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Können charismatische Persönlichkeiten die Gesetze von Zahl und Wahrscheinlichkeit austricksen?

Im Siebenjährigen Krieg hatte sich Friedrich der Grosse gegen Österreich, Frankreich, Russland und das übrige Deutschland gestellt. Eigentlich hätte Preussen gegenüber der zahlenmässigen Übermacht seiner Gegner keine Chance gehabt.

Der Zufall kommt zu Hilfe

K1024_friedrich_der_grose-3Dennoch glaubte Friedrich in enormer Selbstüberschätzung an einen Sieg. Er verstand zwar, dass er sich in einer Alles-oder-nichts-Situation befand, glaubte aber daran, dass die Siegeschancen nicht zu gering seien.

Zufälligerweise starb die Zarin, während ihr Nachfolger als Bewunderer Friedrichs mit Preussen sofort einen Friedens- und Bündnisvertrag schloss. Das hatte Signalwirkung und schwächte die Koalition der Preussengegner dermassen, dass sie zerfiel und der Krieg mit der Festsetzung des Status quo ante bellum beendet wurde.

In einer Friederich-Dokumentation, die der Sender ZDF_neo am Donnerstag, 3. April 2014, ab 08:05 Uhr, ausstrahlte, sagte ein Historiker über Friederichs Auseinandersetzung gegen eine Übermacht:

Daraus hat die Nachwelt im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg, geschlossen, dass wenn man nur die richtige Einstellung hätte, wenn man so handeln würde wie Friedrich, wenn solche Personen an der Spitze sind, dann könne man die Gesetze von Zahl und Wahrscheinlichkeit erneut ausser Kraft setzen

Wird das nicht sogar in Führungsseminarien gelehrt? Geniessen heute nicht „charismatische Persönlichkeiten“ und „Macher mit Selbstvertrauen“ grosses Prestige?

Genügt allein der feste Glaube, um alles zu erreichen?

Mir scheint, dass wir in den letzten Jahrzehnten wenig dazu gelernt hätten. Noch immer wird propagiert, dass man alles erreichen könne, wenn man nur fest daran glaube. Das ist Quatsch und fördert Selbstüberschätzung, die nicht nur zu aussichtlosen Projekten verleitet, die scheitern müssen, sondern auch grosse wirtschaftliche Schäden und sogar unsägliches menschliches Leid verursachen können.

Immerhin forderte der Siebenjährige Krieg über eine halbe Million Soldatenopfer und nochmals so viele zivile Opfer. Die Zahl der Kriegsversehrten ist unbekannt, dürfte aber die Zahl der Toten weit überschreiten. Armut und Hunger verbreitete sich. Für die Bevölkerung waren die Kriegsfolgen katastrophal. Der Bankrott des Königreichs Frankreich hat der Siebenjährige Krieg mitverursacht. Der Bäckermeister Abelmann aus Hannover schrieb:

Verheerte Länder, in welchen die Dörfer von Menschen leer… Thränende Augen! Blutende Wunden! verstümmelte Glieder zu Tausenden! … Gemißhandelte, Barbarisch Gemißhandelte!

P.M.Magazin, 27.3.2013
P.M.Magazin, 27.3.2013

In „Selbstüberschätzung ist positiv“ erklärt P.M. Online, dass Forscher herausgefunden haben wollen, dass Selbstüberschätzung von der Evolution begünstigt wurde.(1) Das ist zweifellos richtig, und ohne Selbstüberschätzung wären wir nicht da, wo wir heute sind, sondern würden vielleicht immer noch in Höhlen wohnen. Damals befähigte sie uns, ein Haus zu bauen.

Das heisst aber nicht, dass Selbstüberschätzung für immer und ewig positiv bleiben muss. Ich behaupte, dass sie heute nicht mehr vorteilhaft ist.

Wie weit können wir uns auf unsere Intuition verlassen?

Die Überschätzung der Intuition und Infragestellung der Rationalität geht mitunter auf den Eindruck zurück, der Friedrichs Handeln angesichts einer Übermacht hinterlassen hat. Seine Intuition sagte ihm, dass er gegen alle Vernunft die Gesetze der Wahrscheinlichkeit aushebeln könne. Dass seine Intuition falsch war und er nur aufgrund von Zufällen – also gerade dank der Wahrscheinlichkeit – vor einer Niederlage verschont blieb, interessiert im Nachhinein offenbar niemand mehr.

