Alle Beiträge von Peter Addor

Digital Pioneer, Web junkie, blogger, university lecturer, Autor, Mathematiker, systemischer Problemloeser. Komplexitätsmanagement. Sammle Ungewissheit.

Wie nützlich sind Wirkungsnetzwerke im systemischen Kontext?

In der System Dynamics Community wird schon lange die Nützlichkeit von Causal Loop Diagrams (CLD) – zu Deutsch etwa „Wirkungsnetzwerke“ – diskutiert. Hier fragt Tom Fiddaman Are causal loop diagrams useful?  Dabei geht es nicht darum, die Methode der Causal Loop Diagrams anzuzweifeln, sondern darum, gleich einen Schritt weiterzugehen und von Anfang an Stock-Flow-Modelle zu bauen. Dagegen spricht jedoch, dass Stock-Flow-Modelle ungleich schwieriger und aufwändiger sind als CLD. Diese sind dafür handlich und schnell entwickelt.

Pfeile sind Funktionen!

Gerade das ist der Kritikpunkt. Weil CLD sofort einleuchten – Parameter, die sich beeinflussen, sind mit einem Pfeil verbunden – meint schnell einer, er könne drauflos zeichnen. Das führt dann dazu, dass in der Literatur wirre CLD auftauchen, die die Kritik geradezu herausfordern.

Auf der anderen Seite betrachten auch die Kritker CLD nicht als das, was sie wirklich sind: verkettete reellwertige monotone Funktionen. Den Kritikern – das sind meist die ganz grossen der Szene, wie eben Tom Fiddaman, Kim Warren, George P. Richardson – ist dann jedes Argument recht, wenn es gilt, CLD zu umgehen, um gleich von Anfang an Stock-Flow-Modelle zu entwickeln. Nur: das ist nicht praxisgerecht! Gerade KMU haben kein Budget zur Entwicklung aufwändiger Stock-Flow-Diagramme.

Fiddaman bezieht sich in seinem Artikel auf Problems in Causal Loop Diagrams Revisited von George P. Richardson. Richardson macht dort das Beispiel eines Epidemiemodells, in dem ein Pfeil positiver Polarität „Infection rate –> sick population“ vorkommt. Dazu schreibt er:

[This arrow is false]. The link from the Infection rate to the Sick population has a similar problem:
when the infection rate decreases, the sick population does not decrease (move in the same direction) as the “S” label suggests — it would continue to increase. We know very well the reason for these behaviors: the infection rate always subtracts from the susceptible population and adds to the sick population. The populations are stocks, and the infection rate drains one stock and pours into the other

Richardson ist als Professor of Public Administration and Policy vermutlich kein Mathematiker. Er beachtet deshalb nicht, dass hier der funktionale Zusammenhang nicht von der Zeit abhängt. Zwar nimmt zeitlich die Grösse der infizierten Bevölkerung auf jeden Fall zu, auch wenn die Infektionsrate sinkt, da hat er recht. Aber das ist hier nicht die Frage. Es geht hier nicht um einen funktionalen Zusammenhang mit der Zeit, sondern mit der Infektionsrate. Wenn die Infektionsrate sinkt, sinkt selbstverständlich auch die Grösse der infzierten Bevölkerung.

Ein Pfeil ist meist keine Funktion der Zeit

Um das einzusehen, schauen wir die Welt zunächst durch Richardsons Augen an. Er hat recht, dass die infizierte Bevölkerung ein Bestand ist und die Infektionsrate angibt, wie viel Prozent der „ansteckbaren“ Bevölkerung krank werden. Das hat ungefähr dieselbe Dynamik, wie ein Zinsmodell. Sind i1 < i2 < i3 drei verschiedene Infektionsraten, dann sieht die Dynamik der infizierten Bevölkerung so aus:

In der Tat nimmt jede dieser Funktionen zu, auch wenn die Infektionrate sinkt, z.B. i2 nach i1: die infizierte Bevölkerung wächst auch bei i1. Aber das ist hier gar nicht die Frage!
Der Pfeil „Infection rate –> sick population“ ist eine monoton steigende Funktion der Infektionsrate, die einem Wert der Infektionsrate eine Anzahl infizierte Menschen zuordnet.

Wir müssen also in der obigen Grafik einen bestimmten Zeitpunkt t0 festhalten und schauen, wie sich die infizierte Bevölkerung in Abhängigkeit der Infektionsrate verhält.

 

Wir sehen, dass das eine monoton steigende Funktion ist, d.h. wenn die Infektionsrate von i2 auf i1 sinkt, dann sinkt auch die dazu gehörende Anzahl infizierter Menschen.

CLD können weitgehende Einsichten vermitteln. Voraussetzung ist, dass sie sauber und präzise eingesetzt werden. Auch ein CLD ist bereits ein Modell! Es hilft bei der Kommunikation eines Sachverhalts und bei der Einschätzung von Fern- und Nebenwirkungen.

Loops machen die Essenz eines CLD aus!

Im Allgemeinen sind CLD zu umfangreich und die Bezeichnungen der Parameter sind suggestiv. Anfänger würden den Pfeil „Infection rate –> sick population“ in Richardsons CLD vielleicht so bezeichnen:

aggressive Infection –> epidemic increasing sick population

in der Meinung, plakative Bezeichnungen würden die Verantwortlichen eher zum Handeln bringen. Aber die Infektionsrate könnte auch niedrig und die Zunahme der infizierten Bevölkerung moderat sein. Deshalb sind neutrale Bezeichnung Voraussetzung brauchbarer CLD.

Wichtig sind die Loops in den CLD. Diese müssten deutlich sichtbar gemacht werden, denn nur sie tragen zur Dynamik bei. Im eingangs erwähnten Artikel stellt Tom Fiddaman ein CLD zur Verfügung, das er zusammen mit Ron Suiter über CO2-Emmissionen entwickelte.

Da die beiden Profis sind, ist das CLD bereits auf einem hohen Niveau. Ich versuchte, ein wirklich wirres CLD zu finden, scheiterte aber an Copyrights. Das Vorgehen, um das es mir hier geht, kann auch am Fiddaman-CLD gezeigt werden. Nicht alle Loops sind direkt ersichtlich (und wenn, dann nehmen wir an, dass nicht). Ich habe das CLD zuerst in insightmaker.com möglichst so übernommen, wie es im Artikel steht. Die drei terminalen Grössen „Out-of-state Cobenefits“, „Out-of-cap California Cobenefits“ und „In-cap California Cobenefits“ habe ich weggelassen, denn sie tragen nichts zum System bei und sind bloss Ablesegrössen, wie ein Stromzähler. Wie üblich, haben blaue Pfeile positive Polarität und rote negative. Wenn Sie auf das Bild klicken, gelangen Sie gleich in den insightmaker.

(https://insightmaker.com/insight/97633/emissions-original)

Dann habe ich mit Hilfe der Funktion „Identify loops“ die Kreise ausgemacht und sie in den Fokus des Diagramms geholt:

(https://insightmaker.com/insight/97711/emissions-kreise)

Erst in dieser Darstellung kommt die Nützlichkeit eines CLD zum Ausdruck: man sieht sogleich, dass der Kreis oben rechts vom übrigen System völlig isoliert ist. Wenn man sich nicht gerade für die drei Grössen, die diesen Kreis bilden – „Reductions Elsewhere“, „Real Emissions Reductions“ und „Control Elsewhere“ – interessiert, könnte man den Kreis sowie alle Pfeile, die zum Kreis hin führen, weglassen. Die Grössen, auf dem Weg zum Kreis, wie z.B. „Real Additional Verifiable Enforceable“ und „Real Offset-driven Reductions“ sind ebenfalls unnütz und reine Massumwandler.

Das CLD reduziert sich auf das System der sechs Kreise in der Mitte des Diagramms. Es sind vier reinforcing Loops und zwei balanced Loops. Meine Erfahrung zeigte, dass sich Kreise ähnlich wie Pfeile verhalten, wenn man die Zuordnung

reinforcing loop –> postivie Polarität
balanced loop –> negative Polarität

macht. Ein Kreis, in welchem eine gerade Anzahl Pfeile negativer Polarität vorkommt, ist reinforcing. Ein Kreissystem in welchem es eine gerade Anzahl balanced Kreise gibt, wäre demnach vermutlich im Gesamten reinforcing. Stimmt diese Vermutung, dann wird sich das Fiddaman-CLD gesamthaft aufschaukeln (oder kollabieren). Um diese Vermutung zu festigen, ist weitere Forschungsarbeit nötig.

Die Analyse der Kreisstruktur eines CLD macht dieses zu einem sehr nützlichen Werkzeug, aller Unkenrufe der Community zum Trotz.

Die Kunst, Wirkungsnetzwerke zu zeichnen

Im letzten Beitrag befasste ich mich mit sogenannten „Causal Loop Diagrams“ (CLD) – Deutsch etwa mit „Wirkungsnetzwerke“ übersetzt – als systemische Darstellungsmittel. Ich habe den Eindruck, dass es im systemischen Umfeld wohl kaum ein zweites, derart missverstandenes und missbrächlich eingesetztes Hilfsmittel gibt, als CLD. Das kommt vielleicht daher, dass es sehr einfach aussieht und daher jeder Berater unreflektiert darauf zurückgreift.

Wirkungen wirken auf die Ursachen zurück

Ein lineares Ursache-Wirkungsdiagramm (oft auch als Fischgrät-Diagramm bezeichnet)  listet die Ursachen für ein Problem auf. Ein CLD integriert das Problem und seine Lösung in ein Gesamtsystem und fragt nach Problemursachen, die sich aus der Lösung ergeben.

Ein CLD ist ein bewerteter Digraph und eine dazugehörende Story. Die Werte der Kanten stammen aus der Menge {-1,0,1}. Ein Pfeil mit dem Wert +1 hat positive Polarität, ein Pfeil mit dem Wert -1 hat negative Polarität. Dann gibt es auch Pfeile, denen keine Polarität zugeordnet werden kann.

Soweit kann es zwei CLD mit derselben Struktur geben, wie Kim Warren in The Ambiguity of Causal Loop Diagrams and Archetypes festgestellt hat.  Deshalb gehört zu einem CLD stets eine Story, die die spezielle Bedeutung des CLD erzählt. Da CLD rein qualitativ sind, lassen sich quantitative Unterschiede nicht darstellen, wie etwa Nichtlinearität gegenüber linearen Verhältnissen. Solche Unterscheidungen übernimmt die Story. Die online-Software insightmaker.com unterstützt Storytelling bei CLD.

Das CLD heisst deshalb „Causal Loop Diagram“, weil ein guter CLD-Entwickler darauf achtet, die Pfeile stets in einem Kreis anzuordnen, z.B. so:

Ein CLD soll aufzeigen, dass Wirkungen oftmals zu Ursachen der Ursachen werden können. Zwar ist ein hoher Marktanteil die Ursache für eine hohe Nachfrage, aber die Nachfrage wird via Verkäufe und Investitionen zu der Ursache für den hohen Marktanteil. Die Einsicht in solche Rückkopplungsschleifen ist gerade das Systemische am CLD. Die kollaborative Modellierungssoftware insightmaker.com hat deswegen ihren Namen.

Der folgende Ausschnitt eines CLD ist ein Ausschnitt aus einem abschreckenden Beispiel. Es werden Grössen beliebig miteinander verbunden, ohne dass die entstandenen Loops klar dargestellt werden.

Es gibt durchaus Loops, z.B.

job structure flexibility –> social & economical security –> citizen wealth –> citizen social & economical well-being –> freedom of action –> job structure flexibility

Vielleicht wäre das CLD aussagekräftiger, wenn es diesen Loop in das Zentrum stellen und sich darauf konzentrieren würde. CLD, die viele Grössen mit vielen Pfeilen wild verbinden, sind nicht nur schweirig zu lesen, sondern auch unnütz.

Warum sind Pfeilpolaritäten wichtig?

In System Dynamics hat es sich eingebürgert, dass man sagt, ein Pfeil A –> B habe eine positive Polarität, wenn gilt:

Je mehr/grösser/besser/höher A, desto mehr/grösser/besser/höher B

und

Je weniger/kleiner/schlechter/niedriger A, desto weniger/kleiner/ schlechter/niedriger B

Das ist aber einfach eine saloppe Sprechweise für eine monoton steigende Funktion. Der Pfeil A –> B ist eine Funktion, die jedem Wert von A einen Wert von B zuordnet.

Ein Pfeil A –> B hat eine negative Polarität, wenn gilt:

Je mehr/grösser/besser/höher A, desto weniger/kleiner/ schlechter/niedriger B

und

Je weniger/kleiner/schlechter/niedriger A, desto mehr/grösser/ besser/höher B

Ein Loop, der aus lauter Pfeilen mit positiver Polarität besteht, schaukelt sich auf, bzw. kollabiert. Man nennt solche Loops auf English reinforcing. Ein Loop, in dem eine ungerade Anzahl Pfeile negativer Polarität vorkommt, pendelt sich auf einem bestimmten Niveau ein. Solche Loops werden auf Englisch balancing – in Deutsch auch zielsuchend – genannt.

Das sind zwei verschiedene Verhaltensdynamiken. Die Hauptaufgabe eines CLD ist es, Aussagen über das dynamische Verhalten eines Systems zu machen, die aus dem Zusammenwirken seiner reinforcing und balancing loops abgelesen werden kann.

Polaritäten sind Funktionsmonotonien

Da ein CLD ein Graph ist, kann es nicht zwischen Fluss- und Bestandesgrössen unterscheiden. Betrachte das CLD

Der Pfeil Kapital –> Zinsbetrag hat eindeutig eine positive Polarität, d.h. je höher das Kapital, desto höher der Zinsbetrag und je kleiner das Kapital, desto kleiner der daraus resultierende Zinsbetrag.

Auch der Pfeil Zinsbetrag –> Kapital ist monoton steigend. Wenn z1 < z2 zwei Zinsbeträge sind und K das Anfangskapital, dann ist natürlich K+z1 < K+z2. Das heisst: je höher der Zinsbetrag, desto höher das resultierende Kapital und je niedriger der Zinsbetrag, desto kleiner das daraus resultierende Kapital. Der Loop Zinsbetrag <–> Kapital ist klar aufschaukelnd.

Hier zeigt es sich, wie salopp die Sprechweise je kleiner der Zins, desto kleiner das Kapital ist. Selbstverständlich sinkt das Kapital nie unter seinen Anfangsbetrag. Wird kein Zins ausgeschüttet, bleibt das Kapital einfach konstant.

Dasselbe gilt für Abflüsse. Z.B. können Sie eine Investition abschreiben und erhalten ein duales CLD

Der Pfeil Investitionswert –> Abschreibungsbetrag hat positive Polarität. Die Funktion Abschreibung –> Investitionswert ist monoton fallend, der Loop Investitionswert <–> Abschreibung ist daher zielsuchend: der Investitionswert nähert sich dem Wert 0.

Alle diese Diagramme sind mit insightmaker gezeichnet worden, ein freies online Tool, mit dem Sie kollaborativ System Dynamics Modelle entwickeln können.

