Sri Lanka

Ende Januar trafen wir uns in Colombo mit vier Frauen, alles Barbaras Freundinnen. Wir hatten ein AirBnB im 12. Stock eines Apartmenthauses, direkt an der Colombo-Galle Main Rd. Diese Gruppe – die vier Frauen, Barbara und ich – reisten dann 14 Tage durch Sri Lanka und besuchten verschiedene Städte, Sehenswürdigkeiten und andere POI – Points of Interest. Für diese Reise hatten wir einen Driver mit einem Kleinbus. Der Driver war Dimuthu, den Barbara schon ein paar Mal engagiert hatte. Er schien mir sympathisch, nicht zuletzt, weil ich als einziger Mann in der Gruppe vorne neben dem Driver sass und er mich weitgehend in Ruhe liess, d.h. nicht ständig redete. Ich wollte mich lieber auf die Landschaft und das Gespräch der Frauen im Fonds konzentrieren.

Bentota

Der Esspavillon von Dharma Vallage war auch unser Arbeitsplatz.

Nach vierzehn intensiven Tagen reisten die Frauen ab und wir blieben noch zwei Monate in Bentota, einer etwas ausgedienten Touristendestination. Barbara, die Sri Lanka seit Ende der 70er Jahre kennt, erzählte mir, dass es früher mühsam war, von Colombo aus zu weit in den Süden zu fahren. Im besten Fall kamen die Touristen eben bis Bentota, das sich 80 Km südlich von Colombo, ebenfalls an der Küste, befindet. In Bentota mündet – wer hätte das gedacht? – der Bentota River in’s Meer. Wir wohnten in einem schönen Bungalow, direkt am Fluss. Dharma Village ist ein Resort, bestehend aus vier Reihenbungalows, ein Eignerbungalow, ein Esspavillon und ein paar Diensträume. Das war also unser neuer Lebensraum für die nächsten zwei Monate!

Um an die Beach von Bentota zu gelangen, mussten wir ungefähr 20 Minuten zu Fuss gehen. Der Weg führte zunächst an einer sehr aktiven Moschee vorbei, dann durch Dharga Town und Aluthgama nach Bentota. Die Moschee nenne ich daher „aktiv“, weil sie sich in unserer direkten Nachbarschaft befand, und wir den Gesang des Muhezins fast jede Stunde, sicher aber sehr häufig hörten. Zudem war ein ständiges Kommen und Gehen. Es machte auf mich den Eindruck, dass die Moschee und ihre Veranstaltungen zum Lebensmittelpunkt dieser Männer gehörten. Dafür war die Umgebung der Moschee sehr schmutzig. Überall lagen Plasticflaschen und anderer Unrat herum. Niemand hatte Zeit, die Umgebung sauber zu halten, zu sehr waren die Männer damit beschäftigt, in die Moschee zu gehen und zu beten. Die meisten Familien dort waren sehr kinderreich. Die Familie zu vergrössern ist anscheinend die zweitwichtigste Tätigkeit der Männer von Dharga Town, das die Tuktuk-Fahrer oft als „Muslim City“ bezeichneten.

Googles Local Guides

Typisches Steassenbild in Dharga Town

Im übrigen ist Dharga Town eine typisch Sri Lankische Kleinstadt. Die meisten Häuser sind einstöckige, fensterlose Barracken, etwa vergleichbar mit hiesigen Autogaragen für ein oder zwei Autos. Sie beherbergen Geschäfte, von Detaillhändler bis zu Apotheken oder Dienstleister, wie z.B. Frisörsalons. Meistens ist es in den Geschäften unordentlich und sehr dunkel (um den Raum möglichst kühl zu halten). Zwischen diesen niederen Gebäuden erheben sich sakrale Bauten und vereinzelt mehrstöckige Häuser, nicht selten mit unfertigen oberen Stockwerken, die ruinös aussehen und als Aufbewahrungsort für allerlei Gerümpel oder schlicht als Abfalldeponie genutzt werden.

In Dharga Town habe ich für Google Maps einen Grossteil der Geschäfte rezensiert, indem ich Fotos, Öffnungszeiten und Beschreibungen erfasste. Für jede Aktivität auf Google Maps erhalten Sie Punkte und können als „Local Guide“ zehn Stufen erklimmen. Alljährlich lädt Google 100 Local Guides aus allen Ländern nach Kalifornien ein.

Interkulturelle Verständigung

Der Markt von Aluthgama

Weiter geht’s, von Dharga Town nach Aluthgama. „aluth“ heisst in Sighalesisch „neu“, so dass „Aluthgama“ wahrscheinlich „Neustadt“ heisst. In Aluthgama gibt’s einen schönen Fresh Market, ein Kino und ein paar Wine Stores. Alkohol zu kaufen ist in Sri Lanka immer noch ein wenig umständlich. Es gibt Wine Stores, die so aussehen, als würde dort Geld ausbezahlt: ein kleines, stark vergittertes Fensterchen. Wenn Sie Wein wollen, können Sie nicht vor das Regal gehen und schauen, was es gibt. Nein, Sie müssen am Schalter sagen, was Sie möchten, z.B. einen Cabernet Sauvignon. Zwar weiss der Mensch hinter dem Schalter nicht, was das ist und bringt Ihnen einfach ein paar Flaschen zur Auswahl. Unterdessen versuchen die anderen Kunden links und rechts von Ihnen und hinter Ihnen die Aufmerksamkeit des Verkäufers zu erlangen und strecken ihm Geld zu.  Sie müssen möglichst schnell Ihre Auswahl treffen, sonst sind Sie im wahrsten Sinne des Wortes weg vom Fenster.

