Das Paradies hat wieder geöffnet

Im Artikel Versorgungsengpässe im Paradies habe ich über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Sri Lankas berichtet. Bei der Insolvenz im April 2022 ging die Wirtschaft um 8 Prozent zurück. Nun vermeldet das Department of Census and Statistics (DCS) wieder ein positives Wachstum von 1,6 Prozent. Das ist zwar wenig, aber immerhin positiv und fast 10 Prozent höher, als noch vor anderthalb Jahren. In der Zwischenzeit hat der Internationale Währungsfonds (IWF) Sri Lanka Erste Hilfe in der Höhe von ungefähr einer halbe Milliarde US-Dollars geleistet.  

Was stimmt jetzt?

Während die Economic Times behauptet, der Internationale Währungsfonds (IWF) habe sein zweites Rettungspaket über 2.9 Milliarden US-Dollar bereits Mitte Dezember 2023 freigegeben, schreibt Reuters, dass diese Tranche erst „in der ersten Hälfte des Jahres 2024“ möglich sei. Reuters schreibt weiter, dass eine IWF-Delegation im März 2024 nach Sri Lanka reise, um zu prüfen, ob das Land die Auflagen erfüllte und somit das Rettungspaket über 2,9 Milliarde US-Dollar nicht vor Frühsommer 2024 freigegeben werden könne.

Das ist wieder so eine typisch verwirrende Datenlage von „Hören-sagen-Meldungen“. Zwei Zeitungen stimmen im Grundsätzlichen überein, machen aber dennoch in wichtigen Details widersprüchliche Angaben. Und ob die Einschätzung des DCS stimmt oder geschönt ist, können wir auch nicht wissen. Der Sri Lankische Daily Mirror veröffentlicht heute Dienstag, 17. Dezember 2023, jedenfalls folgenden Cartoon.

Je nach Perspektive ändert die Wahrheit

Es wird nach wie vor gemauschelt

Zumindest kann ich aus eigener Beobachtung bestätigen, dass sich Sri Lankas Wirtschaft in der Tat zu erholen scheint. Die Regale in den Supermärkten sind wieder einigermassen gefüllt. Was mich etwas verwirrt ist, dass viele Milchprodukte aus Neuseeland eingeführt werden, weil angeblich Sri Lankische Produkte nicht verfügbar wären. Das beweist einerseits, dass wieder Devisen vorhanden sind, um im Ausland überhaupt etwas zu kaufen. Aber andererseits frage ich mich, wo das Problem bei der inländischen Produktion ist. Unweit von hier – in Ambawela gibt es einen grossen Bauernbetrieb mit hunderten von schwarz-weiss geflecktem Vieh, die auf einem Hügel saftige Kräuter abweiden. Und das Regal ist voll mit Up-Milch von Ambawela. Weshalb muss denn z.B. Butter importiert werden?  

Ein Artikel des Sri Lankischen Daily Mirror zum Import von zehn Millionen Hühnereiern aus Indien, bringt auch keine Klarheit. Die Zeitung zitiert den Handelsminister: „If the local egg producers show their demand while creating a shortage in the market, as a responsible government, we will show them what we can do. We will import eggs to meet the artificial shortage of eggs. So the local producers will have to release their hidden stocks to the market.”

Ich verstehe zwar seine Worte als auch deren deutsche Übersetzung nicht. «Producers» haben ja eigentlich nicht einen «demand», sondern doch eher einen «supply». Aber zumindest verstehe ich «artificial shortage» und «hidden stock». Im Wallis lösten das die Bauern damit, dass sie die schönsten Aprikosen in die Rhone kippten. Vielleicht ist das ja auch die Antwort auf die Frage nach einheimischer Butter.

Jetzt werden Steuern eingeführt

Beobachtet habe ich auch, dass die Preise seit gut einem Jahr beachtlich gestiegen sind, während die Sri Lankische Rupie an Wert verloren hat. Für eine Tuk-Tuk-Fahrt bezahlen wir jetzt das Doppelte als noch vor zwei Jahren. Dafür bekommen wir jetzt für gleichviel Schweizer Franken fast doppelt so viele Rupien. Für uns hat sich also fast nichts verändert. Für die Sri Lankische Bevölkerung sieht die Lage anders aus: die Löhne sind eher gesunken oder gleich geblieben, aber die Kosten haben sich verdoppelt oder gar verdreifacht. Gemäss einer Kolumne des Daily Mirrors sind die Strom- und Wasserpreise um das 5-6 fache gestiegen! Die zahlreiche arme Bevölkerung kann das nicht mehr bezahlen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass der IWF für seine Hilfeleistung forderte, dass endlich Steuern eingeführt werden. Der abgesetzte Präsident hatte nämlich versprochen, die Steuern sehr, sehr weit zu beschneiden, was den Bürgern natürlich gefallen hat. Viele private Personen, wie z.B. Tuk-Tuk-Fahrer, mussten keine Einkommenssteuern bezahlen, Umsatzsteuern waren unbekannt und viele Personen genossen sogar offizielle Steuerbefreiungen.

