Werte: Der Stoff, aus dem das Leben gemacht ist

Im dritten Lebensabschnitt schaut man auf relativ viel Erfahrung zurück. Erfahrung wird im allgemeinen recht positiv be-wertet. In den letzten Jahren jedoch kratzte der Zeitgeist sehr am Wert Erfahrung, denn in komplexen Situationen nützt sie nicht viel. Wenn beispielsweise in einem IT- oder Bauprojekt ein neues unvorhergesehenes Problem auftaucht – eines, das früher noch nie aufgetaucht ist – dann nützt alle Erfahrung und Expertise nichts mehr. Die Erfahrung erfährt gerade einen Wertewandel.

Tauschwerte versus Gebrauchswerte

Verstehen Sie den Begriff Wert richtig! Ich spreche nicht von Tauschwerten. Ein Kilo Gold hat einen bestimmten Tauschwert, aber sonst nichts. Mit Gold können Sie wenig anfangen. Einige Menschen schätzen Gold als Schmuck. Aber das ist denn auch schon alles. Wie sich Tauschwerte wandeln ist einfach zu beobachten, da man sie stets in Geldeinheiten umrechnen kann. Ein Kilo Gold ist heute so um die 50’000 Franken wert. So steht’s in der Zeitung und alle richten sich danach. Tauschwerte basieren auf Konvention. 

Anders ist es mit Gebrauchswerten, die mit sittlichen Idealen oder moralische Handlungsanleitungen übereinstimmen können. Gold hat einen geringen Gebrauchswert. Erfahrung hatte bis anhin einen hohen Gebrauchswert, aber einen geringen Tauschwert. Erfahrung kann man gut gebrauchen und etwas damit anfangen. Wie viel meine Erfahrung jedoch wert ist, kann niemand sagen. Sie lässt sich nicht in Normeinheiten ausdrücken. Dann gibt es noch Zwitterwesen: z.B. ein Kunstgegenstand. Sein Wert basiert ebenfalls auf Konvention, wie bei Tauschwerten. Aber dennoch können Sie mit einem Picasso nichts anfangen. Sie können damit nicht effizienter die Schuhe binden, keine Distanzen überwinden und keine Probleme in Projekten lösen. Dennoch hat ein Kunstgegenstand einen gewissen inneren Wert.

Was ist Ihnen wirklich wichtig im Leben?

Mich interessiert, wie sich solche Gebrauchs- oder innere Werte verändern und wandeln. Das passiert meist langsam. Gebrauchswerte wandeln sich im Verlauf einiger Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Um das zu beobachten braucht man Zeit. Zeit ist auch ein Gebrauchswert. Man kann damit wenig kaufen, aber dennoch ist ihr Wert unglaublich hoch. Solche Werte sind einerseits mit Bedürfnissen und andererseits eng mit persönlichen Überzeugungen und Weltanschauungen verbunden. Zeit ist ein gutes Beispiel: wer Zeit hat, kann prinzipiell das machen, was seinen ureigensten Bedürfnissen entspricht. Vor allem gestresste Personen verbinden „Zeit haben“ mit Ausruhen und sind überzeugt, dass das erstrebenswert ist. Wem Geld wichtiger ist, als Zeit, der arbeitet bis zum Umfallen. Wem Zeit wichtiger ist, als Geld, der arbeitet nur gerade so viel, dass er genügend Zeit für sich hat. Es kommt darauf an, was für die einzelne Person wichtig ist. Die Gesamtheit dieser Einschätzungen machen das gesellschaftliche Wertesystem aus, das die ökologische, politische und wirtschaftliche Ausrichtung einer Gesellschaft bestimmt.

Ein Wert, der in der westlichen Welt seit Mitte des letzten Jahrhunderts einen Höhenflug erfährt, ist Individualität. In europäischen Gesellschaften erzählt man sich, dass Individualität erstrebenswert sei und irgend etwas mit Demokratie zu tun habe (obwohl ja „Demokratie“ eigentlich „Volksherrschaft“ bedeutet). Der Wert der Individualität beruht auf einem gemeinsamen Narrativ. Dabei kann man Individualität nicht einmal für irgend etwas gebrauchen! Ok, man kann sich damit aus den Massen hervorheben. Eine Masse von Individualisten, von denen sich jeder aus dieser Masse hervorheben will? Das erinnert mich ein wenig an den Lügenbaron von Münchhausen, der sich und sein Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen haben will. Nach Wikipedia ist

die Grundidee des Individualismus … eine Befreiungsidee. Die Befreiung des Einzelnen von zu vielen Zwängen wird als angenehm empfunden, das Kollektiv als behindernd und beengend

Individualismus

Das kann dann schon mal in den Egosimus abrutschen. Solidarität ist jedenfalls nur noch ein Dummy-Wert, eine potemkinsche Kulisse: vorne fix, hinten nix. *

Mit Selfies zur Selbstverwirklichung?

