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Der Pfad der Ungewissheit in Projekten

Sibylle Peters schrieb in Management von Ungewissheit1 einen Aufsatz zum Thema Projektorganisation und Projektmanagement unter den Bedingungen zunehmender Komplexität2

Auf Seite 154 veröffentlicht sie die Iterations-Wolken-Metapher-Grafik von Oesterreich/Weiss. Sie visualisiert die iterative Zielklärung und -annäherung. Ganz besonders gefreut hat mich, dass auch für Oesterreich/Weiss das Projektziel erst bei Projektschluss bekannt ist. Während der Projektabwicklung findet ein ständiger Projektdrift statt.

Die Grafik hat mir derart gefallen, dass ich sie übernommen und weiter entwickelt habe. Nach herkömmlicher Projektmanagementtheorie gibt es am Ende einer Projektphase immer einen Review der bisher erreichten Teilergebnisse, eine Justierung der Planung und einen Forecast der nächsten Phase. Solche Meilenstein genannten Reflektionspunkte können indess auch an beliebiger Stelle in der Projektabwicklung vorkommen, wenn immer die Verantwortlichen das Gefühl haben, das Projekt sei vom „richtigen“ Weg abgekommen.

Diese Reflektionspunkte sind in meiner Erfahrung keineswegs äquidistante Iterationszeitpunkte, wie sie das agile PM vorsieht. Neben den, in klassisch geplanten Projekten, vorgesehenen Meilensteine, gibt es weitere Momente der Besinnung, der Neuplanung und Korrektur. In jedem dieser Reflektionspunkte wird das Projektziel mehr oder weniger explizit neu definiert. Dadurch findet ein Zieledrift statt.

Der jeweilige Entscheidungsspielraum über die Marschrichtung ist nicht beliebig. Er engt sich sogar immer mehr ein, je weiter das Projekt fortgeschritten ist. Gewisse Entscheide hängen von früheren Entscheiden oder von Umweltbedingungen ab, die durch den bisherigen Projektverlauf geschaffen wurden. Das nennt sich Pfadabhängigkeit.

Geschieht etwas Unvorhergesehenes oder Unerwartetes, kann das mit einem Pfadbruch oder einer Unstetigkeit im Projektverlauf dargestellt werden. Das Projekt kann so wie bisher nicht fortgesetzt und muss neu aufgesetzt werden. Nach einem solch einschneidenden Ereignis ist sicher rasch ein Reflektionspunkt notwendig. Das Projekt muss neu geplant und berechnet werden. Die bisher erreichten Ergebnisse sind vielleicht nicht mehr viel wert. Dafür ist der Entscheidungsspielraum nach einem Pfadbruch wieder grösser, weil die historische Abhängigkeit fehlt.

Es kann aber auch passieren, dass niemand mehr weiss, was zu tun ist und alle orientierungslos vor sich hin wursteln. Das ist dann der Fall, wenn das Projekt den Planungshorizont des letzten Reflektionspunktes überschritten hat. Dann wird der Projektpfad holperig und faltig. Das Setzen eines Reflektionspunktes wird dringend notwendig. Jemand muss die Initiative ergreifen und das Projektteam zusammen rufen, um die nächsten Schritte zu definieren.

Das Modell ist effektiv brauchbar. Bisher wusste ich nicht so recht, was ich von Planung halten soll. Wozu planen, wenn es ja doch immer anders heraus kommt? In der Grafik wird aber klar, wie wichtig Planung für die nächste Periode wird. Eine Periode ist der Zeitraum zwischen zwei Reflektionspunkten. Agiles PM spricht von Iterationszyklen. Iteration bedeutet aber, stets dieselben Scheibchen von der Wurst abzuschneiden. Eine Iteration läuft stets nach demselben Programm ab, sogar dann, wenn das Programm obsolet geworden ist. Ich spreche deshalb lieber von Rekursion. Rekursion definiert die nächste Periode aufgrund des aktuellen Zustands. Rekursionszyklen sind nicht immer gleich lang, sondern passen sich an den momentanen Projektzustand an3.

1Böhle, Fritz & Busch, Sigrid (Hg): Management von Ungewissheit – Neue Ansätze jenseits von Kontrolle und Macht. transcript Verlag, Bielefeld 2012

2ebenda, S. 137-175

3 Siehe Frage 10 der Frequently asked questions über systemisches Projektmanagement

Durchwursteln statt Planen!

Uwe Schimank spricht mir aus dem Herzen, wenn er schreibt, dass in sehr „komplexen“ Umgebungen die Methode der Planung zugunsten des Inkrementalismus oder gar der Improvisation in den Hintergrund rückt1. Er meint, dass nur wenig komplexe Projekte geplant werden können. Nimmt die Komplexität zu – wie er es nennt – dann nimmt die Fähigkeit zu rationalem Handeln linear ab. Die entsprechenden Handlungsalternativen zum Planen heissen dann Inkrementalismus und Improvisation.

