Strukturen dienen der Funktionalität komplexer Systemen

Management kann viel von der Natur und vom Leben lernen. Leben ist komplex. Leben ist aber auch vielschichtig und beginnt gewiss auf der biologischen Ebene. Wie sieht dort die Natur des Lebens aus? Manche würden hier darüber räsonieren, ob es sich eher nur um komplizierte denn komplexe Abläufe handelt, aber das tut hier nichts zur Sache. Komplexität ist graduell. Die Biochemie der Zelle hat auf jeden Fall einen geweissen Komplexitätsgrad.

 

Komplexität kommt durch Abhängigkeiten und Dynamiken zustande

Schon auf der biochemischen und biologischen Ebene des Lebens gibt es lauter gesetzmässige Abläufe, Reaktionen, Schnittstellen, Notwendigkeiten und Zufälle! Auch auf höheren Ebenen finden wir immer wieder Prozesse, Hierarchien, Zwänge, Abhängigkeiten. Man denke z.B. an ein Biotop wie der Serengeti mit ihren Löwenfamilien und Gnuherden. Das Leben eines Affen verläuft in strengen hierarchischen und konventionalen Bahnen.

Wenn wir jemand auf der Strasse zufällig auswählen und fragen, was ihm am oder im Leben komplex erscheint, wird er vielleicht antworten: „Komplex ist mein Leben wegen der vielen Abhängigkeiten und Vorschriften, die ich befolgen muss, wegen der vielen Abläufe, die ich einhalten muss und wegen der vielen Konventionen, die ich beachten muss. Ich sehe vor lauter Bäumen, den Wald nicht mehr!“

Das ist im Management und insbesondere im Projektmanagement nicht anders. Z.B. müssen wir in Projekten den Werkvertrag beachten, die neuen Wissensfelder des PMBOK, die Laune des Kunden, die Regeln des agilen Projektmanagements oder die Einschätzung des CEO, wie strategisch das Projekt ist.

 

Abläufe und Prozesse erhöhen die Komplexität

In Komplexität revisited1 habe beschrieben, wie ein einfaches physikalisches System von einer niedereren auf eine höhere Komplexitätsstufe gelangt und was dabei passiert. Genauso verhält es sich mit unseren kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen, in denen wir uns befinden (um nicht die negative Formulierung zu verwenden: „…in denen wir gefangen sind, wie der Affe in seiner Horde“).

Im physikalischen System kam es zu Konvektionszellen. Aus der Sicht eines Flüssigkeitspakets ist eine Konvektion ein Ablauf und alle die Konvektionszellen zusammen unterliegen einem Prozess. Zuvor war die Flüssigkeit in einem symmetrischen, also unordentlichen Zustand hoher Entropie, in dem sich alle Flüssigkeitspakete frei gegeneinander bewegten. Der Prozess führte zu einem Symmetriebruch und strukturierte das System.

Symmetriebrechende Prozesse sind also ein Charakteristikum einer höheren Komplexitätsstufe. Unsere Welt ist deshalb so komplex, weil es so viele Prozesse und Abläufe gib!

 

Prozesse reduzieren die Entropie, nicht die Komplexität!

In seinem ausserordentlich spannenden Blog wandelweb2 erklärte Paul Bayer das Wheeler-Chart. Auf der unteren Ebene befindet sich das System in einem strukturlosen Zustand hoher Entropie. Auf der oberen Ebene ist das System durch Prozesse strukturiert.

Prozessdesign wird also nicht gemacht, um Komplexität und Ungewissheit zu reduzieren, wie z.B. Schreyögg noch 1999 meinte. Nach Schreyögg ist „die organisatorische Strukturbildung in den Prozess einzuordnen, der die Umweltkomplexität auf ein für das System bearbeitbares Maß“ reduziert3.

Durch Prozesse, Verabredungen, Konventionen und Policies nimmt die Komplexität des Systems vielmehr zu. Dank dieser Komplexität kann das System – die Organisation, das Projekt – funktionieren. Das wurde mir in letzter Zeit immer klarer, als ich über den Sinn von Prozessen nachdachte.