Erinnern Sie sich, wie die 68er-Bewegung einen regelrechten Individualismus-Booster zündete, als sie den Selbstverwirklichungsindividualismus proklamierte? Streben nach individueller Selbstverwirklichung, andauernde Suche nach der eigenen Identität, Bedürfnis nach Originalität, Selbstdarstellung, Abheben aus der Masse und damit verbundene Ablehnung von hierarchischen Strukturen und Autoritäten. Aus der Suche nach der eigenen Identität entwickelte sich ein Weg nach Innen, zu den eigenen Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Stimmungen, Bauch, Intuition. Der Soziologe Alexander Ulfig identifizierte diesen Weg in Zwei Seiten des modernen Individualismus über Selbsterfahrungsgruppen, Meditation, Yoga, bis hin zu Praktiken, die unter der Bezeichnung Esoterik bekannt sind.

Nach Wikipedia fokussiert Individualismus auf persönliche Ambitionen, die über gemeinsamen Zielen stehen, Autonomie, Selbstverantwortung, sowie Wettbewerbsgedanken und Kompetenzdenken. Vor allem die zwei letzten Werte sind starke Dimensionen des Individualismus und begründen das westliche Wirtschaftssystem. Zwar hat jede Zeit ihre Werte, aber es scheint, dass auch die Jüngsten am Individualismus und Neoliberalismus festhalten wollen. Auch die um die Jahrtausendwende geborenen haben die Individualismuswerte aus den 1968er Jahre in tiefen Zügen inhaliert. Sie setzen Sozialen Medien und Selfies ganz im Sinne des Selbstverwirklichungsindividualismus meisterhaft ein. 

Kollektivismus ist das Salz von Problemlösungen

Reiner Individualismus ist nicht gerade geeignet, die anstehenden grossen Weltprobleme zu lösen. Es ist schon fast eine Ironie des Schicksals, dass die 68er Bewegung zwar das Thema „Umweltverschmutzung“ in die Diskussion einbrachte und auf die zukünftigen Gefahren aufmerksam machte, aber gleichzeitig mit ihrem Selbstverwirklichungsindividualismus dem Umweltschutz den Boden entzogen. Das war wohl der Grund, weshalb das Thema gegen Ende des 20. Jahrhunderts etwas in Vergessenheit geriet, so dass die Friday for Future (FFF) Bewegung wie ein Deus ex machina den Eindruck erwecken konnte, sie hätten das Thema gerade erfunden. Wichtig ist jedoch, dass das Thema wieder aufgegriffen wird! Schade nur, fokussiert sich FFF in gut individualistischer Manier so sehr auf die CO2-Produktion, statt auf die Gesamtproblematik. Das passt zu Untersuchungen, die Wikipedia im Artikel über Individualismus beschreibt. Zeigt man Probanden ein Bild, auf dem eine Unterwasserszene mit mehreren Fischen zu sehen ist, und bittet sie, das Bild zu beschreiben, so konzentrieren sich Probanden aus westlichen Kulturen auf die Fische, während Asiaten eher stärker von der Umgebung und Gesamtdarstellung ausgehen. Ich erwarte denn auch mehr Impulse zur Rettung der Biosphäre aus Asien als aus den westlichen Länder.

Manchmal wird Kollektivismus als Gegenteil von von Individualismus verstanden. Der Kollektivismus ist ein Wertesystem, welches das Wohl des Kollektivs über die Interessen des Individuums stellt. Man denkt sogleich an Kommunismus oder gar Nationalsozialismus, was dem Kollektivismus einen negativen Touch verleiht. Der bekannte Kulturwissenschafter Geert Hofstede hat das Wertepaar Individualismus/Kollektivismus erforscht und dabei die Kritik eingefangen, dass man solche Dinge nicht quantifizieren könne. Seine Charakterisierungen verschiedener Gesellschaften gibt dennoch interessante Gedankenanstösse. China ist wohl das Paradebeispiel einer kollektivistischen Gesellschaft. Obwohl Europa gesamthaft sehr individualistisch ist, sind doch Italien, Spanien und Griechenland eher kollektivistisch. Man(n) bleibt bis zur Heirat bei Mama, über die man(n) nichts kommen lässt, geht am Sonntag zwischen 13 und 17 Uhr mit der Familie geschlossen zum Pranzo (Mama in der Mitte) und verteidigt stets die Familienehre. 