Die Überschätzung der Intuition verhindert ein analytisches Hinterfragen von Zusammenhängen und verleiht falsche Sicherheit. Das ist meines Erachtens in einer Zeit hochkomplexer technischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Systeme gefährlich. Der alte Fritz hätte die Verhältnisse vielleicht noch halbwegs überblicken können. In unserer Zeit ist das definitiv vorbei. Wir sind auf unsere Ratio und denkunterstützende Werkzeuge angewiesen!

(1) Dräger, Juliane. Selbstüberschätzung ist positiv. P.M. Online, 27.03.2013

Die 6 wichtigsten systemischen Aspekte des Projektmanagements

Diese sechs systemischen Aspekte sollte jede Person kennen, die sich mit (Projekt-)Management befasst:

Ad-hocismus1: Wenn Menschen etwas machen müssen, dann machen sie sich sofort dahinter, ohne zuerst lange zu überlegen, zu planen und abzuschätzen. Beispiel: Zusammenbauen eines IKEA-Möbels. Was immer man tut, es scheint einem zu gering, um z.B. über Risiken nachzudenken. Das ist nur etwas für grosse Dinge und benötigt anscheindend viel Zeit und Aufwand. Wenn Planung und andere administrative Dinge nicht explizit vorgeschrieben sind, dann geht man lieber gleich an’s Eingemachte und versucht, es schnell hinter sich zu bringen.

Je mehr Arbeiten zu erledigen sind, desto mehr Arbeit gibt es zu tun. Je mehr wir daran arbeiten, desto mehr Arbeit sollten erledigt sein, aber desto mehr wissen wir über den Gegenstand, stellen Fragen, müssen testen und abklären und haben immer mehr zu tun
Je mehr Arbeiten zu erledigen sind, desto mehr Arbeit gibt es zu tun. Je mehr wir daran arbeiten, desto mehr Arbeit sollten erledigt sein, aber desto mehr wissen wir über den Gegenstand, stellen Fragen, müssen testen und abklären und haben immer mehr zu tun

Wissenszunahme2: Während man am Projektgegenstand arbeitet, lernt man diesen immer besser kennen und versteht immer mehr, worauf man achten muss. Anfängliche Planungen und Überlegungen sind schnell überholt oder erweisen sich gar als falsch. Nicht selten startet ein Projekt als reines Technikunterfangen und endet in einem Prozess Redesign, der Machtstrukturen zur Disposition stellt.

Übermässiges Vertrauen3: Wir haben immer zuviel Vertrauen in unsere Fähigkeiten, bzw. unterschätzen den Komplexitätsgrad unserer Vorhaben laufend. Infolge der Wissenszunahme erweisen sich alle Projekte – vom Zusammenbau eines IKEA-Möbels bis zum Mondflug – als kniffliger, als erwartet. Wie oft haben wir schon gedacht, dass ein Vorhaben schnell erledigt werden kann und mussten dann feststellen, dass wir uns massiv getäuscht haben?

Unvorhergesehenes4: Unvorhergesehenes ist der Feind einer jeden Planung. Ich spreche nicht von Risiken. Diese sind zumindest „vorherdenkbar“, wenn man auch nicht weiss, ob und wann sie eintreten. Unvorhergesehen sind Ereignisse, an die man nie im Leben gedacht hätte. Daher auch keinen Plan B in der Schublade hat, wenn sie eintreffen. Unvorhergesehenes verlängert die Laufzeit der Projekte und verringert jede Marge.

Kompetenzmotivation5: Je mehr Unvorhergesehenes auftaucht und je weniger unsere Pläne und unsere Vorstellungen der Realität entsprechen, desto schlechter steht es mit unserer Kompetenzhygiene. Wir zweifeln (zu recht) an uns und unseren Fähigkeiten und haben nur noch ein Ziel: Unser Selbstvertrauen und Kompetenzgefühl wieder herzustellen. Dazu kennen wir verschiedene (zweifelhafte) Strategien. Das Präkäre ist aber, dass wir uns dann überhaupt nicht mehr um die Sache kümmern, sondern nur noch unser angeschlagenes Selbstwertgefühl pflegen.