Abschliessend möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass Prozesse nur funktionieren, wenn sie mit dem System kompatibel und untereinander kohärent sind. Sinnlose oder überladene Prozesse, die von Bürokraten künstlich am Leben gehalten werden, machen das System instabil und führen zum Kollabs.

1Addor, P. Komplexität revisited. August 2008
http://www.anchor.ch/wordpress/komplexitat/komplexitat-revisited-2

2Bayer, P. Das Wheeler-Chart. November 2007.
http://www.wandelweb.de/blog/?p=31

3Schreyögg, G. Organisation – Grundlagen moderner Organisationsgestaltung. 3. Aufl. Wiesbaden 1999: Gabler

16 Gedanken zu „Strukturen dienen der Funktionalität komplexer Systemen“

  1. Hallo Peter,

    vielen Dank für den Blogtipp (wandelweb) – wirklich sehr spannend!

    Was hälst Du von dieser Idee zum Thema Prozesse und Komplexität:

    Prozese an sich erhöhen zwar die Komplexität, das Design KANN aber Komplexität verringern, wenn es ZB:

    – den Prozess „schlank“ hält
    – Schulungen und Lernerfahrungen ermöglicht (Stabilität, Reduktion der Entropie)
    – das Vertrauen in die Funktionalität erhöht
    – für Transparenz sorgt
    – für „Einfachheit“ in den Abläufen sorgt

    Das Prozessdesign in Kombination mit der einfachen Handhabung etc., kann also verhindern, dass viele weitere Prozesse entstehen. (Und in diesem Sinne Komplexität reduzieren…)

    Das ist aus meiner Perspektive auch ein Unterschied zur Standardisierung, in der man oft ein Vorgehen vorgibt und in deren Folge viele Prozesse entstehen, da sich das Vorgehen nicht für alle Situationen eignet…

    Die Natur und das Leben sind, glaube ich, zu jeder Zeit gute Lehrmeister 🙂
    Und da kann es nichts Schaden einige Klassiker zu kennen
    (Die unerwünschte Prozesse vom Plan fernhalten):

    -> Vertrauen
    -> Wertschätzung /Kommitment
    -> Gemeinsame mentale Modelle
    -> Dankbarkeit (Geben & Nehmen)
    -> Konstruktiver Umgang mit Fehlern
    -> …

    Komplexitätsreduktion könnte man also vielleicht so verstehen,
    das man sorge dafür trägt, dass unerwünschte Prozesse möglichst nicht in Gang kommen,
    oder wie siehtst Du das?

    PS: Die alte Sichtweise erscheint mir geläufiger…

    Viele Grüsse und weiterhin einen schönen Sonntag!
    Bernd

  2. Hallo Bernd

    Deine Designempfehlungen

    – den Prozess “schlank” hält
    – Schulungen und Lernerfahrungen ermöglicht (Stabilität, Reduktion der Entropie)
    – das Vertrauen in die Funktionalität erhöht
    – für Transparenz sorgt
    – für “Einfachheit” in den Abläufen sorgt

    finde ich prima und kann ich unterstützen. Ich bin froh, dass Du mein Plädoyer für Prozesse, (aber gegen Bürokratismus) richtig verstanden hast. 😉

    Hingegen ist es mir jedesmal wie ein Stich in Herz, wenn Du schreibst „Komplexität reduzieren“. Ich will Komplexität niemals, aber wirklich NIEMALS reduzieren! Komplex ist das Gehirn oder wahlweise das Bewusstsein. Ich möchte weder mein Gehirn, noch mein Bewusstsein reduziert wissen.

    Was es zu reduzieren gilt, ist die Entropie. Das kann man zwar nicht, aber man kann die Entropie auslagern. Bitte nicht Komplexität mit Entropie verwechseln!

    Herzliche Grüsse,
    Peter

  3. Hallo Peter,

    ich ahne viel Weisheit „zwischen Deinen Zeilen“.
    …und sorry, für den Stich im Herzen…

    Ich selbst kenne Entropie eher aus diesem Kontext:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Entropie_(Sozialwissenschaften)

    Finde es also völlig verständlich, wenn Du sagst, dass Entropie die Größe ist,
    die verringert werden muss.

