Leben Sie noch in diesem Universum oder bereits im Fediversum?

Die Early Adaptors von Facebook, Twitter und Instagram beginnen, Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Es wird in Europa gerade Mode, die Accounts bei den grossen Social Media Kanälen zu schliessen, während sie in Asien noch kräftig zulegen. Die Dynamik fragmentiert die Benutzer. Mittlerweile genügt es nicht, wenn ich meine Erlebnisse zeitnah auf Facebook publiziere. Nein, ich muss sie mittlerweile auch als Whatsapp- und Treema-Status, Mails, SMS oder gar e-Postkarten verschicken, um mit allen in Kontakt zu bleiben. 

Zwar wird das Bekenntnis immer lauter, dass man Freunde lieber wieder von Angesicht zu Angesicht sehen will, aber wie soll das gehen, wenn man hunderte von Kilometer auseinander lebt? Ich bin und war in viele Communities eingebunden und interessiert daran, zu vernehmen, wie es den einzelnen Personen geht. Einige sind in Zürich, andere in Berlin, wieder andere in San Franzisko, Alaska oder Sri Lanka. Ich kann sie beim besten Willen nicht laufend treffen. Doch mit den heutigen Mitteln – so meint man – ist es leicht, den Kontakt mit den meisten aufrecht zu erhalten. 

Open Social Media

Wenn jetzt also eine Massenabwanderung von den klassischen Social Media stattfinden, so ist eine Alternative gefragt. Und diese gibt es ja zu Glück!

Zum einen gibt es Social Media auf der Blockchain. Da kann man sogar pro Beitrag, Foto, Like oder Kommentar etwas verdienen! Zum anderen gibt es Open Source Social Media! Ist das nicht grossartig?

Bereits seit 1985 gibt es die Free Software Foundation, die Freie Software fördert. Der Umsatz der Stiftung beläuft sich immerhin auf über 1.3 Millionen Dollars. Und der volkswirtschaftliche Nutzen dürfte in die Milliarden gehen. Es gibt fast für alles freie Software: Betriebssysteme, Buchhaltungsprogramme, Foto- und Videobearbeitungsprogramme, Transportoptimierungssysteme und eben Social Media. Freie Software, meist mit „GNU“ bezeichnet, ist nicht einfach gratis, sondern quelloffen, d.h. jede Person und jede Organisation kann darauf zugreifen und die Software nutzen. Sie kann sie adaptieren, umschreiben, in einen neuen Kontext stellen und – verkaufen. Ein grosser Geschäftszweig ist die Beratung. Computerprogramme sind ja oft sehr kompliziert und ihre Bedienung ist nicht ganz ohne. Sie können also mit Ausbildung, Beratung und Schulung gutes Geld machen.

Aber immer gilt: das Produkt gehört nicht einem „bösen“ Kornzern, der einem aushorchen und unterwerfen will, sondern das Produkt ist Allgemeingut. Es ist ein zutiefst demokratisches und föderalistisches Konzept.  Social Media, die unter „GNU Social“ gehandelt werden, nahmen ihren Anfang 2008. Aber erst 2016 wurde das Twitter-Pendant Mastodon bekannt. Wer auf der Digitalisierungswelle reitete und sich für Social Media interessierte, hat damals einen Mastodon-Account eröffnet und – seither kaum mehr genährt.

Mittlerweile kamen verschiedene andere Dienste dazu. Vor allem seit 2018 ist das Fediverse, wie das Universum der freien Social Media genannt wird, im Aufschwung begriffen, gerade rechtzeitig zu der Massenabwanderung bei Facebook.

Neben der Twitter-Alternative Mastodon gibt es die Instagram-Alternative Pixelfed und die Facebook-Alternative Friendica. Allen ist gemeinsam, dass sie nicht zentral laufen, sondern föderalistisch. Wenn Sie versuchen, ein Konto bei einem dieser Dienste zu eröffnen, müssen Sie sich als erstes entscheiden, wo Sie Ihr Konto haben wollen.

