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Problemlösen hat auch eine sinnliche Komponente

Je komplexer die Welt, desto weniger nützlich ist spezielles Wissen und desto nützlicher sind Problemlösetechniken, die aber weniger als Wissen denn als Fähigkeiten daher kommen.

Ich möchte diese Behauptung im Folgenden erläutern und zeigen, dass

  • die Fähigkeit, komplexe Aufgabenstellungen zu lösen, geübt werden muss,
  • das Aushalten und Erspüren des physischen Unwohlseins, das komplexe Aufgabenstellungen verursachen können, ebenfalls gelernt werden muss.

Haben wir die richtigen Bildungsinhalte?

Vor ein paar Tagen löste ein Tweet einer Schülerin aus Köln eine Debatte über Sinn und Unsinn des Schulunterrichts aus.

tweet

Der Tweet hat mittlerweile über 29 Tausend Favs.

Selbstverständlich kann jede Gewichtung von Bildungsinhalten in Frage gestellt werden. Ob aber Steuern und Miete nützliche Fächer wären? Erstens ändern solche Dinge sehr schnell und zweitens haben Regionen, die nur paar Kilometer entfernt liegen, verschiedene Steuersysteme. Einer gut ausgebildeten Person muss es möglich sein, sich über Steuern, Mieten und Versicherungen selber zu informieren.

Die Kritik kann aber durchaus aufgenommen werden. Das youtube-Video „Did you know 2014“ behauptet:

  • The top ten in-demand jobs in 2013 didn’t exist in 2004
  • We are currently preparing students for jobs that don’t exist, using technologies that haven’t been invented, in order to solve problems we don’t even know are problems yet.

Das Video hat bloss gute 1000 Likes, scheint mir aber denkwürdiger als der eingangs erwähnte Tweet.

Wenn wir schon nicht wissen, wofür die Schüler und Schülerinnen vorbereitet werden sollen, dann wäre es wichtiger, möglichst allgemeine Bildungsinhalte zu vermitteln, als spezielle wie das Steuersystem von Köln oder das Mietrecht des nördlichen Voralbergs.

Schulfach „Komplexes Problemlösen“?

Der grösste Teil des Faktenwissens, das wir in den Schulen vermitteln, veraltet sehr schnell. Eine Faustregel besagt, dass sich der Umfang an technischen Informationen alle zwei Jahre verdoppelt. Das bedeutet, dass das, was wir heute lernen, in zwei Jahren nicht mehr das aktuellste Wissen ist. Insofern wird an Prüfungen veraltetes Wissen abgefragt.

„Did you know 2014“ sagt, dass wir die Probleme, die die Menschen in 10 oder 20 Jahren zu bewältigen haben, heute noch gar nicht kennen. Also macht es keinen Sinn, Schüler und Schülerinnen Wissen über die heutigen Fragestellungen zu vermitteln. Aber es würde durchaus Sinn machen, sie in Problemlösetechniken auszubilden.

Beispiele:

  • Wie komme ich zu den benötigten Informationen, wenn ich das Bedürfnis habe, etwas über Steuern oder Versicherungen wissen zu müssen? (Dazu gehört nicht nur Webrecherche, sondern auch das Wissen, dass die Steuerbehörden Auskunft erteilen, worauf bei Steuern zu achten ist).
  • Wie kann ich gefundene Informationen lernen, verstehen und in praktischen Situationen richtig anwenden?
  • Wie macht man von einer intransparenten Situation ein Modell, und wie kann man die zeitliche Entwicklung der Situation simulieren?
  • Inwiefern können wir eine komplexe Situation überhaupt wahrnehmen und einschätzen und wie kann ich Wahrnehmungs- und Urteilsbeschränkungen in meinen Entscheidungen berücksichtigen?
  • Welchen Mustern folgen Menschen in komplexen Situationen und wie kann ich sie eventuell durchbrechen?

Solche Dinge muss man zunächst am eigenen Leib erspüren und dann auch eigene Techniken erfinden, um damit umzugehen. Dazu könnte vielleicht auch eine Gedichtsanalyse dienen. Jedenfalls wäre es verfehlt, sich direkt mit „sinnvollen“ Inhalten zu beschäftigen, die Allgemeinheit ausschliessen.

Wenn man z.B. „spüren“ will, wie tief verwurzelte Ansichten neue verhindern, dann kann man versuchen, die Namen der Zahlen von 1 bis 10 in alphabetischer Reihenfolge aufzusagen, aber zuerst ohne Zuhilfenahme von schriftlichen Hilfsmitteln. Sich zu beobachten, wie man immer wieder bis 10 zählt und dabei versucht, im Geiste die Zahlen alphabetisch zu ordnen, ist sehr lehrreich.

Experimentelles Lernen

Um z.B. zu „spüren“, welche Schwierigkeiten wir mit hypothetischem Schliessen haben, eignet sich ein Experiment, das kürzlich auf Facebook ausführlich diskutiert wurde. Es handelt sich um das sogenannte „Heiratsproblem“ von Toplak und Stanovich:

anna

Die Aufgabe hat Joshua Harris In „Hypothetical reasoning and failures of disjunctive inference“ aufgegriffen und dort auch die Quelle angegeben.

Harris schreibt sinngemäss: „Menschen scheinen enorme Schwierigkeiten zu haben, wenn sie über die gestellte Frage nachdenken, weil der Zivilstand von Anna unbekannt ist. …. Um die richtige Antwort zu finden, müssen Sie hypothetische Schlüsse ziehen. Das bedeutet, dass Sie merken müssen, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder ist Anna verheiratet oder sie ist nicht verheiratet. Dann müssen Sie die ursprüngliche Frage in Abhängigkeit der beiden logischen Möglichkeiten betreffend Annas Zivilstand beantworten“(1).

