Das Smartwork Camp 2016 – anregend und spannend

swcg2Das Smartwork Camp 2016 in Graz wurde ausgeschrieben als «ein[en] Ort, an dem Menschen offen, kreativ und gestalterisch über aktuelle Herausforderungen und zukünftige Möglichkeiten neuer Arbeit nachdenken» können. Weil ich mich seit langem mit dem komplexitätssteigernden Einfluss der Digitalisierung auf Arbeit und Bildung beschäftige, fühlte ich mich von der Ausschreibung angesprochen und entschloss, an der Veranstaltung teilzunehmen. Das gab mir auch die Gelegenheit, einige Freunde zu besuchen, die in Graz wohnen.

Aktuelle Herausforderungen wurden aufgegriffen

Das Camp war nicht als ein reines Barcamp aufgezogen, sondern folgte einer wohlüberlegten Entwicklungslinie, die die Teilnehmer abholt und langsam zu Teilgebern werden lässt. Ich fand diese Mischung aus Impulsvorträgen, «Think Tanks» (Diskussionsrunden) und «Future Labs» (Barcamp Sessions) ausserordentlich gelungen.

Die Impulsvorträge waren allesamt spannend und regten zum Nachdenken an, auch wenn die meisten nicht explizit die Zukunft der Arbeit im Fokus hatten. Es ging um Selbstbestimmung und -verwirklichung, Sinnsuche und Wertewandel in der Vergangenheit. Das sind grundsätzlich alles zeitlose Kategorien. Zwar wurde ab und zu anstehende Veränderungen erwähnt, ohne jedoch deren Auslöser zu nennen.

Aus meiner Sicht betrafen vor allem die Vorträge von Johannes Lindner über Enterpreneurship Education und von Andreas Zeuch über Unternehmensdemokratie zukünftige Arbeitsorganisationen. Die aktuellen Diskussionen gehen alle in der Richtung, dass künftig hochgradig selbstbestimmt und in hierarchiefreien, vernetzen und holokratischen Organisationen gearbeitet wird, die nur noch schemenhaft geografisch lokalisierbar sein werden.

Andreas hat eine informative Zusammenfassung vom ersten Camptag geschrieben, den ich hier nicht auch nochmals beschreiben will.

Soziale Konsequenzen der Digitalisierung?

Die Think Tanks hatten wohl die Aufgabe, Nachdenken über die Zukunft der Arbeit zu stimulieren und die Teilnehmer an Partizipation und Kollaboration zu gewöhnen, so dass sie sich fit fühlten, am zweiten Tag eigene Barcamp Sessions anzubieten.

Die sechs Think Tanks schienen mir drei Themen zu adressieren:

1) Technik als Auslöser des aktuellen Umbruchs:

  • Automatisierung & Industrie 4.0
  • Digitale Transformation

2) Soziale und gesellschaftliche Implikationen der neuen Technik:

  • Menschen & Werte
  • Kreative Wissensgesellschaft

3) Auswirkungen auf die Arbeitswelt:

  • Kreativität & Innovation
  • Start-Ups & Unternehmertum

swcg1Interessanterweise wurde in den Technikgruppen vor allem über Technik und in den anderen Gruppen eher über Softfactors diskutiert, die aber die heutige Arbeitswelt betreffen. Die Statements wurden auf Post-its geschrieben und an Pinwänden geklebt.

Es gelang für mein Dafürhalten nicht zufriedenstellend genug, die technischen Disruption in einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang fortzusetzen und daraus die Rahmenbedingungen für die zukünftige Arbeitswelt abzuleiten. Das beobachte ich nicht nur an der Smartwork, sondern überall, wo über Arbeit 4.0 nachgedacht wird. Ich glaube, menschliches Denken ist immer mehr oder weniger in der Gegenwart verhaftet. Dietrich Dörner nannte das «die Überbewertung des aktuellen Motivs».

Das Auto war früher, was der Computer heute

Ich vergleiche die aktuelle technologische Disruption gerne mit der Einführung und Verbreitung der Transportmittel. Leider wird dieser Disruption viel zu wenig Beachtung geschenkt. Erst das Aufkommen effizienter Transportmittel ermöglichte regionale und globale Märkte, was bewirkte, dass nun jeder Produzent grossflächig anbieten konnte. Um aber den benötigten Output bewerkstelligen zu können, musste maschinell und normiert produziert werden, was der eigentliche Auslöser der Industrialisierung war.

