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Mit medialer Zusammenarbeit in das 21. Jahrhundert

Im zehnten und letzten Kapitel von Werner Hartmanns und Alois Hundertpfunds Buch über Digital Kompetenz geht es um Virtuelle Zusammenarbeit und die Fähigkeit, ortsunabhängig in einem Team zusammenzuarbeiten (1).

„Virtuell“ oder „medial“?

Statt «virtuell» möchte ich die Zusammenarbeit lieber «medial» nennen, denn das, was Hartmann und Hundertpfund meinen, ist keineswegs virtuell, sondern sehr real. Aber ohne Zweifel handelt es sich um eine wichtige Kompetenz von Menschen, die in komplexen Systemen handeln und agieren. Alles was Hartmann und Hundertpfund ausführen, wird zumindest innerhalb der «Educational Communities» des Webs längst gefordert und es gibt unzählige Um- und Durchsetzungsideen. Lobenswert sind die Vorschläge für die Schule, die Hartmann/Hundert in diesem Kapitel machen.

Das herkömmliche Schulmodell als Norm

Es gibt jedoch mächtige kognitive und affektive Kräfte, die sich zusammentun und sowohl die Studierenden als auch die Lehrenden glauben zu machen, dass es keine triftigen Gründe gebe, vom Status quo abzuweichen, wie ihn Jeremias Gotthelf in seinem Roman «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» 1838 geschildert hat: Die Schule ist ein Ort der Wissensvermittlung, die dadurch stattfindet, dass ein erfahrener Lehrer seinen zahlreichen Schülern erklärt, wie die Welt funktioniert. Diese saugen das Wissen des Älteren dankbar in sich hinein, indem sie still zuhören und eventuell Notizen machen, die sie später zuhause aufarbeiten wollen.

Die Verbreitung des herkömmlichen Lehrens. Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century - LESSONS FROM AROUND THE WORLD»
Die Verbreitung des herkömmlichen Lehrens. Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD»

Mir scheint, dass alles daraufabzielt, Strategien zu finden, um zusätzlichen Aufwand zu vermeiden. Solange es keinen Grund für eine aufwändige Intervention gibt, wird sie auf alle Fälle unterlassen. Dabei hilft das Festhalten am herkömmlichen Schulmodell.

Eine spieltheoretische Pattsituation

Ich identifiziere vier Parteien in diesem Spiel: die Studierenden, die Lehrenden, die Schuladministrationen und -behörden sowie die eigentlichen «Kunden», nämlich die Gesellschaft, die Unternehmen, die eingangs erwähnten «educational communities» und eventuell die Eltern (wobei diese in der Hochschullehre eine untergeordnete Rolle spielen).

Es scheint, als hätten Studierende, Lehrende und Schulen ein Stillhalteabkommen verabredet, denn der Einsatz von informationstechnischen Mitteln hätte für alle drei Parteien einen Mehraufwand zur Folge, der keinem Gegenwert entspricht. Vielleicht meinen sie, «Gegenwert» habe etwas mit «gegenwärtig» zu tun, denn ein künftiger Gegenwert wird strikt ausgeblendet. Warum sollte ich mich anstrengen, wenn der Gegenwert allenfalls von der nächsten oder gar erst übernächsten Generation geerntet werden kann?

Die Studierenden

Studierende müssten, um medial zusammen zu arbeiten, sich zusätzlich mit dem Medium und seiner Technik auseinandersetzen. Sie sehen nicht ein, wozu das gut sein soll, wenn es doch auch ohne mediale Zusammenarbeit geht. Kommt dazu, dass das Engagement, bzw. Trittbrettfahrens der individuellen Mitarbeiter transparent wird, was einen unnötigen sozialen Druck verursacht.

Vermeidungsargumente der Studierenden:

  • «In einer Hochschule erklärt der Dozent den Studierenden die Fakten seines Gebiets, in dem er Experte ist». Lehrende, die von dieser Rolle abweichen und sich als Lernbegleiter statt als Dozent verstehen, erhalten eine schlechte Evaluation. Solange der Dozent doziert, können die Studierenden konsumieren.
  • «Jeder hat seine eigene Lernmethode und sein eigenes Lerntempo». Mit diesem Argument entschuldigt er sich für die Nichtteilnahme an der medialen Zusammenarbeit.
  • «Es ist heute bekannt, dass alle Cloudservices von den Diensten ausspioniert werden. Insbesondere mit Google Docs will ich aus personenschutzbezogenen Gründen nichts zu tun haben».

