Ein Tag aus dem Leben eines Taugenichts oder die Leute von Sri Lanka

Es ist sechs Uhr früh und noch stockdunkel. Vom nahen Kloster dringen die monotonen Gebetsgesänge der buddhistischen Priester in meine Ohren. Für mich ist es die reinste Kakophonie. Und bestimmt kommt das Geräusch bloss von einem Tonträger, wie auch die Muhezingesänge der Moscheen. Ich drehe mich im Bett um und versuche, das Gebrumme zu ignorieren, indem ich über den hiesigen Buddhismus nachdenke. Er soll eine Religion der Vernunft sein, die dem Aberglaube entsagt und mit den Erkenntnissen der Wissenschaft konform ist.

Vernunft gegen Aberglauben

Mir scheinen die Leute hier nicht vernünftiger als anderswo. Ich meine das durchaus wohlwollend. Die Sri Lankis sind nicht wissenschaftlich berechnende Kopfmenschen, sondern genauso emotionale und liebenswerte Menschen, wie andere auch. Aberglauben lieben sie! Bevor wir mit dem Hausbau starten durften, musste ein Mönch die Baustelle und den Boden segnen. Dazu vergruben die künftigen Besitzer Wertsachen, mussten mit den angehenden Nachbarn sich an einer durchlaufenden heiligen Schnur halten, während der Mönch etwa zwei Stunden lang irgendwelche Gebete rezitierte, mal laut betonend, mal sachte gemurmelt. Der eigentliche Hausbau durfte aber erst an einem kommenden Tag beginnen, wenn Mond und Sterne eine bestimmte Konstellation hatten. Als das Haus noch nicht ganz fertig war, mussten wir ziemlich Hals über Kopf einziehen, weil die Sternenkonstellation das erforderte. Auch die Ausrichtung des Hauses und diejenige der Better sollten sich an buddhistisch-esoterische Vorgaben halten, was wir aber nicht befolgten.

Der einzige ferne Bezug zu Wissenschaften, den ich mitbekomme, sind die zahlreichen Werbeanschläge für Nachhilfestunden „gemäss Lehrplan 2020, 2021 und 2022“ (im Jahr 2019 gesehen) in Chemie, Mathematik und Physik. Mit den Ergebnissen dieser Nachhilfestunden werden dann Einkäufe verpackt: z.B. werden gebackene Linsenküchlein in Tüten eingepackt, die aus Schülernotizen gebastelt wurden. Sogar reguläre und etablierte Geschäfte führen diese improvisierten Tüten aus Schülernotizen. Manchmal mache ich mir einen Spass daraus, die ungelöst gebliebenen Aufgaben aus Chemie, Physik und Mathematik zu lösen, die auf den Tüten stehen.

Nun ja, es ist hier wohl wie bei uns: auf der einen Seite sind viele Menschen sehr abergläubisch und wissenschaftsfeindlich und lieben esoterische Regeln und Geschichten. Auch hier wird im Volk Intuition höher gewertet als Rationalität, da kann sich der Neubuddhismus noch lange als „Religion der Vernuft“ anpreisen. Auf der anderen Seite verweisen gerade dann diese Menschen auf die Wissenschaft, wenn sie einem Glauben Nachdruck verleihen wollen: „Die Wissenschaftler sind ja auch der Ansicht, dass …. Hört mehr auf die Wissenschaft!“

Eine Tüte aus Schulaufgaben

Früchte zum Frühstück

Ich greife zum Tablet und schaue, was meine Freunde gepostet haben, während ich schlief. Sri Lanka geht um viereinhalb Stunden gegenüber Europa vor.

Trotz Fan ist es heiss im Bett und die Glieder schmerzen vom Liegen. Also stehe ich lieber auf und schaue draussen, was in der Nacht so geschehen ist. Ein Gottesanbeterin flüchtete vom nächtlichen Regen auf unsere Terrasse. Überall liegen die …. wie sagen die Jäger? …. „Losungen“ der Geckos herum, kleine, trockene Paketchen, die ich leicht mit dem Besen zusammen wischen kann. Ottilie, der Hauswaran, hat in der Nacht wieder versucht, unter unserem Haus eine Wohnhöhle zu graben. Sie kommt nie weit. Ich werde das Loch später mit etwas Zement ausbessern.