 Nicht nur Nachjustieren, sondern auf den Kopf stellen!

Ich gehe mit ihm durchaus einig darin, dass Planung in komplexen Situationen eine Illusion, ja sogar kontraproduktiv ist, wenngleich ich den Begriff „Komplexität“ in seinem Text durch „Entropie“ oder „Unüberschaubarkeit“ ersetzen würde. Auch würde ich das Gegenteil von „Improvisation“ nicht „Rationalismus“ nennen, sondern eher „systematisches Vorgehen“.

Rationalitätsniveaus nach Schimank

Was Dörner als „muddeling through“, also als „sich durchwursteln“ verurteilt2, versteht Schimank als einzige Möglichkeit, in sehr „komplexen“ Situationen zu handeln. Er schreibt:

Der Entscheider …. kalkuliert von vornherein ein, dass er fast alles, was er entscheidet, nicht bloss mehrfach nachjustieren, sondern gar nicht so selten nach kürzester Zeit völlig auf den Kopf stellen muss….Planlos ist das in dem Sinne, dass der Akteur … eine Schnelligkeit der Reaktion, des Sich-Umstellens und Sich-Einstellens … an den Tag legen muss, die durch Planung gerade ausgeschlossen würde.

Schimank zieht das Schachspiel als Vergleich hinzu. Das Mittelspiel ist meist sehr unüberschaubar und für eine längerfristig angelegte Strategie noch nicht reif genug. In dieser Situation wird sich der gute Schachspieler bei seinen Entscheidungen durch die Devise „keeping the future open“ leiten lassen, bis sich plötzlich ein „window of opportunity“ öffnet und einen Durchbruch erlaubt. Bis es soweit ist, begnügt sich der gute Schachspieler damit, im Spiel zu bleiben, sich keine Positionsnachteile einzuhandeln und weniger auf das Erringen von Positionsvorteilen zu setzen.

Ein Plan ist ein Potemkinsches Dorf

Genauso machen es Projektleiter sehr fluktuativer Projekte. Solche Projekte kann man nicht planen. Natürlich gehört am Anfang ein Plan dazu, mit Gantt-Chart und nach allen Regeln der Kunst. Der Plan ist aber eher als Seil gedacht, das senkrecht an der Wand herunter hängt. Kein Mensch denkt daran, dem Seil entlang auf der Direttissima zu klettern. Man wird einmal entlang eines Querrisses nach rechts und ein andermal nach links zum Einstieg eines Kamins klettern. Nach jedem Schritt entscheidet man den nächsten. Manchmal ist man auch bereit, ein paar Meter hinab zu steigen und eine andere Route einzuschlagen. Schlussendlich wird man den Gipfel auf einem Zickzackweg erklimmt haben, weitab vom anfänglich durch das hängende Seil vorgezeichneten Weg.

Schimank sieht die Funktion eines Plans in einer Realitätsfassade, quasi einer Kulisse, die „frontstage“ hochgradige Rationalität vortäuscht, um „backstage“ das zu tun, was man selbst für richtig und angemessen hält. Der Plan soll also den Kunden oder den QS-Beauftragten des Konzerns beruhigen, mehr nicht. Jeder Projektleiter muss wissen, wie man plant. Jedes Projekt muss geplant werden, bevor man damit beginnt; schon nur, um zu sehen, ob das Vorhaben überhaupt sinnvoll ist. Aber nach Projektstart kann der Plan ruhig geschreddert werden.

1Schimank, Uwe. Wichtigkeit, Komplexität und Rationalität von Entscheidungen. In Weyer, J. und Schulz-Schaeffer, I (Hrsg.). Management komplexer Systeme. Oldenburg, Münschen 2009.
2Dörner, Dietrich. Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt Taschenbuch. 2003

