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Komplexität und Kontingenz in der Routine – Routinekomplexität? Routinekontingenz?

Bernhard Schloss meint in seinem Kommentar zum Artikel Grundsätze über den komplexitätserhöhenden Charakter von Projekten, dass Projekte die Komplexität der Umwelt nicht erhöhen, sondern bloss eine Möglichkeit schaffen, mit der Komplexität umzugehen.
Komplexität ist ein Mass der Differenziertheit einer raumzeitliche Systemstruktur, die den Zwang der Stoff-, Energie- und Informationsflüsse möglichst niedrig hält und sich durch ihre Dissipation aufrechterhält1. Jede dynamische Struktur, die über längere Zeit besteht, ist somit komplex. Sogar ein Haus ist komplex, obwohl man auf den ersten Blick meinen könnte, ein Haus sei keiner Dynamik ausgesetzt. Aber auch ein Haus wird durch Energie- und Materieflüsse durchströmt: elektrische Zuleitungen und Wasserrohre bilden Zuflüsse, ganz zu schweigen von den Waren, die die Hausbewohner täglich anschleppen. Fenster und Abwasserleitungen bilden die Abflüsse. Aus der Differenz zwischen den Zu- und Abflüssen kann das Haus seine Komplexität aufrecht erhalten. Das Projekt des Hausbaus erhöht daher die Komplexität (der Welt).
Jede neue Struktur erhöht die Komplexität der Umwelt, und Strukturen werden in Projekten erstellt. Wenn Schloss sagt, dass Projekte eine Möglichkeit schaffen, mit der Komplexität der Umwelt umzugehen, dann möchte ich von ihm wissen, woher denn die Komplexität der Umwelt kommt, mit der er umgehen muss? Doch wohl aus Projekten!

Auch meint Bernhard Schloss, dass ein Unterfangen mit einem hohen Planungsanteil kein Projekt im Sinne der klassischen Projektdefinition sei, sondern lediglich eine Routineaufgabe. Oh doch, gerade die klassische Projektdefinition geht davon aus, dass Projekte geplant werden können. Vielleicht meint Schloss, dass es sich nicht um ein Projekt, sondern um eine Routineaufgabe handelt, weil jede Projektdefinition auf den erst- und einmaligen Charakter eines Projekts hinweist. Aber man bedenke, dass man nie zweimal in denselben Fluss steigen kann. Ein Maler nennt beispielsweise jeden Auftrag „Projekt“. Es gibt viele Branchen, die von Projektgeschäften leben. Alles, was sie ausliefern, liefern sie in Projekten aus. Obwohl der Maler schon hundert Mal eine Küche weiss gestrichen hat, ist es immer wieder ein Projekt, denn die Bedingungen sind jedes Mal anders. Alles, was wir tun sind Projekte. Sogar unser Leben ist ein Projekt. Aber, wie sagte doch Stanislaw Jerzy Lec?

Manche leben mit einer so erstaunlichen Routine, dass es schwerfällt zu glauben, sie lebten zum ersten mal

Umgekehrt glauben manche, wenn sie etwas schon ein paar Mal gemacht haben, es sei eine Routineaufgabe und verstehen nicht, dass auch sie Kontingenzen enthält.

1Addor, P. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. Liebig Verlag. Frauenfeld 2010. S. 320

Lieber ein eleganter schwarzer Schwan als ein hoffärtiger Phönixvogel

Der GDI-Trendradar vom 9. Dezember 2008 meldet unter dem Titel Hoffnung: Von schwarzen Schwänen zum leuchtenden Phönix, dass die Zukunft nicht den Untergangspropheten gehöre1. Zwischen den Zeilen liest man, dass Nassim Taleb2 Hysterie verbreite, anstatt neue Ideen für eine bessere Welt. Natürlich gibt es verschiedene Strategien gegen die Zunahme dessen, was man gemeinhin als Komplexität bezeichnet, also gegen Kontingenz, Fluktuation und Entropieproduktion. Man kann sie einfach schön reden, wie es das GDI vorschlägt. Man kann aber auch danach fragen, was denn eigentlich los ist und feststellen, dass wir verschiedene Handlungs- und Denkweisen aufgeben und uns neu orientieren müssen. Auch das ist eine neue Idee für eine bessere Welt. Aber Gewohnheiten aufzugeben und Neues zu lernen ist schmerzhaft und schwierig. Deshalb ist diese Idee vielleicht nicht so populär, wie es sich das GDI wünscht. Es gibt eben keinen Königsweg in eine bessere Welt. Da kann weder Nassim Taleb noch das GDI etwas dafür. Es ist höchste Zeit, dass wir untersuchen, wie sich die Welt in der menschlichen Wahrnehmung verändert hat, wie der Mensch die Unterschiede wahrnimmt, was diese Wahrnehmungen für ihn bedeuten und wie er darauf reagiert. Die Welt wird in unserer Wahrnehmung immer abstrakter. Für die wirklich wesentlichen Aspekte reicht unsere Wahrnehmung offenbar nicht mehr aus. Dies festzustellen ist höchst interessant und führt in keiner Weise zu einer Hysterie. In unserer Wahrnehmung machen wir Fehler, seit es uns gibt. Das ist nichts neues. Aber durch die Zunahme der Komplexität, die wir selber geschaffen haben, hat eben auch die Sensibilität gegenüber den Anfangsbedingungen zugenommen (sog. Schmetterlingseffekt). Daher haben Ungenauigkeiten oder Verzerrungen in unserer Wahrnehmung heute eine verhehrendere Auswirkung als früher. Auch schwarze Schwäne, die nur in unserer Wahrnehmung extrem unwahrscheinlich sind, haben verherendere Auswikungen auf unser komplexes Menschenwerk als früher, als das Menschenwerk noch ein stabiles und robustes Gebäude war. Die neuen Ideen für eine bessere Welt heissen deshalb:

  • Verstehen, was wir für eine Welt geschaffen haben und was sie mit uns macht
  • Verstehen, was Komplexität ist und wie wir sie wahrnehmen
  • Lernen, systemisch zu denken, wahrzunehmen und zu handeln
  • Lernen, welchen Einfluss unser Denken auf die Welt hat
  • Alte Gewohnheiten zu überwinden und eine neue Sicht der Dinge zu übernehmen

Die alten Gewohnheiten sind insbesondere lineares Denken und ebensolches Handeln sowie die Missachtung von Fern- und Nebenwirkungen. Solange es Leute gibt, die unternehmerische Wissensgenerierung in starre Prozesse pressen wollen oder glauben, komplexe Projekte abschliessend planen zu können, sind allerdings nirgends leuchtende Phönixe zu sehen. Ich weiss nicht, warum das GDI schwarze Schwäne nicht mag. Schwarze Schwäne sind ebenso schön wie leuchtende Phönixe. Diese sind eitel und verblendet, während schwarze Schwäne elegant und anmutig daher fliegen.
Die Zukunft gehört weder den Untergangspropheten, noch den Schönrednern, die einen nichtvorhandenen leuchtenden Phönix beschwören. Die Zukunft gehört denjenigen, die uns den Weg aus dem linearem Denken zeigen.

1GDI-Trendradar. Hoffnung: Von schwarzen Schwänen zum leuchtenden Phönix. persönlich 9.12.2008. Online Marketingnews der publiswiss.
2Nassim Nicholas Taleb. Der schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Carl Hanser Verlag, München 2008