Nachdem ich meinen Blog auf Steemit verlagert und dort einige Artikel über systemische Modellierung publiziert habe, liess ich das Bloggen ein paar Monate ruhen. Nun möchte ich das Schreiben wieder aufnehmen, allerdings nicht mehr über Komplexität in Wirtschaft und Gesellschaft, sondern über meinen Alltag. Es soll also so etwas, wie ein Tagebuch werden, in dem aber durchaus Themen wie Komplexität, Technologie, Gesellschaften, Fotografie, etc. nach wie vor Platz haben werden.
Bedingungsloses Grundeinkommen
Es ist jetzt fast auf den Tag genau schon zwei Jahre her, dass ich keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen muss und ein bedingungsloses Grundeinkommen – sprich: Rente – erhalte. Zwar weist man mich darauf hin, dass eine Rente nicht bedingungslos sei, denn ich hätte ja vorher jahrzehntelang einzahlen müssen. Gewiss, jedes Grundeinkommen muss irgendwie finanziert werden. Der Zusatz „bedingungslos“ adressiert denn auch nicht den Ursprung der Rente, sondern die Tatsache, dass ich niemandem Rechenschaft darüber ablegen muss, was ich treibe. Ich brauche keine Leistung nachzuweisen, sondern erhalte das Geld völlig bedingungslos.
Italien, wir kommen!
Im Juni 2016 lösten wir unsere Wohnung in der Schweiz auf. Ich musste mich schweren Herzens von meinen fast 2000 geliebten Büchern trennen. Den Rest, vor allem Möbel, verstauten wir in einem gemieteten Lagerraum. Am 10. Juli 2016 fuhren wir dann Richtung Süden. In Bern machten wir den ersten Zwischenhalt, um am Mattenfest teilzunehmen, an dem sich über 6000 Menschen vergnügten und das meine Tochter Fabienne organisiert hatte. Anderntags ging’s dann weiter in’s ligurische Diano Marina, wo wir inmitten von Oliven ein kleines Häusschen haben. Die ligurischen Tacciasca-Oliven sind weltbekannt. Das hiesige Olivenöl erhalte ich sogar im Foodcity in Sri Lanka.

Ein Haus gibt immer viel zu tun. Ich könnte von früh bis spät irgend etwas bauen, basteln, reparieren, gärtnern, etc. Aber es gibt ja noch viel anderes zu tun! Insbesondere freute ich mich darauf, allen den Fragen nachgehen zu können, die sich mir in den 35 Jahren meiner Berufsausübung gestellt haben, aber die ich nie beantworten konnte, weil ja der Kunde rief. Das fing schon im Studium an. Da gab es viele Dinge, die ich nur der Spur nach verstand. Jetzt könnte ich dann diese Verständnislücken auffüllen, so stellte ich es mir vor. Jedenfalls brauchte ich nicht zu fürchten, dass es mir langweilig werden wird. Und falls doch: ich müsste ja gelegentlich noch Italienisch lernen. Was für eine Horrorvorstellung! Ich quälte mich schon immer mit Sprachen ab. Eine der oben erwähnten Fragen, die zu beantworten ich nie Zeit gefunden habe, ist: wie schafft man es, die Bedeutung von ein paar Tausend fremdsprachiger Wörter auswendig zu lernen? Ich benötige für jedes Wort eine Eselsbrücke. Um Italienisch von Grund auf zu lernen, muss ich jetzt also ein paar Tausend Eselsbrücken bauen. Schon nur die Vorstellung macht mich unsäglich müde!

Italien ist das Asien Europas
Zunächst ist Italien eine kollektivistische Gesellschaft, wie die asiatischen, auch wenn es Hofstede nicht wahrhaben will. Er sollte mal an einem Sonntag Mittag in ein typisch italienisches Restaurant gehen! Da kommen so ab 13 Uhr ganze Familiensippen mit Onkeln und Tanten und bleiben bis fast um 18 Uhr beim „Mittagessen“ sitzen. Kollektivismus bedeutet Soziales Kapital und spart Soziale Kosten, wie Robert Putnam am Beispiel der norditalienischen Gesellschaft gezeigt hat. Aber Kollektivismus fördert auch mauscheln, also das nicht ganz transparente Aushandeln von Vorteilen und begünstigende Vereinbarungen treffen. Hier in Italien läuft vieles ähnlich ab wie in Asien. Für uns ist es immer unterhaltend, diese Parallelen zu beobachten.
Oggi no!
Mit einem Haus hat man viel mit Handwerkern und Dienstleistern zu tun. Viele nehmen das Honorar gleich in bar. Häufig machen sie die Arbeit ausgezeichnet, bis kurz vor der Vollendung. Die letzten paar Prozent lassen sie dann einfach liegen. Z.B. kann es sein, dass Sie ein Haus bauen und am Schluss stolz die Schlüssel entgegennehmen. Alles ist perfetto, aber die Abdeckhauben der Steckdosen fehlen. Da können Sie dann bitten, betteln, lachen oder verhandeln, Sie bringen keinen Handwerker mehr dazu, diesen letzten kleinen Rest zu vollenden. Oder es greift die „oggi no“ Mentalität: Ein Handwerker versichert Ihnen, noch heute vorbei zu kommen und sich die Sache anzuschauen. Natürlich kommt er erst morgen und lässt sich dann wochenlang nicht mehr sehen. Wenn Sie ihn anrufen, dann sagt er Ihnen, dass er sich gar nicht mehr so genau erinnere und daher vorbei kommen werde, um sich die Sache anzusehen. Wenn er dann da ist, erinnert er sich wieder, versichert Ihnen, in den nächsten Tagen zu kommen und ist nach paar Minuten wieder weg. Das kann dann gut und gerne drei- oder viermal so gehen.
Kundenorientierung
Hier in Italien, wie auch im asiatischen Raum, nicht gross geschrieben. Z.B. gibt es hier im Dorf einen Fotografen, der auch mit Drohnen handelt. Zumindest hat er etwa 10 verschiedene Modelle ausgestellt. Ich wollte schon lange eine Drohne kaufen und hätte gerne diesen lokalen Händler berücksichtigt. Aber erstens ist er ganz selten im Geschäft und seine Frau, die den Laden hütet, ist nicht in der Lage, auch nur eine Preisauskunft zu erteilen. Sie bietet auch nicht an, ihren Mann danach zu fragen und die Auskunft am nächsten Tag bereitzuhalten. Als ich den Mann im Laden einmal antraf und nach dem Preis für ein DJI-Modell fragte, öffnete er umständlich die DJI-Webpage und nannte mir die „unverbindliche Preisempfehlung“ des Herstellers.
Ein andermal wollten wir in einer Apotheke 500 Gramm Zitronensäure kaufen. Der Apotheker sagte, er hätte bloss 150 Gramm Portionen. Also verlangten wir 3 Packungen. Er verschwand hinter den Regalen und kam nach einer gefühlten Viertelstunde mit drei offenen Papiertütchen hervor, die er zuvor aus einem grossen Behälter abgefüllt hat. Die drei Tütchen verklebte er dann gemächlich und umständlich mit gewöhnlichem Klebband. Dafür brauchte er bestimmt noch einmal paar Minuten, zwei oder gar drei pro Tütchen bestimmt. Natürlich lässt sich Zitronensäure im maritimen Klima nicht in Papiertüten lagern, zumal die Substanz hygroskopisch ist. Also füllten wir sie wieder in ein festes und gut verschliessbares Behältnis.

