diesjährigen Burning Man Event wollen 70’000 «Burners» diesen Fragen nachgehen.

Ich denke, einzelne Organisationen, Tribes oder Communities können nicht mehr als Vorbilder sein. Eine Community von 70’000 Menschen ist ansehlich. Serviceclubs bringen es auf mehrere Millionen Teilgeber, die ihre Activities sogar überall rund um den Globus durchführen. Um jedoch den Menschen in ihrer «unendlichen» Freiheit wieder eine Stütze zu geben, reichen Organisationen und Communities nicht aus. Es muss vielmehr ein gesellschaftsweiter gemeinsamer Wille wachsen, der mit rituellem Tun verbunden ist. Dieses Tun muss einem Grundbedürfnis der Menschen entsprechen und ihnen Halt und Anleitung  geben.

by Topgold (from karegivers and  Google)

Lernen könnte ein solches Tun sein. Lernen ist eine überlebenswichtige Tätigkeit des Menschen und deshalb ein guter Anwärter auf einen Ersatz von Riten. Wir müssen täglich lernen. Lernen durchzieht unser Leben, von Geburt bis zum Tod.  In konnektivistischen massiven offenen online Kursen (cMOOC), wie dem Leuchtfeuer 4.0,  könnte sich so etwas wie Riten entwickeln. Ein cMOOC dauert im Allgemeinen mehrere Wochen, hat einen Anfang und ein Ende und das Ziel, einem bestimmten Thema auf den Grund zu gehen. Leider ist der Begriff «Kurs» falsch gesetzt, denn ein Kurs suggeriert, dass ein Lehrer in herkömmlichem Sinn Wissen an Schüler weitergibt. Aber ein cMOOC ist kein Kurs, sondern besteht aus selbstbestimmtem Lernen. Jede Woche werden einige Materialien zu einem Unterthema vorgelegt, das alsbald von den Personen, die sich im cMOOC eingeschrieben haben, diskutiert und von allen Seiten beleuchtet werden. Das Lernen geschieht in Kollaboration und im gemeinsamen Tun aller Teilgeber. Das sind diejenigen, die sich eingeschrieben haben. Das sind nicht Teilnehmer, denn das wäre zu passiv. Alle beteiligen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Im gemeinsamen Tun lernen („Andrew and Jerome juggle“ by salomon888)

Das kann sein, indem sie in einer Facebookdiskussion ihre Meinung zu einem Sachverhalt kundtun, gemeinsam an einem Dokument schreiben, einen Blogbeitrag verfassen, bisherige Kommentare zusammenfassen, die Ansicht eines Teilgebers in einer Zeichnung widergeben, einen Experten zum Thema interviewen und davon ein Video erstellen oder einen einschlägigen Artikel verlinken und kommentieren. Bei diesem Tun muss man ständig Begriffe googeln oder in Wikipedia nachschlagen, diese neu interpretieren,  Literaturrecherchen durchführen, Quellen nachweisen und verlinken und anderen Forschungstätigkeiten nachgehen. Wer sich auf diese Weise mehrere Wochen mit dem Thema auseinandergesetzt hat, hat viel gelernt. Darüber hinaus macht das kollaborative Lernen auf Augenhöhe zufrieden und glücklich.

Am besten, Sie probieren es ab dem 19. April gleich selber aus, indem Sie in den Leuchtfeuer-MOOC herein schauen oder Sie fahren einen anderen MOOC ab, den Sie auf Onlinecampus finden. Es gibt dort Angebote über Arbeitspsychologie, Neue Perspektiven, Klima, bürgerliches Engagement, Volleyball, Windenergie und viele andere Themen.

Wenn die Gesellschaft einmal akzeptiert hat, dass Lernen Grundvoraussetzung nicht nur für das Überleben des einzelnen Individuums ist, sondern auch für die Community und alle Menschen neben ihrem 4-6 Stundenjob – was mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung künftig normal sein wird – sich pro Jahr mindestens in einem cMOOC engagieren, dann könnte solches Lernen rituellen Charakter annehmen und in der zukünftigen Arbeits- und Lebenswelt sinnstiftend sein.

