Guten Tag! Wie geht es Dir?

Meistens ist das eine leere Höflichkeitsfloskel. Aber wenn ich einen guten Freund seit langer Zeit nicht mehr gesehen habe, so ist die Frage nach seinem Befinden ehrlich gemeint. Und ich möchte mehr wissen über das, was er so macht. Man hat sich so einiges zu erzählen.

Wie praktisch, wenn ich alle paar Wochen etwas von ihm lesen oder sehen könnte und nicht nur, wenn wir uns alle paar Jahre zufälligerweise über den Weg laufen. Einige Menschen verschicken einen sogenannten Weihnachtsbrief. Da kriege ich dann am Ende des Jahres ein Dutzend mehrseitiger Briefe, sowohl von guten Freunden als auch von entfernteren Bekannten. Und alle diese Briefe müsste ich dann lesen, um u.a. zu erfahren, was diese Menschen vor Monaten gemacht haben. Die Menge an Informationen überfordert mich, der Mangel an Aktualität langweilt mich.

SoMe-Überdruss

Zum Glück gibt es heute Social Media, eine grossartige Erfindung. Allerdings ist es wie mit allen technischen Mitteln: man muss sie bedienen können. Natürlich möchte der geneigte Leser von mir lieber einen Reisebericht oder eine Geschichte lesen, als „gescheite“ Worte über Social Media (SoMe). Aber der grassierende Überdruss an Social Media gibt mir so zu denken, dass ich etwas dazu sagen muss.

Mir kommen zwei Argumente gegen SoMe in den Sinn. Das eine ist die Angst vor Überwachung und Verlust der Privacy. Das andere Argument ist die Feststellung, SoMe mache abhängig und raube einem Zeit, die man für Besseres einsetzen könne. Darüber gibt es einen wunderbaren Blogartikel von Ende 2017 von cjakubetz: Der wachsende Überdruss an Social Media.
Mit „wunderbar“ meine ich, dass er den vollständigen Jammerkatalog an Argumenten gegen SoMe zusammenfasst, so dass ich es hier nicht zu wiederholen brauche. Ich brauche hier nicht zu zitieren, dass dort steht

Tatsächlich merke ich, wie mich insbesondere Facebook erstaunlich zu langweilen beginnt. Ich bemerke, dass ich aus meiner Zeit bei Facebook kaum mehr Nutzen ziehe. Dass mich das ganze Zeug mehr ablenkt als weiterbringt. Und dass ich mit jedem Klick dort einer gigantischen Suchtmaschine auf den Leim gehe

Die Apps haben jeden Tag bei mir gepusht. Wenn es schon nichts gab, was mit mir im Zusammenhang stand, dann hat mit anderen: Irgendjemand aus meinem Bekanntenkreis gefällt irgendwas. Oder soundsoviel Leute haben den Tweet von irgendjemand geretweeted

Ich frage mich, warum in aller Welt seine Apps pushen. Mail-Benachrichtigungen hat er doch sicher längst abgestellt und ebenfalls die App-Symbolindikatoren. Bei mir pushen jedenfalls keine Apps, von denen ich es nicht möchte.

„Mehr ablenkt als weiterbringt“? Wohin sollten die SoMe ihn denn bringen? Hoffentlich nicht zu weit!

Und dann „Sucht“? SoMe sind nie eine Sucht, wenn man sich ehrlich mit den Beiträgen der echten Freunde beschäftigt. Eine Sucht kann z.B. youtube demjenigen vermitteln, der sich an skurrilen paranormalen oder verschwörungstheoretischen Videos aufgeilt.

Es gibt vermutlich Millionen solcher schlimmen Videos. Wer viele davon konsumiert, dem werden auf der Startseite immer wieder ähnlich Vorschläge unterbreitet, die er dann auch sehen „muss“. Die geheimnisvollen angeblichen Tatsachen ziehen den youtube-Konsumenten förmlich in einen Strudel, aus dem er nicht mehr entkommt. Das kann dann als „Sucht“ bezeichnet werden. Wer allerdings weiss, dass das alles bloss Fake, Anmache und Wichtigtuerei ist (mit grossen Zuschauerzahlen lässt sich gutes Geld verdienen), bleibt von dieser „Sucht“ befreit.

Dieser "Geistereffekt" lässt sich mit modernen Videobearbeitungsprogrammen leicht erreichen

Facebook: was machst Du gerade?