    Was ich schwerer verstehe, ist die Frage warum Komplexität ausschließlich und immer erhöht werden sollte.

    Mal angenommen ich bin Komplex
    (Wie Du schon sagst, unser Gehirn / Bewusstsein ist es ja auch… ),
    dann möchte ich Komplexer sein, als mein Umfeld,
    ZB, damit ich darin agieren kann.

    Logo ist ein Weg resilient zu werden und zu lernen, also „komplexer“ zu werden
    *Und ja, ich möchte auch lieber lernen, als alles um mich herum „klein“ zu halten
    oder dafür zu sorgen, dass sich nichts mehr entwickelt -> vorallem ich nicht^^* 🙂

    Aber es ist doch dennoch auch mein Interesse und Weg die Komplexität
    mit der ich es zu tun habe zu filtern, damit ich mit der Fülle überhaupt umgehen kann.
    (Es hat sich ja nun schon rumgesprochen, dass die Welt komplexer ist, als wir…)

    Damit will ich jetzt nicht dazu aufrufen alle Filter gut zu stärken und mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen….
    …aber es ist doch auch sehr wichtig für mich fokussiert zu bleiben.

    Wenn ich also beispielsweise kein Kommitment habe, entstehen zwar viele Prozesse und eine höhere Komplexität, aber der Fokus und das Erreichen beispielsweise eines gemeinsamen Zieles geht verloren.

    Dieses Filtern würde ich als das Wort beschreiben, dass ich heute in Deinem Blog nicht mehr nenne =)

    –> Oder täusche ich mich da jetzt?

    Ebenso herzliche Grüsse!
    Bernd

  4. (schmunzel) Vielen Dank, lieber Bernd, dass Du diesen scheusslichen Begriff hier nicht mehr nennst 🙂 Das ist sehr rücksichtsvoll von Dir. Aber ich bin natürlich nicht das Mass aller Dinge und weiss, dass ich mit meinem Komplexitätsverständnis gegen Windmühlen kämpfe. 😉

    Du sprichst ja verschiedene Facetten an. Ich möchte nur auf eine eingehen. Du schreibst: Ich „möchte … komplexer sein, als mein Umfeld, z.B. damit ich darin agieren kann…Aber es ist doch dennoch auch mein Interesse und Weg, die Komplexität, mit der ich es zu tun habe, zu filtern, damit ich mit der Fülle überhaupt umgehen kann“ (habe mir erlaubt, paar Rechtschreibfehler zu korrigieren).

    1. Das klingt für mich ein wenig widersprüchlich. Willst Du jetzt komplexer als die Umwelt sein, oder willst Du die Komplexität der Umwelt filtern? Ein Ausweg aus dem Widerspruch wäre für mich die Feststellung, dass Fülle nicht gleich Komplexität ist. Was Du als „Fülle“ bezeichnest, könnte eben eine Art Entropie sein, die es tatsächlich gilt, zu reduzieren.

    2. Wenn Du mit „Filter“ Wahrnehmungsfilter meinst, dann brauchst Du Dir keine Mühe zu geben. Unser Gehirn zensiert nicht nur, wo die Realität zu viel Fülle aufweist, es ersetzt sogar allzu viele Fülle durch erfundene „einfache Realitäten“. Mit anderen Worten: Meine Psyche filtert mir sonst schon zu viel heraus, da brauche ich mir nicht auch noch bewusste Filteranstrengungen zu machen.

    Herzlichst,
    Peter

  5. 😀 *lach, gern geschehen*

    Ich verstehe Deine Antwort so, dass Du überzeugt davon bist und ich finde das offen gesagt völlig OK…
    …zudem bist Du hier der >Spezialist früher sprach man davon dass sich mehr Bläschen zwischen den Synapsen bilden^^, heute hört man immer öfter, dass man auch ein anderes Bewusstsein für die Sache entwickelt <-

    und ich lerne besser, weil ich mich bewusst nicht überfordere.
    Für mich stellt das keinen Widerspruch in sich dar….