Conny Dethloff hat in seinem Beitrag Drei Stolperfallen der qualitativen Modellierung gefordert, dass schon in einem CLD zwischen Fluss- und Bestandesgrössen unterschieden werden muss und dies in einer Reihe von Kommentaren begründet. Auch George P. Richardson bemängelt dasselbe wie Dethloff in A problem with causal-loop diagrams (System Dynamics Review, Juni 1986). Dabei wird klar, dass er gedanklich kaum zwischen CLD und Bestand-Fluss-Modell unterscheidet. Er denkt schon beim Erstellen eines CLD so, als wäre ein Bestand-Fluss-Modell das Ziel. Das ist selber eine Denkfalle. Ein CLD ist bloss ein bewerteter Graph, in welchem es nur eine einzige Art von Knoten gibt. Es gibt keine Unterscheidung von Fluss- und Bestandesgrössen, keine versteckten Pfeile oder gar versteckte Feedbackschleifen. Das sind alles Dinge, die erst im Bestand-Fluss-Modell zu Tage treten.

Dethloff meint, dass sich Fehler einschleichen können, wenn der Modellierer nicht aufpasst. Das ist zwar richtig, aber Fehler können sich aber auch in einem Bestand-Fluss-Modell einschleichen. Systemische Modelle entdecken nichts Neues. Wenn der Modellierer falsch denkt, ist auch sein noch so exaktes Modell falsch.

Stolperfalle in suggestiven Bezeichnungen

Es kann sogar Pfeile geben, denen überhaupt keine Polarität zugeordnet werden kann. Das Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt die Leistungsfähigkeit eines Menschen in Abhängigkeit von allgemeinen nervösen Erregungsniveaus und besagt, dass zwischen Erregung und Leistung ein Zusammenhang besteht. Solange eine Aufgabe freiwillig ist, werden Sie sich per Gelegenheit darum kümmern. Besteht ein gewisser Druck und betrifft die Aufgabe Ihre aktuelle Haupttätigkeit, dann werden Sie sie als wichtig und dringend einstufen und sich sorgfältig ihrer annehmen. Steht ein Berg offener Arbeiten an und tadelt man Sie wegen Schlamperei, dann werden Sie lustlos resignieren. Das heisst, die Leistung nimmt bei zunehmender Erregung zunächst ebenfalls zu, fällt dann aber bei Übererregung wieder ab. Dem Pfeil

Erregungsniveau –> Leistungsfähigkeit

kann keine Polarität zugeordnet werden. Dennoch kann er in einem CLD vorkommen.

Ich sehe die Stolperfallen nicht so sehr in der Kategorisierung der Grössen und Pfeile, sondern vielmehr in suggestiven Bezeichnungen der Grössen. Ein typischer Anfängerfehler! Da die meisten Berater, die CLD einsetzen, keine Gedanken über die Methode verlieren, kommen sie nie über dieses Niveau hinaus und präsentieren ihren Kunden unnütze CLD.

Ein CLD soll die Dynamik einer Situation beschreiben. Der Pfeil

Gute Qualität –> Zufriedene Kunden

ist statisch. Die Qualität ist auf dem Niveau „gut“ fixiert und kann keine Dynamik zwischen grottenschlecht und hervorragend gut erfahren. Dadurch sind auch die Kunden einfach immer nur zufrieden, was nicht der Beobachtung entspricht. Der CLD-Entwickler wollte damit zeigen, dass gute Qualität zu zufriedenen Kunden führt. Solche plakativen Behauptungen sind aber nicht Aufgabe eines CLD. Soll ein CLD die beobachtete Dynamik abbilden, müsste der Pfeil so dargestellt sein:

Qualitätniveau –> Kundenzufriedenheit

Ist das Qualitätsniveu hoch, ist auch die Kundenzufriedenheit hoch. Ist die Qualität niedrig, ist die Kundenzufriedenheit niedrig. Der Pfeil hat eindeutig positive Polarität. Hier leitet sich die Behauptung, dass hohe Qualität zu guter Kundenzufriedenheit führt, von selber ab. Gleichzeitig erhält der Leser des CLD auch die Einsicht, dass niedrige Qualität die Kunden vertreibt.

Genauso falsch wäre es, das Yerkes-Dodson-Gesetz so zu formulieren:

Hohe Erregung –> Gute Leistung,

nur um zu zeigen, wie wichtig ein gewisses Erregungsniveau zur Motivation von Menschen ist.  Hier sieht man besonders gut, wohin solche Bezeichnungen führen. Es ist eben nicht so, dass je höher die Erregung, desto höher die Leistung, da die Funktion nicht monoton ist.

Causal Loop Diagrams sind linearen Ursache-Wirkungsdiagrammen, wie z.B. Fischgrätdiagrammen, in jedem Fall überlegen. Der erfolgreiche Einsatz von CLD setzt allerdings einige Kenntnisse und Fähigkeiten voraus, die der Einsatz von linearen Ursache-Wirkungsdiagramme nicht benötigt. Das dürfte der Grund sein, weshalb sich nichtsystemische Fischgrät-Diagrammen grösserer Beliebtheit erfreuen.

Systemisches Denken mit Wirkungsnetzwerken

In einem meiner letzen Blogartikel forderte ich dazu auf, ein System Thinker zu werden. Ich denke, dass Sie mittlerweile genug Zeit hatten, sich mit System Thinking zu beschäftigen, so dass Sie folgendes Stück „System Thinking“ nachvollziehen können oder es dazu nutzen, um Ihre System Thinking Skills zu verbessern.

System Thinking kommt wohl ohne Causal Loop Diagrams (CLD) kaum aus. Ich möchte mich heute der Frage widmen, inwiefern ein Causal Loop Diagram als systemisches Darstellungsmittel genügt. Inspiriert dazu hat mich der Artikel The Ambiguity of Causal Loop Diagrams and Archetypes von Kim Warren.

Wer und was

Ich mag Kim Warren sehr. Er war 2013 Präsident der System Dynamics Society und ich habe ihn ein paar Mal auf einer SD Conference getroffen. Zudem nahm ich vor ein paar Jahren an einer seiner hochspannenden SD-Trainings teil.

Über Causal Loop Diagrams (CLD) – auf Deutsch vielleicht mit Wirkungsnetzwerk übersetzt – und Systemarchetypen habe ich hier schon oft geschrieben, z.B. in Kein einzelner Teil… und in Archetypendiagramme

Zwei Archetypen

Der Archetypus „Eroding Goal“ besagt, dass wir zu Beginn unsere Ziele zu hoch setzen, und wenn wir sie nicht erreichen können, schnell bereit sind, sie auf niedrigerem Niveau neu zu formulieren. Umgekehrt strengen wir uns immer mehr an, das Ziel zu erreichen. Ich habe diese Situation in Fallen gelassene Vorsätze von Dozenten, Studenten und Projektleitern beschrieben

Der Archetypus „Eroding Goal“ als CLD. Blaue Pfeile haben positive, rote negative Polarität.

Der Archetypus „Escalation“ skizziert die gegenseitige Konkurrenz zweier Parteien in ein und derselben Sache. Z.B. streben zwei Personen in einer Disziplin die Weltmeisterschaft an. Immer, wenn die eine einen Erfolg verbucht, fühlt sich die andere bedroht und gibt noch mehr, um das nächste mal die andere zu überbieten.

Der Archetypus „Escalation“ als CLD.

Die Diagramme sind mit insightmaker gezeichnet worden, ein freies Entwicklungstool, das Sie online und kollaborativ einsetzen können.

Gleiche Strukturen

Im erwähnten Artikel stellt Warren fest, dass beide Archetypen – „Eroding Goals“ und „Escalation“ – aus zwei zielsuchenden Loops bestehen und sieht sich deshalb ausserstande, den Unterschied der beiden Situationen mit einem CLD beschreiben zu können. Er folgert daraus, dass CLD uneindeutig und in gewissem Grad für eine präzise Beschreibung spezifischer (Unternehmens-)Situationen ungeeignet seien. Er räumt allerdings ein, dass der Einsatz von CLD dem „Laundry List“-Vorgehen von Nicht-System-Thinkers immer noch überlegen sei.

Warrens Definition, wonach ein Archetypus ein generisches CLD, zusammen mit einer speziellen Verhaltensstory sei, finde ich bestechend handlich. Gerade an ihrer Verhaltensstory können die beiden Archetypen – „Eroding Goal“ und „Escalation“ – sehr eindeutig voneinander unterschieden werden. Das fängt schon nur bei der Tatsache an, dass in „Eroding Goal“ bloss eine Partei in gewissem Sinne gegen sich selbst handelt, während es in „Eskalation“ zwei Parteien gibt, deren Handlungen sich an denjenigen des Gegners orientieren.

Dynamische Struktur

Warren plädiert dafür, nicht beim CLD stehen zu bleiben, sondern gleich den Schritt zum System Dynamics Modell zu machen, das erst die nötige Klarheit geben könne. Ich kann ihm in dieser Hinsicht nicht folgen. Ich glaube, seine Befürchtungen, dass ein CLD die nötige Eindeutigkeit fehle, sind zumindest dann übertrieben, wenn das CLD nach allen Regeln der Kunst erstellt wurde. Meine Kritik richtet sich vielmehr gegen die vielen Berater, die CLD ohne irgendwelche Grundkenntnisse und ohne grossen Zeitaufwand ihren Kunden teuer verkaufen.

Wenn Warren z.B. schreibt: „The loop structure is mathematically identical“, dann stimmt das nicht. In dem Archetypus „Eroding Goal“ werden Soll-Zustand (Ziel) und Ist-Zustand als Differenz verglichen („Lücke“). Das führt zu einer linearen Struktur. Im Archetypus „Escalation“ hingegen werden die Resultate beider Parteien zueinander in Relation gesetzt, was nicht-linear ist.

Dass die Loopstruktur dennoch gleich ist, liegt daran, dass die Stories sehr verwandt sind. In beiden Stories versuchen die Parteien, durch Anstrengung ein Ziel zu erreichen. Während jedoch in „Escalation“ das Ziel durch die andere Partei immer höher gesetzt wird, wird es in „Eroding Goal“ durch den „inneren Schweinehund“ immer mehr gesenkt.

Fluktuationen

Eine andere Aussage Warrens fordert mich zu einer Präzisierung heraus. Er schreibt: „For example, if A and B start with the same results, there is no escalation“. Das ist rein rechnerisch zwar richtig, verkennt aber die Funktionsweise lebender Systeme. In einem System, das weit vom Gleichgewicht entfernt ist, wird die Dynamik stets von sogenannten Fluktuationen geprüft. Fluktuationen sind in Stärke und Ort zufällig vorkommende Störungen, die gegen die herrschende Struktur verstossen.

In „Escalation“ versuchen die beiden Parteien ständig, sich selbst zu verbessern, ganz ungeachtet vom Resultat der Konkurrenz. Das führt auf alle Fälle zu Differenzen in den jeweiligen Resultaten, sogar, wenn beide Parteien mit exakt denselben starten würden.

Warrens Behauptung gilt bloss für Systeme, die sich in völligem Gleichgewicht befinden. Solche Systeme sind aber tot. In ihnen bewegt sich gar nichts mehr. In der Tat gäbe es auch keine Eskalation mehr.

Jedem CLD seine Story!

Für Warren ist erst ein System Dynamics Modell ein Modell. Für mich ist ein fachgerecht erstelltes CLD jedoch bereits ein (qualitatives) Modell. Allerdings steckt für mich bedeutend mehr hinter einem CLD, als bloss ein paar Parameter, die mit Pfeilen wirr verbunden sind.

Wenn also die generischen CLD der beiden Archetypen „Eroding Goal“ und „Escalation“ fast nicht unterschieden werden können, anhand ihrer Stories und weiteren Analysen lassen sie sich jedoch wohl unterscheiden. Das bedeutet für mich: zu jedem CLD gehört eine Story! Das erreichen Sie am besten, indem Sie sich zu Beginn fragen: „Welche Archetypen stecken in der zu untersuchenden Situation“ und die Modellierung auf diesen Archetypen aufbauen. Dann tragen Sie auch stets die Story mit. Zu einem einfach mal so hingeworfenen CLD eine passende Story zu finden, dürfte ungleich schwieriger sein.

Die Sache mit dem kritischen Denken oder Glaube ist nicht kritisch

Die Kompetenz „Kritisches Denken“ im 4K-Modell des Lernens 4.0 – alternativ auch „Augenhöhe-Lernen“ genannt, einige sprechen fälschlicherweise von „Augenhöhe-Schulen“, was ja ein Widerspruch in sich selbst ist – die Kompetenz „Kritisches Denken“ ist die Fähigkeit zum selbstständigen Denken. Es geht dabei darum, Fakten, Meinungen und wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen.

Aufmerksamkeitshascherei

Kritisch hinterfragen wird jedoch gerne mit unterschiedlichem Glauben verwechselt. Wer nie die Gelegenheit hatte, selbstständig zu denken, glaubt, er denke, wenn er glaubt. Um den Glauben zu durchbrechen, braucht es ein anderes „K“ – nämlich das kreative Denken. Kreativität ist zwar eher Talent, denn Kompetenz. Aber beim kreativen Denken geht es lediglich darum, auch mal querzudenken. Kreatives Denken ist, das zu denken, was dem eigenen Glauben widerstrebt und zu sehen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Der Glaube der Alten, dass die Erde eine Scheibe sei, war keine wissenschaftliche Erkenntnis, weil ihr keine Argumente zugrunde lagen. Es war eben nichts anderes als ein Glaube. Das ist der Unterschied zwischen Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis.

Mittlerweile sind unsere Erkenntnisse auf einem Niveau angelangt, dessen Argumente fast nur noch von Experten nachvollzogen werden können. Auch das ist eine Facette der Komplexität der modernen Welt. Das macht es so schwer, das Wissen unserer Zeit zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.

Etwas Unverstandenes wird zunächst abgelehnt. Wenn sich ein Komiker über das Unverstandene lustig macht, dann ist es für die Menschen wie eine Befreiung zu erfahren, dass sie in ihrem Unverständnis nicht alleine sind. Anstatt zu versuchen, das Unverstandene gemeinsam verständlich zu machen, also kollaborativ zu lernen, lehnen sie es gemeinsam ab, was natürlich ökonomischer ist. Kollaboratives Lernen wäre auch eine K-Kompetenz.

Wer unverstandene wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage stellt, wird von den Menschen, die auch nicht verstehen, Applaus und ungeteilte Aufmerksamkeit ernten, was der Selbstoptimierung zugute kommt.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider sagt zu Selbstoptimierung:

Es gibt heute tatsächlich eine Art von Selbstoptimierung, die viel Stress verursacht und die die Abhängigkeit vom anderen auf eine seltsame Art verkennt. Man optimiert sich ja primär für die Anerkennung von anderen. Sei es mit Make-up, mit Sport und Diäten, mit Coachings oder sogar Therapien

oder mit markig-kernigen Ansichten auf den Sozialen Medien.

Unkritisches Geschnatter auf den Sozialen Medien

Aufmerksamkeitsgenerierung ist die Essenz der Sozialen Medien. Sie sind genau dafür designed. Sie arbeiten mit denselben Tricks, wie ein Zauberer, der die Aufmerksamkeit des Publikums lenkt (s. dazu „Wie Technologie unseren Geist manipuliert“ von Bob Blume). Ich finde das nicht weiter verwerflich. Auch das Automobil hat seinen manipulativen Einfluss auf den Geist.