Rework Cycle6: Menschen sind keine Maschinen, und sogar Maschinen können Fehler machen. Unsere Arbeit erreicht nie 100% Qualität. Jedem von uns unterlaufen Patzer und Schnitzer, auch wenn wir uns noch so Mühe geben. Je turbulenter die Situation, je grösser der Zeitdruck und je schlechter unsere Motivation, desto mehr Fehler passieren. Das führt zunächst zu unentdeckten Fehlern in Arbeiten, die wir längst als erledigt betrachten. Werden die Fehler entdeckt, müssen wir sie ausbessern, was wiederum Zeit (und Nerven) kostet. Sogar beim Ausbessern können wieder Fehler passieren, usw. Und so durchlaufen wir dann mehrere „Ehrenrunden“, bis wir schliesslich zwei- oder dreimal so viele Aufwendungen hatten, wie anfänglich angenommen.

1siehe z.B. D. Dörner. Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt. Reinbek b. Hamburg, 1992. Seiten 42, 94, 294.
2
P. Addor. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. Liebig Verlag. Frauenfeld 2010. Seiten 57, 61
3
siehe z.B. H. Beck. Die Logik des Irrtums – Wie uns das Gehirn täglich ein Schnippchen schlägt. Verlag NZZ, Zürich 2008, Seite 63
4
siehe z.B. De Meyer, Loch, Pich. Managing Project Uncertainty – From Variation to Chaos. MIT SLOAN MANAGEMENT REVIEW, 2002
5
S. Strohschneider. Ja, mch‘ nur einen Plan. Inst. f. theoretische Psychologie der Univ. Bamberg, 2001
6
siehe z.B. P. Lancy. Development Inefficiencies – Managing the Rework Cycles in Complex Projects. ACLN #55, 1997

Die zwei Arten schwarzer Projektschwäne

Nassim Nicholas Taleb spricht von Schwarzen Schwänen1, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert und zeigt auf, dass das viel häufiger vorkommt, als wir denken. Allerdings blenden wir diese Tatsache gerne aus. Das hat mit bekannten wissensbasierten Fehlern unseres Denkapparats zu tun – Selektivität, Hang zur Bestätigung und übermässiges Vertrauen –, die Taleb offen legt. In Migrations- und Integrationsprojekten verhindern schwarze Schwäne regelmässig ein planmässiges Vorgehen. Natürlich legt jeder Projektleiter zu Beginn des Projekts einen Plan vor, auf Grund dessen die Manager dann berechnen, was das Projekt kosten wird und ein entsprechendes Budget sprechen. Die Tatsache, dass wahrscheinlich weniger als 10% aller Migrations- und Integrationsprojekten planmässig abgeschlossen werden können (leider gibt es von der Standish Group für diese Projektsparte keine zuverlässigen Zahlen) zeigt, dass schwarze Schwäne gerade in Projekten sehr häufig sind. Wenn ich hier an das Operhaus von Sydney erinnere, dann werden die meisten Leser ausrufen: „Ja gut, das ist jetzt gerade ein sehr ausgefallenes Beispiel“ (geplant: 6 Jahre, 7 Mio, gehabt: 14 Jahre, 100 Mio), und diese Reaktion zeigt, dass unsere Wahrnehmung und unser Denken solche Ereignisse als „ausgefallen“ abstempelt und isoliert. Das Beispiel ist aber höchstens im Hinblick auf den Umfang des Schadens ausgefallen, aber dennoch typisch für Projekte. Jedes Projekt hat mindestens einen schwarzen Schwan. Wir müssen jedoch zwei verschiedene Unterarten schwarzer Schwäne unterscheiden. Die eine sind Emergenzen – Konrad Lorenz sprach von Fulgurationen (fulgur: Blitz). In Projekten könnte man auch von Katastrophen sprechen. Das sind plötzlich auftretende und unvorhergesehene Ereignisse, die das Projekt in Frage stellen. In einem Projekt mussten wir ein Telekommunikationssystem migrieren. Eines schönen Sonntags rief mich der Kunde an und informierte mich, dass das neue System gehackt wurde. Nicht nur warf uns dieses Ereignis im Projektplan beträchtlich zurück, es wurde auch in der Presse breit geschlagen, was einen Imageverlust für Kunde und Lieferant bedeutete. Das war ganz klar ein schwarzer Schwan der Unterart „Katastrophe“. Fast mehr zu schaffen gibt die Unterart „Feststecken“, man denke an den buchstäblichen Granit beim Tunnelbau. Während die Unterart „Katastrophen“ nicht antizipiert werden kann, tauchen schwarze Schwäne der Unterart „Feststecken“ zuweilen in Risikoanalysen auf. Z. B. verhielt sich das oben erwähnte Telekommunikationssystem in der neuen Umgebung nicht, wie erwartet und niemand war in der Lage zu erklären, wo der Hund begraben ist. In dieser Situation gibt es nur die Hoffnung, durch minutiöses Erforschen, Testen und Reproduzieren der Sache auf die Spur zu kommen. Wie lange das aber dauert, kann niemand sagen. In der zu Beginn des Projekts durchgeführten Risikoanalyse steht als mögliche Massnahme, die in diesem Fall ergriffen werden: „Zusätzliche Ressourcen und Testmittel einbeziehen, direkte Involvierung der Entwicklung“, als hätten Entwicklung und Ressourcen gerade auf diesen Fall gewartet. Das funktioniert natürlich nie, eben gerade weil wir nicht das Opernhaus in Sydney bauen. Was kümmert es denn die (weltweite) Entwicklung, wenn in irgend einem Projekt irgendwo „im Balkan, wo die Völker aufeinander prallen“, etwas schief läuft? Wenn Ihr Projekt auf einen schwarzen Schwan der Unterart „Feststecken“ stösst, dann können sie sich schon mal auf eine grössere Verzögerung gefasst machen und sich eine Ausrede für das Steering Board ausdenken.
Projekte werden geplant und wie geplant durchgeführt, bis der erste schwarze Schwan auftaucht. Danach schwebt der Plan als Pulverdampf über dem Projektgelände und das Projekt wird meist per Reparaturdienstverhalten weiter getrieben. Im Falle des Auftretens eines schwarzen Schwans müsste das Projekt eigentlich suspendiert werden. Alle interessierten Parteien – insbesondere Auftraggeber, Management, Controlling von beiden Seiten, Kunde und Lieferant – müssen dann die Situation auf der wissensbasierten Ebene analysieren und entscheiden, wie es nun weiter gehen soll. Auf Grund dieser Entscheidungen wird ein neuer Projektplan erarbeitet, der da aufsetzt, wo das Projekt suspendiert wurde. Dann arbeitet man gemäss dem neuen Plan weiter, bis der nächste schwarze Schwan auftaucht.