    Unsere unbewussten Wahrnehmungsfilter meinte ich dabei also nicht,
    auch wenn ich über sie auf den Gedankengang gekommen bin 😉

    Danke für den netten Austausch!
    Bernd

  6. Sry for Doppelkommentar, der Vorherige wurde offensichtlich aufgrund von Sonderzeichen zerstückelt…

    Hier also die Korrektur:

    😀 *lach, gern geschehen*

    Ich verstehe Deine Antwort so, dass Du überzeugt davon bist und ich finde das offen gesagt völlig OK…
    …zudem bist Du hier der -Spezialist- 🙂

    Zur Komplexität und Fülle:

    Komplexität ist für mich nicht zwangsläufig mit Fülle gleichzusetzen.

    Ein Aquarium beispielweise ist also auch dann komplex, wenn nur 1 Fisch darin schwimmt 😉

    In meinem vorhergehenden Kommentar meinte ich,
    einen Teil der Komplexität absichtlich
    unberücksichtigt zu lassen,
    um einen anderen Teil besser erfahren zu können.

    Meine Erfahrungen, mein Lernen macht mich komplexer

    – früher sprach man davon dass sich mehr Bläschen zwischen den Synapsen bilden^^, heute hört man immer öfter, dass man auch ein anderes Bewusstsein für die Sache entwickelt –

    und ich lerne besser, weil ich mich bewusst nicht überfordere.
    Für mich stellt das keinen Widerspruch in sich dar….

    Unsere unbewussten Wahrnehmungsfilter meinte ich dabei also nicht,
    auch wenn ich über sie auf den Gedankengang gekommen bin 😉

    Danke für den netten Austausch!
    Bernd

  7. Guten Morgen, lieber Bernd!

    Du fragst, ob ein Aquarium, in dem nur ein Fisch schwimmt, auch komplex sei. Möglich! Jedenfalls ist ein Aquarium-System, das dicht gedrängt mit lebenden Fischen gefüllt ist, nicht deswegen komplex.

    Du schlägst dann vor, einen Teil der Komplexität absichtlich unberücksichtigt zu lassen, um einen anderen Teil besser erfahren zu können. Ist das jetzt nicht genau diejenige Vorgehensweise, die zwar in der abendländischen Kultur seit über 2000 Jahren gelehrt wird, aber uns mittlerweile in eine globale Krise geführt hat? Nämlich das Zerlegen eines Systems oder Problems in Sub-Systeme und Teilprobleme, um diese angeblich besser handhaben zu können. Adam Smith hat es nochmals vorgemacht und alle Manager dieser Zeit sind leider immer noch überzeugt, dass man Probleme löst, wie man isst: häppchenweise.

    Ich glaube, während man sich auf einen Teil der Komplexität fokussiert, um diesen „besser erfahren zu können“, schlägt derjenige Teil der Komplexität, den man absichtlich unberücksichtigt lässt, zurück. Die einzelnen Teile beeinflussen sich nämlich gegenseitig.

    Die gegenseitige Beeinflussung der Teile darf nicht als Ursache-Wirkung-Kette verstanden werden. Vielmehr beeinflusst der von mir fokussierte Teil denjenigen, den ich unberücksichtig liess, der verändert sich und wirkt auf den im Fokus stehenden zurück. Man spricht von Feedback-Schleifen. Wehe dem also, der sich nur auf einen Teil konzentriert und andere Teile des Systems ausblendet!

    Herzlichst,
    Peter

  8. Vielen Dank für Deine Ausführung Peter!

    Ganzheitlichkeit ist anscheinend eben keine einfache „Kopfsache“….
    (Im Sinne von Definieren, Separieren etc.)

    PS: Eigentlich dachte ich im Klartext, ich würde erst schwimmen lernen wollen,
    bevor ich den Fisch suche *oder so* 😉

    Aber ich glaube zu wissen, was Du meinst, und finde sehr wichtig, was Du schreibst!