Blogartikel von Stephanie Frasco auf https://www.convertwithcontent.com/3-ways-to-make-your-social-media-posts-attract-the-right-attention/

Social Media sind vor allem Marketing-instrumente: die Aufmerksamkeit auf ein Produkt oder Angebot zu lenken. Diese Funktion sozialer Medien nutzen denn auch (nicht-kommerzielle) Individuen, um ihre Meinungen und Glaubenssätze zu plazieren.

In letzter Zeit wundere ich mich sehr, was in den Social Media alles so gewusst und behauptet wird. Vor allem in Facebook, dessen Timeline für mich die Boulvardpresse unter den Social Media ist, tauchen vermehrt ernsthafte Themen mit hohem moralischen Anspruch auf. Da lese ich, was man darf und soll und was auf keinen Fall, was gut und was schlecht ist und dass sich die Menschheit sowieso auf dem Weg in den Abgrund befindet, wenn jetzt nicht sofort etwas getan wird. Nicht selten werden Glaubenssätze diskutiert, die weder überprüfbar noch sonstwie haltbar sind. Vieles kratzt hart an der Grenze zu Verschwörungstheorien oder Esoterik.

Es scheint mir, dass viele versuchen, auf Teufel komm raus originell zu sein. Ein einfaches Rezept für Originalität ist, bestehende Vorstellungen und Erkenntnisse mit möglichst schrägen Behauptungen scheinbar zu widerlegen. Wenn beispielsweise empfohlen würde, eine Aufgabe immer auf den letzten Moment zu verschieben, entgegen der Untugend der Prokrastination, mit der Begründung, dass jederzeit die Welt untergehen könnte und in diesem Fall dann viele Anstrengungen vergebnes gewesen wären, wäre das originell und könnte dazu beitragen, Aufmerksamkeit zu erregen. Aufmerksamkeitserregung ist womöglich eine Antriebsfeder für alle diese pfiffigen Beiträge und Kommentare, die sich in letzter Zeit in meiner Facebook-Timeline häufen.

Ein grosser Anteil der wunderlichen Beiträge auf Social Media sind Zukunftsvisionen. Es ist durchaus in Ordnung, wenn mögliche Zukunftsszenarien diskutiert werden. Mittlerweile geben immer mehr Beiträge vor, genau zu wissen, wie die Zukunft sein wird und in moralischen Aufrufen zu enden. Viele Beiträge wollen nicht nur genau wissen, was die Zukunft bringt, sondern gleich auch noch, was heute getan werden muss, um diese Zukunft zu verhindern. Um das zu untermauern, werden nicht selten Persönlichkeiten zitiert, die zu Ikonen auf dem Gebiet stilisiert werden.

Pseudowissenschaft am Biertisch

Auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (AI) haben beispielsweise Stephen Hawking und Elon Musk einen solchen Ikonenstatus. Der eine versteht etwas von Schwarzen Löchern, der andere von Geld und Unternehmensgründungen. Beide haben weder auf AI geforscht noch ernsthaft darüber publiziert. Egal was diese Ikonen gerade von sich gegeben haben, es wird in den Sozialen Medien sogleich zur Untermauerung von noch so abstrusen Zukunftsvisionen missbraucht (und inhaltlich vielleicht sogar etwas angepasst…wer prüft’s schon nach). Wirkliche AI-Experten, wie Jürgen Schmidhuber oder Eliezer Yudkokswy sind zwar kompetenter, haben aber nicht diesen Ikonenstatus. Sie sprechen halt von neuronalen Netzwerken oder vom Satz von Bayes, wieder so unverständliche Dinge, die erst noch nach Mathematik riechen.

Eine andere Kategorie von Beiträgen befasst sich mit allerlei ethischen Fragen, insbesondere im Managementumfeld. Meistens sind das solide und durchaus brauchbare Handlungsanweisungen aus der normativen und angewandten Ethik. Manchmal schiessen die Beiträge aber auch weit über das Ziel hinaus und ihre Autoren verbeissen sich in bizzare Gedankenkonstruktionen, die sie mit pseudowissenschaftlichem Unsinn oder mit Zitaten von wenig bekannten Wissenschaftlern schmücken, deren wirre Theorien den Durchbruch nie geschafft haben.
Alan Sokal spricht von „Elegantem Unsinn“ (Sokal/Bricmont.  Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. C. H. Beck, München, 1999. ISBN: 3406452744 / 3-406-45274-4)

Bei einigen Managementethikern habe ich dieselbe Strategie beobachten können, wie bei hartgesottenen Zukunftsvisionären: man formuliert eine populäre Befindlichkeit in knackig-originellen Parolen, um die Zustimmung des Publikums zu ergattern.

Das genaue Hinschauen, die präzise Analyse und die angemessene sprachliche Vermittlung eines Sachverhaltes entsprechen nicht unbedingt der kollektiven Bedürfnislage unserer Epoche

(Nicholas Mailänder). Also macht man sich lustig über Analyse und Präzision, um die Lacher auf die eigene Seite zu ziehen. Das klappt umso mehr, wenn man Analyse und Präzision noch in die Nähe von Mathematik rückt, die sowieso nur die wenigsten verstehen wollen.

Manchmal klingt es fast biblisch: „Die Strafe wird kommen, tut Busse und kehret um!“. Die Umkehr wäre eine gesellschaftsweite Verhaltensänderung. Der Aufruf alleine nützt aber nichts. Er dient lediglich der Aufmerksamkeit des Propheten. Wer für den Verzicht von Plastikpackungen eintritt, erhält jede Menge Zustimmung. Es ist ja tatsächlich unverschämt, was in der Umwelt für Plasticmüll herumliegt. Von mir stammt der jedenfalls nicht. Es sind die anderen, die solchen Müll liegen lassen. Biertischmässiges Poltern gegen Plasticverschwendung erzielt keine allmähliche Sensibilisierung der Massen. Man generiert höchstens Aufmerksamkeit, die sich in Likes und Zustimmung manifestiert, was aber nicht nachhaltig ist.

Wäre es nicht sinnvoller, solche Themen in Fachgruppen zu diskutieren, z.B. in einer entsprechende Facebookgruppe, anstatt sie in die Timeline herauszuposaunen?

Im Moment macht folgendes Zitat auf den SoMe die Runde

Es ist ziemlich faszinierend, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt angekommen ist, an dem es einfacher erscheint, in Skandinavien Bäume zu fällen, nach Asien zu verschiffen, unter hohem Wasserverbrauch und Energieaufwand Becher daraus zu formen, diese mit Plastik zu beschichten, welches zuerst gefördert, raffiniert und mit Chemikalen versetzt aufbereitet werden musste, alles zurück nach Europa zu schiffen, mit dem LKW quer durch’s Land zu transportieren, den Papbecher fünf Minuten zu benutzen und dann in den Müll zu werfen, anstatt die Keramiktasse zurück zu bringen, wo sie einfach gespült wird

Das ist nicht nur faszinierend, sondern erschreckend. Was hier steht, ist eine Kurzbeschreibung globaler und hochspezialisierter Produktionsprozesse, die tatsächlich noch viel komplizierter und verschachtelter sind als hier dargestellt. Dennoch weiss ich jetzt nicht, was ich mit diesem versteckten moralischen Aufruf soll. Vielleicht habe ich keine Zeit, einen Kaffee in einer Keramiktasse vor Ort zu trinken. Zum Mitnehmen gibt’s bisweilen bloss die Pappbecher. Pappbecher sind für Veranstalter eben billiger, als Keramikgeschirr auszugeben, es zu verwalten und zu reinigen. Pappbecher sind so billig, dass alle die Prozesse, die im Zitat erwähnt wurden und alle nicht-erwähnten zusammen, immer noch Gewinn abwerfen, obwohl sie fast nichts kosten.

Bevor jetzt ein Entrüstungssturm über die kapitalistischen Gewinnmaximierer losgeht: oft sind gar nicht mal Kapitalisten dahinter. Es gibt viele lockere digitale Nomaden, die z.B. Pappbecher einkaufen und auf Amazon im grossen Stil anbieten. Erfolg haben sie vielleicht dadurch, dass sie ein paar Prozent billiger anbieten, als bisherige Pappbecheranbieter und bewusst auf das grosse Geld verzichten. Sie können damit in Ho Chi Minh City oder Denpasar immer noch sehr gut leben und ihre Freiheit geniessen. Einige haben bei diesem Geschäft noch so viel Zeit, um in Social Medien oder Blogs das Abholzen skandinavischer Wälder kritisch zu hinterfragen.

Kritisches Denken ist eher still

Damit möchte ich digitales Nomadentum, Amazongeschäfte oder mobile Arbeit in keiner Weise herabwerten. Im Gegenteil: würden alle so arbeiten, hätten vielleicht alle Zeit, den Kaffee vor Ort in einer Keramiktasse zu trinken und müssten nicht mit einem Pappbecher auf die S-Bahn oder zum nächsten Termin hetzen.

Kritisches Denken ist nicht, sich über eine fehlgeleitete Entwicklung zu entrüsten. Kritisches Denken ist die Bemühung, die Zusammenhänge zu verstehen. Das benötigt bei deren Komplexität intensives Studium und viel Wissen. Vorschläge zur Verhaltensänderung, das einzelne „Denker“ in den Sozialen Medien für eine Gesellschaftsgruppe vorschlagen, lassen manchmal das nötige Verständnis für komplexe Neben- und Fernwirkungen vermissen.

Kritisches Denken allein reicht nicht. Die 4 Ks müssen durch „komplexes Denken“, also systemisches Denken, erweitert werden. Gründe, Zusammenhänge, historische, ökonomische und psychologische Tatsachen sowie Funktionen der Entwicklungen müssen sachlich diskutiert und soweit verstanden werden, wie es möglich ist. Das benötigt genaues Hinschauen, präzise Analyse und angemessene sprachliche Vermittlung (K, wie „Kommunikation“). Das Gegenteil davon wäre, seine Glaubenssätze oder was einem grad gefällt in die Social Medien hinauszuposaunen und hässig zu reagieren, wenn es auf Gegenwind stösst, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Zum Schluss nochmals der Psychoanalytiker Peter Schneider:

Im Alter, sagen wir in den letzten zehn Jahren, hat bei mir die Vorstellung abgenommen, dass jemand nur dann interessant ist, wenn er [knackig-]originelle Thesen produziert. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass die meisten starken Thesen völliger Humbug sind

Digitale Nomaden: Non fermarti a lovorare dove capita

Sie sind Kosmopoliten und dort zuhause,
wo sie das Schicksal hin trägt. Sie arbeiten und rufen
ihre Kunden per Skype an aus ihrer Klause.
Sie ziehen weiter, wenn sie anfangen, zu grooven.

Arbeitsplatz am Bentotta-River in Sri Lanka

Für sie ist Lernen Arbeit und Arbeit ist Lernen.
Sie lernen, dass alle Menschen gleichsam bangen und sich freuen,
während sie an fernen
Stränden ihre Kunden betreuen.

Umherziehen ist eine Abfolge von verweilen und aufbrechen,
was ihre Veränderungsbereitschaft mehrt.
Sie müssen immer wieder die Frage ansprechen,
was der aktuelle Airbnb-Host sie wohl lehrt.

Arbeitsplatz im Airbnb Honolulu

Sie müssen nach Visen und SIMen schicken
und gehen auf fremden Ämtern ein und aus.
Sie lernen, wie andere Völker ticken
und relativieren ihre eigene Welt daraus.

Ihr Hab und Gut umfasst genügsame 30 Kilo,
untergebracht in zwei Gepäckstücken.
Das ist bei den Fluggesellschaften so das Niveau
und für die Disziplin so etwas wie Gehkrücken.

Sie arbeiten mit leichten Laptops, Phones und Tablets,
stets mit Musik in Ohr und Sinn.
Ihre Produkte sind clevere concepts,
Ortsunabhängigkeit ist ihr Gewinn.

Non fermatrti a lovorare dove capita

 

Wann fangen Sie an, ein System Thinker zu werden?

System Thinking ist eine der wichtigsten Kompetenzen in unserer hochkomplexen Welt. Da der Begriff nicht mit „K“ beginnt, wird diese Kompetenz im 4K-Modell des Lernens meist unterdrückt oder schnöde der Kompetenz des kritischen Denkens untergeordnet, wo es sicher nicht hingehört. Vielleicht sollte „System Thinking“ besser „Complexity Thinking“ genannt werden, dann gäbe es ein 5K-Modell des Lernens, was vielleicht passender wäre.

Was ist System Thinking (ST)?

Hier hilft das deutsche Wikipedia nicht weiter. Der Artikel ist zu kurz und endet sogar mit „Komplexitätsreduktion“, was nicht systemischem Denken entspricht. Der Begriff System Thinking (ST) ist nicht streng definiert und wird von Autor zu Autor verschieden interpretiert, je nachdem, ob er eher aus therapeutischer oder organisationstheoretischer Ecke kommt oder ob er die Welt durch eine soziologische, psychologische oder biologische Brille betrachtet.

ST ist weder eine Methode noch ein Konzept, sondern ein Paradigma, d.h. eine Denkhaltung. Darin unterscheidet sich ST wesentlich von Management Methoden, wie Lean, Agil, 6 Sigma, etc.

Gemeinhin werden fünf bis sechs Charakteristiken des ST erwähnt, die den Begriff meines Erachtens recht gut umreissen (1).

1. Vernetztheit: Ein System wird als Netzwerk seiner Teile angesehen, die miteinander verbunden sind und einander in verschiedenem Mass positiv oder negativ beeinflussen. Aber man kann nicht einfach behaupten, dass alles mit allem vernetzt ist, das wäre zu simpel.

2. Ganzheitlichkeit: Um die systemweite Vernetzung zu erfassen, richtet sich der Blick auf die Struktur des Gesamtsystems und sieht die einzelnen Bereiche allenfalls unscharf, im Gegensatz zu jedem Engineer Thinking.
ST glaubt, dass die Struktur des Systems sein Verhalten bestimmt.

3. Selbstorganisation: Ein System Thinker erkennt die Fähigkeit eines Systems, aus sich heraus unvorhergesehen neue Qualitäten zu schaffen. Selbstorganisation ist ein dynamischer Aspekt und basiert auf lokalen Abweichungen von der Norm.

4. Nichtlinearität: Die Vorstellung, dass eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft und diese ev. wiederum Ursache einer weiteren Wirkung sein kann, ist lineares Denken. Ein System Thinker hat erkannt, dass durch Vernetzung eine Wirkung auf ihre Ursache zurückwirken kann. Das System ist also in Feedbackschlaufen strukturiert. Bildlich gesprochen: wenn Sie versuchen, eine Unebenheit eines Tischtuchs zu glätten, kann durch Ihre Handlung woanders eine Unebenheit entstehen.

5. System Mapping: Ein System Thinker hat verschiedene Werkzeuge, um das System abzubilden und zuweilen sogar zu simulieren.
Ein grosse Hilfe bezüglich den Einsatz und Gebrauch solcher systemischer Werkeuge bietet das Systemswiki von Gene Bellinger, den ich sehr schätze. Auf der Einstiegsseite finden Sie das Video Systems Thinking World, das gleich in viele wichtige Tools einführt. Weiter befindet sich dort eine Liste von „Free Learning Programs“, u.a. einen Lehrpfad zum „Certified System Thinker. Gene’s Materialien sind sehr praxisbezogen und toolorientiert.