1N. N. Taleb. Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Carl Hanser Verlag. München 2008

Selbstverständlichkeiten müssten doch nicht gefordert werden, oder?

Für letzten Samstag musste ich ein Clubfest mit 90 Personen organisieren. Ich wollte das Fest an einem etwas originelleren Ort durchführen, als in einem Hotel. Aber wo nimmt man gleich einen Festraum für 90 Personen her? Ich beauftragte also eine mir bekannte Eventagentur zur Durchführung des Anlasses. Damit ist die vertragliche Rahmenstruktur eines Migrations- und Integrationsprojektes gegeben.

Ein Lieferant (L) mit möglicherweise einem oder mehreren Unterlieferanten (UL), ein Kunde (K) und eine Menge von Endkunden oder -benutzern, die vom Kunden bedient werden. Die Projektpartner sind der Kunde und der Lieferant. Mit den vertraglichen Abmachungen zwischen dem Lieferanten und seinen Unterlieferanten hat der Kunde nichts zu tun, genau so wenig, wie der Lieferant mit den Endbenutzerverträgen etwas zu tun hat. Typisch ist ein Telekommunikationsanbieter, der bei einem Lieferanten beispielsweise einen Voice Switch bestellt und damit Tausenden von Endkunden einen Telefonservice anbieten will. Die Material- und Informationsflüsse hingegen, können sich durchaus über die vertraglichen Bindungen hinweg setzen. So kann es sein, dass ein Unterlieferant Material direkt beim Kunden anliefern muss, während Endkunden Retouren direkt zum Lieferanten schicken können.