Friendica, das neue Facebook

Ich beschreibe hier stellvertretend für alle Dienste, wie das bei der Facebook-Alternative Friendica geht. Zunächst navigieren Sie auf die Website friendi.ca und klicken auf den Link „Try it“. Und schon werden Sie aufgefordert, einen Blick auf die Liste der öffentlichen Servers zu werfen. Was soll das? Sie möchten doch bloss ein Konto eröffnen und dann gleich loslegen.

Wie gesagt, ist das Friendica-Netzwerk äussert föderalistisch. Am besten wäre, Sie würden die freie Software runterladen, auf Ihrem Computer installieren und ihn der Allgemeinheit öffnen. Es würden sich dann andere Benutzer auf Ihrem Computer ein Konto eröffnen, wodurch eine Gemeinschaft entsteht, die sich unter Ihrer Schirmherrschaft austauscht. Aber jeder dieser Benutzer könnte sich auch mit Benutzerinnen auf dem Computer Ihres Nachbars austauschen, der die Software ebenfalls auf seinem Rechner installiert hat.

Alle diese öffentlichen Server oder Hosts sind also eigenständig und unabhängig. Aber alle sind untereinander verbunden und die Türen zwischen all den Servers sind stets offen. Sie „wohnen“ zwar auf einem der Hosts, können sich aber ansonsten auf allen anderen frei bewegen. Es ist so eine Art Ferienresort auf einer Südseeinsel: Sie müssen sich einfach entscheiden, in welchem Hotel Sie schlafen und am Schluss Ihre Rechnungen bezahlen wollen. Ansonsten können Sie sich auf der ganzen Insel frei bewegen, in irgend einem Hotel essen, in einem anderen den Abend verbrigen und im dritten einen Tauchkurs buchen.

Klicken Sie also auf den Button „Have a look at the list of public servers“ und lernen Sie, dass es 206 solche Hosts (= Hotels auf der Südseeinsel „Friendica“) gibt. Es sind dies 103 englischsprachige, 47 deutschsprachige, 8 französischsprachige und noch paar einzelne in anderen Sprachen. Wenn Sie jetzt denken: „Ah perfekt! Dann nehme ich einen deutschsprachigen!“, dann ist das schon mal an der Logik vorbei. Alle sind ja mit allen verbunden! Sie werden ja vielleicht einmal auch englischsprachige Freunde haben, die dann in Ihrer Timeline – auf Friendica heisst das „Status“ –  Englisch schreiben. Auf einem deutschsprachigen Host können Sie viele fremdsprachige Beitrage sehen. Aber anyway: ich entschied mich mit „freinetz.ch – friendica“ nicht nur für einen deutschsprachigen Host, sondern gleich noch für einen schweizerischen. Bei freinetz.ch steht: 

freinetz.ch will einen Teil an das Fediverse beitragen und entsprchende Plattformen zur Verfügung stellen.

Zum Beispiel herzbu.de, ein anderer deutschsprachiger Host, stellt sich so vor:

herzbu.de will einen Einstiegspunkt in nichtkommerzielle soziale Netzwerke bieten, herzlich willkommen. Einschreibungen müssen gegengezeichnet werden, sind aber frei. Und irgendwie klingt’s nach dem stillen Örtchen des WWW — hoffentlich mit dummen Sprüchen an der Wand

Egal, für welchen Host Sie sich entscheiden, Sie klicken auf „Visit Server“ und dann auf „Registrieren“. Dann werden Sie nach einer OpenID gefragt, was Sie aber getrost ignorieren können. Lassen Sie das Feld leer und füllen Sie einfach aus, was Sie wissen, z.B. Ihren Namen, Mailadresse, etc. Nachdem Sie das Formular abgeschickt haben, erhalten Sie ein nettes E-Mail, in welchem drinsteht, wie Sie sich anmelden können. Und schon kann’s losgehen!

Ja, da stehen Sie zunächst etwas ratlos auf der grünen Wiese herum und wissen nicht, wie anfangen. Oben rechts steht Ihr Name und Ihr Profilbild, daneben ein kleines Dreieck, mit dem Sie verschiedene Funktionen runterziehen können. Das Profilbild ist vermutlich eine Katze oder sonst ein generisches Symbol. Ich schlage vor, Sie gehen zunächst mal auf „Profil“, laden ein eigenes Profilbild von Ihnen hoch und füllen die Angaben zu Ihrer Person aus, wenn Sie mögen.

