Versorgungsengpässe im Paradies

Im Augsut (2017) sagte einmal ein Einwohner Alaskas stöhnend zu uns: „Bald kommen die heissen Tage!“. Das bedeutete, dass es in den nächsten drei oder vier Tage mittags etwas über 20, aber kaum 25 Grad warm wird. Hier im Süden des Paradieses, das den Namen „Sri Lanka“ trägt, sind die Monate März und April die heissesten.

Das Paradies

Herbst im Paradies

Im Moment ist tatsächlich vor allem Herumhängen angesagt. Zwar mag es im Sommer in Europa auch Temperaturen von über 30 Grad haben, wie hier im Moment, aber zusammen mit der Feuchtigkeit fühlt es sich jetzt wärmer an, als an einem heissen Sommertag in Zürich. Das führt dazu, dass man immer schweissnass ist, was gerade für ältere Semester hilfreich sein kann. Im Alter wird die Haut dünner und trockener und juckt deshalb gerne. Eine reichlich schweissnasse Haus wirkt dem entgegen. Auch wirkt sich das feucht-heisse Klima positiv auf entzündete und arthröse Gelenke aus. Dennoch ist es eine Wohltat, wenn es ab und zu wie aus Kübeln regnet. Aber trotz des Regens und des Taus, der in schönen Nächten literweise auf die Vegetation niederkommt, benehmen sich die Bäume jetzt, als wäre es Herbst. Kokospalmen haben jetzt leicht gelbliche Wedel, Bananen mehr dürre Blätter als üblich und es gibt zwei Bäume, die gelbe Blätter bekommen und diese abwerfen. Nicht vollständig! Völlig kahl sind nur tote Bäume. Aber es genügt, um uns den Pool zuzudecken. Kaum habe ich das Falllaub raus gefischt, ist er wieder voll gelber Blätter. 

Es gibt kein Benzin im Paradies

In Europa sage ich im Herbst jeweils: „Es ist Zeit, zu gehen!“. Der Spruch passt hier im März. Und tatsächlich sind wir in vier Wochen auf dem Rückweg nach Europa. Eigentlich unvernünftig, angesichts der epidemischen und militärischen Lage. In Sri Lanka gibt es vergleichsmässig kaum Covidfälle und es ist (noch?) völlig friedlich. Allerdings ist das Land Pleite und das hat Auswirkungen, vor allem, weil der Staat auch Detailhändler ist. Viele Geschäfte, die regulierte Waren verarbeiten oder handeln, wie Schreinereien, Möbelgeschäfte, Wine Stores und Tankstellen, gehören dem Staat. Das braucht tausende von Beamten im Regierungsgebäude, die im wahrsten Sinne des Wortes Kichererbsen zählen, oder was auch immer die staatlichen Krämer auftischen. Wenn aber der Staat kein Geld hat, kann er auch keine Ware einkaufen und zum Verkauf anbieten. Dadurch entsteht ein Nachfrageüberhang. Z.B. ist Zement heute viermal teurer, als noch vor der Pandemie. Und Diesel gibt’s teilweise überhaupt nicht mehr. Vor einer Tankstelle stehen die Fahrzeuge Schlange, vom Tuk-Tuk bis zum 28-Tönner. Sie stehen auf der Fahrspur und bilden eine einkilotemerlange Schlange oder länger, obwohl kein Diesel verkauft werden kann. Sie warten halt einfach, bis vielleicht mal ein Tankwagen kommt und paar tausend Liter Diesel bringt. Dann rückt die Schlange ein wenig. Aber längst nicht alle kriegen, wofür sie angestanden haben. Irgendwo habe ich gelesen, dass ein Tankerschiff im Hafen von Colombo erwartet wird. Stellen Sie sich vor: eine Schiffsladungen Diesel für ein ganzes Land!

THE HINDU beschreibt in ihrer Ausgabe vom 3. März den Dieselengpass und die Stromunterbrüche

Es gibt (deshalb) kein Bier im Paradies

Der Artikel „10-hour power cuts this month despite assurances from Basil“ in der Sri Lankischen Tageszeitung DailyMirror vom 2. März fasst die aktuellen Schwierigkeiten zusammen.

„Senior political sources“ sagten anscheinend, dass in Sri Lanka der Diesel am 6. März und das Benzin am 9. März versiegten. Deshalb darf eine Person Treibstoff für höchstens 3000 Rupien kaufen. Dieses Gebot wurde erlassen, nachdem die Leute angefangen haben, Benzin und Diesel zu hamstern. 