Die Lehrenden

Lehrende müssten sich gleichfalls mit neuen Medien und in diesem Zusammenhang auch mit neuen Lehrmethoden auseinandersetzen. Sie wissen, dass ein Kurs oder gar ein Zusatzstudium – Gott bewahre! – wenig nützt, denn der erfolgreiche Einsatz neuer Medien und Konzepte setzt Routine voraus, die auch in den besten Ausbildungsstrings nicht erworben werden. Routine wird aber nur dann aufgebaut, wenn die zu erlernende Fähigkeit auch täglich geübt und angewendet wird. Das heisst, dass die Lehrenden zu Beginn unsicher sind und vor aller Augen Fehler machen, was ihre Kompetenz und Autorität untergraben könnte.

Nützlicher als alle formalen Ausbildungen und Kurse sind Teilnahme in den eingangs erwähnten «Educational Communities». Das bedeutet, sich an diversen medialen Veranstaltungen einzubringen, wie z.B. der «EdChatDE», der jeden Dienstag von 20 – 21 Uhr auf Twitter stattfindet oder verschiedene cMOOC, die jeweils über mehrere Wochen dauern. Beispielsweise startet am 23. Mai 2016 der COER16, ein Kurs über «Open Educational Resources».

cMOOC sind keine herkömmlichen Kurse. Vielmehr erarbeiten alle Teilnehmer neues Wissen, indem sie sich in einem laufenden ortsunabhängigen Dialog befinden. Das ist problemorientierte mediale Zusammenarbeit pur! Dabei lernen die Teilnehmenden immer neue Personen kennen, die sie an jährlich einem oder zwei onsite-Events, wie z.B. den EduCamps https://educamps.org/ auch persönlich kennen lernen.

Vermeidungsargumente der Lehrenden:

  • «Wer bezahlt mir diesen immensen Zusatzaufwand? Ich mache das ja nicht zum Vergnügen!» (sollten Sie aber, denn es macht toll Spass!).
  • «Die Schule ist ein Ort der Wissensvermittlung, daher muss ich den Studierenden erklären, wie sie ein Sachproblem lösen können». Jeder Dozent kann ohne Vorbereitung locker 2-3 Stunden über sein Gebiet reden. Dabei wird er nur selten von Studierenden unterbrochen. Diese Art von Unterricht ist für beide Parteien die bequemste. Es gibt keinen Grund, davon abzuweichen.
  • «Wir haben einen vorgegebenen Lehr- oder Modulplan. Da können wir nicht noch mediale Kompetenzen vermitteln».
OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century - LESSONS FROM AROUND THE WORLD»
Aus dem OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD»

Die Schulen

Schuladministrationen und -behörden sind in ähnlicher Lage wie die Lehrenden. Der Einsatz von modernen Medien verursacht insbesondere finanziellen, aber auch zeitlichen Zusatzaufwand und Unsicherheiten. Der damit einhergehende Komplexitätszuwachs wird meist noch negativ gewertet, obwohl Komplexität auf alle Fälle eine Art Reichtum bedeutet.

Vermeidungsargumente der Schulen:

  • «Handies gehören im Unterricht abgeschaltet und sind verboten».
  • «Damit die Schüler nicht in Versuchung kommen, während des Unterrichts ins Facebook zu schauen, installieren wir kein WLAN».
  • «Es fehlt an allen Ecken und Enden an finanziellen Mitteln für die Informatik».

Der Umbruch muss bei den Studierenden beginnen

Unter den vielen Schulen, Lehrenden und Studierenden gibt es jedoch immer einzelne, die verstehen, dass sie sich keinen Dienst erweisen, wenn sie Vermeidungsstrategien fahren. Der OECD Bericht «Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century – LESSONS FROM AROUND THE WORLD» gibt viele positive Beispiele. Sie alleine reichen jedoch nicht. Die vierte Partei, allen voran die Unternehmen, picken sich diejenigen Bewerber heraus, die unter anderem auch über gute mediale Kollaborationsfähigkeiten verfügen. Die Studierenden bilden denn auch die hoffnungsvollste Partei, denn sie würden am ehesten von einer neuen Schulsicht profitieren.  Dann müssten vielleicht auch die Lehrenden nachziehen.

