Rentnerdasein

Während wir eine Weile in Bangkok und Penang lebten, hatte ich trotz Ausflügen in die Umgebung noch genug Zeit, um über zeitkritische Fragen nachzudenken und meine Gedanken niederzuschreiben. Wenn ich hier im Blog in diese Zeit zurück blättere, dann sehe ich, dass ich in dieser Zeit fünf Blogbeiträge geschrieben habe.

 

Der Umbruch

Mich beschäftigte damals die Frage, was wir denn überhaupt für Möglichkeiten haben, um unserer Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Ich blieb an der Feststellung von Bruno Latour hängen:

Die Gesellschaft ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich

Das entspricht einigermassen meiner Überzeugung, wenn ich auch beim Terminus „unendlich“ ein wenig zusammenzucke. Während ich viel Zeit in das Nachdenken über diesen Themenkreis und in das Niederschreiben meiner Gedanken investierte, kam ich immer mehr zum Schluss, dass der Argumentationskatalog meiner Überzeugungen nun aussreichend lang ist und ich nicht länger in der täglich wachsenden Blogosphäre von Hobbyphilosophen partizipieren möchte. Es genügt, wenn ich mich jeweils im Mai an der Republica mit denen treffe, die an der Digitalisierung interessiert sind.

Von litogra – https://www.flickr.com/photos/litogra/3412222105/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25762381

Ich wandte mich im letzten Jahr eher technischen Aspekten von Denkwerkzeugen zu und probierte mit Steemit auch ein anderes Gefäss aus.

Blockchain

Hashfunktionen sind in der Blockchaintechnologie sehr wichtig.
Von Jorge Stolfi – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6601264

Das alles brauchte Zeit und beschäftigte mich so sehr, dass es mir nie langweilig wurde. In dieser Zeit beschäftigte mich die Blockchain-Technologie mit ihren Kryptowährungen, die damals sehr volatil waren. Wir schauten täglich mehrmals auf die Kursentwicklungen und probierten verschiedene Kryptos aus. Wir hatten beide Ethereum und während Barbara auf Litecoin setzte, kaufte ich Dinge wie Substratum oder eben Steem. Bald sollten wir die Gewinne lösen, die unsere Investitionen ausgleichten. Verluste hatte wir nie. Mir ging es um das Verständnis der Blockchain-Technologie und deren mögliche  Anwendungen. Beim Handeln mit Kryptos in der Höhe von paar Hundert Euros  konnte ich taktile Erfahrungen mit der Blockchain sammeln und ein Gespür dafür zu entwickeln. Ich musste viel über Blockchain lernen und nachdenken und nahm sogar einmal an einem Hackaton darüber teil.

Einige Fachhochschulen bieten CAS und MAS zu Blockchain an. Beispielsweise kann man bei der Fachhochschule Luzern ein sechsmonatiges CAS-Studium machen, wenn man bereit ist, ca. 7000 Euro zu bezahlen. Meiner Überzeugung entsprechend, dass das Modell „Schule“ ein Auslaufmodell ist, kniete ich mich selber in den Stoff. Als Rentner kann man das!

 

 

Sprachen lernen

Der relativ häufige Tapetenwechsel, packen und auspacken der Koffern, organisieren der Umzüge, die Verarbeitung der Eindrücke sowie Lernen, Denken und Schreiben, füllten meine Tage völlig aus. Für eventuelle Lohnarbeit bleibt überhaupt keine Zeit. Zugegeben, noch immer erteile ich bei der Fernfachhochschule einen Sommerkurs in Schulmathematik im Umfang von 48 Lektionen. Aber das Honorar nach Steuern rechtfertigt den Aufwand nicht. Die Tatsache, dass dieser Kurs vollständig über das Web läuft, beschäftigt mich etwas mehr, als wenn ich ihn vor Ort durchführen würde, gibt es doch stets einige technische Detail zu berücksichtigen.

Ein zusätzliche und permanente Aufgabe ist es, Italienisch zu lernen.  Auch da bin ich der Meinung, dass ich zunächst mindestens ein paar Hundert Wörter und Begriffe sowie die Konjugationen der geläufigsten Verben selber auswendig lernen muss. Dafür brauche ich keinen Lehrer. Was soll er leisten? Die Manie meiner Leidensgenossen, für den ersten Kontakt einer fremden Sprache gleich in eine Sprachschule zu gehen oder sich einen Sprachlehrer zuzulegen, kann ich nicht teilen. Niemand kann Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft und Bedingungsform des italienische Verbs „vedere“ nachhaltig in mein Gedächtnis rein hämmern. Das muss ich ganz alleine und selber machen! Aber wie?