Ottilie



Aber zunächst möchte ich mir mein Frühstück zubereiten, einem Fruchsalat, der aus Väldödang, Gaslabu, Ambe, Gessel und Anasi besteht, die singhalesischen Wörter für Passionsfruch, Papaja, Mango, Banane und Ananas. Alles natürlich lokale Früchte. Bananen haben wir sogar in unserem eigenen Garten.

Mein Frühstück

Eine Affenbande nähert sich

Bevor ich mein Frühstück fertig zubereitet habe, erhebt sich im Nachbarhaus  ein schreckliches Geschrei. Was ist denn da los? Ich gehe nachsehen. Die Nachbarin steht vor dem Haus, schaut in die Baumkronen und macht ein Zettermordiogeschrei, als sähe sie den Leibhaftigen höchstpersönlich. Ich folge ihrem Blick: ach so, ein Affenbande nähert sich ihrem Haus. Ich liebe diese Tiere, aber verstehe, dass sie die hier ansässigen Leute nicht sonderlich mögen. Die Affen rennen über die Dächer und zerstören die Ziegeln, so dass das Dach undicht wird. Vor allem, wenn die undichte Stelle just über dem Bett ist, wird das natürlich sehr unangenehm, speziell bei den oft heftigen Tropenregen. Zudem fressen die Affen mit Vorliebe Blätter von Nutzpflanzen. Früchte, wie Mangos oder Bananen, reissen sie noch unreif ab, beissen kaum rein und werfen die gesamte Frucht weg. Deshalb wollen die Menschen diese Tiere von den Häusern fern halten.

Bei Affen auf dem Dach, erhebt sich ein besonderer Krach!

Die Languren und Makaken sind Affen, die volumenmässig die Grösse eines Schäferhundes haben, aber das Volumen vermutlich hauptsächlich mit einem langhaarigen Pelz machen, denn sonst wären sie nicht in der Lage, in schwindelerregender Höhe bis zu 10 Meter weit zu springen. Es sind richtige Akrobaten. Wenn sie ausnahmsweise am Boden flüchten müssen, dann können sie auch schon mal aufrecht gehen und haben dann eine Körpergrösse von etwa 120 cm. Sie sehen dann aus, wie kleine Menschen. So stelle ich mir den Homo Habilis vor.

Wahrscheinlich ist es verboten, auf die Affen zu schiessen. Niemand tut ihnen etwas. Aber die Männer freuen sich immer ungemein, Petarden zu zünden, die einen wirklich lauten Knall verursachen. Die Affen interessiert das wenig, sie drehen nicht einmal den Kopf, wenn es neben ihnen knallt. Da bin ich anders: ich zucke jedesmal zusammen und fürchte in den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Knall, dass jetzt der Bürgerkrieg zwischen den Tamil-Tigers und den Singhalesen wieder anfange. Die hiesige Bevölkerung bringt die Knallerei nicht mit Krieg in Verbindung und zuckt bloss mit den Schultern: es ist halt wegen der Affen. Wäre es nützlich, dann würde es ein Knall ja tun. Aber meist zünden die Leute drei oder fünf oder zehn Petarden wirklich grossen Kalibers, weil die Affen eben beim ersten Mal nicht flohen, sondern sich bloss wunderten, was dieser Mensch wieder für ein Krach macht. Ich habe da bedeutend bessere Erfahrungen gemacht, wenn ich den Affen in Berndeutsch erkläre, dass sie sich von unserem Haus wegscheren sollen. Das verstehen sie, entblössen mir ihr Gebiss, was kein Lachen ist, sondern eine Drohung und machen die Fliege (meist zum Trotz über’s Dach).