 

(1) Caveat Magister. Why Ritual is Relevant. The Burning Man Journal. 6. Februar 2017

http://www.webcitation.org/6oGTSUPQz

(2) Burning Man & das Web 2.0

(3) Wikipedia. Ghibellinen und Guelfen

Franz W. Scherer. Hie Guelf- Hie Ghibellin. Ein Roman aus der Hohenstaufenzeit. 1925

(4) Brigitta Bernet. Die Zukunft der #Arbeit muss neu gedacht werden. Beiträge zur öffentlichen Debatte. 15. Februar 2017

 

Die Komplexität der Arbeitswelt nimmt zu

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Ich wollte, ich könnte das so gut, wie @dieHauteCulture, die jeden MOOC-Tag mit genialen Illustrationen versah!

Gestern ging der MOOC über Arbeit 4.0 zu Ende.  Er dauerte bloss eine Woche. Jeden Tag gab es mindestens ein Frühstücksvideo, ein Video zum Mittagssnack, eines zum Nachmittagstee und eines mit ausführlichen Interviews. Alles in allem konnte man sich täglich mit den Videos 90 – 120 Minuten beschäftigen. Ich muss schon fast sagen: «leider» waren diese Videos derart interessant, dass es mir schwerfiel, eine Auswahl zu treffen. Am spannendsten waren aber die Mittags- und Frühstücksvideos, die von Anja C. Wagner, alias FrolleinFlow, sympathisch und professionell moderiert und präsentiert wurden.

Arbeit 2.0 oder 4.0?

Was ist mit «Arbeit 4.0» gemeint? Heute wird alles, was ein wenig innovativ daherkommen möchte, mit einer Versionsbezeichnung versehen. Das lehnt sich an die Bezeichnung «Web 2.0» an, die in den frühen 2000er Jahren geprägt wurde und eine Reihe partizipativer und interaktiver Elemente des Web meinte. Seither wurden alle Lebensbereiche, die das Web 2.0 nutzten mit der Versionsnummer «2.0» versehen – Management 2.0, Finance 2.0, Lernen 2.0, sogar Werkbank 2.0, etc. Das war irgendwann einem nicht genug. Er erfand kurzerhand und unter Umgehung der Version 3.0 die Versionsnummer «4.0», vielleicht um zu zeigen, dass er noch viel innovativer ist als die 2.0-Gemeinde.

Im Wandel zur Arbeit 2.0 entsteht eine komplexe Ordnung

Item, Arbeit 4.0 – ich nenne sie nach wie vor «Arbeit 2.0» – bezeichnet eine neue Arbeitskultur, die sich einerseits aus der Tendenz zu vermehrter Wissensarbeit und andererseits aus der intensiven Digitalisierung und Globalisierung entfalten wird. Arbeit 2.0 ist eine Emergenz im Rahmen zunehmender Komplexität. Die Transformation ist in vollem Gange und es ist noch nicht abzusehen, wohin sie uns treibt. Im MOOC wurden eine Anzahl Unternehmen, vorwiegend aus dem Silicon Valley, vorgestellt, die alle disruptive Experimente mit innovativen Arbeitsformen durchführen.

Ist Homeoffice in einer Sackgasse?

Dazu gehören z.B. mobiles Arbeiten und Homeoffice. Eindruck machte mir Automattic. Wer dort arbeitet, kann seinen Arbeitsort selber wählen. Die Mitarbeiter treffen sich innerhalb eines Jahren lediglich während einer Woche zentral und persönlich. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die ihre Mitarbeiter täglich mit Bussen, die mit WLAN ausgestattet sind, in die Industriezentren ausserhalb der Stadt fahren. Nix von Homeoffice. Walter Simon fragt sich sogar, ob Homeoffice eine Sackgasse sei.