Eine interessante Gegenüberstellung von acht verschiedenen Definitionen nehmen Ross D. Arnold und Jon P. Wade in
A Definition of Systems Thinking: A Systems Approach vor, um dann festzustellen, dass jede Definition eine Auswahl aus folgenden Aspekten trifft:

  • Interconnections/Interrelationships
  • Wholes rather that parts
  • Nonlinear Relationships
  • Stock and Flow Relationships
  • Delays
  • Feedback Loops
  • Dynamic Behavior
  • Acknowleding that systems are important
  • System as the cause of its behaviour
  • System structure generates behaiviour

Der Artikel enthält einige schöne und verständnisfördernde Grafiken. Es lohnt sich, reinzuschauen.

Watersfoundation ist eine Institution mit der Vision,

to increase the capacity of educators to deliver academic and lifetime benefits to students through the effective application of systems thinking concepts, habits and tools in classroom instruction and school improvement

und eine wahre Fundgrube für ST Themen. Es gibt dort auch eine schöne Grafik zu den Habits of a System Thinker. Es gibt sogar eine App, die Sie für nur 1 $ auf Ihr Smartphone laden können. Ein virtueller Weg, um die Gewohnheiten eines System Thinker zu erleben und zu üben. Suchen Sie im App Store oder in Google Play nach „ST Habits“!

Wozu soll das gut sein?

Laura und Derek Cabrera formulieren in ihrem Buch Systems Thinking made simple die Hoffnung, mit ST verzwickte Probleme besser lösen zu können. Unter „verzwickten (oder ‚wicked‘) Problemen“ werden wohl die aktuellen Probleme der Menschheit verstanden, wie Global Warming. Dereks Vision sind 7 Milliarden System Thinker.

Barry Clemson bringt in seinem Artikel What ist System Thinking – A personal Perspective die Meinung zum Ausdruck, dass wir ST benötigen, um

to deal with complex messes, situations where there are many interacting elements causing big problems

Clemson glaubt, dass der Weg zu nachhaltiger Ökonomie und effektiveren Regierungsformen nur über ST möglich sein wird.

Für mich ist das Erkennen von Neben- und Fernwirkungen einer Entscheidung eine der wichtigsten Charakteristiken von ST. Eine Lösung eines komplexen Problems kann Nebenwirkungen haben, die das Problem möglicherweise noch verstärken. Oder die Lösung bringt das Problem aktuell ohne sichtbaren Nebenwirkungen zum Verschwinden, dafür gibt es Fernwirkungen, die woanders und gar in der Zukunft viel grössere Probleme verursachen. Gerade moderne Managementkonzepte bieten schnelle Lösungen an (im ST werden sie „symptomatische“ Lösungen genannt), ohne mögliche Neben- und Fernwirkungen zu diskutieren. Das wäre für die Methode eher kontraproduktiv.

Denke ich systemisch über ein Thema nach, so komme ich zuweilen zu ganz anderen Schlüssen, als mit klassischem, linearen Denken. So steht beispielsweise im systemischen Projektmanagement der Rework Cycle im Mittelpunkt, den ich in meinem Blogartikel Die effektivste Massnahme, um Projektverzögerungen zu minimieren beschrieben habe. Der Rework Cycle ist ein ganz zentraler Punkt im Projektmanagement, wird aber in den populären Managementansätzen kaum erwähnt, weil zu wenig bekannt.

Wie wird man ein System Thinker?

System Thinking muss trainiert werden. Ein Managementkonzept verkünden, ist schnell getan, sich aber eine neue Sicht zu erarbeiten, ist einschneidend, denn „if you change the way you look at things, the things you look at change”, meint Derek Cabrera. Eines dieser „things“ könnte auch Ihr Leben sein.

Zum Training von ST hilft die bereits erwähnte App von Watersfoundation. Wenn Sie sich entscheiden, ein System Thinker zu werden, dann arbeiten Sie täglich eine Stunde mit dieser App. Krystyna Stave and Megan Hopper unterscheiden in What Constitutes Systems Thinking? A Proposed Taxonomy verschiedene Stufen auf dem Weg zu einem System Thinker und schlagen zwischen „Low Level“ und „High Level of ST“ sogar ein Kontinuum vor. Basics sind

  • Recognizing Interconnections
  • Identifying Feedbacks
  • Understanding Dynamic Behaviour.

Intemediate Skills sind:

  • Differentiating Types of Variables and Flows und
  • Using Conceptual Models

Zu den advanced skills gehören noch Stave/Hopper:

  • Creating Simulation Models und
  • Testing Policies

Gerade, weil ST eine Kompetenz ist, für die hart trainiert werden muss, die aber für eine erfolgreiche Zukunft benötigt wird, sollte sie in der Bildungsdiskussion ernstgenommen werden. ST ist nicht kritisches Denken, aber System Thinker sind grundsätzlich kritischer. Für ST in der Schule gibt es nebst Watersfoundation auch deutschsprachige Materialien.

Für die Unterstufe bietet sich Günther Ossimtitz‘ Bändchen Entwicklung systemischen Denkens an (ISBN 978-3890194943). Interessante Hinweise für den Umgang mit ST entnimmt man auch seiner Präsentation Systemisches Denken und mathematische Darstellungsmittel  oder seinem Buch Das Metanoia-Prinzip – Eine Einführung in systemgerechtes Denken und Handeln (978-3881204231).

Es ist egal, welchem Autor Sie folgen. Wichtig ist bloss, dass Sie System Thinking in allen Ihren Bildungsveranstaltungen anbieten, und wenn es anstelle von Mathematik ist.

(1) Krystyna Stave and Megan Hopper, What Constitutes Systems Thinking? A Proposed Taxonomy

oder

Leyla Acaroglu, Tools of a System Thinker.

Die Humanität erreichte mehr, wenn sie zum Respekt vor der Vielfalt riete.

Titel nach einem Zitat des Schriftstellers Hans Kaspar, 1916 – 1990

Eine Gesellschaft ist nun einmal pluralistisch. Natürlich kann eine Regierung eine bestimmte Meinung standardisieren und andere Meinungen verbieten, aber das heisst ja nicht, dass es die anderen Meinungen dann nicht mehr gibt. Wenn ich glaube, die Erde sei eine Scheibe, dann glaube ich das eben, auch wenn die wissenschaftliche Schulmeinung etwas anderes behauptet. Ich werde wohl erst dann zögerlich bereit sein, meine Meinung zu überdenken, wenn sie mit meinen persönlichen Beobachtungen kollidiert. Gerade bei etwas so globalem, wie die Form der Erde, sind direkte Beobachtungen jedoch eher schwierig zu erlangen.

Wissenschaftlich vorprogrammierte Interessenskonflikte im Projektmanagement

Auf wirtschaftlicher Ebene sind Anschauungsdifferenzen unter der Bezeichnung „ökonomisches Prinzip“ gleich „wissenschaftlich“ programmiert. Es geht darum, das Ergebnis eines Unterfangens zu maximieren unter der Nebenbedingung, den Aufwand minimal zu halten. Dieses Prinzip wird oft in zwei Teilprinzipien formuliert, die die Differenzen besiegeln: das Minimalprinzip fordert, dass bei gegebenem Ergebnis der Aufwand minimiert werden soll, das Maximalprinzip hält den Aufwand fest und maximiert das Ergebnis. So macht denn Wikipedia das folgende Beispiel:

  • Ziel: Mit 50 Liter Benzin (Aufwand) eine möglichst große Strecke (Ergebnis) zurücklegen
  • Alternative A: 500 km Fahrstrecke
  • Alternative B: 550 km Fahrstrecke
  • Ergebnis: Alternative B ist der Alternative A vorzuziehen

In Projekten zeigen sich die beiden Teilprinzipien jeweils von ihrer besten Seite: Während der Auftraggeber stets versucht, dem Projektführer möglichst viele Leistungen abzuringen, ohne über den Pauschalpreis zu diskutieren, ist letzterer bestrebt, lediglich Normleistungen auszuliefern und fordert für jede Sonderleistung einen Change Request mit Kostenfolgen. Das führt jeweils zu stundenlangen Diskussionen, Eskalationen und unschönen Konsequenzen. Es kommt auch schon mal zu persönlichen Beleidigungen. Als Lösung wird dann die „Requirements Analysis“, bzw. Anforderungsanalyse nach IEEE, CMMI oder IIBA angeboten, mit dem Ziel eines Lastenheftes oder eines Product Backlogs vorgeschlagen, ohne dass sich die Situation dadurch entschärfen liesse. Geld ist überaus „denknormierend“. Wenn zwei gleiche Angebote vorliegen, wird sich eine Konsumentin stets für dasjenige entscheiden, das weniger kostet. Dabei sind zwei Angebote niemals gleich. Eine Kostendifferenz hat immer eine Ursache. Die Projektmanagement-Unkonferenz „PMCamp“ in Berlin, die vom 7. bis am 9. September 2017 an der Humboldt-Universität stattfindet, hat das Motto „Vielfalt“ (und andere V-Wörter). Zu diesem Thema passt der vorliegende Blogbeitrag.

Demokratische Meinungsbildung

Wenn es um die systemische Entwicklung einer Gesellschaft geht, die Millionen von Individuen umfasst, meint jede Person a priori zu wissen, was für die Gesellschaft am besten ist. Beispiel: Migration. Hier fokussieren die Meinungen vor allem auf die Frage, was mit der ansässigen Gesellschaft unter einem massiven Zufluss von Menschen aus anderen Gesellschaften passiert. Eine häufig gehörte Meinung ist, dass der Migrationsstrom in der ansässigen Gesellschaft Auflösungserscheinungen verursache. Ein gegenteilige Meinung könnte sein, dass Einwanderer die ansässige Gesellschaft bereichern und vorwärts bringen. Niemand weiss es, aber alle sind von ihrer Meinung überzeugt. Das führt dann zu unseligen Meinungskriegen, die sogar ab und zu in gefährliche Scharmützel ausarten. Es ist niemals möglich, dass sich die Parteien auf „abwarten und zusehen, was kommt“ einigen. Lieber, man streitet auf Vorrat, als dass man sich durch eine ungünstige Entwicklung überraschen lässt. Schlimm ist, wenn einer dem anderen den Schädel einschlägt, um dann feststellen zu müssen, dass der andere doch recht gehabt hätte.

Bei gesellschaftsübergreifenden Meinungsverschiedenheiten, werden persönliche Meinungen auch in Demokratien nicht einmal berücksichtigt. Ich denke da beispielsweise an die Meinungsbildung zu den ökologischen Konsequenzen menschlichen Handelns. Hier findet ein politischer Diskurs fast nur auf multinationalen Konferenzen der führenden Regierungen statt. Sie vertreten meist ihre eigenen Meinungen ohne sich an einer Meinungsbildung im eigenen Land zu oreintieren. Es macht eben auch keinen Sinn, national über „global warming“ zu diskutieren, wenn die CO2-Fahnen aus den Nachbarländern herein wehen. Neben diesen multinationalen Anstrengungen gibt es „Nebenkriegsschauplätze“, wie z.B. die Wissenschaft oder private Vereinigungen und Initiativen, die sich meist auf individueller Ebene bewegen, nach dem Motto: „Wenn wir die Mehrheit der Menschen davon überzeugen, nachhaltig zu leben, dann ist eine ökologische Katastrophe gebannt“.

Solche Szenarien sind in Demokratien an der Tagesordnung. Aber nicht einmal in Diktaturen gibt es eine homogene politische Meinung. Widerstand gegen die diktierte Standardmeinung ist dort zwar gefährlich, aber stets präsent. Je strikter ihr Verbot, desto mehr werden abweichende Meinungen gestärkt.

Angriffe gegen die individuelle Identität

Die Duchsetzung und Verbreitung der eigenen Meinung ist ein sehr starkes Motiv, vermutlich stärker als die Verbreitung und Schutz der eigenen Gene. Die eigene Meinung, Weltsicht oder der eigene Lebensentwurf ist uns so nah, wie die eigene Haut. Wir nehmen sie nicht bewusst wahr, solange sie nicht verletzt ist. Die eigene Meinung ist mir derart selbstverständlich, dass es mir unmöglich erscheint, wenn andere Menschen nicht dieselbe Meinung haben können, als ich. Und wenn sie dann doch eine andere Meinung äussern, dann halte ich sie für verrückt.

Jonas Kaplan von der University of Southern California in Los Angeles hat neuronale Grundlagen von Abwehrreaktionen untersucht, wenn andere Meinungen versuchen, die eigene Meinung infrage zu stellen. Einer der Befunde war, dass die Versuchspersonen umso weniger ihre Meinung änderten, je stärker beim Hören der Gegenargumente ihre Amygdala aktiv war. Das ist eine Hirnregion, die für die gefühlsmässige Bewertung einer Situation zuständig ist. Für das Gehirn macht es zu einem gewissen Grad demnach keinen Unterschied, ob wir körperlich bedroht sind oder ob unsere Identität bedroht ist. Je heftiger unsere emotionale Reaktion auf diese Bedrohung ausfällt, desto eher halten wir an unseren Überzeugungen fest.

Jemanden zu widersprechen, ist also wie ihm körperlich zu drohen. Das bedeutet für mich, dass ich einer fremden Meinung nur dann widerspreche, wenn es erwünscht ist. Ansonsten laufe ich Gefahr, dass sie sich noch mehr festigt.

Oft erlebte ich die Überzeugung, die eigene Weltsicht sei Norm, wenn ich Freunden bei der Computerpflege half. Dabei habe ich beobachtet, wie jede Person seinen ganz eigenen Umgang mit dem Computer hat. Das äussert sich im Programm- und App-Portfolio, in der Dateistruktur seiner persönlichen Daten und in individuellen Abläufen. Einer hat z.B. die Berichte, die er in einer Textverarbeitung erstellte, stets in dieselbe Datei geschrieben und verwechselte „Datei“ mit „Ordner“. Schliesslich war seine Berichtsdatei mehrere hundert Megabyte gross und das Programm reagierte fast nicht mehr. Ich konnte ihn bloss dazu bewegen, mal eine neue Datei zu eröffnen, was er als Mangel der Textverarbeitung betrachtete und nicht etwa seine Sicht hinterfragte. Er war felsenfest überzeugt, dass seine Vorgehensweise Standard sei und es alle so machen.

Wie sehr jede Person ihre Überzeugung als „normal“ ansieht und alle anderen als „verquer“, zeigt die Lektüre von Kommentaren eines kontroversen Beitrags in sozialen Medien, wie z.B. der des World Economic Forums auf Facebook vom 17. August 2017 zum Thema This is when Robots will overtake humans. Der Beitrag kommt zum Schluss, dass

There is a 50% Chance AI will outperform humans in all task in 45 years time. And the chance of all jobs bing automated in 120 years is also 50%

Es gibt momentan 470 Kommentare. Einige bestätigen die Aussage, andere machen sich darüber lustig, wieder andere regen sich auf und das Wort „Idiot“ fällt sehr schnell. Es ist anscheinend nicht möglich, die Aussage einfach so im Raum stehen zu lassen und allenfalls seine eigene Meinung völlig emotionslos daneben zu stellen.

