Was ist los in Italien?

Es ist schon über ein halbes Jahr her, seit ich über Italien berichtete. Inzwischen waren wir in Sri Lanka, atmen jetzt aber wieder reine italienische Luft. Diano Marina ist erneut Teil unseres Alltags geworden.

Morgenrituale

Es ist heiss, feucht und regenfrei, halbwegs optimal für mein Solarkraftwerk. Abends richte ich das 200 Watt Solarpanel gegen Osten aus, so dass es bereits die ersten Sonnenstrahlen verarbeiten kann, während ich noch im Bett liege. Dank der Tatsache, dass hier in der Nacht kaum mit Regen zu rechnen ist, kann ich das Panel draussen lassen. EcoFlow ist offenbar nicht in der Lage, ein wasserdichtes Panel zu bauen. Bei regnerischem Wetter muss ich das 10Kg-Panel abends rein nehmen und frühmorgens wieder auf’s Dach stellen. Während des Tages muss ich zudem das Panel immer wieder der Sonne nachführen. Ein fest verlegtes 20 Meter langes Doppelkabel mit MC4-Steckern führt den Solarstrom in die Bluetti-Batterie, die eine Kapazität von (lediglich) 780 Watt hat. In unserer Aussenküche betreibt die LiFePO4-Batterie unseren neuen Kühlschrank, der einen Sollbedarf von 380 Watt pro Tag hat; sollte eigentlich locker reichen, könnte man meinen. Die Erfahrung zeigt aber, dass die volle Batterie in der Nacht gerade so über die Runde kommt. Wenn die Sonne wegen der hohen Luftfeuchtigkeit morgens verhüllt ist, dann kann’s schon mal zur Zitterpartie werden. Aber so ein Kühlschrank kann ja gut ein paar Stunden ohne Strom auskommen, wenn die Türe nicht geöffnet wird. Und wenn alle Stricke reissen, können wir ihn ganz einfach an’s Netz umstecken. Kein Problem!

Im Café Cap Landen nach dem Schwimmen

Wenn frühmorgens die Sonne scheint, macht es die Anlage von alleine und wir können an’s Meer hinunter gehen und unsere paar hundert Meter schwimmen. Anschliessend geniessen wir im Café Cap Landen einen crèmigen Cappuccino und schauen dem Salvataggio zu, wie er die Rettungsutensilien bereit macht. Englisch heisst er „Live Guard“, deutsch „Bademeister“ und französisch „Maître Nageur“. Bei den Angelsachsen und den Italienern geht es gleich um Leben und Tod, während im Deutschen und Französischen locker gebadet und geschwommen wird. Die Franzosen liefern mit dem Accent Circonflexe praktischerweise auch gleich den Sonnenschirm mit.

Ausblick vom Café Cap Landen. Unten rechts der Salvataggio.

Remmidemmi und Tamtam

Manchmal dröhnt uns der Ramba-Zamba der Nacht noch etwas in den Ohren nach. Jetzt, in der Hochsaison, müssen die (vor allem italienischen) Touristen bei Laune gehalten werden. Der sonst informative und empfehlenswerte Ligurienblog bezeichnet Diano Marina denn auch als die Stadt des billigen Massentourismus, die getrost gemieden werden könne. Während des Tages sind Animateure an den Stränden zugegen und ermutigen die Badegäste über Lautsprecher unüberhörbar zur Wassergymnastik. Abends dröhnt das Bumm-bumm-bumm der Bässe schon ab 19 Uhr zu uns hoch und wir müssen versuchen, zu den Klängen von Raffaella Carrà, Gianna Nannini, Adriano Celentano oder sogar den Village People einzuschlafen, was aber eigentlich kein Problem ist. Da stören mich die Autos, die vor unserer Haustüre wegen einer etwas unübersichtlichen Kurve auch dann hupen, wenn wir gerade Siesta machen oder die Militärflugzeuge, die so alle 2-3 Wochen aus lauter Übermut die Schallmauer durchbrechen, schon bedeutend mehr. 