Während ich meinen Mathematikstudenten auf die Zehen trete und sie ermahne, dass sie auf keine grünen Zweig kommen, wenn sie nicht täglich übten und nach Antworten forschten,  ergeht es mir beim Erlernen einer Sprache just wie ihnen: der Stoff erscheint mir spröde und abweisend und ich habe das Gefühl, Sisiphusarbeit zu leisten, wenn ich „vedere“ wieder und wieder zu konjugieren versuche, ohne irgendwelche Fortschritte wahrzunehmen.

Social Media

Zugegeben, das Konsumieren der Beiträge meiner Freunde auf Facebook, Twitter und Instagram benötigt viel Zeit.  Es ist mir aber ein Bedürfnis, zu erfahren, wer was erlebt, und das nicht als Zusammenfassung, einmal im Jahr, z.B. als sogenannter Weihnachtsbrief! Umgekehrt weiss ich, dass ich Freunde habe, die sich für meine Erlebnisse interessieren.  Daher poste ich ab und zu ein paar Bilder auf Facebook, manchmal sogar einen grösseren Beitrag. Dabei denke ich meistens ganz bewusst an bestimmte Freunde, d.h. fast immer widme ich einen Beitrag oder Bilder in Gedanken ganz bestimmten Menschen.

Facebook betrachte ich als die Yellow Press (oder, wie ein Twitterer jeweils sagt: das Tubelmedium) unter den Social Media. Ich finde Facebook für ernste Themen nicht geeignet. Dafür ist Facebook zu seicht. Warum denn überhaupt Facebook? Weil dort nach wie vor die meisten Leute sind. Wenn Freunde von mir einen Social Media Kanal benutzen, dann in erster Linie Facebook. Daher erreiche ich die meisten Freunde über diesen Kanal. Schade allerdings, wenn sie nur lurken! Von ihnen habe ich wenig. Und schade, wenn es Freunde gibt, die ein anderes Medium benutzen, aber nicht Facebook. Manchmal kommt es vor, dass ich speziell für die einen oder anderen einen Beitrag nebst auf Facebook, noch in andere Kanäle einspeisen muss.

Seit fast einem Jahr setze ich täglich einen Tweet ab, der eine an diesem Datum geborene oder verstorbene Persönlichkeit aus Mathematik oder Informatik vorstellt. Die Motivation ist vielschichtig:

  • Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, in Enzyklopädien zu lesen, insbesondere Kurzbiographien von Mathematiker, um den Überblick über die Teilgebiete der Mathematik zu behalten. Ich lesen dann auch, was über diese Teilgebiete in der Enzyklopädie steht und halte mich damit in meinem Fachgebiet ein wenig auf dem Laufenden.
  • Ich hoffe, zeigen zu können, dass Frauen in den MINT-Fächern ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Das sollte weibliche Leser meiner Tweets in ihrem Interesse für Mathematik und Informatik unterstützen.
  • Wer hat das Internet und das Web erfunden? In der Diskussion um „digital natives“ wird leider vergessen, dass es die 1900 – 1920 geborene waren, die Computer bauten, die 1920 – 1940 geborenen, die das Internet erfanden und die 1940 – 1960 geborenen, die das Web einführten.  Die wahren „digital natives“ sind also heute 60 und älter!  Diese Einsicht möchte ich mit meinen Tagestweets ebenfalls fördern.

Zu Beginn dachte ich, es sei easy, jeden Tag über eine Persönlichkeit zu twittern. Aber weit gefehlt! Nicht jede Persönlichkeit erfüllt meine Anforderungen: möglichst allgemeinverständlicher Forschungsgegenstand, möglichst eine fachfremde Anekdote, möglichst weiblich und alles auf 280 Zeichen zusammenfassbar. Interessant ist, wie sich dieses Anforderungen stetig verformten. Z.B. verzichtete ich unter dem 280-Zeichen-Druck bald einmal darauf, die nationale Herkunft der Personen zu erwähnen. Welchen Informationsgehalt hat sie denn schon?