Eine schöne Outline dazu bietet der Blogartikel Ein offener Brief an alle, die in ihrem Leben etwas mit Arbeit zu tun hat von Guido Bosbach, der die Auswirkungen auf die Arbeitswelt anschaulich beschreibt.

Als Ende des 19. Jahrhunderts das Auto als persönliches Transportmittel eingeführt wurde, war das ziemlich vergleichbar mit der Einführung des PC ziemlich genau 100 Jahre später. Insofern wären wir mit der Digitalisierung heute da, wo die Einführung des Autos 1916 war. Man diskutierte viel über Sinn und Unsinn des Autos, ob man noch atmen kann, wenn man schneller als 20 km/h fährt und ob das Auto nicht grundsätzlich verboten werden sollte. Nur über tausende von Verkehrsopfer diskutierte man meines Wissens kaum, weil sich niemand vorstellen konnte, wie viele Autos es dereinst geben wird.

Sobald sich die Autos bei einigen Pionieren etablieren konnte, musste zuerst ein internationales Strassennetz gebaut werden. Auch das gab Anlass zu technischen Diskussionen, ob die Strassen breit genug seien und welcher Belag man benötige (Strassenbeläge waren bis dahin ja ziemliches Neuland; es gab Kieswege und Kopfsteinpflaster, das für die ersten Autos aber nicht sehr günstig war).

Nachdem sich das Auto endgültig durchsetzte – auch gefördert durch die Kriege – war alles festgelegt. Unternehmen, die noch immer mit Pferdewagen auslieferten, kamen buchstäblich unter die Räder. Die negativen Seiten des Strassenverkehrs, an den wir heute gewohnt sind, wurden stillschweigend in Kauf genommen. Spätestens in den 1970er Jahren hatte jeder ein Auto – fast. Die Entwicklung geht weiter, obwohl es sich um eine über 100jährige Technologie handelt. Heutige Autos sind mit digitaler Technologie ausgestattet und übermitteln alle Fahrdaten an die Hersteller, derweil darüber diskutiert wird, was Webunternehmen mit «unseren» Daten machen. Im Zusammenhang mit der Automobiltechnologie wird alles akzeptiert, weil es heute nicht mehr ohne Auto geht. In ein paar Jahren wird auch alles akzeptiert, was mit der Computertechnologie zusammenhängt.

Erst die Digitaltechnologie ermöglicht neue (Management-)Konzepte

 

Die Computertechnologie ermöglicht viele neue Kulturen. Das wichtigste, was ich vom Smartwork Camp mitgenommen habe, ist die Erkenntnis aus einem zu kurzen Gespräch mit Andreas Zeuch. Ich fragte ihn, warum gerade jetzt viele Konzepte in der Diskussion auftauchen, die eigentlich gar nichts mit digitaler Technik zu tun haben: Augenhöhe, Holokratie, agiles (Projekt-)Management, Design Thinking, Flipped Classroom oder eben Unternehmensdemokratie. Andreas meinte, dass Demokratie ja eher einen netzwerkartigen Charakter habe und daher in der vernetzten Digitaltechnologie abgebildet und durch sie gefördert werde. Nur mit der Digitaltechnologie gelingt es, kollaborativ und mobil und damit demokratisch zu arbeiten.

Offenbar sind alle die schönen vielversprechenden Konzepte deshalb gerade jetzt in aller Leuten Munde, weil sie erst durch die Digitaltechnologie ermöglicht werden. Genau das sollte aber meines Erachtens transparent gemacht werden. Flipped Classroom hätte man grundsätzlich schon vor 50 Jahren einführen können. Aber so richtig Sinn macht es eben erst, wenn in der Vorbereitung Videos von der Vorlesung des Dozenten bereitgestellt werden kann und in der Nachbereitung die Studenten das Gelernte in einem Google Dokument kollaborativ konsolidieren können.

Man müsste jetzt erklären, inwiefern die Digitaltechnologie agiles Management oder Design Thinking fördert. Ohne, dass diese Konzepte in der Digitalisierung verankert sind, haben sie wohl kaum eine Überlebenschance.