Durch Aluthgama führt die Strasse von Colombo nach Bentota und weiter in den Süden. Innerhalb Aluthgama geht es entlang dieser Strasse sehr geschäftig zu und es hat dort auch grössere Geschäftshäuser und Bushaltestellen. Quer durch Aluthgama führt die Bahnlinie. Bahngeleise werden in Asien fast überall als Fussgängerweg genutzt. Die Leute laufen auf dem Geleise und gehe einfach ein wenig zur Seite, wenn ein Zug kommt. Die Züge fahren mit offenen Türen, in denen Passagiere sitzen und den Luftzug geniessen. Einmal mussten wir dort an der Barriere relativ lange warten. Dann kam eine einzelne kleine Rangierlok, auf der natürlich allerlei Personal sass und stand. Ich rief ihnen auf Berndeutsch und mit gespielter Empörung zu: „Und wegen so einem Pfupf mussten wir jetzt solange warten?!!“. Sie wussten genau, was ich meinte und setzten ein breites Grinsen auf. Solche Momente geniesse ich, wenn man sich trotz verschiedener Kulturen, trotz unterschiedlicher Weltanschauung und über alle Landesgrenzen hinaus versteht!

Freunde aus Minsk und der Brief Garden

Dann geht man nur noch über die Brücke, die den Bentota River überspannt, und ist in Bentota angekommen. Entlang des Flusses hat es allerlei Restaurants und Kanuclubs für Touristen. Es gibt auch ein Juweliergeschäft (Sri Lanka ist für seine Edelsteine bekannt), dessen Besitzer sich nebenbei um das Resort „Dharma Village“ kümmert, wenn der holländische Eigentümer nicht in Sri Lanka weilt. Der Juwelier kam frühmorgens um 9 Uhr mit frischen Früchten und bereitete das Frühstück zu. Ungefähr zeitgleich mit uns war auch ein sehr junges und sehr interessiertes und interessantes Paar dort, das ebenfalls mehrere Woche in Sri Lanka lebte. Die beiden stammen aus Minsk in Belarus. Anastasia spricht ausgezeichnet Englisch und pflegt es auch. Sie hat den „englishbrunchcourse“ gegründet. Kostya ist ein intelligenter junger Mann mit breiten Interessen. Ein paarmal unternahmen wir etwas zusammen, z.B. wenn wir einen Transport teilen konnten, oder bekochten uns gegenseitig. Die beiden machen es ähnlich wie wir: nicht herumreisen, sondern in einem fremden Land leben und es dadurch „spüren“. Nach Sri Lanka lebten sie ein halbes Jahr in China und erforschten, was es mit diesem Staat auf sich hat. Es war ungeführ zu der Zeit, als ich mich im MOOC „China 4.0“ engagierte (MOOC = Massive Open Online Course). Ich denke, die Fragen, denen die beiden vor Ort nachgingen, waren ungefähr dieselben, die wir in unserem MOOC zu beantworten versuchten.

Brief Garden

Nahe Bentota gibt es den Brief Garden von Bevis Bawa. Er war Landschaftsgärtner und -architekt und Bruder von Geoffrey Bawa, einer der einflussreichsten Architekten Asiens. Die beiden entwickelten den Architekturstil des Tropischen Modernismus. Der Brief Garden ist eine ehemalige Kautschukplantage und voller homoerotischer Kunst mit einem staunenwerten modernen, räumlich und baulich offenen Haus inmitten eines phantastischen Gartens. König Edward VIII und der Schauspieler Laurence Oliver waren dort zu Besuch. Fotos von den feucht-fröhlichen Festen hängen im Flur des Hauses (Beschreibung frei nach https://www.baumeister.de/38551-2).

 

Anfangs April ging es wieder zurück nach Europa, wobei wir wussten, dass wir in einem Jahr wieder nach Sri Lanka zurück kommen werden.

Geoffry Bawas Arbeitsplatz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare

  • Lieber Peter, danke für Deine Berichte, die mich erreichen. Die Frage, was ich mit meinem Leben veranstalte treibt mich um. Die Unterschiede zu Deinen Reisen und Betrachtungen bringen Klarheit für mich. Selten habe ich derlei in dieser konzentrierten Form erlebt.
    Danke und alles Liebe
    Joachim

  • Hallo Peter
    Vieles sieht bei uns in Venezuela, auf der Isla Margarita, Nueva Esparta genannt, genau gleich aus. Ob all der Armut, nicht fertiggestellten Bauten, Müll, oder sagen wir mal, sich nur langsam entwickelnde Bauten, darf man die schnell gewachsenen Metropolen nicht übersehen. Dort wird bei uns, nach wie vor, vieler ortes auf Teufel komm raus gebaut, als ob es keine Kriese gäbe. Und bauen ist ja nie schlecht wenn man eine hohe Inflation hat. Da muss das Geld schnell wieder investiert werden, oder Du verlierst nur noch. Im August letzten Jahres war 1 USD = 10 BsS, diesen August werden wir sicher sagen können 1 USD = 10’000 BsS.
    Machs gut, häbits guet, Sepp Stadelmann

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