Ich glaube nicht an analytische a priori Urteile

Im immer schärfer werdenden gesellschaftlichen Diskurs fällt mir die Bewertung von Wissenschaft kritsch auf. Die Diskussion um Fakten versus Fake wird immer aktueller. Zu einem Podcast aus dem Jahre 2018 der Bayrischen Akademie der Wissenschaften heisst es:

Fakten werden zunehmend ignoriert oder gezielt manipuliert. Wie kann sich die Wissenschaft glaubwürdig gegenüber „alternativen Fakten“ positionieren?

Wollen Sie wissen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben?

Wissenschaft sollte eigentlich die Wissensbasis der Gesellschaft sein. Woher die Welt kommt und wohin sie geht, wie eine Stadt am effektivsten geplant werden soll, warum die Bienen weltweit erkranken, was für den Temperaturabstieg der Troposphäre verantwortlich ist und wie eine Gesellschaft funktioniert: wir erwarten, dass uns die Wissenschaft zu all diesen Fragen wahre Antworten liefert. Wir erwarten, dass sie Wahrheiten produziert. Daher sind Populisten auch eher wissenschaftsfeindlich, weil sie befürchten, dass die Wissenschaft ihre Lügen aufdeckt. Und da Populisten leider grossen Zulauf haben, verändert sich der Stellenwert der Wissenschaft. Schon mehrmals waren bizarre Ideen und Theorien in Mode, wie z.B. in der Scholastik, als es den Menschen wichtiger war, zu wissen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können als ob die Erde um die Sonne kreist oder umgekehrt.

Heute werden (wissenschaftliche) Fakten ungeniert ignoriert und verdreht. Ich nehme eine zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit wahr. Nur wenn es einer Person in den Kram passt, verweist sie auf wissenschaftliche Erkenntnisse, aber nur, solange es genau um diesen Bereich geht, in welchem sie sich Gehör verschaffen will.

Die TU Dresden bot 2019 eine Veranstaltung zum Thema Wissenschaft zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und Skepsis an und schreibt:

Mit der sich wandelnden Gesellschaft verändert sich auch die Rolle der Wissenschaft. Äußerungen aus der Politik und Berichte in den Medien – z.B. zu Klimawandel, Migration oder Ernährung – zeugen immer öfter von Wissenschaftsskepsis und Verständigungsproblemen. So lassen sich etwa unterschiedliche Beiträge aus der Wissenschaft, insbesondere gesicherte Fakten versus Thesen, in der öffentlichen Wahrnehmung offenbar nur schwer voneinander abgrenzen.

Was mich inmitten dieser Diskussion umtreibt, ist die Überzeugung, dass es gar keine objektiv-wissenschaftliche Lehrmeinung geben kann. Das glaube ich als Mathematiker, der der Wissenschaft sehr geneigt ist. Um eine Meinung zu vertreten, muss sie gut fundiert und untersucht sein. Alles andere ist Geisterbeschwörung. Wenn also ein Politiker in einer anderthalbstündigen Podiumsdiskussion – sagen wir mal – 20 Thesen vertritt, dann müsste er vorher sehr viel Zeit investiert haben, um diese 20 Thesen zu recherchieren und verifizieren. Demgegenüber werden heute in Diskussionen analytische Argumente in voller Überzeugung und mit möglichst hasserfülltem Unterton vorgebracht – Überzeugungen, die gerade aus den Fingern gesogen worden sind. Ein analytisches Argument ist a priori wahr, braucht also nicht näher untersucht zu werden.

Geben SIe doch einfach zu, dass es sich um Ihre unmassgebliche Meinung handelt

Wenn ich sage, dass auch gut recherchierte Fakten keine objektive oder ultimative Wahrheit enthalten, dann soll das keine Wissenschaftsskepsis sein. Ich will damit einfach sagen, dass auch die wissenschaftliche Aussagen vom Standpunkt abhängen. Die Mathematik ist in der öffentlichen Meinung wohl diejenige Wissenschaft, in der es tatsächlich eine ultimative Wahrheit gibt. Aber nicht einmal das ist richtig! Die klassische Schulmathematik bedient sich laufend der Unendlichkeit. Es gibt unendlich viele Zahlen und auch unendlich keine Zahlen. Eine positive Zahl kann unendlich oft halbiert werden, ohne dass das Resultat jemals Null wird. Es gibt aber in zunehmendem Masse ernsthafte Mathematiker, die das in Frage stellen und ohne Unendlichkeiten rechnen. Dann sind aber viele sogenannten Theoreme der Schulmathematik nicht mehr gültig. Es kommt also schon in der Mathematik auf den Standpunkt an, den man einnimmt!