Facebook ist für mich die Yellowpresse unter den SoMe. Ganz sicher gehören keine ernsthaften Beiträge in den Facebook-Stream (wenn schon, dann in eine Gruppe). Da niemand mehr Facebook ernst nimmt, kann man dort ohne Bedenken seichte Inhalte veröffentlichen, insbesondere auch Berichte über das, was man gerade so macht, was ja auch Facebooks Frage ist. Facebook fragt nicht danach, was Sie über eine politische Richtung denken oder wie das Schulsystem Ihrer Meinung nach aussehen sollte. Facebook fragt nur: „was machst Du gerade?“

Damit Sie aber dann nicht jeden Quatsch sehen müssen, folgen Sie bloss einem ausgelesenen Kreis alter Freunde und lieben Bekannten, deren Befinden Ihnen schon immer am Herzen lag oder von denen Sie wirklich gerne wissen möchten, was sie machen. Auf Facebook veröffentliche ich durchschnittlich im Wochenrhythmus ein paar Fotos von einem Ausflug, zusammen mit einem Bericht in saloppem Stil. Einfach bloss Bilder vom sonntäglichen Zoobesuch ohne Text zu veröffentlichen, geht gar nicht. Ich möchte ja wissen, ob meine Bekannte in den Zoo gegangen ist, weil ihr die Decke drohte, auf den Kopf zu fallen oder weil sie sich das letzte Mal vorgenommen hat, wieder einmal das Raubtiergehege anzusehen, wozu keine Zeit blieb. Ich möchte wissen, was sie beim Anblick der Szene, die sie fotografisch festgehalten hat, gedacht hat und warum sie gerade diese Perspektive wählte, etc. etc.

Z.B. machten wir kürzlich einen Ausflug in einen der letzten Regenwälder Sri Lankas. Natürlich hat es hier viel Dschungel, aber ein Regenwald braucht ein bestimmtes Mikroklima und Wetter, das nur in einer bestimmten Höhe vorkommt, etc. Ich lese jeweils um die 5-6 Bilder aus – mehr als 10 sollte man im selben Beitrag nicht veröffentlichen – und schreibe etwas, mal mehr, mal weniger. Diesmal war es weniger:

Wir sind heute und morgen im Rainforest National Park Sinharaja. Das ist natürlich sehr eindrücklich, einmal in einem richtigen Regenwald zu sein. Da gibt’s allerlei zu gucken, wie z.B. diese müde Echse mit der Knollennase. Sie hängt faul am Baum und bewegt sich nicht einmal, wenn man sie anstößt.
Schau mal, Papa Papillon Marc de Roche: dieser schwarze Flecken am Baum besteht aus Dutzenden grosser, haariger Raupen. Sie werden später wohl größere Flatterer werden, als dieser schöne Schmetterling, den Du bestimmt kennst. Er hat etwa eine Spannweite von 8-10 cm.
Jenseits des Regenwaldes ist ein Dorf, dessen einzige Verbindung zu Aussenwelt durch den Wald führt. Daher muss man ständig Motorfahrräder ausweichen.

Facebook als grösstes gemeinschaftliches Teilermedium

Dabei erwähne ich z.B. Spezialitäten oder Kuriositäten die nicht im Wikipedia stehen oder spreche bestimmte Freunde an, um von ihnen wieder etwas zu hören und von ihrer Expertise zu profitieren. Ich kann aber nicht jedesmal, wenn wir etwas erlebt haben, einen ganzen Blogartikel schreiben. Für paar Eindrücke ist Facebook genau richtig und es gibt kaum eine geeignete Alternative. Natürlich ist die erzwungene Separierung von Bilder und Text ärgerlich, aber dafür haben fast alle Freunde, die angeblich gerne ab und zu von uns lesen, Zugang zu Facebook. Kürzlich besuchte uns eine junge Frau, etwas über 30, die hier in Sri Lanka ebenfalls Fuss fassen will. Um in Kontakt zu bleiben, könnte man die e-Mailadressen oder die Telefonnummern (für Whatsapp) austauschen. Aber man einigt sich meistens auf Facebook, aus verschiedenen Gründen: hier im speziellen Fall hatte die Lady tatsächlich bloss einen Facebook-Account. Für Facebook spricht aber auch, dass man nicht nur die Möglichkeit haben will, sich gegebenenfalls zu kontaktieren. Sie will vielleicht beiläufig wissen, wie es unserem Haus geht und wir sind gespannt, wie weit ihr Projekt gediehen ist.