Auch die Bahn fährt mit Diesel

Auch die Energieversorgung leidet unter dem Benzin- und Dieselmangel. Sri Lanka hat neben Wasserkraftwerken auch Thermalkraftwerke, die mit Erdöl befeuert werden. In den trockenen Monaten März, April und Mai gibt es nicht genug Wasser, um die Wasserkraftwerke zu speisen. Dennoch hat der Präsident den Energieminister angewiesen, dafür zu sorgen, dass sich nach dem 5. März kein Stromausfall mehr ereigne (am 4. März fanden noch ausgiebige Renovationsarbeiten statt, mit Power Cuts fast überall im Land). Dennoch erwarten die Ingenieure des „Ceylon Electric Board“ (CEB) ab Mitte März 10-stündige Stromunterbrüche und ein Rationierungsplan für Elektrizität.

Der Eingang zu einer Elektroverteilzentrale irgendwo im Landesinnern Sri Lankas

Dabei ist Elektrizität ebenso existentiell wie Treibstoff für den Individualverkehr, denn ohne Wasserpumpen funktionieren die Toilettenspülungen nicht mehr und ohne Kühlschrank sind Nahrungsmittel nicht haltbar. A propos: Gerade kürzlich haben wir unseren Biervorrat überprüft. Wenigstes haben wir genug für die nächsten Wochen. Aber was wollen wir mit ungekühltem Bier, wenn der Kühlschrank nicht mehr laufen täte? Und sogar Hopfen und Malz benötigen Wasser, aber was, wenn dieses und der Strom für die Bewässerung fehlen? Es wird wohl in nächster Zeit zu einer allgemeinen Verteuerung der Lebensmittel kommen. Ein lakonischer Kommentar unter dem Artikel im DailyMirror war:

„Every one say a big thank you for Rajapaksa brothers for honoring us by giving 14 hours of electricity, when Lebanese and Afghanis have only 2 hours of electricity per 24 hours“.

Das ist im Moment die Lage hier in Sri Lanka. Zeit zu gehen, aber nicht, weil die Bäume die Blätter verlieren oder es zu heiss ist.

In Ambewela weiden unter Windkrafanlagen Kühe und geben eine der besten Milch, die ich irgendwo hatte

Mord im Paradies

In einem Facebook Forum für Ausländer, Expats und Digitale Nomaden in Sri Lanka, fragte kürzlich einer:

„Is it safe to travel to Sri Lanka now? I’m planning to travel in the month of April but I’m reading a lot of bad news about the Sri Lankan economy“.

Er hat vermutlich auf die Verhaltnisse angesprochen, die ich oben beschrieben habe. Dennoch ergoss sich ein Kommentarschwall, der sich in höchst verwunderlicher Weise über die (kaum vorhandene) Kriminalität ausliess. Sri Lankis sind, wie die meisten Asiaten, sehr freundliche Menschen, vor allem Fremden gegenüber. Wenn Sie hier einen Einheimischen beschimpfen, wird er sich allenfalls lächelnd abwenden und zusehen, dass er das Gesicht nicht verliert. In Lateinamerika würde er sich gewalttätig wehren. Klar, das sind Klischees, aber ein Blick auf die Liste der Tötungsrate nach Länder bestätig dies: 

Die ersten 39 Einträge teilen sich Südamerika und Afrika mit Raten von über 10 Tötungsdelikten pro 100’000 Einwohnern und Jahr. Russland ist mit einer Rate von 9,2 an 50. Stelle und das erste Land auf der Liste, das nicht in Amerika oder Afrika angesiedelt ist. Das erste asiatische Land, die Philippinen, ist erst an 57. Stelle mit einer Rate von 8,4. An 89. Stelle mit einer Tötungsrate von 5,0 liegen die USA und Sri Lanka ist mit 2,3 Tötungsdelikten pro 100’000 Einwohnern und Jahr an 130. Stelle! Zum Vergleich: Deutschland ist an 186. Stelle mit eine Rate von 0,7 und die Schweiz an der 200. Stelle mit einer Rate von 0,5. A propos „Paradies“: wenn ich es richtig verstehe, bestand die Erdbevölkerung unmittelbar nach dem Rauswurf aus dem Paradies aus vier Personen: Adam, Eva, Kain und Abel. Es gab 1 Tötungsdelikt, was ja einer Rate von 25’000 Delikten pro 100’000 Einwohnern entsprach. Krass! Da kann nicht einmal Venezuela mithalten, das mit 81,4 Delikten auf 100’000 Einwohnern an der ersten Stelle der Liste steht. Und was mich auch beschäftigt: wer klärte den Mord eigentlich auf? Das wäre doch mal etwas für einen Tatort….