Die Tomaten-Kooperation

Interessant ist auch das Beispiel von Morning Star, einem Unternehmen, das Tomaten verarbeitet. Morning Star ist eine Kooperation vieler selbstständiger Kleinstunternehmen: Tomatenbauern, LKW-Fahrern, Tomatenverarbeiter, etc. Die Idee heisst «Selbstmanagement» und war derart erfolgreich, dass Morning Star sogar ein Institut dafür gegründet hat, das andere Unternehmen beim Change zum Selbstmanagement unterstützt. http://www.self-managementinstitute.org/ «Selbstmanagement bedeutet die Rückkehr zur Arbeitsethik, denn gut gemachte Arbeit macht zufrieden und Spass», wie Anja ausführte.

Die Dictyostelium-Unternehmung

Damit kommt Morning Star nahe an meine Idee der Dictyostelium-Unternehmung, die ich bereits 1996 beschrieben habe (1) (offenbar sollte ich den deutschen Namen vermeiden, da er bei mangelndem Abstraktionsvermögen eklige Assoziationen schürt).

Einzelne Mikroorganismen aggregieren sich zu einem grossen Organismus, indem sie sich funktional separieren: einige übernehmen die statischen Funktionen eines Stengels, andere die sporenbildenden Funktionen eines Fruchtkörpers, wieder andere die nahrungsversorgenden Funktionen von Transportbahnen im Organismus. Es ist faszinierend, wie sich Tausende von selbstständigen Mikroorganismen höchst speditiv zu einem Makroorganismus formieren und jedes Mitglied eine Aufgabe übernimmt und sie zuverlässig erfüllt.

Arbeit 2.0 weiterdenken

Flexible Arbeitsformen wie Homeoffice und Selbstmanagement sind nur ein Aspekt von Arbeit 2.0. Der MOOC erwähnte noch zahlreiche weitere. Als nächstes gälte es nun, aus den vielen Einzelexperimenten grossflächige Trends abzuleiten. Eine andere wichtige Frage, die im MOOC am Rande thematisiert wurde, ist die Frage nach den sozialen Auswirkungen von Arbeit 2.0. Werden reiche Länder die gut ausgebildeten Wissensarbeiter stellen und die stupide Arbeit den armen Ländern überlassen? Wird Arbeit 2.0 zu einer grösseren Polarisierung von Arm und Reich führen? Wird die Digitalisierung grundsätzlich Arbeitslosigkeit fördern oder im Gegenteil mehr (Wissens-)Arbeit generieren?

(Bedingungsloser)
Basislohn gehört auch zu Arbeit 2.0

Es ist seltsam: seit wir «mit Pein den Acker bebauen» müssen, «von dem wir genommen sind», bemühen wir uns, vor allem stupide Arbeit zu automatisieren und mit viel Technologie unsere Mühsal zu lindern. Eine gleichmässige Aufteilung der restlichen Arbeitslast scheint aber im Rahmen des gültigen Wirtschaftsmodells nicht möglich zu sein. Dieser Zusammenhang tangiert das aktuell heiss diskutierte Thema eines bedingungslosen Grundeinkommens, über das in der Schweiz nächstens abgestimmt wird.

Dank

Arbeit 2.0 ist ein gesellschaftlich zentrales Thema, das von vielen anderen Themen abhängt und viele andere Themen beeinflusst. Umso grösser ist Anja C. Wagners Verdienst, diesen MOOC durchgeführt zu haben und uns an ihrer Reise ins Silicon Valley und dem Besuch der Tim O’Reilly Konferenz teilhaben zu lassen. Der MOOC trägt zum besseren Verständnis des aktuell stattfindenden Wandels bei. Vielen Dank, Anja!

(1) Addor, P. Die Schleimpilz-Unternehmung. gdi-impuls 3/1996, S. 38-47

Hilft kritisches Denken?