Verzögerungen erster und höherer Ordnung

Es wird Zeit, dass wir uns den Aufgaben aus dem Beitrag Verzögerungen als Dimension der Projektkomplexität vom 24. Juli zuwenden. Zunächst zu den Tauben. Die Tauben stehen dicht, Leib an Leib, und können sich nicht gross bewegen. Jede Taube hat zuerst fast beliebig viele Körner unter sich und pickt drauf los, was das Zeug hält, vielleicht zwei Körner pro Sekunde. Dann werden es weniger und die Taube muss immer mehr den Hals verrenken, um an ein weiteres Korn zu gelangen. Das braucht Zeit. Vielleicht erreicht sie nur noch ein Korn pro Sekunde. Dann wird’s eng. Es hat noch Körner, aber sie sind in toten Ecken, wo die Tauben in dieser Position nicht hin kommen. Somit muss sich die gesamte Taubenschar verändern, es kommt zu Aggressionen, was wiederum Zeit weg nimmt. So ergattert jede Taube durchschnittlich noch ein Korn pro 10 Sekunden. Schliesslich entdecken ein paar Tiere, dass auf dem Rücken anderer noch welche Körner liegen und picken sie weg. Wenn Sie diese Errungenschaften auf alle Tauben verrechnen, kommen Sie auf einen Schnitt von möglicherweise 1 Korn pro Minute. Und schlussendlich findet eine Taube nach einem Monat noch ein verlorenes Korn in einem Zwischenraum zweier Pflastersteine. Die Abnahme der Körner, die am Boden liegen, hängt also davon ab, wieviele Körner noch am Boden vorhanden sind und von der durchschnittlichen Pickzeit, der Zeit, die eine Taube benötigt, um ein Korn runter zu schlucken. Wir fassen die Körner, die am Boden liegen in einem viereckigen Behälter zusammen und stellen uns vor, dass die Körner die die Tauben picken durch eine Röhre aus dem Behälter fliessen. Die Abflussgeschwindigkeit ist proportional zum Inhalt des Behälters, so:

Sie können dann mit Hilfe einer Excel-Tabelle ausrechnen, wie die Körner abnehmen, nach der Abhängigkeit Körner im Behälter zur Zeit t = Körner im Behälter zur Zeit (t-1) / Pickzeit. Wählen Sie die Zeitschritte möglichst klein. Wie Sie dann sehen, nehmen die Körner exponentiell ab. Wenn Sie passende Grössen wählen, erhalten Sie ein solches Diagramm:

Das nennt man eine Verzögerung erster Ordnung. Es interessiert uns nicht, wieviele Körner nach zwei oder fünf Minuten genau noch vorhanden sind, sondern uns interessiert bloss das qualitative Verhalten einer Verzögerung erster Ordnung.

Die Aufgabe mit den Briefen kann man nun auf die Taubenaufgabe zurückführen. Man beachte aber, dass es von der Aufgabe am lokalen Postschalter bis zur Auslieferung in den USA mehrere Bestände gibt. Zunächst kommen die Briefe mit Tausenden anderen im lokalen Postamt in einen grossen Behälter. Dieser leert sich dann wie der Behälter der Körner für die Tauben. Dann werden die Briefe in ein nächst höheres Porstamt transportiert. Der dortige Behälter füllt sich zuerst auf und leert sich danach wieder wie bei den Taubenkörner, usw. Bis zur Auslieferung in den USA gelangen die Briefe in gut und gerne ein Dutzend Behälter oder mehr. Auch die Behälter in den Transportmitteln können Sie einbeziehen. Dort liegen die Briefe ja auch längere Zeit, wie in den Postämter. Wenn Sie mehrere Behälter auf diese Weise in eine Reihe schalten und annehmen, die Post spezifiziere eine Auslieferungszeit von 10 Tagen und diese Verzögerungszeit auf alle Zwischenbehälter gleichmässig aufteilen, dann erhalten Sie ein solches Diagramm.

Das ist eine Verzögerung höherer Ordnung (hier nahmen wir 20 Zwischenbehälter an und erhielten eine Verzögerung zwanzigster Ordnung). Wie Sie sehen, werden die ersten Briefe bereits nach vier oder fünf Tagen ausgeliefert. Am zehnten Tag werden am meisten Briefe ausgeliefert, nämlich fast 200. Nach 18 Tagen sollten weitgehend alle Briefe den Adressaten erreicht haben, aber vielleicht findet sich nach zwanzig Jahren ja noch ein Brief in einem Liftschacht und wird pflichtbewusst abgeliefert. Die Kurve erreicht nie die Nulllinie. Natürlich reflektieren solche Modelle den Idealfall und nicht die Realität. Der realistische Verlauf des Briefbeispiels mag etwa so aussieht wie die rote Kurve in folgendem Diagramm.

Aber Unternehmens- oder Projketmanager, die in (blauen) Modellen denken, sind erfolgreicher, als solche, die nichts über Verzögerungen wissen. Der genaue Verlauf der roten Kurve ist gar nicht so relevant. Wichtig ist, dass ein Projektleiter Verzögerungen in die Planung einbezieht und weiss, wie sich eine Verzögerung höherer von einer solchen erster Ordnung unterscheiden. Dieses Wissen ist die Basis einer jeden sauberen Planung.

Weitere Lektüre:

John Sterman, Brad Morrison. Structure and Behaviours of Delays.

Stephanie Albin. Exponential Material Delays.