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Ein Schweizer Blog
Mein Name ist Peter Addor. Ich lebe in Italien, Sri Lanka und der Schweiz, wo ich herkomme. Meine Betätigungsfelder sind mathematische Kategorientheorie, System Dynamics und nicht-lineare dynamische Systeme. Daneben mache ich digitale Kunst.

Die Zukunft des Arbeitsmarktes

| Von Peter Addor

Was wir aus der Spieltheorie darüber lernen

Der Spieltheoretiker A. Michael Spence ist der Meinung, dass der Sinn von Zertifikaten und Diplomen darin besteht, einem potentiellen Arbeitgeber die eigene Produktivität zu signalisieren und so einen höheren Lohn verlangen zu können (1). Ohne dieses Signal würden die produktiven Arbeitnehmer die weniger produktiven subventionieren. Wie ist das zu verstehen?

Signale zur strategischen Informationsübermittlung

Sucht ein Unternehmen eine Mitarbeiterin, weiss diese, was sie kann und kennt somit ihren Wert. Das Unternehmen hat jedoch diese Information nicht. Für das Unternehmen ist die Selektion eines neuen Mitarbeiters wie Fischen in trüben Gewässer. Daher wird das Unternehmen einen Anfangslohn festlegen, der der durchschnittlichen Produktivität entspricht. Das bedeutet aber, dass produktive Mitarbeiter schlechter honoriert werden, als weniger produktive. (2)

Die produktiveren Mitarbeiter versuchen nun, den Arbeitgebern ein Signal ihrer Produktivität zu senden, das von den weniger produktiven Menschen nicht imitiert werden kann. Dabei handelt es sich eben um eine zusätzliche Ausbildung, die mit einem Zertifikat nachgewiesen werden kann. Warum kann dies nicht imitiert werden? Weil sich der (beträchtliche) Aufwand für die Zusatzausbildung für produktive Menschen in Grenzen hält, während der Aufwand für weniger produktive Menschen den Lohngewinn, den sie mit dem mühsam erworbenen Zertifikat einhandeln, übersteigen würde. Mit anderen Worten: Der Erwerb eines Zertifikats lohnt sich für weniger produktive Menschen nicht.

Das Unternehmen glaubt, dass wer ein Zertifikat hat, produktiv ist, d.h. dass $latex \alpha=1$ und wer kein Zertifikat hat, nicht produktiv ist, d.h. $latex \beta=0$.

Veränderte Bildungslandschaft

Soweit Spences Überlegungen, die ihm den Nobelpreis eingebracht haben. Er hat sie in einer Zeit angestellt, in der es noch kaum vorkam, dass 40-50jährige einen (zusätzlichen) Hochschulabschluss machten und in der der Staat noch die Oberhoheit über Hochschulen hatte. In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert.

  • Hochschulabschlüsse werden nicht mehr ausschliesslich von Universitäten ausgestellt.
  • Es ist mit dem Bachelorabschluss möglich, gegenüber früher verkürzte Studien zu absolvieren.
  • Das Angebot zertifizierter Ausbildungen ist sehr diversifiziert worden. Es gibt in der Zwischenzeit qualitativ hochstehende Zertifikate, die nicht auf Hochschulausbildungen basieren.

Dieses «third-party cerdentialing» und «non-college learning» ist zu einem Trend in der höheren Erwachsenenbildung geworden. (Liz Reisberg, The next Revolution has Begun, The World View, 9. August 2016)

Abschlüsse taugen nicht mehr als Signal

Mittlerweile besteht eine grosse Nachfrage nach berufsbegleitenden Bachelorabschlüssen, wofür immer mehr Schulen mit verlockenden Angeboten werben, die den Eindruck erwecken, als könnte man bei ihnen den Abschluss fast ohne Aufwand erlangen. Die Zahl der Studierenden nimmt dadurch zu und mit ihnen die Anzahl der Bildungsinstitute. Unterdessen mag die Durchschnittsproduktivität aller Bachelorstudierenden beträchtlich gesunken sein, so dass ein Bachelorabschluss für die produktiveren Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr als Signal genügen dürfte, wie das M. Spence vorgesehen hatte. Daher verzichten immer mehr Arbeitnehmer auf Zeugnisse und Zertifikate. Der Personalchef von Google, Laszlo Bock, sagt zum Stellenwert von Noten und Abschlusszertifikaten, dass die Kategorisierung von Bewerbern nach solchen Kriterien sich als komplett wertlos erwiesen haben. Dies liege einerseits daran, dass die Anforderungen an die jeweiligen Fähigkeiten komplett anders gelagert sind. Außerdem habe man es nach einiger Zeit mit völlig anderen Menschen zu tun. “Man lernt und wächst an den Aufgaben, man geht anders an die Sachen heran”, führte Bock aus.