    Was zählt ist das Ergebnis für das „Ganze“…
    …und sobald ein Teil schaden nimmt oder „reduziert“ wird, wirkt das im Ganzen (schädlich).
    (Ohne dabei reversibel zu sein…)

    Viele Grüße,
    Bernd

  9. Hallo Peter,

    immer wieder aufs Neue spannend unsere Diskussionen zu Komplexität. Ich nehme zu Deinem folgenden Satz Bezug

    „Durch Prozesse, Verabredungen, Konventionen und Policies nimmt die Komplexität des Systems vielmehr zu. Dank dieser Komplexität kann das System – die Organisation, das Projekt – funktionieren.“

    und stelle meine Sicht kurz dar

    „Durch Prozesse, Verabredungen, Konventionen und Policies nimmt die Komplexität eines Systems ab. Wir benötigen diese als Verständigungsbasis, da wir sonst nicht miteinander agieren könnten. Durch diese Basis trivialisieren wir, jedoch geht die Umwelt diese Trivialisierung nicht mit. Das System darf also nicht zu trivial werden. Denn trotz dieser Komplexitätsabnahme ist das System noch in der Lage zu funktionieren, wenn diese im Gegensatz zu der Komplexität der Umwelt nicht zu drastisch ausfällt. Hier ist also ein Spagat gefragt.“

    Das möchte ich kurz erklären. Wann ist für mich eine Situation komplex? Eine Situation ist für mich je komplexer …

    — … desto mehr Lösungswege mir theoretisch zur Verfügung stehen, von denen ich im Vorfeld nicht abschätzen, welche zum Erfolg führen.
    — … desto undurchsichtiger die Situation ist, ich also nicht in der Lage bin die Situation zu beschreiben.
    — … desto volatiler die Situation ist, ich also das Gefühl habe, dass sich meine Wahrnehmung von der Situation immer wieder ändert.
    — … desto mehr ich das Gefühl habe eine ähnliche Situation noch nicht durchlebt zu haben, ich also nicht auf angelerntes Wissen zurück greifen kann.

    Sicherlich ist diese Aufzählung noch nicht erschöpfend. Sie reicht aber aus, eine Reflektion auf Prozesse durchzuführen. Denn was passiert bei dem Ausführen von Prozessen? Menschen führen Prozesse aus, weil sie daran glauben, dass genau dieser Prozess zum Erfolg führt. Dass diese Sicherheit sehr oft nur eine Scheinsicherheit darstellt, sei mal dahin gestellt. Im ersten Moment aber wird durch Prozesse der Möglichkeitsraum an Handlungen der Menschen eingeschränkt (Trivialisierung). Die Komplexität des Systems sinkt. Werden nun die Menschen zu „Prozessreitern“ kann es sein, dass die Komplexität des eigenen Systems (Unternehmen) im Vergleich zu der Komplexität der Umwelt (Markt) so stark sinkt, dass das System nicht mehr lebensfähig ist (Gesetz von Ashby).

    An dieser Stelle ist dann eine Lockerung von Konventionen gefragt, was dazu führen kann, dass den Menschen in einem Team die Verständigungsbasis abhanden kommt. In diesem Sinne führt also eine Komplexitätszunahme des Systems, in dem keine Einschränkungen auf Handlungen der Menschen „per Gesetz“ erlassen werden, zu einer Annäherung an die Komplexität der Umwelt des Systems, jedoch darf das nicht auf Kosten der Verständigungsbasis geschehen.

    Das ist der Spagat, den ich oben angesprochen habe.

    Mir ist bewusst, dass wir bei unseren Diskussionen zur Komplexität sehr oft an diesem Punkt „gestritten“ haben. Vielleicht sind wir ja auch gar nicht so weit auseinander und wir sehen nur das Versöhnungselement nur nicht.

    Beste Grüße,
    Conny

  10. Genau, Conny, das ist die übliche Lesart der Situation, wie sie Schreyögg 1999 beschrieben hat. Aber was Du als Komplexität beschreibst, nenne ich eben, wie Du weisst, Entropie.

    Ich habe mich gefragt, wie ich die Analogie zu den Benardzellen in einem Unternehmen schaffe. Wenn Du die Benardschen Konvektionszellen betrachtest, dann sind das ja eigentlich Prozesse. Konvektion ist ein Prozess. Das macht also die höhere Komplexität des Systems aus.

    Anstatt das physikalische System „Flüssigkeitsschicht“ kannst Du auch eine Stadt oder das Gehirn nehmen. Die Komplexität dieser Systeme kommt ebenfalls durch Prozesse zustande. Also, habe ich daraus den Schluss gezogen, dass es Prozesse sind, die die Komplexität ausmachen und die Entropie exportieren.

