Ist das Web kaputt?

Zweifellos tragen Internet und Web in hohem Masse zu der Komplexität in Wirtschaft und Gesellschaft bei. Ohne Internet geht gar nichts mehr. Vor allem das Web befindet sich in einem Phasenübergang, was Sascha Lobo zum Urteil bewegte, es sei „kaputt“.

Daten sollten öffentliches Gut sein

Es zeigen sich Probleme, die zu Beginn des Webs nicht vorstellbar waren. Vorratsdatenspeicherung, Internetzensur, Erstellen von Verhaltensmuster durch Big Data Analysen, Handel mit persönlichen Daten, rechtliche Fragen betreffend Schutz der Privatsphäre, etc. Zwar wurde Frau Merkel ausgelacht, als sie sagte, dass das Web Neuland sei, aber sie hatte völlig recht. Die Problemstellungen, die das Web heute aufwirft, sind völlig neu und stellen uns alle vor grosse Herausforderungen. Wer soll sie lösen?

Ursprünglich war die Idee des Webs, dass alle daran gleichermassen partizipieren können. Für viele waren Daten ein öffentliches Gut, wie Luft und Wasser. Nur für die Aufbereitung des letzteren fallen Gebühren an. Daten müssen öffentlich sein, sonst könnte man keine webweiten Recherchen machen (viele nennen das „googeln“, aber es gibt noch andere Suchmaschinen). Zu diesem Zweck wurde auch die Creative Commons Lizenzen entwickelt. Netizen (Netzbürger) stellen ihre Werke als Gemeingut zur Verfügung. Auf meinen Artikeln und Fotos will ich kein Copyright beanspruchen.

Der Sinn des Webs liegt im Recherchieren

Webrecherchen sollen alle machen dürfen. Weiter ist es jedem freigestellt, die Recherchenresultate für Auswertungen zu speichern. Die israelitische Datenexpertin Kira Radinsky hat kürzlich ein interessantes Modell vorgestellt, mit der sie eine Pestepidemie vorhersagen konnte. Dazu sammelte sie u.a. auch Millionen von Facebook- und Twittereinträge und wertete diese mittels Big Data Algorithmen aus. Das ist bestimmt eine gute Sache!

Es wird nicht möglich sein, den Geheimdiensten zu verbieten, dasselbe zu tun. Hingegen ist es moralisch nicht vertretbar, wenn sie Unternehmen zwingen, ihre Daten herauszugeben. Wenn allerdings diese Unternehmen die Daten so oder so verhökern, dann können sie auch von Geheimdiensten gekauft werden.

Der Moloch „Allgemeine Geschäftsbedingungen“

Die Frage ist also, inwieweit Unternehmen, wie z.B. Google, auf Daten, die durch ihre Server rauschen, zugreifen und sie kopieren dürfen. Ein Jurist würde vielleicht nach den Allgemeinen Geschäftsbedingungen fragen (AGB). Wenn Sie eine Dienstleistung von Google beanspruchen, dann akzeptieren Sie Google’s AGB. Und wenn in diesen AGB steht, dass es Google erlaubt ist, alles, was Sie versenden, weiter zu geben, dann wird die Sache kompliziert.

Hannes Grassegger (1) hat zum Thema AGB einen interessanten Artikel veröffentlicht, den jeder Netizen lesen sollte. Für mich ist das Fazit nicht „Das ist ja ungeheuerlich!“, sondern „Hier gibt es noch viel zu tun“, denn Grassegger suggeriert eigentlich nur die Ablehnung der AGB. Wenn ich aber googeln will, habe ich keine Wahl, ob ich Googles AGB annehmen will. Ich will die Dienstleistungen von Facebook nutzen. Dann bleibt mir keine andere Wahl, als ihre AGB zu akzeptieren

Ich habe meinen Projektverträgen immer AGB beilegen müssen, und in zwei bis drei Fällen sogar eigene verfasst. Es war schon immer üblich, dass Dienstleistungserbriger die AGB vorschreiben. Z.B. ist der Gerichtsstand stets am Ort des Dienstleistungserbringers. Gerade, wenn ein Erbringer Millionen von Kunden hat, die auf der ganzen Welt verstreut sind, kann er nicht für jeden individuellen Kunden einen anderen Gerichtsstand definieren.

Neu ist, dass Dienstleistungen quasi in der Wolke erbracht werden können, dass also kein Erbringungsort identifiziert werden kann. Neu ist auch die Dimension, mit der Millionen von Kunden gleichzeitig gleiche oder ähnliche Dienstleistungen beanspruchen können. Es gibt keinen Check-out, wo man abrechnet. Diese Dimension setzt eine ungeheure Infrastruktur voraus. Die Netzkultur fordert aber, dass zumindest Basisdiensleistungen im Web gratis sind.

Vorratsdatenspeicherung kann auch eine gute Seite haben

Der Vorwurf, dass Google (und andere) unsere Daten speichert, kann ich schlecht nachvollziehen. Ich hoffe doch sehr, dass meine Daten gespeichert und verbreitet werden. Es wird das einzige sein, das von mir übrig bleibt. Wer sich schon mal in der eigenen Familiengeschichte umgesehen hat, der weiss, wie wertvoll Kirchenrodel sind. Da stehen zuweilen auch schon mal intime Dinge drin. Dass sich ein Vorfahre von mir beschwert hat, weil die Gemeinde an seiner Hochzeit keine Musikkapelle stellte, kann noch als lustige Anekdote angesehen werden. Wenn aber die ledige Mutter im Kindbett gezwungen wird, den Namen des Kindvaters rauszurücken (damit die Gemeinde nicht zahlen muss), dann wird’s schon heikler.

Heute gibt es keine Kirchenrodel mehr. Ich freue mich, wenn ich z.B. auf http://archive.org/web/ die Entwicklung meiner Website von 1996 bis heute nachvollziehen kann, weil sie auch ohne mein Einverständnis periodisch gespeichert wurde. Ich freue mich, wenn Google Newsgroup-Einträge „auf immer und ewig“ speichert und ich dort stets die Antworten nachschlagen kann, die mir auf meine Fragen gegeben wurden. Ich freue mich, wenn WordPress meinen Blog möglichst ewig speichert und offen hält.

Was soll man tun?

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als würde ich die Entwicklung des Webs nur rosig sehen. Im Gegenteil: sie macht mir manchmal Angst. Wie ich eingangs erwähnt habe, gibt es grosse Herausforderungen zu meistern. Alles kann zum Guten und zum Schlechten genutzt werden. Es wäre aber falsch, wenn Gesetzgeber das Web zu regeln versuchen. Genau das wollen wir nicht. Wir müssen uns vielmehr dafür einsetzen, dass staatliche Eingriffe und Zensurmassnahmen abgebaut werden und zwar nicht mit der lapidaren Forderung „löschen statt sperren“.

Webabstinenz ist jedenfalls kein hilfreicher Ansatz. Niemand kann sich aus dem Einfluss des Webs fern halten. Die Welt findet zum grossen Teil im Web statt und wirkt sich auf alle aus, ob sie nun teilnehmen oder nicht.

(1)    Grassegger, Hannes. Schlechter Deal. Das Magazin, 23/2014. S. 18. 7. Juni 2014.

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