Die Schleimpilzunternehmung

Andreas Zeuch fordert in seinem Blogbeitrag Affenmärchen – Arbeit frei von Lack und Leder die Freistellung aller Arbeitnehmer, auf dass sie sich an Gefässen beteiligen, welche von den Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Ich verstehe Zeuch so, dass es in seiner Vision keine Angestellten mehr gibt, sondern dass Unternehmen Geschäftsgelegenheiten und Infrastruktur bereitstellen, an denen sich die Leute als Freelancer beteiligen können.

Ich hatte schon 1996 eine ganz ähnlich Vision, die sich am höchst interessanten Schleimpilz orientiert1. Ein Schleimpilz ist kein Pilz, sondern ein pilzförmiges Gebilde, das aus einer riesigen Menge einzelner Amöben besteht. Jede Amöbe ist ein individuelles Lebewesen, aber im Verbund übernimmt jedes Individuum eine bestimmte Funktion. Einige tragen zur Bildung eines robusten Pilzstils bei, andere zum Hut und wieder andere übernehmen die Funktion der Sporenbildung. Der Stil soll eine möglichst hohe Position des Hutes ermöglichen, um eine effiziente Windverteilung der Sporen zu garantieren. Nachdem das „Fortpflanzungsprojekt“ abgeschlossen ist, löst sich das Gebilde auf und die einzelnen Amöben fristen wieder ein individuelles Dasein. Sie kriechen umher, einige nach Westen, andere nach Osten, und alle folgen ihrem individuellen „Willen“ (sofern man bei Einzellern von Willen reden kann).

Ich habe Schleimpilze als Metapher für eine Arbeitswelt genommen, in der sich Kleinst-und Einzelunternehmen zu einem grossen Gebilde zusammentun. Einige besorgen den Einkauf, einige die Produktion und wieder andere den Verkauf, etc. Alle haben ein vitales Interesse am Gesamtergebnis, rechnen aber ihre Aufwendungen einzeln und gegenseitig ab. Nachdem ein Projekt abgeschlossen oder der Lebenszyklus eines Produkts am Ende ist, suchen sich die Freelancer und Einzelunternehmen ein neues Betätigungsfeld.
Meinen Artikel schloss ich vor 15 Jahren mit den Worten:

Unternehmenskooperationen, Wissensnetzwerke und Kulturanpassungen sind der nächste Schritt und führen zu neuen Wirtschaftsstrukturen. Die darauf folgende individuelle und gesellschaftliche Vernetzung auf mentaler Ebene kann schliesslich ein neuer Evolutionssprung darstellen und zu Hyperindividuen führen


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Addor, P. Die Schleimpilzunternehmung. gdi-impuls, Juli 1996

3 Gedanken zu „Die Schleimpilzunternehmung“

  1. Ein schönes Bild. So stelle ich mir das auch vor. Und in ROWE wird auch im Wesentlichen so gedacht, würde ich sagen (auch wenn dort Angestellte angestellt bleiben).

    Vor die Realitätswerdung einer „Schleimpilzwirtschaft“ hat aber leider der deutsche Gesetzgeber die Scheinselbstständigkeit platziert. Damit ist der Selbstständige nicht wirklich frei, sich sein Gefäß zu suchen. Denn nur eines darf es nicht sein, sonst ist er nur zum Schein selbstständig.

  2. Hallo Ralf

    Ja, ich glaube, in der Schweiz ist es ähnlich. Aber eigentlich kümmern mich diese realpolitischen Dinge wenig. Der Gesetzgeber sind wir. Wenn die Zeit reif ist, werden wir uns für ein solches oder ähnliches Modell entscheiden.

  3. kaum ist ein Jahr vorbei, schon entdecke ich diesen Backlink auf den Blogbeitrag von Andreas Zeuch zu Affenmärchen …

    Im Harvard Business Manager Januar 2012 wird in der Titelstory „Schafft die Manager ab!“ ein Unternehmen beschrieben, das einen anderen, sehr spannenden Weg gegangen ist.

    Alle Mitarbeiter schließen (soweit ich es verstanden habe) einmal im Jahr einen Vertrag mit den Kollegen, die ihre Mitarbeit benötigen.
    So hat jeder „Mitarbeiter“ Verträge mit mehreren anderen „Kollegen“. Er ist damit zum einen selbständig und zum anderen NICHT scheinselbständig … das kommt dem Schleimpilz – so wie ich ihn verstanden habe – schon ziemlich nahe!.

    Ein mir bekanntes Softwareunternehmen hat darüber hinaus ein Programm entwickelt, in dem Menschen, die in einem (egal wie komplexen) Projekt zusammen arbeiten, sehen können, wer welchen Beitrag geleistet hat und über all diese Teilhaber den Zahlungseingang des Kunden verteilen können.
    Auch ein spannendes Puzzlestück für den Schleimpilz, finde ich.
    Leider ist das Programm derzeit nur in den Firmen im Einsatz, die es entwickelt haben. Doch es gibt schon Gedanken, es auch anderen Firmen anzubieten.

    Die Zeit für den Schleimpilz reift und kommt näher!

    Grüße
    Gebhard Borck

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