Das Paradies ist ein Paradies, wenn man…

Die Liste zeigt eine tendentielle Friedfertigkeit der Asiaten den Amerikanern gegenüber. Aber genau ein Amerikaner war es, der in den Kommentaren zu der Frage, ob Sri Lanka sicher sei, ziemlich penetrant behauptete, dass die Kriminalität hier sehr hoch sei, jedenfalls höher als in den USA. Als „Beweis“ tischte er die haarsträubende Geschichte auf, dass einem Tourist in Colombo die Armbanduhr gestohlen wurde, indem ihm der Dieb den Unterarm abschnitt. Das Opfer sei verblutet und gestorben. Die Geschichte ist derart an den Haaren herbei gezogen, dass sie bestimmt Fake – oder besser gesagt: Propaganda – ist. Dennoch lebt dieser Amerikaner hier. Ich frage mich, warum er ausgerechnet Sri Lanka zu seinem Lebensmittelpunkt machte, wo es doch in seinen Augen so unsicher ist.

Die Menschen hier sind sehr freundlich und geben sich Touristen gegenüber Mühe, um paar zusätzliche Rupien zu verdienen. Touristen sind hier sehr sicher und können unvergessliche Ferien verbringen. Die Strände sind mit denen auf den Malediven zu vergleichen. Aber anders als auf den Malediven gibt es hier gerade für Nichttaucher viel zu erleben. Es gibt viele Nationalparks mit den weltgrössten Leoparden und mit Elephanten. Sri Lanka ist ein Vogelparadies par excellence und bietet in den zentral gelegenen Hügeln phantastische Hikinggelegenheiten. Wer buddhistische und hinduistische Heilig- und Altertümer mag, kommt hier voll auf seine Rechnung. Es gibt sogar geologische Kuriositäten, deren Entstehung noch Rätsel aufgibt. Sri Lanka bietet wirklich für jeden Geschmak etwas! 

In Sri Lanka gibt es viele idyllische Wasserfälle, die sich aus den Bergen im Zentrum der Insel, ergiessen

Kürzlich kam ich an der Beach mit einem Berliner in’s Gespräch, der mit seiner Familie hier Ferien macht. Er fragte mich, wie es so sei, hier zu wohnen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass wir weite Teile der europäischen Kultur loslassen müssen, um uns hier im Paradies zu fühlen. Es gelang mir nur ansatzweise. Ein anderer Kommentar im Facebook-Forum hat es auf den Punkt gebracht:

Safe it is! And if you are Somewhat flexible to adapt:You will still have a very, very.. Memorable.. vacation

Consider

1. A healthy, fruit based non cooked diet
2. Candle lit romantic dinners
3. A Hiking. Walking holiday
4. A welcome communication break.
5. Meditations
6. Surf. Swim. Dive.
7. Mounteneering
8. Wild water rafting
9. 100% local diet
10. Only one beer veriety to chose from. Etc.

For that and more:Ceylon has an Ideal situation.Simply change to your usual routine from now on.

Nun ja, es ist halt „Social Media Englisch“, d.h. man muss sich manchmal etwas Mühe geben, um zu verstehen, was der Autor meinte. Aber recht hat er vor allem, wenn er betont, dass man hier im Paradies „somewhat flexible to adapt“ sein und die übliche Routine hinter sich lassen muss.

Wer hier leben will, muss genügsam und flexibel sein, dann ist er im Paradies

7 Kommentare

  • Hallo Peter
    Das mit wenig Strom hat sich bei uns veressert. Aber letztes Jahr waren es manchmal 8 bis 12 Stunden ohne. Nicht jeden Tag aber oft genug. Hätte ich nicht einen Propangas Generator der 22kWh/h liefert wäre hätte ich oft die Probleme die Du beschreibst. Natürlich läuft der nur wenn es zu heiss ist im Haus, so mal eine Stunde, oder die Kühlschränke und Gefriertruhen was brauchen. Hätte ich keinen Generator würde ich heute voll auf PV mit Batterie setzen. Schau dir mal http://www.suntracker.at/ an und lass Dich inspirieren. Liee Grüsse aus Isla Margarita, Bahia de Plata, letztes Huas vor dem Kreisel an der Playa.