Der erwähnte OECD Bericht drückt es so aus:

Teachers need to be able to work in highly collaborative ways, working with other teachers, professionals and para-professionals within the same organization, or with individuals in other organizations, networks of professional communities and different partnership arrangements, which may include mentoring teachers. Last but not least, teachers need to acquire strong skills in technology and the use of technology as an effective teaching tool, to both optimize the use of digital resources in their teaching and use information-management systems to track student learning.

 

(1) Werner Hartmann, Alois Hundertpfund
Digitale Kompetenz
Was die Schule dazu beitragen kann

ISBN Print: 978-3-0355-0311-1
ISBN E-Book: 978-3-0355-0372-2

  1. Auflage 2015
    Alle Rechte vorbehalten
    © 2015 hep verlag ag, Bern

 

Informelles Lernen ist heute nicht mehr ausreichend

Im neunten Kapitel Ihres Buches über Digitale Kompetenz gehen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund  auf den Unterschied zwischen informellem, formellem und selbstbestimmtem Lernen ein. Sie stellen fest, dass «jede Situation, in der wir uns befinden, … letztendlich eine Lernsituation sein [kann]», weil das Leben an sich eine Lernsituation sei. Als wäre diese Feststellung nicht genug, behaupten sie, dass sich die Forderung nach lebenslangem Lernen selbst entkräfte, weil es im Leben kaum Momente gebe, in denen nicht gelernt werde.

Eine lernende Maschine aus Streichholzschachteln

Natürlich ist das grundsätzlich richtig, und solch informelles Lernen ist wohl die Urform jeglichen Lernens. Es ist das Lernen der Evolution. Es ist auch das Lernen der Maschinen.

StreichholzschachtelIch erinnere mich, wie ich als Jugendlicher, als Personal Computer noch in weiter Ferne lagen, irgendwo eine Bauanleitung für eine «lernende Maschine aus Streichholzschachteln» gefunden hatte und diese baute. Ich war fasziniert, wie dieses System lernte und immer besser wurde.

haxapawnEs handelt sich um eine Maschine, die eine sehr einfache Variante von Schach spielt. Das Spiel findet auf einem 3×3-Schachbrett statt. Jeder Spieler hat bloss drei Bauern, die gleich ziehen, wie im richtigen Schach. Das Ziel des Spiels ist es, mit einem Bauern die andere Seite zu erreichen oder den letzten Zug machen zu können.

Der eine Spieler ist ein Mensch, der Gegenspieler ist die Streichholzschachtelmaschine. Jedes Mal, wenn sie verliert, lernt sie, diesen Zug nicht wieder zu spielen. Schliesslich ist sie unschlagbar.

Das System ist derart einfach, dass man genau beobachten kann, wie informelles Lernen durch Trial and Error funktioniert. Wer sich ebenfalls eine lernende Streichholzschachtelmaschine bauen will, findet die Anleitung unter dem Namen Hexapawn.

Informelles Lernen genügt heute nicht mehr

Ich spreche lieber von modellfreiem versus modellbasiertem, als von informellen versus formellen Lernen.

Informelles oder maschinelles Lernen ist modellfrei. Man lernt, erfolgloses Verhalten zu vermeiden und erfolgreiches zu perpetuieren. Man hat aber kein Modell und weiss nicht, warum das eine funktioniert und das andere nicht.

Beim modellbasierten Lernen geht es darum, ein Modell des in Betracht stehenden Systems zu entwickeln. Zugegeben, in einer hochkomplexen Welt kann es sich kein Mensch mehr leisten, rein modellfrei zu lernen. Wir machen uns immer eine Vorstellung, wie etwas funktioniert. Meistens ist es uns jedoch nicht bewusst, wie wir zu unseren Vorstellungen gekommen sind und wie wir sie verändern und korrigieren.