Während ich mich zu Beginn ausschliesslich auf Mathematiker konzentrierte, erweiterte ich das Projekt bald auf Informatiker, da theoretische Informatik durchaus auch zur Mathematik gehört und Informatik die Menschen mehr berührt als klassische Mathematik. In letzter Zeit frage ich mich, weshalb das Datum unbedingt an den Geburts- oder Todestag der Persönlichkeit gebunden werden muss. Ich habe sowieso nicht ganz für jeden Tag eine Persönlichkeit gefunden. Dann nehme ich eine, von der das Datum nicht genau bekannt ist. Also kann ich gleich von biografischen Daten Abstand nehmen. Etc.

Mit diesem Twitterprojekt lerne sehr viel mehr, als zunächst vermutet und zwar bei weitem nicht nur fachliches.

Fotografie

Auf Erkundungstrips durch fremde Städte fotografiert mensch fast unbewusst das eine oder andere. Vor allem, wenn man sieht, dass alle um einem herum ihr Handy in die Luft halten, ist das ansteckend. Das ist fast wie beim Gähnen. Manchmal findet man dann ganz passable Bilder in der Galerie, was wiederum dazu motiviert, den Erfolg zu wiederholen.

Auf einer meiner Städtewalks kaufte ich mir dann spontan eine Spiegelreflexkamera, weil ich die meist etwas flach aussehenden Handyfotos satt war. Die Ausrüstung spornte den Ehrgeiz an. Die guten Bilder wollte ich dann natürlich auch einem grösseren Publikum vorstellen. Daher begann ich, meine Fotos auf Instagram zu publizieren, wo sie mittlerweile von potentiell 2300 Menschen gesehen werden können. Leider ist Instagram immer mehr durchzogen von Werbung und selbstverliebten Selfies (die dort m.E. einfach nichts zu suchen haben). Daher probiere ich auch andere Plattformen aus, wie z.B. EyeEm (wo ich Fotos sogar verkaufen kann), Flickr, Viewbug, National Geographic, 500px oder Gurushot. Jede Plattform erfordert wiederum viel Zeit, vor allem der Aufbau eines Publikums. Eine Followerzahl, die sich mit derjenigen auf Instagram vergleichen lässt, erfordert viel Arbeit. Auf EyeEm und National Geographic kann ich nur hochauflösende Bilder Bilder posten, wofür ich am Desktop sein muss.

Schliesslich begann ich, auch mit digitaler Fotobearbeitung zu spielen und Phantasiewelten zu entwerfen, die aber Elemente meiner selbstgemachten Fotos enthalten. Für digitale Fotobearbeitung muss ich ebenfalls viel lernen. Das sind meisten hochkomplizierte Programme, wie sie früher nur Profis zur Verfügung standen.

Rentner? – Rentner!

Ich mag den Ausdruck nicht, weil er so unglaublich negativ besetzt ist. Oftmals werden Rentner „ver-vorurteilt“, unter Demenz zu leiden, neuere Entwicklungen nicht mehr zu verstehen sowie unsauber, inkontinent und impotent zu sein. Dabei gibt es viele berühmte Gegenbeispiele, wie z.B.

  • der Dalai Lama, der 2007 mit 72 vor 4500 Zuhörern einen Vortrag zum Thema „Globale Verantwortung in Wissenschaft und Gesellschaft“ hielt,
  • Jane Goodall, die mit 75 ein Buch mit dem Titel „Hope for Animals and Their World“ publiziert hat,
  • Edward de Bono, der Begründer des lateralen Denkens, der mit 75 ein Buch mit dem Titel „Think! Before it is too late – Denken bevor es zu spät ist“ publiziert hat,
  • Madeline Scotto, die 100 Jahre alt ist und an einer Schule in Brooklyn Mathematik unterrichtet.

Also, liebe Mitrentner, lasst uns weiterhin lernen, denken und uns für die Welt, in der wir leben, engagieren!

3 Kommentare

  • Hallo Peter

    Man spricht mich in Venezuela nicht als Rentner an sondern achtungsvoll als Señor an. Und das sind wir doch alle, wenn wir einmal das Rentner-Alter erreicht haben 🙂

    Deine Beiträge finde ich echt super.

    Anekdote: Hab mal vom Dalai Lama gelesen. Dieser besuchte einmal den Prof. Zeilinger, (Insbruck, Wien) um mit ihm über seine Forschungsergebnisse im Bereich Beamen zu diskutieren. Zeilinger forscht am Beamen, Quantenemechanik etc. Zeilinger hat dann gefragt wie er zu seinem Wissen gelangt ist.

    Durch Nachdenken, Herr Professor!

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