In meinem Eventprojekt musste ich zunächst dem Organisator meine Erwartungen bezüglich eines Raumes spezifizieren, in welchem das Fest stattfinden soll. Das ging Hand in Hand mit dem gewünschten Rahmenprogramm. Dazu legte er mir einen Katalog vor. Ich wählte „Erlebniszene Schweiz“ mit vielen bäuerlichen und ländlichen Szenen drin. Dazu passte die Scheune eines Bauerhofs als Veranstaltungslokal perfekt. Der Organisator suchte also eine Scheune in dem Raum, den ich vorgängig bestimmt hatte. Er fand ihn in Form eines Neubaus, der vom Bauherrn, dem Bauer, gerade noch nicht bezogen worden ist. Somit musste der Bauer nur noch überredet werden, die Scheune zu vermieten, was dem Organisator gelang. Nun konnte die Feinorganisation beginnen. Wer ist wofür verantwortlich? Einen Anlass „off shore“ zu organisieren ist immer teurer, als wenn der Anlass z.B. in einem Hotel stattfindet, denn man muss jeden Dessertlöffel mitbringen. Alle Tische, jeden Stuhl, jedes Salzfässchen, einfach alles muss transportiert werden, ja sogar Toilettenhäuschen mit fliessendem Wasser. Dazu brauchte es einen Wasseranschluss, die mobile Küche benötigte einen zusätzlichen Stromanschluss, etc. Es steckt viel hinter der Organisation eines solchen Anlasses, was sich im Preis der Bankettkarte niederschlug. Dennoch reichte nicht, was die Gäste zahlten. Der Club musste subventionieren. Aber eine Clubkasse ist meist bescheiden gefüllt, so dass wir uns bei jedem Extra wohl überlegten, ob oder ob nicht. Wir waren uns bewusst, dass es in der zweiten Septemberhälfte nicht mehr laue Abende gibt, entschieden uns aber dennoch gegen eine Heizung. Es genügte, dass sich in der Erfahrung des Organisators eine Heizung erübrigte. Wir hatte noch viele andere, wichtigere Dinge zu überdenken und die Zeit drängte. Soviele Leute in einem relativ kleinen Raum werden diesen schon aufwärmen. Das entsprach zwar der Erfahrung des Organisators, hat sich dann nicht bewahrheitet. Es lag vor allem an der Tatsache, dass just in diesen Tagen ein empfindlicher Kälteeinbruch stattfand und an der Architektur des Raumes: grosse, einfach verglaste Fensterscheiben erzeugten eine Kaltluftkonvektion. Hinzu kam, dass sich in der Diele eine Luke befand, so dass jedesmal, wenn die Türe geöffnet wurde, ein Zug entstand. Und die einzige und kleine Türe war fast permanent offen, weil immer jemand der Servicecrew etwas bringen oder holen musste. Resultat: alle Gäste froren und verliessen das Fest beim erst möglichen Aufbruchzeitpunkt mit der Bemerkung, dass eine Heizung ja doch eine Selbstverständlichkeit gewesen sei.