In Kapitel 3 ihres Buches „Digitale Kompetenz“ schreiben Werner Hartmann und Alois Hundertpfund

Auf der anderen Seite nimmt die Komplexität in unserem Umfeld aufgrund der Vernetzung und der Globalisierung zu

Das ist sehr richtig. Es ist aber unklar, was die Autoren hier unter Komplexität denn überhaupt verstehen. Es scheint, dass sie dabei an komplizierte technische Konstrukte denken, wenn sie z.B. behaupten, dass moderne Flugzeuge „äusserst komplexe Systeme“ seien.

Komplexität weist den Individuen eine Meinung zu

Benard
Einfache Strukturierung eines Systems in verschiedene Kompartimente. Komplexe Systeme haben viele solche Strukturen, die einander überlagern. Jedes Individuum gehört einem der Kompartimente an.

Meine Sicht von Komplexität ist die, dass sich eine wohldefinierte Population von Individuen unter dem Druck von Ressourcenströmen durch Selbstorganisation dynamisch strukturiert. Erst durch diese dynamische Struktur wird die Population zum System. Jedes Mal, wenn sich die Qualität der Ressourcenströme ändert, nimmt das System eine neue dynamische Struktur an, die auf der alten aufbaut. Der Wechsel zu neuen, höheren Strukturen erfolgt in immer kürzerer Zeit.

Die dynamischen Strukturen bestimmen das Verhalten und die Präferenzen der Individuen. Insofern ist es für mich ein Widerspruch, wenn Hartmann und Hundertpfund behaupten, dass die Komplexität zunehme und dadurch Kritik eine Anforderung an die Individuen sei. Sie schreiben

Neu ist, dass die Notwendigkeit, kritisch zu sein und Kritik zu üben, zunimmt, je grösser der Einheitsbrei an Informationen wird und je mehr Macht sich hinter diesem konzentriert

Mal ganz abgesehen davon, dass von einem strukturlosen „Einheitsbrei“ an Informationen im Web keine Rede sein kann, gehört es zum Wesen der Selbstorganisation von Strukturen, dass die Individuen in die eine oder andere Ecke gedrängt werden.

Überzeugungs- und Glaubensstrukturen

Auf dem Weg in die Komplexität gehören Religionen zu den ersten grossen Strukturen. Vielleicht gäbe es heute bloss eine einzige Weltreligion, wenn es das Web bereits vor ein paar Tausend Jahren gegeben hätte. Die kurze Reichweite der damaligen Kommunikation oder die schwache Intensität der Informationsströme führte zu einer Struktur, die aus mehreren Glaubensblöcken besteht, die recht stabil sind. Je länger der Weg in die Komplexität, desto mehr solche Glaubensstrukturen gibt es – von einzelnen Glaubensrichtungen innerhalb der grossen Religionen über ökonomische Glaubensinseln, wie die des Kapitalismus bis hin zu so nebensächlichen Überzeugungen, welches Computerbetriebssystem das beste sei. Zu jeder Überzeugung gibt es auch das Komplement. All das organisiert die Menschheit in eine grosse komplexe Struktur. Jedes Individuum gehört dabei in eines der Strukturkompartimente. Der Behauptung „Kritik darf etwas ablehnen – auch wenn sie keine Alternative bereithält“ möchte ich zwar zustimmen, weise allerdings darauf hin, dass die Ablehnung per se Alternative ist.

Benardrollen
Die Kompartimente müssen in komplexen Systemen nicht notwendigerweise exakt abgegrenzt sein, sondern können in sich übergehen und sich ineinander verschlingen.

Einige kreisen für immer in einem Kompartiment, andere werden dynamisch durch mehrere Kompartimente hindurch geschleust. Ob das aufgrund ihrer Kritik so ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Es ist mehr eine Frage der Position innerhalb der globalen Struktur. Ich, der in Europa der Community über digitale Bildung angehöre, befinde mich in irgendeinem Kompartiment der durch die MOOC-Diskussion bestehenden Struktur (oder Feinstruktur). Es spielt dabei keine Rolle, ob ich xMOOC oder cMOOC oder grundsätzlich MOOC gegenüber kritisch oder skeptisch bin. Hingegen spielt möglicherweise die MOOC-Frage für Menschen, die in einer unfruchtbaren Gegend Afrikas wohnen, keine Rolle (obwohl das MOOC-Marketing behauptet, gerade diesen Menschen Bildung nahe bringen zu wollen).

