Vier Axiome über eine komplexe Welt und 10 Schlussfolgerungen daraus

Axiome:

1. Die kognitiven Werkzeuge zur Wahrnehmung komplexer und unübersichtlicher Situationen sind Intuition und Heuristiken.

2. Mit zunehmender Komplexität nimmt die Effizienz von Intuition und Heuristiken ab (Sie sind nicht an einen so hohen Komplexitätsgrad angepasst)

3. Der Aufbau von Komplexität verursacht hohe Erstmaligkeit, die unser Wissen vom künftigen Zustand der Welt herabsetzt und damit jeden Planungshorizont vermindert.

4. In der Entwicklung eines komplexen Systems („Alterungsprozess“) kann es vereinzelt zu Situationen kommen, in denen sie sensitiv von ihrer eigenen Geschichte abhängt.


Schlussfolgerungen:

Schlussfolgerung 1: Wir sind gezwungen, unsere kortikalen Fähigkeiten einzusetzen und alle Entscheide vor ihrer Umsetzung zu überdenken.
Praktischer Tipp um Schlussfolgerung 1 umzusetzen: möglichst viele vorhandene Daten berücksichtigen, möglichst wenig Aufwand, um weiteren Daten zu beschaffen.

Schlussfolgerung 2: Wir müssen Neben- und Fernwirkungen aller unserer Entscheide möglichst weitgehend zu antizipieren versuchen (z.B. durch Simulationen).

Schlussfolgerung 3: Wir kennen das Verhalten eines Systems erst, nachdem das System einige Zeit in Betrieb ist, d.h. wir lernen die Auswirkungen unserer Entscheide erst mit ihrer Umsetzung kennen.

Schlussfolgerung 4: Routine wird entwertet, da die Komplexität des Kontextes zunimmt. (Beispielsweise wird der Bau eines Einfamilienhauses immer weniger zu einem Routineprojekt, weil sich der Kontext laufend ändert, z.B. Bedürfnisse der Bauherren, Wirtschaftslage, Geldwert, gesellschaftliche Werte, Baumaterialien, Gesetze, etc.).

Schlussfolgerung 5: Anforderungen lassen sich nie abschliessend spezifizieren.

Schlussfolgerung 6: Der Umfang der Anstrengungen zur Umsetzung eines Entscheids ist keine Observable.

Schlussfogerung 7: Neben- und Fernwirkungen unsere Entscheide lassen sich nie abschliessend antizipieren.

Schlussfolgerung 8: Fehler entstehen durch Nichtwissen

Schlussfolgerung 9: Je höher die Komplexität der Welt desto mehr Allgemein- und Systemwissen benötigen wir, um Entscheidungen treffen zu dürfen.

Schlussfolgerung 10: In der meisten Zeit entwickeln sich soziale Systeme (Unternehmen, Projekte) so stabil, dass unsere Interventionen wenig Einfluss haben. Nur in den Phasen, in welchen sie sensitiv von ihrer eigenen Geschichte abhängen, können wir sinnvoll intervenieren.

2 Gedanken zu „Vier Axiome über eine komplexe Welt und 10 Schlussfolgerungen daraus“

  1. zu Schlussfolgerung 2: Wie kann das Komplexe simuliert werden, wenn es doch zur Natur der Komplexität gehört, dass sie sich ganz unterschiedlich entfaltet, je nach dem wie die Ausgangsparameter sind?

    Genau diese Ausgangsparameter – sowohl Inputs wie aktueller Zustand des komplexen Systems – sind jedoch eben meist nicht exakt (genug) bekannt.

    Eine Simulation führt damit zu einem hübschen Ergebnis – aber von welcher Aussagekraft?

    Alternative Schlussfolgerung: Komplexität braucht nicht „mehr vom selben“ des Versuchs der Antizipation und Kontrolle, sondern eine andere Grundhaltung. Gefragt sind:

    -Mut, auch einen Schritt ins Unbekannte zu machen
    -Selbstvertrauen, um in der Vorläufigkeit sich wohlzufühlen, da Komplexität nie „zuende bewältigt wird“
    -Realismus, der gebietet, kleine Schritte zu machen, wenn das Terrain ungekannt ist
    -Sensibilität, um das Ergebnis des kleinen Schrittes wahrzunehmen
    -Unermüdlichkeit, damit nach dem ersten kleinen Schritt der nächste und nächste und nächste folgt, die immer wieder Kurskorrekturen aufgrund von Feedback vornehmen

  2. Über Sinn und Unsinn von Simulationen habe ich kürzlich schon geschrieben: http://www.anchor.ch/wordpress/denkmuster/quantitative-modelle-sind-mikroskope. Simulationen sind Gedankenexperimente. Ob Du eine System Dynamics Simulation machst oder Szenariotechnik anwendest, spielt keine Rolle. Man kann auch sagen: Simulation ist die Dokumentation der Ergebnisse der kleinen Schritte, die Du empfiehlst.

    Du hast offenbar mein viertes Axiom (Pfadabhängigkeit) nicht beachtet. Meine Welt ist nicht einfach in jedem Raumzeitpunkt unbestimmt, sonst wäre sie chaotisch. Aber meine Welt ist nicht chaotisch, sondern komplex. Wenn Du Dich aus dem zehnten Stock auf den Vorplatz hinunter stürtzst, dann lässt sich die Konsequenz Deines Entscheids durchaus simulieren.

    Der von Dir propagierte Improvisationalismus („Mut, auch einen Schritt ins Unbekannte zu machen“) ist dann gefährlich, wenn die Schritte nicht auf mögliche Fern- und Nebenwirkungen untersucht werden. Schritte ins Unbekannte konnte man eben bis vor ungefähr 100 Jahren bedenkenlos tun, aber heute ist es unverantwortlich.

    Beispielsweise hat der Bauernsohn Chruschtschow einen enorm mutigen Schritt ins Unbekannte gemacht, als er kurzerhand die Zuflüsse zum Aralsee umleiten liess.

    Und der Entscheid des „verantwortlichen“ Ingenieurs im Reaktor 2 von Tschrnobyl, den Test durchzuführen, obwohl der Reaktor mit unzulässig geringer Leistung lief, war nur ein kleiner Schritt ins Unbekannte.

    Wir müssen uns angewöhnen, endlich etwas zu denken, bevor wir einen Entscheid umsetzen!

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