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Die zehn wichtigsten Regeln im Umgang mit Komplexität

1. Komplexität ist von Kompliziertheit zu unterscheiden. Es ist die Unbestimmtheit, die Sie als komplex bezeichnen. Komplexität beruht hingegen auf Einfachheit. Nachdenken reduziert Unbestimmtheit.

2. Je mehr Sie wissen, desto besser verstehen Sie Komplexität. Fragen Sie im Studium oder in Ausbildungen nicht nach dem Wert einer Theorie. Lernen Sie die komplexen Strukturen Ihrer Umgebung kennen! Strukturen, die uns nicht bewusst sind, halten uns gefangen1

3. Sie selber müssen über mehr Komplexität verfügen, als dass Sie in Ihrer Umgebung antreffen, um diese zu begreifen. (In Anlehnung an „Ashbys Law“)

4. Komplexität darf und soll nicht reduziert werden. Das Gehirn ist ein Musterbeispiel eines komplexen Systems: räumlich hoch strukturiert und über einen grossen Zeitraum (hoffentlich) einigermassen stabil. Es ist besser, Sie erhöhen Ihre eigene Komplexität, als dass Sie die Komplexität der Umgebung verringern.

5. All life is illusion! Farben sind Illusion. Die Existenz einer zentralen Persönlichkeitsinstanz ist eine Illusion. Die Willensfreiheit ist eine Illusion. Komplexität kann auch eine Illusion sein. Schliesslich ist es eine Illusion, Sie könnten Komplexität reduzieren. Wenn Sie das versuchen, dann reduzieren Sie in Wahrheit nur die Wahrnehmung der Komplexität.

6. Denken in Modellen und Geschichten ist nicht eine gute Annäherung an die Wirklichkeit. Es ist die einzige Möglichkeit, Wirklichkeit wahrzunehmen. Ein Modell fasst die Komplexität in eine Geschichte. Erzählen Sie sich eine Geschichte des Systems, dessen Komplexität Sie erschreckt.

7. Versuchen Sie nicht mit allen Mitteln etwas zu verändern, wenn die Zeit nicht gegeben ist. Sie verpuffen bloss Ihre Energie. Die Entwicklung komplexer Systeme kann nur unter ganz bestimmten Umständen beeinflusst werden. Warten Sie auf die Gelegenheit (sog. „Window of opportunity“)

8. Keep the future open! In komplexen Umgebungen ist es wichtiger, sich keine Positionsnachteile einzuhandeln als auf das Erringen von Positionsvorteilen aus zu sein.

9. Suchen Sie Überraschungen. Komplexe Systeme sind voller Überraschungen und Paradoxien. Erfreuen Sie sich daran. Wenn Sie keine Paradoxien finden, ist das System, mit dem Sie es zu tun haben, nicht komplex.

10. Meiden Sie alles, was reguliert ist. Umgang mit Komplexität kann nicht auf Regeln reduziert werden.

1 P. Senge. Die Fünfte Disziplin, S. 118. Schäffer-Poeschel, 2008

Sind Sie auch stolz auf Ihre Intuition wie Gerd Gigerenzer?

Im der Novemberausgabe des Swiss Leader Magazin 2009 kommt Gerd Gigerenzer zu Wort – „der meistzitierte Psychologe im deutschsprachigen Raum“ 1. Er macht auf die Macht der Intuition aufmerksam. Er bezeichnet die Intuition als „Intelligenz des Unbewussten“, die komplexen Umwelten nur wenige Informationen entnimmt und daraus entscheidet, welchen Regeln wir in unseren Entscheidungen folgen. Gigerenzer lobt diese verblüffende Fähigkeit unseres Gehirns als den raffiniertesten Denk- und Computerstrategien überlegen, räumt am Schluss jedoch ein, dass sie uns fehlleiten kann.

Ich finde Gigerenzers Beschreibungen menschlicher Entscheidungsheuristiken jeweils sehr spannend. Aber ich finde es äusserst gefährlich, unsere Heuristiken als einer komplexen Welt angepasst zu empfehlen. Sie entwickelten sich vor vielen zehntausend oder wahrscheinlich eher hunderttausend Jahren und waren auf das Überleben in der damaligen Welt zugeschnitten. In den letzten hundert Jahren – also sozusagen innerhalb „no time“ – haben wir die globale Komplexität der Welt jedoch derart gesteigert, dass wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen und Handlungen nicht mehr unmittelbar wahrnehmen können. Die Intuition ist nur dann hilfreich, wenn wir unsere Entscheidungsregeln auf Grund von Erfolg und Misserfolg anpassen können. Das ist wegen der gesteigerten globalen Komplexität heute jedoch nicht mehr immer möglich. Intiution mag in einer materiellen Welt nützlich sein, wenn uns unmittelbar nach einer falschen Entscheidung ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. In einer Welt jedoch, die vorwiegend aus Informationen besteht, die zuerst dreimal um die Erde reisen, sich dabei gegenseitig überholen und ein Dutzend mal transformiert werden, bevor uns der Stein auf den Kopf fällt, ist Informationen ignorierende Intuition nicht mehr brauchbar.

In den vergangenen vierzehn Tage habe ich zwei Mal ein Bierspiel moderiert. Die Bestellentscheide waren immer Bauchentscheide. Kein Teilnehmer machte sich Gedanken darüber, was er wirklich braucht, wie viele Runden die Lieferfrist beträgt, wieviel Material tatsächlich in der Supply Line steckt, etc. Die Ergebnisse der Bierspiele waren denn auch entsprechend ungenügend.

Sebastian Hetzler fordert „Brain supporting environments“, um sich in unserer komplexen Welt zurecht zu finden2. Er vergleicht sie mit Kommandozentralen im Zweiten Weltkrieg. Dort waren grosse Kartentische, auf denen Hilfspersonal auf Zuruf der Kommandanten, die aus erhöhter Position auf die Karten herunter schauten, mit langen Stangen Spielzeugschiffe und -panzer verschoben.

Nein, ich bilde mir nichts ein auf meine Intuition, die zwar verblüffend schnell, aber eben nur regelbasiert funktioniert. Wir brauchen sie, weil die Alternative – das effektive Denken – zu energieaufwendig und zu langsam ist. Ich persönlich würde es begrüssen, das wissenbasierte Denken zu fördern, so dass die Evolution Wege findet, es zu beschleunigen und effizienter zu machen. Das kann allerdings dauern…..

1 Gigerenzer G. Bauchentscheidungen – die Intelligenz des Unbewussten. Swiss Leader Magazin. November 2009
2Hetzler S. „Brain supporting environment“ für Entscheide in komplexen Systemen.Rosch-Druck. Schesslitz, 2008