In den Sommermonaten hat es im Dorf an allen Ecken und Enden Musikbands, aber auch DJ mit riesigen Lautsprechern

Das sind so die Sorgen und Gedanken, mit denen wir uns im Alltag herumschlagen. Von der neuen Regierung unter Giorgia Meloni, die seit gut 9 Monaten im Amt ist, spüren wir nichts oder zumindest so wenig, wie Frau Meloni in irgend einer Sache von sich reden macht, von paar Nebengeräuschen mal abgesehen. Uns scheint, dass die politische Situation – vor allem in Rom – derart kompliziert und angespannt ist, dass sich keiner zu bewegen wagt, weil er befürchtet, sich sonst gleich einen Nachteil einzuhandeln. Das ist ja eigentlich auch gut so. Es gibt den Mächtigen nur wenig Spielraum. Beispielsweise ist vom kürzlich verblichenen Sivio Berlusconi nur die Aufforderung geblieben, dass die Bürger Italiens halt mehr schwarz arbeiten sollen, sicher sehr zur Freude der Steuerbehörden. Aber in der Tat werden hier Dienstleistungen meist gleich bar bezahlt, ohne Quittung. So muss sich der italienische Staat immer wieder neue direkte Steuern einfallen lassen.

Steuern oder Bussen?

Manche Regionen und Gemeinden nehmen immer wieder einen Anlauf, ihre Kassen mit Bussen zu füllen. Dazu erlassen sie Gesetze, die kaum eingehalten werden oder werden können. Ein im Moment zwar nicht sehr aktuelles, aber dennoch unterhaltsames Gesetz teilt Italien in Heizzonen auf. Jede Heizzone hat ihre Periode, in der geheizt werden darf. Z.B. befindet sich unser Haus in der Heizzone, in der es verboten ist, zwischen dem 15. April und dem 22. Oktober zu heizen, ungeachtet dessen, was für eine Heizung wir haben. Etwas aktueller sind neue Touristengesetze, die kürzlich viel zu reden gaben. Zum Beispiel soll es neuerdings verboten sein, Sandburgen zu bauen, Löcher in den Sandstrand zu buddeln oder auch nur mit einem Ball zu spielen. Essen, Trinken und Rauchen am Strand soll auch verboten worden sein. Zuwiderhandlungen werden mit Bussen zwischen 250 und 1000 Euro (nicht Lire!) geahndet. Andernorts sind Badetücher verboten, weil an ihnen zu viel Sand haften bleibt und die Strände dadurch angeblich viel Sand verloren haben. Generell ist jede Art von Veränderung der Sandstrände oder die Mitnahme von Sand, Muscheln und Steinen von Italiens Stränden streng untersagt. Bussen: zwischen 500 und 3000 Euro!

Die Sand Free Beach Mat von Ponsey, bei Amazon für 11.99 Euro. So stellen sich wohl die italienischen Behörden die Zukunft ihre Strände vor. Aber Getränke sind vielerorts auch verboten.

Vielleicht braucht es die strengen Regeln, um die Strände auch wirklich sauber zu halten. Gerade Touristen vergessen gerne die Sauberkeit und lassen ihre Zigarettenstummel einfach im Sand liegen. Aber nicht nur am Strand muss man sich vor Bussen vorsehen. Neuerdings ist es auch verboten, sich bloss auf die Stufen eines historischen Monuments zu setzen, vor Neapel mit einer Superyacht aufzukreuzen, die länger als 75 Meter ist oder sich im Auto zu küssen. Lässigkeit am Steuer wird in Italien grundsätzlich nicht (mehr) gerne gesehen, aber nach wie vor gerne gemacht. Wir fragen uns jedoch, wie streng solche „Vergehen“ überhaupt geahndet werden können. Z.B. haben wir schon Polizisten gesehen, die vor einem offensichtlich sehr falsch geparkten PW standen, aber so getan haben, als hätten sie den Falschparker nicht gesehen. Sie wandten ihm den Rücken zu und unterhielten sich mit einem bekannten Passanten angeregt freundlich.

