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Eingestürzte Brücken und verdampftes Wasser

In einem Vorhaben – einem Projekt, einer Unternehmung, einer Ehe, was weiss ich? – passieren Ereignisse durch Information. Der Projektleiter eines Brückenbauprojekts sitzt irgendwo in einer Baracke und leitet das Projekt, was immer das auch heissen mag. Plötzlich geht die Tür auf und ein Projektmitarbeiter stürmt rein: „Chef, die Brücke ist eingestürzt!“. Das genügt. Diese Information ist es, die wir als Projektleiter zu verarbeiten haben. Wahrscheinlich springen wir auf und stürzen auf die Baustelle, um das Desaster anzuschauen. Aber das wäre eigentlich gar nicht nötig. Eine eingestürzte Brücke ist eine eingestürzte Brücke. Die Frage ist vielmehr: Was machen wir jetzt?

Das Vorhaben ist ein System, durch das Informationen gepumpt werden. Ähnlich eines Eimers voll Wasser, durch das Wärme gepumpt wird. Z.B. können wir einen Liter Wasser in einer Pfanne haben, die auf einer Kochplatte steht. Solange wir moderat heizen, wird das Wasser die Wärme aufnehmen und verzögert an der Wasseroberfläche wieder abstrahlen. Genau das passiert in einem Vorhaben. Es kommen ständig neue Informationen an, die das System integriert, indem es sie in die vorherrschende Meinung einbaut. Der Abstrahlung der Wärme entspricht die Umwandlung der Information in Bestätigung. Wenn ein Fakt mal akzeptiert ist, ist es nicht mehr interessant. Wenn die Leute die eingestürzte Brücke einmal gesehen haben, die Schuldigen zur Verantwortung und die offenen Rechnungen bezahlt sind, ist das gescheiterte Projekt Schnee von gestern. Es lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Auch die abgestrahlte Wärme ist verloren. Mit ihr kann nichts mehr gemacht werden.

Anders ist es, wenn wir schnell und ungestüm erhitzen. Dann kocht das Wasser und verwandelt sich in Dampf. Wenn wir den Dampf auffangen, können wir damit Arbeit leisten. Mit Information, die nicht mehr ganz neu aber noch nicht vollständig bestätigt ist, können wir etwas bewegen (z.B. einen Hund hinter dem Ofen hervor locken). Beim Kochen nimmt das Volumen oder der Druck zu. Wenn in einem Vorhaben viel kontroverse Information ankommt, die der vorherrschenden Meinung genug widerspricht, dann passiert mit dem System ebenfalls etwas einschneidendes, das mit dem Phasenübergang „flüssig –> gasförmig“ vergleichbar ist.

Wenn beim Kochen die Bindung zwischen den Molekülen abnimmt und sich so gut wie auflöst, geschieht etwas ähnliches im Vorhaben. Die zunächst homogen verteilte Meinung und Vision beginnt aufzubrechen und sich in den einzelnen Stakeholders (Mitglieder des Systems) zu koagulieren. Die Meinungsunterschiede werden immer grösser, bis das System auseinander bricht. Das Vorhaben scheitert, genauso wie der Liter Wasser sich in eine unnütze Dampfwolke verwandelt hat, wenn wir sie nicht aufgefangen haben. Im gescheiterten und verkrachten Vorhaben läge eine gute Chance, wenn die kreative Energie der einzelnen Sichtweisen genutzt würde. Mit dem Dampf Arbeit zu verrichten ist zwar möglich, erfordert aber, dass

1. der Dampf aufgefangen worden ist,
2. eine Turbine und
3. ein Dynamo vorhanden sind.

oder

1. der Dampf aufgefangen worden und
2. in einen Zylinder geleitet worden ist, wo er
3. einen Kolben bewegen kann

In beiden Fällen ziemlich aufwendige Gerätschaften! Aber soweit müssen wir es gar nicht kommen lassen. Bevor das Wasser kocht und bevor das Vorhaben auseinander bricht, passieren noch ganz andere, erstaunlich Dinge, die ebenfalls zu Leisten von Arbeit, bzw. zum Hervorlocken von Hunden genutzt werden können. Beim Wasser denke ich an Konvektionsströme (Bénard-Instabilität) innerhalb des Systems. Was wäre das Pendent in einem Vorhaben?