Und genau da kommt meine Kritik von Hartmanns und Hundertpfunds Behauptung in’s Spiel, dass jede Situation, in der wir uns befinden, letztendlich eine Lernsituation sei. Das ist nämlich die Standardausrede von Entscheidungsträgern, um keine aktiven Lernphasen einlegen zu müssen.

mentales_Modell
Nach Stefanie Elsholz und Vanessa Schomakers in http://beyond-joy-of-use.com/01_mentale_modelle.html

Was Hartmann und Hundertpfund unter informellem Lernen verstehen, mag vor 10’000 Jahren genügt haben. In einer sehr komplexen Welt genügt es aber nicht mehr. Je mehr Verantwortung eine Person hat, desto häufiger sollte sie aktive Lernphasen einschalten, in denen sie z.B. ihre mentalen Modelle bewusst macht, sie studiert und lernt, wie sie entstehen, wovon sie abhängen, welche Konsequenzen sie haben und was sie mit der Realität zu tun haben (oder eben nicht). Diese Lernphasen sind selbstverständlich selbstbestimmt und können nicht in formellen Kursen absolviert werden.

Einer Topmanagerin oder einem Spitzenpolitiker, die behaupten, täglich on the job zu lernen, kann ich nicht vertrauen. Es reicht einfach nicht mehr!

Kreativität ist schweisstreibend

Im achten Kapitel Ihres Buches «Digitale Kompetenz» brechen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund eine Lanze für die Kreativität, ohne eigentlich zu sagen, was genau sie darunter verstehen.

Was ist denn Kreativität?

Kreativität ist in der Definition nach Csikszentmihalyi und Wolfe (2000) eine Idee oder ein Produkt, das originell ist, wertgeschätzt und implementiert wurde (1). Danach wäre Kreativität stets kontexabhängig. Während in (2) Kreativität im Erwachsenenalter gewöhnlich erst durch langjährigen Erwerb von Expertise möglich wird, sehen sie einige als Bestandteil der Intelligenz (3).

Für mich und gerade in der Mathematik ist Kreativität die Fähigkeit, eine Problemstellung in einen neuen Kontext zu stellen und sie damit aus einer unerwarteten Richtung anzugehen. Das ist oft nur nach langer, intensiver Betrachtung möglich. Eine kreative Idee fällt einem nicht vom Himmel in den Schoss, sondern muss erarbeitet werden. Sie wird unter Zwang geboren. Das hat etwas mit Forschen zu tun. Robert Fritz schreibt:

Der wahrhaft kreative Mensch weiss, dass man nur dann etwas Kreatives schaffen kann, wenn man mit Zwängen arbeitet. Ohne Zwänge gibt es keine Kreativität»

Wenn Hartmann und Hundertpfund auch nicht glauben, dass Kreativität erlern- oder verlernbar ist, meine ich, dass der Prozess des ausdauernden, hartnäckigen und zuweilen qualvollen Dranbleibens an der Fragestellung durchaus vermittelbar ist. Studierende meinen, dass sie eine Aufgabe nicht lösen können, wenn sie den Lösungsweg nicht gleich sehen. Das entspricht aber keineswegs der Praxiserfahrung, wo oft lange gerungen werden muss, um für ein Problem eine machbare Lösung zu finden.
Kreativitaet

Selbstorganisation erzeugt Komplexität

Hartmann und Hundertpfund schreiben:

Die digitale Welt zeichnet sich durch ein hohes Mass an Komplexität aus

Das ist zwar richtig, aber nicht in dem Sinne, wie es Hartmann und Hundertpfund verstehen, wenn sie ein paar Sätze weiter unten schreiben:

Die beteiligten Entwicklerteams konzentrieren sich auf ihre Aufgabenbereiche und werfen keinen Blick über den berühmten Gartenzaun. Anstatt eine Komplexitätsreduktion anzustreben und bestehende Komponenten zu hinterfragen, macht man Informatiksysteme tendenziell unüberschaubarer»

Hier haben wir sie wieder, diese unsägliche «Komplexitätsreduktion»: KOMPLEXITÄT KANN MAN NICHT REDUZIEREN! Andernfalls wäre es nicht mehr dasselbe System, das ursprünglich komplexe System wäre zerstört.

Hartmann und Hunderpfund verwechseln da Kompliziertheit mit Komplexität. Zwar kann ein System sowohl komplex als auch kompliziert sein, während das für meine Begriffe zu sehr vereinfachende Cynefin-Modell suggeriert, dass diese beiden Begriffe disjunkt seien. Umgekehrt kann etwas Einfaches, wie Googles Suchmaschine, durchaus komplex sein oder komplexitätsstiftend.