    Im Nachhinein leuchtete mir diese Erkenntnis auch ein: Wie anders als durch Prozesse, willst Du denn die Energie dissipieren, die das Unternehmen benötigt, um den erforderlichen Output zu generieren?

    Herzlichst,
    Peter

  11. Hallo Peter,

    ich glaube zu verstehen. Wenn ich den Begriff „Prozesse“ höre, dann impliziert das in mir gleich das Gefühl, dass diese Prozesse von Menschen explizit definiert sein müssen und im Sinne eines Prozessmanagements immer wieder optimiert und dokumentiert werden. Das beobachtet man ja heutzutage in vielen Unternehmen (Stichwort: Business Process Management). Prozesse verkommen in diesem Sinne zu einem Selbstzweck und führen dann weder zu einer Komplexitäts- noch zu einer Entropieerhöhung (in meiner Semantik), sondern zu einer Abnahme und damit zu einer unangemessenen Trivialisierung.

    Das ist aber nicht das was in einem Analogon natürlich bei Prozessen bei den Benardschen Konvektionszellen zu beobachten ist. Es bleibt also die Frage offen, wie die Bildung von Prozessen in der Natur auf die Bildung von Prozessen in unserer Gesellschaft übertragen werden kann.

    Allerdings, und sorry dafür, habe ich den Unterschied, den Du zwischen Entropie und Komplexität ziehst, noch immer nicht verstanden. Ich weiß, Du hast bereits mehrere Anläufe vollzogen. Es ist mir aber immer noch nicht transparent.

    Beste Grüße,
    Conny

  12. Ja, da hast Du allerdings recht. Prozesse verkommen oft zu einem Selbstzweck. Davor habe ich in meinem Blogartikel in den letzten Zeile ja gewarnt und gesagt, dass es nicht das ist, was ich meine.

    Allerdings sprichst Du eine interessante Sache an, die ich mich im Zusammenhang mit der Selbstorganisationsdiskussion immer wieder frage: Was oft als Selbstorganisation bezeichnet wird, ist m.E. höchstens Selbstmanagement, weil Menschen die Organisation explizit managen. Selbstorganisation z.B. in einem Vogel- oder Fischschwarm geschieht jedoch automatisch, vergleichbar mit einer Kleidermode. Haken nennt Selbstorganisationsphänomene dann ja auch „Moden“.

    Und genau so eine Mode muss ein Prozess sein. Das heisst allerdings nicht, dass der Prozess nicht durch einen Menschen explizit designed und initiiert werden kann. Nur muss er dann von der Organisation adaptiert und „geatmet“ werden. Der Prozess muss allen „in Fleisch und Blut“ übergehen, er muss zu einer Mode werden, so dass die Angestellten sagen: „Das machen wir so und so, das ist bei uns so eine Mode“.

    In der Wirtschaft und Gesellschaft ist der Gebrauch von IT schlechthin und speziell von mobilen Informatikmittel zur Mode geworden und trägt sehr zur Komplexität bei, die wir modernerweise antreffen.

    Ad Komplexität/Entropie: Für mich sind dynamische Struktur und gegenseitige Abhängigkeiten Charakteristiken von Komplexität. Komplexe Systeme sind z.B. Gehirn, Bewusstsein, Gesellschaft, aber durchaus auch Ameisenhaufen, Grossstadt, Biotop, etc. Wenn Du in solchen Systeme Komplexität reduzierst, zerstörst Du die Systeme.

    Die Erzeugung und Aufrechterhaltung von dynamischer Struktur und gegenseitiger Abhängigkeit führt zu Konflikten, Unregelmässigkeiten und Störungen. Das fasse ich in Anlehnung an den thermodynamischen Begriff der Entropie als solche auf. Und es stellt sich heraus, dass es exakt das ist, was die Leute als Komplexität oder oft auch als „schlechte“ oder „negative“ Komplexität bezeichnen.