Hofstede untersuchte sechs Wertedimensionen: neben Individualismus/Kollektivismus auch Feminität/Maskulinität, Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung, Lang-/Kurzzeitorientierung und Hedonsimus. Interessant ist, wie diese zusammenhängen. Zu Individualismus gehört Unsicherheits- und Riskiobereitschaft, kleine Machtdistanz und Kurzzeitorientierung. Das sind in meinen Augen männliche Eigenschaften. Hingegen erachte ich kollektivistische Eigenschaften, wie Respekt vor Mitmenschen und Autoritäten, Langzeitorientierung, Risikoaversion und Zurückstellen eigener Interessen hinter diejenigen anderer als eher weiblich. Letztendlich sehe ich eine direkte Linie von der patriarchischen Gesellschft über Individualismus und Neoliberalismus bis hin zur rücksichtslosen Ausbeutung der Umwelt. Der österreichische Bundeskanzler, Sebastian Kurz, meinte kürzlich allerdings, kollektivistische Ideen hätten nur „Leid, Hunger und unglaubliches Elend“ gebracht.

Werte sind Moden unterworfen

Finden Sie das nicht auch etwas zu plakativ? Ich finde es lächerlich, wenn Covid-19 als Hintertüre für den Kollektivismus im grossen Stil betrachtet wird. In den westlichen Gesellschaften ist der Individualismus in allen seinen Varianten derart gefestigt, dass er nicht einfach durch Kollektivismus ersetzt werden kann. Da können (und wollen) auch einzelne Regierungen nichts daran rütteln. Individualisten, die jetzt befürchten, dass Coronamassnahmen zur Einführung der Kollektivismus missbraucht werden, können beruhigt sein. Alexander Ulfig stellt in seinem oben zitierten Aufsatz nämlich fest:

Hinter den modernen Individualismus kann nicht zurückgegangen werden. Seine Errungenschaften sind für uns so bedeutsam geworden, dass ihre Aufhebung keinesfalls wünschenswert wäre. 

Kollektivistische und individualistische Ideen treten stets nebeneinander auf und das ist gut so. Der amerikanische Traum von individueller Freiheit und Tellerwäscher-Millionären wird mittlerweile immer mehr zum Albtraum. In der didaktischen Debatte gilt Kollaboration als eine von fünf wichtigen Grundkompetenzen, die es zu fördern gilt (zusammen mit kritischem Denken, Kreativität, Kommunikation und Komplexitätsverständnis). Kollaboration steht hier für geistige Zusammenarbeit, an der alle Beteiligten schöpferisch beteiligt sind. 

Es ist klar, dass es immer ein Miteinander kollektivistischen und individualistischen Handels braucht. Die Entscheidung, welche Wertehaltung bevorzugt wird, fällt keine Instanz, kein Gremium und kein Diktator. Das Wertesystem einer Gesellschaft kommt durch Selbstorganisation zustande. Gesellschaftliche Wertesysteme bilden sich selbst aus. Es ist wie mit der Mode. Weder Lagerfeld noch Dior konnten Mode machen. Sie kreïerten interessante Kostüme, aber ich glaube nicht, dass jemals eine dieser Schöpfungen die Alltagsmode bestimmt hat. Was die Menschen im Alltag anziehen, bestimmen weder sie noch die sogenannten Modeschöpfer. Ich ziehe an, was mir bequem erscheint. Das ist eine Einstellungsfrage, die einerseits von der Befindlichkeit abhängt, aber andererseits vom Angebot in den Kleidergeschäften. Dort wird angeboten, was die Leute nachfragen. Schliesslich stellt sich eine Mode ein, die niemand und alle gemacht haben. Wenn Sie jedoch glauben, mit Plakaten und Demonstrationen den Modegeschmack der Menschen beeinflussen zu können, dann geben Sie sich einer Illusion hin. So ist es auch mit den Coronamassnahmen, der Einstellung zum Fliegen und zur Fleischnahrung und dem Gleichgewicht zwischen Individualismus und Kollektivismus.  Das sind nicht willkürliche Festsetzungen von Einzelnen, sondern kommen unwillkürlich wie eine Mode zustande. 

Wo stehen Sie zwischen Individualismus und Kollektivismus? Ist es Ihnen wirklich wichtig, etwas Besonders zu sein? Wollen Sie „auf Teufel komm raus“ originell sein? Können Sie Autoritäten vertrauen oder unterstellen sie ihnen immer gleich Eigeninteressen? Können Sie Ihre eigenen Interessen manchmal denen von Mitmenschen unterordnen? Was hat Altruismus für Sie für einen Stellenwert? Versuchen Sie doch einmal, über solche Fragen nachzudenken und sie für sich selbst zu beantworten.