Den paar Yuppies in Zentraleuropa und vielleicht in den USA, die auf sehr hohem Niveau über Facebook et al. klagen, sich darüber langweilen und aussteigen, stehen Milliarden Facebookanwender in Südeuropa und Asien gegenüber, die Facebook mit Genuss bedienen. Die Facebook-Aussteiger (und diejenigen, die sich noch immer der Digitalisierung entziehen) muss ich dann über andere Kanäle informieren. So habe ich kürzlich eine Idee eines Twitterers übernommen, vermehrt Geräusche aufzunehmen. Das kann entweder mit einem kurzen Video geschehen oder mit der Recorder-App, die meist standardmässig auf jedem Smartphone installiert ist. Ich poste nun jeden Tag einen #SoundofSriLanka Tweet mit einem Kürzestvideo über die heisige Welt. Ich habe mir einmal vorgenommen, dies ein Jahr durchzuhalten. Toi, toi, toi!

Eines der täglichen Twittervideo

Auf Instagram publiziere ich schon lange Bilder von den Orten, wo ich mich gerade aufhalte. Manchmal sind es Landschaften oder Städteansichten, manchmal aber auch minimalistische Ausschnitte von einzelnen Gegenständen oder Personen. Ich glaube, auf Instagram besteht mein Publikum eher aus Personen, die an Fotografie interessiert sind, als aus „alten Freunden“. Aber grundsätzlich spreche ich meine Freunde auch auf diesem Kanal an. Dann bleiben immer noch einige, die durch die SoMe-Maschen fallen. Ich kann sie vielleicht noch via Whatsapp-Stati erreichen. Eine Schwägerin muss ich visuelle Eindrücke per „PostCard Creator“-App der Schweizerischen Post schicken.

Eines der letzten Instagram-Veröffentlichungen: eine Architektur aus Colombo

Zeit für Freunde

Ich weiss, dass viele meiner Freunde meine Beiträge schätzen und spannend finden. Angeblich. Sie bestätigen es mir jeweils ganz spontan, wenn wir uns vielleicht einmal im Jahr treffen. Für mich ist es eine Art Reiseberichterstattung, die ich nicht aus Mitteilungsdrang mache, sondern vor allem für mich, um das Erlebte Revue passieren zu lassen und darüber zu reflektieren.

Wenn also Freunde sagen: Wir benutzen Facebook nicht mehr, weil es uns Zeit stiehlt und deprimiert, dann bedauere ich das. Man kann SoMe gewinnbringend einsetzen. Ich bin sogar überzeugt, dass SoMe eine friedensichernde Funktion haben. Klar, sie tragen auch zum Hass bei, aber der Hass besteht unabhängig von SoMe. So wie SoMe meinen Hass in die Welt tragen können, so können SoMe auch meinen Wille zum Frieden in die Welt tragen.

Wie können SoMe Zeit rauben? Man macht immer das mit der subjektiv höchsten Priorität. Wenn man glaubt, dass der Kunde unzufrieden wird, wenn man sich jetzt nicht um ihn kümmert, dann kümmert man sich jetzt um ihm. Wenn man glaubt, etwas für den Seelenfrieden zu machen, wenn man einen Spielfilm guckt, dann guckt man TV und nicht, weil man gerade Zeit hat. Wer stundenlang in Facebook blättert und liest (obwohl es ihn langweilt), der will das eben jetzt. Er könnte z.B. schnell in die Twitter-Timeline switchen, um festzustellen, wie schnell die Facebook-Timeline vergessen ist. Das kann er zum Anlass nehmen, um von Twitter in eine andere App zu switchen, z.B. in die Tolino-App, um ein angefangenes Buch zu Ende zu lesen. Und schon ist er der „SoMe-Sucht“ entflohen.

Eines ist aber sicher: die Beschäftigung mit lieben Freunden ist tatsächlich zeitraubend, ob ich nun diese Freunde physisch treffe oder von ihnen in einem SoMe lese. Das physische Treffen ist sogar noch zeitraubender. Wer viele Freunde hat, braucht auch viel Zeit, es sei denn, er interessiert sich nicht dafür. Aber dann sind es auch keine Freunde.

Der Papiersarg

Den Vogel abgeschossen hat das Google-Produkt Papiersarg für Handies. Ausgerechnet von Google!

