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Die Lebendigkeit des Formalen oder «Wer hat Angst vor Dapertutto?»

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über die Natur-Kultur-Dichotomie nachgedacht und sie im Lichte Bruno Latours Ideen beleuchtet. Seine Schlussfolgerung, dass eine strikte Trennung von Natur und Gesellschaft zu hybriden Monsterwesen führt, ist zwar eigensinnig, reiht sich aber in ein zunehmendes Unbehagen gegenüber gewissen Denkdoktrinen ein. Es scheint, dass Grundsätze der klassischen abendländischen Tradition in Frage gestellt werden, weil sie immer öfter Beobachtungen zu widersprechen scheinen.

Während Latour feststellte, dass es zu Problemen kommt, wenn immer Gegensätze konstruiert und getrennt werden, stolperte z.B. Gotthard Günther über selbstreferentielle Aussagen, die sich zwar umgangssprachlich formulieren lassen, sich bei näherem Hinsehen aber als Zirkelschlüsse erweisen (z.B. wenn ein Kreter behauptet, dass alle Kreter Lügner seien). Beide Unbehagen – das gegenüber Dichotomien, wie das gegenüber Zirkelschlüssen – sind verwandt und lassen sich nur auflösen, wenn gewisse Paradigmen in Frage gestellt werden. Günthers Morphogrammatik will der phänomenologisch beobachteten Aufspaltung der individuellen Realität in Subjekt und Objekt (oder Gesellschaft und Natur) vorangehen.

Dichotomien in indoeuropäischen Sprachen

Es ist zwar richtig, dass Menschen vorwiegend intuitiv-gefühlsmässig urteilen  und nicht denkbasierend. Was ich oben mit „Denkdoktrinen“ meinte sind Denkformen, die sich in die Gefühlswelt fortsetzen und auch die Intuition beeinflussen. Wir haben das Gefühl, dass etwas ist oder nicht ist und kein Zwischenweg existieren kann. Und wenn ich etwas „im Gefühl habe“, dann glaube ich, dass es richtig ist. Denkdoktrinen oder Denkformen kommen vor allem über die Sprache in unsere Gefühls- und Glaubenswelt.

Anders als etwa in Mandarin oder in Fahrsi trennen die indoeuropäischen Sprachen Subjekt und Prädikat.

Aristoteles hat daraus ein Gesetz der Vernunft gemacht und seine Logik darauf aufgebaut. Descartes schied die Welt in eine res extensa und eine res cogitans.

Die westliche Kultur war dank der aristotelischen Logik und der kartesischen Physik zunächst enorm erfolgreich, gerät aber mit den Dichotomien Subjekt und Prädikat, Täter und Tätigkeit, Quantität und Qualität, Natur und Geist nach und nach in eine Krise. Der Grund dafür ist u.a. die Digitalisierung, wie ich weiter unten noch darlegen werde.

Thomas Mahler schreibt in seiner Morphogrammatik (1):

Diese Substantiv:Verb Unterscheidung innerhalb der Grammatik kann …. nicht als Beleg für eine tatsächliche Aufspaltung der ‘Realität’ in aquivalente dichotome Strukturen gewertet werden, da Sprachen existieren, in denen solche Unterscheidungen unbekannt sind, die den Menschen des jeweiligen Kulturkreises dennoch eine adäquate Kommunikation über die Welt ermöglichen.
Die dichotome Struktur der Grammatiken indoeuropäischer Sprachen, deckt sich … mit der dualistischen Form der klassischen Logik, die die grammatikalische Dichotomie auf ihre knappste Gestalt, die Spaltung von Subjekt und Objekt, verkürzt und sie zur Grundlage der abendländischen Rationalität erhebt

Berliner Schnauze – Berliner Heimat

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagte Ludwig Wittgenstein. Wenn unsre Sprache Subjekt und Objekt dermassen strikt trennt, so bin ich kaum in der Lage, über den Schatten dieser Dichotomie zu springen. Sie definiert meine Welt und meine Gefühle. Aber ich bin unter Umständen fähig, sie mit formalen Mitteln zu überwinden.