Die Affen sind schon putzig, aber wenn man sie nicht fernhält, werden sie frech

Tiere

Tiere gehören hier zum Umfeld, wie die Kokospalmen: sie sind einfach da. Wenn die Menschen ihnen ausweichen, dann nicht in erster Linie, um sie nicht zu verletzten, sondern um Blechschaden an ihren Fahrzeugen zu vermeiden. Beispielsweise gibt es hier eine gute Milchwirtschaft. Die hiesigen Milchprodukte gehören zu den besten, die ich weltweit bekommen habe. Die Milch schmeckt wirklich nach Milch, Käse können wir sogar für Raclette verwenden, Butter und Joghurt sind auch sehr schmackhaft. Es gibt überall Bauern, die Kühe und Büffel haben. Ein kleiner (Vieh-)Bauer kann man kaum von einem Fischer oder Kioskbetreiber unterscheiden: er hat irgendwo ein Wohnhaus im Urwald und sitzt meist einfach davor und macht nichts. Allfällige Garten- und Hausarbeiten ist der Frau überlassen. Man sieht weder Weiden, noch Stallungen. Wozu braucht es Stallungen? Seine fünf bis zehn Tiere sind irgendwo im Urwald zwischen den Bäumen auf der Suche nach essbaren Pflanzen, an denen es nicht mangelt. Manchmal kommt es einem Bauern in den Sinn, eines seiner Tiere am Wegrand an einen Baum zu binden. Ich habe keine Ahnung, wozu. Das Kalb grast dann um den Baum herum und überquert auch den Weg, wenn es die Länge des Seils erlaubt. In der Nacht ist so ein Seil, das über den Fahrweg gespannt ist, wirklich eine Unfallgefahr. Fährt ein Auto da hinein – auch auf Urwaldwegen fahren Autos und Tuk-Tuks – kann das zu bösen Überraschungen kommen. Das Kalb ist vielleicht verletzt, aber das ist nicht die Primärsorge der Leute. Man regt sich nicht über den Bauer auf, der irgendwo sein Vieh anbindet und es mit seinem Gemuhe die Menschen nervt, die dort wohnen, sondern man regt sich über den Bauer auf, weil er mit seinem Verhalten die Unversehrtheit der Fahrzeuge gefährdet.

Es gibt hier viele streunende Hunde, wie überall in Asien. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. In Malaysia, in Thailand und in Vietnam habe ich ebenfalls streunende Hunde gesehen. Diese sind oft schmutzig, unterernährt, krank und vielfach invalid. Sie liegen faul am Strassenrand und ragen zum Teil in die Fahrbahn hinein. Kollisionen mit Kraftfahrzeugen sind unausweichlich. Das kostet den Tieren oft Gliedmassen oder verletzt sie teilweise schwer. Mir scheint, dass die Verkehrsteilnehmer mehr Rücksicht z.B. auf Warane nehmen, die langsam die Strasse überqueren, als auf herumliegende herrenlose Hunde. Diese sind ihnen wohl auch lästig, aber offiziell nimmt sich niemand dem Problem an. Ich habe von einer englischen Organisation gehört, die junge herrenlose Hunde kastrieren. Aber das ist natürlich einen Tropfen auf einen heissen Stein. Diese Initiative kommt gegen den mächtigen Fortpflanzugsdruck der Hunde nicht an.

Kühe kommen gerne auf den Strand, obwohl es da kaum Gras hat

Shopping

Nach dem Frühstück gehe ich in den nahen Ort Tangalle, eine Kleinstadt mit etwa 75’000 Einwohnern. Kürzlich eröffnete der Keells eine Filiale in Tangalle, aber ich bevorzuge nach wie vor Cargill’s Foodcity, der schon seit Jahren in Tangalle ansässig ist. Ich rufe also Kumara an, einer unserer Tuk-Tuk-Fahrer. Er hat zum Glück gerade Zeit und quittiert mit „coming, coming, Sir“. Sie wiederholen gerne die Wörter. Unser Haus befindet sich in einem Urwaldstreifen, etwas abseits der Hauptstrasse Matara – Hambantota. Sie ist die Lebensader in dieser sehr ruralen Gegend. Es ist chic, sein Haus direkt an der Haupstrasse zu bauen. Die Männer können dann den ganzen Tag das Treiben beobachten. Viele haben sowieso keine Arbeit.

Während ich auf Kumara warte, lausche ich dem Trompeten, Schreien und Gackern der Pfauenfamilie, die um unser Haus herum wohnt. Manchmal setzen sich drei Weibchen auf unseren Gartenzaun und schauen gelangweilt dem Hahn zu, wenn er sein raschelndes Rad macht oder liefern sich ein Scharmützel mit paar Affen. Das ist jeweils lustig!

Endlich kommt Kumaras grünes Tuk-Tuk. Er freut sich jedesmal riesig, wenn ich mit ihm fahre. Er hat mich schon mit einem blutenden Finger in vesrchiedene Apotheken gefahren oder mit einem eingewachsenen Fussnagel zum Arzt. Der Arzt hat seine „Medical Surgery“ Praxis in einer der schäbigen Blechhütten am Strassenrand. Die Praxis ist vielleicht knapp 30 Quadratmeter gross. Beim Eingang, dessen Tür ständig offen steht, gibt es zwei oder drei Stühle. Ein Vorhang trennt diesen Warteraum zum Behandlungsraum ab. Darin steht eine mobile schmale Liege mit einem Plastickissen, dessen Anzug zerschlissen ist, so das der Schaumgummi zum Vorschein kommt. Die Salbe, die der Arzt aufträgt, läuft derweil in das Loch im Kissen. Während der Behandlung kommt der Tuk-Tuk-Fahrer herein und quatscht ein wenig mit dem Arzt, der ruhig weiter schnetzelt.