Ich glaube, dass sich unsere Welt durch das Web sehr verändert hat. Das Web trägt in hohem Masse zur dynamischen Strukturierung der Menschheit bei. Einerseits fördert es die Entstehung neuer Dynamiken, indem es Meinungen rasch verbreitet und den Individuen die Möglichkeit gibt, diese zu adaptieren oder sich dagegen zu positionieren, andererseits sind die Kompartimente der neuen Strukturen dank der globalen Kommunikation im Web bedeutend gröber als sie ohne Web wären.

Toleranz statt Kritik

Förderung von kritischem und flexiblem Denken sei eine Kernaufgabe der Schule, fordern Hartmann und Hundertpfund. Und das erreiche sie durch Unterrichtsmethoden, wie projektbasiertes und entdeckendes Lernen. Gerade an der Methodenfrage gehen ja momentan die Emotionen hoch, wie bei allen oben genannten Überzeugungs- und Glaubensrichtungen. Die Strukturierung der Menschheit in verschiedene Lager oder Kompartimente sind doch Anlass für Streit und Krieg. Daher ist mir die andere Aufgabe, die Hartmann und Hundertpfund der Schule zuschreiben, nämlich „darauf hinzuweisen, dass unser subjektives Denken fehlerhaft sein kann“ viel wichtiger als die Vermittlung von Kritikfähigkeit. „Denkfehler können ein ganzes Denksystem als faszinierendes Gebäude erscheinen lassen, obwohl es auf falschen Annahmen beruht“. Wer in einer solchen Situation kritisiert, wird bestenfalls überhört oder, schlimmer, mundtot gemacht. Hier hilft nicht Kritik, sondern die Veränderung der Meinungs- und Glaubensstrukturen. Wichtiger als Kritik ist es, zu verstehen, dass etwas aus verschiedenen Blickwinkeln angesehen werden kann. Toleranz ist mir wichtiger als Kritik.

Mit vernetzten Ansichten und verknüpftem Wissen Komplexität verstehen

Peter Kruse räsoniert in Next Practice – Erfolgreiches Management von Instabilität. Veränderung durch Vernetzung1:

Die Zeit der Vordenker ist ein für alle Mal vorbei. Ob in Kultur, Wirtschaft oder Politik – angesichts der Komplexität und Dynamik der von uns selbst erzeugten gesellschaftlichen Wirklichkeit gibt es keine Patentrezepte mehr. Wir sind angewiesen auf die Bereitschaft aller, sich bei vollem Bewusstsein der Risiken immer wieder neu auf die Faszination gemeinsamer Lernprozesse einzulassen

Das scheint mir sehr zentral zu sein! Für den Umgang mit Daynamik und Komplexität

GIBT ES KEINE PATENTREZEPTE MEHR!

Ob damit aber unsere Suche nach Grundprinzipien von Ungewissheit und Unvorhergesehenem ein für allemal vorbei ist, möchte ich bezweifeln. Klar, wir finden keine Patentrezepte, obwohl Zertifizierungskurse das immer wieder versprechen. Aber trotzdem möchte ich alle die Manager und Politiker, die mit Unvorhergesehenem umgehen müssen (z. B. Klaus Wowereit in Zusammenhang mit dem neuen Flughafen Berlin), nicht einfach so in die Ungewissheit entlassen, ohne immer wieder zu versuchen, ihnen Handlungsvorschläge mitzugeben.

Gemeinsames Lernen

Immerhin macht Kruse selbst einen Vorschlag: sich auf die Faszination gemeinsamer Lernprozesse einzulassen. Das fordert auch Gerald Hüther, z.B. auf dem Entrepreneurship Summit 20122. Hüther behauptet, dass ein Mensch Mitmenschen braucht, die ihm seine schlummernden Potentiale zeigen und den Zugang zu Ressourcen öffnen.