Die Natur ist konstruiert

Immer ausgeklügeltere Theorien und immer feinere und empfindlichere Instrumente machen klar, dass wir nicht die Natur beschreiben, sondern uns ein Bild von der Natur konstruieren, das von unseren Instrumenten und Theorien abhängig ist.

Carl Friederich von Weizsäcker schreibt(2):

Ein Kernstück von Sein und Zeit ist die Kritik der Cartesischen Ontologie. Dort wird gezeigt, daß Descartes nach dem Sein selbst nicht fragt. Deshalb ist es möglich, daß für ihn spezielle Bestimmungen [des Seins] zu definierenden Merkmalen seiner zwei ‘Substanzen’ werden. Die substantielle Trennung von res cogitans und res extensa nun ist die methodische Voraussetzung der gesamten klassischen Naturwissenschaft. Der sogenannte ‘naturwissenschaftliche’ Begriff methodischer Sauberkeit verlangt das absolute Vermeiden von ‘Grenzüberschreitungen’ zwischen diesen beiden Bereichen (erinnert an Latours Reinigungsarbeit; PA). Es scheint mir charakteristisch für die positive Wissenschaft unserer Zeit, daß die innere Logik ihrer eigenen Probleme sie zur Sprengung dieses Dammes zwingt. Dies wird evident in allen psychophysischen Problemen, wie etwa der Erforschung der Wahrnehmung, der Bewegung organischer Körper, des Ausdrucks. Es zeigt sich aber ebenso in der Problematik des ‘Beobachters’ in der Atomphysik

Wer immer die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise kritisiert und ihr irgend eine Relevanz für das Leben abspricht, muss also die Trennung von Objekt und Subjekt und von Natur und Kultur aufgeben und Natur im Sozialen zulassen (das ist selbstreferentiell). Wer Natur und Gesellschaft strikt trennen will, fällt dem kartesischen Irrtum anhin.

Ironie der Digitalisierung: 0 und 1 sind nicht genug!

Mit zunehmender Digitalisierung gerät die aristotelische Logik in Zugszwang. Die zweiwertige Logik, die auf dem Tertium non Datur beruht – eine Aussage ist entweder wahr oder sie ist unwahr, etwas Drittes gibt es nicht –ist für Computer nur auf der Elementarebene nützlich. Auf der Anwendungsebene kann ein Computer Objekte nur konstruieren. Ein indirektes Argument für die Existenz eines Objekts nützt einem Computer nichts, da er das Objekt ohne weitere Angaben nicht konstruieren kann. Die Ironie ist, dass der Computer selbst auf der Zweiwertigkeit basiert. Die strikte Unterscheidung «ein Leiter führt Strom oder er führt keinen Strom, etwas Drittes gibt es nicht», ist ja genau das, was das Tertium non Datur fordert. Und genau diese Unterscheidung führt nun zu Problemen, wenn ein Computer ein Objekt konstruieren soll.

Nur etwas, das vorstellbar ist, kann konstruiert werden

Selbst Zahlen sind davon betroffen, denn ein Computer kann nicht mit «unendlichen Zahlen» umgehen. Unendlichkeit ist nicht konstruierbar. Ausgerechnet die Bruchzahlen, die auf dem Dezimalsystem beruhen, also z.B. 0.1 oder 0.01, sind für einen Computer überhaupt nicht fassbar, denn sie können im Binärsystem nur als unendlichen Bruch geschrieben werden. Ein Computer schneidet aber nach ein paar Stellen ab, so dass ein Zehntel nicht genau als einen Zehntel gespeichert ist. Natürlich gibt es dazu Lösungen und alternative Darstellungsmöglichkeiten, aber das würde hier zu weit führen.

Wie bei allen Beispielen kann man auch hier über Relevanz und Präzision diskutieren. Beispielsweise bieten die Entwicklung von Wissensrepräsentationen oder von künstlicher Intelligenz viele weitere Bedürfnisse nach einem konstruktiven Formalismus, der vom Tertium non Datur absieht. Ich will damit zeigen, wie die Trennung eines dualen Begriffspaares anderswo zu Schwierigkeiten führen kann und gerade die Informatik an den Grundfesten der klassischen Logik rüttelt.