Tangalle – die Kleinstadt, in der wir uns versorgen

Unterricht in Sinhala

Kumara kennt mich recht gut. Auf dem Weg nach Tangalle gibt er mir Unterricht in Sinhala. Er schwatzt unaufhörlich und lässt mich manchmal gewisse Schlüsselwörter wiederholen. Von einigen kann ich ihre Bedeutung entschlüsseln. Diese schreibe ich mir dann gleich in mein Smartphone. Wenn er einen Freund am Strassenrand sieht, hält er an, tauscht ein paar Worte mit ihm und stellt mich als sein Sinhalaschüler vor.

Es macht den Tuk-Tuk-Fahrern nichts aus, zu warten, während ich im Foodcity einkaufe. Sogar, wenn ich downtown auf den Markt gehe, mich im Haushaltwarengeschäft umsehe oder im Hardwarestore Werkzeuge suche, warten die Tuk-Tuk-Fahrer geduldig, ohne etwas dafür zu verlangen. Ok, ich zahle für eine Hin- und Rückfahrt von je 7 Km 1000 Sri Lankische Rupien, was ungefähr 5 Euro entspricht, statt 800 Rupien, die dem Marktpreis entsprächen. Es hat sich einfach so eingebürgert und, wie gesagt, die Tuk-Tuk-Fahrer werden mit der Zeit zu Freunden.

Wie in Europas „Kolonialwarenläden“ vor 50 Jahren

Hier ist alles mit Europäischen Standards vor ca. 50 Jahren vergleichbar. Vor allem die Hardwarestores sind auf diesem Stand. Es gibt einen Counter, wo man sagen muss, was man wünscht, auch wenn man das nicht weiss. Ich suche es in Google und lasse die Bilder dafür anzeigen, die ich dann dem Verkäufer unter die Nase halte. Er schlurft in die Dunkelheit, die im hinetern Teil des Ladens herrscht, da es keine Fenster gibt. Dann kommt er mit paar Produkten, die dem, was er auf den Bildern gesehen hat, am nächsten kommt. Vielleicht hat man Glück. Dann geht es an’s Bezahlen. Dazu sitzt oft eine Dame an einem kleinen schäbigen Schreibtisch und trägt alles mühsam auf ein Rechnungsformular ein, das mit drei Kohlepapiere unterlegt ist. Oft muss die Dame Preise nachfragen, obwohl die Verkäufer auch nicht helfen können. Dann entsteht eine Diskussion zwischen drei oder vier Verkäufer, die spontan einen Preis festlegen. Schliesslich stehen also ein paar Posten auf dem Formular, z.B. 300, 1250, 425 und 750. Es ist absolut undenkbar, dass jemand diese Zahlen im Kopf zusammenrechnet und den Endpreis darunter schreibt. Statt dessen greifen sie zu einer überdimensionierten Rechenmaschine und tippen mühsam die Zahlen ein. Unterdessen habe ich meist das Endresultat bevor sie die Entertaste drücken können.

Während sie die Rechnung schreibt, kontrolliert sie der Chef. Hier arbeiten Frauen sogar im Strassenbau, während die Männer „kontrollierend“ daneben stehen. Ich habe einmal einen dieser Männer aufgefordert, den Damen zu helfen. Er fragte bloss erstaunt, aus welchem Land ich komme.

Warum sie das nicht in einer Excel-Tabelle machen, wollte ich einmal wissen. Wie sie denn Inventur machen, wann sie keine Kontrolle über die Verkäufe haben. Haben wir, Sir, mit den vielen Durchschlägen, Sir! Und wenn ich sie richtig verstanden habe, ist die Abwesenheit jeglicher an IT und Computer erinnernde Technologie nicht monetär begründet, sondern in der Einsicht, dass es ja bisher auch immer lief, so dass es doch keinen Grund gibt, etwas zu verändern. Wo sie recht haben, habe sie recht.