    • Lieber Josef

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, das mit der Grundversorgung ist halt in ärmeren Ländern so. Wenn wir da leben wollen, dann gehört das halt dazu und wir richten uns ein. Das kennst du ja. Wir lernen viel dabei.
      Wir haben eine PV auf dem Dach und sind sehr zufrieden, denn die Stromrechnungen sind stets zu unseren Gunsten, auch in den Monaten, in denen wir hier sind. Aber wir können nur einspeisen, was uns bei Power Cuts auch nicht hilft. Ich habe mal gehört, dass „Selbstversorgung“, also Batterien, hier in Sri Lanka nicht erlaubt seien – noch nicht. Es ist etwas im Tun und vielleicht werden wir eines Tages auch eine Batterie haben. Ich weiss nur noch nicht, wohin damit!
      Herzliche Grüsse, Peter

      • Peter, da würde ich mal eine Elektriker fragen. Bei Power Cuts eine Schalter umlegen der ein Relais steuert, und den PV Strom anstatt ins Netz direckt ins Haus einspeisen. Eine Lampe kann Dir ja anzeigen wenn der Strom von der Strasse wieder da ist. Für die Batterie musst vielleicht ein kleines Depo ans Haus anbauen. Gruss, Josef

        • Lieber Josef, vielen Dank für deinen Tip. Leider war so etwas in Sri Lanka 2019 nicht vorgesehen und seither ist die Anlage in einem versiegelten Kasten fest verdrahtet. Also, nichts zu wollen!
          Aber ich habe mir zwei sog. Solargeneratoren zugelegt, wie sie jetzt ja massenweise angeboten werden. Das sind im wesentlichen tragbare Batterien,die zwischen 0.5 und 6 KWh leisten und entweder am Netz oder per mobilem Solarpanel aufgeladen werden können. So eine Powerstation kann ich locker mit der Post schicken. Das Problem macht das Panel. Das ist relativ sperrig und halt zerbrechlich. I
          Herzlichst, Peter

    • Endlich nehme ich mir die Zeit. Deine Berichte lese ich mit grossem Vergnügen. Was du beschreibst kann ich gut nachvollziehen.

      Die Versorgungsengpässe werden in Kürze EU/CH erreichen: Gas, Getreide, Rohstoffe für Elektrifizierung… Beim Diesel wird es eher über den Preis geregelt.

      Ukraine ist nicht nur die Kornkammer einiger Nationen. Das dieses Jahr eine Ernte eingefahren wird ist sehr unwahrscheinlich – wenn nichts gepflanzt.

      Würde mich nicht überraschen wenn EU Weizen kauft und nach Afrika verschifft. Als Alternative um die Flüchtlingsströme zu reduzieren.

      Hier in Georgien machen sich die Menschen grosse Sorgen wegen den Lebensmittelpreisen. Ukraine ist ein bedeutender Lieferant.

      Wer so wie ihr zwei das Leben gestaltet egal in welchem Land ausserhalb EU/CH macht immer wieder ähnliche Erfahrungen: Strom, Wasser…

      Tankstelle ist ein neueres Phänomen.

      Lassen wir uns doch einfach weniger von der Angst und Unsicherheit leiten. Weniger Sorgen machen steigert Lebensqualität um ein viwlfaches. Für alles gibt es eine Lösung: Verzicht ist ein nützliches Hilfsmittel😎

      Lasst es euch gut gehen. Erinnere mich gerne an den Besuch bei Euch 2019. Einen wunderbaren Flecken habt ihr gewählt

      • Lieber Gerold

        Vielen Dank für den Kommentar! Wir lesen eure Berichte auch immer mit Interesse und Vergnügen.

        Ja, hast recht, obwohl Georgien und Sri Lanka total verschieden sind, weil in ganz unterschiedlichen Klimazonen, machen wir beide ganz ähnliche Erfahrungen. Nicht nur Strom und Wasser, auch der Umgang mit der Bevölkerung, bzw. sie mit uns. Jedenfalls kommt es mir manchmal so vor, wenn ich eure Berichte lese.

        Genau auf deine Quintessenz wollte ich in meinem Artikel hinaus: „Lassen wir uns weniger von der Angst und Unsicherheit leiten. Weniger Sorgen machen steigert Lebensqualität um ein Vielfaches. Für alles gibt es eine Lösung: Verzicht ist ein nützliches Hilfsmittel“. Das hast du gut gesagt. Ich glaube, wer so lebt, wie ihr und wir, lernt den Umgang mit Unsicherheit und das Ablegen von Sorgen und Angst zwangsläufig.

        Herzlichst,
        Peter

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