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Ein Schweizer Blog
Mein Name ist Peter Addor. Ich lebe in Italien, Sri Lanka und der Schweiz, wo ich herkomme. Meine Betätigungsfelder sind mathematische Kategorientheorie, System Dynamics und nicht-lineare dynamische Systeme. Daneben mache ich digitale Kunst.

Wann fangen Sie an, ein System Thinker zu werden?

| Von Peter Addor

System Thinking ist eine der wichtigsten Kompetenzen in unserer hochkomplexen Welt. Da der Begriff nicht mit “K” beginnt, wird diese Kompetenz im 4K-Modell des Lernens meist unterdrückt oder schnöde der Kompetenz des kritischen Denkens untergeordnet, wo es sicher nicht hingehört. Vielleicht sollte “System Thinking” besser “Complexity Thinking” genannt werden, dann gäbe es ein 5K-Modell des Lernens, was vielleicht passender wäre.

Was ist System Thinking (ST)?

Hier hilft das deutsche Wikipedia nicht weiter. Der Artikel ist zu kurz und endet sogar mit “Komplexitätsreduktion”, was nicht systemischem Denken entspricht. Der Begriff System Thinking (ST) ist nicht streng definiert und wird von Autor zu Autor verschieden interpretiert, je nachdem, ob er eher aus therapeutischer oder organisationstheoretischer Ecke kommt oder ob er die Welt durch eine soziologische, psychologische oder biologische Brille betrachtet.

ST ist weder eine Methode noch ein Konzept, sondern ein Paradigma, d.h. eine Denkhaltung. Darin unterscheidet sich ST wesentlich von Management Methoden, wie Lean, Agil, 6 Sigma, etc.

Gemeinhin werden fünf bis sechs Charakteristiken des ST erwähnt, die den Begriff meines Erachtens recht gut umreissen (1).



Kommentare

  • Peter Addor • 20.09.2017 16:29

    Ok, deal! Und wenn Du alle die Prinzipien verstanden hast, hättest Du auch die ganze Mittelschulmathe intus.

  • Holger Zimmermann • 23.11.2017 21:59

    Lieber Peter,

    eine schöne, prägnante Heranführung an das Thema. Finde sie sehr gelungen. Danke dafür!

    Beste Grüße
    Holger

  • Walder Elisabeth • 20.09.2017 06:44

    Die Idee, ST anstelle von Mathe in meiner Schulzeit anzubieten, hätte ich ganz ausserordentlich geschätzt! ST Prinzipien waren und sind mir immer noch deutlich näher als Mathe!

  • Peter Addor • 28.02.2019 04:13

    Sehr geehrter Herr Leu
    Dabei würden gerade Digitalisierung und Systemdenken ganz gut zusammengehen, sei es, weil die Digitalisierung ein mächtiger Komplexitätstreiber der Gesellschaft ist, sei es auch bloss, weil die digitalen Tools zur Unterstützung des Systemdenkens ganz gut geeignet sind, um den Umgang mit modernen Werkzeugen zu üben und das Verständnis zu fördern.
    Die Klimaproteste nehme ich hingegen eher unsystemisch wahr. Schon nur der Begriff ist unsystemisch. Als ob das Klima das einzige wäre, das es zu beobachten gälte.
    Freudliche Grüsse, Peter

  • Peter Addor • 27.02.2019 09:38

    Vielleicht noch zu der Frage, wer was tun müsste, um aus jedem Schüler einen Systemdenker zu machen. Das ist natürlich ein wenig eine Gretchenfrage. Vielleicht ist es ebenso wenig nötig, dass der hinterste und letzte Mensch ein überzeugter Systemdenker ist, wie dass jeder Mensch programmieren kann. Ich denke, es genügt, wenn sich SuS auf den “Volksschul”-Stufen ein wenig in systemischem Denken und ihren Methoden üben können und vor allem verstehen lernen, was ungeahnte Neben- und Fernwirkungen sind. Angehende Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft erinnern sich dann hoffentlich daran und vertiefen ihre Erfahrungen in Systemischem Denken, die sie in der “Volksschule” gewonnen haben.
    Ich glaube, damit ist klar, was die einzelnen Rollen im Schulumfeld zu tun haben. Lehrpersonen sollen mit den SuS mehr interdisziplinäre Übungen machen, sie zum selbstständigen Recherchieren von Zusammenhängen anleiten und beim Storytelling und Modellieren helfen. Schuladministratoren sollen Worksshops und Kurse organisieren, in denen sie sich zusammen mit den Lehrpersonen über Methoden und Ziele systemischen Denkens schlau machen. Bildungspolitiker schliesslich sollen von den Schuladministratoren und Lehrpersonen lernen, was moderne Schulaktivität ist.

  • Frank meissner • 07.04.2021 18:24

    Zitat aus dem Artikel: „„Komplexitätsreduktion“, was nicht systemischem Denken entspricht“…
    Aha!?
    Selbstorganisation ist nur als Komplexitätsreduktion von Systemen denkbar: dem Autoren sei hier dringend geraten, sich mit den Grundlagen der Systemtheorie zu befassen: Maturana, Heinz von Foerster und insbesondere Niklas Luhmann. Vom letzteren vielleicht das Büchlein Vertrauen — ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität…

    Das ganze Systemdenken scheint mehr Eso als Theorie zu sein…

  • Stefan Voll • 10.08.2018 13:15

    Guten Tag,

    ich lese erst heute.
    Leider funktioniert der Link zum erwähnten Systemswiki (http://www.systemswiki.org/index.php?title=Main_Page) von Gene Bellinger nicht / nicht mehr.