Kritik des Formalen

Immer häufiger treffe ich in meinem Wahrnehmungsbereich formalisierungs- und mathematikkritische Meinungen an, wie z.B. dass das Formale sich nur auf den «toten» (ich würde besser von «unbelebt» oder «physikalisch» sprechen) Teil der Welt anwenden lasse und das Lebendige nicht erfassen könne. Konkret wird z.B. behauptet:

  • Mathematische Objekte sind nicht Teil der Wirklichkeit.
  • Die Mathematik liefert unveränderliche ideale Formen.
  • Formale Logik ist aus logischer Sicht nicht logisch.
  • Formale Logik systematisiert das Denken.

Der Behauptung, Mathematik liefere unveränderliche ideale Formen und sei nicht Teil der Wirklichkeit, mangelt es womöglich an tieferen Kenntnissen der Mathematikgeschichte, der Philosophie der Mathematik sowie des Universalienproblems.

Aus solchen Behauptungen wird dann schnell geschlossen, dass Mathematik formalisierte Sprache sei, die zu Totalitarismus führe. Jemand hat geschrieben, dass die Menschen durch Belohnung und Bestrafung darauf konditioniert werden, auf ideale Formen der Sprache zu achten und dadurch ihr Mitgefühl und ihre Denkfähigkeit verkümmere und nur noch Gier, Neid und Hass übrigbleibe. Die Behauptung scheint mir aus den Fingern gesogen und die Schlussfolgerung willkürlich zu sein.

Andere behaupten etwas weniger spezifisch, Mathematik erzeuge Angst. Da wundere ich mich, wovor Menschen Angst haben können. Ich habe Angst vor Gespenstern, Monstern, Krieg oder Krankheiten, die mein Leben bedrohen, aber eine Wissenschaft kann mir nicht Angst machen, sondern mich allenfalls nicht interessieren.

Digitalität erhöht den formalen Anteil unseres Lebens

Während es bis vor paar Jahrzehnten noch möglich war, Mathematik einfach zu ignorieren, droht nun die Digitalisierung mit der Unausweichlichkeit, sich mit dem Formalen zu versöhnen.

Ohne Formalismus geht nichts mehr. Die Formatierung eines Textes, formelmässiges Auswerten von Daten in einer Tabellenkalkulation, Programmierung als obligatorisches Schulfach, Entwicklung von Blockchaintechniken, etc. erfordert ein weitergehendes Verständnis des Formalen. Der Vorwurf, die Welt bestünde nicht nur aus Zahlen, greift nicht mehr, weil Computer nicht in erster Linie zum Rechnen dienen, sondern zur Symbolmanipulation, wie Bildbearbeitung, Abspielen von Musik, Erfassen von Stimmungen, checken des Gesundheitszustandes, etc. Symbolmanipulation ist aber reine Mathematik.

Die Abneigung gegen alles Formale  kann von der Abwertung der Relevanz von MINT-Fächern bis hin zur Leugnung der Digitalität oder gleich von allem Faktischen führen. Wer immer sich dann anbietet, die intellektuellen Klugscheisser mundtot zu machen, hat schnell die Sympathie aller Formalisierungsgegner gewonnen. Hier erscheint Mangel an Akzeptanz des Formalen als Mangel kritischen Denkens, denn dass «des Retters» Argumentarium sich nicht an logische Grundsätze hält und voll Zirkelschlüsse und falschen Schlussfolgerungen ist, können die Formalisierungsgegner dementsprechend gar nicht feststellen, weil sie ja keine Möglichkeit zur Analyse haben.

Das Formale ist nicht starr und hat nichts mit dem Tod zu tun!

Das Leben ist voller Formalismen, Formen und Farben

Zurück zum Dichotomien-Problem stellen wir fest, dass die Trennung von nichtformal-lebendig und formal-unbelebt selbst eine Dichotomie und damit problembehaftet ist. Dichotomien gibt es nicht, es ist bloss eine Medaille mit zwei Seiten. Wie ein Baum aus einem Samenkorn hervorgeht, um dann selber wieder Samenkörner zu produzieren, so bedingen die beiden Pole einer Dichotomie einander gegenseitig.