Die Komplexität eines Theaterpublikums

Komplexität ist eine Systemeigenschaft, die sich in einer Strukturierung des Systems manifestiert. Die Struktur kann räumlich sein, kommt aber in dem Fall durch Selbstorganisation zustande. Den Begriff der Selbstorganisation unterscheide ich vom Begriff der Selbststeuerung oder Selbstverwaltung. Selbstorganisation kann nicht absichtlich herbeigeführt werden.

Kürzlich haben zwei Theaterschauspieler über Publikumsreaktionen gesprochen, die jeden Abend anders seien. Manchmal sei das Publikum gespannt, manchmal gelangweilt. Das spüren die Schauspieler unbewusst, sicher am Applaus, aber darüber hinaus an einer undefinierten Spannung, die das Publikum ausstrahlt (oder eben auch nicht ausstrahlt). Die Stimmung des Publikums überträgt sich auf die Schauspieler, die das Stück engagierter oder flacher spielen. Ein gelangweiltes Publikum bekommt daher auch ein flaches Stück dargeboten, das langweilt, während ein interessiertes Publikum engagierte Schauspieler erlebt.

Doch was ist ein «interessiertes Publikum»? Wenn ich hoch motiviert und interessiert in einem sonst gelangweilten Publikum sitze, werde ich es als Einzelner wohl kaum mitreissen können. Im Gegenteil: ich werde bald mein Interesse verlieren. Ich denke, dass die Stimmung eines beliebig zusammengewürfelten Publikums zunächst zufällig gut oder gelangweilt ist. Es hängt vielleicht von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Wetter, den Tagesnews über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage, etc. Sind mehr als die Hälfte der Zuschauer motiviert, spielen die Schauspieler gut und beeinflussen die eher schlecht gelaunten Zuschauer positiv, bis das ganze Publikum interessiert und gespannt ist, worauf die Schauspieler wiederum zur Hochform auflaufen. Der Einzelne hat wenig Gestaltungsraum.

(1) Hartmann, Werner & Hundertpfund, Alois. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Csikszentmihalyi, M., & Wolfe, R. (2000). New Conceptions and Research approach to Creativity. In K. A. Heller, F. J. Monk, R. J. Sternberg & R. F. Subotnik (Eds.), Implications of a Systems Perspective for Creativity in Education. International Handbook of Giftedness and Talent. (pp. 81–94). New York: Elsevier.

(3) http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/downloads/OnlinematerialienPVU/Entwicklungspsychologie/Definitionen.pdf

(4) Beratungsstelle besondere Begabungen. Besondere Begabungen entdecken und fördern – Impulse für die Schule. 2011. http://www.webcitation.org/6f7Pgu9go

(5) Fritz, Robert. The Path of Least Resistance. New York 1989.

Werden wir in Zukunft mehr Zeit zum Lernen haben?

In Kapitel 6 der «Digitalen Kompetenz» befassen sich Werner Hartmann und Alois Hundertpfund mit digitalen Tools und weisen auf das Dilemma hin, entweder sich im Tool-Dschungel oder den Anschluss an das digitale Zeitalter zu verlieren (1).

Das didaktische Hauptproblem

FreundeDie Lösung der didaktischen Hauptproblematik liegt jedoch nicht in der Computerisierung begründet und hat nichts mit digitaler Kompetenz zu tun. Lernen heisst

  • Fragen stellen und sie mit anderen diskutieren
  • Ideen ausprobieren, verwerfen, weiterentwickeln und sie mit anderen teilen
  • Mit ausdauernder Hartnäckigkeit forschen und experimentieren
  • Dem Scheitern zum Trotz kreativ neue Wege ersinnen
  • Vorhandenes Wissen zu neuem verknüpfen

Lernen ist also Engagement! Lernen ist eine natürliche Fähigkeit von Kleinkindern. Sobald sie in die Welt der «Produktionsprozesse» eintreten, verlernen sie es. Die Schule verlangt eine andere Fähigkeit, nämlich an den Prüfungen ein Resultat mit einer bestimmten Qualitätsanforderung zu produzieren.

Wer nur auf ein Diplom oder Zertifikat aus ist, wird das nötige Engagement, das zum Lernen vorausgesetzt ist, nicht erbringen wollen. Wie kann man Studierende in einer Welt voller Produktionsprozesse dennoch zum Lernen motivieren? Das ist das didaktische Hauptproblem.