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Nichtsdestotrotz war das Smartwork Camp in Graz «ein Ort, an dem Menschen offen, kreativ und gestalterisch über aktuelle Herausforderungen und zukünftige Möglichkeiten neuer Arbeit» nachgedacht haben. Dieses Versprechen hat die Veranstaltung vollkommen eingelöst.

4 Gedanken zu „Das Smartwork Camp 2016 – anregend und spannend“

  1. Lieber Peter,

    Danke für deine differenzierte und spannende Auseinandersetzung mit dem ersten SMARTWORK camp. Besonders hängen geblieben bin ich bei: „Es gelang für mein Dafürhalten nicht zufriedenstellend genug, die technischen Disruption in einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang fortzusetzen und daraus die Rahmenbedingungen für die zukünftige Arbeitswelt abzuleiten. “ Und das eben – wie du schreibst – nicht nur im SMARTWORK camp sondern generell in der Diskussion um Arbeit 4.0.

    Genau dies war ein wichtiger Antrieb für uns , SMARTWORK ins Leben zu rufen – als Vision: nämlich auch in dem Bewusstsein, dass es mit einer Veranstaltung noch nicht gelingen wird, zu den neuralgischen Punkten vorzustoßen und es daher eine Initiative braucht, die ausgehend von den ersten Diskussionen in den Think Tanks nun Schritt für Schritt weiter in die Tiefe geht.

    Danke, dass es dir gelungen ist, den neuralgischen Punkt in so prägnante Worte zu fassen: „die technischen Disruption in einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang fortzusetzen“ – um daraus dann Rahmenbedingungen für die Zukunft der Arbeit ableiten zu können.

    Ich denke, das könnte Ausgangspunkt eines konkreten Think Tanks sein- vielleicht ja auch virtuell: Die Möglichkeit, wie du schreibst, haben wir ja jetzt.

    Liebste Grüße aus Graz!
    Sabine

    1. Liebe Sabine

      … vielleicht auch von zwei Think Tanks. Ein Vorgehen könnte ja sein, dass

      – die „Techniker“ in den Werte-ThinkTank wechseln und die Aufgabe haben, die Auswirkungen ihrer technischen Neuerungen auf die Werte zu matchen, die von der Wertegruppe vorgängig erarbeitet wurde und umgekehrt,

      – die Mitglieder der Wertegruppe in den Technik-ThinkTank wechseln, um zu entscheiden, welche ihrer Werte durch welche technischen Neuerungen gefördert werden, die von den Technikern zuvor identifiziert wurden.

      Deine Idee, die Arbeit ortsunabhängig und damit auch zeitlich verteilt zumindest vorzubereiten, finde ich besonders spannend. Es wird ja dann vermutlich so heraus kommen, dass die Einzelnen vielleicht zunächst etwas längere Statements abgeben, die aber dann zu einprägsamen Parolen verkürzt werden müssten.

      Dazu würde sich Slack besonders gut eignen. Es gäbe einen Channel „Statements Technik“ und einen Channel „Parolen Technik“ (desgleichen für Werte und Gesellschaft).

      In der Slack-Gruppe „Arbeit40“, die ich an der Smartwork auch vorgestellt hatte, arbeiten wir bereits auf diese Weise. Siehe „Community II/16“ auf http://flowcampus.com/schwerpunkt/.

      Im Frühjahr wird der MOOC „Leuchtfeuer 4.0“ stattfinden (https://mooin.oncampus.de/course/view.php?id=30&lang=de). Er fokussiert vor allem die Schnittstelle Arbeit-Bildung. Vielleicht nimmt ja die eine oder der andere #SWCG16-Teilnehmer daran teil.

      Ich freute mich über Deine persönliche Nachricht und sende ebenfalls

      liebste Grüsse,
      Peter

  2. Digitalisierung und neue Computertechnologien haben großen Einfluss auf Arbeitswelt und Kommunikation der Menschen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass verschiedene Werkzeuge, die auf Vereinfachung und Optimierung der Arbeit zielen und in der Digitalepoche weiter entwickelt sind, zwar Projektmanagement revolutionieren, aber man kennt diese seit vielen Jahren. Ich verwende z. B. Kanban Tool (https://kanbantool.com/de). Das ist nichts anderes als die alte Methode, die auf kleine Zettel basiert. Aber für mich ist die digitale Version mehr bequem und erfüllt alle meine Erfahrungen 😉

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