Genau das ist es, was in Migrations- und Integrationsprojekten sehr oft zu Streitereien führt. Entweder glauben die Endkunden ? oder noch schlimmer ? der Kunde, dass etwas, das nicht im Anforderungskatalog steht, eine Selbstverständlichkeit sei. Der Lieferant argumentiert, es sei nie gefordert gewesen, während der Kunde behauptet, das sei auch nicht nötig gewesen, denn es sei ja klar, dass das dazu gehöre. Mit „das“ kann eine Leistung, eine Einrichtung oder ein System gemeint sein.
In den meisten Fällen handelt es sich um etwas, woran weder Lieferant noch Kunde zuvor gedacht haben. In unserem Fall haben wir den Einsatz einer Heizung sogar noch diskutiert. Aber eine Heizung mit entsprechendem Kaliber hätte das ganze wesentlich verteuert. Dazu kommt, dass sich der Organisator auch nicht darum riss, noch eine Heizung zu installieren. Somit war die Heizung weder im Interesse des Lieferanten, noch des Kunden. In einem solchen Fall verschiebt sich Unzufriedenheit vom Kunden zu den Endkunden, so dass sie das Projekt nur indirekt tangiert. Aber grundsätzlich bleibt das Problem dasselbe: Geht etwas schief, wird eine Partei ? normalerweise der Lieferant ? zum Sündenbock erklärt, der eine Selbstverständlichkeit vergessen hat. In den meisten Fällen führt das dazu, dass der Lieferant einen Preisnachlass gewähren muss und so eine gewichtige Margeneinbusse verzeichnet.
Fast immer ist der Grund für die Unterlassung einer „Selbstverständlichkeit“ in einer Reihe von wissenbasierten Fehlern zu entdecken.
Hang zur Bestätigung: Eine vorläufige Hypothese, die auf ersten, ziemlich dürftigen Daten basiert, stört spätere Interpretationen reichhaltiger Daten1. Die Erfahrung des Organisators, dass in der zweiten Septemberhälfte noch keine Heizung nötig ist, hat uns beim Augenschein des Lokals „blind“ gemacht. Wir haben die Luke in der Diele sowie die grossen, einfach verglassten Fensterscheiben als Kältequelle übersehen.
Übermässiges Vertrauen: Beim Planen versucht man, den einmal eingeschlagenen Handlungsstrang zu rechtfertigen, indem man sich auf Anhaltspunkte konzentriert, die diese Handlungsweise nahe legen, und indem man widersprüchlichen Anzeichen keine Beachtung schnekt. Dazu kommt noch eine Bewertungsverzerrung durch einen abgeschlossenen Handlungsplan. Ein Plan ist auch eine Theorie über den zukünftigen Zustand der Welt. Er bringt Ordnung mit sich und verringert die Besorgnis1. Unser Plan hat alle beruhigt. Er enthielt die Theorie, dass es am 20. September nicht so kalt sein werde, dass man heizen müsse. Die meisten, die mit der Organisation etwas zu tun gehabt haben, haben den Plan als genügend bewertet.
Verzerrte Überprüfung: Der Planer wird zu einem bestimmten Zeitpunkt seinen Plan nochmals in Gedanken durchgehen und alle in Betracht kommenden Faktoren überprüfen. Diese Suche wird wahrscheinlich mit einer scheinbar zufriedenstellenden Anzahl berücksichtigter Faktoren enden1; doch Shepard2 wies darauf hin: „Obwohl wir uns erinnern, dass wir zum einen oder anderen Zeitpunkt jeden der verschiedenen Faktoren bedacht haben, merken wir nicht, dass wir selten mehr als einen oder zwei gleichzeitig in Erwägung gezogen haben“. Reason spricht hier von der „alles-klar-Täuschung“.
Rückschaufehler: Das Wissen um den Ausgang eines vergangenen Ereignisses führt zu einem Anstieg der wahrgenommenen Wahrscheinlichkeit dieses Ausgangs. Langer3 nannte dies „Kontrollillusion“1. Dass der Organisator im September schon oft ähnliche Anlässe mit Erfolg ohne Heizung durchgeführt hat, erhöhte die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, dass es auch diesmal ohne Heizung geht. Man beachte, dass nur die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, die mit der moteorologischen Wahrscheinlichkeit, dass es im September warm genug ist, um ohne Heizung auszukommen, nichts gemeinsam hat.
Reduzieren der Komplexität: Wenn immer jemand das Gefühl hat, etwas sei selbstverständlich und einfach, dann hat er einfach die dahinter steckende Komplexität nicht verstanden, bzw. sie in Gedanken derart reduziert, dass sie kein Problem mehr darstellt. Das kann Ignoranz sein oder einfach nur Unwissen. Die Komplexität der heutigen Welt ist dermassen hoch, dass sie alles durchzieht, wie lokal und detalliert es auch sein mag. Wir haben Komplexität als höhere Strukturiertheit begriffen. Um etwas Selbstverständliches zu erreichen, müssen wir also bestehende Strukturen entwirren und neu knüpfen. Das ist so aufändig und zeitintensiv, dass es nicht mehr selbstverständlich ist. Der Vorwurf, jemand sei bloss zu bequem oder zu geizig, um eine Selbstverständlichkeit zu leisten, ist wahrscheinlich ebenso verfehlt, wie der Vorwurf, dass Vergesslichkeit auf Faulheit basiere. In beiden Fällen ist es eine Überforderung unseres 10’000 Jahre alten Gehirnmodells gegenüber der Komplexität, wie sie sich in den letzten paar Dutzend Jahren gebildet hat.

1James Reason. Menschliches Versagen. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1994
2R.N. Shepard. On subjectively optimum selections among multiattribute alternatives. In M. Shelley & G. Bryan (Eds.), Human Judgements and Optimality. Wiley. New York, 1964
3E.J. Langer. The illusion of control. Journal of Personality and Social Psychology, 7/1975, pp185-207

Haben Sie sich auch schon mal überschätzt?