Joachim Retzbach beschreibt dieses Verhalten in Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“:

Der Mensch als solcher ist keineswegs offen für Argumente. Im Gegenteil, wir halten an lieb gewonnenen Überzeugungen fest – oft gegen jede Vernunft. Wenn Menschen sich einmal eine Meinung zu etwas gebildet haben, versuchen sie, diese zu behalten. Unsere Einstellungen sind ein Teil unserer Identität

Mentale Modelle und Verschwörungstheorien

Dabei ist es gar nicht erstrebenswert, einen Mitmenschen von meiner Meinung zu überzeugen. Seine Meinung ist so gut (oder so schlecht), wie meine, obwohl mir diese Einsicht widerstrebt.

Natürlich sind Meinungen nicht absolut starr und können in Diskussionen und Dialogen nachjustiert werden. Aber die grundsätzlichen mentalen Modelle eines Menschen scheinen (zumindest über lange Zeitperioden) unerschütterlich zu sein. Mit „mentalem Modell“ bezeichne ich das Konglomerat von Meinungen, Ideen, Überzeugungen, der Weltsicht und dem Lebensentwurf eines Menschen. Das mentale Modell – eine von Peter Senges fünf Disziplinen – ist eine Selbstorganisationsstruktur, die einen Attraktor bildet. Ein Attraktor kann man sich als einen wabbelnden Wirbel vorstellen. „Wabbeln“ bedeutet, dass ein Punkt im Wirbel nach einer Umdrehung nicht wieder zu selben Ort zurückkehrt, sondern nur in seine Nähe kommt. Manchmal treffe ich auf Menschen, die das Bild eines „Überzeugungswirbels“ geradezu verkörpern. Alles dreht sich bei solchen Menschen um die eine Sache und zwar so rasant, dass sie nicht mehr daraus heraus kommen und für andere Ideen nicht zugänglich sind. Das gilt vor allem für Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben oder einer pseudoreligiösen Sekte angehören. Eine Verschwörungstheorie ist ein enger Attraktor, dessen Wirbel kaum wabbelt und eher einem Kreis gleicht. Die Gedanken sind in diesem Groove gefangen. Je komplexer die Welt, desto grösser das Publikum, das sich dankbar auf eine Verschwörungstheorie setzt, denn die wissenschaftlichen Erklärungen sind unverständlich, die komplexe Situation ungewiss und uneindeutig und die Beschäftigung mit fremden Gedanken aufwändig. Philippe Hummel schreibt in 8 Fakten zu Verschwörungstheorien der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“ über die Forschungen der beiden Verschwörugstheorieexperten Michael Butter und Sebastian Bartoschek .

Aber auch religiöse Motive können zu extremen mentalen Modellen führen, wie sie in der Geschichte des Christentum mehrmals auftauchten. Natürlich waren die Glaubenskriege, Hexenverbrennungen und andere Pogrome meist politisch motiviert, aber in den Köpfen der Akteure spielten religiöse Motive eine zentrale Rolle. Zu ähnlichen „Überzeugungswirbeln“ können Ernährungs- und andere Gesundheitstheorien führen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Begriff der Verschwörungstheorien nicht sauber abgegrenzt werden kann. Je nach Auslegung der Kriterien von Michael Butter – es gibt ein Kollektiv von Verschwörern, die im Geheimen einen teuflischen Plan verfolgen, um damit anderen Menschen Schaden zuzufügen – kann die Gruppe der Verschwörer mal die Gläubigen einer anderen Religion, die Pharmaindustrie, die Angehörigen einer fremden Gesellschaft, ja sogar die eigene Regierung sein. Schliesslich scheint mir jedes mentale Modell in einem weiten Sinn eine Verschwörungstheorie zu sein, was sich darin äussert, dass eben jedes mentale Modell ein Attraktor ist, der die Vorstellungen und Überzeugungen kreisen lässt. Menschen haben alle ein oder mehrere Wirbel im Kopf, die ihre Meinungen bestimmen und das ist gut so. Je grösser der Pluralismus und die Meinungsvielfalt, desto grösser ist die Chance für Innovationen und neue Gedankenkombinationen. Ich muss mich immer wieder neu zu dieser Erkenntnis durchringen, wenn ich mit anderen Menschen kommuniziere.

Trilogie: Komplexe Systeme – Menschen – Informationen

A. Komplexe Systeme

Peter Kruse beschrieb sehr nachdrücklich die zunehmende Komplexität und Dynamik unserer Wirtschaft, in der die blosse Optimierung von Bestehendem nicht mehr ausreicht. Dabei übertrug Kruse Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der Theorie dynamischer Systeme auf Unternehmensprozesse. Die Theorie dynamischer Systeme will erklären, wie sich komplexe Systeme entwickeln und verändern. Dabei postuliert die Theorie, dass komplexe Systeme stets offen sind und nie in ein statisches Gleichgewicht gelangen. Was bedeutet das?

Offenheit und Gleichgewicht

„Offen“ bedeutet, dass das System mit seiner Umwelt laufend Ressourcen in Form von Stoffen, Energie und Information austauschen kann. Präziser heisst dies jedoch, dass dieser Austausch insofern gerichtet ist, als dass das System jederzeit regelrecht mit den Ressourcen durchströmt ist. Diese Ströme oder Flüsse erklären denn auch den Begriff „dynamisches Ungleichgewicht“. Zunächst muss das System die Stoffe, Energien und Informationen aus der Umwelt aufnehmen, durch den Systemorganismus hindurch transportieren und wieder an die Umwelt abgeben. Dabei verbraucht das System diese Ressourcen in unterschiedlicher Weise, um sich selbst am Leben zu erhalten. Man spricht von Dissipation. Sie verhindert, dass das System je zur Ruhe und in ein statisches Gleichgewicht kommt. Erst wenn die Ströme zur Ruhe kommen, erreicht das System sein Gleichgewicht und hört auf, ein dynamisches System zu sein. Gleichgewicht bedeutet Stillstand und Tod.

In seinem Buch „Unbestimmte Welt“ beschreibt Dirk Proske diese Grundfunktion komplexer Systeme in leicht verständlicher Form. Das Buch kann hier vollständig heruntergeladen werden.

Das langfristige dynamische Verhalten einer Gesellschaft wird durch Information und Wissen geprägt (wie erhält man Materie und Energie), das kurzfristige Verhalten durch Materie und Energie (was macht man mit der Materie und Energie). In komplexen Systemen, wie Menschen, menschlichen Gesellschaften, Lebewesen, werden Energie und Materie ständig der Umwelt entnommen und an die Umwelt abgegeben. Sie werden benötigt, um die Ordnung innerhalb der Systeme aufrecht zu erhalten. Man spricht hier auch vom EntropieExport, weil die Systeme Unordnung abgeben, um eigene Ordnungen zu erhalten. Je höher, also komplexer die Ordnungen sind, umso mehr Unordnung muss an die Umwelt abgegeben werden

Der menschliche Körper ist ein typisches Beispiel eines dynamischen Systems. Er nimmt laufend Nahrung, Wärme und Informationen auf, nutzt diese und scheidet sie in verbrauchter Form wieder aus. Nur so kann er lebensfähig bleiben und sich reproduzieren.

Die Struktur der Stadt Bern

Ein anderes Beispiel ist eine Stadt. Durch eine Stadt strömen in jeder Minute riesige Mengen von Waren, Energien und Informationen. Die Stadt wird dadurch strukturiert. Das ist ein weiteres Merkmal komplexer Systeme: um die Ressourcenflüsse möglichst effizient zu gewährleisten, nimmt das System eine passende Strömungsstruktur an. Im Beispiel der Stadt führt das zu Quartieren mit verschiedenen Kulturen (in Deutschland auch schon mal Kietze genannt), zu Industrie-, Gewerbe-, Büro- oder Verwaltungsvierteln.

Grundsätze komplexer Systeme

Überschlagen Sie einmal die Mächtigkeit der Warenströme einer Stadt mit 1 Mio Einwohnern, wenn jeder Einwohner pro Tag z.B. 1 Kg Festnahrung, 2 Liter Wasser, 1 Kg Verpackungsmaterial, ein paar Kilo Möbel, Haushaltgeräte, Spielsachen und sonstiger Unterhaltungsgüter bezieht. Das ist ein massiver Warenstrom, ohne den die Stadt nicht lebensfähig wäre! Überschlagen Sie dann aufgrund dieses Inputs, welche Abfallströme die Stadt täglich, ja stündlich wieder verlassen müssen. Auch hier gilt: würde die Entsorgung nicht funktionieren, würde die Stadt in ihrem Abfall ersticken und wäre ebenso wenig lebensfähig, wie wenn nichts hineinfliessen würde.

Wir haben anhand dieser Beispiele ein paar Grundsätze komplexer Systeme gelernt: Ein System nimmt aus der Umgebung qualitativ hochwertige Ressourcen in Form von Stoffen, Energien und Informationen auf, dissipiert sie zur Aufrechterhaltung der eigenen Lebensfähigkeit und exportiert den Material-, Energie- und Informationsabfall wieder in die Umgebung. Was das für die Nahrung bedeutet, können wir am eigenen Leib erfahren. Etwas komplizierter ist es, den Vorgang für die Energie zu verstehen. Die Energie, die wir aus der Umgebung aufnehmen, z.B. qualitativ hochstehende Wärme, mit der wir uns wärmen können, strahlen wir als verbrauchte Wärme wieder ab. Sie kann nicht mehr verwendet werden. Noch abstrakter wird es mit der Information. Zwar können wir uns noch vorstellen, was neue Information ist, mit der wir uns am Leben erhalten können, z.B. Informationen über Feinde, vor denen wir fliehen sollten. Was ist aber verbrauchte Information, die wir wieder in die Umgebung exportieren müssen? Ernst Ulrich von Weizsäcker (geb. 1939) sprach von erstmaliger und bestätigter Information. Erstmalige Information benötigen wir, um lebenswichtige Handlungen auszuführen. Ist sie bestätigt, nützt sie uns nichts mehr. Wir vergessen sie, was der Vernichtung oder dem Export gleichkommt.

Woher kommen die Ressourecn?

Für mich ist also die Komplexität eines Systems gleichbedeutend mit seiner funktionalen Struktur zur Dissipation der Stoff-, Energie- und Informationsströme, relativ zu der Anzahl bereits erfahrener Strukturwechsel („Changes“) und unter der Bedingung, dass die aktuelle Struktur ständig durch Fluktuationen getestet und infrage gestellt wird.

Physikalischen Systemen wird von aussen Materie und/oder Energie zugeführt und durch das System gepumpt, das eine passende Struktur annimmt, die es ihm erlaubt, die Flüsse so reibungslos wie möglich zu realisieren. Bei sozialen Systemen ist nicht mehr klar, ob die Ressourcen von aussen in das System hineingepumpt werden oder ob das System selber sie hineinzieht oder gar selbst herstellt. Das können wir am Beispiel des Flugverkehrs studieren. Zunächst war Fliegen teuer, so dass nur wenige Passagiere zu befördern waren. Verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen führten zu einer exponentiellen Zunahme der Flugpassagiere. Die wichtigsten dieser Entwicklungen waren Globalisierung und Prosperität. Die Airlines mussten darauf reagieren und sich neu organisieren. Einige Airlines verschwanden, einige fusionierten, andere wurden neu gegründet, vor allem Billigairlines. Die Preise mussten gesenkt werden, was die Reisetätigkeit noch einmal ankurbelte. Crosskatalytische Wirkung heisst das in der Theorie dynamischer Systeme und kann beim Aufbau von Komplexität immer beobachtet werden. Die Nachfrage nach neuen Flugzeugen war immens.

aus radar24.com

Der erhöhte Materialbedarf wurde bewusst forciert und in das System hineingesogen. Aber ohne Computer waren die Menschenströme am Boden und die Flugzeugströme in der Luft nicht realisierbar. Die Entwicklung der Flugzeugindustrie wirkte sich also auch auf die Entwicklung der Computerindustrie aus und umgekehrt. Dieser Aufschwung hatte natürlich auch etwas zu tun mit der exponentiellen Zunahme der Bevölkerungszahlen. Auch hier kann man wohl kaum behaupten, der Zuwachs an Menschen würde von aussen in das System hineingepumpt. Er ist eher systemimmanent verursacht.

 

 

 

 

B. Menschen

Je intensiver die Flüsse, desto höher die Komplexität des Systems. Diese Ordnungsstrukturen tauchen emergent auf, allein durch Selbstorganisation. Selbstorganisation ist nicht zu verwechseln mit Selbstbestimmung oder Selbstverwaltung. Ein Team, das sich selbst organisieren soll, macht dies durch Selbstbestimmung.

Wettbewerb ist eine Form der Kooperation

Selbstorganisation ist stets zufallsbedingt und nicht bewusst. In einem System werden verschiedene neue Möglichkeiten meist in konkurrenzierender Weise ausprobiert. Nur eine dieser Möglichkeiten setzt sich schliesslich durch und generiert ein neues Paradigma oder gar eine neue Kultur. Das Gehirn arbeitet auf diese Weise. Z.B. bestimmen wir nicht bewusst, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten wollen. Vielmehr konkurrenzieren verschiedene Aufmerksamkeitsobjekte miteinander, bis sich eines durchsetzt. Das „fühlt“ sich dann so an, wie wenn etwas plötzlich unsere Aufmerksamkeit erregt hat. Dass es aber schon seit mehreren Sekunden in unsere Wahrnehmung war und auch ganz etwas anderes hätte in den Fokus treten können, ist uns nicht bewusst.

In diesem Zusammenhang sollten wir beachten, dass Wettbewerb eine normale Operation innerhalb dynamischer Systeme ist. Die einzelnen Gehirnregionen kooperieren eben gerade durch Wettbewerb miteinander. Wettbewerb ist nicht das Gegenteil von Kooperation. Das Gegenteil von Kooperation ist Defektion. Das ist nicht dasselbe wie Wettbewerb, bzw. Konkurrenz.

Die herrschende Ordnung wird laufend infrage gestellt

Nimmt die Intensität der Systemdurchflüsse zu, wird das System instabil und versucht, von den herrschenden Strukturen lokal abzuweichen und neue Wege zu finden, um die erhöhten Flüsse unbeschadet transportieren zu können. Solche Störungen oder Disruptionen werden in der Theorie dynamischer Systeme Fluktuationen genannt. Sie werden in der Regel anfänglich unterdrückt, bis eine besonders starke Fluktuation das ganze System erfasst und eine neue, komplexere Ordnungsstruktur verursacht. Man denke an Demonstrationen unzufriedener Bürger. Solche Manifestationen werden zunächst durch Polizeigewalt unterdrückt. Ist das Anliegen den Bürger wichtig genug, werden sie immer und immer wieder ihren Willen demonstrieren. Die Bewegung erhält immer mehr Zulauf, bis eine Mehrheit entschlossen ist, die konservativen Kräfte wegzufegen und eine neue Ordnung einzuführen. Die aktuelle Systemorganisation muss ständig infrage gestellt werden

Es scheint, dass die verschiedenen Mitspieler aktiv an den Entwicklungen beteiligt wären. Aber ob eine Bewegung immer mehr Zulauf hat, ob sie sich durchsetzen kann, ob die Emergenz der neuen Ordnung blutig oder unblutig abläuft etc., ist immer zufallsbedingt und kann von niemandem vorhergesehen und schon gar nicht gesteuert werden. Ein lebendes System hat eine Menge von Dimensionen, die niemand alle kennen und überblicken kann. Man kann sich vorstellen, dass das System durch einen sehr vieldimensionalen Raum hindurchbewegt und nie an denselben Punkt gelangt, an dem es schon einmal war. Auch wenn es manchmal scheint, dass sich die Welt in einer ähnlichen Situation befindet, wie auch schon, ist es sicher, dass sich die Geschichte nicht wiederholen wird. Sie ist stets das Resultat vieler Millionen Meinungen und Handlungen.