Mit dem Versprechen auf Beschneidung der Steuern gewann dieser Politiker die Wahlen, fuhr aber damit die Volkswirtschaft an die Wand. Nun muss Sri Lanka ein solides Steuersystem einführen, das sich natürlich auf die Preise niederschlägt. Der IWF hat auch geraten, für die Ärmsten ein Unterstützungsprogramm zu schaffen, was die Sri Lankischen Behörden zusagten. Obwohl die IWF-Beamten und die Sri Lankische Regierung oft Zusicherungen über das sogenannte soziale Sicherheitsnetz für die Armen und Schwachen abgegeben haben, ist die Situation vor Ort weit entfernt von dem, was benötigt würde. Bei meinen Recherchen zu diesem Artikel habe ich irgendwo von einer alten Frau gelesen, die sagte, sie habe bisher monatlich 1600 Rupien erhalten (ca. 4-5 US Dollars), aber seit zwei Monaten erhalte sie grundlos nichts mehr.

Stromunterbruch, e-Tuk-Tuks und der Gott „Motorfahrzeug“

Das CEB – Ceylon Electronic Board – rätselt immer noch über den inselweiten Stromunterbruch von vor 14 Tagen. Zunächst hiess es, dass eine wichtige Stromleitung wegen dem Bankrott des Landes nicht fertiggestellt werden konnte und es im bestehenden Netz zu einer Überlastung kam.

Im 7-zeiligen Artikel CEB acknowledges fault in lightning strike preparedness vom 23. Dezember behauptet jetzt ein Sprecher, dass das CEB nur versäumt habe, Vorkehrungen gegen Blitzschlag zu treffen, wolle sich aber in Zukunft diesbezüglich bessern. Wie immer es genau ist. Der Ausbau des elektrischen Netzes kann nun dank der Unterstützung durch den IWF weitergehen.

Ein anderes Ausbauprojekt ist die Umsrüstung von Tuk-Tuks Batteriebetrieb. In Sri Lanka gibt es ungefähr 1,2 Millionen dieser dreirädrigen Transportmittel, die oft Taxidienste für kurze Strecken anbieten. Nun sollen eine halbe Million davon auf elektrischen Antrieb umgerüstet werden. (diese Website verhält sich ein wenig eigenartig; Sie müssen geduldig leere Seiten und solche mit kryptischen Zeichen runter blättern, bis der eigentliche Text kommt).

Das Projekt hat seine Wurzeln ebenfalls in der Wirtschaftskrise vor gut einem Jahr, als es plötzlich keinen Treibstoff mehr gab. Mehrere hunderttausend Fahrer sind seither arbeitslos. Als wir letzten Monat durch Indien reisten, haben wir viele e-Tuktuk gesehen und sind auch damit gefahren. Dort sind e-Tuktuks schon viel verbreiteter als hier. Nun will also Sri Lanka nachziehen. Ich bin gespannt, wie die Umrüstung organisiert ist und ob sie konsequent durchgezogen wird. So einfach ist das ja nicht. Ob das Umrüsten nicht fast teurer wird, als einfach nur noch neue e-Dreiräder zuzulassen?

Welchen Stellenwert Motorfahrzeuge in dieser Gesellschaft haben, zeigt die Geschichte einer Bekannten von uns. Vor ein paar Wochen schnitt sie strassenseits ihren Gartenhag, als plötzlich ein Motorradfahrer in sie hineinfuhr und sie überrollte. Sie konnte noch davonkriechen, als ein zweiter Motorradfahrer sie noch einmal überrollte. Es ist ein Wunder, dass die alte Frau überlebte. Die beiden Motorradfahrer sind Vater und Sohn, beide waren stock betrunken.  Dafür mussten sie 14 Tage in’s Gefängnis. Die Arzt- und Spitalkosten musste das Opfer selbst tragen. Die meisten Menschen hier haben kein Geld. Sie leben von der Hand in den Mund. Selbst um eine Nutzpflanze anzubauen, müssen sie sich verschulden, um Samen oder Setzlinge zu kaufen. Diejenigen, die ein paar Rupien übrighaben, schliessen eine Unfallversicherung ab. Aber unsere Bekannte hatte keine Unfallversicherung. Vermutlich halfen ihr Verwandte und Freunde aus und verschuldeten sich selbst wieder.

Wetterkapriolen

Unabhängig von der Wirtschaft ist das Wetter in Sri Lanka (aber nicht umgekehrt). Seit Monaten «schifft» es hier täglich z.T. heftig, obwohl es normalerweise ab Mitte Oktober bis weit in den März hinein trocken und schön sein sollte. Der grosse Regen hat dazu geführt, dass es in viele Wohnhäusern feucht war und der Fussboden oft unter Wasser stand. Ich erhielt im Herbst via Facebook entsprechende Bettelmails für Hilfe. Aktuell leidet die Gegend um Nuwara Eliya — oder wie die Einheimischen sagen: Nureliya oder gar nur N’Eliya — wie der Daily Mirror vermeldet. Über 60 Familien sind derzeit in provisorischen Zentren untergebracht, da ihre Häuser aufgrund der starken Regenfälle und Winde in der Gegend vollständig zerstört wurden. Es werden in den nächsten Tagen weiterhin starke Winde und Schauer erwartet und den Besuchern des Gebiets wurde empfohlen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Wir wollen morgen in die Teeplantagen um Haputale wandern gehen. Das ist zwar ca. 20 Kilometer süd-östlich von Nureliya, ob das aber reicht, um uns paar Sonnenstunden zu bescheren, wissen wir erst, wenn wir dort sind. Ich werde von unseren Erlebnissen berichten.



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