Eine Rechnung aus einem Hardwarestore
Der hat zwar einen PC vor der Nase, macht aber doch lieber alles von Hand

Arbeiten

Nachdem mich Kumara zu hause abgeladen und sich mit einem höflichen „Ayubowan“ verabschiedet hat, gibt es vielleicht mit dem eben eingekauften Werkzeug etwas am Haus zu flicken oder den Pool zu reinigen. Die Haupttätigkeit findet dann aber am schweren Maraholztisch auf der Terrasse statt, wo ich mein Büro einrichte und arbeite. Während ich den Blick durch den umliegenden Urwald schweifen lasse und den herumturnenden Makaken zuschaue oder der tosenden Meeresbrandung zuhöre, deren Dynamik in ca. 200-300 Metern Distanz noch laut und deutlich wahrnehmbar ist, arbeite ich an einem Mathematik-Sommerkurs für die Fachhochschule, an meinem Blog, an meinen Fotos oder nehme an Communities of Practice teil, bis mir die Augen drohen zuzufallen. Dann lege ich mich auf eines der farbenfrohen Daybeds auf der Terrasse und denke noch an einem Problem über Causal Loop Diagrams nach, bevor mich ein Powernap wegreisst. Nach spätestens einer halben Stunden kann ich erfrischt weiter arbeiten.

Manchmal muss ich den Grünabfall trotz Regen zum Kompost tragen
Mein Arbeitsplatz
An diesem Tisch findet ein Grossteil unseres Lebens statt

Abendessen am Strand

Mittlerweile hat die Nachbarin das Radio auf den buddhistischen Tempelkanal eingestellt. Es ertönen pathetische Predigten und helle aber nichtsdestotrotz ebenso monotone Kindergesänge, wie die der Mönche. In der Luft liegt ein beissender und unangenehm riechender Duft: ein anderer Nachbar verbrennt seinen Müll. Hier funktioniert die Abfallentsorgung noch sehr schlecht. Man muss sie bestellen und bezahlen. Die Leute kippen deshalb ihren Müll in den Wald und zünden ihn von Zeit zu Zeit an. Waldbrandgefahr besteht bei dieser Feuchtigkeit nicht.

Am späteren Nachmittag treffen Gäste ein, die wir ein paar Tage zuvor in Tangalle kennen gelernt haben. Sie kommen, um unser Haus zu besichtigen. Beim Apéro entscheiden wir uns, gemeinsam in einem nahen Restaurant zu essen. Diesmal lasse ich Mahesh oder Anura kommen, die beiden anderen Tuk-Tuk-Fahrer, die wir jeweils berücksichtigen. Sie kennen unsere Vorlieben und wissen, wohin wir gehen wollen. Wenn ich also Mahesh oder Anura sage, dass wir in’s Aga Surf zum Essen gehen wollen, dann kennen sie den Weg. Diesmal aber entschieden wir uns für Muthu’s Restaurant an unserer home beach.

Thamindae und Rassi machen vorzüglichen Mahi-Mahi-Fisch an einer Lemon-Knoblauch-Sauce. Ihr kleines Beizli steht direkt auf dem Sand und es ist eine Wonne, im Sonnenuntergang dort einen Lemon-Jus zu geniessen und die vorbeiziehenden Flieger zu beobachen: die Kraniche und Papageien suchen ihr Nachtquartier auf, während die in der Dämmerung still über uns herziehenden Flughunde auf der Suche nach nächtlicher vegetarischer Nahrung sind.

Unser Strandbeizli

Noch ein bisschen Wikipedia-Wissen

Sri Lanka ist flächenmässig ein bisschen grösser als die Schweiz, beherbergt aber dreimal so viele Menschen. Soziologisch ist Sri Lanka eine überaus dynamische Region.

In Sri Lanka gibt es mindestens zwei wichtige Bevölkerungsgruppen, die Sighalesen – sie sprechen Sinhala und stellen den Hauptanteil der Bevölkerung – und die Tamilen, die vor allem im Indien zugewandten Norden wohnen. Die Singhalesen gehen auf nordindische Siedler zurück, die vor ungefähr 2500 Jahren hierhin kamen. Die Tamilen stammen aus Südindien. Wann sie nach Sri Lanka kamen, ist nicht ganz klar. Ich vermute, dass sich immer mehr Tamilen einfach aufgrund von politischen und Handelsverbindungen in Sri Lanka niederliessen. Z.B. umfasste im 9. Jahrhundert das Chola-Reich Südindien und Sri Lanka und sein Einflussbereich reichte bis Burma, Thailand und Malaysia.