    Können Sie mir hier helfen?

    Vielen Dank.

  • Peter Addor • 11.08.2018 14:21

    Oh, sorry! Versuchen Sie es mit mal mit

    https://kumu.io/stw/insight-maker

  • Daniel Leu • 27.02.2019 13:20

    Sehr geehrter Herr Addor, auch für diese Antwort danke ich Ihnen herzlich. Ja, Sie haben Recht: Nicht alle Menschen “müssen” Systemdenker sein. Von “aussen” habe ich den Eindruck, dass etwa sechs Jahre lang (von 2010 - 2016) Systemdenken im schweizerischen Schul-“System” bis zu einem gewissen Grad ein Thema war. Seither scheint mir Ruhe zu herrschen … (die übermächtige Digitalisierung und der “Lehrplan 21” lassen grüssen). Vielleicht führen die Klimaproteste der SuS zu einem nachhaltigen Wandel, auch bezüglich Systemdenken.

  • Daniel Leu • 27.02.2019 13:08

    Sehr geehrter Herr Addor, herzlichen Dank für Ihre rasche, offene und ehrliche Antwort. Mir scheint, dass die von Ihnen erwähnten Hürden sehr gross sind und somit nur längerfristig überwunden werden können. Diese Lage enttäuscht mich tief und ist sehr schädlich - sogar lebensbedrohlich - für uns und unsere Mitwelt. Gene Bellinger ist mir bekannt und das Buch von Ossimitz habe ich soeben bestellt - wir müssen systemisch eingreifen!

  • Daniel Leu • 27.02.2019 07:47

    Sehr geehrter Herr Addor, herzlichen Dank für Ihre sehr überzeugende Darstellung. Wie sehen Sie den heutigen Stand (Ende Februar 2019) des Lehrens und Lernens von Systemdenken in unserer Volksschule (Schweiz)? Was müsste von wem getan werden, um aus jedem unserer Schüler einen überzeugten Systemdenker zu machen?

  • Peter Addor • 27.02.2019 09:20

    Sehr geehrter Herr Leu! Nun, die Antwort auf Ihre Frage hängt natürlich davon ab, was Sie unter “Systemdenken” verstehen. Zum Systemdenken meines Verständnisses kann auf jeder Stufe mit Causal Loop Diagrams (CLD) und Systemarchetypen herangeführt werden. CLD sind so etwas wie eine Illustrationsmethode einer Geschichte. Die SuS müssten also die Geschichte einer Situation erzählen und diese dann in einem CLD festhalten.
    Das Problem dabei ist, dass die Geschichte einer Situation - z.B. Plasticmüll, Ozonloch, Verkehr, Globalisierung, Logistikkette, Familie, Spital - in kein Schulfach passt, sondern interdisziplinär ist. D.h. der heutige Stand der Bildungsinstitutionen ist mit ihrem Fächerdenken für die Vermittlung von Systemdenken nicht hinreichend organisiert und strukturiert.
    Eine weitere Hürde, die herkömmliche Schulen überwinden müssten ist, dass der einzelne Schüler oder die einzelne Schülerin die Geschichte erzählt. Wenn sie dem Verständnis des Lehrers oder der Lehrerin nicht entspricht, dann muss sie oder er lernen, nicht das Kind. Das widerspricht dem Selbstverständnis des Frontalunterrichts als Basis der heutigen Schulen. Nicht die Lehrpersonen sagen, was gelehrt werden soll und Sache ist, sondern die SuS.
    Wie CLD und Geschichten zusammenhängen, hat kürzlich Gene Bellinger in “And? It’s all connected” sehr schön dargestellt. Eine Einführung finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=lGFCxW7sy1Y.
    Wie Unterricht für kleine Schulkinder in CLD und systemischem Denken geht, hat Günther Ossimitz ganz konkret dargelegt in “Entwicklung systemischen Denkens” https://books.google.lk/books/about/Entwicklung_systemischen_Denkens.html?id=jMLyOgAACAAJ&source=kp_cover&redir_esc=y

  • Peter Addor • 10.04.2021 17:31

    Sie haben recht, mittlerweile gibt es Systemtheorien wie Sand am Meer und der Komplexitätsbegriff wird immer anderes interpretiert. Als Mathematiker komme ich von der Theorie (nicht linearer) dynamicher Systeme her, wie sie Illia Prigogine und Hermann Haken angewendet haben, um Komplexität zu erklären. Der Aufbau von Komplexität geht immer mit einer Entropieabnahme einher. Das bedeutet konkret, dass Entropie exportiert werden muss. Statt Komplexitätsreduktion wird Ordnung im Chaos gefordert. Bei Erhöhung der Komplexität kommt es im Feigenbaumdiagramm immer wieder zu Fenstern, in denen die wiederholte Periodenverdoppelung zusammenbricht und kurzfristig relative Ordnung herrscht.
    Die Evolution ist Meister darin, Entropie zu exportieren und immer höherkomplexe Systeme zu bilden. Daher entspricht die Erhöhung von Komplexität dem Trend der natürlichen Evolution.

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