Das Formale wäre ohne das Lebendige undenkbar und das Lebendige baut auf dem Formalen auf (z.B. die Kombinatorik der DNS-Basenpaare). Formalismus kommt von Form. Und wer möchte behaupten, das Leben sei formlos? Form und Formalismus kann vom Leben nicht getrennt werden! Wer das eine vom anderen trennt, gerät immer tiefer in die Bedrouille.

Addendum: Hoffmanns Erzählungen oder was es mit Dapertutto auf sich hat

Ich erinnere mich an Jacques Offenbachs Oper «Hoffmanns Erzählungen», die sehr lebendig und (be-)rauschend in einem studentischen Weinlokal beginnt («wer zu wenig verträgt, fällt unter’n Tische»). Hoffmann singt das Lied vom Zwerg Kleinzack und erzählt auf Drängen seiner Kommilitonen seine drei Liebesgeschichten. Darin ist sein Gegner der personifizierte Formalismus, ein Physiker, der mit allerlei formalen Tricks versucht, Hoffmann zu zerstören.

In der ersten Geschichte heisst er Spalanzani und baut einen Roboter, der äusserlich wie eine anmutige Frau aussieht, in die sich Hoffmann verliebt. Damit dieser den Fake nicht wahrnimmt, schenkt Spalanzani ihm eine Spezialbrille (als Physiker versteht er etwas von Optik), durch die alles idealisiert wird.

In der zweiten Geschichte tritt der Formalismus als Dr. Mirakel auf und entpuppt sich als Teufel, der die musikbegeisterte Geliebte Hoffmanns zu ausdauerndem Singen verleitet, bis sie, ausser Atem, tot umfällt. Das gelingt Mirakel durch Kenntnisse des formalen Aspekts der Musik, indem er vielleicht Rhythmus und Frequenz entsprechend steigert.

In der dritten Geschichte heisst der Formalismus Dapertutto und besitzt einen funkelnden Diamanten, der Hoffmann sein Spiegelbild raubt. Der tetraedrische Aufbau von Diamant ist der Inbegriff des Formalen schlechthin, während die Wahl des Spiegelbildmotivs eine erneute Anspielung auf die Optik als Teilgebiet der Physik ist.

Die Schlussszene spielt wieder im Weinlokal. Hoffmann und seine Kommilitonen sind vor lauter Formalismus betrunken. Geschwunden ist die anfängliche Lebendigkeit. Es gibt nur Formalismus oder Lebendigkeit. Das ist die Dichotomie. Aber ohne Spalanzani/Mirakel/Dapertutto wären die Liebesgeschichten nicht lebendig gewesen. Es hätte schlicht nichts zu erzählen gegeben. Und ohne die Lebendigkeit Hoffmanns hätte es Spalanzani/Mirakel/Dapertutto nicht gebraucht.

Wie löst Offenbach die Dichotomie auf? Statt alles zusammenbrechen und Hoffmann der Hoffnungslosigkeit anheimfallen zu lassen, wird er in einer Apotheose in den Götterhimmel und selbst zum Gott befördert. Damit entlässt Offenbach die Zuschauer mit gutem Gefühl nach Hause. Für mich bedeutet das jedoch, dass wer in Dichotomien denkt, nicht von dieser Welt ist.

(1) Thomas Mahler: Morphogrammatik – Eine Einführung in die Theorie der logischen Form

(2) Von Weizsäcker, C.F.: Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie. München, C. Hanser Verlag, 1977. S.244 f.

Manchmal kommt mir die Natur und manchmal ist es Gesellschaftszwang

Es gibt Menschen, die tun sich mit einer angeblichen Natur-Gesellschaft-Dichotomie schwer. Dann gibt es solche, die leugnen die Relevanz einer der beiden Kategorien und beschimpfen diejenigen, die ihre Argumente aus der geleugneten Kategorie schöpfen.

Ist die Gesellschaft konstruiert oder transzendent?