Computerisierung der Bildungsprozesse könnte die Lösung des didaktischen Hauptproblems unterstützen, aber sie ist selber nicht die Lösung. Alle Bildungsprozesse sind auch ohne Computer machbar. Beispielsweise war mobiles Lernen schon immer möglich. Im Buch «So lernt man lernen» stellte Sebastian Leitner bereits in den frühen 1970er Jahren eine Zettel-Methode vor, mit der man unterwegs sehr effektiv lernen kann, auch ohne Smartphone oder anderen digitalen Hilfsmittel (2).

Ist der Wille zum Lernen nicht vorhanden, kann auch der beste Didaktiker mit den besten Tools nichts erreichen. Es wird wohl erst dann wieder gelernt, wenn wir endlich von der Produktionswut ablassen und uns mit weniger zufriedengeben. Dafür hätten wir mehr (Frei-)Zeit und könnten kontemplativer durch’s Leben gehen; eine gute Voraussetzung zum Lernen.

Weniger produzieren = mehr Zeit (zum Lernen)?

Mit der Computerisierung vor allem der Produktion (und weniger der Bildung) hätten wir die besten Voraussetzungen geschaffen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Vermutlich wird mit dem Computer viel Arbeit wegrationalisiert, so dass die Arbeitslosenquote in den nächsten Jahrzehnten beträchtlich ansteigen wird. Das finde ich eine sehr gute Nachricht, denn es war doch schon immer der Wunsch, möglichst wenig arbeiten zu müssen und dafür viel Musse zu haben. In der Steinzeit mussten die Leute vielleicht sechs Stunden am Tag arbeiten, um die Grundbedürfnisse zu erfüllen (Nahrung, Unterkunft, Sicherheit).

Die übrigen Stunden dienten den sozialen Kontakten oder es konnte geschlafen oder gedöst werden. Natürlich gehörte zu den sozialen Kontakten das Spielen mit den Kindern oder das Zusammensein mit den Alten. Beides ordnen wir heute den Produktionsprozessen zu und nennen es «Kindererziehung» und «Altenpflege».

alteHandGerade die Altenpflege ist ein Beispiel einer Arbeit, die wohl kaum computerunterstützt gemacht werden kann. Zwar ist der Einsatz von Robotern denkbar, aber letztendlich wird immer eine zuhörende und freundliche Person gefragt sein, die den Alten bei der Hand nimmt.

Niemand weiss, wie sich der Arbeitsmarkt angesichts der Computerisierung verhalten wird. Einige rechnen mit einem sich aufschaukelnden Wirkungskreislauf. Im Zuge erhöhter Produktivität werden die Preise sinken und die Löhne steigen (sic!), wodurch sich die Nachfrage nach Gütern erhöht, was wiederum neue Arbeitsplätze schafft. Andere prognostizieren eine Massenarbeitslosigkeit, hervorgerufen durch den rasanten Fortschritt digitaler Technologien, was die Einkommensunterschiede erhöht(3).

Um die Vorteile von weniger Arbeit zu geniessen, müsste aber eine Umorganisation der Gesellschaft stattfinden. Es dürfen nicht wenige für guten Lohn arbeiten und viele für wenig Almosen herumliegen. Die wenige Arbeit müsste gleichmässig auf alle verteilt sein, wobei es nach wie vor qualifiziertere und weniger qualifiziertere Arbeit gäbe, wie immer das definiert sein mag.

Das ist eine ziemlich klare Gefangenendilemmasituation. Das soziale Optimum ist weit weg vom Nash-Gleichgewicht und wird nur unter sehr restriktiven Bedingungen angenommen. Auf die Dauer wird sich Kooperation jedoch zweifellos durchsetzen, z.B. wenn die Situation der Werktätigen nicht mehr attraktiv genug sein wird. Welche Täler der Tränen bis dahin aber durchlaufen werden müssen, bleibt dahingestellt.

(1) W. Hartmann/A. Hundertpfung. Digitale Kompetenz. Was die Schule dazu beitragen kann, hep verlag, 2015, 176 Seiten, 978-3-0355-0311-1

(2) Sebastian Leitners Lernkartei

(3) Natalie Gratwohl. Folgen der Digitalisierung: Massenarbeitslosigkeit oder viele neue Jobs? 9.12.2015