Das Unglück von Tschernobyl basiert auf einer Reihe unglücklicher Umstände, von denen einer ein schwarzer Projektschwan der Unterart “Steckenbleiben” war. Die Operatorcrew war angewiesen, einen Test durchzuführen und dazu den Reaktor auf 20% zu drosseln. Es war für diesen Reaktortyp strikte verboten, eine tiefere Leistung als 20% zu fahren, weil er in diesem niedern Leistungsbereich instabil wurde. Das wusste man sehr gut. Der diensthabende Operator steuerte den Reaktor manuell hinunter und unterschoss die 20%-Marke beträchtlich. Der Versuch, den Reaktor wieder auf 20% hochzufahren scheiterte aus unerklärlichen Gründen1. Das war der “Steckenbleiben”-Schwan. Das Team entschied, den Versuch dennoch durchzuführen, obwohl die Reaktorleistung bei 7% stand. Vielleicht waren alle übermüdet und wollten endlich Feierabend. Der Fehlentscheid wurde vom “Steckenbleiben”-Schwan geboren, aber was danach passierte, wäre prinzipiell vorauszusehen gewesen. Gewisse Parameter verschlechterten sich zusehends, und je schlechter sie waren, desto mehr Fehlmanipulationen machte die Crew. Es war eine schleichende Fehlentwicklung aufgrund der Feedbackschlaufe “Verschlechterung des Systems –> Fehlmanipulationen –> Verschlechterung des Systems, usw.”. Solche Schwäne sind in Projekten viel häufiger als die echten schwarzen Schwäne. Eigentlich sind es gar keine schwarzen Schwäne im Sinne Talebs2, von denen wir hier reden. Nennen wir die “Steckenbleiben”-Schwäne besser braune Schwäne, denn nach dem Auftreten eines braunen Schwanes gibt es immer die Gelegenheit, das Unterfangen sofort abzubrechen. Und manchmal wäre ein Ende mit Schrecken immer noch besser, als ein Schrecken ohne Ende. Aber wer hat schon den Mut abzubrechen, solange nichts passiert ist?
Ich weiss nicht, ob unsere braunen Schwäne, mit den Mandelbrotschen grauen Schwäne identisch sind, die Taleb beschreibt. Vielleicht versteht Taleb unter grauen Schwänen etwas, was in der Literatur auch als deterministisches Chaos bezeichnet wird. Unsere braunen Schwäne, die die Projekte besiedeln, sind nicht plötzliche, mehr oder weniger katastrophale Ereignisse, keine Fulgurationen, sondern gleitende Fehlentwicklungen, die in eine ausweglose Situation führen. Von der Wahrnehmung her sind es Schwäne, weil man während der Fehlentwicklung nur ein “ungutes Gefühl” hat, das Problem aber erst dann effektiv wahrnimmt, wenn die Situation verfahren ist. Wir erwachen quasi aus dem Schlaf. Daher glauben wir, das Problem sei plötzlich eingetreten. Taleb würde Tschernobyl vielleicht als schwarzen Schwan bezeichnen. Aber während der Entwicklung der Katastrophe gab es niemals einen schwarzen Schwan, nur braune. Man hätte zu jeder Zeit – zumindest bis paar Minuten vor der Explosion – abbrechen und das Steuer herum reissen können. Taleb hat als Börsenhändler einen anderen Eindruck von Katastrophen als Projekt- und andere Manager. Ein Kurs kann aus unerklärlichen Gründen plötzlich absacken. In Projekten hingegen befinden wir uns auf mehr oder weniger schiefen Flächen, die in einer Richtung immer steiler abfallen. Wenn es uns gelingt, uns während des ganzen Projekts in Regionen moderater Schiefe zu halten, überleben wir das Projekt heldenhaft. Wenn wir jedoch immer mehr gegen den Abgrund rutschen, kommt einmal der Punkt, wo es kein Halten mehr gibt und wir mitsamt des Projekts in den Abgrund stürzen. Vielleicht will Taleb diesen Punkt als “schwarzer Schwan” bezeichnen, obwohl es mehr eine Region als ein Punkt ist. Wenn wir stürzen, ist das für uns zwar überraschend. Aber wir wussten tatsächlich schon lange, dass wir stürzen werden, wenn wir nichts unternehmen. Ich glaube also nicht, dass es in Projekten tatsächlich echte schwarze Schwäne gibt. Ich glaube nicht einmal, dass schwarze Schwäne tatsächlich existieren.
1Dietrich Dörner. Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2003.
2Nassim Nicholas Taleb. Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Hanser Verlag. München 2008
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