Ich hatte nie ein Problem mit einer angeblichen Natur-Gesellschaft-Dichotomie. Die Trennung zwischen Natur und Gesellschaft und zwischen Objekt und Subjekt ist nämlich nach Bruno Latour eine semantische Illusion. (1)

Nach Latour lautet das moderne Selbstverständnis:

Die Natur ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich. Die Gesellschaft ist unsere Konstruktion. Sie ist unserem Handeln immanent

Das ist allerdings eine merkwürdige Position. Ob Latour sie seiner Theorie gefügig gemacht hat oder ob es tatsächlich Menschen gibt, die das glauben? Tatsächlich ist die Natur, so wie wir sie wahrnehmen, unsere Konstruktion, wie ich z.B. in Es gibt keine absolute Gewissheit auch nicht in exakten Wissenschaften versuchte, darzulegen.

Die Wahrnehmung – Soziologen würden von «Beobachtung» sprechen – ist ja stets eine Konstruktion, oder wie ich sage: eine Modellbildung.

Latour stellt fest, dass wir gerade in der Modernen in die Natur eingreifen, um sie für unsere Zwecke nutzbar zu machen. Und gerade die Moderne macht auch die Erfahrung, dass gesellschaftliche Strukturen und Dynamiken nicht den Absichten gehorchen, die die involvierten Menschen mit ihnen haben, und es sogar Strukturdynamiken gibt, die völlig absichtslos hervorgerufen werden (2). Daraus schliesst Latour dann:

Die Natur ist unsere künstliche Konstruktion im Labor. Sie ist immanent. Die Gesellschaft ist nicht unsere Konstruktion. Sie ist transzendent und übersteigt uns unendlich

Gesellschaft als Selbstorgansiationsphänomen

Das ist nun eine dermassen übertriebene Umkehrung der Grundannahme, dass sie auch wieder hinkt. Die Gesellschaft ist als dynamische Struktur eine natürliche Erscheinung. Wenn wir sie beobachten, dann interpretieren wir sie, wie alle natürlichen Phänomene. In diesem Sinne konstruieren wir «Gesellschaft», bzw. das, was wir von ihr beobachten, wie wir überhaupt alles konstruieren, was wir beobachten.

Bruno Latour fehlt das theoretische Repertoire der Systemtheorie (3), so dass er viele sprachliche Handstände machen muss, um seine Ideen zu beschreiben.

Gesellschaft ist ein Selbstorganisationsphänomen innerhalb des Systems «Menschheit» oder «Volk». Der Begriff der Selbstorganisation wird zuweilen unterschiedlich verwendet, je nachdem, ob man eine systemtheoretische oder eine organisationstheoretische Sicht einnimmt. Organisationstheoretiker verstehen unter Selbstorganisation gemeinhin, was ich «Selbstmanagement» oder «Selbstbestimmung» nenne. In der Theorie dynamischer Systeme kommt Selbstorganisation automatisch aus Zwängen im System zustande und führt zu einer Systemstruktur, die die Funktion des Systems so unterstützt, dass die Zwänge am besten respektiert werden können. Zwar entsteht diese Struktur aufgrund kooperativen Verhaltens der einzelnen Systemelemente. Umgekehrt unterwirft die Systemstruktur das Verhalten der einzelnen Systemelemente. Selbstorganisation ist also ein natürliches Phänomen.

Gesellschaft ist eine solche Systemstruktur. Im Allgemeinen entsteht sie innerhalb grosser Systeme, also einer Gemeinschaft, die aus vielen Menschen besteht, indem sich diese Menschen «arrangieren». (4)

Gesellschaft unterwirft die einzelnen Menschen, die ihrerseits Ursache der Gesellschaft sind. Sie sind Ursache durch ihr Handeln, sei es, indem sie das Web erfinden oder sich zum Diktator erheben. Beides an sich wäre als Tat eines Einzelnen irrelevant, wenn sie nicht die gesellschaftliche Struktur verändern würden. Das Web ist eine Technologie, die auf (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnis aufbaut. Latour spricht in diesem Zusammenhang von einem Hybrid oder Quasiobjekt, manchmal sogar von einem Monstrum. Aber das Web wird nicht zum Monstrum, weil es an sich monströs ist, sondern weil die modernen Menschen seine hybride Struktur nicht eingestehen wollen, d.h. weil sie Natur(-wissenschaft) und Gesellschaft strikt trennen. Latour sagt, dass sich die Modernen diese Trennung einbilden und sich darauf etwas einbilden. Wer von Natur-Gesellschaft-Dichotomie spricht, fühlt sich modern erhaben.