Dann können Sie ja mal auf dieses Gruppensymbol klicken:

Bei freinetz steht oben links „Leute finden“ und „Lokales Verzeichnis“.  Sie erhalten eine Liste derer, die auf eben diesem Host ein Konto haben, so wie Sie jetzt. Bei freinetz sind das kaum 50 Personen. Etwa die Hälfte davon haben ein eigenes Profilbild hochgeladen, die anderen haben immer noch das Katzensymbol, das ihnen das System am Anfang zugewiesen hat.

Wenn Sie auf eines der Profilbilder klicken, gelangen Sie auf dessen Seite. Da ist z.B. ein Nirem mit einem Foto von sich selbst und einem ersten Eintrag „Test“, den er vor 11 Monaten abgesetzt hat. Sonst nichts.

Ein kai ist da schon aktiver. Er hat ein paar Dutzend Beitrage, der letzte stammt von vor einer Woche, und fünf Kontakte, also Followers. Sonst ist aber nichts bekannt.

Matthias Wiemeyer ist etwas professioneller an’s Werk gegangen: er stellt sich vor, gibt seinen Wohnort und seinen Wirkungskreis bekannt und schreibt, was ihn umtreibt. Aber er hat noch keine Beiträge veröffentlicht.

Alle die Katzenkonten haben weder Beiträge, noch sonst irgendwelche Informationen, an die man anknüpfen könnte. Diese Konten wurden irgendwann a fonds perdue eröffnet und dann wieder vergessen.

So sähe ein einigermassen vollständiges Profil aus.

Klicken Sie wieder auf das Gruppensymbol oben in der Funktionenleiste und dann auf „Weltweites Verzeichnis“. Dann kriegen Sie eine Liste der Beiträge aller 5411 Users, 220 Organisationen und 156 Foren. Daraus können Sie dann einzelne Themen, Sprachen oder Ursprungsländer rausfiltern.

Ich habe jetzt mal zufällig einen User angeklickt: Bjössi schreibt auf Finnisch, interessiert sich offenbar u.a. für Fotografie, hat 22 Kontakte und ein paar Dutzend Einträge in seinem Status.

Der Matthäus-Effekt

Sie sehen: viel los ist da noch nicht. Aber das liegt natürlich an Ihnen, nicht an Friendica. Warum haben Sie noch kein Friendica-Konto? Klar, solange da nichts los ist, eröffnen Sie auch kein Konto, aber solange Sie nicht dabei sind, ist da nichts los.

Wenn Sie als Individuum von Facebook auf Friendica wechseln, werden Sie dort verloren sein. Aber wenn alle Facebook-Kritiker mit ihren Communities geschlossen auf Friendica umziehen, dann könnte sich das lohnen. Oder wenn z.B. das #twitterlehrerzimmer geschlossen auf Mastodon weitermachen würde, dann würde das der Sache sehr dienen. Für das #twitterlehrerzimmer würde sich nichts ändern. Alle die Tweets (oder Toots, wie das auf Mastodon heisst) würden ja die Interessierten genauso erreichen, wie vorher auf Twitter, wenn alle den Umzug mitmachen.

Aber: wenn Sie sich z.B. über einen schlechten Service einer Firma beklagen wollen, dann nützt es nicht viel, wenn Sie die Firma in einem Toot negativ erwähnen. Wenn Sie sie jedoch in einem Tweet negativ erwähnen, dann kommt ihr das schon zu Ohren. Es ist halt wie mit der Mode: je mehr einen Trend mitmachen, desto trendiger wird er. Wenn ein Trend nur wenige Nachfolger hat, dann ist es kein Trend. Das nennt man den Matthäus-Effekt.