Wie immer bei Aufgaben, die drohen, das Arbeitsgedächtnis zu belasten, fragen die Leute zunächst mal unwichtige oder nebensächliche Dinge, allein um Zeit zu schinden. Hat sich die Aufgabe dann nicht von selbst erledigt, geben die Einen auf, und es verbleiben nur noch wenige, die die Lösung weiterhin verfolgen. Auch das ist eine Lehre für’s Leben.

Wider das Vermitteln speziellen Fachwissens

Zwar betont Joachim Funke, Dörnerschüler und Experte auf dem Gebiet des komplexen Problemlösens, dass zwischen einfachem und komplexem Problemlösen ein Unterschied besteht (2), aber ich kann beim Lösen einfacher Aufgaben bereits eine Menge lernen, was beim Lösen komplexer Probleme hilfreich ist.

Beide Arten des Problemlösens haben eine wesentlich sinnliche Komponente, wie ich oben dargelegt habe. Beim einfachen Problemlösen kann ich lernen, wie sich ein Problem – auch ein komplexes – überhaupt anfühlt.

Insofern wäre Problemlösen auf jeder Schulstufe möglich, bis hin zu Hochschulniveau, wo besser Modelle gebaut und simuliert oder komplexe Szenarien durchgespielt würden als spezielles Fachwissen zu vermitteln, wie Mathematik, Mineralogie oder Compilerbau.

 

(1) Joshua Harris, Hypothetical reasoning and failures of disjunctive inference. Blogartikel, Oktober 2013

(2) Joachim Funke, Problemlösendes Denken, Kohlhammer, 2003

Probleme aussitzen?

Am 2. Juli schrieb Jozef Hradicky in einem Kommentar zum Artikel Pfadabhängigkeit im Projektmanagement:

Also Probleme einfach aussitzen – wie in der Politik? Wenn man aktiv einwirkt, bewirkt man meist das Gegenteil … hhhmm!? Sagt denn Jeff Kight auch was zur Findung optimaler Problemlösestrategien?

Seit einem Jahr nun versuche ich hier zu erklären, dass es wohl keine „optimalen Problemlösestrategien“ gibt, sondern dass man von Fall zu Fall abklären muss, wie auf ein anstehendes Problem zu reagieren sei. Im allgemeinen reagieren wir zu schnell und zu unüberlegt auf ein Problem. Gerade in der Politik wird einfach drauf los gehauen, von „Aussitzen“ kann ich keine Spur entdecken.

Nehmen Sie den dtv-Atlas zur Geschichte und stechen Sie mit einer Nadel irgendwo hinein …. ich bin beim Schmalkaldischen Bund gelandet. Sie erinnern sich?

* 1517 regte sich Luther über den Missbrauch im Ablasshandel auf.
* 1530 hatte Kaiser Karl V. ein Problem: die drohende Glaubensspaltung im Reich. Er ächtete Luther nach dem von Politikern gerne angewandten Muster: „immer feste drauf hauen“ (und sass das Problem nicht aus).
* Daraufhin gründeten die protestantischen Stände eben den Schmalkaldischen Bund und stellten ein eigenes Heer auf (keine Spur von Aussitzen).
* Der Bund gewann an Einfluss und Terrain
* Karl V. versuchte zu vermitteln (könnte man ausnahmsweise mal „aussitzen“ nennen), was wohl der einzig intelligente Problemlöseversuch in diesem Zusammenhang war.
* Karl V. wollte 1546/47 die religiöse Frage im Schmalkaldischen Krieg dann aber doch mit Gewalt lösen (alles andere als „aussitzen“)
* Nach verschiedenem Hin und Her verändert der 30jährige Krieg, der zumindest als Religionsstreit begann, 1648 das Antlitz Europas grundlegend

Das verschiedentliche Eingreifen des Kaisers erweist sich im Nachhinein als höchst töricht. Die kaiserliche Zentralgewalt hat ausgedient, das Reich löst sich in einen lockeren Staatenbund auf. So wie er sich das vorstellte, löst man keine Probleme!

Luthers Intervention hingegen war nur gegen den Ablasshandel gerichtet, also sehr fokussiert und eher zurückhaltend. Natürlich war Luther ein Grobian und konnte fluchen, was das Zeug hält. Aber er war dennoch Geistlicher und hatte keineswegs eine Reformation oder gar Revolution im Sinn. Vielleicht gerade deshalb war die Reformbewegung erfolgreich und prägt noch heute das gesellschaftliche und kulturelle Gesicht der christlichen Welt. Aber die vielen Opfer, die die diversen Religionskriege und -fehden forderten zeugen auch nicht gerade von einer virtuosen Problemlösekompetenz der Reformisten.

Sie sagen, das sei ein veraltetes Beispiel? Glauben Sie wirklich, heute sei es besser? Gerne können wir ein moderneres Beispiel in ähnlicher Weise analysieren. Aber wir brauchen schon einen Zeitraum von ca. 100 Jahren, um die negativen Nebenwirkungen der Interventionen feststellen zu können. Deshalb interessiert es ja eben kein Schwein, ob seine Lösungsansätze Nebenwirkungen haben oder nicht. Diese treffen nämlich erst ein, wenn er längst weg ist und an einer anderen Ecke sein Unwesen treibt. Und je komplexer die Welt, desto länger die negativen Feedbackschleifen.

Glauben Sie wirklich, dass die meisten Entscheidungen und Handlungen von Manager und Projektmanager nebenwirkungsfrei sind? Oder anders ausgedrückt: dass die wenigsten Entscheidungen, die Manager treffen, negative Nebenwirkungen hätten, weil sie so weise waren? Dann sollten eigentlich die meisten Projekte erfolgreich sein. Sind sie aber nicht!