Das wissen die wenigsten Menschen und versuchen, sogar in sogenannten Humanwissenschaften mathematische Gewissheit zu erreichen, als dass es so etwas gäbe! So werden in Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Medizin, ja sogar in den Rechtswissenschaften mathematische Modelle erstellt oder zumindest statistische Argumente eingeführt. Eine Studie in diesen Wissenschaften muss stets eine statistische Absicherung enthalten. Das wird in den Hochschulen als wissenschaftliches Arbeiten gelehrt. Da werden statistische Tests gemacht, die sagen sollen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass die sogenannte Nullhypothese stimmt. Aber auch da gibt es eine Standpunktabhängigkeit. Es gibt z.B. parametrische und nicht-parametrische Tests und je nachdem, was für einen Test Sie anwenden, kommt Ihre Studie unter Umständen zu ganz anderen Ergebnissen.

Ich finde es gut, wenn Kaffeesatzlesen verhindert und einer Hypothese formale Überlegungen zu Grunde gelegt wird. Man darf aber einfach nicht meinen, man hätte damit die Weisheit mit (mathematischen) Löffeln gegessen.

Experten sind manchmal wie dartspielende Affen

Ein aktuelles Beispiel liefert Covid-19. Jede Person glaubt zu wissen, was richtig und wahr ist und wertet abweichende Argumente als Ideologie und Fake, die bösartig verbreitet werden. In diesem Zusammenhang warf Bruno Latour die Frage auf, ob die Gefahr heute womöglich nicht mehr von ideologischen Argumenten drohe, die als Tatsachen verkleidet seien, sondern umgekehrt: von einem „exzessiven Misstrauen“ gegenüber Tatsachen, die zu Unrecht für ideologische Argumente gehalten würden. Die Argumente von Coronaleugnern, Maskengegnern und selbsternannten Freiheitshütern zeichnen sich ja iun der Tat gerade dadurch aus, dass sie behaupten, wissenschaftliche Tatsachen seien bloss ideologische Etiketten der Class Politique, die die Gesellschaft kontrollieren wolle. Als ob das so einfach wäre! Niemand weiss, wie dazu vorzugehen wäre. Das Vorgehen in einem Vorhaben ist in jedem Zeitpunkt unbestimmt und niemand weiss, was als nächstes zu tun ist. Hingegen lädt die Geschichte der bereits getätigten Aktionen zu Narrativen ein, die die Akteure davon überzeugen, dass eigentlich alles so kommen musste, wie es kam. Nassim Taleb spricht in diesem Zusammenhang von der narrativen Verzerrung. Wer schon einmal ein Projekt gemacht hat – und das sind eigentlich die meisten Menschen – weiss, wie er zu Beginn völlig ratlos an die Sache heran ging und jedesmal, wenn er (vermeintlich) einen Fehler gemacht hat, sich ärgert, weil „es ja klar war, dass es zu diesem Fehler kommen musste“. Man sagt: „Im Nachhinein ist man immer klüger“. Diese Redewendung bringt die narrative Verzerrung auf den Punkt.

Wenn Virologen und Epidemiologen in den Medien Aussagen machen, dann handelt es sich bloss um ihre Meinung, die allerdings auf einer jahrelangen Erfahrung basiert. Aber in komplexen Situationen verliert Erfahrung immer mehr an Wert.

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman, bekannt durch seinen Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“, schreibt:

Menschen, die ihre Zeit damit verbringen und ihren Lebensunterhalt damit verdienen, sich gründlich mit einem bestimmten Sachgebiet zu beschäftigen, erstellen schlechtere Vorhersagen als Dartpfeile werfende Affen, die ihre ‚Entscheidungen’ gleichmäßig über alle Optionen verteilt hätten. Selbst auf dem Gebiet, das sie am besten kannten, waren Experten nicht deutlich besser als Nichtexperten.

Das bedeutet, dass noch immer niemand genug über Sars-CoV-2 weiss, um wissenschaftlich fundierte Aussagen mit praktischer Relevanz zu machen. Inwiefern welche Masken wie nützlich oder schädlich sind, weiss niemand. Jedenfalls kenne ich keine diesbezügliche Studien. Eine solche Studie müsste z.B. viele Tausend Menschen vor einen Apparat bringen, der stossweise Wasserdampfwölkchen ausstösst, die ein harmloses und gut nachweisbares Virus enthalten. Einige der Testpersonen haben eine Maske auf, einige nicht, mal wird dem Apparat eine Maske vorgehalten, mal nicht. Eine Stunde nachdem ein Probant dem Apparat ausgesetzt war, würde seine Schleimhäute auf das Virus getestet. Die Daten der Tausenden von Probanten wird danach statistisch ausgewertet. Wer die Ergebinisse einer solchen Untersuchung nicht kennt, kann nichts über die Wirksamkeit von Masken wissen und folgt in seinen Überlegungen möglicherweise falschen Voraussetzungen. Und sogar die Ergebnisse einer solchen Studie, wären anfechtbar. Z.B. kann man sich fragen, wie gut der Test die Praxis abbildet oder man kann kritisieren, dass er bloss die Wirksamkeit von Masken, nicht aber deren Schädlichkeit untersucht, die ja von einigen Menschen behauptet wird.