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* Josef Stadelmann hat mich freundlicherweise darauf aufmerksam gemacht, dass es sehr wohl Solidarität mit Armen gibt. Ich denke aber eher an die fehlende Solidarität im Alltag, wenn z.B. meine Mitmenschen während einer Pandemie keine Maske tragen oder wenn einer den Fussgängerstreifen als Parkplatz benutzt:

5 Kommentare

  • Lieber Peter

    Wieder einmal blitzgescheite Gedankenanstösse…

    Wobei ich mich an Zeiten erinnere, als für mich als Individuum meine Erfahrung durchaus auch einen ansehnlichen Tauschwert hatte. Er schlug sich in meinem Lohn nieder…

    Aber das berührt uns als Rentner ja nicht mehr. Weshalb wir getrost weiter über Gerbauchs- und Tauschwert sowie Individualismus und Kollektivismus philosophieren können.

    Wie weit ist übrigens Popularismus vom Kollektivismus entfertn…?

    Es grüsst aus dem fönig warmen Churer Rheintal
    Peter Molinari

    • Lieber Peter, ja, in den 80er und frühen 90ern war die Welt noch einfacher und unsere Erfahrung etwas wert. In Zeiten erhöhter Komplexität haben Issues grosse Erstmaligkeits- und Einmaligkeitsanteile, so dass Erfahrung immer weniger wert ist.

      Populismus trift man sowohl in kollektivistischen wie auch in individualistischen Gesellschaften an. Die Grundannahmen des Populismus tragen denn auch sowohl kollektivistische als auch individualistische Züge. Z.B. „Wir sind die Guten und die da oben die Schlechten“ ist eher individualistisch. „Wir sind das Volk!“ ist klar kollektivistisch. Allerdings glaubt das ja wohl niemand so ganz richtig. Auch Populisten wissen, dass es im Volk auch Vertreter von anderen Meinungen gibt.

      Nun, solche Gedanken publiziere ich ja auf meinem Blog seit 2008, nicht erst, seit ich Rentner bin.

      Ganz liebe Grüsse in’s Rheintal,
      Peter & Barbara

  • Solidarität ist jedenfalls nur noch ein Dummy-Wert, eine potemkinsche Kulisse: vorne fix, hinten nix.

    Für mich stimmt das hinten und vorne nicht lieber Peter. Und ich weiss nun wirklich nicht mehr wie ich es nennen soll. Was ist es wenn Du einem Armen einen Dolar gibst. Was ist es wenn Du für die Armen eine Supe kochen lässt und 6 Kessel gerade genügen weil die Kolone 300 Meter lang und 3 Spuren breit ist? Ist das Solidarität mit den Armen Hungrigen. Ist das dann ein Dummy-Wert für die Armen, und da vor allem für die hungriugen Kinder.

    Die Augen haben jedenfalls geleuchte und wir haben viele positive Kommmentare erfahren dürfen. Polizei hat mitgegessen. Politiker Bürgermeister haben sich keine gezeigt.

    Liebe Grüsse, Sepp

    • Oh ja, lieber Sepp, da hast Du völlig recht! Vielen Dank, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Solidarität mit den Armen funktioniert überall gut. Darüber habe ich früher schon gebloggt.

      Ich dachte mehr an die Solidarität in der mittelständischen Gesellschaftsschicht. Eine Gesichtsmaske schützt ja nicht in erster Linie den Träger, sondern die anderen. Wenn ich eine Maske trage, dann um Dich und die anderen Mitmenschen zu schützen. Wenn die dann ohne Maske auftreten, dann fehlt es hier einfach an Solidarität. Oder ich trage einen ausrangierten Kochherd oder Kühlschrank meilenweit zur Entsorgungsstelle, während andere ihn einfach im nächsten Wald ein Bord hinuterkippen. Ich meinte solche Solidarität, die nicht vorhanden ist.

      Dein Engagement ist grossartig. Mach weiter so!

      Herzliche Grüsse,
      Peter

    • Lieber Sepp,

      ich habe im Artikel eine Fussnote eingepflegt, in der ich auf Deinen Beitrag aufmerksam mache und ein Beispiel von Nicht-Solidarität im Alltag, wie ich sie meine, gebe. Heute morgen im Dorf gesehen. SChau das Bild am Ende meines Artikels.

      Schöne Festtage!
      Pass auf Dich auf!
      Peter

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