Die Welt ist pluralistisch!

Je mehr Menschen das System konstituieren, desto dynamischer ist es und desto mehr konkurrenzierende Meinungen versuchen, sich durchzusetzen. Auch in einem aktuell stabilen System gibt es immer Fluktuationen, die als Abweichung der Systemordnung diese testen, sei es durch zufällige Fehler oder sei es durch bewusste Alternativbewegungen. Change Management heisst, solche alternative Ideen zu nutzen und ihnen Schwung zu verleihen.

Ein System, in welchem die Fluktuationen fehlen, in welchem also die aktuelle Systemstruktur nicht immer wieder getestet und infrage gestellt wird, ist nicht mehr zur Weiterentwicklung fähig und hat ein Gleichgewicht und damit einen maschinenähnlichen Zustand erreicht. Ein solches System ist nur noch kompliziert, um auf die mittlerweile überstrapazierte und meines Erachtens nicht sonderlich originelle Dichotomie „kompliziert/komplex“ anzuspielen. In einem dynamischen System liegt die Komplexität nicht nur in der Systemstruktur begründet, sondern vor allem in der Möglichkeit, diese Struktur zu überwinden und eine neue, komplexere zu etablieren, die die Systemfunktion, die Ströme zu dissipieren, noch besser unterstützt. Wird eine Systemstruktur fixiert, indem künstlich versucht wird, Fluktuationen, Störungen und Pluralismus zu eliminieren, wird dadurch die Komplexität reduziert und das System wird auf eine Erhöhung der Flüsse nicht mehr reagieren können. Die Konsequenz davon ist, dass das System kollabiert und verschwindet. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der Sowjetunion oder verschiedener Grosskonzerne in den 2000er Jahren.

Reduktive und magische Hypothesenbildung zur Komplexitätsabwehr

Die Weltbevölkerung wächst rasant, mit der Prosperität nimmt weltweit der Konsum und die Nachfrage nach allem Möglichen zu. Das führt zu gewaltigen Waren-, Energie- und Informationsströmen in nie dagewesenem Umfang. Die dabei erzeugte Komplexität wächst ebenfalls exponentiell und hat die Steigung 1 vermutlich gerade überschritten. Viele Menschen reagieren darauf mit einem eigentümlichen Verhalten. Sie behaupten, dass es eine einheitliche „Volksmeinung“ gibt, die sie selber vertreten, weshalb sie auch für die Masse reden können. Damit reduzieren sie Pluralismus und erzeugen Gemeinschaft, in der so gut wie keine Fluktuationen vorkommen. Eine wichtige rhetorische Figur ist dabei, Komplexität zu leugnen, indem Tatsachen wenig präzis bis offensichtlich falsch beschrieben werden, um damit Probleme auf ein Niveau zu bringen, auf welchen sie lösbar werden.

Dabei kommt ihnen die Tatsache entgegen, dass kritisches Hinterfragen der Fakten nicht nur gelernt sein will, sondern auch aufwändig ist. Das heisst, dass sogar kritische Geister sich gerne vom Überprüfen falscher Behauptungen ablenken lassen. Wer dennoch auf Präzisierung der Fakten beharrt und sich gar erdreisst, Alternativen vorzuschlagen, gehört zu einer Elite, die von der Einheitsgemeinschaft aus verständlichen Gründen nicht gern gesehen ist.

Ist der Mensch überhaupt zu mehr Komplexität fähig?

Ich sage, wie die Welt zu sein hat

Dieses Verhalten ist wahrscheinlich eine zutiefst menschliche Komplexitätsabwehr und wer glaubt, sie sei nur eine perfide Wahltaktik von Politikern, sollte einmal genau in sich hinein hören! Ich beobachte das z.B. bei Studenxs in der Mathematik. Diese ist zwar alles andere als komplex, kommt aber für Anfänger oft als „komplex maskiert“ daher. Nachdem sie eine Aufgabe gelesen haben, können sie irgendeine Lösungsmethode oder Formel erfinden, die zwar völlig falsch ist, aber eine schnelle Lösung verspricht. Sie scheuen es, ihre Methode kritisch zu hinterfragen, denn dadurch würde ja unter Umständen herauskommen, dass sie falsch ist. Tatsachenverzerrung und Unterdrücken von Kritik scheint in komplexem Kontext eine weit verbreitete menschliche Heuristik zu sein. Dietrich Dörner nennt das wahlweise Zentralreduktion, Bildung magischer Hypothesen, Reduktive Hypothesenbildung oder Immunisierende Marginalkonditionierung.

Während die magischen Hypothesen in Richtung Verschwörungstheorien gehen, schreibt Dörner über die reduktive Hypothesenbildung:

Eine solche ‚reduktive Hypothese‘, die alles Geschehen auf eine Variable reduziert, ist natürlich in gewisser Weise – und das ist wünschenswert – holistisch. Sie umfaßt das ganze System“ und spart kognitive Energie

und zu der immunisierenden Marginalkonditionierung:

Eine weitere Möglichkeit, sich selber vorzugaukeln, das eigene (falsche) Modell wäre brauchbar, bietet das folgende Verhalten: ‚Das Modell ist richtig. In der Realität passiert zwar etwas ganz anderes als geplant oder vorhergesagt, doch liegt dieses an den ganz spezifischen Bedingungen der Realität, die nur in diesem einen Fall auftreten konnten und meine Prognose nicht eintreten ließen‘

Diese Strategien zielen alle darauf hinaus, Komplexität zu leugnen und zurückzuschrauben. Dadurch wird eine Weiterentwicklung erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Sollten menschliche Gesellschaften hier an eine psychologische Grenze der Komplexitätsaufnahme gelangt sein? Sollte Weiterentwicklung beim aktuellen Stand der menschlichen Psyche gar nicht möglich sein? Wenn das so wäre und gleichzeitig die Ressourcenflüsse zunehmen, käme es zum Kollaps der Gesellschaften. Die Überlebenden müssten dann auf einer niedrigeren Stufe von Komplexität neu beginnen.

 

 

 

 

C. Informationen

Die durch die Digitalisierung exponentiell zunehmende Informationsmenge setzt die Gesellschaften mächtig unter Druck. Während man eine Ware in den Händen hält oder nicht, sind Informationen sehr viel abstrakter und interpretationsanfälliger.

Information verflüssigen

Die entsprechenden Dissipationsprozesse – Verarbeitung der Information mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit des Systems – sind zum Teil weitgehend unsichtbar. Martin Lindner formuliert das in einem Interview über den Digitalen Klimawandel mit Jöran Muuss-Meerholz so:

Es sind unsichtbare Prozesse, die ausgehen von den digitalen Medien und von den Zeichenprozessen; in einer unglaublichen Geschwindigkeit wird eine unglaubliche Menge von kodiertem Wissen – von Symbolen, von Text, von Bildern und von Sprache – umgewälzt. Früher ist es viel zäher geflossen, in viel kompakteren Blöcken. Jetzt haben wir den Prozess der schnellen Umwälzung. Die Temperatur und der Puls steigt. … Das bewirkt, dass kompakte Landschaften auseinanderfallen, z.B. Universitäten, da werden in den nächsten Jahren grössere Stücke davon abbrechen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, auch wenn’s ungemütlich ist…. Der digitale Klimawandel betrifft Zeichen, Symbole, Schrift, Text und audiovisuelle Medien, die immer texthafter werden, also in immer kleinere Stücke gebrochen werden und abrufbar und adressierbar sind, also nicht mehr so wie Fernsehen früher lief. Jetzt haben wir also eine völlig neue Welt von Text und diese Texte sind nicht mehr gespeichert wie früher in Bibliotheken, also relativ konstant, sondern das geht jetzt unfassbar wie schneller und es ist unfassbar viel mehr

 

Die Bildung und das Netz – Lernen im digitalen Klimawandel from pb21 on Vimeo.

Der Oberlauf ist turbulenter

Mit anderen Worten: Die Viskosität der Informationen hat mit der Digitalisierung abgenommen, so dass Informationen viel dynamischer und turbulenter fliessen als früher, wo sie in grossen Blöcken eher gemächlich daherkamen und archiviert werden konnten. Während wir früher auf Unterlauf eines grossen Stroms sassen, der kaum merklich floss und sich alles immer wieder bestätigte, befinden wir uns jetzt am Oberlauf, näher an der Quelle, wo es sprudelt und wirbelt. Wir müssen uns treiben lassen und können kaum mehr aktiv steuern. Wir sind froh, wenn wir mit den Padeln die schlimmsten Kollisionen mit den Felsblöcken vermeiden können. Wir wissen nicht, wo es uns im nächsten Moment hinzieht. Die Erstmaligkeit, Ungewissheit und Dynamik ist sehr gross.

Auch der Herausgeber der Trendstudie des Zukunftsinstituts zur Digitalisierung, Christian Schuldt, spricht im Interview mit Wilfried Kretschmer von fluidem Wissen und beruft sich auf Dirk Baecker, wenn er sagt:

Unsere Einstellung zu Wissen ist immer noch vom industriellen Zeitalter geprägt. Die neue Wissenskomplexität, die durch digitale Verbreitungs- und Speichermöglichkeiten entsteht, verändert dies nun komplett. Doch wie sieht ein zeitgemäßer Umgang mit diesem Wissen aus? Und wie navigieren wir durch ein Meer fluiden und ubiquitären Wissens? Das Wissen, wie wir es kennen, hat ausgedient. Wir brauchen ein neues „Wissens-Wissen“, um mit dieser neuen Situation umgehen zu können

Aus: Überschießender Sinn: Digitalisierung, Komplexität und Kontrollüberschuss von Sinn

Schuldt sagt, dass dadurch, dass jeder sich verstärkt selbst an gesellschaftlicher Kommunikation beteiligen kann – Stichwort „soziale Netzwerke“ -, die Quellen des Wissens immer weniger klar sind und dadurch das „traditionelle“ Konzept der Wissensgesellschaft nicht mehr greift. Aber wir versuchen immer noch, unserem Leben einen Sinn, eine Richtung zu geben. Doch diese Konzepte gelangen heute an ein Ende, weil dies in einer vernetzten Welt so nicht mehr gelingt. Für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft insgesamt sowie für Unternehmen besteht nun die große Herausforderung darin, mit dieser neuen Komplexität klarzukommen.

Schuldt:

Es entsteht eine neue Gesellschaftsform, eine neue Wirtschaftsform, und zwar durch das Internet in sehr hoher Geschwindigkeit. Die Strukturform der Gesellschaft ändert sich. Wir leben nicht mehr in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Die klare Aufteilung in Subsysteme, die zwar miteinander interagieren, aber doch relativ klar abgegrenzt sind, löst sich auf. Wir haben es mit einem neuen Gesellschaftstypus zu tun, der Netzwerkgesellschaft

Das erinnert an die McLuhan-Galaxis. Der eingangs erwähnte Peter Kruse hat in seiner Rede vor dem Bundestag die Netzwerkgesellschaft ebenfalls angesprochen.  Wenn er sagt, dass sich die Macht vom Anbieter zum Nachfrager verschiebe, dann meint er nicht nur, dass der Kunde König sei, worauf schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hingewiesen wurde. Er spricht von Macht und meint mit Nachfrager die Gesellschaftsmitglieder schlechthin. Die Digitalisierung führt unweigerlich zu vernetzten Gesellschaftsstrukturen, mit der die Entmachtung der Zentren einhergeht. Das fordert starke Gegenkräfte heraus, die auch vor Kriegen nicht zurückschrecken werden.

Um eine Grundthese kurz in den Raum zu stellen: ich glaube nämlich, dass das Internet die Gesellschaft ganz gravierend verändert und zwar gibt es eine grundlegende Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager. Ich glaube, dass da etwas real passiert in allen Bereichen der Gesellschaft und das hat etwas mit der Systemarchitektur zu tun. Wenn man sich anschaut, was wir in den letzten Jahren gemacht haben, dann sieht man, dass wir hingegangen sind und die Vernetzungsdichte in der Welt gravierend erhöht haben. Es hat noch nie eine solche Explosion [der Vernetzungsdichte] vorher gegeben. Dann kam das Web 2.0 dazu, d.h. neben der Tatsache, dass wir die Vernetzungsdichte hochgejagt haben, haben wir die Spontanaktivität in den Netzen hochgejagt. Und das dritte, was dann noch dazu kam – über Retweetaktion z.B. in Twitter – das sind kreisende Erregungen im Netzwerk. Wenn die drei Dinge zusammenkommen – hohe Vernetzungsdichte, hohe Spontanaktivität und kreisende Erregung – dann kann ich Ihnen sagen, was passiert: die Systeme haben eine Tendenz zur Selbstaufschaukelung, d.h. Sie werden erleben, dass diese Systeme plötzlich mächtig werden und zwar ohne, dass man vorhersagen kann, wo das ganz genau passiert

 

Kruse nennt das, was wir oben mit „Systemstruktur“ bezeichnet haben, hier „Systemarchitektur“. Seine These ist, dass drei Grundvoraussetzungen gegeben sind:

  • Vernetzungsdichte = Zwischen den einzelnen Individuen bestehen viele Verbindungen, über die sie ununterbrochen kommunizieren,
  • Spontanaktivität = Die einzelnen Individuen entscheiden sich zuweilen ganz spontan, eine Beobachtung oder etwas, das sie beschäftigt, zu publizieren und zur Diskussion zu stellen,
  • kreisende Erregungen = die Publikationen der einzelnen Individuen regen andere an, sich zum Thema zu äussern und den ursprünglichen Beitrag weiterzutragen, so dass er immer grössere Kreise wirft. Das hat etwas mit Bewertung zu tun. Was immer wir erleben oder beobachten, reflektieren wir in Rahmen unseres eigenen Wertesystems. Wenn wir es so gefärbt zur Diskussion stellen, kommt es zu Resonanzen, die die verschiedenen Meinungen aufschaukeln.

Hier orientiert sich Kruse am menschlichen Gehirn, bei dem genau diese drei Grundvoraussetzungen erfüllt sind.