Wenn ich sage, dass sich sogar Experten in sehr komplexem Umfeld täuschen können, dann meine ich, dass die Argumente von Hinz und Kunz erst recht lächerlich und unhaltbar sind! Aber im Zeitalter von Social Media gibt es ausschliesslich Experten. Einige haben jahrzehntelange Erfahrung. Je komplexer allerdings der Untersuchungsbereich ist, desto beschränkter ist die Extrapolationsfähigkeit ihrer Erfahrungen. Andere verfügen nicht nur über keine einschlägige Erfahrung, sie haben nicht einmal minimale theoretische Kentnisse über den Untersuchungsbereich. Sie haben aber (manchmal verquere) Überzeugungen und meinen, diese seien irgendwie allgemeingültig.

Die Gefährlichkeit postmoderner Verzweiflung

Meiner Meinung nach sind Global Warming oder Atomkriege nicht die grössten Bedrohungen der Menschheit. Als ultimative Bedrohung scheint mir die Unfähigkeit, mit einem gewissen Mass an Komplexität umgehen zu können. Wenn einerseits die Komplexität über alle Grenzen zunimmt, aber andererseits die Fähigkeit, mit ihr umzugehen, stehen bleibt, muss die Entwicklung der Menscheit in einer Katastrophe enden. Das sehen viele Autoren so, wie aktuell z.B. der Schriftsteller Yuval Noah Harari in seiner populärwissenschaftliche Monographie „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Aber was ist Komplexität? Am besten umschreibt es das blöde Akronym VUCA, was Komplexität ist: Man lasse das ‚C‘ weg, das eben Komplexität bedeutet und hat eine angemessene Beschreibung des Sachverhalts: Volatilität, Ungewissheit und Mehrdeutigkeit. Statt Volatilität ist vielleicht Wechselhaftigkeit oder Unsicherheit passender. Diese Eigenschaften widerstreben dem Kontrollbedürfnis, das in den Menschen so tief verwurzelt ist. Es darf nicht sein, dass die Welt mehrdeutig, wechselhaft und ungewiss ist, so dass sie niemand be-greifen kann. Die Vergangenheit hat doch gezeigt, dass es immer Menschen gegeben hat, die wussten was sie tun und wie sie es getan haben, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Vielen Menschen scheint die Welt grundsätzlich kontrollierbar, wenn man nur genügen List und Ressourcen hat.

Aber so ist es nun mal nicht. Die Zukunft ist offen und niemand weiss, was sie bringt. Sie lässt sich nicht planen, nicht kanalisieren und nicht kontrollieren. Es ist eine Illusion, aktuelle Geschehnisse verstehen zu können. Was gerade abgeht ist so vieldeutig und so amorph, dass es schnell misinterpretiert wird. Die Entwicklung der aktuellen Situation in die zukünftige Situation (morgen, in einer Stunde oder in einer Minute) ist in jedem Fall ungewiss und unsicher. Einfach zurückzulehnen und darauf zu vertrauen, dass ich mich mit jeder Entwicklung arrangieren kann, übersteigt die Kraft der meisten Menschen. Sie kämpfen gegen einen vermeintlichen Feind, von dem sie glauben, dass er sie übervorteilen will. Dabei entstehen neue Totalitarismen, die sich als die wahre Gefahr für die Menscheit erweisen werden.

Dazu nochmals Bruno Latour:

Jede Totalisierung, auch die kritische, befördert den Totalitarismus. Die reale Herrschaft müssen wir nicht um die totale Herrschaft ergänzen. Totalisierende Argumente können kontraproduktiv wirken, weil sie das Bild eines übermächtigen Feindes zeichnen, demgegenüber die einzelnen Akteure sich als hoffnungslos unterlegen betrachten müssen. Die Totalisierung partizipiert auf Umwegen an dem, was sie abzuschaffen behauptet. Sie macht ohnmächtig angesichts des Feindes, weil sie ihn mit phantastischen Eigenschaften ausstattet.


Der Feind ist hier die Class Politique, die angeblich versucht, das Volk zu kontrollieren. Solche Überzeugungen wiederspiegeln eine enorme postmoderne Verzweiflung!

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