Qualitätslabel

Dennoch lockt Italien mit traumhaften Stränden und weltberühmter Kulinarik auch 2023 wieder Millionen von Alpennordländern an. Doch nicht jeder Strand kann kritische Touristen überzeugen. Italienferien sind mittlerweile teuer. Ein Sonnenschirm mit zwei Liegestühlen kostet hier pro Tag bis zu 40 Euro. Da möchte man doch sicher sein, dass der Strand auch hält, was er verspricht. In dieser Hinsicht orientiere man sich an der Bandiera Blue. Mit dieser werden jährlich die schönsten und saubersten Strände ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird von den italienischen Tourismus- und Landwirtschaftsministerien in Kooperation mit der dänischen (!) Foundation for Environmental Education und deren Ableger in Italien vergeben. Es handelt sich um ein Umweltzeichen des nachhaltigen Tourismus und wurde in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Tourismus-Auszeichnungen für die Küstenstädte. Die strengen Bewertungskriterien betreffen u.a. Umweltmanagement, Dienstleistungsgüte, Sicherheit, Wasserqualität oder Abfallmanagement. Aktuell sind etwa ein Viertel aller Strände Italiens mit der Bandiera Blue ausgezeichnet. Die meisten Blauen Flaggen kann Ligurien vorweisen, nämlich 34. Dahinter folgt Apulien mit 22. Neu dabei ist das pittoreske Städtchen Gallipoli, das wir im Dezember besuchten, ohne allerdings an dessen Stränden schwimmen gegangen zu sein.

Diano Marina – Comune Bandiera Blue. So wird das bei der Einfahrt in den Ort angezeigt.

Schatten

Soweit ist das Leben in Italien immer noch schön. Die viel zitierten Hitzewellen gehen mir am verlängerten Rücken vorbei. Im Sommer ist es hier eben heiss und das finde ich gut so. Die wirklichen Schatten, die gewisse Ereignisse und Tatsachen werfen, blendet man jedoch geflissentlich aus, z.B. die gefährliche Aktivität der Flegräischen Felder, die bestenfalls – sollten sie ausbrechen – ein paar zig Tausend Todesopfer zur Folge hätte. Der grösste und gefährlichste Vulkan Europas zeigt schon seit den 80er-Jahren erhöhte Aktivität, die jedoch progressiv zugenommen hat. In den letzten Monaten ist es für die Menschen um Pozzuoli nicht mehr gemütlich. Ihre Stadt ist um vier Meter angehoben worden, als würde sie auf einem heissen Hefegebäck sitzen. 

Oder die Tragödien der Flüchtlinge, die in abenteuerlichen Bötchen die italienischen Küsten ansteuern, diese aber nicht immer erreichen. Während alle Welt um das Leben der fünf Passagiere des Tauchbootes „Titan“ bangten, ertranken einmal mehr 200 Flüchtlinge vor Italiens Küsten, ohne dieselbe Anteilnahme zu erhalten wie die fünf Abenteurer, die zu der 1912 gesunkenen Titanic unterwegs waren. 

Ebenfalls betroffen gemacht haben uns die Überschwemmungen in der Emilia-Romagn um Bologna im letzten Mai. Wir waren erst vor knapp einem Jahr dort und haben uns in das Gebiet um Parma, Modena und Bologna gleich verliebt (es gibt dort sogar gesalzene Gipfeli, wie wir es von der Schweiz her kennen). Die Orte sind so lieblich und die Einwohner so freundlich und arbeitsam, dass es uns sehr leid tat, zu sehen, wie die Gegend in Mitleidenschaft gezogen wurde. 



2 Antworten zu „Was ist los in Italien?“

  1. Hallo lieber Peter, es war mal wieder schön zu lesen.
    Nur die Meloni – ist nicht ganz ohne. Per Gesetz verbietet sie z.B., dass man noch Fremdwörter benutzt. (hohe Geldstrafe). Wue Du so schön geschildert hast, wie soll man dad verfolgen?
    Nach Berlusconis Tod will sie übrigens jetzt die öffentlichen Fernsehsender kontrollieren (so stand es bei uns in der Zeitung)
    Und und und …
    Herzliche Grüße an Euch beide

    1. Vielen Dank, liebe Pia! Ja, genau das meinte ich mit „Nebengeräusche“. Das Gesetz bezgl. Fremwörter ist ja nicht gerade etwas ministerial Weltpolitisches. Bisher hat Meloni bloss solche Lapalien fertig gebracht. Ds nimmt niemand ernst, schon nur deshalb, weil es gar nicht durchsetzbar ist und weil es wichtigeres gibt.
      Die Messina-Brücke ist auch noch nicht im Bau und wird vermutlich niemals gebaut werden. Und was die Fernsehsender anbelang, hat sie bisher bloss Willensäusserungen bekundet. Natürlich wird sie niemals alle TV-Sender staatlich kontrollieren! Und nochmals: auch das ist ein Nebengeräusch. Es gibt ja heutzutage viel wichtigere Dinge zu entscheiden. Aber darüber hat sie sich bisher ausgeschwiegen.
      Herzliche Grüsse aus Diano!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.