Marktverweigerung - Innovation und Entrepreneurship sind die neuen Werte

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Innovation
(Bild aus ICTPost 2014: Malware attack through advertisement links on web-spaces: http://ictpost.com/malware-attack-through-advertisement-links-on-web-spaces/)[/caption]

Es stellt sich also die Frage, welches die neuen Signale sind, die erfolgreiche Bewerber den Unternehmen senden. Ich denke, dass Produktivität nicht mehr an erster Stelle des Wertekanons eines Mitarbeiters steht. Vielmehr dürfte Produktivität durch z.B. Innovationsfähigkeit und Entrepreneurship verdrängt worden sein. Der Besitz dieser Fähigkeiten lässt sich am besten dadurch signalisieren, dass man ihn beweist. Daher fragen diese Bewerber gar nicht erst eine Arbeitsstelle nach, sondern reissen auf eigene Initiative lokale Projekte auf oder ziehen als digitale Nomaden durch die Welt. Dieses Verhalten sieht man z.B. auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Wegen asymmetrischer Information über den Zustand eines Gebrauchtwagens, werden durchschnittliche Preise bezahlt. Daher wird jemand, der einen neuwertigen Wagen verkaufen will, diesen gar nicht erst auf dem Gebrauchtwagenmarkt anbieten. Lediglich Autos geringerer Qualität werden noch gehandelt - die guten Wagen werden aus dem Markt gedrängt.



Kommentare

  • PBormann • 12.08.2016 16:09

    Gute Analyse - volle Zustimmung!

    Beste Grüße in die Schweiz,
    Peter Bormann

  • Christoph Schmitt • 12.08.2016 18:01

    brilliante Gedankengänge - ohne Schnickschnack und Lametta!

  • Peter Addor • 12.08.2016 15:59

    Spence argumentiert, dass für weniger produktive Menschen der Aufwand für ein Zertifikat grösser ist, als die Lohndifferenz, die sie aufgrund des Zertifikats erwarten können.

    Das ist gerade der Riegel, weshalb das Signal nicht imitiert werden kann.

  • Josef Stadelmann • 12.08.2016 15:29

    Der Erwerb eines Zertifikats lohnt sich für weniger produktive Menschen nicht.

    Ist da nicht ein kleiner Logik Fehler entstanden. das “nicht” in Deinem Satz oben gehört weg.

    Weniger productive Menschen versprechen sich eine bessere Lohnchance durch ein Zertifikat. Somit lohnt es sich für diese weniger Produktiven immer ein Zertifikat zu besorgen, wenn der Arbeitgeber danach darauf hereinfällt.

  • Teuta Lohrum • 13.08.2016 19:43

    Kann den Beitrag voll und ganz nachvollziehen.
    Ich befinde mich aktuell auf der Suche nach einer neuen Position in der Schweiz. Der Markt legt hohen Wert auf Zertifikate und besondere Signale seitens Bewerber. Die meisten Unternehmen suchen Bewerber mit hoher Bildung, Freelancer-Eigenschaften und breiter Erfahrung. Bei geradlinigen Lebensläufen in Festanstellungen gestaltet sich die Suche unter diesen Umständen äußerst schwierig.
    Um Erfolg zu haben ist es für den Bewerber wichtig die Markterwartungen genau zu verstehen und seine Leistungen für die Erfüllung dieser Bedürfnisse anzubieten. Das erfordert von ihm Entrepreneurship-Attitüden und Bereitschaft zur Nomadentum im Hinblick auf Projekte, Erfahrungen, Unternehmen, Branchen. Wer nicht dazu bereit ist wird es schwer haben sich durchzusetzen und einen 》= durchschnittlichen Lohn auszuverhandeln.

    Die Zukunft des Arbeitsmarktes hat bereits begonnen.

    Danke Peter.

    Liebe Grüße nach Diano Martina.
    Teuta Lohrum

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