Was das heisst, habe ich in der MOOC Maker Conference 2013 (MMC13) erfahren3. In der MMC13 lernen die Teinehmer nicht auf diese Weise, wie in einem herkömmlichen Kurs, wo Wissen transferiert wird. Vielmehr besteht die MMC13 aus einer permanenten Diskussion von immer wieder neuen Fragen, in deren Verlauf die Teilnehmer über neue Begriffe und Zusammenhänge „stolpern“, diese z.B. im Wikipedia und auf anderen einschlägigen Websiten nachlesen, sich Meinungen bilden und diese wieder in die Diskussion zurück tragen. Es findet eine fortlaufende Vernetzung von Quellen, Themen, Menschen, Meinungen und Begriffen statt, woraus Neues entsteht. Dass auch in den Gehirnen der Teilnehmer neue Vernetzungen wachsen, kann man sich gut vorstellen.

So scheint also das Paradigma gemeinsamer Lernprozesse, die sich über hunderte und tausende von Menschen erstrecken, den Weg ins neue Lernen weisen. George Siemens und Stephen Downes haben dies erkannt und eine Lerntheorie entwickelt, die sich Konnektivismus nennt. Die Prinzipien des Konnektivismus lauten3:

  • Lernen und Wissen beruhen auf der Vielfältigkeit von persönlicher Auffassung.
  • Lernen ist der Prozess des Verbindens von spezialisierten Knoten und Informationsquellen.
  • Lernen kann in nicht-menschlichen Einrichtungen stattfinden.
  • Die Kapazität, mehr zu wissen ist wichtiger als das, was man bereits weiß.
  • Das Erhalten und Pflegen von Verbindungen ist unabkömmlich um kontinuierliches Lernen zu ermöglichen.
  • Die Fähigkeit, Zusammenhänge zwischen Wissensfeldern, Ideen und Konzepten zu erkennen ist eine Grundvoraussetzung.
  • Aktualität des Wissens ist das Ziel eines jeden konnektivistischen Lernens.
  • Entscheidungen zu treffen ist ein Lernprozess an sich. Die Auswahl, was zu lernen ist und die Bedeutung der aufgenommenen Information muss aus der Sicht einer sich ständig verändernden Realität gesehen werden. Während es heute eine richtige Antwort gibt, kann sich diese morgen aufgrund von Veränderungen im Informationsklima, welches die Entscheidung beeinflusst, als falsch herausstellen.

Man macht keine Projekte, man lernt sie

Gerade das letzte Prinzip führt uns wieder zu Peter Kruse zurück. Für das Projektmanagement heisst das beispielsweise: Wenn man davon ausgeht, dass ein (komplexes) Projekt stets erst- und einmalige Dimensionen enthält und sein Gelingen daher ungewiss ist, dann ist die Durchführung eines solchen Projekts mit einem gemeinsamen Lernens aller Beteiligten gleichzusetzen. Solange aber ein Auftraggeber den Projektgegenstand bei einem angeblichen Experten bestellt, kann kein gemeinsames Lernen stattfinden. Für das Gelingen einer Expedition ins Ungewisse ist gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten eine Voraussetzung. Es mag einen Koordinator oder Moderator geben, aber gewiss keinen Anführer, Leiter oder Manager. Alle Beteiligten, sowohl auf der Auftraggeber- als auch auf der Auftragnehmerseite, müssen gemeinsam Lernen, die sich der Projektgegenstand in der spezifischen Umgebung verhält und stets mit dem Unerwarteten rechnen.

Ein komplexes Projekt soll als cMOOC durchgeführt werden!

1Kruse, Peter. Next Practice – Erfolgreiches Management von Instabilität. Veränderung durch Vernetzung (Gabal Verlag, Offenbach 2009, S. 212)

2Hüther, Gerald. Discover your potential (Deutsch). Entrepreneurship Summit 2012.

3MOOC Maker Conference 2013, MMC13
(cMOOC = connectivistic massive open online conference)

3http://de.wikipedia.org/wiki/Konnektivismus