Wir leben in einer systemisch instabilen Phase

Das ist alles zwar nicht neu, soll aber der Illustration der Theorie dynamischer Systeme dienen. Die Digitalisierung hat neben anderen High-Tech-Branchen und sehr wesentlich zur Erhöhung des Informationsflusses beigetragen. Die Gesellschaften verbrauchen diese zusätzliche Informationsressource zur Erhaltung ihrer eigenen Lebensfähigkeit auf höherer Komplexitätsebene, was zur Folge haben wird, dass sich neue Dissipationsmuster ergeben werden, die sich in alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen manifestieren werden. Noch ist der Sprung auf die nächst höhere Komplexitätsebene nicht geschafft. Das zeigt sich dadurch, dass sich die grossen Probleme der heutigen Zeit – global warming, Bevölkerungswachstum, Terrorismus, Migration, Nationalismus und Chauvinismus, etc. – immer mehr verschärfen und die Gesellschaften in einen instabilen Zustand versetzen, in dem Vorschläge und Gegenvorschläge konkurrenzieren. Überall kommen Fluktuationen hoch, die neue Wege gehen und neue Formen des Zusammenlebens vorschlagen. Noch werden diese neuen Ideen gedämpft und gebremst. Die alten Institutionen wollen ihre Strukturen bewahren, während die Komplexitätsgegner die Probleme entweder leugnen oder sich einkapseln, in der Hoffnung, vom drohenden Einsturz nichts mitzubekommen. Zur Lösung der Probleme braucht es eine neue Gesellschaftsstruktur, die durch Dissipation des  neuen Informationsflusses getragen werden kann.

Es hängt alles davon ab, wie schnell die Menschen lernen, mit den neuen Situationen umzugehen und von ihrer Kritikfähigkeit, ihrer Kreativität und der Fähigkeit zur Agilität und zum systemischen Denken.

Bleiben Sie mir bloss mit den dünnen VUCA-Brettchen fern!

Über Komplexität kann man nicht reden, aber nicht, weil man sie dadurch entweihen würde, sondern weil jede Person unter dem Begriff etwas Anderes versteht. Meistens wird eine Situation als „komplex“ bezeichnet, wenn gleichzeitig viele Ereignisse passieren und viele z.T. widersprüchliche Informationen vorliegen, so dass der Protagonist die Übersicht verliert und ihm Entscheidungen schwerfallen. Aber das ist reine Überforderung und hat nichts mit Komplexität zu tun.

Die Funktion der Komplexität

Andere sehen in der Komplexität etwas Hehres oder gar Sakrales, das durch die blosse Beschreibung seinen filigranen Zusammenhang verliert. Für mich manifestiert sich Komplexität in emergenten Systemstrukturen. Dabei evolviert das System von einer Struktur zu der nächsten Struktur, die eine entsprechend höhere Komplexität aufweist. Die Strukturen versetzen das System in die Lage, gewisse Umgebungsanforderungen erfüllen zu können. Im speziellen Fall von Unternehmenssystemen können mittlerweile etwa drei oder vier solche Strukturen identifiziert werden, durch die Unternehmen evolvierten: Patriarchalische, hierarchische, leistungsorientierte und pluralistische Organisationen. Eine neue steht möglicherweise unmittelbar bevor, weil die pluralistische Struktur durch die Digitalisierung bereits wieder an ihre Grenzen kommt.

Für die Mehrheit der Menschen bestehen komplexe Systeme aus vielen Subsystemen, die sich in intransparenter Weise und schneller Abfolge gegenseitig beeinflussen. Daher wird aus volkstümlicher Sicht „Komplexität“ mit „Ungewissheit“, „Uneindeutigkeit“ und „Volatilität“ gleichgesetzt, was das US Army War College angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den 90er Jahren das Akronym „VUCA“ erfinden liess

Zufällige Buchstabenkette

Über den Begriff „VUCA“ habe ich hier schon einmal geschrieben.  Es scheint, als hätte das US Militär ein paar Begriffe zusammengewürfelt, die zweifellos etwas miteinander zu tun haben, aber weder vollständig sind, noch in einem einheitlichen Verhältnis zueinanderstehen. Volatilität, Ungewissheit und Ambiguität sind Auswirkungen von Komplexität. Insofern passt hier der Buchstabe „C“ nicht rein, denn er ist die Ursache der drei anderen. Aber Komplexität hat noch mehr Wirkungen, als nur die drei, die mit V, U und A gemeint sind. Es hätten also gerade so gut auch anderen Begriffe sein können, die in das Akronym eingeflossen sind. Z.B. ist Emergenz eine viel wichtigere Auswirkung von Komplexität, als Volatibilität, Ungewissheit und Ambiguität zusammen. Zusätzlich gehören Ein- und Erstmaligkeit zu den Begleiterscheinungen von Komplexität.

Das Akronym „VUCA“ scheint also völlig zufällig entstanden zu sein, ohne dass irgendwann irgendwer Rechenschaft darüber abgelegt hätte, ob es denn auch einen Sinn macht. Die Vermittlung der Kompetenz kritischen Denkens bleibt vorläufig ein gutgemeinter Vorsatz.

Haarsträubende Geschichten

Mittlerweile verwenden auch ernstzunehmende Berater und Referenten das Akronym, oft in völlig falschem Zusammenhang. Einer behauptet z.B.: „Umgangssprachlich meint VUCA, das nicht Erfassbare erfassbar zu machen“. Nein, das meint VUCA bestimmt nicht!

Ein anderer verbreitet auf seiner Website den Schwachsinn, dass VUCA die Welt erkläre. In einer Umfrage soll der Leser anklicken, welche der vier Einzelbegriffe er am „höchsten bewertet“. Missbräuchlicher könnte mit dem Akronym nicht umgegangen werden!

Wo vier Einzelbegriffe vorliegen, tauchen auch sofort Vierfeldermatrizen auf, die das Akronym scheinbar auf die Ebene eines Konzepts oder gar einer Theorie heben.

Mit Vierfeldermatrix ein Konzept vortäuschen

VUCA wird mittlerweile mit den beiden Dimensionen „Voraussagemöglichkeit“ und „Kenntnis des Zustandes“ in so einer Vierfeldermatrix dargestellt und alle schreiben sie einander ab. Nur einer konnte nicht einmal richtig abschreiben und hat die Dimensionen vertauscht, ohne die Positionen der vier Elemente anzupassen. Das würde zu einer völlig anderen Interpretation des Begriffs führen.

Die Dimensionen einer Vierfeldermatrix sind unabhängige Variablen, also Grössen, die vorgegeben sind und nach denen sich das System richtet. Voraussagemöglichkeit und Zustandskenntnis ergeben sich aber als Konsequenzen der Komplexität, die dem System eigen ist. Insofern ist eher der Grad von Komplexität eine der Dimensionen der Vierfeldermatrix. Mit anderen Worten: die Komplexität hängt nicht von der Vorhersagemöglichkeit ab, sondern umgekehrt! Aber darüber muss man schon ein wenig nachdenken, was in einer Zeit, in der es vornehmlich um Effekthascherei geht, nicht der kollektiven Bedürfnislage entspricht.

VUCA-Abwehr

In einem Forbes-Artikel ist sogar schon von „VUCA 2.0“ die Rede – Vision, Understanding, Courage, Adaptility – meint aber damit offenbar eher eine Antwort auf VUCA (1.0).

Wenn mit VUCA die Zunahme von Komplexität gemeint ist, was Planungs- und Prognosehorizonte verkürzt, dann haben Führungskräfte, die das mentale Modell von hierarchischen Strukturen verinnerlichen und an Kontrolle gewohnt sind, ein Problem. Gerne bieten Berater Lösungen an (obwohl es keine gibt). Der eine empfiehlt eben die Kompetenzen „Vision, Understanding, Courage, Adaptility“, einfach weil sie auch das Akronym VUCA ergeben. VUCA gegen VUCA. Vielleicht bietet er gleich noch Ausbildungen zur Erlangung dieser Kompetenzen an.

Ein anderer möchte auch VUCA gegen VUCA machen und rät auf Folie 41/57 einer Präsentation zu „Vison, Understanding, Clarity, Agility“. Solche sinnentleerten Beispiele gäbe es noch viele.

Ebenso als eine „Antwort“ auf VUCA versteht sich das VOPA+ Modell: Vernetzung, Offenheit, Partizipation, Agilität und das + bedeutet „Vertrauen“. Auch VOPA wird gemeinhin in einer Vierfeldermatrix dargestellt, aber meistens ohne Dimensionen, was es in dieser Darstellung völlig bedeutungslos macht. Es würde genügen, die fünf Begriffe einfach aufzulisten.

Was häufig erwähnt wird, wird häufiger erwähnt

In einer Dokumentation, die ZDFneo am 18. Mai 2017 ausstrahlte, hat Sascha Lobo ein paar Experimente vorgeführt, die zeigen sollen, wie leicht es ist, Menschen zu manipulieren (1).
Obwohl seine Findings wohlbekannt waren, sind seine einfachen und anschaulichen Experimente doch eindrücklich. Im ersten Experiment hat er acht Probanden eine Reihe Bilder gezeigt, die facebook-ähnlich daherkamen, also u.a. mit einer Angabe der Anzahl Likes, die das Bild erhalten hat. Eine Bilderserie bestand aus 3-4 fast völlig identische, ansonsten nichtssagende Bilder und die Probanden mussten sagen, welches Bild der Serie ihnen am besten gefällt. Natürlich wählten die Probanden meist dasjenige Bild mit den meisten Likes. Ein ähnliches Experiment basierte auf schwierigen Wissensfragen mit einer Auswahl an Antworten mit der Angabe, wie viele Leute diese Antwort bei einem früheren Quiz gegeben hatten. Man kann auf diese Weise jede Antwort provozieren.

Das ist der berühmte Matthäus-Effekt: wer viel hat, erntet viel, wer wenig hat, geht leer aus. Jedes Mal, wenn der Begriff „VUCA“ verwendet wird, trägt das dazu bei, dass er noch attraktiver wird.

Die Polya-Verteilung

Der Mathematiker Georges Polya hat folgendes Experiment vorgeschlagen: Zu Beginn enthält eine Urne zwei Kugeln, eine schwarze und eine weiss. Es wird eine Kugel zufällig gezogen und wieder zurückgelegt. War sie schwarz, wird eine weitere schwarze Kugel in die Urne gelegt. War sie weiss, wird eine weisse Kugel in die Urne gegeben. Nun sind es drei Kugeln. Wieder wir eine Kugel zufällig gezogen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieselbe Farbe hat, wie beim ersten Zug, ist jetzt grösser. Wieder wird die gezogene Kugel zurück gelegt und zusätzlich eine mit derselben Farbe, wie die der gezogenen, dazugegeben. Nun enthält die Urne vier Kugeln. Bei jedem Zug kommt eine Kugel dazu.
Sie können sich ohne Mühe überlegen, dass zu Beginn beide Farben dieselben Chancen hatten, dann aber eine Farbe überhandnimmt und die andere immer mehr unterdrückt.
Genau das passiert mit solchen Begriffen wie „VUCA“. Jedes Mal, wenn sie erwähnt werden, steigt ihre Akzeptanz. Das ist eine einfache statistische Ursache.

Populismus und Kritisches Denken

Dazu kommt jetzt noch eine inhaltliche: Je komplexer die Welt, desto grösser die Akzeptanz vereinfachender Begriffe und Stories. Das machen sich neuerdings politische Kreise zu Nutzen, die die Welt mit plakativen Dichotomien oder paar Schubladen erklären, gerne vier Schubladen, zwei rechts und zwei links. Solche Vierbuchstabenkürzel oder Vierfeldermatrizen sind ja auch nichts anderes als etwas ausgedehnte Dichotomien. Damit kann die Gesellschaft gespalten werden, und wenn man sich jetzt nioch elitefeindlich gibt, hat man schnell die Mehrheit hinter sich.

Dass unsere digitalen Fussabdrücke, die wir im Web hinterlassen, wenn immer wir online sind, gespeichert, analysiert und zu Marketingzwecken verwendet werden, empfinde ich persönlich noch nicht sehr beunruhigend. Beunruhigend ist, wenn die Menschen aufgrund ihrer Daten zu kollektiven Reaktionen verleitet werden, die sie gar nicht wollten. Das wird von Intriganten und Demagogen zwar seit hunderten von Jahren gemacht, aber mit Sozialen Medien gelingt der Trick umso besser. Da wird mit verfälschen Kontexten und gefälschten Likes eine Crowd vorgegaukelt, auf die immer mehr Menschen reinfallen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, es hilft lediglich kritisches Denken.

Angesichts solcher düsteren Aussichten ist die Verbreitung des dümmlichen VUCA-Begriffs geradezu eine Bagatelle, könnte man meinen. Ihre einlullende Wirkung erodiert aber gerade das kritische Denken, das gegenüber populistischen Machenschaften dringend gebraucht würde, wenn es denn überhaupt vorhanden war.

Das I-Space-Modell gegen das Cynefin

In einer Slideshow über Lernen und Management 2.0 als neue Rolle der Führungskräfte stellt Folie 18/44 diese VUCA-Vierfeldermatrix neben das Cynefin-Modell, das ja auch aus einer Vierfeldermatrix besteht und eines der Felder – Komplexität – mit einem der Felder des VUCA-Modells übereinstimmt.

Aus Tom Graves, More on chaos and Cynefin (2)

In Können kleine Systeme komplex sein?  habe ich die Geschichte des Cynefin-Modells nachvollzogen, das aus dem I-Space-Modell von Max Boisot hervor ging. Das I-Space-Modell findet in einem Würfel statt, dessen drei Dimensionen noch klare Grössen hatten, während das Cynefin-Modell, das alles andere als ein Modell ist, meist ohne Dimensionen präsentiert wird. Wenn Sie mal in Google eine Bildersuche nach „Cynefin“ vornehmen, dann stellen Sie fest, wie schwierig es ist, Darstellungen mit Dimensionen zu finden. Eine stellt die vier Felder in die Dimensionen „Offenheit der Ziele“ und „Anzahl Spielregeln“, während ein anderer die Dimensionen „Ordnung“ und „Reaktionszeit“. Seine Erklärung, dass das Gegensatzpaar „kompliziert“ und „komplex“ erst dann auftreten kann, wenn genügend Zeit zur Analyse besteht – so habe ich die diffuse Erklärung verstanden -, ist aber einigermassen an den Haaren herbeigezogen.

Max Boisot ging es im I-Space Modell um Wissensstrukturen. Er unterscheidet zwischen

  • öffentlichem Wissen, das aufbereitet und verbreitet ist
  • geheimem Wissen, das aufbereitet und nicht verbreitet ist
  • persönlichem Wissen, das weder aufbereitet noch verbreitet ist
  • Allgemeinwissen, das zwar nicht aufbereitet, aber weit verbreitet ist
John W. Lamp und Simon K. Milton. The social life of categories: An empirical study of term categorization
Article (3)

Komplexität kann aufgrund des verfügbaren Wissens auch bloss ein (subjektiver) Eindruck sein. Das I-Space Modell siedelt Komplexität zwischen Chaos und Ordnung an, wie es sich gehört. Aber Ordnung ist nicht einfach mit Kompliziertheit gleichzusetzen. Das Gehirn hat als komplexes System eine Ordnung. Auch die dem Gehirn entsprungenen Gedanken meines (komplexen) Bewusstseins haben eine gewisse Struktur.

