Nicht-Einhalten klassischer Projektmethodiken als Grund des Scheiterns?

Stephan Schori schrieb am 22 Februar 2009 in einem Kommentar:

Ausserdem ist nach meiner Meinung auch bewiesen, dass, je komplexer und umfangreicher die Projektmethodiken und entsprechenden Dokumente sind, desto kleiner die Erfolgsquote ist, da zwar wohl alle Schritte durchgemacht und dokumentiert werden, ein Review und eine Gesamtbeurteilung aber nicht mehr stattfindet, ganz nach dem Motto: ein Haufen Backsteine macht noch kein Haus!

Nach meiner Erfahrung liegt das Hauptproblem bei gescheiterten Problemen nicht in komplexen und unverständlichen Modellen und der Fähigkeit, “positive von negativen Rückkopplungen unterscheiden zu können (!)”, sondern zu 90% darin, dass schon die klassischen Projektmethodiken nicht eingehalten werden und/oder entgegen aller Sachargumente “politisch” entschieden wird, vielfach auf Befehl des obersten Managements.1

Schori glaubt also an die Effektivität der klassischen Projektmethodiken, wenn er schreibt, dass das Scheitern zu 90% darin liegt, dass sie nicht eingehalten werden. Ich interpretiere das so, dass wenn sie eingehalten würden, dass dann die Projekte nicht scheitern würden. In der Tat wenden auch zertifizierte Projektmanager die gelernten Methoden nicht durchgängig an. Man muss sich aber fragen, was wohl der Grund dafür ist. Dass Analysetools dann nicht angewendet werden, wenn das Top Management politische Entscheide trifft, ist nachvollziehbar. Aber wie steht es in „normal“ laufenden Projekten? Warum gehen Projekt- und andere Manager lieber intuitiv als methodisch vor? Vielleicht weil sie denken, das vorliegende Problem sei zu gering, um zeitraubende Methoden anzuwenden und ihrer Effektivität nicht trauen. Daher entscheiden sie lieber mit Hilfe von Heuristiken, die wir uns vor vielen zig Tausend Jahren angeeignet haben.

Und da kommen eben die Modelle in’s Spiel, die in unseren Köpfen herum schwirren. Schori hat mich gehörig missverstanden, wenn er glaubt, dass ich „komplexe und umfangreiche Projektmethodiken und entsprechende Dokumente“ befürworte. Auch habe ich nie empfohlen, „positive von negativen Rückkopplungen [zu] unterscheiden“. Ganz im Gegenteil! Ich bin mit ihm einig, dass „ein Haufen Backsteine … noch kein Haus“ macht und wir vermehrt Projektbeurteilungen durchführen sollten, um das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei will ich keine Dokumente reviewen, sondern verstehen, nach welchen meinetwegen intuitiven Regeln der Projektmanager und das Top Management entschieden und gehandelt hat. Es sind mit grösster Wahrscheinlichkeit sehr archaische Regeln, die mehr schaden, als nützen. Wenn wir wissen, nach welchen Heuristiken wir im Projektmanagement entscheiden und welchen möglichen Schaden wir dadurch anrichten, können wir daraus vielleicht etwas lernen.

1http://www.goldwynreports.com/?p=1198

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