Die Geistlichkeit im Stadtgewühl
Der lokale Markt, eine Augenweide

Die ethnische Grenze zwischen Singhalesen und Tamilen ist weitgehend auch die religiöse Grenze zwischen Buddhisten und Hindus in Sri Lanka. Die Singhalesen sind vorwiegend Buddhisten. Es gibt etwa 70 Prozent Buddhisten im Land. Die Tamilen sind hauptsächlich Hindus.

Kurz nach dem Jahr 1000 begann der Handel mit dem Römischen Reich im Westen und mit China im Osten. Die Seidenstrasse war eine wichtige Handelsstrasse für die Sri Lankischen Königreiche. Die Insel war noch nicht ein einzelner Staat, sondern bestand aus mehreren Reichen. Vor allem im 15. Jahrhundert mischten sich die Chinesen immer mehr in Sri Lankische Angelegenheiten ein, was aber letztlich zum Erstarken einer nationalen Einheitsidee wurde. Ab dem 16. Jahrhundert überboten die Europäer die Chinesen: sie mischten sich nicht nur ein, sondern machten Sri Lanka, damals noch „Ceylon“ genannt, zu ihrer Kolonie. Zwischen 1518 und 1803 gaben sich die Portugiesen, die Holländer und die Engländer in dieser Reihenfolge die Türklinke Ceylons in die Hand. Die drei Mächte machten sich Ceylon regelrecht zum Untertan. Die europäischen Kolonialisten mussten hier ziemlich gewütet haben. Die Engländer entschieden, dass statt Kaffee vor allem Tee angebaut wird und holten noch mehr Tamilen als Teepflücker in’s Land. Diese unterschieden sich natürlich von den ursprünglichen Tamilen. Manchmal habe ich bei europäischen Touristen den Eindruck, dass sie noch nie etwas von der Unabhängigkeit Sri Lankas gehört haben und immer noch meinen, Sri Lanka sei der Schrebergarten Europas.

Die Kolonialisten brachten natürlich sofort Missionare in’s Land, weil es ja nichts Vordringlicheres gab, als die Buddhisten und Hindus zum rechten Glauben zu bekehren. Das führte bald zu einer Reform des Buddhismus, der durch einen buddhistischen Mönch – der Luther Ceylons – ausgelöst wurde. Sein Ziel war, dem zunehmenden christlichen Einfluss  Einhalt zu gebieten, indem er in Abgrenzung zum Christentum eine Neukonzeption des Buddhismus vornahm. Hier schliesst sich der Kreis und wir sind wieder beim Beginn dieses Artikels angelangt.

12 Kommentare

  • Vielen Dank, lieber Peter, für diese bildhaften Beschreibungen und das Video. „Tuk-Tuk“ – wie passend 🙂
    Es sieht fabelhaft aus bei Euch, und die beschriebenen Gaumenfreuden machen neidisch.
    Herzliche Grüße aus Deutschland!

    • Danke Gitta! Aber neidisch muss da niemand sein. Gerade um die Weihnachtszeit gibt es in Mitteleuropa auch viele Gaumenfreuden, die uns hier verwehrt sind. Ich wünsche Dir schöne Festtage und einen guten Rutsch!

  • Lieber Peter, Du schreibst so lebendig und unterhaltsam, ich höre dir unheimlich gerne zu … ja, ich habe wirklich das Gefühl, dass ich dir zuhöre wie du erzählst (obwohl ich deine Stimme nur einmal kurz in einem deiner Videos gehört habe), ich empfinde es gar nicht so, als würde ich selbst lesen. es ist spannend zu erfahren wie das Leben abläuft in der völlig anderen Kultur. Liebe Grüße, @sphericon

    • Das ist ja krass, lieber Thomas, was für Komplimente Du mir hier machst. Ich werde ja tiefrot! Vielen, vielen Dank, aber ich glaube, Du übertreibst ein wenig. 🙂
      Jetzt wage ich mir nicht mehr, weitere Artikel zu veröffentlichen, weil ich immer diese Angst habe, nachzulassen….. 🙁 Ich wünsche Dir und Deiner Freundin schöne Festtage und einen gute Rutsch in ein Jahr mit weniger Hass, Bashing, Intrigen und Fakes.

  • Danke Peter für Deine immer spannenden Artikel. Es ist schön, so aus erster Hand etwas über ein Land zu erfahren, das klimatisch nicht so auf meiner Linie liegt. Aber es macht wirklich Lust, auch mal da hin zu reisen und selber zu schauen.
    Euch ganz schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins 2020.

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