Heute morgen hat mir meine Partnerin gesagt, dass ich bei einem Unterfangen oder Projekt oft nur Hindernisse sähe und ein Misepeter sei, was eigentlich erstaunlich ist, denn Frauen bewerten im Allgemeinen hypothesenkonträre Informationen höher und können besser mit der entsprechenden Unsicherheit umgehen als Männer1. Beim Lunch machte mich dann ein Freund darauf aufmerksam, dass die Leute meist gar nicht wissen wollen, was in einem Projekt alles schief gehen könnte. Das hat mit dem sogenannten Overconfidence Bias zu tun, dem Hang zu übermässigem Vertrauen. Forscher haben herausgefunden, dass man beim Planen zu sehr auf die Korrektheit des eigenen Wissens vertraut2. Man glaubt, der geplanten oder eingeschlagenen Weg werde erfolgreich sein und schenkt widersprüchlichen Anzeichen einfach keine Bedeutung. Und mit steigendem Komplexitätsgrad der zu lösenden Aufgabe steigt das Ausmass an Selbstüberschätzung3. Was glauben Sie, welche der beiden pakistanischen Städte hat mehr Einwohner, Islamabad oder Hyderabad? Wenn Sie sich für eine Antwort entschieden haben, schätzen Sie bitte, wie sicher Sie sind, die richtige Antwort gegeben zu haben. Was immer Sie für eine Wahrscheinlichkeit schätzen, richtig gelegen zu haben: vermutlich ist sie zu hoch, unabhängig davon, ob Ihre Antwort richtig war oder nicht. Islamabad hat 900’000, Hyderabad 1,17 Mio Einwohner. Den Hang zu übermässigem Vertrauen in ihre Diagnosen und Schätzungen finden Sie nicht nur bei Projekt- und anderen Managern, sondern auch bei Ärzten, Anwälten, Piloten, Bankern, etc.

Dazu kommt, dass ein Plan Ordnung mit sich bringt, wodurch er der Zerstreuung von Besorgnis dient. Wer will sich denn unnötig Sorgen machen? Zwar kostet eine solche Bewertungsverzerrung viel Geld und auch schon mal Menschenleben, aber andererseits würde man ja das Gesicht verlieren. Ein Manager, der sich Sorgen macht oder der Mitarbeiter beschäftigt, die sich überlegen, was für Fehler passieren könnten, ist ein schlechter Manager, meint man. Aber sogenannte High Reliability Organisations, also Unternehmen, die ein Hochrisikogeschäft fahren, konzentrieren sich zumindest seit Tschernobyl immer mehr auf das Unerwartete und sind sehr sensibel für mögliche Fehler4. Ich glaube, dass es heute angesichts der hohen Komplexität nicht mehr reicht, ein Unternehmen oder Projekt einfach nach Best Practices zu führen. Es gehört mehr dazu. Warum die Leute vor diesem Mehr Angst haben, ist mir schleierhaft. Es ist nämlich weder schmerzhaft noch sonst unangenehm.

Wenn man sich zu Beginn eines Projekts ehrlich überlegt, was alles schief gehen könnte, schärft dies die Achtsamkeit. In Entscheidungssituationen können wir bewusst Gründe suchen, die gegen die Hypothese sprechen. Dann stossen wir plötzlich auf Informationen, die der ersten Annahme widersprechen und unter den Tisch gewischt wurden. Das bewahrt uns vielleicht vor voreiligen und törichten Entscheiden, die uns hätten das Gesicht kosten können. Am Schluss eines Projekts machen wir eine wirklich seriöse Lessons-Learned-Sitzung, indem wir fragen, wie das Projekt gelaufen wäre, wenn das und das (nicht) eingetreten wäre und wir (nicht) so und so reagiert hätten.

Gegenüber der totalen Projektlaufzeit nimmt all das nicht viel Zeit in Anspruch und vermittelt uns das gute Gefühl der Achtsamkeit. Das hat nichts mit der Kontrollillusion zu tun, der sich vor allem Planer nach dem Prinzip „Planen statt Handeln“ gerne hingeben.

1Janne Chung, Gary S. Monroe. Gender Differences in Information Processing: An Empirical Test of the Hypothesis-Confirming Strategy in an Audit Context. Accounting and Finance 1998, 256-279.
2Koriat, A., Lichtenstein, S., & Fischhoff, B. Reasons for confidence. Journal of Experimental Psychology. Human Learning and Memory, 1980, 6, 107-118
3Hanno Beck. Die Logik des Irrtums – Wie uns das Gehirn täglich ein Schnippchen schlägt. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2008
4Karl E. Weick, Kathleen M. Sutcliffe. Das Unerwartete manage – wie Unternehmen aus Extremsituationen lernen. Klett-Cotta. Stuttgart 2003