Nur mit der Ruhe!
Das Gemächliche zieht sich durch alle Geschäftsbereiche. Gehen Sie einmal auf die Post und geben einen eingeschriebenen Brief auf. Wenn Sie z.B. „registrata“ auf dem Umschlag schreiben, fragt er, was das sei. Sie erklären es und fragen, wie das korrekte Wort laute. Er bestätigt, dass es „registrata“ heisse und sucht umständlich nach einem Block mit Etiketten. Darauf schreibt er ganz gemütlich die Empfänger- und Absenderadressen, derweil er mit der Schalterkollegin von nebenan wichtige Dinge bespricht. Zumindest muss ich das aus seiner Mimik schliessen.
Bürokratie, eine italienische Erfindung?
Interessant ist auch das Gesundheitswesen. Kürzlich war ich in einer blitzblanken top modernen Dantalklinik mit einem jungen Team an Zahnärzten. Ich wollte eine ausgewaschene Füllung reparieren lassen. Dasselbe machte ich letztes Jahr in Singapore, wo es in einer Shopping Mall eine Zahnarztpraxis gab. Das ganze dauerte eine Viertelstunde, inklusive Administration. Hier in Italien ging das so: zunächst müsse ich einen Termin haben, damit ein Zahnarzt das Problem begutachte und einen Kostenvoranschlag machen könne. Dann erhalte ich einen neuen Termin, an dem das Loch wieder aufgefüllt werden kann. Ich erklärte, das sei eine so kleine Sache, dass bestimmt beides gleichzeitig gehe. Das hat die gesamte Praxis zunächst einmal leicht erschüttert. Plötzlich konnte ich gleich zu einem Zahnarzt gehen, der sich die Sache anschaute und mich gleich zu Giuseppe begleitete. Giuseppe ist der Direttore der Praxis und füllte ein paar Papiere aus, unterbrochen von einem ca. 10 minütigen Telefon. Schliesslich musste ich zwei Unterschriften leisten und 110 Euro bezahlen. Dann konnte ich wieder zum Zahnarzt gehen, der das Loch begutachtet hat. Ich konnte mich wieder hinlegen und er legte mir, wie üblich, eine Papierserviette auf die Brust. In dieser Stellung liess er mich noch einmal ein Papier unterschreiben. Erst dann machte er sich an die Arbeit. Dabei füllte er nicht nur die herausgefallene Füllung nach, sondern nahm noch gleich ein paar kosmetische Änderungen am Zahn vor. Als er fertig war, musste ich beim Empfang nochmals etwas unterschreiben und zwei Euro Stempelgebühren bezahlen. Allerdings konnten sie mir meinen 10 Euroschein nicht wechseln. Also musste ich nebenan in ein Café gehen und einen Cappuccino trinken, um aus dem Geldschein Kleingeld zu machen.

Bella Italia
Aber Italien ist nach wie vor „Bella Italia“ mit blauem Meer, rustikalen Dörfern und leckerem Essen. Viele Lokale im Hinterland sind – auch typisch italienisch – schrecklich kitschig eingerichtet, mit blanken Neonröhren an der Diele und unvorteilhafter Tischordnung. Aber das Essen kann dennoch kulinarische Höhepunkte erreichen. Oftmals werden Sie beim Betreten des Lokals bloss mit einem knappen „rosso o bianco?“ begrüsst. Damit werden Sie nicht gefragt, ob Sie Katchup oder Mayo wollen, sondern ob sie Rot- oder Weisswein bevorzugen. Alles andere können Sie nicht beeinflussen. Manchmal kommen 10 oder 20 Gänge mit kleinen leckeren Antipasti, wie z.B. eingebackene gefüllte Zucchiniblüten.

Eines war uns in diesem Sommer 2016 aber klargeworden: wir wollten auf keinen Fall wieder Winter in Europa erleben. Für alte Knochen ist die schreckliche Kälte, die gewöhnlich im winterlichen Europa herrscht, Gift!

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