Schade, eigentlich! Die Fediverse-Dienste sind werbefrei und föderalistisch. Es gibt keine Konzerne, die hinter den Medien stehen und ihre Benutzer manipulieren. Es wäre ein gutes Konzept. Zumindest sollte es im Digitalunterricht erwähnt werden, damit die Facebook- und Tiwttermüden wissen, dass es eine Alternative gibt. Jede Schule könnte z.B. einen eigenen Friendica-Host betreiben. Aber vermutlich geht die Müdigkeit über Facebook und Twitter hinaus.

6 Kommentare

  • Lieber Peter, danke für den Hinweis! Ich werde versuchen mein Blog mit friendi.ca zu verbinden – also WordPress für das fediverse zu nutzen. Sollte gehen, ist aber – weil mein Blog schon alt und clunky ist – wohl nicht trivial. Herzliche Grüße und bis bald! Heinz

    • Lieber Heinz! Vielen Dank für die Idee! Es gibt tatsächlich ein halbes Dutzend WordPress-Plug-Ins für Fediverse, z.B. „Share on Mastodon“. Das muss ich mir mal anschauen und gegebenenfalls installieren. Das ist ein ganz guter Hinweis! Wie meinst Du, Dein Blog sei „alt und clunky“? Es gibt doch so alle paar Monate einen WordPress-Update. Wenn Du schön regelmässig updatest, dann spielt es doch keine Rolle, wie alt Dein Blog ist.

      Ich hoffe, es geht Euch beiden gut! Ich wünsche Euch das Allerbeste!
      Herzlichst, Peter

      • Es geht recht gut – nach einem etwas deprimierenden Jahr. Und dir hoffentlich auch!

        Ich versuche, mein Blog als Teil des Indieweb (https://inIdieweb.org/) zu betreiben. Ich habe dabei Probleme, z.T. wohl, weil bei mir Website-URL (wittenbrink.net) bund Blog-Url (wittenbrink.net/lostandfound) nicht identisch sind. Eigentlich müsste es möglich sein, das Ganze direkt mit dem Fediverse zu verbinden. Aber ich habe noch nicht die Zeit gefunden, mit wirklich damit zu beschäftigen. Dein Post hat mich jedenfalls inspiriert!

        • Den Blog als Teil des Indieweb zu betreiben, finde ich eine sehr gute Idee, Heinz! Aber Du benutzt nach wie vor WordPress? Gibt es ein WordPresss-Plug-In für Indieweb. Noch besser wäre, wenn es im Indieweb (oder im Fediverse) eine Content Software wie WordPress gäbe. Ich habe noch nicht alle Fediverse-Dienste angesehen und verstanden. Noch weniger Überblick habe ich über das Indieweb. Ooch, es gäbe noch so viel zu tun!

          Sprichst Du mit „deprimierendes Jahr“ Covid an? Mich hat das bisher nicht so sehr getroffen. Es gibt ja so viel zu tun (s. oben), dass es mir grad recht ist, wenn meine physische Bewegungsfreiheit auf die nähere Umgebung meines Schreibtischs beschränkt bleiben muss. Aber pass auf: dieses Jahr könnte 2020 noch übertreffen, niemand weiss es. Ich hoffe nur, dass man uns (Alten) im Rahmen der Great Barrington Erklärung nicht gettoisiert. *Das* wäre dann deprimierend!

          Herzlichst,
          Peter

  • Lieber Peter
    Meiner Meinung nach wird das eine soziale Medium um ein neues erweitert und löst vielleicht einmal die alten ab. Und wenn ich richtig gelesen habe geht es bei allen diesen Medien +/- um Informationsaustausch? Also, wo genau ist jetzt dieses neue System besser als die alten? Das würde mich noch interessieren.
    Liebe Grüsse, Sepp

    • Lieber Sepp, vielen Dank für Deinen Kommentar. Wie ich geschrieben habe, sind viele Menschen skeptisch gegenüber grossen (Internet)-Konzernen, wie Facebook und Twitter. Fediverse bietet dieselben Social Media Kanäle, wie gehabt, aber föderalistisch verteilt. Damit gehört das Soziale Medium niemandem und allen. Aber klar: inhaltlich sind Fediverse-Medien nicht besser oder schlechter, als die bekannten, wenn die Benutzer immer dasselbe posten.
      Herzlichst, Peter

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