    Herzlichst,
    Peter

  13. Hallo lieber Peter,

    nach einer kleinen Erinnerungspause (an Themen, die ich lernte, bevor ich mich mit IT beschäftigt habe) noch eine Idee dazu:

    Wenn wir einen Vogel sehen, „sehen“ wir ihn nicht wirklich “ausserhalb” unserer selbst,
    sondern wir konstruieren ein Bild von ihm incl. diverser Bedeutungen, die wir “dazuschreiben“ IN UNS. Dazu verwenden wir unsere Sinnesorgane und unser Gehirn / Bewusstsein etc…
    Unter Umständen kann es uns daher auch passieren, dass wir den Vogel “falsch” (rot statt grün – ich ignoriere grade mal, dass es Farben eigentlich nicht gibt 😉 ) oder gar nicht konstruieren, obwohl er “objektiv” da ist / anders aussieht.

    Daraus folgere ich:
    Jeder Prozess, (den wir wahrnehmen, auf den wir uns fokussieren), läßt also UNSERE Wirklichkeit / unser Bewusstsein etc. komplexer werden.
    Es handelt sich aus dieser Perspektive tatsächlich um eine Einbahnstr. in der Alles (für uns) nur komplexer werden kann.
    Darin lag ja meine Irritation 😉

    Wir konstruieren die Wirklichkeit mit Hilfe von Kommunikation bzw Information. Wir verabreden also zum Beispiel, welche Frequenz „blau“ heißt 😉 oder welche Zeiteinheiten wo verwendet werden etc.

    Versteht man Entropie nun als Informationsverlust / Informationsmangel, wird klar, warum sie reduziert werden muss. (Unsere Wirklichkeitsauffassung würde sonst verzerrt, wir würden krank und schlimmeres etc.)

    Den meisten Menschen dürfte völlig unbewusst sein, dass sie ständig konstruieren.
    Sieht man die Wirklichkeit (also auch Prozesse) in Folge dessen als etwas Absolutes und Äußeres, auf dass man „reduzierend“ Einfluß nehmen kann und das man (von Aussen) kontrollieren oder (nur mit dem Verstand) analysieren will, kann man also schnell den Eindruck bekommen, man könnte die Komplexität (im Aussen) reduzieren.
    Auch mir geht / ging das so….

    Zurück zu den Prozessen.
    Die Idee, Prozesse zu designen (schlank etc.), beinhaltet schon, dass man sie verstehen und handhaben können will (man muss, wenn sie so sind, nichts mehr red…. Nein, ab jetzt spar ich mir das Wort wieder :D…. )

    Eine weitere sinnvolle Idee wäre aus meiner Sicht nun, dem Rechnung zu tragen, dass sich (lebende, auch soziale) Systeme VON INNEN quasie aus sich selbst heraus „entwickeln“ / „erhalten“ / „organisieren“ und ein Red-gespart^^ 😀 etc. VON AUSSEN den Systemen mehr schadet als nutzt, egal wie gut mans meinen mag…

    Deine Aussage, dass die Mitarbeiter einen Prozess „atmen“ müssen (der Prozess also „Innen Leben muss“ etc.) und die Annahme, dass durch „Entropie“ die Energie für die Umsetzung etc. entsteht, gefällt mir aus dieser Perspektive sehr gut.

    Es ist, glaube ich, oft ein Mangel, der uns aktiv werden lässt
    (auch ZB bei E-Spannung der Mangel an Elektronen an einem Pol).

    Übrigens, wußtest Du, dass Einsteins Relativitätstheorie, selbst nach mehreren Jahren, nur von ca 12 Menschen auf der ganzen Welt verstanden wurde?
    Dinge, die unser Weltbild tangieren ohne es zu bestätigen, können wir nicht so einfach „glauben“, geschweige denn verstehen…

    Ich erinnere mich an ein unterhaltsames Buch von Watzlawick:
    „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“
    …um mal etwas Werbung für „ein Bewusstsein unserer Außensicht“ zu machen 😉

    PS:
    Dies ist für mich ein Austausch
    und der Kommentar nur ein Beitrag und
    vielleicht Anregung…

    Herzliche Grüsse,
    Bernd

  14. Lieber Bernd

    Wow, ich bin entzückt! Du hast mich ganz genau verstanden und beschrieben, was ich meinte, besser als ich es getan habe. Vielen Dank.

