Lessons Learned ist tot, es leben die Learning Stories

Wie kommt es, dass Sie beim Kaffeeautomaten dem Kollegen mühelos zuhören und ihn verstehen, wenn er von seinen Projekterlebnissen erzählt, dass Sie sich aber mühsam durch die nüchterne Sprache eines Protokolls und durch abstrakte Grafiken quälen, die von genau demselben Projekt handeln? Es kommt daher, dass der Kollege Ihnen eine Geschichte erzählt, in der er der Protagonist und manchmal auch der Held ist. Wenn seine Geschichte wirklich aus dem Projektleben gegriffen und authentisch ist, dann leben Sie mit und sind gierig darauf zu vernehmen, wie die Geschichte ausging. Der Vorteil von Geschichten liegt auf der Hand, wenn es darum geht, komplexe Botschaften zu vermitteln und nachhaltige Veränderungen anzustoßen. Geschichten füllen Fakten mit Leben und beantworten die Frage nach den Gründen. Geschichten helfen uns somit, Komplexität zu verstehen, weil sie unmittelbar anschaulich sind und eine eigene Ästhetik haben. Dadurch rufen sie in uns konkrete Vorstellungen hervor und sprechen nicht nur den Verstand an, sondern auch das Gefühl.
Gestern besuchte ich in München eine Einführung in Storytelling1. Sigrid Hauser von Consulting4quality ist nicht eine Märchentante, sondern weiss, wovon sie spricht. Sie hat viel Erfahrung mit IT-Projekten und kennt sogar den Zusammenhang zwischen dem kartesischen Produkt zweier Mengen und relationalen Datenbanken, was mich als Mathematiker natürlich besonders freute. Sigrid Hauer zeigte auf, welche Kraft in Geschichten stecken und wie sie als Mittel zur Weitergabe von erfahrenem Wissen genutzt werden können. Natürlich sind die Projektgeschichten des Projektleiters und diejenige des Engineers subjektiv gefärbt. Der Projektleiter des Kunden wird auch kaum dieselbe Geschichte erzählen, wie der Projektleiter des Lieferanten. Aber gerade das macht die Methode wertvoll und griffig. Die verschiedenen Perspektiven werden integriert und ergeben damit eine ganzheitliche aber dennoch lebensnahe Sicht der Ereignisse.
Auf der Arbeit von George Roth zum Thema „Learning Histories“2 basierend, habe ich für die Aufarbeitung von Projekterfahrungen folgende sechs Schritte entworfen:

  • In Interviews lässt man alle Beteiligte des Projekts ihre ureigenste Geschichte erzählen, um so die verschiedenen Perspektiven zu erfassen.
  • Die Interviewer dokumentieren die Geschichten und stellen verschiedene Perspektiven derselben Situation zusammen.
  • Das Dokument wird unter den Teilnehmern verbreitet.
  • In einem Workshop sucht man gemeinsam nach den archetypischen Handlungsmustern, den vorgeherrschten sozialen Dilemmata und den kognitiven Denkfallen und fragt sich, wann und bei welcher Gelegenheit Schwierigkeiten zum ersten Mal ihre Schatten voraus warfen.
  • Die Teilnehmer verarbeiten die Erkenntnisse aus dem Workshop in Metaphern, Gleichnisse oder Fabeln
  • An einem Verbreitungsworkshop erzählen die Projektmitarbeiter die neuen Geschichten, die nun die verschiedenen Perspektiven und die daraus gelernten Lektionen in unterhaltender und deshalb einprägsamer Weise integrieren

Die Vorträge können im Intranet in einer unternehmensinternen Clip-Datenbank zugänglich gemacht werden, ähnlich Youtube. Mit der Zeit werden im Unternehmen eine Menge geflügelte Worte und Geschichten kursieren, die das Wissen und die Projekterfahrungen nicht nur konservieren, sondern immer wieder weitertragen und verbreiten.
1http://www.consulting4quality.de/seminare.htm
2Art Kleiner & George Roth. Field manual for a learning historian. MIT-COL and Reflection Learning Associates, Boston 1996.

2 Gedanken zu „Lessons Learned ist tot, es leben die Learning Stories“

  1. Vielen Dank für die Blumen 🙂
    Die ganze Welt, selbst die der Mathematik besteht aus Geschichten. Man muss sie nur aus dem alltäglichen Trubel herausfischen und polieren, damit ihre Botschaft zum Strahlen kommt.
    Herzliche Grüße, Sigrid Hauer

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