Technologien sind hybride Zwitterwesen – halb naturbezogen, halb gesellschaftlich verhängt

Latour ist wahrlich kein Konstruktivist, wenn er moderne Technologien als eigenständige Wesen sieht, die durch Delegation und Repräsentation in die Gesellschaft eingreifen. Er vergleicht sie mit Immigranten, die zwar hergebeten werden und uns Einheimischen zunächst viele wertvolle Geschenke mitbringen, ohne dass wir nennenswerte Gegengaben überreichen müssen. Irgendwelche Ansprüche auf Mitgestaltung der Verhältnisse stellen die Fremden zunächst auch nicht. Die Trennung von Einheimischen und Eingewanderten, bzw. Herren und Sklaven, scheint perfekt zu sein im Sinne einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Aber es kommen immer mehr Einwanderer und bald sind sie in der Überzahl und bestimmen die Geschicke der Gesellschaft, in der wir leben.

In der Zwei-Klassen-Gesellschaft kann das nur passieren, weil wir Natur und Gesellschaft strikt trennen. Nach Latour halte die Moderne am modernen Selbstverständnis durch Fiktionalisierung fest:

Auch, wenn wir die Natur konstruieren ist es, als konstruierten wir sie nicht. Auch wenn wir die Gesellschaft nicht konstruieren ist es, als konstruierten wir sie. Natur und Gesellschaft müssen strikt getrennt bleiben

Latour versteht die Einführung innovativer Technologien als Vermittlung zwischen Natur und Gesellschaft. Die Moderne vermehrt diese Hybridwesen in immer schnelleren Zyklen. Um das moderne Selbstverständnis aufrecht zu erhalten, müssen die Hybride laufend «gereinigt» werden, damit ihre natürlichen und gesellschaftlichen Aspekte strikt getrennt bleiben. Die Reinigungsarbeit besteht also darin, in der Sprache die technischen Aspekte von den gesellschaftlichen, rechtlichen, politischen und oekonomischen Aspekten zu trennen. Sogar die Schule unterrichtet strikt getrennte Fächer! Oder, wie jüngst Guido Augustin in seinem Blog schreib: Er denkt bei „Digitalisierung“, „Technologie“ und „Fortschritt“ an „Hardware“ und „Software“

latour

Reinigungsarbeiter

Beispielsweise betreibt auch Helmuth Plessner (5) mit seiner exzentrischen Positionalität moderne Reinigungsarbeit im Sinne Latours und trägt damit zur strikten Trennung von Natur und Gesellschaft bei. Zunächst fragt er ganz unverfänglich nach dem Unterschied zwischen belebten und unbelebten Phänomenen und findet eine strikte Grenze durch die Tatsache, dass belebte Organismen eine Grenze zu ihrer Umwelt bilden. Vielleicht gab es Mitte des letzten Jahrhunderts einfach noch zu wenig Wissen, um die Frage zu beantworten. Die Bezeichnungen «belebt» und «unbelebt» sind jedoch bloss Wortschöpfungen, die Plessner zu unkritisch übernahm. Eine Grenze kann nicht gezogen werden!

Das Mimivirus ist eines der grössten bisher entdeckten Viren. Seine DNA verfügt über 1260 Gene, die teilweise bisher nur bei zellulären Organismen bekannt waren. Auf Grund der aussergewöhnlich komplexen genetischen Ausstattung liegt das Mimivirus zwischen unbelebter und belebter Natur.

Nachdem Plessner diese Frage (lediglich) zu seiner Zufriedenheit beantwortet hat, greift er die nächste Frage auf: Wie organisieren sich lebende Phänomene? Die Frage wäre sinnlos, hätte er verstanden, dass er «lebende Phänomene» gar nicht abgrenzen kann. Plessner unterscheidet zwischen Tier und Mensch, obwohl es auch da keine Grenze gibt. Das ist meines Erachtens der Sündenfall, der überhaupt zu der Natur-Gesellschaft-Dichotomie führt. Nach Plessner haben Pflanzen kein zentrales Organ und sind daher «offen organisiert». Tiere seien zentrisch organisiert und lebten aus einem Mittelpunkt heraus. Die Organisationsform des Menschen sei dagegen «ex-zentrisch», weil der Mensch ein reflexives Verhältnis zu seinem Leben habe, beispielsweise über sein Selbstbewusstsein.