    Vielleicht hätte ich nicht das unselige Wort „Prozess“ verwenden sollen. Ich dachte tatsächlich an – wie hast Du’s beschrieben? – eine Systementwicklung von Innen aus sich selbst heraus. Aber ich würde nicht verbieten, dass das ein Einzelner initiiert oder anregt, nicht autoritär, sondern als Vorschlag.

    Solche Entwicklungen führen vielleicht eher zu einer Firmenkultur, als zu „Prozesse“ in hartem Sinne. Aber zu einer Firmenkultur können durchaus auch gute, schlanke, nützliche Prozesse gehören. Die meinte ich!

    Ja, ja, dass die allgemeine Relativitätstheorie ein harter Brocken ist, weiss ich sehr gut. Die spezielle kann man noch verstehen, ist es doch eine Art neu aufgelegter Pythagoras. Noch schwieriger zu verstehen als die allgemeine Relativitätstheorie ist jedoch die Quantentheorie. Da wäre mal eine neue Idee vonnöten! 🙂

    Herzlichst,
    Peter

  15. Hallo zusammen,

    und genau hier schließt sich der Kreis in meinem Kopf. Danke.

    Wir können unsere Umwelt nur über Modelle wahrnehmen. Die Modellbildung bewirkt aber, dass das Abbild der Umwelt, welches in unserem Bewusstsein dann vorhanden ist, und auf dem wir herumdenken, eine geringere Komplexität hat als die der „Umwelt an sich“.

    Auf dieses Abbild werden auch Prozesse definiert oder meinetwegen eingeatmet. Die Ausführung dieser Prozesse hat dann wieder Rückkopplungen über die Umwelt auf die Wahrnehmung dieser Auswirkungen in das System hinein. Je vielfältiger diese Prozesse desto größer ist auch die Eigenkomplexität des Systems. Allerdings, basieren diese Prozesse auf ein nicht passendes Modell, hilft diese Komplexität dann nicht weiter, um die Umwelt zu handhaben. Da ein Modell niemals 100% passend sein kann, sonst wäre es kein Modell und wie würden auch gar nicht damit umgehen können, wird auch die Eigenkomplexität des Systems nie ausreichend sein, die Umwelt zu steuern (Gesetz von Ashby). Deshalb spreche ich auch immer nur von Handhaben der Komplexität der Umwelt, nicht von Beherrschen.

    Wenn ich also das Verhältnis von Eigenkomplexität (des Systems) und der Fremdkomplexität (der Umwelt) betrachte, ist dieses immer kleiner als 1, da das System die „Umwelt an sich“ nicht wahrnehmen kann. Das System benötigt Prozesse um in der Umwelt zu überleben. Das bedeutet, Prozesse sind erst einmal dafür verantwortlich das dass Verhältnis kleiner als 1 wird. Das meinte ich immer, und nicht ganz korrekt ausgedrückt, mit Sinken der Komplexität. Das System kann aber gar nicht anders. Das Verhältnis kann sich aber der 1 nähern (nie erreichen), je vielfältiger und passender die Prozesse des Systems sind.

    Beste Grüße,
    Conny

  16. 🙂 Nein Peter,

    ich habe zu danken!

    Ich glaube auch, dass diese Sichtweise der Kultur zuträglich wäre.
    Schon allein, weil die Menschen sich besser identifizieren können und zugehörig fühlen,
    wenn „ihnen“ oder ihrem Team etc. die Prozesse, die sie leben (sollen), auch „gehören“ (Kontingenz),
    die Wichtigkeit von „Informationen“ transparent ist
    und Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind….

    Identifikation ist, glaube ich, eine wichtige Schnittstelle vom Inneren zum Äußeren….

    Leider wird an diesem Punkt aber viel zu oft der Matthäus verwechselt
    *ums mal so auszudrücken^^* und nicht nur Kapital verbrannt…;)

    Ein schöner Link dazu:
    http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/identifikation.php

    Beste Grüße,
    Bernd

    PS:
    Diese Meinung entspringt meiner derzeitigen persönlichen Sichtweise aus Vorbildung & Recherchen etc. …

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