Was ist denn das für eine kranke Idee? Das Smartphone, das digitale Schweizer Offiziersmesser mit Hunderten von Tools, wird auf eine Grundfunktion beschränkt, das Telefonieren. Ausgerechnet Telefonieren, die wohl zeitraubendste und zermürbendste, wenn auch unbedeutendste Tätigkeit, für die ein Handy gebraucht werden kann (ich glaube, ich habe noch nie jemand direkt erreicht, den ich anrufen wollte). Ich benutze mein Smartphone für alles andere, nur sicher nicht zum Telefonieren! Beispielsweise tauchen in jedem Gespräch Fragen auf, die mit Wikipedia schnell beantwortet sind (aber das wird ja von alten, weissen Männern betrieben). Oder wie finden Sie das Haus der Freunde, die Sie für heute Abend zur Housewarmingparty eingeladen haben, wenn nicht mit Google Maps. Und die Visitenkarte des neuen Geschäftspartners schreiben Sie lieber von Hand in ein „Carnet der Kontakte“ statt schnell mit dem Handy zu fotografieren? Und was ist mit dem Terminkalender? Laufen Sie jetzt mit dem neuen „hübschen Filofax in Pastell“ herum?

Ich verglich schon oft die Motorisierung mit der Digitalisierung, die ersterer mit einer Phasenverschiebung von knapp 100 Jahren folgt. Beide Trends sind Techniken, die dank geeigneter Miniaturisierung die Gesellschaft geprägt haben und prägen. Heute ist den meisten Menschen kaum mehr bewusst, wie abhängig sie von den Verkehrsmitteln sind, allen voran natürlich das Auto, das für die meisten zum Lebensalltag gehört (ich selbst habe nie gelernt, einen Wagen zu fahren; ich bin aus Gründen „Motorisierungsverweigerer“). Damals ist niemand auf die Idee gekommen, daraus eine Generationenfrage zu machen, von Mobilitäts-Detox zu reden oder gar eine Einrichtung anzubieten, die das Getriebe eines Autos sperrt, so dass es im Leerlauf mit einem vorgespannten Pferd bloss noch als Kutsche dient. Und immerhin wäre die Motivation dazu nicht ganz von der Hand zu weisen, fordert der Verkehr doch Hunderttausende Todesopfer. Nicht so bei der Digitalisierung! Die wird dennoch schnell zum Teufelswerk erklärt. Wenn’s so einfach wäre!

5 Kommentare

  • Lieber Peter
    Gut geschrieben, für Dich stimmt das sicher 100%, denn DU weisst, was DU tust, denn DU hast noch gelernt, selber zu denken und DICH zu konzentrieren. Heute bin ich der Onkel eines kleinen Mädchens welches sich fast nicht mehr konzentrieren kann weil es bei jeder Gelegenheit mit Erlaubnis der „dummen“, „faulen“ Mama das Handy wieder benutzen darf und anschauen kann was es will. Es konsumiert nur noch. Spielen ist alles. Und obwohl in der 1. Klasse, weiss es wie man Fotos macht und ins FB und ins Instagram stellt. Wie man Filmchen anschaut die gerade daher kommen, Wie man Spiele herunterholt und los legt damit. Spielen, Mode, Schuhe, Gesang, Tanzen aber kein Rechnen, Schreiben, Lesen, Verstehen, Produzieren. 20 Minuten Konzentration um Zahlen zwischen 1 und 10 Zusammenzuzählen, und Farn^ben zu sortieren, aber dann ist Schluss. OK, sie ist jetzt 5 Jahre und 3 Monate alt. Kann ja noch besser werden. Hoffen wir es. Du hast gelernt zu Denken. Wie sollen den Kinder und Jugendliche heute noch lernen selber zu Denken und danach Ideen umzusetzen, dazu angeregt werden bei dieser digitalisierten Informations-Flut die eben nur konsumiert wird und wenig zum produzieren anregt. Einer Informationsflut der sogar Erwachsene nicht nmehr gewachsen sind, Stress ist das Resultat, daher heute eben skepitsch bis ablehnend gegenüber stehen. Und dies oft zu recht. Nun denn, für den der weiss was er sucht ist die digitale Landschaft etwas wunderbares. Aber eben, vergessen wir dabei den Nachwuchs nicht.

  • Danke, lieber Josef, für den Kommentar. Kinder haben das Recht, spielen zu dürfen. Das Mädchen lernt dabei viel, z.B. Facebook zu bedienen. Früher erhielten wir Spielzeugautos, die wir brummend durch Strassen schoben, die wir zuvor mit Klötzchen gebaut hatten. Es wäre niemandem in den Sinn gekommen, uns oder unsere Eltern deswegen zu tadeln. Später lernten viele, ein richtiges Auto zu fahren und sich im Verkehr zurecht zu finden. Auch Deine Nichte wird sich in der digitalen Welt zurechtfinden müssen, und ich bin sicher, dass sie es schaffen wird.

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