Systemdenken in Theorie und Praxis – Teil 1
Margret Richter und Marko Willnecker von der SOLIDIA Managementberatung in Hamburg haben mir einen interessanten Beitrag zur Veröffentlichung in meinem Blog vorgelegt. Das ehrt mich und meinen Blog natürlich und ich danke den beiden für diese Bereicherung.
Die Bereicherung besteht darin, dass Beiträge von anderen Autoren, das Kernthema des Blogs – Umgang mit Komplexität und Ungewissheit – aus einer Perspektive beleuchten, die sich von der meinigen unterscheiden. Dadurch hat die Leserschaft die Möglichkeit, das Thema „Komplexität“ mit unterschiedlichen Worten und Terminologien kennen zu lernen.
Ich kenne Frau Dr. Margret Richter schon seit einigen Jahren als Persönlichkeit, die sich mit Komplexität auskennt und sie in ähnlicher Weise versteht, wie ich. Siehe solidia.de.
Der Aufsatz über Systeme und ihre Komplexität gliedert sich in zwei Teilen, die ich als einzelne Blogbeiträge einstelle. Sie können unabhängig voneinander verstanden werden.
Systemdenken: Theoretische Fundierung
Unsere Welt ist ein vernetztes System. Was ist ein System und was ist kein System? Ein Haufen Sand ist kein System. Man kann Teile davon vertauschen oder Teile davon wegnehmen oder ein paar Teile hinzufügen. Es bleibt immer ein Haufen Sand. Mit einem System ist das nicht möglich, ohne dass es seine Individualität ändert.
Was ist ein System?
Ein Mensch oder ein Unternehmen dahingegen ist ein System. Denn die wichtigste Eigenschaft eines Systems ist, dass es aus mehreren verschiedenen Teilen besteht und seine Teile zu einem bestimmten Aufbau vernetzt sind. Dadurch verhält sich ein System anders als seine einzelnen Teile. Wenn viele kleine Systeme zusammenkommen, können sie entweder ein bloßes Nebeneinander, eine Menge bilden oder auch ein größeres System. Zum Beispiel bildet ein Bienenvolk ein soziales System. Wenn etwas zum System geworden ist, verhält es sich völlig anders als vorher seine einzelnen Bestandteile. Das System als Ganzes bekommt vollständig neue Eigenschaften: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das Mehr ist die Struktur, die Organisation, sind die Wechselwirkungen. Es gibt statische und dynamische Systeme. Statische Systeme sind von Menschen erdachte Systeme wie Dokumentationssysteme, Ordnungssysteme oder mathematische Systeme. Dynamische Systeme sind eine Gesamtheit verschiedener Einheiten in Wechselwirkung. Sie sind ein Wirkungsgefüge. Sie tragen das Programm zu ihrer eigenen Veränderung in sich. Die Systeme der Wirklichkeit sind etwas höchst Lebendiges, Dynamisches. Wie alles Fließende, sind sie niemals abgeschlossene Einheiten. Sie sind mit Unter- und Obersystemen zu einem Wirkungsgefüge verflochten. Dessen intelligente Organisation ist das eigentlich Geheimnisvolle der großen Vernetzung.
Was verursacht die Dynamik?
Um in Systemen Dinge zum Laufen zu bringen, braucht es eine positive Rückkopplung. Die entsteht, wenn sich Wirkung und Rückwirkung gegenseitig verstärken. Die positive Rückkopplung muss jedoch immer einer übergeordneten Regulation gehorchen (negative Rückkopplung). Tut sie es nicht, können Teufelskreise entstehen, die nicht mehr unter Kontrolle zu bringen sind.

Kommentare
“Ein Mensch oder ein Unternehmen dahingegen ist ein System. Denn die wichtigste Eigenschaft eines Systems ist, dass es aus mehreren verschiedenen Teilen besteht und seine Teile zu einem bestimmten Aufbau vernetzt sind.”
Leider hält sich dieser “Unsinn” - zumindest wenn es um “Soziales” geht - auch in der Komplexitätsforschung, die ich in den letzten Jahren intensiv konsultiert habe, “hartnäckig”.
Aber:
Ganz abgesehen davon, daß dann auch die Bakterien, mit denen wir im Allg. insbes. im Darmbereich eine symbiotische Beziehung eingehen, ein “Wörtchen” mitzureden hätten :-)
*Genausowenig bestehen Handeln oder Kommunikation (bzw. sozialwissenschaftliche Äquivalente wie “Diskurse” oder “soziale Praktiken”) aus körperlichen, psychischen und bewußtseinsrelativen Prozessen. Wie soll das denn gehen? Und wenn es ginge, würde Soziales (als Handeln, Kommunikation, Diskurs, whatever) stante pede “kollabieren” bzw. gar nicht erst zustande kommen.
Und das gilt nicht einfach nur für unsere Spezies, sondern auch für soziale Koordinationsweisen von Tieren , einfachen Organismen und artifiziellen Entitäten (technisch würde man bei Letzteren vom Verbergen von Implementierungsdetails sprechen. Das gilt aber auch bereits für biologische Entitäten!).
Dementsprechend bestehen auch weder “die” Gesellschaft noch ihre Organisationen und Familien einfach so aus Menschen, i.S. von “Teilen”.
Wo sich dieser uralte Systembegriff (Leitunterscheidung: Ganzes - Teil) anbietet, ist insbesondere bei “technischen” Systemen, die entsprechend komponiert und dekomponiert werden können.
Wer allerdings mit dieser Uraltunterscheidung heutzutage noch versucht, spezifisch soziale Phänomene (Gruppen, Familien, Organistionen, etc) zu konzeptualisieren, landet meines Erachtens einfach in der prä-sozialwissenschaftlichen Vormoderne. Das trifft auch auf die entsprechende Komplexitätsforschung zu, die teilweise bar jeglichen sozialwissenschaftlichen Verständnisses sich das Soziale auf alte Art neu “zusammenzureimen” sucht. Das entsprechende Vokabular (Emergenz, Feedback-Strukturen, Komplexität, etc. pp.) ändert an dieser rückschrittlichen Auffassung des Sozialen, zumindest im “Kern”, mitunter nur wenig…
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