Die Cynefin-Darstellung hat das I-Space-Modell bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht, nach dem open source Spruch „fucked until byond any recognition“. Das ist sehr schade, denn das I-Space-Modell hatte Hand und Fuss und regte zumindest zum Nachdenken an. Als ich bei einer Gelegenheit vorschlug, Cynefin wieder durch das I-Space-Modell zu ersetzen, schlug mir eine Welle der Entrüstung entgegen. Das sei viel zu kompliziert. Aber so ist das nun mal mit der Dünnbrettbohrerei. Menschen wollen einfache, überschaubare, genehme und anschauliche Erklärungen dieser komplexen Welt, die schon nur bei gedankenloser Betrachtung Kopfschmerzen verursacht.

(1) https://www.zdf.de/sender/zdfneo/manipuliert-100.html

(2) Tom Graves, More on chaos and Cynefin. 2010

(3) John W. Lamp und Simon K. Milton. The social life of categories: An empirical study of term categorization
Jan 2012 · Applied ontology

Pull-Lernen: nicht in den Kopf hinein hämmern, sondern aufsaugen

In den Social Media Kanälen wird momentan auf das Interview mit dem dm-Gründer Götz Werner verwiesen, der darin sagte (1):

Im Leben braucht man keinen Druck, sondern Sog. Wer fliegen möchte, braucht Thermik. Flugzeuge fliegen, weil Sog aufgebaut wird. Ich selbst bin Vater von sieben Kindern – die reagierten alle nur auf Sog. Kunden, die bei uns kaufen, kommen, weil sie Sog verspüren, nicht weil ihnen jemand in den Hintern tritt.

Dass Menschen etwas aus sich heraus tun und nicht, weil sie unter Druck stehen, ist absolut richtig, auch wenn das Beispiel mit dem Fliegen schlecht gewählt ist. Ob die Kunden von seiner Drogeriekette angesaugt oder hineingeblasen werden, sei mal dahingestellt. Sicher ist, dass seine Drogerien von den Kunden gezogen werden und nicht von den Lieferanten gestossen.

Pull- und Push-Strategien

In der Betriebswirtschaft ist das logistische Pullprinzip längst angekommen. In den 70er Jahren galt noch das Push-Prinzip: Die Unternehmen produzierten „auf Halde“ und füllten die Endprodukteläger. Der Verkauf musste die Produkte dann so schnell als möglich verkaufen, indem er sie den Kunden auf die Nase drückte. „Bedürfnisse schaffen“ nannte man das damals.

by Grochim and Wikipedia

In den 80ern kippte das Push-Paradigma und machte einem neuen Verständis Platz, wonach die Kunden zu sagen pflegen, was sie wollen. Das bedeutete, dass der Verkauf vorwiegend zuhörte, was der Kunde wünscht – sog. „screening“ – und ihm dann diesen Wunsch realisiert. Damit „zieht“ der Kunde das Produkt durch die Produktion hindurch, es wird nicht mehr durchgestossen, wie in den 70ern. Spätenstens seit den 90er Jahren funktionieren alle Unternehmen nach dem Push-Prinzip. Das bedeutet, dass in der Produktion stets ein „Sog“ herrscht, wie es Herr Götz Werner in seinem Interview anschaulich ausdrückte, auch wenn es sich nicht um die betriebswirtschaftlich korrekte Bezeichnung handelt.

Zwar ist die Unterscheidung zwischen Pull- und Push-Strategie (2) nicht ganz so einfach, wie hier dargestellt. Auch heute kann in gewissen Fällen eine Push-Strategie immer noch Sinn machen. Bei der Pull-Strategie besteht das Problem, dass der Kunde meist nicht gewillt ist, so lange auf das Produkt zu warten, bis es produziert ist. Daher werden meist Mischformen angewandt.

Pull-Lernen

Weners Zitat wird auch deshalb verbreitet, weil es eine Aussage für modernes Lernen machen kann. Gelernt wird, was interessiert. Wenn mich etwas interessiert, dann gehe ich dem nach. Meine Motivation saugt das Wissen auf. Wenn aber ein Lehrer, die Eltern, der Arbeitgeber oder sonst eine Institution versucht, mir Wissen „beizubringen“, das mich nicht interessiert, dann ist das so, als würde er es mir in den Kopf hinein „drücken“ wollen und das funktioniert nicht. Das meinte Werner, wenn er sagt, dass seine Kinder nur auf Sog reagieren. Sie machen, was sie wollen, was sie interessiert, wofür sie motiviert sind.

Auf das Lernen übertragen bedeutet dies, dass nur der Lernende weiss, was er benötigt und was ihn interessiert. Das herkömmliche Schulsystem geht aber davon aus, dass der Lehrer im Vornherein weiss, was der Schüler braucht. Der Lehrer erzählt den Stoff einer Gruppe von Schülern in einem frontalen Vortrag. Die Schüler müssen dann das, was der Lehrer erzählt hat, nur noch auswendig lernen. Genau dieser Schritt geht nur unter Druck. Das, was der Lehrer erzählt hat, muss in die Köpfe hinein „gedrückt“ werden. Nach Götz Werner funktioniert dies nicht.

Neuere Lern-Ansätze drehen den Spiess denn auch etwa um. Anstatt, dass die Lehrer Wissen „auf Halde“ produzieren, in der Hoffnung, dieses Wissen den Schülern „verkaufen“ zu können, sollen die Schüler dasjenige Wissen, das sie interessiert, be-ziehen. Die Schüler ziehen das Wissen aus dem Bildungsapparat heraus, ganz wie die Kunden ihre Produkte aus den Produktionsstätten herausziehen. Ich nannte dieses neue Lernparadigma deshalb Pull-Lernen.

Lehrer nach Bedarf

Pull-Lernen stelle ich mir so vor, dass sich ein Mensch in seiner aktuellen Lebenssituation für gewisse Dinge interessiert und diesen aus sich heraus nachgeht. Er liest zunächst einmal einschlägige Artikel und Lehrbücher. Vielleicht stellt er fest, dass er noch nicht über die nötigen Voraussetzungen verfügt, um den Stoff zu verstehen. Dann wird er sich für die Preliminarien interessieren. Versteht er etwas nicht, von dem, was er gelesen hat, dann wendet er sich an Experten. Das können z.B. Lehrer sein, die ihm genau dieses eine Wissenselement erklären, das unser Protagonist nicht verstanden hat. Dazu müssen die Lehrer nicht in einer Schule sitzen und vor Klassen reden. Sie können z.B. im Web angesprochen werden und dort ihre Erklärungen abgeben. In weitergehenden Fällen können Online-Besprechungen oder gar persönliche Treffen durchgeführt werden. Schulen und erst recht Schulhäuser werden also beim Pull-Lernen überflüssig.

Ebenso werden Zeugnisse, Prüfungen und Zertifikate obsolet. Wenn sich unser Mensch für etwas interessiert, dann sagt er, wann er genug weiss und kann. Er prüft sich ständig selbst. Nur er weiss, wann das „Lern-Produkt“ die nötige Qualität hat, die er sich vorgestellt hat, als er anfing, sich für diese Sache zu interessieren.

Lernen just-in-time

Wer im herkömmlichen „Lernjahre – Wanderjahre – Meisterjahre“ denkt, kann mit diesem neuen Lernparadigma so gar nichts anfangen. Wie, wird er fragen, kann ein Mensch, der z.B. Maurer werden will, wissen, was er heute lernen muss, um dereinst gut mauern zu können. Da er ja das Maurern erst erlernen will, kann er zum Voraus noch nicht wissen, für was er sich heute im Detail interessieren soll. Das ist richtig.

Mit zunehmender Komplexität der Arbeitswelt werden jedoch die Blöcke Lernjahre, Wanderjahre, Meisterjahre zunehmend kleiner und fragmentierter. Es wird nicht mehr möglich sein, einen Beruf für’s Leben zu erlernen. Gemäss dem eindrücklichen Video „Did you know“ haben 2004 die Jobs noch gar nicht existiert, die 2010 zu den gefragtesten gehörten (3). Diese Tendenz nimmt exponentiell zu. Heute gibt es gefragte Jobs, die vor 3 bis 4 Jahre noch gar nicht existierten. Es ist also schon sinnlos geworden, auf eine Lehrabschlussprüfung zu lernen, die in 3 bis 4 Jahren stattfindet.

Das US Departement of Labour schätzt, dass ein Mensch 14 verschiedene Jobs haben wird, bevor er 40jährig ist. Das bedeutet, dass Menschen immer schneller ihre Jobs wechseln (müssen). Man ist immer seltener Maurer, Mathematiker, Pilot oder Lehrer. Man mag dieses Jahr Lehrer sein und nächstes Jahr vielleicht Augenoptiker. Und meistens hat man sowieso mehrere Jobs parallel. Um diese schnelle Abfolge von verschiedenen Tätigkeiten zu meistern, muss man sich laufend neue Fähigkeiten aneignen. Mit reiner Wissensaufnahme ist es nicht getan. Wir müssen immer öfters eine Fähigkeit genau in diesem Moment erlernen, in welchem wir diese Fähigkeit benötigen.

Im herkömmlichen Bildungsverständnis lernt ein Mensch „für’s Leben“. Er lernt Dinge, von denen er nicht weiss, ob er sie jemals benötigen wird. Das war bisher auch richtig so. Doch wenn wir dieses Verständnis nicht aufgeben, dann bilden wir bald Studenten für Jobs aus, die noch gar nicht exsistieren, um Technologien zu nutzen, die noch gar nicht eingeführt sind und um Probleme lösen zu können, die noch gar nicht als Problem erkannt sind, wie wir im Video „Did you know“ erfahren. Eine Lösung für die zukünftige Arbeitswelt kann auch wieder aus der betriebswirtschaftlichen Logistik entlehnt werden: Learning by just in time. Wir absolvieren nicht mehr länger teure und jahrelang andauernde Lehrgänge, in welchen wir uns Fähigkeiten aneignen müssen, die bereits bei der Abschlussprüfung nicht mehr gefragt sein werden, sondern lernen das, was im aktuellen Job oder Lebenssituation gerade angesagt ist.

Volksschulen

Wie ist die spezielle Lernsituation von Kindern in diesem Kontext zu interpretieren? Selbstverständlich gibt es einen Kanon von Kulturtechniken, die vermutlich in den nächsten paar Jahrzehnten Beständigkeit haben werden. Welche das sind, ist gerade Thema einer breitangelegten Diskussion.

Ich kann mir vorstellen, dass bald niemand mehr selber schreiben muss, da bereits heute gängige Softwarepakete existieren, die alles, was man ihnen diktiert sofort in ein Dokument schreiben. Dass wir solche Software so wenig brauchen, liegt noch an der Benutzerfreundlichkeit. Wir wollen ja nicht immer eine Software starten und vielleicht sogar noch ein Headset anlegen, bevor wir etwas schreiben können. Wahrscheinlich wird bald einmal das Smartphone einfach alles, was wir sagen, in ein Dokument schreiben. Daraus können wir dann entnehmen, was wir schriftlich weiterverarbeiten wollen.

Auch rechnen brauchen wir nicht mehr selber. Es gibt seit Jahrzehnten handliche Rechenmaschinchen oder entsprechende Apps für das Smartphone. Allerdings gilt in diesem Fall dasselbe wie für das Schreiben. Es ist oft zu mühsam, die Rechnerapp zu starten und die Rechenaufgabe einzutippen. Eine Anzeige in der Brille muss automatisch reagieren, wenn wir eine Rechnung sagen.

Übersetzungssoftwarepakete werden bald so gut sein, dass sich niemand mehr der Mühe aussetzt, eine fremde Sprache zu erlernen. Man kann also tatsächlich rätseln, welche Kulturtechniken denn übrigbleiben, die unsere Kinder „für’s Leben“ lernen könnten.

Eine Fähigkeit, die bestimmt in den nächsten hundert Jahren benötigt wird, ist die, Neues zu Lernen. Wenn ich morgen bei Arbeitsbeginn vernehme, dass ich jetzt einen neuen Job habe, der so gar nichts mit allem dem zu tun hat, was ich bisher gemacht habe, dann muss ich schnell und effektiv das lernen, was der neue Job von mir fordert. Damit ich das kann, muss ich gewisse Lern-Fähigkeiten haben. Da niemand solche Fähigkeiten einem anderen beibringen kann, muss sie sich jeder selber aneignen. Das gilt auch und vor allem für Kinder. Gewiss, man kann sie unterstützen, indem man z.B. Spiele erfindet, welche in schneller Abfolge verschiedene Fähigkeiten fordern, die sich die Mitspieler zuerst aneignen müssen, bevor sie weiterspielen können.

Spielerisch lernen statt büffeln

Angesichts der Zunahme von Informationen und Daten spielt kritisches Verständnis eines Textes eine grosse Rolle. Auch das kann geübt werden, genauso wie Kreativität, die für zukünftige Jobs eine zunehmend wichtige Voraussetzung sein wird. Solche Fähigkeiten können spielerisch geübt und angeeignet werden. Die Zeiten des Drills und Büffelns werden bald vorbei sein, weil genau dasjenige Wissen, das nur durch büffeln einigermassen haften bleibt, obsolet wird. Zwar müssen auch die Kulturtechniken, die in Zukunft Bestand haben, immer wieder geübt werden, bis sich ein bestimmtes Verhalten eingeprägt hat. Aber dieses Üben geschieht nicht drillmässig, sondern spielerisch. Daher werden Schulen für Kinder bis ca. 15jährig vermutlich offener und spielerischer werden.

Die einzige bisherige Kulturtechnik, die vielleicht noch weiterhin geübt wird, könnte Lesen sein. Zwar kann ich mir einen Text von einer Software vorlesen lassen. Ich persönlich verstehe aber einen etwas komplizierteren Sachverhalt besser, wenn ich ihn lese, als wenn ihn mir jemand vorliest oder vorträgt. Das mag u.a. daran liegen, dass ich beim Lesen innehalten und mir das bisher Gelesene überlegen kann. Zwar könnte ich auch eine Vorlese-Software anhalten. Das ist aber bedeutend umständlicher, auch wenn ich bloss „stop“ rufen müsste.

Leuchtfeuer 4.0

Am 19. April startet online eine kollaborative Veranstaltung, die u.a. diese Themen aufarbeitet. Der Anlass ist kostenlos. Jedermensch kann teilnehmen und mitmachen. Während zwei Wochen kann man sich mit anderen austauschen und seine Meinung einbringen. Die Veranstalter schreiben (4):

Mit dem MOOC möchten wir zunächst, gemeinsam mit euch, unser aller „Neuland“ im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ neu kartographieren. Wie können wir uns darauf besser vorbereiten? Das ist die zentrale Frage.

Schauen Sie rein! Es lohnt sich auf jeden Fall.

Nachtrag (09.04.2017): Das berührende Video „alike“ zeigt, was hier gemeint ist. Der Schüler interessiert sich jetzt für Musik, wird aber gepusht, sich mit Buchstaben zu beschäftigen, bis ihm die Farbe abhanden kommt.

„Alike“ is an animated short film directed by Daniel Martínez Lara & Rafa Cano

(1) http://derstandard.at/2000051252761/Goetz-Werner-Alte-s-stellt-eine-ganze-Gesellschaft-vom-Kopf
http://www.webcitation.org/6pLWCnzPR

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Push-Pull-Strategie

(3) Did you know? https://www.youtube.com/watch?v=U9NZqtG2Ncg

(4) https://mooin.oncampus.de/feuer40