Ein Oktopus hat beispielsweise 9 Gehirne, lebt als nicht aus einem Mittelpunkt heraus und ist trotzdem ein Tier, erst noch ein sehr cleveres Tier! Der Mensch kann von anderen Tieren nicht abgegrenzt werden, weil es keine Art gab, die zum ersten Mal Mensch war. Wie das Mimivirus gab es auch menschliche oder vormenschliche Zwischenarten, die die einen noch als Tier, die anderen als Mensch bezeichnen würden. Selbstreflexion kommt nicht aus einer zentralen Ecke unseres Gehirns, das scheint uns bloss so.

Das (Selbst-)Bewusstsein ist eine Illusion, die uns zu Abgrenzungen verführt

Die Illusion eines zentralen Ichs verführt uns Menschen daran zu glauben, wir seien irgendetwas Besonderes und die Welt hätte auf uns gewartet («Unergründlichkeit des Menschen» bei Plessner). Es ist für mich aufregend, wenn ich einen Vortrag vor auch nur wenigen Personen halte, wenn ich eine Reise antrete, wenn ich ein paar Likes erhalte oder wenn ich sterbe. Wir haben stets das Gefühl, die Welt drehe sich um uns. Die einzige Unterscheidung zu anderen Tieren ist die Intensität des Werkzeuggebrauchs, in Latours Terminologie also die Zahl der Hybride. Zwar sind auch die primitiven Werkzeuge der anderen Primaten gesellschaftsbildend, aber doch nie in dem Masse wie bei uns Menschen.

Die ichbezogene Weltsicht führt unweigerlich zur Abgrenzung gegenüber unserer Umwelt. Das ist der Anfang. Daraus erwächst unser angeblich wissenschaftliche Hang zu Taxonomien und Systematiken. Wir grenzen zu viel ab, wo es eigentlich nichts abzugrenzen gibt. Man kann wohl skalieren. Es gibt klar unbelebte und klar belebte Phänomene. Es gibt klar natürliche und klar gesellschaftliche Phänomene. Es gibt klar physische und klar psychische Phänomene. Aber es gibt keine klaren Grenzen. Irgendwo in der Mitte verschwimmen die Kategorien.

Unser Hang zur Abgrenzung ist indessen nicht nur ein sprachliches Problem. Es wirkt sich aus auf unsere Gefühle, unseren Glauben und unsere Entscheidungen und Handlungen. Abgrenzungen sind Ursache für Fremdenhass, Rassismus und Sexismus und lassen Völker aufeinanderprallen. Abgrenzung ist immer Entweder-oder und folgt dem logischen Gesetz des ausgeschlossenen Dritten, dass bei erhöhter Komplexität nicht mehr anwendbar ist. Vielmehr müssen wir lernen, in Sowohl-als-auch-Kategorien zu denken: nicht «Natur vs. Gesellschaft», sondern «gleichzeitig Natur und Gesellschaft».

(1) Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen – Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-29461-1

(2) Diese Erfahrung wird neuerdings in einem Anflug vermeintlicher Originalität als «VUCA» bezeichnet.

(3) Ich habe auch den Eindruck, dass Latour die Sprache der Mathematik fehlt. Vor allem sein letztes Werk «Existenzweisen» wäre vermutlich mit mathematischer Sprache prägnater und verständlicher darstellbar.

(4) Einzelne Versuche, etwas zu verändern, nennt man in der Systemtheorie «Fluktuationen». Das können linke Demonstrationen für eine bessere Welt oder populistisch-kapitalistische Husarenstücke oder sonst welche Propaganda sein, auch wenn sie nicht im Links-Rechts-Schema ablaufen. Fluktuationen werden vom System zunächst stets unterdrückt. Halten sie an und übersteigt ihre Wucht eine gewisse Schwelle, können sie durchdringen und das ganze System erfassen.

(5)Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie (1928)